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Siebenzehntes Kapitel.

Jetzt ist's nicht Zeit, mit Träumen sich zu tragen –
Ein ander Mal davon.

Shakespeare.

Der Tag nach dem, an welchem die im vorigen Kapitel erwähnte Unterhaltung stattfand, war im Wigwam reich an froher Erwartung. Man sah der Ankunft von Mrs. Hawker und den Bloomfields entgegen, und der Morgen entschwand schnell unter der Schwungkraft der Gefühle, welche gewöhnlich in einem amerikanischen Landhause derartige Hoffnungen begleiten. Der Anmeldung zufolge mußten die Reisenden Abends zuvor New-York verlassen haben, und obschon die Entfernung beinahe sechsundvierzig Meilen betrug, so hatten sie's doch versprochen, um die gewöhnliche Dinerstunde einzutreffen. Was Eile betrifft, sind die Amerikaner, so lange sie den großen Hauptwegen folgen, unübertroffen, und sogar Sir George Templemore, der doch aus einem Lande mit makadamisirten Straßen und vortrefflichen Posteinrichtungen kam, drückte sein Erstaunen aus, wie es möglich sei, eine so lange Reise, darunter fast zwanzig Meilen zu Land, mit Einschluß der Haltpunkte in vierundzwanzig Stunden vollbringen zu können.

»Die Schnelligkeit ist um so angenehmer,« bemerkte er, »wenn sie uns Freunde, wie Mrs. Hawker, bringt.«

»Und Mrs. Bloomfield,« fügte Eva rasch bei. »Ich begründe die Ehre der amerikanischen Frauenzimmer auf Mrs. Bloomfield.«

»Mehr als auf die Erstere, Miß Effingham?«

»Nicht gerade in Allem, was liebenswürdig, achtbar, weiblich und ladyartig ist, wohl aber, sofern die Vorzüge des Geistes in Frage kommen. Ich weiß, Sir George Templemore, was Ihr als Europäer von unserem einheimischen Geschlechte haltet –«

»Gütiger Himmel, meine theure Miß Effingham – was ich von Eurem Geschlecht in Amerika halte! Es ist unmöglich, daß irgend Jemand Eure Landsmänninnen mehr schätzen könnte. Ich hoffe, dieß zu zeigen – glaube, meine Achtung und Bewunderung gegen sie hat es stets bewiesen – ja, und sogar Ihr, Powis, als Amerikaner, werdet mir keinen solchen Mangel an Geschmack, Urtheil und Gefühl zur Last legen –«

Paul lachte, entgegnete aber dem verlegenen und in Wirklichkeit bestürzten Baronet, er wolle ihn den trefflichen Händen überlassen, in welche er gefallen sei.

»Ihr seht jenen Vogel, der so munter über den Dächern des Dorfs hinsegelt,« sagte Eva, mit ihrem Sonnenschirm in die Richtung, welche sie meinte, hindeutend; denn die Drei gingen miteinander in dem kleinen Hof auf und ab und sahen der Ankunft der erwarteten Gäste entgegen. »Ich wette, Ihr seid Ornitholog genug, um uns seinen gewöhnlichen Namen zu nennen.«

»Ihr seid diesen Morgen in einer sehr strengen Stimmung – der Vogel ist die gemeine Hausschwalbe.«

»Eine derselben macht noch keinen Sommer, wie männiglich bekannt ist. Unser Cosmopolitismus ist bereits vergessen und mit ihm, fürchte ich, unsere Offenheit.«

»Seit Powis seine Nationalfarbe aufgehißt hat, fühle ich mich über dergleichen Gegenstände nicht mehr so unbefangen, wie früher,« versetzte Sir George lächelnd. »So lange ich glaubte, in ihm einen geheimen Verbündeten zu haben, scheute ich mich nicht, ein wenig nachzugeben; aber seit er sich zu Amerika bekannt hat, muß ich mehr auf der Hut sein. Keinesfalls übrigens werde ich zugeben, daß ich unempfindlich sei gegen die Eigenschaften Eurer Landsmänninnen. Powis kann sich als Eingeborener diese Freiheit wohl nehmen; aber was mich betrifft, so werde ich stets behaupten, daß sie zum mindesten allen Frauen, die ich kenne, gleich stehen.«

»In Natürlichkeit, Zartheit des Aeußern, hübscher Figur, Einfachheit und Aufrichtigkeit –«

»In Aufrichtigkeit, glaubt Ihr, theure Miß Effingham?«

»In Aufrichtigkeit vor Allem, mein theurer Sir George Templemore. Aufrichtigkeit – ja, sogar Freimüthigkeit – ist die letzte Eigenschaft, die ich ihnen absprechen möchte.«

»Doch um auf Mrs. Bloomfield zurückzukommen – sie ist geistvoll, ungemein geistvoll, wie ich zugebe; wie sollte sie sich übrigens hierin vor einer geistreichen Dame auf der andern Seite des Oceans auszeichnen?«

»Vielleicht springt kein Unterschied mehr in die Augen, als derjenige, welcher sich in National-Charakterzügen zeigt. Neapel und New-York liegt unter derselben Breite, und doch werdet Ihr, denke ich, mit mir einverstanden sein, daß nur eine geringe Aehnlichkeit zwischen den Gewohnheiten und Liebhabereien der beziehungsweisen Bevölkerung stattfindet.«

»Ich gestehe, daß mir die Anspielung unklar ist. Ihr faßt vielleicht schneller, Powis?«

»Ich möchte dieß eben nicht behaupten,« entgegnete Paul, »glaube aber, daß ich Miß Effingham's Meinung begreife. Ihr seid genug gereist, um zu wissen, daß man im Allgemeinen bei südlichen Völkern mehr Anschicklichkeit findet, als bei nördlichen. Sie fassen Eindrücke weit leichter auf und begreifen überhaupt viel schneller.«

»Ich glaube, daß dieß wahr ist; dann werdet Ihr mir aber auch zugeben, daß sie weit weniger beharrlich und ausdauernd sind.«

»Vollkommen einverstanden, Sir George Templemore,« nahm Eva wieder auf, »obschon wir uns vielleicht die Ursachen verschieden deuten. Die Unbeständigkeit, von der Ihr sprecht, beruht wohl mehr auf moralischen, als auf physischen Gründen, und wir Angehörige dieser Gegend können vielleicht da und dort eine Ausnahme machen. Mrs. Bloomfield aber unterscheidet sich von ihren europäischen Nebenbuhlerinnen durch eine so auffallend weibliche Figur, daß sie fast hinfällig erscheint, durch eine Zartheit des Aeußeren, die ohne ihr lebensvolles Gesicht vielleicht auf allgemeine Schwäche hindeuten könnte, durch eine Empfänglichkeit und schnelle Fassungskraft des Geistes, die fast an Inspiration grenzt – und doch wird Alles dieß durch einen praktischen Verstand in ein so schönes Gleichgewicht gesetzt, daß sie sich eben so gut zu einer sicheren Beratherin, als zu einer warmen Freundin eignet. Letztere Eigenschaft mag Euch wohl bisweilen an ihrem Geiste zweifeln lassen, da er so gar natürlich und zugänglich ist. Dieß ist nun der Punkt, in welchem, wie ich glaube, die Amerikanerin, sobald sie sich über die Mittelmäßigkeit erhebt, hauptsächlich von der Europäerin verschieden ist. Letztere, wenn sie hervorragende Geistesvorzüge besitzt, schwebt fast stets in den Wolken, während Mrs. Bloomfield auch in ihren höchsten Flügen weder ihrer Herzlichkeit, noch ihrem nüchternen Verstande etwas vergibt. Die Nation ist praktisch, und diese Eigenschaft theilt sich auch den höchsten Talenten mit.«

»Die englischen Frauen hält man für weniger leicht aufregbar; sie stehen nicht so sehr unter dem Einflusse der Sentimentalität, wie manche ihrer Nachbarinnen auf dem Continent.«

»Diese Ansicht ist ganz richtig, aber –«

»Aber was, Miß Effingham – in alle dem äußert sich ein leichter Anflug von dem Kosmopolitismus, der mich an die gemeinschaftlich verlebten Tage der Gefahr und der Abenteuer erinnert. Ihr dürft keine Gedanken unterdrücken, wenn Ihr diesen Charakter festhalten wollt.«

»Wohlan, um aufrichtig zu sein, so will ich sagen, daß eure Frauen unter einem zu künstlichen System leben, als daß sie zu allen Zeiten ihrem gesunden Verstande freien Spielraum lassen könnten. Was kann z. B. die gewöhnliche Vorstellung eines Christen sein, wenn er stets die große Bedeutung des Geldes sehen und erfahren muß, wie es mit jedem Tage für die allerersten heiligen Obliegenheiten der Kirche erpreßt wird? Es wäre eben so vernünftig, zu behaupten, ein Spiegel, der, gleich denen, welche wir so oft in Paris sahen, durch eine Kugel in Radien zersplittert wurde, vermöge ein treues Bild zu geben, als wenn man annehme, ein Geist, der mit solchen Mißbräuchen vertraut geworden ist, könne für praktische Dinge, in denen blos der gesunde Menschenverstand waltet, einen Sinn haben.«

»Aber, meine theure Miß Effingham, dieß ist blos Gewohnheit.«

»Ich weiß dieß, Sir George Templemore, aber es ist eine sehr schlechte Gewohnheit. Selbst Eure frömmsten Kirchendiener werden so daran gewöhnt, daß sie den schweren Irrthum, den sie begehen, nicht einsehen. Ich will ihn nicht absolut sündhaft nennen, da kein Zwang dazu vorhanden ist; indeß hoffe ich, Ihr werdet mit mir einverstanden sein, Mr. Powis, wenn ich sage, ein Geistlicher sollte in einem derartigen Punkte zartfühlend genug sein, um für's Taufen sogar die kleinen Opfer zurückzuweisen, welche die Wohlhabenden dieses Landes zu bringen pflegen.«

»Ich bin vollkommen Eurer Ansicht, denn es würde eine weit edlere Vorstellung von der Natur des verrichteten Actes bekunden, und diejenigen, welche zu geben wünschen, können immer eine andere Gelegenheit dafür finden.«

»Man könnte hierin bei Franklin einen Wink finden, welcher seinen Vater aufgefordert haben soll, über die Schweinefleischtonne einen recht kräftigen Segen zu sprechen,« sagte John Effingham, der eben herzugekommen war und einen Theil der Unterhaltung mitangehört hatte. »In dem gegenwärtigen Falle könnte man den Trauungsstol durchschnittlich so ansetzen, daß er alle künftigen Taufen in sich faßte. Doch da kommt Nachbar Howel, der vielleicht so gut ist, uns seine Ansicht mitzutheilen. Gefallen Euch die Taufgebräuche der englischen Kirche, Howel?«

»Mr. Howel ist ein so ächter Engländer,« sagte Eva, indem sie dem wohlmeinenden Nachbar herzlich die Hand entgegenbot, »daß er zu Gunsten eines jeden Brauchs, welcher sich solcher Abkunft rühmen kann, ein Certificat ausstellen würde.«

»Und steht eine solche Gesinnung einem Amerikaner nicht weit besser an, als diejenige, welche in so viel Mißtrauen setzt, blos weil es von der kleinen Insel kömmt?« fragte Sir George, vorwurfsvoll.

»Ei, Sir George,« bemerkte der erwähnte Gentleman, »ich gründe meine Achtung vor Eurem Lande nicht im Geringsten auf unsere Abstammung davon, denn ich gebe mir Mühe, mich frei von Vorurtheilen jeder Art zu halten. Meine Bewunderung gegen England entspringt aus Ueberzeugung: ich beobachte alle seine Bewegungen mit größter Eifersucht, um zu entdecken, ob es nicht irgendwo einen Fehltritt thue, muß aber sagen, daß ich es noch nie, auch nicht auf einem einzigen Irrthum ertappt habe. Welch' ein ganz anderes Bild bietet dagegen Frankreich – ich hoffe, Eure Gouvernante ist nicht in Hörweite, Miß Eva, denn es ist nicht ihre Schuld, daß sie als Französin geboren wurde, und ich möchte ihr nicht gerne wehe thun – aber welch' ein ganz anderes Bild bietet Frankreich! Ich bin ihm – seit vierzig Jahren, kann ich sagen – gleichfalls auf's Aufmerksamste gefolgt, ohne finden zu können, daß es auch nur ein einziges Mal Recht gehabt hätte, und dieß ist, wie Ihr zugeben müßt, sehr viel gesagt von einem Manne, der in keiner Weise Partei nimmt.«

»In der That eine schreckliche Zeichnung von einem so vorurtheilsfreien Manne, Howel,« versetzte John Effingham, »und ich zweifle nicht, Sir George Templemore wird fortan eine viel bessere Meinung von sich selbst haben. Aber dort kommt der ›exclusive Extra‹, der unsere Gäste enthält.«

Die kleine Erhöhung des Hofes, auf welcher sie eben standen, beherrschte die Aussicht des Weges, welcher nach dem Dorfe führte, und man sah nun den Reisewagen, der Mrs. Hawker und ihre Freunde enthielt, rasch sich dahin bewegen. Eva drückte ihre Freude aus, und Alle nahmen nun ihren Spaziergang wieder auf, da wohl noch einige Minuten bis zur Ankunft der Erwarteten verfließen mußten.

»Der exclusive Extra?« wiederholte Sir George. »Dieß ist ein eigentümlicher Ausdruck, der nicht sonderlich auf Demokratie hinzudeuten scheint.«

»In jedem anderen Theile der Welt wäre er durch das Wort ›Extra‹ hinreichend bezeichnet; aber hier ist die Zugabe ›exclusiv‹ nöthig, um ihm den ›Stadtstempel‹ zu verleihen,« entgegnete John Effingham, seine schöne Lippe aufwerfend. »Alles kann so exclusiv sein, als es will, sobald es ein Zeichen der Oeffentlichkeit trägt. Da eine Postkutsche für Jedermann berechnet ist, so ist die exclusivere die bessere. Demnächst werden wir auch von exclusiven Dampfbooten und exclusiven Eisenbahnen hören – beides zu Nutz und Frommen des exclusiven Volkes.«

Sir George bat jetzt ernstlich um eine Erklärung über die Bedeutung des Ausdrucks, und Mr. Howel belehrte ihn dahin, daß in Amerika unter einem ›Extra‹ eine supernumeräre Kutsche verstanden sei, die mehr als die gewöhnliche Zahl von Reisenden führen kann, während ein ›exclusiver Extra‹ einen Wagen bedeute, der ausdrücklich von einem besonderen Individuum gemiethet sei.

»Also eine amerikanische Extrapostchaise,« bemerkte Sir George.

»Ihr habt sie hiemit auf das Passendste bezeichnet,« versetzte Paul, »nur daß man statt der Postillone einen Kutscher hat; denn in diesem Lande, wo so viel vermittelst Dampf vollbracht wird, denken nur wenige Leute daran, sich eigener Reisewagen zu bedienen. Der amerikanische ›exclusive Extra‹ ist nicht nur eine Postchaise, sondern in vielen von den älteren Theilen des Landes auch ein sehr gutes Beförderungsmittel.«

»Ich wette, daß dieß Alles unrecht ist, wenn wir's nur wüßten,« sagte der einfache Mr. Howel. »In England gibt es wohl nichts Exclusives – wie meint Ihr, Sir George?«

Alles lachte, den einzigen Frager ausgenommen; aber das Rasseln der Räder und das Trampeln der Pferde auf der Dorfbrücke kündigte die Annäherung der Reisenden an. Mittlerweile hatte unsere Gesellschaft das große Thor vor dem Hause erreicht; der Reisewagen befand sich bereits auf den Gründen, und im nächsten Augenblick lag Eva in den Armen der Mrs. Bloomfield. Man sah auf den ersten Blick, daß die Kutsche mehr als die erwartete Anzahl von Gästen enthielt, und da sie sich nur langsam entleerte, so standen die Zuschauer neugierig umher, um zu sehen, wer herauskommen würde.

Die erste Person, welche nach Mrs. Bloomfield ausstieg, war Kapitän Truck, der sich übrigens, statt seine Freunde zu begrüßen, diensteifrig gegen den Schlag umwandte, um Mrs. Hawker herauszuhelfen. Erst nachdem er diese Obliegenheit erfüllt hatte, sah er sich nach Eva um, denn die ehrwürdige Dame hatte dem wackeren Kapitän so hohe Bewunderung und Achtung eingeflößt, daß dadurch wirklich unsere Heldin einigermaßen aus seinem Herzen verdrängt worden war. Zunächst erschien Mr. Bloomfield; aber ein Ausruf froher Ueberraschung entfuhr Paul und dem Baronet, als sie des zuletzt aussteigenden Reisenden ansichtig wurden.

»Doucie!« rief Sir George; »dieß ist ja mehr, als wir hoffen konnten.«

»Doucie!« fügte Paul bei. »Ihr trefft einige Tage vor der erwarteten Zeit ein – und noch obendrein in so trefflicher Gesellschaft.«

Die Sache ließ sich übrigens sehr einfach erklären. Kapitän Doucie hatte die Mittel zu einer schnellen Beförderung gegen Vermuthen leicht gefunden und mit der Osteisenbahn Fort Plain erreicht, als die New-Yorker-Gesellschaft auf der westlichen Route angelangt war.

Kapitän Truck, der Mrs. Hawker's Partie in den Flußbooten getroffen hatte, war mit Besorgung der Weiterbeförderung beauftragt worden, und erfüllte eben diese Obliegenheit, als er zur gegenseitigen Ueberraschung Doucie erkannte. Letzterer theilte ihm mit, wohin er zu reisen gedenke, und fand sofort die herzlichste Aufnahme in dem »exclusiven Extra«.

Mr. Effingham bewillkommnete alle seine Gäste mit dem gastfreundlichen Wohlwollen, durch das er sich stets auszeichnete. Wir halten nicht sonderlich viel auf angebliche besondere Nationaltugenden, da wir uns durch ziemlich ausgedehnte eigene Beobachtung zur Genüge überzeugt haben, daß der moralische Unterschied zwischen den Menschen nicht sehr wesentlich ist; indeß fühlen wir uns doch bei gegenwärtigem Anlasse fast versucht, zu sagen, Mr. Effingham habe seine Gäste mit amerikanischer Gastfreundschaft aufgenommen; denn wenn es eine Eigenschaft gibt, deren sich unser Volk in höherem Grade rühmen kann, als die meisten andern christlichen Nationen, so besteht diese in einfacher offener vertrauensvoller Gastfreundlichkeit. Gegen Mrs. Hawker hegte in Gemeinschaft mit Allen, die sie kannten, der Eigenthümer des Wigwams eine hohe Achtung, und obschon er bei seinem ruhigeren Wesen von dem fast intuitiven Geiste der Mrs. Bloomfield nicht so bezaubert war, wie seine Tochter, so fühlte er doch auch für diese Dame die freundschaftlichste Zuneigung. Er war glücklich in dem Bewußtsein, Eva im Kreise so fein gebildeter, sinniger und doch von aller künstlichen Ziererei so freier Frauen zu sehen, und die Bewillkommnung trug in entsprechendem Grade den Charakter der Herzlichkeit. Mr. Bloomfield war ein ruhiger, verständiger gebildeter Mann, den seine Gattin innig liebte, ohne daß sie mit ihrer Zuneigung viel Gepränge machte, während er seinerseits gleichfalls sich Mühe gab, ihr in allen Stücken zu Gefallen zu leben. Kapitän Doucie hatte mit der Pünktlichkeit eines Engländers sich nicht vor der in seinem Briefe namhaft gemachten Zeit im Wigwam einfinden wollen, und daher sich vorgenommen, noch einige Tage in einem Gasthause zuzubringen, endlich aber dem Drängen nachgegeben und fühlte sich jetzt auf's Angenehmste überrascht durch die offene und warme Aufnahme, die gewiß auch nicht weniger freimüthig gewesen wäre, selbst wenn er sich ganz ohne Anmeldung eingefunden hätte. Die Effinghams wußten wohl, daß Förmlichkeiten, welche wohl unter den künstlichen Zuständen einer reichlichen Bevölkerung am Orte sein mochten, bei ihnen nicht nothwendig waren, wie denn auch der Umstand, daß ihr früherer Verfolger ein so naher Verwandter von Paul Powis war, wesentlich zu seinen Gunsten sprach.

»Wir können in diesen abgeschiedenen Bergen einem Reisenden und einem Mann von Welt nur wenig Interessantes bieten, Kapitän Doucie,« sagte Mr. Effingham, als er, nachdem die ganze Partie im Hause angelangt war, seine Complimente mehr im Einzelnen anbrachte; »indeß bieten unsere früheren Abenteuer doch einen hinreichend anziehenden Gesprächsgegenstand, wenn auch alles Andere fehlen sollte. Als wir Euch auf dem Ocean trafen und Ihr uns so unerwartet unseres Freundes Powis beraubtet, wußten wir nicht, daß Ihr durch Verwandtschaft ein näheres Recht an seine Gesellschaft hattet.«

Kapitän Doucie erröthete leicht, gab aber seine Erwiederung mit gebührend höflicher Anerkennung.

»Es ist ganz richtig,« fügte er bei, »daß Powis und ich Verwandte sind, und ich kann alle meine Ansprüche an Eure Gastlichkeit nur auf diesen Umstand begründen; denn ich fühle, daß ich für Euch unfreiwillig die Ursache zu vieler Leiden war, als daß sich an meine Person sehr angenehme Erinnerungen knüpfen könnten, obgleich mich Euer Wohlwollen bei den Abenteuern, von denen Ihr sprecht, wie einen Freund einschließt.«

»Glücklich überstandene Gefahren machen den Rückblick selten sehr unangenehm, um so weniger, wenn sie mit Scenen der Aufregung verbunden waren. Wie ich höre, Sir, hat der unglückliche junge Mann, welcher hauptsächlich zu jenen Vorgängen Anlaß gab, dem Spruche des Gesetzes durch Selbstmord vorgegriffen.«

»Ja, er hat sich selbst gerichtet, und war das Opfer einer thörichten Schwäche, die, wie ich glauben möchte, in Eurem jugendlichen und einfachen Gesellschaftszustande nicht so leicht aufkommen kann. Die eitle Sucht, sich ein Ansehen zu geben, die man beiläufig bemerkt, selten unter Gentlemen oder wenigstens unter der Klasse trifft, welcher man mit Fug diesen Titel geben kann, richtet in England Hunderte von jungen Männern zu Grunde, und dieser arme Mensch gehörte mit unter die Zahl. Ich war herzlich froh, als er mein Schiff verließ, denn der Anblick von so viel Schwäche macht einen höchst unangenehmen Eindruck auf die menschliche Natur. So unglücklich übrigens auch sein Schicksal, so beklagenswerth seine Lage war, ist es mir doch lieb, mit diesem Auftrage betraut worden zu sein, weil er mir Gelegenheit bot, mich mit Personen bekannt zu machen, mit denen ich wohl anderweitig zusammenzukommen nicht so glücklich gewesen wäre.«

Diese höfliche Rede fand die gebührende Anerkennung, und Mr. Effingham wandte sich nun an Kapitän Truck, welchem er in der Hast des Augenblickes noch nicht die Hälfte von dem gesagt hatte, was ihm seine Gefühle eingaben.

»Ich freue mich, Euch unter meinem Dache zu sehen, mein würdiger Freund,« sagte er, die rauhen Hände des alten Seemanns zwischen seine eigenen weißeren und zarteren Finger nehmend, und sie mit Herzlichkeit drückend; »denn nur hier kann ich von meinem Dache sprechen, da die Stadtwohnungen weit weniger von dem Charakter häuslicher, heimischer Vertraulichkeit haben. Ich hoffe, Ihr werdet uns viel von Eurer freien Zeit schenken, und wenn wir noch ein paar Jahre älter werden, so können wir anfangen, von den Wundern zu plaudern, die wir in Gemeinschaft erlebt haben.«

Kapitän Truck's Auge glänzte; er erwiederte den Druck des Andern mit doppelter Kraft, und während er Mr. Effinghams Hand mit der Gewalt eines Schraubstocks festhielt, erwiederte er in seiner offenen, ehrlichen Weise:

»Die glücklichste Stunde meines Lebens war, als ich zum ersten Mal in der Eigenschaft eines Schiffmeisters den Lootsen auszahlte; das nächste große Glücks-Ereigniß war der Augenblick, als ich mich wieder auf dem Deck des Montauk sah, nachdem wir jenen schmierigen Beduinen zu verstehen gegeben hatten, daß uns ihre Entfernung lieber sei, als ihre Gesellschaft; und ich glaube wahrhaftig, ich muß den gegenwärtigen Moment als das dritte bezeichnen. Ich habe nie gewußt, mein theurer Sir, wie sehr mir Eure Tochter in's Herz gewachsen war, als bis ich sie aus dem Gesicht verloren hatte.«

»Dieß ist eine so wohlwollende und ritterliche Rede, daß sie für die Person, welche am meisten dabei betheiligt ist, nicht verloren gehen sollte. Eva, meine Liebe, unser würdiger Freund hat eben erst eine Erklärung abgegeben, die dir neu sein wird, da du nicht sonderlich daran gewöhnt bist, eine derartige Sprache zu hören.«

Mr. Effingham theilte sodann seiner Tochter mit, was Kapitän Truck eben gesagt hatte.

»Ich höre allerdings eine solche Erklärung zum ersten Mal und erwiedere darauf mit der Einfachheit eines ungekünstelten Mädchens, daß die Zuneigung wechselseitig ist,« versetzte Eva lächelnd. »Wenn in diesem raschen Zugeständniß eine Unklugheit liegt, so muß sie auf Rechnung der Ueberraschung und des Umstandes geschrieben werden, daß ich so plötzlich meine Macht kennen gelernt habe; denn die Parvenues sind nicht immer vollkommen geregelt.«

»Ich hoffe, Mamsell Viefville ist wohl,« entgegnete der Kapitän, die dargebotene Hand der jungen Dame mit Herzlichkeit drückend, »und erfreut sich nach Herzenslust dieses ausländischen Landes?«

»Mademoiselle Viefville wird Euch beim Diner persönlich ihren Dank für Eure freundliche Erkundigung abstatten. Ich glaube nicht, daß sie sich schon über Gebühr nach la belle France sehnt, und da ich selbst auf Manches, was ich dort zurücklassen mußte, mit Bedauern zurückblicke, so wäre es ungerecht von mir, wenn ich einer Eingeborenen des Landes in dieser Hinsicht nicht einige Freiheit nachsehen wollte.«

»Ich bemerke ein fremdes Gesicht in dem Zimmer – Jemand von der Familie, meine theure junge Dame?«

»Kein Verwandter, wohl aber ein sehr alter Freund. – Darf ich mir das Vergnügen nehmen, Euch vorzustellen, Kapitän?«

»Ich würde es kaum gewagt haben, darum zu bitten, denn ich weiß, daß Ihr über dergleichen Dinge besondere Ansichten habt; indeß gestehe ich, daß mir eine Vorstellung lieb wäre. Seit ich New-York verließ, habe ich weder vorgestellt, noch bin ich vorgestellt worden – den einzigen Fall mit Kapitän Doucie ausgenommen, den ich, wie Ihr Euch wohl denken könnt, in gebührender Weise mit Mrs. Hawker und ihrer Reisegesellschaft bekannt machte. Sie kennen sich jetzt, wie es in der Ordnung ist, und es bleibt Euch daher die Mühe der gegenseitigen Vorstellung erspart.«

»Und wie steht's mit Euch selbst und den Bloomfields; hat ihnen Mrs. Hawker Euren Namen genannt?«

»Das ist das Außerordentlichste, was mir je vorgekommen. Kein Wörtchen wurde verloren, und doch kam ich mit Mrs. Bloomfield so leicht in eine Bekanntschaft, daß ich nicht sagen könnte, wie es geschah, und wenn mein Leben daran hinge. Aber dieser Euer sehr alter Freund, meine theure junge Dame –«

»Kapitän Truck, Mr. Howel; Mr. Howel, Kapitän Truck,« sagte nun Eva, die beliebteste Vorstellungsweise des Tages mit bewunderungswürdiger Fassung und Gravität nachahmend. »Ich schätze mich glücklich, zwei Personen, die ich so hoch achte, mit einander bekannt machen zu können.«

»Kapitän Truck ist der Gentleman, welcher den Montauk kommandirt?« entgegnete Mr. Howel, mit einem Blick auf Eva, als wollte er fragen: »habe ich Recht?«

»Ganz recht – er ist der wackere Seemann, welchem wir Alle das Glück verdanken, in diesem Augenblick hier stehen zu können.«

»Ihr seid zu beneiden, Kapitän Truck. Von allen Männern Eures Berufs seid Ihr gerade der, an dessen Stelle ich am liebsten mich zu befinden wünschte. Wie ich höre, reist Ihr regelmäßig jedes Jahr zweimal nach England?«

»Dreimal, Sir, wenn's Wind und Wetter gestatten. Ja, ich habe sogar die Insel schon viermal zwischen Januar und Januar gesehen.«

»Welch' eine Lust! Es muß die wahre Vollendung einer Schifffahrt sein, zwischen Amerika und England hin- und herzusegeln.«

»Vom April bis zum November ist's nicht unangenehm, Sir, aber die langen Nächte, das dicke Wetter und schwere Winde vertreiben Einem für den Rest des Jahres so ziemlich das Vergnügen.«

»Aber ich spreche von dem Lande – von England selbst, nicht von den Ueberfahrten.«

»England hat allerdings eine ziemlich hübsche Küste, wie ich's nenne; sie ist hoch, und den Leuchtthürmen wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Aber was nützen Küste und Leuchtthürme viel, wenn das Wetter so dick ist, daß man nicht einmal das Ende des eigenen Klüverbaums sehen kann?«

»Mr. Howel spielt vorzugsweise auf das Innere des Landes an,« sagte Eva – »auf die Städte, die Civilisation und die übrigen Beweise der Cultur und Bildung – namentlich aber auf die Regierung.«

»Nach meinem Urtheil, Sir, nimmt's die Regierung viel zu genau wegen des Tabacks und einiger anderen Kleinigkeiten, die ich nennen könnte. Außerdem dürfen blos die königlichen Schiffe Wimpel führen, während ich doch meinen sollte, theure junge Dame, ein New-Yorker Paketschiff sei so gut werth, ein Wimpel zu tragen, wie nur irgend ein Fahrzeug auf den Wellen. Natürlich habe ich dabei nur die Schiffe von den regelmäßigen europäischen Linien, nicht aber die südlichen Traders im Auge.«

»Doch dieß sind nur Flecken an der Sonne, mein guter Sir,« entgegnete Mr. Howel, »und wenn man von einigen derartigen Kleinigkeiten absieht, so werdet Ihr hoffentlich zugeben, daß England das lieblichste Land der Erde sei.«

»Um offen mit Euch zu sprechen, Mr. Howel, im October, November und December trifft man dort ein Wetter, daß man keinen Hund in's Freie jagen sollte. Auch den März habe ich schon nichts weniger als angenehm gefunden, und der April ist just wie ein junges Mädchen in einem von den neuen melancholischen Romanen, bald lächelnd und bald flennend.«

»Aber der sittliche Zustand des Landes, mein theurer Sir; die moralischen Züge Englands müssen dem wahren Philanthropen eine Quelle nie versiegender Wonne bereiten,« nahm Mr. Howel wieder auf, während sich Eva, sobald sie bemerkte, daß sich die Verhandlung in die Länge zog, den übrigen Damen wieder anschloß. »Ein Engländer hat den meisten Grund, auf die moralischen Vorzüge seines Landes stolz zu sein.«

»Nehmt mir nicht übel, Mr. Howel, London bietet einige Züge, die nichts weniger als schön sind. Wenn Ihr nur vierundzwanzig Stunden in der Nähe von St. Catharina zubringen könntet, so würden Euch Anblicke vorkommen, ob denen Templeton außer sich geriethe. Ich gebe zu, die Engländer sind ein schönes Volk, aber ihre Moralität ist gerade nicht vom besten Schlage.«

»Wir wollen uns setzen, Sir, denn ich fürchte, daß wir in unseren Ansichten nicht ganz einverstanden sind. Und um den Gegenstand fortführen zu können, bitte ich Euch, mich bei Tafel neben Euch Platz nehmen zu lassen.«

Kapitän Truck sagte mit größter Bereitwilligkeit zu, und dann nahmen die beiden Ehrenmänner Stühle, um die Unterhaltung so ziemlich in der begonnenen Weise fortzusetzen. Der Eine wollte durchaus Alles durch die Brille einer krankhaften Imagination, die man fast Monomanie nennen konnte, sehen, während der Andere hartnäckig darauf bestand, sich seine Ansichten aus dem Stande der Dinge zu bilden, wie sich dieselben seiner beschränkten Erfahrung in der Nähe der St. Catharinen-Docks dargeboten hatten.

»Wir haben in Kapitän Truck einen sehr unerwarteten, aber recht angenehmen Reisegefährten erhalten,« sagte Mrs. Hawker, als Eva an ihrer Seite Platz genommen und achtungsvoll eine ihrer Hände ergriffen hatte. »Ich glaube wahrhaftig, wenn wir Schiffbruch leiden oder uns den Gefahren einer Gefangennehmung aussetzen sollten, so könnte ich's in seiner guten Gesellschaft noch am ehesten verschmerzen.«

»Mrs. Hawker macht so viele Eroberungen,« bemerkte Mrs. Bloomfield, »daß wir ihr Glück bei diesem Ehrenmann nicht hoch anschlagen dürfen. Aber was werdet Ihr sagen, Miß Effingham, wenn Ihr erfahrt, daß auch ich selbigen hohen Orts in Gnaden stehe? Um dieses Zunftgenossen willen werde ich mein ganzes Leben über eine bessere Meinung haben von den Meistern und Bootsmännern, den Trinculos und Stephanos.«

»Sprecht nicht von Trinculos und Stephanos, meine theure Mrs. Bloomfield, denn, mit Ausnahme der Sonnabende und der Schätzchen und Weiber, existirt keine musterhaftere Person, als unser trefflicher Kapitän Truck. Er ist viel zu religiös und moralisch, um sich einem so gemeinen Hange hinzugeben, als das Trinken ist.«

»Religiös?« rief Mrs. Bloomfield überrascht. »Dieß ist ein Verdienst, von dem ich ihm auch nicht eine Spur zugetraut hätte. Ich erwartete wohl ein wenig Aberglauben von ihm und einige kurze Gewissensbisse in Stürmen, aber kaum einen so regelmäßigen Passatwind, wie die Religion ist.«

»Dann kennt Ihr ihn nicht, denn man trifft selten einen Mann von aufrichtigerer Herzensfrömmigkeit, obgleich ich zugeben will, daß die Art derselben vielleicht die Eigenthümlichkeit des Oceans an sich trägt. Jedenfalls habt Ihr ihn aufmerksam gegen unser Geschlecht gefunden?«

»Er ist die Blume der Höflichkeit und hat, ohne Schmeichelei gesprochen, eine mannhafte Ehrerbietigkeit an sich, die unserer schwachen Eitelkeit gar angenehm ist. Dieß rührt vermuthlich von seiner Packetschiffbildung her, und wir haben wohl einen Theil seines derartigen Verdienstes Euch zu danken; seine Zunge ermüdet nie in Eurem Lobe, und wenn ich mich nicht überzeugt fühlte, daß Ihr entschlossen seid, nie die Gattin eines republikanischen Amerikaners zu werden, so würde mir dieser Besuch sehr gefährlich vorkommen. Trotz meiner Bemerkung, daß ich gleichfalls in seiner Gunst stehe, ist's doch eigentlich nur auf Mrs. Hawker und Euch abgesehen. Ich weiß, Ihr liebt es nicht, über den Ehestand, dieses für junge Damen so hochwichtige Thema, zu scherzen; aber der gegenwärtige Fall bildet eine so vollkommene Ausnahme und hat so ganz und gar nichts mit der gemeinen Leidenschaft zu thun, daß ich hoffe, Ihr werdet Nachsicht tragen mit meiner Rücksichtslosigkeit. Unser goldener Kapitän – denn Kupfer ist er nicht – betheuert, Mrs. Hawker sei die lieblichste alte Dame, die er je kennen gelernt habe, Miß Effingham dagegen das lieblichste junge Frauenzimmer, mit welchem ihn je ein gutes Glück zusammenführte. Ihr Beide erseht also hieraus den Grund, auf welchem ihr steht, und könnt demgemäß eure Karten ausspielen. Verzeihung, daß ich einen so zarten Gegenstand berührt habe.«

»Zuvörderst möchte ich die Erwiederung der Mrs. Hawker hören,« sagte Eva.

»Ich kann hierauf blos meinen Dank ausdrücken,« antwortete diese Dame scherzend, »muß aber zugleich meinen Entschluß dahin kund geben, daß ich noch nicht geneigt bin, meine Lage zu verändern – aus dem einfachen Grunde meiner großen Jugend und weil ich gerne das Feld einer älteren, wo nicht schöneren Nebenbuhlerin frei lassen möchte.«

»Wohlan denn,« nahm nun Eva lachend das Wort, obschon sie begierig war, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, weil sie sah, daß sich Paul ihrer Gruppe näherte, »ich glaube, es wird das Klügste sein, meine Entschuldigung noch aufzuschieben, da mir die Umstände so viel zur Verfügung stellen. Die Zeit muß lehren, für was ich mich entschließen kann.«

»Nicht doch,« versetzte Mrs. Bloomfield, die nicht einsah, warum sie den Scherz abbrechen sollte, »dieß ist eine unverzeihliche Koketterie, und ich halte es für meine Pflicht, zu untersuchen, wie das Land liegt. Ihr werdet Euch erinnern, daß ich die Vertraute des Kapitäns bin, und kennt wohl die schwere Verantwortung einer Freundin in einer derartigen Angelegenheit – denn die eines Sekundanten im Duell ist vergleichungsweise von geringerem Belang. Damit ich mich im Nothfalle auf einen Zeugen berufen könne, muß Mr. Powis von dem Hauptstand der Dinge unterrichtet werden. Kapitän Truck ist ein schmachtender Verehrer dieser jungen Dame, Sir, und ich gebe mir Mühe, zu entdecken, ob er diesen Abend bei schönem Aufgang des Mondes im Hof ihres Vaters sich aufknüpfen oder noch eine klägliche Woche dahinsiechen soll. Zu diesem Zwecke werde ich die kategorische und inquisitorische Methode verfolgen. Vertheidigt Euch also, Miß Effingham. – Habt Ihr etwas gegen das Vaterland Eures Bewunderers einzuwenden?«

Obgleich Eva innerlich verstimmt war über die Wendung, welche diese Neckerei genommen hatte, behauptete sie doch eine vollkommene Fassung, denn sie wußte wohl, daß Mrs. Bloomfield zu viel weibliches Zartgefühl besaß, um absichtlich etwas Ungebührliches, was ihre Freundinnen ernstlich in Verlegenheit bringen konnte, zu reden.

»Es würde in der That außerordentlich sein, wenn ich Einwendungen gegen ein Land erhübe, welches nicht nur das meiner Geburt ist, sondern auch meinen Vorfahren so lange als Wohnsitz gedient hat,« antwortete sie mit Festigkeit. »Um dieses Punktes willen hat mein Ritter nichts zu fürchten.«

»Ich freue mich, dieß zu hören,« entgegnete Mrs. Bloomfield, unwillkürlich ihren Blick nach Sir George Templemore hingleiten lassend; »und Ihr, Mr. Powis, der Ihr, wie ich glaube, ein Europäer seid, werdet aus diesem Zugeständnisse Bescheidenheit lernen. Gefällt Euch vielleicht nicht, daß Euer Galan ein Seemann ist?«

Eva erröthete, obschon sie sich alle Mühe gab, gefaßt zu bleiben; und zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft fühlte sie sich durch Mrs. Bloomfields Reden verletzt. Sie zögerte und dieß noch obendrein in einer Weise, daß ihre Erwiederung höchst unabsichtlich nur noch größeren Nachdruck gewann; dann aber antwortete sie mit Nein.

»Der glückliche Mann kann also ein Amerikaner und ein Seemann sein! Hierin liegt eine große Ermuthigung. Habt Ihr vielleicht gegen die Sechzig eine Einwendung zu machen?«

»Bei jedem andern Manne würde ich dieß allerdings als einen kleinen Mangel betrachten, da mein eigener lieber Vater erst fünfzig ist.«

Das Zittern in der Stimme und die verlegenen Mienen eines Wesens, das sonst so ruhig und gelassen war, machte Mrs. Bloomfield betroffen, und mit weiblichem Zartgefühl gab sie augenblicklich ihr Scherzen auf, obschon sie sich im Laufe des Tages noch oft Gedanken machte über die nur mit Mühe unterdrückte Aufregung, welche das Mädchen bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hatte. Von diesem Augenblick an beschloß sie, stillschweigend Eva's Benehmen gegen alle Gäste ihres Vaters zu beobachten.

»Dieß ist genug Hoffnung für einen Tag,« sagte sie, sich erhebend. »Der Beruf und die Flagge müssen den Jahren, so gut es eben gehen mag, das Gleichgewicht halten. Mrs. Hawker, wie ich auf dieser Uhr sehe, kommen wir zu spät zum Diner, wenn wir uns nicht schleunigst zurückziehen.«

Die beiden Damen begaben sich jetzt auf ihre Gemächer, und Eva, die bereits für das Diner angekleidet war, blieb in dem Besuchzimmer. Paul stand noch immer neben ihr und schien, wie sie selbst, verlegen zu sein.

»Mancher Mann würde entzückt sein, auch das Wenige, was bei diesem Scherze Euren Lippen entfiel, vernommen zu haben,« sagte er, sobald Mrs. Bloomfield außer Hörweite war. »Ein Amerikaner und Seemann zu sein, gilt also in Euren Augen nicht als ein ernstlicher Mangel?«

»Kann man mich für Mrs. Bloomfields Launen und Neckereien verantwortlich machen?«

»Keineswegs; aber ich denke, Ihr werdet selbst für Miß Effinghams Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit einstehen wollen. Ich kann mir wohl erklären, warum Ihr schwiegt, als das Verhör zu weit ging, fühle mich aber überzeugt, daß jede unumwundene Erklärung von Eurer Seite diese Eigenschaften in sich tragen muß.«

In Eva's Blicken drückten sich Gefühle des Dankes aus, da sie wohl einsah, wie nur hohe Achtung vor ihrem Charakter diese Bemerkung hatte eingeben können; sie suchte jedoch ihre Empfindungen niederzukämpfen, stand auf und erwiederte:

»Dieß heißt eine kleine Badinage über unsern ehrlichen, löwenherzigen Kapitän sehr ernst nehmen. Um Euch übrigens zu zeigen, daß ich Euer Kompliment fühle und dankbar dafür bin, werde ich Euch auf den Fuß eines alten Freundes von beiden Theilen setzen und bitte Euch, Kapitän Truck während seines Hierseins unter Eure besondere Obhut zu nehmen. Mein Vater und mein Cousin – beide sind zwar aus dem Grund ihres Herzens seine Freunde; indeß werden ihm doch ihre Gewohnheiten nicht so sehr zusagen, wie die Eurigen, und ich vertraue ihn deßhalb Euch mit dem Gesuche, ihm sein Schiff und den Ocean so viel möglich in Vergessenheit zu bringen.«

»Wenn ich nur wüßte, wie ich diesen Auftrag nehmen sollte, Miß Effingham! Der Umstand, daß man ein Seemann ist, gilt bei den Gebildeten und Einsichtsvollen nicht immer als Empfehlung.«

»Wenn aber der Seemann gebildet und einsichtsvoll ist, so hat er in seiner so nützlichen Kunst nur eine weitere Beigabe zu den im Uebrigen gerne gesehenen Eigenschaften. Ich bin überzeugt, Kapitän Truck wird in guten Händen sein, und ich kann daher unbesorgt hingehen und gegen die Damen, welche meiner besonderen Obhut anheim fallen, meine Pflicht erfüllen.«

Eva verbeugte sich gegen den jungen Mann und verließ so hastig, als es sich mit dem Anstande vertrug, das Zimmer. Paul stand nach ihrem Verschwinden eine kurze Zeit regungslos da, und erwachte erst wieder aus seiner Träumerei, als ihn Kapitän Truck zum Beistand gegen die aus Büchern geholten, schwindelköpfischen Ansichten des Mr. Howel aufbot.

»Wer ist dieser Mr. Powis?« fragte Mrs. Bloomfield unsere Heldin, als diese mit einer Eile, die man an ihr nicht gewöhnt war, in ihr Ankleidezimmer trat.

»Ihr wißt, meine theure Mrs. Bloomfield, daß er in dem Montauk unser Reisegefährte war, und daß er uns bei unserer Flucht vor den Beduinen unsägliche Dienste leistete.«

»Alles dieß weiß ich wohl, aber er ist ein Europäer – oder nicht?«

Die Beantwortung dieser einfachen Frage brachte Eva in große Verlegenheit.

»Ich glaube nicht – wenigstens vermuthe ich so. Wir hielten ihn allerdings, als wir in Europa mit ihm zusammentrafen, für einen Europäer, und waren auch bis in die letzte Zeit dieser Ansicht; aber er hat sich seit seiner Ankunft in Templeton für einen Landsmann von uns erklärt.«

»Ist er schon lange hier?«

»Wir trafen ihn bei unserer Ankunft im Dorfe. Er kam von Canada und wartete auf seinen Vetter, Kapitän Doucie, der mit Euch angelangt ist.«

»Auf seinen Vetter? – so hat er also englische Vetter? Mr. Doucie hat mit ächt englischer Zurückhaltung kein Wörtchen darüber verlauten lassen. Kapitän Truck gab uns unter der Hand zu verstehen, unser Begleiter habe ihm einen seiner Passagiere entführt – eben diesen Mr. Powis, welchen er den Helden der Felsen nannte; indeß wußte ich nicht, daß er wieder in unser – in sein Vaterland zurückgekehrt sei. Ist er so angenehm wie Sir George Templemore?«

»Ich muß dieß Eurer eigenen Beurtheilung anheim geben, Mrs. Bloomfield. Was mich betrifft, so halte ich beide für angenehme Männer; aber der Geschmack der Frauen ist so launenhaft, daß ich nicht gerne für Andere ein Urtheil abgeben möchte.«

»Er ist, glaube ich, ein Seemann,« warf Mrs. Bloomfield zerstreut hin – »ja, es muß wohl so sein, denn sonst hätte er sich in den Manövern nicht so gut benehmen können, wie Ihr sagtet. Powis – Powis – dieß ist keiner von unsern Namen; – er muß wohl aus dem Süden kommen.«

Jetzt that die gewohnte Wahrheitsliebe und Seelenwürde unserer Heldin gute Dienste, so daß sie nicht nöthig hatte, weiter ihre Gefühle zu verrathen.

»Wir kennen seine Familie nicht,« antwortete sie einfach. »Daß er ein Mann von Bildung ist, sehen wir; aber von seiner Abkunft und seiner Verwandtschaft hat er noch nie gesprochen.«

»Sein Beruf kann ihn zum Gentleman gebildet haben, denn wie ich höre, war er in der Marine, obschon ich glaubte, er habe in der brittischen Flotte gedient. In Philadelphia, Baltimore, Richmond oder Charleston kenne ich keine Powise; er muß also aus dem Innern sein.«

Eva konnte ihrer Freundin kaum eine Neugierde übel nehmen, welche sie selbst nicht wenig gequält hatte, obschon sie gerne auf einen anderen Gesprächsgegenstand übergegangen wäre.

»Wie angenehm würde es nicht Mr. Powis sein, wenn er wüßte, welches Interesse er Mrs. Bloomfield eingeflößt hat,« sagte sie lächelnd.

»Das hat er wirklich, denn offen gesprochen, ich halte ihn, was sein Benehmen, seine Figur und den Ausdruck seines Gesichtes betrifft, für den ausgezeichnetsten jungen Mann, den ich je gesehen habe. Bringe ich außerdem damit in Verbindung, was ich von seiner Ritterlichkeit und seiner Ruhe im Augenblicke der Gefahr gehört habe, meine Liebe, so müßte ich kein Weib sein, wenn ich nicht Interesse für ihn fühlen sollte. Ich gäbe eine Welt darum, wenn ich wüßte, welchem Staat er angehört, wenn er anders wirklich ein Amerikaner ist.«

»Dafür haben wir seine eigenen Worte. Er wurde in Amerika geboren, und in unserer Marine erzogen.«

»Und doch kam es mir schon aus dem Wenigen, was ihm bei unserer ersten kurzen Unterhaltung entfiel, vor, als sei er über seinen Beruf erzogen.«

»Mr. Powis hat als Reisender viel gesehen. In Europa, wo wir ihn kennen lernten, befand er sich stets in Kreisen, die ganz besonders dazu geeignet waren, sowohl seinen Geist, als sein Benehmen zu bilden.«

»In Europa? Eure Bekanntschaft hat also nicht wie die mit George Templemoore in dem Paketschiffe begonnen?«

»Auch diesen Herrn lernten wir nicht erst in dem Schiffe kennen. Mein Vater hat während unseres Aufenthalts in den verschiedenen Theilen Europa's diese beiden Gentlemen oft gesehen.«

»Und Eures Vaters Tochter?«

»Auch meines Vaters Tochter,« versetzte Eva lachend. »Namentlich wurden wir mit Mr. Powis unter Umständen bekannt, die uns eine lebhafte Erinnerung an seine Mannhaftigkeit und Berufstüchtigkeit einflößten. Auf einem der Schweizerseen leistete er uns fast eben so wesentliche Dienste, wie später auf dem Ocean.«

Dieß waren für Mrs. Bloomfield lauter Neuigkeiten, und ihre Miene deutete an, daß die Kunde ihr von großer Wichtigkeit sei. In demselben Augenblicke aber läutete die Dinerglocke, und die Damen begaben sich insgesammt nach dem Besuchszimmer hinab. Die Gentlemen hatten sich bereits versammelt, und während Mr. Effingham Mrs. Hawker zur Tafel führte, ergriff Mrs. Bloomfield unsere Heldin scherzend am Arme, indem sie zugleich erklärte, sie glaube, das Vorrecht zu haben, am ersten Tage neben der jungen Gebieterin des Wigwams ihren Platz einzunehmen.

»Dann gerathen sich Mr. Powis und Sir George Templemore wegen dieser Ehre nicht in die Haare,« sagte sie mit gedämpfter Stimme, als sie sich gemeinschaftlich nach der Tafel begaben.

»Da seid Ihr in der That im Irrthum, Mrs. Bloomfield; Sir George Templemore ist es viel lieber, wenn es ihm belassen bleibt, seinen Platz neben meiner Cousine Grace einzunehmen.«

»Ist's möglich?« entgegnete die Andere, ihre junge Freundin angelegentlich in's Auge fassend.

»Ja wohl, und ich freue mich, es Euch bestätigen zu können. In wie weit Miß van Courtlandt selbst eine Freude an solcher Nachbarschaft hat, muß die Zeit lehren; aber der Baronet läßt jeden Tag und den ganzen Tag blicken, daß er sich in der Nähe meiner Muhme am glücklichsten fühlt.«

»Dann besitzt er weniger Geschmack, Urtheil und Einsicht, als ich von ihm erwartet hätte.«

»Dieß ist keine nothwendige Folge, meine theuerste Mrs. Bloomfield; oder wenn es auch wäre, braucht es so offen gesagt zu werden?«

» Se non è vero, è ben trovato!«


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