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Zweites Kapitel.

»Ich kenne diesen Unhold; die letzten sieben Jahre
war er ein schnöder Dieb, und jetzt stolzirt er auf und
ab wie ein Gentleman.«

Viel Lärmen um Nichts.

 

Eva und ihre Muhme fanden Sir George Templemore und Kapitän Truck im Besuchszimmer, denn Ersterer war vorderhand noch in New-York geblieben, um seinen Freunden näher zu sein, und Letzterer stand im Begriffe, wieder seine regelmäßige Reise nach Europa anzutreten. Diesen Beiden müssen wir noch Mr. Bragg und die gewöhnlichen Insassen des Hauses beifügen, um dem Leser einen Ueberblick über die ganze Gesellschaft zu geben.

Aristobolus hatte nie zuvor an einer so prunkvollen Tafel Platz genommen, und sah zum ersten Mal in seinem Leben beim Diner angezündete Kerzen; aber er war nicht der Mann, der sich durch etwas Neues verblüffen ließ. Ein Europäer von seiner Abkunft und seinen Angewöhnungen würde wohl bis zum Erscheinen des Desserts fünfzigmal seine Verlegenheit kund gegeben haben; Mr. Bragg aber mit seiner Beobachtungsgabe hätte, abgesehen von einer gewissen aufdringlichen Höflichkeit, die er nicht lassen konnte, recht wohl unter dem namenlosen Gedränge der Welt durchkommen können, wenn er sich nicht durch die merkwürdige Art, wie er sich selbst bei Tisch bediente, ausgezeichnet hätte. Allerdings lud er seine Nachbarn ein, von Allem zu essen, was er herbeiholen konnte; aber er bediente sich seines Messers, wie ein Kohlenträger die Schaufel handhabt. Die Gesellschaft, in der er sich befand, benahm sich zwar fein, war aber doch über die Etikette der silbernen Gabeln erhaben, und so achtete man wenigstens nicht auf diesen Theil seines Verhaltens, wenn es auch nicht ganz unentdeckt hingehen konnte; anders verhielt sich's jedoch mit der bereits angedeuteten Eigenthümlichkeit, die, als charakteristisch für den Mann, eine ausführlichere Erwähnung verdient.

Das Diner wurde an Mr. Effingham's Tafel in der ruhigen und vollständigen Weise servirt, welche ein französisches Diner auszeichnet. Jede Schüssel wurde wieder weggenommen, von den Domestiken zerlegt, und der Reihe nach den Gästen angeboten. Aber der Aufschub, welchen diese Maßregel des Anstandes zur Folge hatte, sagte weder dem Eilsystem, noch der Consumtionskraft des Landagenten zu. Statt daher die geregelteren Bewegungen der Dienerschaft abzuwarten, begann er für sich selbst Sorge zu tragen und dabei eine Gewandtheit an den Tag zu legen, die er sich an den Wirthstischen ( ordinaries) zugeeignet hatte – eine Schule, welcher er, beiläufig bemerkt, alle seine Begriffe von Tafelanstand verdankte. Ein paar Schnittchen hatte er in der gewöhnlichen Weise vermittelst der regelmäßigen Bedingung an sich gebracht; dann aber begann er wie ein Mensch, der im Beginn seiner Laufbahn durch irgend einen Glücksfall den Grund zu einem Vermögen gelegt hat, nach rechts und links um sich zu greifen, wie sich eben Gelegenheit dazu darbot. Einige entremets oder leichte Gerichte, die ein eigenthümlich verlockendes Aussehen hatten, kamen zuerst unter seine Griffe, und er hatte sie bald durch Behelligung seiner Nachbarn auf Armsweite um sich her aufgehäuft; dann wagte er es, seinen Teller bald da, bald dorthin zu schicken, wo er überhaupt eine Speise sah, welche die Mühe zu lohnen schien. In dieser Weise, die er übrigens mit einer so ruhigen und unaufdringlichen Emsigkeit verfolgte, daß sie größtentheils der Beobachtung entging, gelang es ihm, seinen Teller zu einem Inbegriff des ganzen ersten Ganges zu machen. In der Mitte hatte er Fisch, Ochsenfleisch und Schinken; um diese Artikel herum waren Croquettes, Rognons, Ragouts, Gemüse und andere leichte Dinge aufgestapelt, so daß sie nicht nur den Teller vollständig bedeckten, sondern sogar doppelte und dreifache Lager bildeten, und die Randverzierung wurde durch Senf, kalte Butter, Salz und Pfeffer gebildet. Diese verschiedenen Erwerbungen waren das Werk der Zeit und der Gewandtheit, denn die meisten Anwesenden hatten schon wiederholt ihre Teller gewechselt, noch ehe Aristobulus, mit Ausnahme der Suppe, auch nur einen Bissen zu sich genommen. Der glückliche Augenblick, welcher ihm Belohnung seines Eifers versprach, war nun endlich gekommen, und der Landagent wollte eben den Kau- oder vielmehr Schlingprozeß (denn er behelligte sich wenig mit der ersteren Operation) beginnen, als das Knallen eines Stöpsels seine Aufmerksamkeit dem Champagner zulenkte. Dieser Wein kam für Aristobulus nie zur unrechten Stunde, denn er liebte den prickelnden Geschmack desselben, und hatte es in der Wissenschaft der Feinschmeckerei nicht weit genug gebracht, um den rechten Moment für diesen Genuß zu erfassen. Was die übrige Gesellschaft betraf, so war für sie dieser Augenblick jetzt da, obschon Mr. Bragg, wenn man einen geregelten Geschmack dabei zu Rathe zog, noch eben so weit dazu hin hatte, als zur Zeit seines Niedersitzens am Tische. Sobald er übrigens bemerkte, daß Pierre eingoß, bot er sein Glas dar, und goß in einem Nu des Genusses das köstliche Getränk hinunter. Ah, es war so unendlich trefflicher als Alles, was er je aus den verpichten und mit Blei belegten Flaschen hatte hervorgehen sehen, die unterschiedliche Schenken seiner Bekanntschaft zierten und wie eben so viele mit Kopfweh und Magenverderbniß beladene feindliche Batterien aufgepflanzt waren.

Aristobulus leerte sein Glas in Einem Zug und ließ beim Einathmen die Luft in behaglichem Zischen durch den gerundeten Mund ziehen. Dieß war ein unglücklicher Augenblick, da jetzt unversehens der beladene Teller mit allen seinen Schätzen weggenommen wurde. Der Diener, welcher dieses unfreundliche Amt übte, meinte nämlich, nur der Umstand, daß dem Gaste die Gerichte nicht geschmeckt hätten, sei der Grund einer Zusammenhäufung gewesen, wie sie ihm früher nie vorgekommen war.

Es war also nöthig, von Neuem zu beginnen, was aber natürlich mit dem abgetragenen ersten Gange nicht mehr thunlich war; mit desto größerem Eifer machte sich daher Aristobulus an das Wildpret. Die Nothwendigkeit zwang ihn jetzt, von den verschiedenen Gerichten zu essen, wie sie ihm angeboten wurden, und am Schlusse des zweiten Ganges hatte er, Dank sei es dem Wirthstischeifer seines Messers und seiner Gabel, wirklich weit mehr Nahrung versorgt, als irgend eine Person am Tische. Jetzt begann er gesprächig zu werden, und wir eröffnen die Unterhaltung genau mit dem Momente, in welchem es Aristobulus möglich wurde, am Gespräche Theil zu nehmen.

Ungleich Mr. Dodge legte er kein besonderes Interesse für einen Baronet an den Tag, denn er war ein zu verschmitzter, weltlicher Mann, um sein Herz an Kleinigkeiten irgend einer Art zu setzen, er nahm daher eben so wenig Anstand, auf Sir George Templemore's oder Mr. Effingham's Reden einzugehen, als er Bedenken getragen haben würde, seinem nächsten besten Kameraden zu antworten. Alter und Erfahrung galten für ihn nicht als besondere Ansprüche auf Gehör, und was den Rang betraf, so schwebten ihm wohl einige unbestimmte Ideen davon vor, sofern er beim Militär eine Stellung gab, aber ein Titel ohne Gehalt hatte in seinen Augen keine sonderliche Bedeutung. Sir George Templemore stellte eine Frage über die Urkunden-Archive, deren Einführung kürzlich in England Aufmerksamkeit erregt hatte, und eine von Mr. Effingham's Antworten enthielt eine nicht eben wesentliche Unrichtigkeit, deren Berichtigung Aristobulus als einen coup d'essai in dem allgemeinen Gespräch erfaßte.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir,« schloß er seine Erklärung, »aber ich muß diese kleinen Umstände wissen, da ich einige Zeit als Countyschreiber functionirte, um eine Erledigung von Todes wegen auszufüllen.«

»Ihr wollt damit sagen, Mr. Bragg, Ihr seiet in dem Bureau eines Countyschreibers beschäftigt gewesen,« bemerkte John Effingham; denn jede Unwahrheit war ihm in einem Grade zuwider, daß er keinen Anstand nahm, eine vermeintliche oder wirkliche Lüge ohne Umstände zu rügen.

»Als Countyschreiber, Sir. Major Pippin starb ein Jahr vor Ablauf seiner Zeit, und ich erhielt das Amt. – Als ein so regelmäßiger Countyschreiber, Sir, wie es nur irgend einen in den 56 Counties von New-York gibt.«

»Als ich die Ehre hatte, Euch Mr. Effingham's Agentschaft zu übertragen, Sir,« entgegnete der Andere ein wenig streng, denn er fühlte, daß durch dieses Verhältniß des Gegenstandes seiner Wahl seine eigene Wahrheitsliebe in Schatten gestellt werden konnte, war't Ihr, wie ich glaube, allerdings als Schreiber in dem Bureau; ich wußte aber nicht, daß Ihr der Countyschreiber selbst war't.«

»Ganz richtig, Mr. John,« entgegnete Aristobulus, ohne die mindeste Verlegenheit blicken zu lassen. » Damals stand ich als Gehilfe in dem Dienste meines Nachfolgers, aber [einige Monate früher hatte ich dieses Amt selbst inne.]«

»Wenn es nach der regelmäßigen Beförderungsleiter gegangen wäre, mein theurer Sir, müßtet Ihr's inzwischen schon sehr weit gebracht haben,« bemerkte Kapitän Truck mit Schärfe.

»Ich glaube Euch zu verstehen, Gentlemen,« erwiederte der unbewegliche Mr. Bragg, als er des allgemeinen Lächelns gewahr wurde. »Ich weiß wohl, daß manche Leute darauf versessen sind, in den Aemtern so ziemlich dieselbe Höhe zu behaupten, aber ich halte mich an keinen derartigen Grundsatz. Wenn das eine gute nicht zu haben ist, so sehe ich keinen Grund ein, warum ich ein anderes zurückweisen soll. Ich bewarb mich damals um die Stelle eines Sheriffs, und als ich fand, daß ich nicht stark genug war, meine Erwählung in der Grafschaft durchzusetzen, so nahm ich das Erbieten meines Nachfolgers an, in seinem Bureau zu schreiben, bis sich allenfalls mit der Zeit etwas Besseres aufthat.«

»Wie ich glaube, habt Ihr diese ganze Zeit über practizirt, Mr. Bragg,« bemerkte John Effingham.

»Auch ein bischen, Sir – so viel wenigstens als ich konnte. Das Prozessiren geht in letzter Zeit flau bei uns, und viele der Attorneys verlegen sich auf andere Geschäfte.«

»Und darf ich fragen, Sir,« ergriff jetzt Sir George das Wort, »auf was sich die meisten vorzugsweise verlegen?«

»Einige meiner Collegen haben sich auf den Roßhandel gelegt; ein noch größerer Theil aber macht eben jetzt in den westlichen Städten Geschäfte.«

»In den westlichen Städten?« rief der Baronet mit einer Miene, als argwöhne er eine Mystifikation.

»Ja; sie geben sich mit Lokalitäten für Fabriken, mit Eisenbahnlinien und anderen dergleichen Aussichten ab.«

»Mr. Bragg will damit sagen, sie kaufen und verkaufen Ländereien, von denen zu erwarten steht, daß nach Ablauf eines Jahrhunderts derartige Bequemlichkeiten darauf Platz finden könnten,« erklärte John Effingham.

»Die Hoffnung ist auf's nächste Jahr oder sogar auf die nächste Woche berechnet, Mr. John,« entgegnete Aristobulus mit einem verschmitzten Blicke, »obschon Ihr in Betreff der Wirklichkeit vielleicht Recht haben mögt. Aus dem Kapitel der Hoffnungen sind kürzlich in diesem Lande bedeutende Summen gezogen worden.«

»Und Ihr habt es über Euch vermocht, diesen Verlockungen zu widerstehen?« fragte Mr. Effingham. »So muß ich mich Euch wohl doppelt verpflichtet fühlen, Sir, daß Ihr fortfuhrt, Eure Zeit meinen Interessen zu weihen, während so viel Besseres sich Euch darbot.«

»Es war meine Pflicht, Sir,« versetzte der Attorney mit einer um so tieferen Verbeugung, weil er sich bewußt war, wirklich seinen Posten für einige Monate verlassen zu haben, um an den westlichen Spekulationen, die damals im Lande so beliebt waren, Theil zu nehmen – »von dem Umstande, daß es gerne geschah, gar nicht zu reden. Es gibt in diesem Lande viele einträgliche Geschäfte, Sir George, die in der Hast, sich in dem Städtehandel zu betheiligen, übersehen worden sind.«

»Im Städtehandel?«

»Bragg meint nicht den Handel in den Städten, sondern den mit Städten,« erklärte John Effingham.

»Ja Sir, den Handel mit Städten. Ich mache den Weg hieher nie, ohne mich umzusehen, ob sich nicht etwas Nützliches treiben läßt, und es finden sich in der That viele Gelegenheiten, wenn man Kapital hat. Milch ist ein gutes Geschäft.«

» Le lait?« rief Mademoiselle Viefville unwillkürlich.

»Ja, Ma'am – für Frauenzimmer sowohl, als für Gentlemen. Auch von süßen Kartoffeln hörte ich Gutes, und Pfirsiche machen eben jetzt das Glück einiger reichen Leute.«

»Alles dieß ist ehrenhafter und besser, als der von Euch erwähnte Städtehandel,« bemerkte Mr. Effingham ruhig.

Aristobulus blickte ein wenig überrascht auf, denn ihm erschien Alles als recht, was einen guten Gewinn versprach, und nur das als unehrlich, was durch die Gesetze ausdrücklich verboten war. Als er jedoch die Geneigtheit der Gesellschaft bemerkte, ihm zuzuhören, so nahm er um so bereitwilliger sein Thema wieder auf, da er inzwischen bei Tafel das Verlorene wieder eingebracht hatte.

»Viele Familien haben in diesem und in dem letzten Sommer Otsego verlassen, Mr. Effingham, um nach dem Westen auszuwandern. Das Fieber hat weit und breit um sich gegriffen.«

»Das Fieber? Wie, hat das alte Otsego« – denn so nennen die dortigen Bewohner eine Grafschaft von dem Alter eines halben Jahrhunderts, die aber dennoch durch die Vergleichung ehrwürdig wird – »hat das alte Otsego den wohlhergebrachten Ruf eines gesunden Striches verloren?«

»Ich meine kein animalisches, sondern das westliche Fieber.«

» Ce pais de l'Ouest est-il bien malsain?« flüsterte Madame Viefville.

» Apparemment, Mademoiselle, sur plusieurs rapports.«

»Das westliche Fieber hat Alt und Jung ergriffen und unserem Erdwinkel die ganze Familie entführt,« fuhr Aristobulus fort, da er das eben erwähnte kleine Seitengespräch nicht verstand und deßhalb natürlich auch nicht darauf achtete. »Auch haben die meisten unserer benachbarten Counties einen beträchtlichen Theil ihrer Bevölkerung verloren.«

»Gehören die Abgezogenen zu den ansässigen Familien, oder blos unter die unstäten Bewohner?« fragte Mr. Effingham.

»Die Meisten davon sind regelmäßige Umzügler.«

»Umzügler?« rief Sir George abermals. »Befindet sich unter eurer Bevölkerung ein namhafter Theil, der diesen Namen wirklich verdient?«

»Eben so gut, als Derjenige, welcher ein Pferd beschlägt oder ein Haus aufrichtet, auf den Namen Schmied oder Zimmermann Anspruch hat;« antwortete John Effingham.

»Allerdings,« fügte Mr. Bragg bei. »Wir haben ziemlich viel von dieser Hefe in unserem politischen Teig sowohl, als in unserem Geschäftsleben. Ich glaube, Sir George, daß in England die Leute ziemlich stationär sind.«

»Wir bleiben gerne für Generationen an demselben Platze, denn wir lieben den Baum, den unsere Vorväter pflanzten, das Dach, welches sie bauten; den Herd, an dem sie saßen, und den Hügel, der ihre sterblichen Reste deckt.«

»Sehr poetisch; und ich kann mir wohl denken, daß es Lebenslagen gibt, in welchen derartige Gefühle von selber kommen. Indeß muß in Eurem Theile der Welt doch eine große Stockung der Geschäftsoperationen stattfinden, Sir.«

»Geschäftsoperationen? Was ist Geschäft? Wie Ihr's nennt, Sir, im Vergleich mit theuern Erinnerungen, mit den Rückblicken auf unsere Vorfahren und auf die ehrwürdigen Bande, die uns Geschichte und Ueberlieferung bieten?«

»Was Geschichte betrifft, Sir, wird man in diesem Lande nicht viel davon belästigt; so weit übrigens aus Interesse in Frage kömmt, läßt sich immerhin viel ausrichten. Eine Nation ist sehr zu beklagen, wenn sie in dieser Weise durch die Vergangenheit niedergedrückt wird; denn die Hindernisse, welche ihr aus den Erinnerungen erwachsen, treten stets der Industrie und dem Unternehmungsgeist in den Weg. In der That, Mr. John Effingham, man kann sowohl hierin, als in allen anderen Dingen Amerika ein glückliches und freies Land nennen.«

Sir George besaß zu viel feine Bildung, um Alles, was er in diesem Augenblicke fühlte, laut werden zu lassen, da er nothwendig die Gefühle seiner Wirthe dadurch hätte verletzen müssen; auch fand seine Rücksichtsfülle ihren Lohn in einem bedeutungsvollen Lächeln von Seiten Eva's und Grace's, welch' Letztere dem jungen Baronet in diesem Moment eben so schön vorkam, als ihre Muhme – denn wenn sie auch nicht die feine Bildung derselben besaß, war ihr doch eine in hohem Grade anziehende Naivetät nicht abzusprechen.

»Ich habe mir sagen lassen, daß die meisten alten Nationen mit Schwierigkeit zu kämpfen haben, die für uns nicht vorhanden sind,« entgegnete John Effingham, »obschon ich gestehe, daß mir diese Ueberlegenheit von unserer Seite früher nie aufgefallen ist.«

»Eben so ist es den National-Oekonomen und sogar den Geographen ergangen,« bemerkte Mr. Bragg; »aber praktische Leute sehen und fühlen die Vortheile zu jeder Stunde des Tags. Wie ich höre, Sir George Templemore, hat es in England Schwierigkeiten, Straßen über Stellen zu führen, wo Wohnungen sammt ihrem Zugehör stehen; ja sogar eine Eisenbahn oder ein Kanal muß eine Curve machen, um einen Kirchhof oder einen Grabstein zu vermeiden.«

»Ich gestehe diese Sünde zu, Sir.«

»Unser Freund Mr. Bragg betrachtet das Leben als aus lauter Mitteln ohne Ende bestehend.«

»Ohne die Mittel kann man nichts an's Ende bringen, Mr. John Effingham; dieß werdet Ihr mir hoffentlich zugestehen müssen. Ich bin wenigstens für die Beendigung des Wegbaus, und darf wohl sagen, daß ich mich freue, einem Lande anzugehören, in welchem das Vorwärts möglichst wenige Hindernisse findet. Wer in unserem Landestheile um seiner Vorfahren willen gegen eine Verbesserung Einwendungen erheben wollte, würde unter seinen Zeitgenossen schlimm genug wegkommen.«

»Erlaubt mir die Frage, Mr. Bragg, ob Ihr selbst nicht aus irgend einer Lokalanhänglichkeit empfindet,« entgegnete der Baronet mit so viel Zartheit im Tone seiner Stimme, als dieß eine Frage, die, wie er fühlte, das Herz eines Mannes verletzen konnte, nur gestatten wollte. »Ist Euch nicht irgend ein Baum theurer, als ein anderer – findet Ihr das Haus, in dem Ihr geboren wurdet, nicht schöner, als eine Wohnung, die Ihr nie betratet – oder haltet Ihr den Altar, der lange Eurer Gottesverehrung diente, nicht für heiliger, als einen andern, vor dem Ihr nie gekniet habt?«

»Nichts macht mir mehr Vergnügen, als die Fragen der Gentlemen zu beantworten, die durch unser Land reisen,« erwiderte Aristobulus, »denn ich glaube, daß wir, indem wir Gelegenheit zum gegenseitigen Bekanntwerden der Völker bieten, den Verkehr ermuthigen und den Geschäftsgang sichern. Um also auf Eure Frage einzugehen – ein menschliches Wesen ist keine Katze, daß es eine Lokalität mehr lieben sollte, als seine Interessen. Ich gestehe, daß ich an manchen Bäumen eine größere Freude hatte, als an andern, und der liebste, [an] den ich mich erinnern kann, gehörte mir selbst – der Sägemüller schnitt tausend Fuß klaren Stoffs daraus, der Mittelwaare gar nicht zu gedenken. Das Haus, in dem ich geboren, wurde bald nach meiner Geburt niedergerissen, und eben so erging es dem, welches darauf folgte; ich kann daher nichts über diesen Punkt sagen – und was endlich die Altäre betrifft, so gibt es in meinem Glaubensbekenntnisse gar keine.«

»Mr. Bragg's Kirche hat sich selbst so kahl gestreift, wie er es mit allen Anderen machen möchte, wenn er könnte,« sagte John Effingham. »Es fragt sich sehr, ob er überhaupt je ein Knie gebeugt hat – geschweige denn vor einem Altar.«

»Wir gehören allerdings zur stehenden Ordnung,« entgegnete Aristobulus mit einem Blick auf die Damen, um zu sehen, wie sie seinen Witz aufnahmen; »und Mr. John Effingham hat so nahezu Recht, als man dieß von irgend einem Menschen in Glaubenssachen nur verlangen kann. Was aber die Häuser betrifft, Mr. Effingham, so vermuthe ich, daß die allgemeine Ansicht herrsche, Ihr hättet mit dem Eurigen etwas Besseres, als eine Reperatur anfangen können. Das Material wäre beim Verkauf gut bezahlt worden, und durch Führen einer Straße über das Eigenthum hätte sich eine hübsche Summe erzielen lassen.«

»In diesem Falle wäre ich ohne Behausung gewesen, Mr. Bragg.«

»Es hätte nicht viel ausgemacht, ein anderes auf wohlfeilerem Grund und Boden herzustellen. Der alte Sitz würde eine gute Faktorei oder ein Gasthaus abgegeben haben.«

»Sir, ich bin eine Katze und liebe den Platz, wo ich lange gewohnt habe.«

Obschon Aristobulus sonst nicht leicht einzuschüchtern war, fühlte er sich doch durch Mr. Effingham's Wesen betroffen, und Eva sah, daß das schöne Antlitz ihres Vaters von innerer Bewegung erglühte. Das Gespräch, welches wir mit einiger Breite gegeben haben, weil es den Leser wahrscheinlich einen tiefern Blick in den Charakter einer Person thun läßt, der in unserer Erzählung öfters vorkommen wird, als wenn wir uns mit einer ausführlichen Schilderung bemüht hätten – gewann durch diese Unterbrechung eine andere Wendung, welche zuvörderst durch eine Frage John Effingham's an Kapitän Truck eingeleitet wurde.

»Ich hoffe, Kapitän, die Eigenthümer Eures Schiff's sind vollkommen zufrieden mit der Art, wie Ihr das Ihrige aus den Händen der Araber rettetet?«

»Wenn der Punkt des Geldes in's Spiel kömmt, so sind die Leute weit geneigter, daran zu denken, wie es verloren ging, als wie es gerettet wurde, und in solchen Dingen bieten Religion und Geschäftsleben die beiden entgegengesetzten Pole,« entgegnete der alte Seeman mit ernstem Gesicht. »Im Ganzen übrigens habe ich Grund, zufrieden zu sein, mein theurer Sir, und so lange ihr, meine Passagiere und Freunde, mir keinen Vorwurf macht, kann ich mich wohl dem Gefühl hingeben, daß ich wenigstens einen Theil meiner Pflicht erfüllt habe.«

Eva erhob sich jetzt vom Tische, ging nach einem Seitenschrank und kehrte mit einer reichen, schön getriebenen silbernen Punschbowle zurück, welche sie in der anmuthigsten Weise vor den Meister des Montauk hinsetzte. Fast in demselben Augenblicke übergab ihm Pierre ein Etuis mit einer trefflichen Uhr, einen kleinen silbernen Kohlenhälter und ein silbernes Sprachrohr.

»Dieß sind schwache Zeugnisse unserer Gesinnungen gegen Euch,« sagte Eva, »und Ihr werdet uns den Gefallen erweisen, sie als Erinnerungszeichen der Achtung anzunehmen, die uns Eure Geschicklichkeit, Euer wohlwollendes Benehmen und Euer Muth eingeflößt haben.«

»Meine theure junge Dame!« rief der alte Theer, in tiefster Seele gerührt durch die Tiefe des Gefühls, womit Eva sich dieser Pflicht entledigt hatte – »meine theure junge Dame! – na, Gott segne Euch! – Gott segne euch Alle! – und auch Euch, Mr. John Effingham, was dieß betrifft! – und Sir George. Aber daß ich auch je einen Ausreißer für einen Gentleman und einen Baronet halten konnte! – obschon ich glaube, daß es eben so gut einfältige Baronets gibt, als einfältige Lords, an denen nichts zu bessern ist!« Er warf dabei Mr. Aristobulus Bragg einen wilden Blick zu. »Möge Gott meiner im schwersten Orkan vergessen, wenn ich je vergesse, woher diese schönen Dinge kamen und warum sie mir gegeben wurden!«

Der würdige Kapitän sah sich jetzt genöthigt, einigen Wein hinunterzugießen, um seine Erregung zu meistern; Aristobulus aber ergriff, die Gelegenheit benützend, kaltblütig die Bowle und wuchtete sie (um uns eines von ihm selbst gebildeten Wortes zu bedienen) in der Hand, um sich eine leidlich genaue Vorstellung von ihrem Metallwerth bilden zu können. Kapitän Truck, der dieß bemerkte, forderte sein Eigenthum eben so unceremoniös zurück, als es weggenommen worden war, und nur die Anwesenheit der Damen war im Stande, einen Ausbruch zu verhindern, der sich wohl bis zur offenen Kriegserklärung gesteigert haben würde.

»Mit Eurer Erlaubniß, Sir,« sagte der Kapitän trocken, nachdem er nicht nur ohne des Andern Zustimmung, sondern auch einigermaßen gegen dessen Willen die Bowle wieder an sich gebracht hatte, »dieses Geräth ist in meinen Augen so kostbar, als wäre es aus den Gebeinen meines Vaters verfertigt.«

»Dieß glaube ich Euch gerne,« entgegnete der Landagent, »denn es kann nicht weniger, als hundert Dollars gekostet haben.«

»Wer denkt da an's Kosten, Sir! – aber meine theure junge Dame, laßt uns von dem wahren Werthe sprechen. Für welchen von diesen Gegenständen bin ich Euch zu Danke verpflichtet?«

»Die Bowle ist meine Gabe,« antwortete Eva lächelnd, obgleich eine Thräne in ihrem Auge glänzte, als sie den lebhaften, ungekünstelten Gefühlserguß des alten Theer mit ansah. »Ich dachte, sie könnte Euch hin und wieder an mich erinnern, wenn sie zu Ehren der ›Schätzchen und Frauen‹ wohl gefüllt wird.«

»Das soll sie – das soll sie, beim Himmel! und Mr. Saunders soll aufsehen, wenn er das Geräth nicht so blank erhält, wie der Boden einer kreuzenden Fregatte ist. Wem habe ich die Kohlenzange zu verdanken?«

»Sie kömmt von Mr. John Effingham, der sich's nicht nehmen läßt, er werde dadurch Eurem Herzen näher kommen, als irgend Jemand von uns, obschon die Gabe von so geringem Werth ist.«

»Da kennt er mich nicht, mein theures Fräulein, denn Niemand wird je meinem Herzen so nahe kommen, als Ihr – nein, nicht einmal meine eigene, liebe, fromme, alte Mutter. Aber ich danke Mr. John Effingham aus tiefster Seele und will sein Geschenk selten beim Rauchen brauchen, ohne an ihn zu denken. Die Uhr, ich weiß es, kommt von Mr. Effingham, und das Sprachrohr schreibe ich Sir George zu.«

Die Verbeugungen der betreffenden Gentlemen gaben dem Kapitän die Versicherung, daß er richtig gerathen hatte. Er drückte nun Jedem derselben herzlich die Hand und betheuerte aus der Ueberfülle seines Herzens, daß ihm nichts ein größeres Vergnügen gewähren würde, als wenn er in ihrer angenehmen Gesellschaft abermals die gefahrvollen Scenen durchmachen könnte, denen sie kürzlich entronnen waren.

Inzwischen war es Aristobulus, trotz der früheren Zurechtweisung, gelungen, jeden Gegenstand der Reihe nach in die Hand zu bekommen, sie auf dem Finger zu wägen und vermittelst dieser Untersuchung sich eine annähernde Vorstellung von ihrem Kostenswerthe zu bilden. Die Uhr öffnete er sogar und untersuchte das Werk, so gut es die Umstände füglicherweise erlauben wollten.

»Ich schätze diesen Gegenstand mehr, als Ihr das Grab Eures Vaters respektirt,« sagte Kapitän Truck finster, als er diesen letzten Artikel aus der besudelnden Betrachtung des Attorney – denn so erschien sie ihm – gerettet hatte; »und Katze oder Nichtkatze, sie sollen auf dem Reste meines Kreuzzuges mit mir schwimmen oder sinken. Wenn noch Kraft in meinem letzten Willen liegt – aber leider höre ich, daß dieß nicht länger der Fall sein soll– so sollen sie mein letztes Bette mit mir theilen, sei dieß nun am Land oder im Wasser. Mein theures Fräulein, denkt Euch alles Andere dazu – aber verlaßt Euch darauf, aus diesem Gefäß wird der Punsch süßer als je schmecken, und den ›Liebchen und Frauen‹ ist nie so hohe Ehre widerfahren.«

»Wir besuchen diesen Abend in dem Hause eines Mannes, mit dem ich hinreichend vertraut bin, um mir die Freiheit einer Fremdeneinführung erlauben zu können, einen Ball, und ich wünsche, Gentlemen,« sagte Mr. Effingham sich gegen Aristobulus und den Kapitän verbeugend, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, »daß ihr mir die Ehre eurer Begleitung erweist.«

Mr. Bragg sagte wohlgemuth zu, als verstände sich dieß von selbst; Kapitän Truck aber versicherte, daß er für solche Gelegenheiten nicht passe, und konnte erst durch langes Zureden von Seiten John Effinghams vermocht werden, gleichfalls der Einladung Folge zu geben. Die Damen blieben nur noch einige Minuten bei Tisch; Mr. Effingham übrigens hielt an dem alten Brauche, bei der Flasche sitzen zu bleiben, bis das Aufgebot nach dem Besuchszimmer erfolgte – eine Sitte, die in Amerika aus keinem besseren Grunde fortbesteht, als weil sie in England üblich ist; denn man kann fast mit Sicherheit darauf zählen, sie werde in der nächsten Saison, nachdem sie in London aufgehört hat, auch in New-York abgestellt werden.


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