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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Um der Tugend ihren eigenthümlichen Zug
zu zeigen, verachte ihr eigenes Bild; dem wahren
Charakter und Werth der Zeit gegenüber
thue ein Gleiches an der Form und an dem
Gepräge derselben.

Shakespeare.

 

Als Mrs. Bloomfield in das Besuchzimmer eintrat, fand sie fast die ganze Gesellschaft des Wigwam daselbst versammelt. Der ›Feuerspaß‹ hatte ein Ende genommen, und die Raketen schoßen nicht mehr am Himmel hin; aber die künstliche Beleuchtung im Inneren leistete mehr als Ersatz für die, welche kürzlich noch außen stattgefunden hatte. Mr. Effingham und Paul unterhielten sich auf einem Fenstersitze, während John Effingham, Mrs. Hawker und Mr. Howel in lebhaftem Gespräch auf einem Sopha saßen. Mr. Wenham hatte sich gleichfalls der Gesellschaft angeschlossen und benahm sich mit Kapitän Doucie, obschon nicht so ausschließlich, daß er nicht hin und wieder Blicke nach dem vorerwähnten Trio hätte entsenden können. Sir George Templemore und Grace van Courtlandt ergingen sich in der großen Halle, und man sah sie durch die offene Thüre, wie sie hin und her wandelten.

»Es freut mich, daß Ihr Euch unter uns blicken laßt, Mrs. Bloomfield,« sagte John Effingham; »denn gewiß hat es nie eine starrsinnigere Anglomanie gegeben, als die, welche mein guter Freund Howel diesen Abend an den Tag legt, und ich hege die Hoffnung, daß Eure Beredsamkeit ihm einige der Vorstellungen benehmen werde, an denen meine Logik verloren ging, wie Waizenkörner auf einer viel betretenen Landstraße.«

»Wo Mr. John Effingham den Kürzeren ziehen muß, darf ich mir nicht viel Erfolg versprechen.«

»Das weiß ich denn doch nicht; denn Howel bildet sich ein, ich habe einen Groll auf England, weßhalb er Allem, was ich sage, nur mit Mißtrauen und Widerwillen Gehör schenkt.«

»Mr. John bedient sich gewöhnlich einer starken Sprache, Ma'am,« rief Mr. Howel, »und Ihr werdet einem Wörterbuche, das keine sehr milden Ausdrücke in sich faßt, einige Zugeständnisse machen. Gleichwohl gestehe ich offen, daß er mir gegen die gedachte große Nation etwas eingenommen zu sein scheint.«

»Um was dreht sich die gegenwärtige Streitfrage, Gentlemen?« fragte Mrs. Bloomfield, indem sie sich auf einen Sitz niederließ.

»Je nun, es handelt sich um eine Kritik eines kürzlich erschienenen amerikanischen Werks, und ich behaupte, dem Autor sei ›lebendig die Haut abgezogen‹, während Mr. John darauf besteht, der Kritiker habe nur seinem eigenen Groll Luft gemacht, weil das Werk einen National-Charakter habe und gegen die Gefühle und Interessen des Recensenten verstoße.«

»Ich muß gegen diese Darlegung des Falls protestiren, denn ich behaupte, den Recensenten treffe ein weit größerer Vorwurf, als der eines bloßen Gallenergusses, sintemal seine Geistesarmuth, seine Unwissenheit und seine Ehrlosigkeit in grellen Zügen an's Licht träten.«

»Ich habe den Artikel gelesen,« sagte Mrs. Bloomfield nach einem Blick auf das Journal, »und muß sagen, daß ich mit Mr. John Effingham's Ansicht einverstanden bin.

»Aber bemerkt Ihr nicht, Ma'am, daß dieses Magazin das Idol des ›Adels und der Gentry‹ ist – daß es von den Vornehmen Frankreichs mehr gelesen wird, als irgend ein anderes? Wie ich höre, schreiben sogar Bischöfe darüber.«

»Ich weiß, daß es ausdrücklich gegründet wurde, um eines der trüglichsten Systeme, welche je existirten, zu unterstützen, und daß es jede hohe Eigenschaft zum Opfer bringt, um nur seinen Zweck zu erreichen.«

»Mrs. Bloomfield, Ihr setzt mich in Erstaunen! Die ersten Schriftsteller Großbritanniens figuriren auf seinen Blättern.«

»Dieß möchte ich zuvörderst sehr in Frage ziehen; aber selbst wenn es der Fall wäre, so erkennt man gar bald die seichte Mystifikation. Es ist wohl denkbar, daß ein Mann von Charakter einen Artikel für ein derartiges Werk schreiben kann; aber daraus folgt nicht, daß der nächste nicht aus der Feder eines charakterlosen Menschen komme. Die Grundsätze der Mitteilung in einer periodischen Zeitung sind eben so verschieden, wie die mitwirkenden Talente.«

»Aber der Herausgeber ist eine Bürgschaft für Alle. Der Herausgeber dieser Zeitschrift ist ein ausgezeichneter Schriftsteller.«

»Ein ausgezeichneter Schriftsteller kann auch ein großer Schurke sein, und in einer solchen Sache ist eine einzige Thatsache mehr werth, als tausend Muthmaßungen. Uebrigens wissen wir nicht einmal, ob derartige Werke überhaupt verantwortliche Redakteure haben, denn auf der Titelseite ist kein Name genannt, und man trifft eben da, wo die Verantwortlichkeit fehlt, am allerhäufigsten, daß man durch hohle Erklärungen den Leuten die Augen zu verblenden sucht. Doch wenn ich Euch zu beweisen im Stande bin, Mr. Howel, daß dieser Artikel unmöglich aus der Feder eines Mannes von nur gewöhnlicher Ehrenhaftigkeit herrühren kann, was werdet Ihr dann zu der Verantwortlichkeit Eures Herausgebers sagen?«

»In diesem Falle werde ich genöthigt sein, zuzugeben, daß sich der Aufsatz ohne dessen Vorwissen eingeschlichen hat.«

»Alles lieber als das angebetete Idol aufgeben!« sagte John Effingham lachend. »Warum fügt Ihr nicht ohne Weiteres bei – oder daß der Redakteur ein eben so großer Schurke ist, als der Mitarbeiter?«

»Es freut mich übrigens, daß Tom Howel in so gute Hände gefallen ist,« entgegnete Mrs. Bloomfield, »und ich bitte Euch recht sehr, ihn nicht zu schonen.«

Wir haben schon früher davon gesprochen, wie rasch Mrs. Bloomfield Dinge und Grundsätze zu erfassen wußte, so daß diese Eigenschaft sich fast zu einer inneren Anschauung steigerte. Sie hatte den fraglichen Artikel gelesen, und beim Ueberfliegen der Zeilen fast in jedem Satz die Trugschlüsse und Unwahrheiten bemerkt, da sie nicht einmal mit gewöhnlicher Geschicklichkeit zusammengestellt waren; denn der Autor hatte augenscheinlich auf die Gemächlichkeit der Leserklasse gezählt, welche gewöhnlich seine platten Behauptungen ohne Weiteres hinunterzuschlingen pflegte, und sich dabei eine Plumpheit erlaubt, die Jeder ohne Mühe erkennen mußte, welcher nicht gerade einen bergeversetzenden Glauben in sich trug. Aber Mr. Howel gehörte einer andern Schule an. Mrs. Bloomfield machte ihn zwar auf die handgreiflichsten Mystifikationen aufmerksam; aber er war zu sehr daran gewöhnt, bei dergleichen Dingen seine Augen zu schließen, so daß eine Lüge, auf die er in den meisten Schriften keinen Werth gelegt haben würde, für ihn sich zur Würde der Wahrheit hob, sobald sie ihm nur in dem fraglichen Journale geboten wurde.

Mrs. Bloomfield schlug nun einen Artikel über Amerika auf, und las daraus mehrere verunglimpfende Ausdrücke über Mr. Howels eigenes Geburtsland vor. Die eine Stelle lautete, »das erste Spielzeug des Amerikaners sei der Klapperschlangenschwanz.«

»Nun was haltet Ihr zum Beispiel von dieser Behauptung, Mr. Howel?« fragte sie, nachdem sie die eben angedeuteten Worte gelesen hatte.

»Oh, dieß ist nur scherzweise gesprochen – ein bloßer Witz.«

»Wohlan denn, was sagt Ihr dazu, wenn man es als Witz betrachtet?«

»Ei, er scheint mir freilich nicht von dem reinsten Wasser zu sein; aber auch die besten Menschen sind sich nicht immer gleich, namentlich was den Witz betrifft.«

»Hier,« fuhr Mrs. Bloomfield fort, indem sie sich einer andern Stelle zuwandte, »ist auf's Bestimmteste angegeben oder vielmehr aufs Bestimmteste gelogen, daß das ›Civil-Departement der Regierung in den Vereinigten Staaten‹ ungefähr sechsmal so viel koste, als wirklich der Fall ist.«

»Unser Gouvernement ist so ungemein schlecht bezahlt, daß ich diesen Irrthum eher der Großmuth zuschreibe.«

»Gut,« fuhr die Dame lächelnd fort. »Hier behauptet der Journalist, der Kongreß habe ein Gesetz erlassen, welches der Demokratie zu Gefallen den Umfang gewisser Schiffe beschränke; die exekutive Gewalt aber umgehe im Geheimen dieses Gesetz und lasse Schiffe von viel größerem Umfang bauen. Nun aber sprechen die Verfügungen des Gesetzes gerade das Gegentheil aus, sintemal sie ausdrücklich befehlen, daß die Schiffe nicht weniger als 74 Kanonen halten sollten – ein Stückchen Belehrung, das ich, beiläufig bemerkt, Mr. Powis verdanke.«

»Unwissenheit, Ma'am; man kann einem Fremden nicht zumuthen, daß er alle Gesetze eines fremden Landes kenne.«

»Wozu aber dreiste, falsche Behauptungen, welche darauf abzielen, dieses Land in Mißkredit zu bringen? Hier ist eine andere Behauptung: – ›zehntausend von den Männern, welche bei Waterloo fochten, würden sich durch ganz Nordamerika Bahn gebrochen haben.‹ Glaubt Ihr dieß, Mr. Howel?«

»Aber dieß ist blos eine Ansicht, Mrs. Bloomfield. Jedermann kann in seinen Meinungen irren.«

»Sehr wahr; indeß handelt sich's hier um eine Ansicht, die im Jahre unsers Herrn Eintausendachthundertundachtundzwanzig ausgesprochen wurde – also nach den Schlachten von Bunkershill, Monmouth, Plattsburg, Saratoga und New-Orleans. Und außerdem hat sich bereits herausgestellt, daß so ziemlich zehntausend von denselben Männern, welche bei Waterloo fochten, nicht einmal vier Stunden weit sich durch das Land Bahn zu brechen vermochten.«

»Ei, ja, alles Dieß zeigt weiter nichts, als daß der Journalist bisweilen im Irrthum ist.«

»Verzeihung, Mr. Howel, ich glaube, man ersieht Euren eigenen Zugeständnissen zufolge daraus, daß sein Witz, selbst als Witz genommen, von sehr untergeordneter Eigenschaft ist – daß er nichts von dem weiß, was er zu wissen vorgibt – und daß seine Raisonnements ganz im Verhältnisse zu seinen Kenntnissen stehen. Wenn nun alles Dieß gegen einen Menschen erwiesen ist, der durch die Art, wie er auftritt, zu erkennen geben will, daß er mehr wisse, als andere Leute, so muß er doch wohl in den Augen eines jeden Vernünftigen als verächtlich erscheinen.«

»Die Sache datirt sich um acht oder zehn Jahre zurück; laßt uns daher genauer auf die Artikel eingehen, um deren willen die Verhandlung begonnen hat.«

» Volontiers.«

Mrs. Bloomfield ließ sich nun aus der Bibliothek das recensirte Werk holen, las einige Stellen der Kritik vor, und schlug dann auf den betreffenden Seiten des Buches selbst nach, wodurch sich herausstellte, daß nicht nur die Citationen häufig verfälscht waren, sondern auch der Kritiker Vieles aus dem Texte weggelassen und in mehreren schlagenden Beispielen auf Kosten der englischen Sprache sich armselige Witze erkauft hatte. Mrs. Bloomfield machte zunächst auf mehrere von jenen dreisten Behauptungen aufmerksam, durch welche sich gerade dieses Journal besonders auszeichnete, und erhob es für jeden Vorurteilsfreien über alle Zweifel, daß sie rein auf Lüge gegründet waren.

»Hier ist ein Beispiel, das von Eurer Seite kaum ein Abdingen oder eine Einwendung zulassen wird, Mr. Howel,« fuhr sie fort; »erweist mir den Gefallen, diese Stelle der Recension zu lesen.«

Mr. Howel willfahrte und blickte sodann erwartungsvoll die Dame an.

»Der Recensent beabsichtigt hier, seine Leser glauben zu machen, daß der Autor sich selbst widersprochen habe – ist's nicht so?«

»Allerdings; nichts kann klarer sein.«

»So spricht also Euer Lieblingskritiker, welcher in unverhohlenen Ausdrücken ihn dieser Sünde zeiht. Betrachten wir aber nun das wahre Sachverhalten. Hier ist die Stelle in dem Werke selbst. Ihr bemerkt erstlich, daß der Satz, welcher den angeblichen Widerspruch enthält, verstümmelt ist, denn der Theil, welcher wegblieb, gibt ihm gerade den entgegengesetzten Sinn von dem, welchen er unter der Scheere des Recensenten gewonnen hat.«

»Ich gestehe zu, daß es allerdings diesen Anschein gewinnt.«

»Ihr bemerkt hier, daß der Schlußsatz desselben Artikels, welcher sich unmittelbar auf den Fragepunkt bezieht, versetzt ist, so daß man glauben muß, er enthalte einen andern Sinn, als den, welchen der Autor wirklich ausgesprochen hat.«

»Auf mein Wort, ich kann nicht anders sagen, als daß Ihr Recht habt.«

»Gut, Mr. Howel; wir haben also den Witz als nicht vom reinsten Wasser erfunden, haben gesehen, wie der Kritiker hinsichtlich der Thatsachen im höchsten Grade unwissend ist, und in gleicher Weise ersehen wir, welche falsche Principien selbst den bestimmtesten Behauptungen zu Grunde liegen. In welche Kategorie nun, wie Kapitän Truck sagen würde, setzt Ihr dieß?«

»Es ist literarischer Betrug,« rief John Effingham, »und der Mann, welcher so schreiben kann, ist ohne Frage ein Schurke.«

»Ich halte diese beiden Thatsachen für unbestreitbar,« bemerkte Mrs. Bloomfield, indem sie Mr. Howels Lieblings-Journal mit der Miene kalter Betrachtung niederlegte, »und muß sagen, daß ich's nicht als nöthig erachtet hätte, in unseren Tagen noch den Allgemeincharakter dieses Werks einem Amerikaner von nur gewöhnlicher Einsicht, geschweige denn einem so verständigen Manne, wie Mr. Howel ist, beweisen zu müssen.«

»Aber Ma'am, es kann doch viel Wahrheit und Gerechtigkeit in den übrigen Bemerkungen liegen,« entgegnete der hartnäckige Mr. Howel, »obschon wir hier auf Irrthümer getroffen sind.«

»Seid Ihr nie in einer Jury gewesen, Mr. Howel?« fragte John Effingham in seiner kaustischen Weise.

»Oft, und auch in großen Jury's.«

»Gut; und hat Euch der Richter nie belehrt, daß das Zeugniß eines Menschen, welcher in einem Punkte als Lügner erfunden wurde, auch in allen anderen werthlos sei?«

»Wohl wahr; aber hier handelt sich's um ein kritisches Journal und nicht um ein Zeugniß.«

»Die Unterscheidung ist gewiß sehr gut,« nahm Mrs. Bloomfield lachend wieder auf; »denn im Allgemeinen kann nichts weniger den Charakter eines ehrlichen Zeugnisses tragen, als eine Recension.«

»Aber ich denke, meine theure Ma'am, Ihr werdet zugestehen, daß Alles dieß ungemein beißend und scharf gesagt ist – ich kann nicht sagen, daß ich je in meinem Leben etwas Schärferes gelesen hätte.«

»Das Beißende liegt eben in den Beiwörtern, Mr. Howel – in den gemeinsten und verächtlichsten Schimpfereien. Würden sich zwei Menschen in Eurer Gegenwart solche Ehrentitel ertheilen, so könnte dieß, glaube ich, nur Euren Widerwillen erregen. Wenn übrigens ein Gedanke klar und treffend ist, so braucht man seine Zuflucht nicht zu einer derartigen Beitze zu nehmen, da man sie nie in Anwendung zu bringen pflegt, als wo es an der ersteren Eigenschaft fehlt.«

»Gut, gut, meine Freunde,« rief Mr. Howel, indem er zurücktrat und auf Grace und Sir George zuging; »es verhält sich allerdings hier anders, als ich Anfangs glaubte – aber dennoch bin ich der Ansicht, daß ihr die Zeitschrift im Ganzen unter ihrem Werth anschlagt.«

»Ich hoffe, diese kleine Lehre wird Mr. Howels Vertrauen auf die Moralität des Auslandes ein wenig abkühlen,« bemerkte Mrs. Bloomfield, sobald der gedachte Gentleman ein wenig aus der Hörweite war. »Ein leichtgläubigerer Götzendienst ist mir noch nie vorgekommen.«

»Die Schule mindert sich mehr und mehr, ist aber gleichwohl noch immer groß genug. Männer, die, wie Tom Howel, ihr ganzes Leben hindurch nur in einer Richtung gedacht haben, sind nicht leicht zu einem Wechsel ihrer Ansichten zu vermögen, namentlich wenn die Bewunderung des Fernen – jener Ferne, ›welche dem Anblick einen Zauber leiht‹ – ihrem Glauben zu Grunde liegt. Wäre derselbe Artikel hier zu Templeton und in Mr. Howels nächster Nachbarschaft geschrieben und gedruckt worden, so würde unser Ehrenmann wohl der Erste sein, welcher sagte, es sei das Machwerk eines Kerls ohne Talent oder Grundsätze, und verdiene gar nicht, daß man ihm nur einen zweiten Gedanken schenke.«

»Gleichwohl glaube ich, der Umstand, daß ihm der Betrug so scharf vor Augen geführt wurde, wird ihn zu einem weiseren, wo nicht besseren Manne machen.«

»Ihn gewiß nicht. Entschuldigt eine etwas rohe Vergleichung, die aber hier sehr passend ist – er wird ›zurückkehren wie der Hund zu dem, was er gespieen hat‹, oder ›wie das Schwein zur Kloake‹. Ich habe nie gesehen, daß ein Anhänger dieser Schule völlig geheilt worden wäre, bis er einmal selbst der Gegenstand eines Angriffs wurde oder ihm bei genauer persönlicher Beziehung der Hochmuth eines europäischen Ueberlegenheitsgefühls empfindlich nahe gelegt wurde. Erst vor einer Woche hatte ich einen Streit mit ihm über Menschlichkeit und über das Freiheitsprincip seines eigenen geliebten Vorbilds. Als ich darauf hinwies, daß die Engländer in ihren Kriegen mit Amerika den Tomahawk zu Hilfe zu rufen pflegten, behauptete er, die indianischen Wilden tödteten keine Weiber und Kinder, sondern nur die Weiber und Nachkommenschaft ihrer Feinde, und auf meine Bemerkung, die Engländer kümmerten sich gleich den meisten übrigen Menschen sehr wenig um eine andere Freiheit als um ihre eigene, erklärte er ganz gelassen, eben diese ihre Freiheit sei die einzige, welche verdiene, daß man sich darum kümmere.«

»O ja!« mengte sich der junge Mr. Wenham ein, der den letztern Theil des Gesprächs mitangehört hatte; »Mr. Howel ist so ganz und gar Engländer, daß er unbedingt in Abrede zieht, Amerika sei das civilirteteste Land der Welt; und eben so wenig gibt er zu, daß wir unsere Sprache besser reden, als je irgend eine bekannte Nation die ihrige sprach.«

»Dieß ist ein so augenfälliger Akt des Hochverrathes,« versetzte Mrs. Bloomfield, indem sie sich Mühe gab, eine ernste Miene anzunehmen; denn Mir. Wenham nahm es selbst durchaus nicht genau damit, wie er sich der Worte bediente, und sprach gemeiniglich › been‹ wie ben‹ – › does‹ wie › doze‹ – › nothing‹ wie › nawthing‹ – › few‹ wie › foo‹ u. s. w., »daß man nothwendig Mr. Howel um dieses Vergehens willen vor den Richterstuhl der öffentlichen Meinung stellen sollte.«

»Es ist allgemein und sogar von unseren Feinden zugestanden, daß unsere Sprechweise die beste ist in der Welt, und vermuthlich liegt hierin der Grund, warum unsere Literatur so schnell die oberste Stufe der Leiter erreicht hat.«

»Und ist dieß wirklich der Fall?« fragte Mrs. Bloomfield mit einer Neugierde, die gewiß in hohem Grade ungekünstelt war.

»Ich glaube, Niemand zieht dieß in Abrede. Hoffentlich werdet Ihr mit mir einverstanden sein, Mr. Dodge?«

Der Herausgeber des »Active Inquirer« war eben noch in guter Zeit herangekommen, um sich über den Gegenstand der Verhandlung unterrichten zu können. Nun hatte aber die Sprechweise dieser beiden Personen, trotz des vielen Gemeinschaftlichen, noch gar Vieles, was nicht gemeinschaftlich war. Mr. Wenham war ein Native von New-York, und sein Dialekt daher ein ziemlich allgemein beliebtes Gemisch von dem Dorischen New-Englands, der holländischen Kreuzung und der alten englischen Wurzel, während Mr. Dodge das reine, unverfälschte Toskanisch seiner Provinz sprach, und dabei starr an allen Tönen und Bedeutungen desselben festhielt. So war z. B. seiner Behauptung zufolge » dissipation« gleichbedeutend mit Trunkenheit – » ugly« (häßlich) mit » vicious« (lasterhaft) – » clever« (gescheit) mit » good natured« (gutmüthig) und » humbly,« wie er das Wort » homely« (schlicht) sprach, mit » ugly« (häßlich). Als Zugabe zu diesen Schönheiten in der Bedeutung, sprach er auch seine Worte so eigenthümlich aus, daß Fremde ihn oft ganz und gar nicht verstunden; und hieran haftete er mit einer Hartnäckigkeit, welche ihre Hauptkraft wohl der Thatsache verdankte, daß es nicht in seiner Macht stand, sich seiner Provinzialismen zu entledigen. Aber trotz aller dieser kleinen Eigenheiten – Eigenheiten für Jeden, mit Ausnahme der Bewohner seiner Provinz – hatte sich doch auch Mr. Dodge die Vorstellung in den Kopf gesetzt, daß er ausgezeichnet gut spreche; er behandelte daher die Sache als einen Gegenstand, der um seiner öffentlichen Anerkennung und der unumstößlichen Begründung willen über allen Zweifel erhaben sei.

»Die Fortschritte der amerikanischen Literatur,« entgegnete der Herausgeber, »sind in der That staunenerregend, und ich glaube, in den vier Theilen der Welt ist allgemein zugestanden, daß unsere Kanzel und unser Gerichtssaal auf der höchsten Stufe dieser beiden Wissenschaftszweige stehen. Ferner besitzen wir die besten Dichter des Zeitalters, und eilf unserer Romanenschreiber übertreffen alle derartigen Schriftsteller in andern Ländern. Die American Philosophical Society wird, glaube ich, allgemein für die scharfsinnigste und gelehrteste Gesellschaft, welche zur Zeit besteht, gehalten, wenn nicht etwa die New-York historical Society mit ihr um diese Ehre wetteifert. Man erkennt bald der einen, bald der andern dieser Körperschaften die Palme zu, obschon ich für meine Person keine Entscheidung abzugeben mich getraue. Und zu welcher Höhe hat sich nicht in den letzten Jahren das Drama gehoben! Das Genie wird nachgerade in Amerika so gewöhnlich wie die Specereien.«

»Ihr habt vergessen, die Presse namentlich aufzuführen,« nahm Mr. Wenham selbstgefällig das Wort. »Ich glaube, wir können uns auf den hohen Charakter unserer Presse mehr zu gut thun, als auf irgend etwas Anderes.«

»Nun ja, die Wahrheit zu sagen, Sir,« entgegnete Steadfast, indem er Mr. Wenham am Arm nahm und ihn langsam hinwegführte, so daß noch ein Theil des Nachfolgenden von den beiden belustigten Zuhörern vernommen werden konnte; »die Bescheidenheit ist ein so untrüglicher Begleiter des Verdienstes, daß wir, die wir uns diesem hohen Berufe geweiht haben, nicht gerne etwas zu unsern eigenen Gunsten sagen mögen. Ihr werdet eine Zeitung nie auf der Schwäche ertappen, daß sie sich selbst preist; aber unter uns kann ich wohl sagen: nach einer genauen Prüfung der Preßverhältnisse in anderen Ländern, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß, was Talente, Geschmack, Rechtlichkeit, Philosophie, Genie und Wahrheitsliebe betrifft, die Presse der Vereinigten Staaten auf der allerhöchsten« –

Mr. Dodge war mittlerweile so weit von den Zuhörern abgekommen, daß der übrige Theil seiner Rede unhörbar wurde, obschon aus der anerkannten Bescheidenheit des Mannes und Schriftstellers sich leicht über den Schluß des Satzes eine Folgerung ziehen ließ.

»In Europa,« bemerkte John Effingham, und in seinem Antlitz drückte sich der kalte Spott aus, welchen es so leicht anzunehmen pflegte, »soll es la vieille und la jeune France geben; aber wir haben, glaube ich, hier ein paar hübsche Pröbchen von einem alten und einem jungen Amerika. Das Erstere setzt Mißtrauen in alles Heimische, sogar in die heimischen Kartoffeln, und das Andere erkennt nirgends ein Verdienst, als in sich selbst.«

»Es scheint eine Art Pendel-Unruhe in der Menschheit stattzufinden,« entgegnete Mrs. Bloomfield, »welche die Ansicht stets um das Centrum der Wahrheit hin und her vibriren läßt; denn ich glaube, man findet selten einen Menschen in der Welt, der nicht geneigt wäre, sobald er einen Irrthum aufgegeben hat, in den entgegengesetzten zu verfallen. Aus dem Glauben, wir hätten gar Nichts, was sich auch nur der Mühe eines Gedanken verlohnte, ist eine Schule hervorgegangen, welche mit baaren Füßen in den Schluß hineingeschlüpft zu sein scheint, daß wir Alles besitzen.«

»Ja, und dieß ist einer von den Gründen, warum die ganze übrige Welt uns verlacht.«

»Uns verlacht, Mr. Effingham? Sogar ich bin der Meinung gewesen, der amerikanische Name habe endlich in anderen Theilen der Welt einen guten Klang gewonnen.«

»Dann seid sogar Ihr, meine theure Mrs. Bloomfield, in einem schweren Irrthum befangen. Allerdings fängt Europa an, von uns anzunehmen, wir seien nicht ganz so schlecht, als es sonst geglaubt hat; gleichwohl sind wir noch immer weit, sehr weit entfernt, daß man uns in Betreff guter Eigenschaften nur die gewöhnliche Höhe anderer Nationen zugestünde.«

»Sicherlich kann man uns Thatkraft, Unternehmungsgeist und Regsamkeit nicht absprechen.«

»Eigenschaften, die man ganz säuberlich mit den Ausdrücken Habsucht, Verschmitztheit und Betrug bezeichnet. Freilich fällt es mir nicht ein, für baare Münze anzunehmen, was Europa und namentlich unser schätzbares blutverwandtes Alt-England aus Vorurtheil oder Berücksichtigung des eigenen Interesses zum Nachtheile Amerika's in Umlauf setzt, da Letzteres meinem unmaßgeblichen Ermessen zufolge ebensoviel wahren Werth besitzt, als nur irgend eine Nation auf Erden, obschon es, während es sich seiner alten Mängel und Thorheiten zu entschlagen sucht, nicht Weisheit genug besitzt, zu entdecken, daß es schnell in recht leidliche – oder wenn Ihr lieber wollt – unleidliche Surrogate derselben verfällt.«

»Was haltet aber Ihr für unseren größten Irrthum, für unsere schwächste Seite?«

»Den kleinstädterischen Sinn mit seinem ganzen Schweife beschränkter Vorurtheile und die Neigung, Mittelmäßigkeit für Vollkommenheit auszurufen. Beides hat seinen Grund in dem doppelten Einflusse einer Unwissenheit, die bei einer Nation, wo die Volksmeinung so gebieterisch herrscht, zum Theil aus dem Mangel an Mustern, zum Theil aus einem unwiderstehlichen Hang eben nach dem Mittelmäßigen entspringt.«

»Aber herrscht die Volksmeinung nicht überall – ist die Stimme der Oeffentlichkeit nicht allenthalben stärker als das Gesetz?«

»In einem gewissen Sinne mögen diese beiden Sätze richtig sein; aber bei einer Nation, die, gleich der unsrigen, keine Hauptstadt besitzt und nur aus Provinzen besteht – wo also Verstand und Geschmack sich nur sehr zerstreut findet, fehlt es dieser Volksmeinung an der gewöhnlichen Richtung, und sie entnimmt ihre Hebel eher der Macht der Zahlen, als der Macht des Geistes. Daher die Thatsache, daß sich die öffentliche Meinung nie oder doch nur selten zur absoluten Wahrheit erhebt. Ich bin mit Euch einverstanden, daß unsere Mittelmäßigkeit als solche gut genug – viel besser sogar, als gewöhnlich ist; aber dennoch bleibt sie Mittelmäßigkeit.«

»Ich sehe, Ihr habt in Euren Bemerkungen Recht, und vermuthlich haben wir hieraus auch die allgemeine Anwendung der Superlative abzuleiten, die sich überall so breit macht.«

»Ohne Zweifel. Man scheut sich, die Wahrheit auszusprechen, sobald sie das gewöhnliche Begriffsvermögen übersteigt, und so kömmt es, daß alle die Diener der Oeffentlichkeit, wie sie sich selbst nennen, statt die heilsame Wahrheit zu enthüllen, deren man so sehr benöthigt war, blos zu ekelhafter Schmeichelei ihre Zuflucht nehmen, um ihre Popularität zu erhöhen.«

»Und wohin soll dieß führen?«

»Der Himmel weiß es. Amerika hat sich zwar von den Vorurtheilen der alten Schule befreit, und deßhalb vor anderen Nationen viel zum Voraus; aber statt ihrer entwickelt sich schnell eine Reihe eigener Vorurtheile, die nicht ohne die ernstlichste Gefahr sind. So lange wir leben, geht es vielleicht noch in dieser Weise fort; möglich auch, daß sich die Gebrechen der Gesellschaft nach und nach bessern – aber dennoch ist es eine Thatsache, daß ein großes Unheil drohend über uns hängt – schlimmer vielleicht als irgend Etwas, was man fürchten kann.«

»Ihr meint damit den politischen Kampf zwischen dem Geld und den Massen, der sich in letzter Zeit so ernstlich kund gegeben hat?« rief die schnell fassende, einsichtsvolle Mrs. Bloomfield.

»Auch dieser hat seine Gefahren; aber es ist noch ein anderes, ein schwereres Uebel vorhanden – ich meine die so allgemeine Neigung, politische Verhandlungen auf politische Männer zu beschränken. Wie die Sachen stehen, hat der Privatbürger, welcher sich herausnimmt, eine politische Frage zur Besprechung zu bringen, zu befahren, daß Alle über ihn herfallen, welche anderer Meinung sind. Man sucht ihm wo möglich in pekuniärer Hinsicht zu schaden, seinen Ruf zu beeinträchtigen und sein häusliches Glück zu vernichten, denn in dieser Hinsicht ist Amerika bei weitem die intoleranteste Nation, die ich je kennen gelernt habe. In den anderen Ländern, in welchen Besprechung politischer Angelegenheiten überhaupt gestattet ist, findet man doch wenigstens den Anschein eines ehrlichen Spiels, was immer auch im Geheimen geschehen mag; aber bei uns scheint jede Lüge, jeder Betrug, ja die keckstirnigste Schurkerei gerechtfertigt zu sein, wenn es darzuthun gilt, daß die anrüchige Person die Kühnheit gehabt habe, sich mit öffentlichen Fragen zu befassen, ohne das zu sein, was das Volk einen öffentlichen Mann zu nennen beliebt. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß unter den Wirkungen einer solchen Stimmung die wahren Absichten einer volksthümlichen Regierung ganz vereitelt werden müssen.«

»Nun Ihr darauf anspielt,« entgegnete Mrs. Bloomfield, »glaube ich selbst Beispiele von dem, was Ihr meint, gesehen zu haben.«

»Ach, meine theure Mrs. Bloomfield, man sieht sie so oft, als sich ein Mann findet, der freisinnig genug ist, um eine von der Wuth der Parteien unabhängige Ansicht zu haben. In Amerika kömmt man nicht darum in's Geschrei, daß man es mit einer Partei hält, sondern nur dann, wenn man sich untersteht, es mit der Wahrheit zu halten. Eine Partei hat Nachsicht mit der andern, aber keine von beiden kann die Wahrheit ertragen. In der Politik ergeht es wie im Kriege. Ganze Regimenter oder einzelne Individuen können desertiren, und finden bei ihren vormaligen Feinden eine offenarmige Aufnahme, denn die Soldatenehre geht selten so weit, daß sie eine derartige Unterstützung zurückweisen könnte; aber beide Theile geben auf die Landleute Feuer, denen es blos darum zu thun ist, Haus und Herd zu vertheidigen.«

»Ihr entwerft unangenehme Bilder von der Menschennatur, Mr. Effingham.«

»Blos weil sie wahr sind, Mrs. Bloomfield. Der Mensch ist schlimmer als die Thiere, und einfach deßhalb, weil er einen Codex von Recht und Unrecht hat, den er nie achtet. Man spricht von den Abweichungen des Kompasses und sucht sogar seine Wechsel zu berechnen, obschon Niemand den Grundsatz erklären kann, welcher die Anziehung der Nadel oder ihr Hin- und Herirren verursacht. Ebenso ergeht es mit den Menschen. Sie thun dergleichen, als hätten sie immer das Rechte im Auge, obschon ihre Blicke stets schief gerichtet sind, und man rechnet mit Sicherheit, wenn man die Abweichungsbogen sehr weit annimmt. Doch da kommt Miß Effingham; sie hat sich ja ganz besonders herausgeputzt und ist schöner, als ich sie je zuvor gesehen habe.«

Die Beiden wechselten rasch die Blicke und näherten sich sodann, als fürchteten sie, sich gegenseitig ihre Gedanken zu verrathen, unserer Heldin, um sie zu begrüßen.


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