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Zwölftes Kapitel.

»Wahrhaftig, du hast dir gestern Abend eine
sehr gnädige Hänselei erlaubt, als du von Pigrogrometus
und von den Vapianern sprachst,
welche die Aequinoctial-Linie von Queubus
überschritten.

Sir Andrew Aguecheek.

 

Es ist bereits bemerkt worden, daß der Fortschritt der Gesellschaft in einem sogenannten »neuen Lande« seine kleinen Eigenthümlichkeiten hat. Bei dem Beginne einer Kolonisirung herrscht so ziemlich jene Art wohlwollender Gesinnung und wechselseitigen Interesses, welche Menschen gegen einander an den Tag zu legen pflegen, wenn sie sich bei einer Unternehmung betheiligt haben, die mit gemeinschaftlicher Gefahr verbunden ist. Die Entfremdung, welche die Verschiedenheit der Erziehung und der Gewohnheiten nothwendig mit sich bringt, wird durch die wechselseitigen Bedürfnisse und Mühen gemindert, und auch der gebildete Mann hält, ohne seinem Charakter und seiner Stellung etwas zu vergeben, mit seinen Nachbarn ungefähr jene Art von guter Kameradschaft und Vertraulichkeit, welche in einem harten Feldzuge das Verhältniß zwischen dem Offizier und dem Soldaten begleitet. Männer und sogar Frauen brechen miteinander ihr Brod und treten in gegenseitigen Verkehr, obschon sie sich unter anderen Verhältnissen wahrscheinlich wildfremd geblieben wären; denn das rauhe Waldleben mit seinen kühnen Wagnissen setzt augenscheinlich die Ansprüche des Mannes von Bildung und blos geistigen Hilfsquellen auf ein gleiches Niveau mit denen, die der körperlich Kräftige und Arbeitstüchtige zu machen hat. In diesem ungekünstelten Verkehr trifft man sich so zu sagen auf neutralem Grund, indem der Eine von seiner Ueberlegenheit Einiges abgibt und der Andere auf eine äußere Gleichheit Anspruch macht, die übrigens, wie er wohl fühlt, nur das Resultat der eigenthümlichen Umstände ist. Mit einem Worte, ein solcher Zustand der Gesellschaft begünstigt die Anforderungen der körperlichen Kraft weit mehr, als die der höheren geistigen Fähigkeiten.

Diese Periode kann vielleicht die glücklichste in dem ersten Jahrhundert einer Ansiedelung genannt werden. Die großen Sorgen des Lebens sind so ernst und nehmen Alles in so hohem Grade in Anspruch, daß kleine Verdrießlichkeiten, die man in einem geregelteren Zustande der Gesellschaft nicht gut ertragen könnte, übersehen und als Dinge, die in der Natur der Sache liegen, betrachtet werden; höchstens lacht man darüber wie über ein regelmäßiges nicht unerwartetes Tagesereigniß. Gegenseitige wohlwollende Gesinnung ist überall zu finden; der Nachbar leistet gerne dem Nachbar Beistand, und das Leben hat viel von der rücksichtslosen Heiterkeit, dem unbekümmerten Verkehr und dem schwungkräftigen Frohsinn der Kindheit. Ist diese Probezeit vorüber, so blickt man gewöhnlich mit schmerzlicher Sehnsucht darauf zurück und hängt mit Liebe an den neuen Scenen oder lächerlichen Ereignissen, welche die Geschichte einer neuen Ansiedlung auszeichnet, wie der Jäger bekanntlich sich nach den Wäldern sehnt.

Auf diese Periode des Scherzes, der Wagnisse, der Mühen und nachbarlicher Gesinnung folgt eine andere, in welcher die Gesellschaft sich zu ordnen beginnt und die gewöhnlichen Leidenschaften das Scepter schwingen. Man sieht jetzt das Ringen nach Raumausdehnung, die glühende Eifersucht um den Vorrang streitender Familien und den Einfluß des bloßen Geldes. Umstände haben wahrscheinlich die örtliche Ueberlegenheit einiger Wenigen außer Frage gestellt, und die Gesellschaft derselben dient den Uebrigen als Ziel. Wissenschaftliche Beschäftigungen mit Einschluß des geistlichen Standes oder dessen, was man Höflichkeits halber so nennt, nehmen den Vortritt – natürlich erst nach dem Reichthum, sobald dieser durch äußeren Prunk unterstützt ist. Dann beginnen jene Abstufungen in der geselligen Stellung, welche den Institutionen Trotz bieten und eine so nothwendige Folge der Civilisation sind, als sich Gewohnheiten und Geschmack aus ungehemmtem Hingeben an Neigungen entwickeln.

Dieß sind vielleicht die unerquicklichsten Verhältnisse der Gesellschaft in einem Lande, welches frei und der Barbarei entnommen zu sein glaubt. Der Geschmack ist noch zu ungebildet, um irgend einen wesentlichen Einfluß zu üben, oder besitzt gewöhnlich die Anmaßung, die bekanntlich an der geistigen Entwicklung der Kindheit haftet. In Folge des jüngsten pêle mêle wird der Kampf nur um so schärfer, und die Menschen sprechen eine Auszeichnung an, die man in älteren und besser regulirten Gemeinschaften für unerreichbar halten würde. Gute Sitte leidet während dieser Periode am meisten noth, da ihr die Natur und die Gesinnung des ersten Zustandes fehlt, während sie zu gleicher Zeit den [gröbsten] Angriffen roher Gemeinheit ausgesetzt ist; denn da der Mensch sich gewöhnlich bereitwillig einer lange anerkannten Ueberlegenheit unterstellt, weil in dem Alterthum ein Zauber liegt, der bisweilen sogar die Leidenschaften zu unterdrücken vermag, so ordnet in älteren Gemeinschaften die Zeit ruhig das, was hier Gegenstand des Kampfes ist. Alles dieß hängt vielleicht von einem allgemeinen natürlichen Grundsatze ab; aber der Zustand der Gesellschaft, welchen wir schildern, hat außerdem noch einige besondere Züge. Die Civilisation Amerika's ist selbst in den älteren Distrikten, welche die neueren Gegenden mit Einwanderern versehen, ungleich, und ein Staat steht auf einer höheren Stufe, als der andere. Da nun die Bevölkerung einer neuen Ansiedelung aus den verschiedensten Theilen der ausgedehnten amerikanischen Union herkommt, so bringt sie natürlich, wie auffallend homogen sie auch für die Umstände sein mag, ihre lokalen Eigenthümlichkeiten mit sich. Mischt man unter derartige Elemente noch eine kleine Beigabe von Europäern, aus verschiedenen Nationen und Stellungen, so können wohl die Wirkungen einer solchen bunten Mengung und die jeweiligen socialen Kämpfe, die daraus folgen müssen, Niemand überraschen.

Der dritte und letzte Zustand einer Gesellschaft in einem »neuen Lande« ist derjenige, in welchem der Einfluß der erwähnten besonderen Ursachen aufhört und Menschen sowohl, als Dinge unter die Leitung allgemeinerer Gesetze zu stehen kommen. Dadurch gelangt natürlich die Gemeinschaft in den Besitz einer Civilisation, die sich, mag sie nun höher oder tiefer stehen, über die ganze Gegend verbreitet und eine Kastentheilung zur Folge hat, welche je nach Umständen mehr oder weniger starr festgehalten wird.

Wie lange die beiden ersten dieser Epochen in der Geschichte einer Ansiedelung dauern sollen, dieß hängt hauptsächlich von dem Fortschreiten ihres Wohlstandes und ihrer Anzahl ab. An manchen Orten dauert die Periode des freundlichen Zusammenwohnens ein ganzes Menschenleben; die Menschen machen vielleicht in den meisten höheren Eigenschaften augenfällige Rückschritte, fühlen sich aber, soweit zeitliche Freuden in Frage kommen, glücklich; anderwärts aber verläuft diese idyllische Aera, wie ich sie nennen möchte, schnell, und ist mit lebensfrischen Vergnügungen aus den Jahren zwischen vierzehn und zwanzig zu vergleichen.

Die zweite Periode hat gewöhnlich einen längeren Bestand, denn die Wanderlust des Amerikaners läßt einen geordneteren Zustand nicht so schnell aufkommen, als es vielleicht unter andern Verhältnissen der Fall wäre. Man kann sagen, sie nehme nicht früher ein Ende, bis die große Mehrheit der lebenden Generation aus Eingebornen der Gegend besteht, welche keine anderen Mittel der Vergleichung kennen, als diejenigen, unter denen sie ihre Tage verbracht haben. Aber selbst dann noch hat man es mit einer Menge von Zugvögeln zu thun, – d. h. mit Leuten, die abenteuerlich dem Glücke nachjagen, die Annehmlichkeiten eines freundnachbarlichen Verhältnisses nicht kennen und so zu sagen fast ohne Heimath leben. Hieraus geht für geraume Zeit ein Mittelzustand der Gesellschaft hervor, von dem es zweifelhaft bleibt, ob er der dritten von uns namhaft gemachten Periode zugehöre.

Templeton stand nun gleichfalls auf dieser Zwischenstufe; denn während die dritte Generation der alten Ansiedler in der kräftigsten Lebensblüthe stand, kamen und gingen so viele Streifzügler, daß der Einfluß derselben den der Zeit und einer natürlichen Ordnung der Dinge wieder zu Nichte machte. Die Bevölkerung theilte sich so ziemlich gleichförmig in Abkömmlinge der früheren Einwohner und in solche, die gleich Schwalben und anderen Wandervögeln nur unstäte Wohnplätze hatten. Diejenigen, welche ursprünglich im Stolze der Mannheit die Gegend betreten und die Wildniß zu einem Aufenthalt für civilisirte Menschen umgewandelt hatten, waren zwar nicht im buchstäblichen Sinne des Worts zu ihren Vätern versammelt, dagegen aber als die Erstlinge ihrer Familien unter denselben Rasen beigesetzt worden, welche noch lange Zeit so vielen ihrer Abkömmlinge als Decke dienen müssen. Von denen, welche als Jünglinge in die Wildniß eingezogen, waren noch Einige am Leben; die Ereignisse der ersten Periode aber, die wir in einem andern Werk unvollkommen schilderten, fielen bereits in das Bereich der Ueberlieferung. Unter diesen ursprünglichen Ansiedlern herrschte noch Einiges von dem Gefühl, das ihren früheren Verkehr mit ihren Nachbarn bezeichnet hatte, und sie fanden ihr größeres Vergnügen darin, wenn sie von den Mühseligkeiten und Entbehrungen ihrer jüngeren Tage sprechen konnten, wie auch der greise Krieger gerne bei seinen Märschen, Schlachten, Belagerungen und Wunden verweilt. Wir würden zu viel sagen, wenn wir behaupten wollten, daß die Personen den mehr ephemeren Theil der Bevölkerung mit Mißtrauen betrachteten, denn sie waren mit dem Wechsel schon zu sehr vertraut, um sich nicht bald an neue Gesichter zu gewöhnen; dagegen waren sie durch das Band einer geheimen Neigung unter sich selbst verknüpft und liebten natürlich vorzugsweise den Umgang mit Denjenigen, welche aus vollem Herzen in ihre eigenen Gefühle eingehen konnten und die meiste Sympathie für sie zeigten. Zu diesem Bruchtheile der Gemeinde gehörten fast Alle, welche einen Sinn für Lokalsagen hatten, da bei ihnen abenteuerliche Erlebnisse die Stelle der Zeit vertraten, während die Eingebornen des Orts, denen es an Erinnerungen gebrach, die so vielen Zauber für ihre Väter hatten, noch nicht hinreichend unter den Einfluß eines Interesses für Erzählungen aus der Vergangenheit gebracht waren, um das heilige Gefühl der Liebe zur Heimath in gehöriger Kraft zu erhalten. Der Gesinnung nach ein wahres Gegenstück zu diesen Ueberresten einer alten Zeit bildeten die so oft erwähnten Zugvögel, eine zahlreiche und rastlose Klasse, die an sich schon fast zureichte, in jeder Gegend, wo sie weilt, alle Poesie oder Ortsangehörigkeit zu zerstören.

In Templeton und der Umgebung waren indeß die beiden feindlich sich gegenüberstehenden Einflüsse fast gleich, und die Abkömmlinge der Väter des Landes begannen eine mannhafte Stellung anzunehmen gegen die ungebundene Gesinnung oder den Mangel an Gemüth, der die Wanderbanden so auffallend auszeichnete. Erstere begannen den Tempel, in welchem ihre Väter Gott gedient hatten, für heiliger zu halten, als die fremden Altäre; der Rasen, welcher die Gebeine ihrer Väter deckte, war ihnen ehrwürdiger als der Boden, den sie mit dem Pfluge aufwühlten, und die Orte ihrer kindlichen Spiele standen ihrem Herzen näher, als die von einer namenlosen Menge betretene Landstraße.

Dieß also waren die Elemente der Gesellschaft, in welche wir den Leser eingeführt haben, und mit der wir ihn während des regelmäßigen Verlaufs unserer Erzählung näher bekannt machen müssen.

Die Rückkehr der Effinghams nach so langer Abwesenheit erregte natürlich in einem so kleinen Orte Aufsehen, und sobald es der Anstand gestattete, begann ein Besuch nach dem andern sich einzufinden.

Man kann sich denken, daß viele falsche Gerüchte in Umlauf kamen, und namentlich gab man im Laufe der ersten zehn Tage unserer Heldin nicht weniger als drei Verlobte, die insgesammt das Haus ihres Vaters bewohnten – nämlich Sir George Templemore, Mr. Powis und Mr. Bragg. Der Letztere verdankte die Ehre dieser Auszeichnung einigen vorschnell ausgesprochenen Hoffnungen, die ihm selbst in der »Aufregung« entwischt waren, als er einem Freunde eine Flasche schlechten Breton-Weins, der des edlen Namens Champagner gewürdigt worden war, ausstechen half.

Doch diese Mährchen tauchten in einem Zustand der Gesellschaft, in welchem das Heirathen das regelmäßige Unterhaltungsthema der Mädchen ist, so oft auf, um wieder hinzusterben, daß sie bald ihre eigene Widerlegung mit sich führten. Namentlich war der dritte Tag des Aufenthalts im Wigwam großer Empfangstag, und die Gentlemen sowohl als die Damen sorgten dafür, daß sie nach zwölf Uhr unbeschäftigt und zu Hause sein konnten, um den Gästen Ehre zu erweisen. Einer der ersten Besuche war Mr. Howel, ein wohlhabender, ruhiger Hagestolz, der mit Mr. Effingham ungefähr in gleichem Alter stand. Die Natur hatte mehr dazu beigetragen, um Mr. Howel zu einem Gentleman zu machen, als Bildung oder Umgang, da er fast sein ganzes Leben über nie aus dem Thal von Templeton gekommen war, wo er, ohne daß man ihn gerade einen Gelehrten nennen konnte, sein Dasein in einem gleichgiltigen Verkehr mit der Tagesliteratur verträumte. Er las gerne, und da er nie Freude an einem rührigen Leben gefunden hatte, so war der Eindruck seiner Lektüre ungefähr der Umformung zu vergleichen, welche der Stein durch beharrliches Niederfallen von Wassertropfen erhält. Unglücklicherweise verstand er keine andere Sprache, als die seines Mutterlandes, und sah sich daher ausschließlich auf das Lesen englischer Bücher beschränkt. Eine Folge davon war, daß er allmählig und ohne daß er es selbst wußte, wenigstens seiner moralischen Natur nach, ein bloßer Reflex der Ansichten, Vorurtheile und Grundsätze wurde, (wenn anders ein derartiges Wort auf einen solchen Geisteszustand Anwendung finden kann,) welche Englands Interessen oder Leidenschaften durch die Presse zu veröffentlichen für passend gefunden hatten. In allen seinen Ansichten herrschte eine vollkommene bonne foi, und obgleich er von Natur aus ein bescheidener Mann war, so hatte er sich doch in die unumstößliche Zuverlässigkeit seiner Autoritäten so sehr hineingelebt, daß er gerne in Punkten, welche die von ihm gelesenen Schriftsteller als ausgemacht zu behandeln schienen, ein wenig absprechend wurde. Zwischen John Effingham und Mr. Howel fanden stets freundschaftliche Disputationsscharmützel Statt, da die beschränkten Kenntnisse und die unschuldige Leichtgläubigkeit des Letzteren mit den originellen Ansichten des Ersteren, welcher daran gewöhnt war, für sich selbst zu sehen und zu denken, außerdem aber auch gerne seiner Ueberlegenheit volle Geltung verschaffte, häufig in Widerspruch geriethen.

»Da kömmt mein alter Nachbar und Schulfreund Tom Howel,« sagte Mr. Effingham, als er vom Fenster aus die erwähnte Person durch einen gewundenen Fußpfad vor dem Haus über den kleinen Hof kommen sah; »ein so wohlwollender Mann, Sir George Templemore, wie nur einer existirt, und ein ächter Amerikaner, denn er hat sein ganzes Leben über die County kaum ein halb Dutzend Mal verlassen – dazu noch einer der sanftmüthigsten und ehrlichsten Menschen, die ich kenne.«

»Ja,« fügte John Effingham bei, »ein so ächter Amerikaner wie es nur einen geben kann, der für Alles, was er sieht, englische Brillen braucht, seine Worte nach englischen Meinungen modelt, unter dem Einflusse englischer Vorurtheile abspricht und für Alles, was ihm schmecken soll, einen englischen Gaumen haben muß. Was – Amerikaner! Der Mann ist eben so wenig Amerikanisch, als die Times oder Charing-Croß! Denkt Euch nur, während des letzten Kriegs machte er eine Reise nach New-York, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß eine Yankee-Fregatte wirklich einen Engländer in den Hafen gebracht habe.«

»Seine Vorliebe für England kann kein Fehler in meinen Augen sein,« versetzte der Baronet lächelnd, »und ich hoffe, wir werden ganz gute Freunde werden.«

»Mr. Howel ist gewiß ein sehr angenehmer Mann,« fügte Grace bei, »und mir jedenfalls von der Templetoner Coterie der liebste.«

»Ah, das wird eine gar innige Vertraulichkeit geben zwischen Templemore und Howel,« sagte John Effingham. »Aber zwischen Letzterem und Miß Effingham dürfte es wohl zu unterschiedlichen Wortkriegen kommen.«

»Thut mir nicht unrecht, Vetter Jack, denn Mr. Howel ist bei mir noch in freundlichem Andenken. Pflegte er doch stets mit meinen kindischen Launen Nachsicht zu haben, als ich noch ein kleines Mädchen war.«

»Der Mann ist ein zweiter Burchell, und ich kann mir wohl denken, daß er damals nie in den Wigwam kam, ohne seine Taschen mit Kuchen oder Bonbons voll gesteckt zu haben.«

Die Begrüßung war herzlich. Mr. Howel bewillkommnete die Gentlemen mit Freundeswärme und drückte eine große Freude aus, Eva durch die Zeit zwischen ihrem achten und zwanzigsten Jahre so vortheilhaft verändert zu sehen. John Effingham blieb gleichfalls hinter den Anderen nicht zurück, denn auch er liebte den einfachen, gutherzigen, aber leichtgläubigen Nachbar.

»Willkommen in der Heimath, willkommen in der Heimath,« fügte Mr. Howel bei, indem er seine Nase [putzte], um die Thränen zu verbergen, die sich in seinen Augenwimpern sammelten. »Ich hatte im Sinne, Euch nach New-York entgegenzugehen, aber für einen alten Mann, wie ich bin, war die Entfernung doch etwas gar zu bedenklich. Euch scheint die Zeit geschont zu haben, Gentlemen.«

»Und doch sind wir Beide einige Monate älter, als Ihr, Mr. Howel,« entgegnete Mr. Effingham freundlich. »Wir haben die von Euch eben erwähnte Entfernung nicht gescheut, um zu kommen und Euch wieder zu sehen.«

»Ja, ihr seid gereiste Leute, Gentlemen – weit gereiste Leute, und an Bewegung gewöhnt. Wie ich höre, sogar bis nach Jerusalem gekommen?«

»Mitten drin, mein guter Freund, und ich wünschte von Herzen, daß wir Euch in unserem Geleite gehabt hätten. Eine solche Reise könnte Euch wohl von Eurer Heimathkrankheit kuriren.«

»Ich bin ein nagelfestes Geräthe und darf jetzt nicht mehr hoffen, je den Ocean zu sehen. In einer Periode meines Lebens trug ich mich mit dem Gedanken, daß es mir doch vielleicht einmal so gut werden könnte, aber jetzt habe ich meine Hoffnungen für immer aufgegeben. Ihr seid in vielen Ländern gewesen, Miß Eva; welchem von allen gebt Ihr den Vorzug?«

»Ich denke, Italien bietet im Allgemeinen die meisten Reize,« antwortete Eva mit einem freundlichen Lächeln, »obschon fast jedes Land seine eigenthümlichen Annehmlichkeiten hat.«

»Italien? – Ei, das nimmt mich sehr Wunder. Ich habe nie viel Interessantes von Italien in Erfahrung bringen können, und hätte erwartet, Ihr würdet England sagen.«

»England ist gewiß ein schönes Land, entbehrt aber doch Vieles, dessen man sich in Italien erfreut.«

»Und das wäre?« entgegnete Mr. Howel, seine Kniee übereinanderschlagend, um in dieser bequemeren Lage zu hören oder nöthigenfalls Einwürfe erheben zu können. »Was kann Italien möglicherweise besitzen, ohne daß es England in noch höherem Grade böte?«

»Zuvörderst seine historischen Erinnerungen und das Interesse, welches Zeit und große Ereignisse einer Gegend verleihen.«

»Und fehlt es England an historischen Erinnerungen und großen Ereignissen? Haben wir da nicht den Eroberer, oder, wenn Ihr so wollt, den König Alfred, die Königin Elisabeth und Shakespeare? Denkt an Shakespeare, meine theure junge Dame, und an Sir Walter Scott und an die Pulververschwörung – und an Cromwell – an Oliver Cromwell, meine theure Miß Eva – an die Westminster-Abtei, an die Londoner Brücke und an Georg IV., den Abkömmling einer Reihe von wirklichen Königen. Was, im Namen des Himmels, kann Italien dem Interesse an die Seite stellen, welches man für derartige Dinge fühlt!«

»Sie sind ohne Zweifel sehr interessant,« entgegnete Eva, die sich Mühe gab, ein Lachen zu unterdrücken; »aber Italien hat gleichfalls Reliquien früherer Jahrhunderte. Ihr vergeßt die Cäsaren.«

»Ja, ja, keine üble Personen für barbarische Zeiten; aber was sind sie in Vergleichung mit den englischen Monarchen? Ich möchte viel lieber einen bona fide englischen König sehen, als alle die Cäsaren, welche je Rom in Brand steckten. Ich halte Niemand für einen wahren König, als den König von England.«

»Wie, nicht einmal den König Salomon?« rief John Effingham.

»Oh, der war ein Bibelkönig, und an diese denkt man nie. Italien! Na, dieß hätte ich nicht von Eures Vaters Tochter erwartet. Euer Ur-ur-ältervater muß ein geborener Engländer gewesen sein, Mr. Effingham?«

»Ich habe Grund, zu glauben, daß dieß der Fall war, Sir.«

»Und Milton, und Dryden und Newton und Locke! das sind glorreiche Namen, – mehr werth, als alle Cäsaren zusammengenommen. Und dazu noch Pope – was haben sie in Italien, das mit Pope verglichen werden könnte?«

»Sie haben wenigstens den Pope Pabst.,« versetzte Eva lachend.

»Und dann sind da der Eberkopf in Eastcheap und der Tower, und die Königin Anna und alle die Schöngeister unter ihrer Regierung; und – und – und Titus Oates und Bosworthfield – und Smithfield, wo die Märtyrer verbrannt wurden – ja, und noch tausend andere hochinteressante Plätze gibt es in Alt-England.«

»Ganz richtig,« versetzte Effingham mit der Miene der Theilnahme; »aber, Howel, Ihr habt den pfeifenden Tom von Coventry und das Klima vergessen.«

»Und Holyrood House und York Minster und St. Paul,« fuhr der würdige Mr. Howel fort, denn er war zu sehr auf den Katalog der Vortrefflichkeiten, die ihm so heilig waren, erpicht, um auf die Unterbrechung zu achten – »und vor Allem Windsor Castle! Welche königliche Residenz gibt es in der Welt, die Windsor Castle an die Seite gestellt werden könnte?«

Da dem Sprecher jetzt der Athem ausging, so fand Eva Gelegenheit zur Antwort, und sie benützte dieselbe mit einer Hast, über die sie nachher selbst zuerst lachte.

»Caserta ist kein gewöhnliches Haus, Mr. Howel, und hat meinem geringen Urtheil nach mehr wahre Großartigkeit in seiner Treppe, als ganz Windsor Castle, mit Ausnahme seiner Kapelle, aufzuweisen hat.«

»Aber die St. Pauls-Kirche?«

»Je nun, ich denke, St. Peter kann sich wohl daneben sehen lassen, wenigstens als Pendant dazu.«

»Ja, die Katholiken sagen so,« entgegnete Mr. Howel mit der Bedächtigkeit eines Menschen, der befürchtet, man möchte aus seinen Zugeständnissen zu viel folgern; »aber ich habe dieß stets für eine von ihren Betrügereien gehalten. Ich glaube nicht, daß es etwas Schöneres geben kann, als St. Paul. Ferner gibt es in England herrliche Ruinen – Ihr werdet mir doch zugeben, daß diese unvergleichlich sind.«

»Der Tempel des Neptun zu Paestum wird gemeiniglich für eine sehr interessante Ruine gehalten, Mr. Howel.«

»Ja, ja, mag wohl sein für einen Tempel, obschon ich mich nicht erinnere, je davon gehört zu haben. Aber ein Tempel kann doch nie den Ruinen einer Abtei an die Seite gestellt werden.«

»Der Geschmack ist gar ein willkürliches Ding, Tom Howel, wie wir Beide recht wohl wissen; denn haben wir nicht als Knaben wegen der Schönheit unserer Ponies mit einander gestritten?« ergriff nun Mr. Effingham das Wort, denn er wünschte einer Erörterung ein Ende zu machen, die ihm nach so langer Abwesenheit ein wenig unzeitig vorkam. »Hier sind zwei junge Freunde, welche die Gefahren unsrer letzten Reise mit uns getheilt haben und Denen wir in hohem Grade für unser nunmehriges sicheres Zusammensein verpflichtet sind; ich wünsche Euch mit ihnen bekannt zu machen. – Dieß ist unser Landsmann Mr. Powis, und dieß ein englischer Freund, der sich zuverlässig glücklich schätzen wird, einen so warmen Bewunderer seines Vaterlandes kennen zu lernen – Sir George Templemore.«

Mr. Howel hatte nie zuvor einen Engländer von Rang gesehen und fühlte sich daher so sehr überrascht, daß er seine Begrüßung ziemlich linkisch vorbrachte. Die beiden jungen Männer kamen ihm jedoch mit jener achtungsvollen Leichtigkeit entgegen, welche Vertrautheit mit der Welt bezeichnet, so daß er bald seine Fassung wieder gewann.

»Ich hoffe, Ihr habt ein gesundes, amerikanisches Herz zurückgebracht, Miß Eva,« nahm der Gast wieder auf, sobald diese kleine Unterbrechung vorüber war. »Wir haben schon Allerlei hören müssen von französischen Marquis und deutschen Baronen; indeß baute ich stets zu viel auf Euren Patriotismus, als daß ich glauben konnte, Ihr würdet einen Ausländer heirathen.«

»Ich hoffe, Ihr macht mit den Engländern eine Ausnahme,« rief Sir George heiter. »Wir gehören ja fast dem gleichen Volke an.«

»Ich bin stolz darauf, diese Aeußerung aus Eurem Munde zu hören, denn nichts ist mir schmeichelhafter, als für englisch gehalten zu werden. Auch würde ich in der That Miß Effingham keinen Mangel an Vaterlandsliebe zum Vorwurfe machen, wenn –«

– »sie ein halbes Dutzend Engländer heirathete,« unterbrach ihn John Effingham, als er bemerkte, daß die Wiederauflebung des alten Thema's in Aussicht stand. »Aber Ihr habt mir noch keine Komplimente gemacht über die Veränderungen im Hause, Howel. Ich hoffe, sie gefallen Euch?«

»Ein bischen zu französisch, Mr. John.«

»Französisch? Am ganzen Thier ist auch nicht ein einziger französischer Zug zu finden. Was hat Euch eine solche Vorstellung in den Kopf gesetzt?«

»Es ist die allgemeine Ansicht, und ich gestehe, das Gebäude würde mir besser gefallen, wenn es weniger von dem Continent an sich hätte.«

»Ei, mein alter Freund, es ist ein non-descript – ein Original – Effingham auf Doolitle, wenn Ihr so wollt; und was allenfallsige Modells betrifft, so ist es eher englisch, als irgend etwas Anderes.«

»Es freut mich, Mr. John, dieß aus Eurem Munde zu hören, denn ich gestehe, daß ich gerne an dem Hause Gefallen finden möchte. Doch wie ist's, Miß Eva – ich sterbe vor Begierde, zu erfahren, ob Ihr während Eures Aufenthalts in Europa alle unsere ausgezeichneten Zeitgenossen gesehen habt. Für mich wäre dieß einer der größten Genüsse beim Reisen.«

»Wenn ich von allen sprechen wollte, würde ich zu viel behaupten, obschon wir mit manchen zusammentrafen.«

»Mit Scott natürlich.«

»Wir hatten das Vergnügen, Sir Walter einigemale in London zu treffen.«

»Und Southey und Coleridge und Wordsworth und Moore und Bulwer und D'Israeli und Rogers und Campbell und das Grab Byrons und Horace Smith und Miß Landon und Barry Cornwall und –«

» Cum multis aliis,« warf John Effingham wieder ein, um diesem Strom von Neuem Einhalt zu thun. »Eva hat Viele von diesen gesehen, und wie Jubal zu Shylock sagt, ›wir kamen oft an Orte, wo wir von den Uebrigen hörten‹. Aber, Freund Tom, Ihr sprecht nicht von Göthe, Tieck und Schlegel, von Lamartine, Châteaubriand Hugo, Delavigne, Mickiewitz, Nota, Manzoni, Nicolini und so weiter.«

Der ehrliche, wohlmeinende Mr. Howel hörte in stummer Verwunderung zu, wie der Andere seine Namenliste herhaspelte; denn mit Ausnahme des einen oder des anderen dieser ausgezeichneten Männer hatte er nie auch nur von ihnen gehört, obschon er in der Einfalt seines Herzens unwillkürlich auf den Glauben gekommen war, es gebe keinen noch lebenden großen Mann, von dem er nichts wüßte oder der nicht den größten Theil seiner Zeit in England zubrächte.

»Ah, da kommt der junge Wenham, um das Gleichgewicht herzustellen,« nahm der am Fenster stehende John Effingham wieder auf, »du wirst ihn wahrscheinlich vergessen haben, Ned, obschon du dich ohne Zweifel seines Vaters erinnerst.«

Mr. Effingham und sein Verwandter begaben sich nun in die Halle hinaus, um den neuen Gast zu bewillkommen, mit welchem John bei Gelegenheit der Wigwam-Reparaturen bekannt geworden war.

Mr. Wenham war der Sohn eines wohlhabenden Rechtsgelehrten in der Grafschaft, und hatte als einziges Kind ein Vermögen ererbt, das ihm eine gemächliche Unabhängigkeit sicherte. Vermöge seines Alters fiel er jedoch mehr in die Generation, welcher Eva angehörte, und wenn Mr. Howel ein Reflex oder vielmehr eine Fortsetzung aller der Provinzial-Vorstellungen war, die Amerika vor vierzig Jahren von England unterhielt, so konnte man von dem jungen Manne fast sagen, daß er einer entgegengesetzten Schule angehörte, denn er war ebensosehr Ultra-Amerikaner, wie sein Nachbar Ultra-Engländer war. Gleich der jeune France gibt es auch ein junges Amerika, obgleich die Schildhalter des letzteren mit weniger kühnen Schritten einherziehen, als die der ersteren. Mr. Wenham hielt sich selbst für einen Ausbund von National-Unabhängigkeit und sprach beharrlich von den amerikanischen Vorzügen, obgleich die alten Eindrücke noch immer an seinem moralischen Systeme hafteten, wie bisweilen auch der Mensch im späteren Leben bei einem nächtlichen Gange über den Kirchhof scheu sich nach dem Gespenste umsieht, das ihn in der Kindheit eingeschüchtert hat. John Effingham kannte den Hang des jungen Mannes und spielte auf den auffallenden Unterschied in den Charakteren seiner beiden Freunde an, als er sagte, er komme gelegen, um das Gleichgewicht herzustellen.

Wir übergehen die Vorstellungs- und Begrüßungs-Ceremonien, um sogleich die Unterhaltung aufzunehmen, die in dem Besuchzimmer stattfand.

»Ihr werdet wohl sehr erfreut sein, Miß Effingham,« bemerkte Mr. Wenham, der als junger Mann und ächter Amerikaner eine junge Dame vor jeder andern gegenwärtigen Person anreden zu müssen glaubte, »daß unser Land während Eurer Abwesenheit so große Fortschritte gemacht hat.«

Eva antwortete einfach, die große Jugend, in welcher sie die Heimath verließ, habe ihr nicht gestattet, über derartige Gegenstände treue Erinnerungen zu bewahren. »Ihr mögt wohl vollkommen Recht haben,« fügte sie bei; »aber einer Person, die, wie ich, blos die Bilder älterer Länder in sich trägt, müssen wohl eher die Mängel auffallen, als die vielleicht ganz richtig so bezeichneten Verbesserungen, da sie noch immer weit hinter der Vollkommenheit zurückbleiben.«

Mr. Wenham machte eine verdrießliche – oder vielleicht besser gesagt, eine unwillige Miene; es gelang ihm jedoch, seine Gelassenheit zu behaupten – gewiß oft eine schwere Aufgabe für einen Mann von provinzialer Erziehung, wenn er findet, daß sein beau idéal von Anderen geringschätzig behandelt wird.

»Miß Effingham muß natürlich tausend Unvollkommenheiten bei uns bemerken,« sagte Mr. Howel, »da sie unmittelbar von England kommt. – Jene Musik zum Beispiel,« – er spielte damit auf die Töne einer Flöte an, die von dem Dorfe her durch die offenen Fenster sich vernehmen ließen, – »muß nach der in London Eurem Ohre rauh genug vorkommen.«

»Die Straßenmusik Londons gehört gewiß unter die besten, wenn sie nicht die allerbeste in Europa ist,« entgegnete Eva, dem Baronet einen Blick zuwerfend, welcher diesen zum Lächeln bewog; »und ich glaube, diese gehört in die gleiche Klasse, da sie sich so unverholen in der Nachbarschaft hören läßt.«

»Habt Ihr die mit Minerva unterzeichneten Artikel des Wochenblattes gelesen, Miß Effingham?« fragte Mr. Wenham, der sich vorgenommen hatte, die junge Dame im Punkte der Sentimentalität auf die Probe zu stellen, da ihm sein erster Versuch, ihr ein Interesse einzuflößen, so übel gelungen war. »Man hält sie allgemein für einen bedeutenden Zuwachs der amerikanischen Literatur.«

»Ah, Wenham, Ihr seid ein glücklicher Mann,« ergriff Mr. Howel das Wort, »wenn Ihr überhaupt nur in Amerika Literatur zu finden wißt, welcher etwas zuwachsen oder weggenommen werden kann. Außer Kalendern, Berichten über schlecht aufgefaßte Prozesse und Zeitungsversen wüßte ich nichts, was einen derartigen Namen verdiente.«

»Wir drucken vielleicht nicht auf so gutes Papier und lassen die Bücher nicht so schön binden, wie andere Leute, Mr. Howel,« versetzte Mr. Wenham aufbrausend und mit finsterer Miene; »aber was Gefühl oder gesunden Sinn betrifft, so braucht die amerikanische Literatur keiner Literatur des Tags den Rücken zu kehren.«

»Beiläufig, Mr. Effingham, Ihr seid in Rußland gewesen; habt Ihr auch den Kaiser gesehen?«

»Ich hatte das Vergnügen, Mr. Howel.«

»Und ist er wirklich das Ungeheuer, als das er uns geschildert wird?«

»Ungeheuer?« rief der ehrliche Mr. Effingham, vor Erstaunen einen Schritt zurückweichend. »In welchem Sinne ein Ungeheuer, mein würdiger Freund, doch gewiß nicht im physischen?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe irgendwo die Vorstellung aufgegriffen, daß er nichts weniger als schön sei. Ein gemeiner, schlächterartiger, blutdürstig aussehender kleiner Kerl, will ich wetten.«

»Ihr versündigt Euch an einem der schönsten Männer unserer Zeit.«

»Ich denke, ich wollte es auf das Urtheil eines Geschwornengerichts ankommen lassen, denn nach dem, was ich in englischen öffentlichen Blättern gelesen habe, kann ich nicht glauben, daß er so gar schön sei.«

»Dann müssen diese englischen öffentlichen Blätter im Irrthume, vielleicht von Vorurtheilen befangen oder sogar boshaft sein, mein guter Nachbar.«

»Oh, ich bin nicht der Mann, der sich in dieser Weise täuschen läßt. Außerdem, welch' ein Motiv könnte ein englischer Schriftsteller haben, über einen Kaiser von Rußland zu lügen?«

»In der That, welch' ein Motiv?« rief John Effingham. »Du hast deine Erwiederung, Ned.«

»Ihr werdet Euch doch erinnern, Mr. Howel,« fiel Eva ein, »daß wir den Kaiser Nikolaus gesehen haben.«

»Ich kann mir wohl denken, Miß Eva, daß Eure edle Natur geneigt war, ihn so wohlwollend als möglich zu beurtheilen, wie ich auch der Ansicht bin, die meisten Amerikaner seien seit dem Kongreß von Gent geneigt gewesen, eine zu günstige Meinung von den Russen überhaupt zu hegen. Nein, nein, ich bin mit dem Bericht der Engländer vollkommen einverstanden; sie leben Petersburg viel näher, als wir, und sind noch obendrein mehr daran gewöhnt, über dergleichen Dinge Berichte zu erstatten.«

»Die Nähe nützt in einem solchen Falle nichts, Tom Howel,« rief Mr. Effingham mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »wenn sie es nicht dem Beurtheilenden möglich macht, mit eigenen Augen zu sehen.«

»Lassen wir dieß, mein guter Freund; wir wollen ein andermal davon sprechen. Ich kenne ja Eure Geneigtheit, Jedermann mit Milde zu beurtheilen. Für jetzt euch Allen guten Morgen, ich hoffe Euch bald wieder zu sehen. Miß Eva, ich habe Euch nur ein einziges Wort zu sagen, wenn Ihr Euch einem Jüngling von Fünfzig für eine Minute in der Bibliothek anvertrauen wollt.«

Eva erhob sich bereitwillig und ging nach dem Zimmer, das der Besuch ihres Vaters namhaft gemacht hatte, voran. Dort angelangt, schloß Mr. Howel bedächtig die Thüre und rief dann in einer Art freudigen Entzückens:

»Um's Himmels willen, meine theure junge Dame, sagt mir, wer waren die beiden fremden Gentlemen in dem anderen Gemache?«

»Niemand anders, als die von meinem Vater genannten Personen, Mr. Howel – Mr. Paul Powis und Sir George Templemore.«

»Natürlich Engländer?«

»Sir George Templemore, ja; in Betreff des Mr. Powis aber können wir uns rühmen, daß er unser Landsmann ist.«

»Sir George Templemore! – welch' ein prächtig aussehender junger Mann!«

»Ei ja,« entgegnete Eva lachend; »er wenigstens wird es Euch nicht in Abrede stellen, daß er ein schöner Mann sei.«

»Wunderbar schön! – Der Andere, Mr. a–a–a – ich habe vergessen, wie Ihr ihn genannt habt – er hat auch ein ziemlich gutes Aeußere, aber dieser Sir George ist ein königlicher Jüngling!«

»Ich sollte fast meinen, die Mehrzahl würde dem Aussehen des Mr. Powis den Vorzug geben,« entgegnete Eva mit erkünstelter Gelassenheit, obschon sie einem verrätherischen Roth nicht wehren konnte, ihr Antlitz zu überfliegen.

»Was kann ihn wohl veranlaßt haben, nach diesen Bergen zu kommen – einen englischen Baronet!« nahm Mr. Howel wieder auf, ohne der Verwirrung Eva's zu achten. »Ist er ein wirklicher Lord?«

»Nur ein kleiner Baron, Mr. Howel. Ihr habt von meinem Vater gehört, daß er unser Reisegefährte war.«

»Aber was denkt er wohl von uns? Ich möchte um's Leben gerne wissen, was ein solcher Mann in Wirklichkeit von uns denken kann.«

»Es ist nicht immer leicht, zu entdecken, was solche Männer in Wirklichkeit denken, obschon ich zu glauben geneigt bin, daß er Einigen von uns ziemlich wohl gewogen ist.«

»Ja, Euch und Eurem Vater und Mr. John. Ihr seid gereist und seid mehr als halb Europäer; aber was kann er möglicherweise von denen denken, die Amerika nie verlassen haben?«

»Ich vermuthe, daß er auch Einigen von diesen wohl geneigt ist,« entgegnete Eva lächelnd.

»Schön, das freut mich. Ist Euch nicht etwa bekannt, welche Meinung er von Kaiser Nikolaus hat?«

»In der That, ich erinnere mich nicht, je den Namen des Kaisers aus seinem Munde gehört zu haben. Es ist wohl möglich, daß er ihn in seinem Leben nie zu Gesicht bekam.«

»Außerordentlich! Ein solcher Mann sollte Alles gesehen haben und Alles wissen; aber zuletzt will ich doch darauf wetten, daß er ihn auf's Tüpfelchen hin kennt. Wenn Ihr vielleicht einige alte englische Zeitungen zu Umschlagpapier oder etwas Aehnlichem gebraucht habt, so möchte ich recht schön darum bitten, gleichviel wie alt sie auch sind. Ein englisches Journal, das vor fünfzig Jahren gedruckt wurde, ist noch immer viel interessanter, als eines der unserigen, wenn es auch feucht von der Presse herkömmt.«

Eva versprach, ihm einen ganzen Pack zu schicken, worauf sie sich zum Abschied die Hände reichten. Als das Mädchen durch die Halle ging, um sich der übrigen Gesellschaft wieder anzuschließen, kam ihr John Effingham entgegen.

»Hat Howel einen Antrag gemacht?« fragte der Gentleman in neckischem Flüstern.

»Keinen anderen, als den, Vetter Jack, daß er alle alten englischen Zeitungen lesen wolle, die ich ihm schicken könne.«

»Ja, ja, Tom Howel wird all' den Unsinn verschlucken, der timbré à Londres ist.«

»Ich gestehe, es wundert mich ungemein, einen achtbaren, verständigen Mann so schwachsinnig zu finden, daß er solchen Autoritäten Glauben schenkt oder seine Ansichten alles Ernstes nach Mittheilungen bildet, die aus einer solchen Quelle fließen.«

»Es kann Euch allerdings überraschen, Eva, die Sache so freimüthig zugestehen zu hören; was aber die Schwäche selbst betrifft, so befindet Ihr Euch jetzt in einem Lande, für welches England denken muß, wenn sich's nicht eben um Gegenstände handelt, welche die gewöhnlichen Ereignisse des Tages berühren.«

»Nein, dieß kann ich nicht glauben. Wenn Ihr Recht hättet, wie kämen wir zu unserer Unabhängigkeit, und woher hätten wir den Muth gewonnen, England zu bekriegen?«

»Der volljährige Mann ist zwar unabhängig von der gesetzlichen Leitung seines Vaters, kann sich aber doch nicht der Lehren entschlagen, die ihm von seinem Erzeuger in der Jugend beigebracht wurden. Der Soldat wird bisweilen meuterisch; aber nach beendigtem Kampf ist er in der Regel der unterwürfigste Mann im Regiment.«

»Alles dieß setzt mich höchlich in Erstaunen! Ich gestehe, daß mir seit unserer Rückkehr vieles dergleichen unangenehm aufgefallen ist, namentlich was die gewöhnliche Gesellschaft betrifft; indeß würde ich nie geglaubt haben, daß sich die Sache zu einer Höhe steigern könnte, wie ich sie an unserem guten Nachbar Howel bemerken mußte.«

»Eine der Wirkungen habt Ihr an einem für uns geringfügigen Gegenstand bemerkt; aber die Jahre bieten Mittel der Beobachtung und Vergleichung – mit der Zeit werdet Ihr einsehen, daß es sich in gleicher Weise auch bei Fragen verhält, die vom nationalen Gesichtspunkt aus die höchste Wichtigkeit haben. Es liegt in der Natur des Menschen, Dinge, die ihm nahe stehen, gering zu schätzen, und die, welche ihm durch Zeit oder Raum fern liegen, viel zu hoch anzuschlagen. Kehren wir übrigens nach dem Besuchzimmer zurück; Ihr werdet in dem jungen Wenham einen Mann finden, der sich für den Anhänger einer neuen Schule hält, obschon seine geistige Befangenheit und seine Vorurtheile kaum weniger augenfällig sind, als die des armen Howel.«

Die Ankunft von noch mehr Gästen, unter denen sich einige Damen befanden, zwang Eva, eine Prüfung von Mr. Wenhams Eigenthümlichkeiten auf eine andere Gelegenheit zu verschieben. Sie fand mehrere Angehörige ihres Geschlechts, die sie als Kinder zurückgelassen, zur weiblichen Reife herangeblüht, meist aber in einer Lebensperiode, welche noch der Ausbildung körperlicher und geistiger Kräfte dienen sollte, bereits hinwelkend unter den Sorgen und Schwächen, die so sehr auf dem jungen amerikanischen Weibe lasten.


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