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Vierzehntes Kapitel.

»Wir folgen Cade – wir folgen Cade.«

Pöbel.

 

Die Begriffe, welche dieser Mr. Bragg und unser alter Reisegefährte Mr. Dodge von religiöser Form haben, scheinen eigenthümlicher Art zu sein,« bemerkte Sir George Templemore, als er auf dem Wege nach dem See in Gemeinschaft mit den drei Damen, Paul Powis und John Effingham nach dem kleinen Hofe vor dem Wigwam hinunterstieg. »Ich denke, es würde schwer fallen, noch andere Geister aufzufinden, die am Knieen beim Gebet einen Anstoß nähmen.«

»Hierin seid Ihr in Irrthum, Templemore,« antwortete Paul, »denn Amerika ist voll von derartigen Religiösen, der besonderen Sekte gar nicht zu gedenken, die vor dem Knieen eigentlich ein frommes Entsetzen hat. Wie alle Neulinge trieben es unsere würdigen Vorfahren eben so gut in Betreff der Formen als in andern Dingen aufs Aeußerste. Wenn Ihr nach Philadelphia kommt, Miß Effingham, könnt Ihr einen sehr lächerlichen Beleg dafür sehen, wenn man anders lächerlich nennen kann, was so viel schmerzlich Empörendes in sich faßt – wie der Mensch Mücken seigt und Kameele verschluckt. Leider steht die Thatsache in unmittelbarer Berührung mit unserer eigenen Kirche.«

Es klang wie Musik in Eva's Ohren, als sie hörte, wie Paul Powis von seinen würdigen Vorfahren als von Amerikanern sprach, folglich sich als ganz und gar ihrem eigenen Geburtslande einverleibt erklärte; denn obschon er über so viele Gewohnheiten der Amerikaner den Stab brach und die Abgeschmacktheiten und Widersprüche derselben aufs Lebhafteste fühlte, so hatte unsere Heldin doch zu viel von anderen Ländern gesehen, um nicht dennoch einen ehrenhaften Stolz auf die wahren Vorzüge ihrer Heimath zu hegen. Einen gleich angenehmen Eindruck machte es außerdem auf sie, als sie aus seinem Munde das offene Zugeständniß vernahm, daß er derselben Kirche angehöre, die sie selbst so hoch verehrte.

»Und was bietet sich denn zu Philadelphia so besonders Lächerliches in unserer Kirche?« fragte sie. »Ich bin nicht leicht zu vermögen, in Dingen Mängel zu finden, welche auf unsere ehrwürdige Kirche Bezug haben.«

»Ihr wißt, daß die Protestanten in ihrem Abscheu vor dem Götzendienst großentheils aufgehört haben, sich des Kreuzes als eines äußeren religiösen Symbols zu bedienen; es gab daher eine Zeit, wo in dem ganzen großen Lande vielleicht nicht ein einziges Kreuz zu sehen war, obschon die Bewohner derselben, ihrer Behauptung zufolge, die Liebe zu Christus und das Vertrauen auf sein Mittleramt zur großen Lebensaufgabe machten.«

»Es ist freilich uns Allen bekannt, daß unsere Vorfahren in allen Punkten des äußerlichen Gottesdienstes ein bischen allzu streng und bedenklich waren.«

»Sie wußten es in der That einzuleiten, den religiösen Cult aller angenehm auf die Sinne einwirkenden Momente zu berauben, indem sie auf eine Vergeistigung hinarbeiteten, die dem geistlichen Stolze und dem frommen Dünkel nur allzu großen Vorschub leistete. Ich weiß nicht, ob das Reisen auf Euch denselben Eindruck geübt hat, wie auf mich; indeß finde ich doch, daß alle meine angeerbte Abneigung gegen die sichtbare Darstellung des Kreuzes vor der feierlichen Verehrung dieses Symbols gewichen ist, namentlich wo dasselbe einfach und ohne jene blutigen und umständlichen Beigaben, die man so oft in katholischen Ländern sieht, dargestellt wird. Die deutschen Protestanten, welche gewöhnlich den Altar mit einem Kreuze zieren, heilten mich zuerst von dem Widerwillen, den ich in meiner Kindheit gegen derartige Dinge eingesogen hatte.«

»Ich glaube, Vetter Jack, auch uns ist dieser in Deutschland herrschende Brauch aufgefallen. Zuerst fühlte ich mich zwar beklommen bei dem Anblick, aber bald wurde er mir lieb, und ich denke, Euch muß es in ähnlicher Weise ergangen sein, denn ich habe unter den Verzierungen des großen Fensters in dem Eingangsthurme des Wigwams nicht weniger als zwei Kreuze bemerkt.«

»Ihr hättet auch in jeder Thure des Gebäudes, mag sie nun groß oder klein sein, ein Kreuz entdecken können, junge Dame. Unsere würdigen Vorfahren, wie sie Mr. Powis nennt – obgleich, beiläufig bemerkt, in ihrer Frömmigkeit nichts weniger als der veredelnde Zug einer geistlichen Demuth oder christlichen Liebe lag – waren solche Ignoranten, daß sie in jede Thüre, die sie anbrachten, Kreuze setzten, obschon sie in heiligem Grauen ihre Augen verhüllten, so oft ihnen das heilige Symbol in einer Kirche zu Gesicht kam.«

»In jede Thüre?« riefen alle Protestanten unter der Gesellschaft.

»Ja, in jede Thüre möchte ich fast sagen; jedenfalls in jede getäfelte Thüre, die seit zwanzig Jahren zusammengefügt wurde. Ich entdeckte das Geheimniß unseres Mißgriffs erst, als ich ein Schloß in Frankreich besuchte, das aus den Zeiten der Kreuzzüge stammt. Ich meine ein Château der Montmorencis, das durch Heirath in die Hände der Familie Condé kam, und der höfliche alte Kastellan, der mir die Denkwürdigkeiten zeigte, machte mich auf den frommen Brauch der Kreuzfahrer aufmerksam, in die Fenster Steinkreuze zu setzen, von welchen dieselben Croisées genannt wurden. Wie ich mich einer Thüre zuwandte, sah ich dieselben Kreuze in den hölzernen Planken, und wenn ihr einen Blick auf die nächste beste bescheidene Thüre werft, an der ihr in diesem Dorfe vorbeigeht, so werdet ihr entdecken, daß euch dasselbe Symbol dreist in's Gesicht starrt – und zwar im Herzen einer Bevölkerung, die schon bei dem Gedanken den Athem verlieren würde, ein solches Zeichen des Thiers, wie sie's nennt, auf ihre Schwelle zu setzen.«

Alle Anwesenden drückten ihre Ueberraschung aus; aber die erste Thüre, an der sie vorbeikamen, bestätigte diese Angabe und bewies, daß John Effingham Recht hatte. Katholischer Sinn und Eifer hätte kaum mehr kunstgerechte Symbole dieses seines Glaubenszeichens zusammenbringen können; denn allenthalben traten sie dem Vorübergehenden vor die Augen, als wollten sie die unwissende und übertriebene Anmaßung verhöhnen, welche einen ungebührlichen Nachdruck auf die untergeordneten Punkte einer Religion legt, deren Wesenheit in Demuth und Glauben besteht.

»Und die Philadelphiakirche,« nahm Eva rasch wieder auf, sobald die Neugierde in Betreff der Thüren befriedigt war. »Ich bin jetzt ungeduldiger, als je, zu erfahren, welche thörichten Mißgriffe wir auch dort begangen haben.«

»Unheilig würde fast ein besserer Ausdruck sein,« entgegnete Paul. »Der einzige Kirchthurm, der seit einem halben Jahrhundert in dieser Stadt steht, hat zur Zierde eine Inful, während das Kreuz auf's Sorgfältigste umgangen wird.«

Es folgte ein Schweigen, denn oft liegt mehr wahre Beweiskraft in der einfachen Darstellung eines Falls, als in aller Rhetorik und Logik, die man zur Unterstützung aufbieten könnte.

Männiglich sah die maßlose Thorheit, um nicht zu sagen, Vermessenheit des Irrthums ein, und für den Augenblick waren Alle erstaunt, wie eine Gemeinde von nur gewöhnlichem Menschenverstand etwas der Art habe zulassen können. Doch nein – Sir George Templemore machte eine Ausnahme von dieser allgemeinen Stimmung. Nach seinen Ansichten von Kirche und Staat, in welchem politischer und religiöser Katholikenhaß eine gleich wichtige Rolle spielten, lag durchaus nichts Unpassendes in dem Umstande, an die Stelle des Kreuzes eine Bischofsmütze zu setzen – ja er fand es im Gegentheil ganz in der Ordnung.

»Ohne Zweifel war die Kirche eine bischöfliche, Powis,« bemerkte er; »und welches Symbol hätte besser gewählt werden können, als die Inful, wenn sich's nicht um ein römisches Gotteshaus handelte.«

»Wenn ich darüber nachdenke, so kömmt es mir gleichfalls nicht so ganz befremdlich vor,« bemerkte Grace hastig, »denn Ihr werdet Euch erinnern, Mr. Effingham, daß die Protestanten die Idee des Götzendienstes mit der Weise in Verbindung bringen, wie die Katholiken sich des Kreuzes bedienen.«

»Dagegen erinnert die Inful an die Bischöfe als Peers im Parlament – an die Verbindung von Kirche und Staat.«

»Ja. Doch ich habe die fragliche Kirche selbst auch gesehen und weiß, daß sie vor dem Revolutionskrieg erbaut wurde. Sie ist eher eine englische als eine amerikanische Kirche zu nennen.«

»Ja, sie ist mehr Englisch als Amerikanisch, und Templemore hat vollkommen Recht, sie zu vertheidigen – Inful und Alles.«

»Vielleicht hat ein Bischof an ihrem Altare funktionirt?«

»Ich denke – ja, ich weiß es sogar gewiß; und kann noch beifügen, daß er die Inful lieber zweihundert Fuß hoch in der Luft, als auf seinem einfachen, weißlockigen, apostolisch aussehenden Kopf hatte. Doch genug von dergleichen Dingen für diesen Morgen; dort ist Tom mit den Booten – laßt uns nach unseren Rudern greifen.«

Die Gesellschaft befand sich nun an dem kleinen, kunstlosen Kai, der als Dorflandungsplatz diente, und der Bootsmann hatte in der Aussicht auf Beschäftigung bereits das Fahrzeug losgemacht; da man jedoch seiner Dienste nicht bedurfte, weil die Gentlemen selbst rudern wollten, so wurde er entlassen. Man machte in den warmen Monaten gerne Wasserpartieen auf dem schönen, spiegelklaren See, und es war gewöhnlich, auf die Beihülfe regelmäßiger Bootsleute zu verzichten, so oft sich unter der Gesellschaft gute Ruderer befanden.

Sobald der leichte Kahn an der Seite des Kais angelegt hatte, begaben sich unsere Freunde an Bord, worauf Paul und der Baronet die Ruder ergriffen, unter deren kräftigen Schlägen in kurzer Zeit das Fahrzeug von dem Ufer abkam.

»Die Welt wird in der That zu enge für den abenteuerlichen Geist des Jahrhunderts,« sagte Sir George, als er und seine Begleiter gemächlich unter den mit Wald bekleideten Klippen des östlichen Ufers hinruderten – eine Richtung, welche sie dem Wunsch der Damen gemäß eingeschlagen hatten – »Powis und ich rudern hier über einen amerikanischen Bergsee, nachdem wir vor nicht sehr langer Zeit an der Küste Afrika's und am Rande der großen Wüste gemeinschaftlich in demselben Boote saßen. Vielleicht sieht uns noch Polynesien und Australien auf einem gemeinschaftlichen kühnen Kreuzzuge.«

»Der Geist des Jahrhunderts wirkt wahrlich Wunder in der von Euch angedeuteten Weise,« bemerkte John Effingham. »Länder, von denen unsere Väter nur gelesen haben, werden uns nachgerade so vertraut, wie unsere Häuser ihren Söhnen, und Ihr bemerkt ganz richtig, daß man kaum voraussehen kann, wie weit es noch der abenteuerliche Sinn der nächsten Paar Generationen bringen wird.«

» Vraiment, c'est fort extraordinaire de se trouver sur un lac Américain!« rief Mademoiselle Viefville.

»Haltet Ihr es für außerordentlicher, hier zu sein, als auf einem Schweizersee, meine theure Viefville?«

» Non, non; mais tout aussi extraordinaire pour une Parisienne.«

»Ich will Euch nun – mit Ausnahme von Mr. John Effingham und Miß van Courtlandt – denen die Sache nichts Neues ist,« fuhr Eva fort, »in die Wunder und Merkwürdigkeiten unseres Sees, wie auch der Gegend überhaupt einführen. Dort in der Nähe des kleinen Hauses, das über der Quelle köstlichen Wassers errichtet worden ist, stand die Hütte Natty Bumppo's, der einst durch alle diese Berge als Jäger berühmt und ein Mann war, welcher mit der Einfachheit eines Waldbewohners den Heldenmuth eines Wilden, den Glauben eines Christen und die Gefühle eines Dichters verband. Ein Besserer, als er in seiner Art war, hat wohl selten gelebt.«

»Wir Alle haben von ihm gehört,« rief der Baronet, neugierig sich umsehend, »und müssen Theilnahme fühlen für Alles, was auf einen so wackeren und gerechten Mann Beziehung hat. Es wäre mir lieb, ein Gegenstück von ihm kennen zu lernen.«

»Leider sind die Tage der ›Lederstrümpfe‹ dahin;« sagte John Effingham. »Er ist heimgegangen, ehe ich in's Leben trat, und ich sehe nur wenige Ueberreste mehr von seinem Charakter in einer Gegend, wo die Spekulation gieriger um sich greift, als die Sittlichkeit, und die Auswanderer weit reichlicher sind, als die Jäger. Natty hat wahrscheinlich wegen der Nähe der Quelle diesen Punkt für seine Hütte gewählt; seid Ihr nicht der gleichen Ansicht, Miß Effingham?«

»Allerdings; und jene kleine Fontäne dort, die Ihr aus dem Dickicht hervorbrechen seht – sie fällt gleich einem Diamantenregen in den See – heißt die ›Feenquelle‹ – vermuthlich in Folge eines Anflugs von Poesie, die, wie so viele unserer Gefühle, eingeführt worden sein muß; denn ich kann keinen Zusammenhang zwischen dem Namen und dem Charakter des Landes entdecken. Nicht einmal die Ueberlieferung weiß etwas von Feen am Otsego.«

Das Boot kam nun unter einen Theil des Ufers, wo die Bäume bis an's Wasser herunterreichten und oft gegen das Element überhingen, in welchem sich ihre phantastischen Gestalten wiederspiegelten. An dieser Stelle glitt ein leichter Kahn in kurzer Entfernung vor ihnen gleichfalls über die Fläche hin. Ein Wink von John Effingham und einige kräftige Ruderschläge brachten das Fahrzeug unserer Gesellschaft in die Nähe des anderen, welches dieselbe Richtung verfolgte.

»Dieß ist das Flaggenschiff,« bemerkte John Effingham in halbem Flüstern, als sie auf den anderen Kahn zufuhren, »denn es enthält keinen geringern Mann als den ›Commodore‹. Früher war das Haupt des Sees ein Admiral; dieß fällt übrigens in eine Zeit, welche der Monarchie noch näher lag und einige der europäischen Ausdrücke bewahrt hatte. Jetzt kann man sich in Amerika nur bis zu einem Commodore erheben, gleichviel, welche Dienste man auch geleistet haben mag, und ob sich's um das Meer oder um den Otsego handle. – Ein lieblicher Tag, Commodore. Es freut mich, Euch noch in Eurer Glorie auf dem Wasser zu sehen.«

Der Commodore, ein großer, hagerer, athletischer Greis von Siebzig mit schneeweißen Haaren, der aber in seinen Bewegungen noch so behend wie ein Knabe war, hatte kaum Zeit gehabt, sich nach dem herannahenden Boote umzusehen, als er schon in der angedeuteten Weise durch John Effingham's wohlbekannte Stimme begrüßt wurde. Er wandte jetzt seinen Kopf, musterte die ganze Gesellschaft durch seine Brille, lächelte gutmüthig und machte eine Schwenkung mit der einen Hand, während er mit der andern zu rudern fortfuhr, denn er stand aufrecht und kerzengerade in dem Sterne seines Nachens.

»Ein schöner Morgen, Mr. John,« antwortete er mit herzlicher Stimme, »und gerade die rechte Zeit des Monats, um den See zu befahren. 's ist freilich kein wissenschaftlich gewählter Tag für's Fischen; indeß bin ich eben herausgekommen, um zu sehen, ob alle die Vorsprünge und Baien noch an ihren rechten Plätzen stehen.«

»Wie kommt's, Commodore, daß das Wasser in der Nähe des Dorfs weniger durchsichtig ist als gewöhnlich und daß wir sogar hier oben so viele Flecken auf der Oberfläche schwimmen sehen?«

»Welch' eine Frage für Mr. John Effingham, wenn er sich auf seinem heimischen Wasser befindet! Was hat man von den Reisen in fernen Ländern, wenn der Mensch, fürcht' ich, dort eben so viel vergißt, als er lernt.« Der Commodore wandte sich jetzt um, erhob seine Handfläche in rednerischer Weise und fügte bei: »Ihr müßt wissen, Ladies und Gentlemen, daß der See in der Blüthe steht.«

»In der Blüthe, Commodore? Ich wußte nicht, daß das Wasser auch Blüthen treibt gleich den Pflanzen.«

»Und dennoch ist's der Fall, Sir; ja, Mr. John, und Früchte dazu – doch müssen diejenigen, welche den Kunstgriff weg haben, darnach graben. Es haben letzter Zeit auf dem Otsego keine wunderbaren Fischzüge stattgefunden, Ladies und Gentlemen, sondern heutzutage muß man wissenschaftlich zu Werk gehen und Kenntniß von den Ködern haben, um von der ächten Sorte auch nur eine Finne über's Wasser zu bringen. Na, ich habe meiner Zeit den Kopf des Sogdollager dreimal in die Luft herausgekriegt, obschon ich mir sagen ließ, der Admiral habe ihn einmal wirklich mit Händen gegriffen.«

»Des Sogdollager?« versetzte Eva, belustigt durch die Eigenthümlichkeiten des Mannes, den sie schon in ihrer Kindheit als den Commandeur des Sees gekannt zu haben sich erinnerte. »Wir werden Euch sehr verpflichtet sein, wenn Ihr uns den Ausdruck sowohl, als den Sinn Eurer Anspielung auf den Kopf und auf die freie Luft erklärt.«

»Ein Sogdollager, junge Dame, ist der Ausbund von einem Dinge. Ich weiß zwar, Mr. Grant, als er noch lebte, pflegte zu sagen, es gebe kein solches Wort im Wörterbuche; aber es gibt gar viele Wörter, die darin stehen sollten und von dem Drucker vergessen wurden. Was nun die Salmforelle betrifft, so ist der Sogdollager ihr Commodore. Ich will Euch freilich nicht Alles erzählen, Ladies und Gentlemen, was ich von dem Patriarchen dieses Sees weiß, denn ihr würdet mir kaum Glauben schenken; aber wenn er nicht geschuppt und ausgenommen hundert Pfund schwer ist, so gibt es keinen Ochsen im Lande, der auch nur ein Pfund auf seinen Beinen wiegt.«

»Ihr sagt, Ihr habet seinen Kopf über dem Wasser gehabt?« bemerkte John Effingham.

»Dreimal, Mr. John – das erstemal vor 30 Jahren, und ich gestehe, er entging mir damals nur aus Mangel an Wissenschaft, denn diese Kunst lernt sich nicht in einem Tage. Ich hatte zu jener Zeit meiner Handthierung erst zehn Jahre obgelegen. Fünf Jahre später kriegte ich ihn zum zweitenmal zu Gesicht und fischte ungefähr einen Monat lang ausdrücklich nach dem alten Gentleman. Eine Minute gings dabei scharf her und es fragte sich sehr, ob er aus dem See heraus oder ich in denselben hinein sollte; indeß brachte ich's doch so weit, daß ich seine Kiemen deutlich zu sehen bekam. Das war ein glorreicher Zug, und Washington fühlte sich in der Nacht, als sich Cornwallis ergab, nicht glücklicher, als ich bei jenem großen Anlasse!«

»Es scheint, daß man in den Gefühlen Anderer nie auslernen kann. Ich hätte gedacht, Aerger über den Verlust würde die vorherrschende Empfindung gewesen sein bei jenem großen Anlaß, wie Ihr ihn so passend bezeichnet habt.«

»Bei einem unwissenschaftlichen Fischer könntet Ihr Recht haben, Mr. John, aber wir erfahrenen Leute wissen das besser. Der Ruhm ist nach der Qualität, nicht aber nach der Quantität zu ermessen, Ladies und Gentlemen, und ich betrachte es für eine weit größere Ehre, den Kopf des Sogdollager eine halbe Minute über dem Wasser zu sehen, als wenn ich den ganzen Nachen mit Grashechten gefüllt heimbrächte. Als ich zum letztenmale des alten Gentleman ansichtig wurde, versuchte ich's nicht, ihn in's Boot zu bringen; aber wir saßen da und unterhielten uns zwei Minuten miteinander – er im Wasser und ich im Schifflein.«

»Ihr unterhieltet Euch?« – rief Eva, »und obendrein mit einem Fische! Was konnte Euch das Thier zu sagen haben?«

»Ei, mein Fräulein, ein Fisch kann so gut sprechen, als Unsereins; die einzige Schwierigkeit liegt nur darin, daß man nicht versteht, was er sagt. Ich hörte von alten Ansiedlern, Lederstrumpf habe oft stundenlang hintereinander Zwiesprach gepflogen mit den Thieren des Waldes und sogar mit den Bäumen.«

»Ihr habt den Lederstrumpf gekannt, Commodore?«

»Nein, junge Dame; thut mir leid, sagen zu müssen, daß ich nie das Vergnügen hatte, seiner auch nur ansichtig zu werden. Er war in der That ein großer Mann. Mag man immer von den Jeffersons und Jacksons sprechen, aber ich betrachte Washington und Natty Bumppo als die zwei einzigen wirklich großen Männer meiner Zeit.«

»Was haltet Ihr von Bonaparte, Commodore?« fragte Paul.

»Na, Sir, ich will wohl glauben, daß Bonaparte einige hervorstechende Züge an sich gehabt haben mag; aber in den Wäldern wäre er der helle Garnichts gewesen gegen Lederstrumpf. Es ist nichts so Gewaltiges, junge Gentlemen, ein großer Mann zu sein unter den Einwohnern der Städte – dem Regenschirmvolk, wie ich's nenne; doch was Natty betrifft, so war er in Führung des Fischspießes fast eben so bewandert, wie in der Handhabung seiner Büchse, obschon ich gestehe, daß ich nie hörte, ob er den Sogdollager zu Gesicht bekommen habe.«

»Wir kommen diesen Sommer schon wieder zusammen, Commodore,« sagte John Effingham. »Die Ladies wünschen jetzt die Echos zu hören, und wir müssen Euch verlassen.«

»Alles sehr natürlich, Mr. John,« entgegnete der Commodore lachend, indem er abermals in seiner eigenthümlichen Weise die Hand schwenkte. »Alles Frauenvolk liebt es, diese Echos zu hören, denn sie sind selten zufrieden mit dem, was sie ein einzigesmal gesagt haben, so sehr sind sie auf die Wiederholung versessen. Noch nie ist mir ein Frauenzimmer auf dem Otsego-Wasser vorgekommen, das sich nicht zuerst zu den sprechenden Felsen hätte hinaufrudern lassen, um mit sich selbst zu plappern. Bisweilen kommen sie in großer Anzahl und sprechen dann alle zumal, um das Echo in Confusion zu bringen. Nicht wahr, Ihr habt gehört, junge Dame, was die Leute jetzt von diesen Stimmen halten?«

»Ich kann nicht behaupten, mehr davon gehört zu haben, als daß man hier einen der vollkommensten Wiederhalle findet,« antwortete Eva, sich voll gegen den alten Mann umwendend, während ihr Nachen an dem des Fischerveteranen vorbeiglitt.

»Einige Leute wollen wissen, daß ganz und gar kein Wiederhall da sei; denn die Töne, welche man höre, rühren von dem Geiste Lederstrumpfs her, der sich in den alten Schlupfwinkeln aufhalte und Alles, was wir sagen, wiederhole, um unsere Unwissenheit zu verspotten oder unsere Eingriffe in die Wälder zu verhöhnen. Ich will nicht sagen, daß diese Vorstellung richtig oder überhaupt nur die meinige ist; aber uns Allen ist bekannt, daß es Natty gar nicht gefiel, wenn neue Ansiedler in die Berge kamen, und daß er einen Baum eben so sehr liebte, wie die Moschusratte das Wasser. Man zeigt hier herum an der Seite der Vision noch einen Baum, in welchem er jeden neuen Ankömmling mit einer Kerbe bezeichnete, bis er die Zahl siebzehn erreicht hatte; dann aber konnte sein ehrliches altes Herz die Sache nicht länger verwinden, und er gab sie in der Verzweiflung auf.«

»Dieß ist sehr poetisch, Commodore, und wir bedauern nur, daß die Sage nicht wahr sein kann. Jedenfalls gefällt mir eine derartige Erklärung von dem Geheimniß der ›sprechenden Felsen‹ viel besser, als diejenige, welche der Namen ›Feenquelle‹ in sich faßt.«

»Ihr habt vollkommen Recht, junge Dame,« rief der Fischer, während die Boote immer weiter von einander abkamen; »man hat am Otsego nie von einer Fee gehört, obschon es eine Zeit gab, in der wir uns eines Natty Bumppo rühmen konnten.«

Der Commodore schwenkte abermals die Hand, und Eva nickte ihm einen Abschiedsgruß zu.

Das Boot unserer Gesellschaft fuhr langsam an dem mit Bäumen gesäumten Ufer hin, wobei es gelegentlich mehr seewärts umbog, um einem überhängenden oder fast horizontalen Baume auszuweichen, und dann wieder so nah gegen das Land hin zurückkehrte, daß die Ruder fast auf dem Kiese anstießen. Eva glaubte nie einen schöneren, romantischeren Baumschlag gesehen zu haben, als der war, welchen die ganze mit Laub bedeckte Bergseite darbot. Zwar war bereits mehr als die Hälfte der hohen, ehrwürdigen Fichten, welche zur Zeit der ersten Colonisirung den Boden bedeckt hatten, verschwunden; aber in Gemäßheit eines der unerforschlichen Gesetze, durch welche die Natur alle Dinge beherrscht, hatte sich an ihrer Stelle ein kräftiger Nachwuchs gebildet, der fast alle amerikanischen Holzarten in sich schloß. Namentlich waren die jungen Schirlingstannen, die an ein Rembrandtisches Gemälde erinnerten, vollkommen schön und bildeten einen lebhaften Gegensatz mit dem helleren Grün der im Winter ihr Laub abwerfenden Bäume. Da und dort diente ein blühender Strauch dazu, das Bild der Landschaft noch mehr zu beleben, während die blühenden Kastanienbäume wie leuchtende Wolken unter den dunkleren Wipfeln der Fichten lagen.

Die Gentlemen ruderten das leichte Schifflein eine ziemliche Strecke unter dem überhängenden Blätterwerke hin, jezuweilen einen Strichvogel von einem Zweig oder ein Wasserhuhn von dem schmalen Strande aufscheuchend. Endlich ließ John Effingham mit Rudern nach, und nachdem er mit der Schaufel das Fahrzeug ein paar Minuten gesteuert hatte, forderte er die ganze Gesellschaft auf, in die Höhe zu blicken, weil sie sich jetzt unter der »schweigenden Fichte« befänden.

Ein gemeinsamer Ausruf freudiger Ueberraschung folgte dem Ausblick, denn selten erscheint ein Baum in einem vortheilhafteren Lichte, als wenn die Augen aller Beschauer plötzlich darnach hingelenkt werden. Die Fichte stand, die Wurzeln tief in die Erde eingesenkt, am Ufer und einige Fuß höher als die Fläche des Sees, aber in einer Lage, daß der Abstand vom Wasser mit in die scheinbare Höhe des Baumes fiel. Gleich allen derartigen Bäumen in den dichten Urwäldern Amerika's hatte sich ihr Umfang durch einen tausendjährigen Wuchs sehr vergrößert, und sie stand jetzt in einsamer Herrlichkeit da, ein Denkzeichen, was die Berge, die noch immer in so reicher Vegetation dalagen, in den Tagen ihres Stolzes gewesen waren. Fast hundert Fuß war der Stamm aller Zweige baar, und dann begannen die dunkelgrünen Nadelmassen, die sich um den Schaft herumschlangen, einem in Kränzen aufsteigenden Rauche gleich. Der hohe säulenähnliche Baum hatte sich, als er noch mit seinen Nachbarn kämpfte, dem Lichte zugeneigt und hing jetzt so weit gegen den See über, daß die Krone um 10 oder 15 Schuh von dem Loth des Fußes abstand. Eine sanfte anmuthige Bogenlinie trug dazu bei, den Effekt dieser Abweichung vom Senkel zu erhöhen und mischte das Großartige gerade zureichend mit dem Schauerlichen, um das Bild erhaben zu machen. Obschon sich auf dem See nicht der leiseste Windhauch verspüren ließ, waren doch die Luftströmungen über dem Walde kräftig genug, um den hohen Wipfel zu bewegen, und man konnte sogar ein leichtes anmuthiges Spielen der obersten Zweige bemerken.

»Diese Fichte führt einen sehr unpassenden Namen,« sagte Sir George Templemore, »denn sie ist der sprechendste Baum, welchen meine Augen je geschaut haben.«

»Sie ist in der That beredt,« antwortete Eva. »Man hört sie sogar jetzt sprechen von den wilden Stürmen, die ihren Scheitel umtobt haben, von den Jahreszeiten, die dahin schwanden, seit sie ihre grüne Haube aus dem Gedränge der Schwestern unter ihr erhoben, und von all dem, was auf dem Wasser des Otsego vorfiel, als dieser klare See noch wie ein Edelstein im Walde eingebettet lag. Bei dem Landen des ersten Eroberers in Amerika stand dieser Baum bereits an der Stelle, wo wir ihn jetzt noch sehen. Hier also ist wenigstens ein amerikanisches Alterthum!«

»Euer reiner und geregelter Geschmack hat Euch schnell einen der wahrsten Zauber des Landes erfassen lassen, Miß Effingham,« sagte Paul. »Wollten wir weniger an unsere künstlichen und mehr an unsere Naturvorzüge gedenken, so würden wir uns weniger der Tadelsucht blosstellen.«

Eva war nie unaufmerksam, wenn Paul sprach, und das Roth ihrer Wangen vertiefte sich, als er ihrem Geschmack dieses Kompliment machte, aber dennoch blieb ihr sanftes blaues Auge an der Fichte haften.

»In einem Betracht mag sie wohl schweigend sein, während sie in einem anderen als sprechend erscheint,« nahm sie mit einer Wärme wieder auf, die durch Pauls Bemerkung nicht gemindert wurde. »Jener kleine Kamm von Grün, welcher der Fahne einer Feder gleicht, spricht zu der Einbildungskraft von tausend Dingen.«

»Ich habe nie eine Person von nur einigem poetischen Gefühl gekannt, die unter diesem Baume nicht in einen ähnlichen Gedankengang verfallen wäre,« bemerkte John Effingham. »Ich brachte einmal einen Mann, der um seines Genies willen in hohem Rufe steht, hieher, und nachdem er den grünen Scheitel des Baumes einige Minuten angelegentlich betrachtet hatte, rief er aus: ›diese Masse von Grün zitterte schon im Lichte der Sonne, als Columbus sich zum ersten Male in das unbekannte Meer wagte.‹ Es ist in der That ein beredter Baum, denn er erzählt Allen, die sich ihm nahen, dieselbe erregende Geschichte – eine Geschichte so reich an Gefühlen und Erinnerungen.«

»Und doch liegt eben in seinem Schweigen die Beredtsamkeit,« fügte Paul bei. »Der Name ist also nicht so unpassend, als man anfangs glauben möchte.«

»Wahrscheinlich verdankt er ihn dem eingebildeten Gegensatze zu den geschwätzigen Felsen, die dort unten im Wald verborgen liegen. Wenn ihr jetzt wieder den Rudern zusprecht, Gentlemen, so können wir bald eine Zwiesprache halten mit dem Geiste Lederstrumpfs.«

Die jungen Männer säumten nicht, dieser Aufforderung zu willfahren, und nach ungefähr zehn Minuten schwamm der Nachen etwa 50 Ruthen vom Ufer ab an einer Stelle, wo die ganze Bergseite mit einem Blicke überschaut werden konnte. Hier legten sie die Ruder nieder, und John Effingham rief den Felsen in klarer, deutlicher Stimme einen »guten Morgen« zu. Die neckischen Töne wurden mit so großer Aehnlichkeit und Bestimmtheit zurückgeworfen, daß Diejenigen, welchen diese Naturerscheinung neu war, nicht wenig betroffen waren. Dann folgten andere Rufe, die vom Echo wiederholt wurden, und zwar in einer Weise, daß auch nicht die mindeste Betonung der Stimmen verloren ging.

»Dieß übertrifft in der That die berühmten Echo's am Rhein,« rief die entzückte Eva; »denn obgleich sie die Töne eines Horns deutlich wiederholen, sind sie, wie ich glaube, doch nicht im Stande, der Stimme mit solcher Treue zu antworten.«

»Ihr habt vollkommen recht, Eva,« versetzte ihr Verwandter, »denn ich kann mich keines Platzes erinnern, wo ein so vollkommenes und genaues Echo zu hören wäre, wie an diesen sprechenden Felsen. Wenn wir nur ein paar hundert Ruthen weiter zurückführen und ein Horn in Anwendung brächten, so würden wir, wie ich aus eigenen Versuchen weiß, mehrere Takte einer Arie zurückwerfen hören. Auch wäre das Intervall zwischen dem Schall und dem Echo abgegränzter und ließe uns Zeit zu ungetheilter Aufmerksamkeit. Was man auch von der Fichte halten mag, diese Felsen führen mit Recht ihren Namen, und wenn Lederstrumpfs Geist etwas mit der Sache zu schaffen hat, so ist er in der That ein Spottgeist.«

John Effingham sah nun auf seine Uhr und erklärte den Uebrigen, daß er noch ein Vergnügen für sie im Rückhalt habe. Auf einem kleinen öffentlichen Spazierplatz, der an der Stelle lag, wo der Fluß von dem See abging, stand ein rohes Gebäude, welches den Namen »Geschützhaus« führte. Hier zeigte sich ein sprechendes Bild der Sicherheit des Landes vor inneren Feinden sowohl als vor äußeren, denn man bewahrte daselbst zwei oder drei Artilleriestücke auf, aber bei offenen Thüren, so daß Jeder das Gebäude betreten oder sogar nach Gutdünken die Geschütze laden und abfeuern konnte, obschon sie eigentlich einem organisirten Staats-Corps gehörten. Eine dieser Kanonen war auf eine Strecke thalabwärts geführt worden, und John Effingham theilte nun seinen Begleitern mit, daß sie jeden Augenblick hören könnten, wie der Knall das schlummernde Echo der Berge wecke. Er hatte kaum ausgeredet, als das Geschütz mit nach Osten gekehrter Mündung abgefeuert wurde. Der Ton brach sich zuerst dem Dorfe gegenüber an der Seite der Vision, rollte dann weiter an der Bergkette von Höhle zu Höhle, von Klippe zu Klippe und von Wald zu Wald, bis sich das Echo wie ein ferner Donner einige [Meilen] nordwärts verlor. Der Versuch wurde dreimal wiederholt und stets mit derselben großartigen Wirkung; denn die westlichen Berge hallten stets das Echo der östlichen wieder, so daß sich der Schall wie die sterbenden Akkorde einer schauerlichen Musik ausnahm.

»Eine derartige Oertlichkeit wäre ein wahrer Schatz in der Nähe eines melodramatischen Theaters,« sagte Paul lächelnd; »denn gewiß hat man nie einen künstlichen Donner gehört, der sich so gut ausgenommen hätte, wie dieser. Auch würde dem See eine Gondel gut anstehen.«

»Ich fürchte übrigens, wer an den endlosen Horizont des Meeres gewöhnt ist, dürfte dieser bescheidenen Wasserfläche bald satt werden,« entgegnete John Effingham mit Bezeichnung.

Paul betheuerte angelegentlich das Gegentheil, und die Gesellschaft ruderte schweigend weiter.

»Dort ist die Stelle, wo wir so lange unsere Pikniks zu halten pflegten,« sagte Eva, auf einen lieblichen Vorsprung deutend, der schön von edlen alten Eichen beschattet wurde, und einem roh zusammengesetzten Hause, welches ebensogut unter dem zerstörenden Einflusse der Zeit, als unter dem der Menschenhände gelitten hatte, zum Standort diente. John Effingham lächelte, als seine Verwandte ihre Begleiter auf den Platz aufmerksam machte, und versprach ihnen, sie bald näher mit seinen Schönheiten bekannt zu machen.

»Beiläufig, Miß Effingham,« setzte er hinzu, »Ihr schmeichelt Euch vermutlich damit, einmal die Erbin dieses traulichen Plätzchens zu sein.«

»Es ist sehr natürlich, daß eines Tages – möge ihn Gott noch lange fern halten – das, was gegenwärtig meinem lieben Vater gehört, auf mich übergehen wird.«

»Allerdings liegt dieß im Gange der Natur und der Gesetzgebung, mein schönes Mühmchen; aber Ihr werdet erfahren müssen, daß es eine Macht gibt, die Eure Ansprüche zu bestreiten droht.«

»Welche Macht – welche menschliche Macht wenigstens könnte die gesetzliche Berechtigung eines Eigenthümers an seine Habe bestreiten? Jener Vorsprung hat uns zugehört, seit der civilisirte Mensch in diesen Bergen weilt; wer wird sich anmaßen, uns desselben zu berauben?«

»Es muß Euch allerdings wundernehmen, daß es wirklich eine solche Macht gibt, und daß sie obendrein Lust hat, sich geltend zu machen. Das Publikum, das allgewaltige, allmächtige, überall herrschende, gesetzmachende und gesetzbrechende Publikum hat sich's in den Kopf gesetzt, jene Euch so theure Stelle an sich zu ziehen; und Ned Effingham muß eine ungewöhnliche Thatkraft aufbieten, wenn er hindern will, daß es sein Ziel erreiche.«

»Dieß kann Euch kaum Ernst sein, Vetter Jack?«

»Ich spreche in so gediegenem Ernste, als es bei der Wichtigkeit des Gegenstandes einem zurechnungsfähigen Wesen nur möglich ist, wie Mr. Dodge sagen würde.«

Eva antwortete nicht weiter, sondern blieb verstimmt und schweigsam, bis die Gesellschaft an's Land stieg; dann aber eilte sie zu ihrem Vater, um ihm mitzutheilen, was sie eben vernommen hatte. Mr. Effingham hörte, wie immer, seiner Tochter mit zärtlicher Theilnahme zu, küßte ihre glühende Wange und beruhigte sie mit dem Bemerken, daß man das Ereigniß, welches sie so ernstlich zu fürchten scheine, nicht wohl für möglich halten könne.

»Aber Vetter Jack kann über einen solchen Gegenstand mit mir nicht Scherz treiben,« fuhr Eva fort. »Er weiß wie theuer mir diese kleinen Erbstücke sind, an denen so manche süße Erinnerung haftet.«

»Wenn es dein Wunsch ist, so können wir über die Sache Erkundigung einziehen, mein Kind. Willst du so gut sein, Pierre zu klingeln?«

Pierre erschien und erhielt die Weisung, Mr. Bragg nach dem Bibliothekzimmer zu berufen. Aristobulus war übrigens augenscheinlich nicht in der besten Stimmung, denn es verdroß ihn sehr, bei der letzten Excursion auf den See übergangen worden zu sein; er meinte nämlich, ein Gemeinderecht auf einen Antheil an allen Vergnügungen seiner Nachbarn zu besitzen, obschon er Selbstbeherrschung genug besaß, seine Gefühle zu verbergen.

»Ich wünsche zu wissen, Sir,« begann Mr. Effingham ohne Einleitung, »ob in Betreff der Eigenthumsrechte auf den Fischvorsprung an der westlichen Seite des Sees eine Irrung obwalten kann?«

»Gewiß nicht, Sir; er gehört der Gemeinde.«

Mr. Effinghams Wange glühete, und sein Antlitz gewann den Ausdruck des Erstaunens, obgleich er im Uebrigen seine Ruhe bewahrte.

»Der Gemeinde! wie behauptet Ihr im Ernst, Mr. Bragg, die Gemeinde spreche jene Stelle an?«

»Ja wohl, Mr. Effingham, denn so lange ich in dieser County wohne, habe ich ihr Anrecht nie bestreiten hören.«

»Ihr haltet Euch noch nicht sehr lange in dieser County auf, Sir, und es ist recht wohl möglich, daß Ihr im Irrthum befangen sein könntet. Ich bin doch begierig, zu erfahren, in welcher Weise die Gemeinde ihren Rechtstitel belegen kann. Ihr seid Jurist, Mr. Bragg, und könnt daher den Fall verständlich auseinandersetzen.«

»Je nun, Sir, Euer Vater trat ihr den Platz bei seinen Lebzeiten ab. Jedermann in dieser ganzen Gegend wird Euch das Nämliche sagen.«

»Glaubt Ihr, Mr. Bragg, es werde sich in dieser ganzen Gegend Jemand finden, der dieß als Thatsache beschwören will? Ihr wißt wohl, daß auch zu Erlangung von Gerechtigkeit Beweise die ersten Erfordernisse sind.«

»Es fragt sich sehr, Sir, ob nicht Jedermann in der ganzen Gegend auf das Fakt schwören wird, denn wie ich sage, so trägt man sich allenthalben in der County mit der gleichen Tradition; und nun offen gegen Euch zu sein, Sir, das Volk ist ein bischen mißvergnügt, weil Mr. John Effingham davon gesprochen hat, er wolle Privatvergnügungen darauf geben.«

»So geht also hieraus hervor, wie müssig und unüberlegt die Traditionen der County in Umlauf gesetzt werden. Da ich übrigens in dieser ganzen Sache klar sehen möchte, so bitte ich Euch, in's Dorf zu gehen, und bei Denen Umfrage zu halten, die Ihr in Betreff jener Stelle für am besten unterrichtet haltet, damit ich danach meine Schritte einleiten kann. Habt die Güte, besonders auf den Rechtstitel Euer Augenmerk zu richten, da ich nicht gerne im Dunkeln einen Zug thun möchte.«

Aristobulus verließ das Haus augenblicklich, und auch Eva entfernte sich, um, sobald sie sah, daß die Angelegenheiten im rechten Gange waren, ihren Vater in seinen Betrachtungen über den Vorgang nicht zu stören. Mr. Effingham ging einige Zeit verstört im Bibliothekzimmer auf und nieder; denn der in Frage stehende Platz war auf's Innigste mit seinen frühesten Gefühlen und Erinnerungen verwoben, und wenn es einen Fuß Land auf Erden gab, der ihm, seine Wohnung ausgenommen, theurer war, als alle übrigen, so konnte dieß wohl von dem Fischvorsprung behauptet werden. Ungeachtet seiner Einreden gegen John Effingham's Spötteleien konnte er sich nicht verbergen, daß seine Heimath seit der Zeit seiner letzten Anwesenheit viele Veränderungen und zum Theil augenscheinliche Verschlimmerungen erlitten hatte. Der Geist ungezügelter Gewaltthätigkeit hatte um sich gegriffen, und der gewissenlose Gesetzesverächter brauchte nur eine kühne Sprache zu führen, um der beabsichtigten Einschüchterung sicher zu sein. Wenn er indeß die näheren Verhältnisse des Falles und die gute Begründung seines Rechtes näher erwog, so konnte er sich bei dem Gedanken, daß man es ihm streitig machen wollte, eines Lächelns nicht erwehren. Bald nachher setzte er sich wieder an den Schreibtisch und vergaß darüber beinahe ganz, was über den unangenehmen Gegenstand zur Sprache gekommen war.

Aristobulus blieb mehrere Stunden aus und kehrte erst wieder zurück, als Mr. Effingham zum Diner angekleidet und wieder allein in dem Bibliothekzimmer war, wo dieser den an seinen Sachwalter ertheilten Auftrag schon völlig vergessen hatte.

»Es ist, wie ich Euch sagte, Sir. Das Publikum besteht darauf, der Vorsprung sei Gemeindeeigenthum, und ich halte es für meine Pflicht, Euch zu sagen, Mr. Effingham, daß die Gemeinde entschlossen ist, ihren Ansprüchen Nachdruck zu geben.«

»In diesem Falle ist es nur in der Ordnung, Mr. Bragg, daß ich Euch sage, die Gemeinde habe durchaus kein Eigenthumsanrecht an diese Stelle, sintemalen ich der Eigenthümer und zugleich fest entschlossen bin, meinen Ansprüchen Nachdruck zu geben.«

»Es ist hart, gegen Dornen auszuschlagen, Mr. Effingham.«

»Wohl, Sir, und so wird sich's auch zeigen, wenn die Gemeinde darauf besteht, Eingriffe in ein Privatrecht thun zu wollen.«

»Je nun, Sir, Einige von Denen, mit welchen ich Rücksprache genommen habe, sind sogar soweit gegangen, mir aufzutragen, – ich hoffe, Ihr werdet meine Beweggründe nicht mißdeuten –«

»Wenn Ihr eine Mitteilung zu machen habt, Mr. Bragg, so thut es ohne Rückhalt. Es ist ganz in der Ordnung, daß ich den Tatbestand genau kenne.«

»Wohlan denn, Sir, ich bin so zu sagen, der Ueberbringer eines Fehdebriefs. Das Volk will Euch zu verstehen geben, daß es Eure Rechte sehr gering anschlage und darüber lache. Ohne Umschweife – man bietet Euch Trotz.«

»Ich danke Euch für diese Freimütigkeit, Mr. Bragg – sie erhöht meine Achtung vor Eurem Charakter. Da die Angelegenheiten so weit gediehen sind, so ist es nöthig zu handeln. Wenn Ihr Euch einen Augenblick mit einem Buch unterhalten wollt, so werde ich bald weitere Gelegenheit haben, Eure Güte in Anspruch zu nehmen.«

Aristobulus las nicht, denn er war zu sehr von Erstaunen erfüllt, als er einen Mann so gelassen sich zum Kampfe mit jenem ehrfurchtgebietenden Publikum anschicken sah, vor dem er sich, wie der asiatische Sklave vor seinem Monarchen, zu beugen gewöhnt war. Ueberhaupt hatte ihn nur jene Allgewalt – denn in diesem Lichte erschien ihm die Macht der Oeffentlichkeit – so kühn gemacht, die erwähnte unumwundene Sprache gegen seinen Mandanten zu führen, denn er fühlte das geheime Vertrauen in sich, daß er, mochte nun von Recht oder Unrecht die Rede sein, in Amerika stets furchtlos und ohne Gefährde sich für den großen Haufen erklären konnte. Inzwischen schrieb Mr. Effingham eine einfache Verwahrung gegen alle Uebergriffe in das fragliche Eigenthum nieder und übergab sie dem Sachwalter mit der Bitte, sie in die nächste Nummer des im Dorfe erscheinenden Blattes einrücken zu lasse. Mr. Bragg nahm die Ankündigung in Empfang und entfernte sich ohne Widerrede, um den Auftrag auszuführen.

Den andern Tag verbrachte Mr. Effingham im Kreise der Seinigen, und es wurde Abend, bis er sich wieder allein in dem Bibliothekzimmer befand. Jetzt erschien Mr. Bragg in großer Aufregung, und John Effingham, der von dem Vorgefallenen Kunde erhalten hatte, folgte ihm.

»Ich bedaure, sagen zu müssen, Mr. Effingham,« sagte Aristobulus, »daß Eure Ankündigung vielleicht das größte Aufsehen gemacht hat, das ich je in Templeton zu erleben so unglücklich war.«

»Dieß kann nur sehr ermuthigend für uns sein, Mr. Bragg, denn Leute, die unter dem Einflusse aufgeregter Gefühle handeln, lassen sich gerne Mißgriffe zu Schulden kommen.«

»Wohl wahr, Sir, wenn sich's um individuelle Aufregung handelt; aber hier ist von der ganzen Gemeinde die Rede.«

»Ich wüßte nicht, wie der Fall hiedurch auch nur im mindesten geändert werden sollte. In der Aufregung thut der Mensch manches Thörichte, und hat er noch ein halb Dutzend Hetzer, so wird dadurch seine Thorheit höchst wahrscheinlich noch erhöht.«

Aristobulus hörte mit steigender Verwunderung zu, denn Aufregung war eines der Mittel zu Erreichung öffentlicher Zwecke, welche von Leuten seines Schlages so oft kunstgerecht in Anwendung gebracht wurden, daß es ihm nie zu Sinne gekommen war, eine einzelne Person könne gegen den Einfluß derselben gleichgültig sein. Die Wahrheit zu gestehen, er hatte gefürchtet, sich durch seine unabweisliche Betheiligung bei der Sache unpopulär zu machen, weßhalb er selbst an dieser Aufregung geschürt hatte, in der Hoffnung, »Mr. Effingham in's Bockshorn zu jagen,« wie er sich gegen einen seiner Vertrauten in der klassischen Sprache des Landes zu äußern beliebte.

»Eine öffentliche Aufregung ist eine gewaltige Maschine, Mr. Effingham,« rief er in einer Art politisch frommen Entsetzens.

»Ich weiß vollkommen, Sir, daß sie sogar eine furchtbar gewaltige Maschine werden kann. Aufgeregte, in Massen handelnde Menschen bilden das, was man gemeiniglich einen Pöbelauflauf nennt, und haben sich schon tausend Ausschweifungen und Verbrechen zu Schulden kommen lassen.«

»Eure Ankündigung will den Leuten durchaus nicht hinunter und ist, aufrichtig gesprochen, in hohem Grade unpopulär.«

»Vermuthlich ist es, so weit die sich mir widersetzenden Individuen betheiligt sind, stets ein unpopulärer Akt, wie Ihr's nennt, einen Angriff abzuweisen.«

»Aber sie nennen Eure Ankündigung einen Angriff, Sir.«

»In dieser einfachen Thatsache liegt die ganze Bedeutung der Frage. Wenn ich der rechtmäßige Eigenthümer jenes Platzes bin, so fällt der Vorwurf des Angriffs auf die Gemeinde oder denjenigen Theil derselben, welcher sich mit der Angelegenheit befaßt, und ihr Unrecht ist nur um so schreiender, in je größerer Anzahl sie gegen einen Einzigen auftreten. Sind aber ihre Ansprüche gesetzlich, so bin ich nicht nur sehr im Unrecht, sondern handle auch im hohen Grade unklug.«

Die Ruhe, mit welcher Mr. Effingham dieß sprach, übte solchen Eindruck auf Aristobulus, daß er für einen Augenblick ganz verduzt dastand. Er faßte sich jedoch schnell wieder, denn die Nachtheile der Unpopularität vergegenwärtigten sich auf's Neue einer Einbildungskraft, die so lange daran gewöhnt gewesen war, die Volkslaunen zu studiren, daß ihr die Volksgunst als das einzige große Gut des Lebens erschien.

»Aber sie behaupten, daß ihnen der Vorsprung gehöre, Mr. Effingham.«

»Und ich sage, er gehört ihnen nicht, Mr. Bragg – hat ihnen nie gehört – und mit meiner Zustimmung sollen sie ihn auch nie haben.«

»Dieß liegt in der Natur der Sache,« bemerkte John Effingham: »und ich gestehe, daß ich neugierig bin, zu erfahren, woher dieses allgewaltige Publikum seinen Rechtstitel ableitet. Ihr seid Jurist genug, Mr. Bragg, um zu wissen, daß Gemeinden nur in Folge des Herkommens oder durch ausdrückliche Statuten Eigenthum besitzen können. Auf welchen Titel wird nun im gegenwärtigen Falle die Berechtigung gegründet?«

»Zuvörderst auf lange Nutznießung, Sir, und dann auf specielle Schenkung.«

»Ihr wißt wohl, daß in einem solchen Falle die Nutznießung die Berechtigungen anderer Ansprucherheber ausschließen müßte. Nun aber bin ich ein lebender Zeuge, daß mein verstorbener Onkel der Gemeinde erlaubte, sich dieses Vorsprungs zu bedienen, und daß die Gemeinde auf die Bedingungen einging. Die Nutznießung hat daher nicht ausschließend gewirkt – wenigstens nicht lange genug, um einen Rechtstitel zu constituiren. Jede Stunde der Benützung, welche mein Vetter der Gemeinde aus freien Stücken gestattete, erhöht sein Recht sowohl, als die besagter Gemeinde auferlegte Dankesverpflichtung, und macht letztere um so mehr verbindlich von der Benützung abzustehen, sobald er es verlangt. Wenn sich's um eine specielle Schenkung von Seite meines verstorbenen Onkels handelt, wie Ihr sagt, so muß auch entweder eine darüber ausgefertigte Urkunde oder ein Gesetz vorhanden sein, welches das Publikum zum Besitz des Eigenthums ermächtigt. Welches von Beiden ist nun der Fall?«

»Ich gebe zu, daß ich weder eine Urkunde gesehen habe, noch mir das Bestehen irgend eines Gesetzes bekannt ist. Gleichwohl muß die Gemeinde Ansprüche haben, denn unmöglich können so viele Menschen im Irrthume sein.«

»Nichts ist leichter oder gewöhnlicher, als daß ganze Gemeinschaften irren, um so mehr, wenn sie mit der ›Aufregung‹ beginnen.«

Während John noch sprach, begab sich Mr. Effingham nach einem Secretär, nahm einen großen Pack Papiere heraus, legte sie auf den Tisch und begann sofort mehrere Pergament-Urkunden zu entfalten, welchen große Siegel mit den Wappen der vormaligen Kolonie, wie auch mit denen von England angefügt waren.

»Hier sind meine Berechtigungsdokumente, Sir,« sagte er, sich mit scharfer Betonung an Aristobulus wendend; »wenn die Gemeinde bessere vorzuweisen hat, so soll sie's thun, und ich werde nicht säumen, ihre Ansprüche anzuerkennen.«

»Es unterliegt keinem Zweifel, daß der König durch seinen autorisirten Agenten, den Gouverneur der Kolonie New-York, dieses Besitzthum Eurem Vorfahren verliehen hat, Mr. Effingham; auch bestreitet Niemand, daß es gesetzlich auf Euren Vater überging. Dagegen wird von Allen behauptet, Letzterer habe freiwillig den Vorsprung als öffentlichen Spazierplatz an die Gemeinde abgetreten.«

»Es ist mir lieb, daß die Frage in einer Weise begränzt wird, daß die Prüfung so leicht hergestellt werden kann. Welcher Beweis liegt vor, daß mein verstorbener Vater eine derartige Absicht gehabt habe?«

»Das allgemeine Gerücht. Ich habe mit zwanzig Personen im Dorf gesprochen, und sie Alle stimmen darin überein, der ›Vorsprung‹ sei seit unfürdenklichen Zeiten von der Gemeinde als öffentliches Eigenthum benutzt worden.«

»Wollt Ihr die Güte haben, Mr. Bragg, mir Einige von Denen namhaft zu machen, welche eine solche Behauptung aufstellen?«

Mr. Bragg willfahrte und zählte seine Liste von Personen mit einer Fertigkeit auf, welche bewies, daß er diesen Zeugnissen eine Kraft beilege, gegen welche nicht leicht aufzukommen sei.

»Ihr zählt da eine Menge Namen auf, ich kenne aber nur drei derselben,« entgegnete Mr. Effingham; »und auch diese sind die von Personen, welche kaum die Knabenschuhe vertreten haben. Das erste Dutzend muß daher aus Leuten bestehen, welche von diesem Dorfe nicht mehr wissen können, als was sie während der letzten paar Jahre zusammengeklaubt haben. Einige davon sind, wie ich wohl weiß, nur ein paar Wochen – ja sogar nur etliche Tage unter uns.«

»Habe ich dir nicht gesagt, Ned,« unterbrach ihn John Effingham, »daß ein amerikanisches ›Stet‹ achtzehn Monate bedeute, und daß ›eine unfürdenkliche Zeit‹ sich blos auf die letzte allgemeine Krisis im Geldmarkte beziehe?«

»Die von mir aufgeführten Personen bilden einen Theil der Bevölkerung, Sir,« fügte Mr. Bragg bei, »und sie sind sammt und sonders bereit, eidlich zu erhärten, daß Euer Vater in irgend einer Weise – mit Kleinigkeiten nehmen sie's nicht sonderlich genau – ihnen das Recht verliehen habe, sich dieses Eigenthums zu bedienen.«

»Sie sind im Irrthum, und es sollte mir leid thun, wenn Einer unter ihnen eine solche Unwahrheit beschwören könnte. Doch hier sind meine Dokumente; sie sollen mir eine bessere Berechtigungsurkunde oder überhaupt nur eine Berechtigungsurkunde vorlegen, wenn sie können.«

»Vielleicht hat Euer Vater den Platz der Gemeinde testamentarisch vermacht, und dadurch würde jedenfalls der Anspruch gesetzlich begründet.«

»Dieß that er nicht – ich bin ein lebender Beweis von dem Gegentheil. Er hinterließ sterbend den Vorsprung seinen Erben, und ich selbst übte volles Eigentumsrecht daran aus, bis ich auf Reisen ging. Ich habe ihn natürlich nicht in der Tasche mitnehmen können, Sir, sondern überließ ihn dem Schutz der Gesetze, die, wie ich hoffe, für Reich und Arm gleiche Geltung haben, obschon dieß ein freies Land ist.«

»Je nun, Sir, da Ihr so unnachgiebig zu sein scheint, so wird wohl ein Geschwornengericht die Sache zur Entscheidung bringen müssen. Ich warne Euch übrigens, Mr. Effingham, denn Jeder, der dieses Land kennt, weiß, daß man nicht hoffen darf, ein Verdict zu gewinnen, gegen das sich die öffentliche Meinung erheben würde. Wenn der Beweis hergestellt wird, Euer verstorbener Vater habe beabsichtigt, dieses Eigentum der Gemeinde zu vermachen oder zu schenken, so ist Eure Sache verloren.«

M. Effingham störte einen Augenblick in den Papieren und wählte eines aus, das er Mr. Bragg einhändigte, indem er ihn zugleich auf einen besonderen Abschnitt aufmerksam machte.

»Dieß, Sir, ist das Testament meines seligen Vaters,« sagte Mr. Effingham mit Milde, »und in dieser Klausel hier werdet Ihr finden, daß er über denselbigen Vorsprung eine besondere Verfügung trifft; er hinterläßt ihn seinen Erben unter Bestimmungen, welche jede Absicht, ihn dem Publikum zu überlassen, ganz und gar ausschließen. Dieß ist wenigstens das späteste Zeugniß, welches ich, sein einziger Sohn, Testamentsvollstrecker und Erbe von seinen letzten Wünschen besitze; wenn Euer wanderndes und aus unfürdenklichen Zeiten kommendes Publikum einen bessern beizubringen hat, so sehe ich ihm mit Ungeduld entgegen.«

Mr. Effingham's gelassene Weise hatte Aristobulus getäuscht, da sich dieser nicht entfernt eines Beweises versah, welcher so vollständig die Anmaßung des Publikums zu Nichte machte. Die maßgebende Stelle bestand in einem kurzen, einfachen Paragraphen, welcher über das fragliche Eigenthum namentlich verfügte, und es konnte daher keinem Streit unterliegen, daß Mr. Effingham in alle Rechte seines Vaters ohne Vorbehalt oder Bedingung in irgend einer Art eingetreten sei.

»Dieß ist ja ganz außerordentlich!« rief Mr. Bragg, nachdem er den Abschnitt mehrere Male durchgelesen hatte, da ihm jedesmal nur klarer einleuchtete, wie die Sachlage nur zu Gunsten seines einzelnen Mandanten, dagegen aber um so kräftiger gegen den gehofften künftigen Principal, das Volk, sprach. »Das Publikum hätte von diesem Testament des seligen Mr. Effingham Kenntniß haben sollen.«

»Allerdings wäre es besser gewesen, es hätte sich zuerst unterrichtet, ehe es sich anmaßte, das Kind des Erblassers seines Eigenthums zu berauben; oder vielmehr, sie hätten wenigstens Gewißheit darüber einziehen sollen, ob nicht eine solche Verfügung vorhanden sei.«

»Ihr werdet mich entschuldigen, Mr. Effingham, aber ich bin der Ansicht, es liege in einem derartigen Fall, in welchem das Publikum eine falsche Vorstellung aufgegriffen hat, wie ich es hier klärlich in Betreff des Vorsprungs zugeben muß – dem einzelnen Bürger ob, die Gemeinde aufzuklären und ihr mitzutheilen, daß sie den Platz nicht eigne.«

»Dieß ist bereits in der Ankündigung geschehen, die Ihr in die Druckerei zu tragen die Güte hattet, obschon ich in Abrede stelle, daß ich zu einem derartigen Schritte verpflichtet war.«

»Aber, Sir, sie erheben Einwendungen gegen die Art, deren Ihr Euch bedient habt, sie zu belehren.«

»Ich glaube, ich habe nicht anders gehandelt, als es in Fällen unrechtmäßiger Uebergriffe üblich ist.«

»Sir, sie erwarteten etwas Anderes, in einer Angelegenheit, in welcher das Publikum so – so – so –«

»Ganz und gar Unrecht hat,« warf John Effingham mit Schärfe ein. »Ich habe im Dorfe schon davon gehört, Ned, und tadle deine Mäßigung. Ist es wahr, daß du mehreren deiner Nachbarn sagtest, du wünschest sie nicht an Benützung des Vorsprungs zu hindern, sondern wolltest die Frage blos Rechtens erledigen, um Aufdringlichkeiten abweisen zu können, wenn du dich selbst ungestört mit deiner Familie an diesem Orte vergnügen möchtest?«

»Allerdings John, mein einziger Wunsch ist, das Eigenthum denen zu bewahren, denen es speciell zugetheilt wurde, und ihnen, da sie das beste Recht daran haben, gelegentlich einen ungestörten Besitz zu sichern. Auch beabsichtigte ich, einer weiteren Beschädigung der Bäume vorzubeugen, wie sie bisher so häufig von den rohen Menschen begangen wurde, welche sich so ganz für das Publikum halten, daß sie sich sogar ihrer Persönlichkeit begeben, wenn dieses Publikum irgend einen Anspruch erhebt. Dagegen wünsche ich nicht, meinen Nachbarn das unschuldige Vergnügen eines Spaziergangs nach dem Vorsprung zu verkümmern, obschon ich fest entschlossen bin, mich nicht meines Eigenthums berauben zu lassen.«

»Du bist weit nachsichtiger, als ich sein würde; aber vielleicht kommen dir gleichfalls andere Gedanken, wenn du dieß gelesen hast.«

Mit diesen Worten händigte John seinem Verwandten einen kleinen gedruckten Zettel ein, welcher die Einwohner von Templeton auf den Abend zu einem Meeting zusammenberief, um den arroganten Ansprüchen auf das bestrittene Eigenthum Widerstand zu leisten. Der Zettel war ohne Namensunterschrift und trug die gewöhnlichen Kennzeichen einer ärmlichen gemeinen Bosheit an sich, indem er mit erkünstelter Geringschätzung Mr. Effingham als »einen gewissen Mr. Effingham« bezeichnete.

»Dieß verdient kaum unsere Beachtung, John,« versetzte Mr. Effingham mit Milde. »Derartige Meetings können nicht über Besitzrechte entscheiden, und kein Mensch, der sich selbst achtet, wird sich zu dem Werkzeuge eines so erbärmlichen Versuches hergeben, einen Bürger durch Einschüchterung von Behauptung seiner Rechte abzubringen.«

»Was den Meeting betrifft, so bin ich mit dir einverstanden, denn er ist das Product einer gemeinen hirnlosen Bosheit und wird, wie alle derartigen Anstrengungen, auf eine Lächerlichkeit hinauslaufen.«

»Entschuldigt mich Mr. John,« unterbrach ihn Aristobulus, »es herrscht eine schreckliche Aufregung! Einige haben sogar von Lynchen gesprochen.«

»In diesem Falle ist es erforderlich,« versetzte Mr. Effingham, »daß wir mit mehr Festigkeit auftreten. Ist Euch eine Person bekannt, die eine solche Drohung auszusprechen sich erdreistete?«

Aristobulus bebte vor dem finsteren Blicke Mr. Effinghams zurück und bedauerte, sich so weit ausgelassen zu haben, obschon seine Mittheilung buchstäbliche Wahrheit war. Er stammelte eine undeutliche, nur halb verständliche Erklärung und erbot sich, dem Meeting in Person anzuwohnen, um bessere Einsicht in die Sache zu gewinnen und nicht in die Gefahr eines Irrthums zu gerathen. Mr. Effingham hatte nichts dagegen, denn er war zu entrüstet über diese Verletzung aller seiner Bürger- und Menschenrechte, um die Sache am nämlichen Abend noch mit seinem Agenten weiter zu verhandeln. Aristobulus entfernte sich, und John Effingham blieb mit seinem Vetter eingeschlossen, bis die Familie sich zur Ruhe begeben hatte. Während dieser langen Rücksprache wußte Ersterer in Bezug auf dieselbe Angelegenheit noch Vieles zu berichten, von dem der Eigenthümer des Grundstücks bis jetzt auch nicht eine Sylbe erfahren hatte.


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