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Achtes Kapitel.

»Zuvörderst sprecht, war't jemals Ihr in Pisa?«

Shakespeare.

 

Der Brand, den wir im vorigen Kapitel eher angedeutet als beschrieben hatten, warf ein Düster über das lebensfrohe New-York, wenn wir anders dieses Beiwort auf Zustände anwenden dürfen, in denen sich wenig mehr, als ein Wettstreit in Verschwendung und Schaustellung kund gab. Eva bedauerte die Unterbrechung der Scenen, an denen sie kein Vergnügen gefunden hatte, nicht sonderlich, obschon sie den Anlaß derselben sehr beklagte. Der Rest der Saison entschwand ihr und Grace ruhig, indem sie sich an den Umgang mit Frauen wie Mrs. Hawker und Mrs. Bloomfield hielten, und sich zu Haus in Geist bildender Lektüre ergingen, ohne daß sie es je wieder wagten, den geheiligten Bann eines Hauses wie das von Mrs. Legend zu betreten.

Eine Folge der von uns berührten unseligen Verblendung ist die maßlose Selbstsucht, welche alle Erinnerungen an die Vergangenheit und alle vernünftigen Hoffnungen auf die Zukunft erstickt, indem sie mit ihren Triebfedern und ihrem Ringen das ganze Leben in die augenblickliche Gegenwart zusammendrängt. Kapitän Truck war daher bald vergessen, und die Literatis, wie dieser würdige Seemann Mrs. Legends Genossenschaft zu nennen pflegte, blieben ebenso hohl, dünkelvoll, unwissend, äffisch, unselbstständig und kleinstädtisch als nur je.

Mit dem Vorrücken der Jahreszeit begann unsere Heldin sich mehr und mehr nach dem Lande zu sehnen, denn in Amerika bietet das Stadtleben Personen, die es in älteren und mehr auf die Dauer geregelten Gemeinschaften kennen gelernt haben, nur wenig. Eva war daher der überfüllten, geräuschvollen Ballsäle (denn diese mußten noch immer bisweilen ihren Prunk entfalten), der Anstrengungen eines ungebildeten Geschmackes und der Unterhaltungen, in welchen die Uebertreibung nur selten einen würdigen Gegenstand finden ließ, bereits herzlich satt geworden.

Der amerikanische Frühling ist durchaus nicht die angenehmste der vier Jahreszeiten, da er mit Recht als ein »im Schooße des Mai's zögernder Winter« bezeichnet werden kann. Mr. Effingham, in welchem der Leser mittlerweile wahrscheinlich den Abkömmling einer Familie erkannt haben wird, deren Namen wir in einem früheren Werke einzuführen Gelegenheit fanden, hatte die Weisung ertheilt, seinen Landsitz für seine und seiner Verwandten Aufnahme herzurichten, und Eva fühlte sich hoch entzückt, als sie endlich an Bord eines Dampfschiffes ging, um in die reine Luft und zu den stillen Freuden des Landlebens zu entfliehen, da sie sich unmöglich behaglich fühlen konnte in einer Stadt, welche zwar viel birgt, was einer Hauptstadt würdig wäre, aber doch unendlich mehr in sich faßt, was an keinem Orte als lobenswerth erscheint. Sir George Templemore war von seiner Reise nach den südlicheren Theilen zurückgekehrt, denn man hatte ausdrücklich die Verabredung getroffen, daß er mit von der Partie sein sollte.

»Wenn ich's nicht eben mit dir zu thun hätte, Eva,« sagte Grace van Courtlandt, als das Boot an den Werften hinglitt, »so würde ich mich überzeugt fühlen, daß ich jetzt etwas zeigen könnte, was Bewunderung erzwingen müßte

»Du bist in dieser Beziehung vollkommen sicher, Grace, denn nie zuvor hat mein Auge einen der Bewunderung würdigeren Gegenstand gesehen, als eben dieses Fahrzeug. Entschieden ist dieß das einzige, wirklich Großartige, was ich seit meiner Rückkehr gesehen habe, wenn nicht etwa die großartigen Projekte der Amerikaner eine Ausnahme machen.«

»Es freut mich, liebe Muhme, daß wir doch diesen einzigen großartigen Gegenstand haben, um einen so spröden Geschmack zufrieden zu stellen.«

Grace's kleiner Fuß bewegte sich, und in ihrer Stimme war der Aerger nicht zu verkennen; ihre Begleiter lächelten daher, denn obschon sie Eva Recht geben mußten, erkannten sie doch das Gefühl, welches der Bemerkung ihrer Muhme zu Grunde lag. Nur Sir George hatte zu viel Sympathie für den kleinstädtischen Patriotismus eines so jungen und schönen Wesens, um ihr nicht zu Hilfe zu kommen, obschon er vollkommen von der Wahrheit in Miß Effingham's Aeußerung überzeugt war und die Schwäche von Seiten ihrer Muhme wohl zu würdigen wußte.

»Ihr müßt nicht vergessen, Miß van Courtlandt,« sagte er, »daß Miß Effingham noch nicht Gelegenheit hatte, den Delaware, Philadelphia und die edlen Baien des Südens, ja nicht einmal Alles zu sehen, was sich nur in der einzigen Stadt New-York vorfindet.«

»Ja, dieß ist wahr, und ich hoffe, sie wird noch mit der Zeit ihre unpatriotischen Zugeständnisse gegen ihr eigenes Land aufrichtig bereuen. Ihr, Sir George Templemore, habt das Kapitol gesehen; ist es nicht in Wahrheit eines der schönsten Gebäude der Welt?«

»Ihr müßt doch wohl St. Peter ausnehmen, mein Kind,« bemerkte Mr. Effingham mit einem Lächeln, denn er sah, daß der Baronet zu verlegen war, um sogleich eine Antwort zu geben.

»Und die Cathedrale von Mailand,« fügte Eva lachend bei.

» Et le Louvre,« rief Mademoiselle, die für Alles von Paris ungefähr dieselbe Bewunderung hegte, die Grace für alles Amerikanische in ihrem Innern trug.

»Vor Allem aber die Nordostecke des südwestlichen Endes und des nordwestlichen Flügels von Versailles,« ließ sich John Effingham in seiner gewöhnlichen trockenen Weise vernehmen.

»Ich sehe, ihr seid alle gegen mich,« versetzte Grace, »hoffe aber, eines Tages noch im Stande zu sein, über den beziehungsweisen Werth der Dinge selbst Vergleichungen anstellen zu können. Wie die Natur eben Flüsse schafft, Gentlemen und Ladies, wird wenigstens der Hudson Eurer Bewunderung nicht unwürdig erfunden werden.«

»In dieser Beziehung seid Ihr sicher genug, Grace,« bemerkte Mr. Effingham; »denn wenige Flüsse – vielleicht gar keiner – bieten in so kurzer Entfernung eine gleich große und liebliche Abwechselung.«

Es war ein lieblicher milder Morgen in der letzten Woche des Mai's und die Erde bereits mit den sanften Farben des Sommers geschmückt, wahrend die Atmospähre jene duftige, feierliche Ruhe angenommen hatte, welche nach dem wilden Kampfe der Elemente im Winter den Lenz so angenehm macht. Unter einem solchen Himmel nehmen sich insbesondere die Pallisaden sehr vortheilhaft aus, die jedenfalls keck und eigenthümlich dastehen, obschon ihnen der furchtbare großartige Charakter einer Alpennatur gebricht, und das Verhältniß zu der Landschaft, welche sie zieren, nicht entsprechend erscheint.

Die Schnelligkeit des Boots erhöhte den Reiz der Fahrt, denn das Auge hatte keine Zeit, der Scene müde zu werden. Kaum hatte man einen Gegenstand in seinen Umrissen erfaßt, als ihm schon wieder ein anderer folgte.

»In Betreff der Baukunst ist dieses Land mit einem ganz außergewöhnlichen Geschmack behaftet,« sagte Mr. Effingham, als sie nach dem östlichen Ufer hinblickten; »denn in diesen klassischen Zeiten scheint sich der Mensch mit keiner geringeren Wohnung, als mit einem griechischen Tempel begnügen zu wollen. Dort ist z. B. ein Bau von schönen Verhältnissen, dessen Material, so viel man aus der Ferne entnehmen kann, sehr kostbar zu sein scheint; und doch sieht er aus, als passe er eher für einen heidnischen Gottesdienst, als für häusliche Gemächlichkeit.«

»Diese Krankheit hat die ganze Nation eben so sehr angesteckt, wie die Spekulationswuth,« entgegnete John Effingham. »Hierin, wie in anderen Dingen, gehen wir von einem Extrem auf's andere über. Stünde ein einziger solcher Tempel in einem Wald, so würde er sich lieblich ausnehmen; wenn man aber einen ganzen Fluß damit säumt, Kinder vor den Thüren Reife schlagen, Ochsenfleisch in die Küchen getragen wird, und obendrein Rauch aus diesen unklassischen Schornsteinen aufsteigt, so muß man doch sagen, daß dieß den Geschmack übertreiben heißt. Es ist wahrhaftig, als liege man in einem Fieber. Mr. Aristobulus Bragg, der ein Schalk in seiner Art ist, erzählte mir, in einer Stadt des Innern sei ein Markthaus nach dem Plan des Parthenon gebaut worden.«

» Il Capo di bove würde für ein derartiges Gebäude ein weit passenderes Modell sein,« sagte Eva lächelnd. »Ich glaube übrigens gehört zu haben, der klassische Geschmack unserer Architekten sei nichts weniger als konsequent.«

»Diese Bemerkung paßt mehr auf frühere Zeiten, als auf die gegenwärtige, wie alle diese Tempel bekunden,« erwiederte John Effingham. »Das Land hat, was schöne Künste betrifft, einen raschen und großen pas en avant gemacht, und die Thatsache lehrt, was mit einem so schnell handelnden Volke unter passender Leitung auszurichten wäre. Der Fremde, der zu uns kommt, ist geneigt, den Kunstsinn der Nation sehr gering anzuschlagen; da aber der Werth aller Dinge nur auf der Vergleichung beruht, so möge er sich erkundigen, wie es vor zehn Jahren bei uns aussah, und wie es jetzt ist. Unser dermaliger Fehler beruht vielleicht nur darin, daß wir zu emsig die Bücher zu Rath ziehen und zu wenig der Erfindungsgabe vertrauen; denn keine Architektur, am allerwenigsten die, welche sich häusliche Behaglichkeit zum Zweck setzt, kann ernstlichem Vorwurf entgehen, wenn sie nicht die Verhältnisse von Lage und Klima, wie auch eine zweckmäßige Einrichtung vorzugsweise berücksichtigt. Nichts kann an sich häßlicher sein, als eine Schweizerhütte, und doch – wie allerliebst nehmen sie sich nicht aus unter den obwaltenden Umständen. In Betreff dieser unbekannten Tempel aber, die, mögen sie geweiht sein, wem sie wollen, nur die Erzeugnisse des Geldes sind, bin ich ganz der entgegengesetzten Ansicht und erlaube mir daher zu sagen, daß sie an ihrer Stelle den verkehrtesten Geschmack bekunden, obschon vielleicht an sich nichts schöner sein kann.«

»Wir finden vielleicht Gelegenheit, zu sehen, was Mr. John Effingham in der Architektur zu leisten vermag,« sagte Grace, welche sich für die eingebildete Verunglimpfung dadurch zu rächen suchte, daß sie die Waffe gegen den Angreifer kehrte. »Wie ich höre, hat er die ursprünglichen Leistungen des berühmten Palladio, des Meisters Hieram Doolitle, verbessert.«

Es folgte darauf ein allgemeines Gelächter, und jedes Auge war, der Antwort gewärtig, auf John geheftet.

»Ihr dürft nicht vergessen, meine guten Leute,« erwiederte der mittelbar Beschuldigte, »daß mir die Pläne von meinem großen Vorfahren überliefert wurden, und daß sie außerdem ursprünglich der zusammengesetzten Ordnung angehörten. Sollte daher das Haus ein bischen wirr und gemischt aussehen, so erwarte ich, daß man mir im Hinblick auf die letztere wichtige Thatsache Gerechtigkeit widerfahren lasse. Jedenfalls habe ich die Bequemlichkeit zu Rathe gezogen, die, wie ich dem Vitruv selbst in's Gesicht behaupten würde, ein sine qua non aller Privatarchitektur ist.«

»Ich habe mich kürzlich ein wenig in Connectikut umgesehen,« sagte Sir George Templemore, »und bemerkte an einem Platze Namens New-Haven den Beginn eines Geschmacks, der wohl eine sehr merkwürdige Stadt in Aussicht stellt. Allerdings kann man in diesem Lande keine sehr kostspieligen und großartigen Gebäude erwarten; aber so weit Bequemlichkeit und Form in Frage kommen, so steht im gegenwärtigen Falle ein wahres Wunder in seiner Art zu hoffen, wenn anders, was ich davon höre, wahr ist und die nächsten fünfzig Jahre im Verhältniß zu dem stehen, was dem Vernehmen nach während des letzten Lustrums für diese Stadt geschah. Freilich trifft man auf manche ungereimten Ausgeburten, aber es sind doch auch einige kleine Juwelen vorhanden.«

Der Baronet wurde für diese Aeußerung von Grace durch ein Lächeln belohnt, und die Unterhaltung nahm eine andere Wendung. Das Boot näherte sich jetzt den Bergen; Eva wurde aufgeregt – ein Zustand, der von der amerikanischen Gemüthsconstitution nicht zu trennen ist – und bei Grace zeigte sich mehr und mehr Beklommenheit.

»Der Anblick dieses Felsens ist italienisch,« sagte unsere Heldin, flußabwärts auf einen schönen Felsvorsprung deutend, der sich in dem sanften Duft der ruhigen Atmosphäre sehr großartig ausnahm. »Man sieht sogar an den Küsten des mittelländischen Meers selten schönere oder reichere Umrisse.«

»Aber die Hochlande, Eva!« flüsterte Grace unruhig. »Wir kommen jetzt in's Gebirg.«

Der Fluß verengerte sich plötzlich und die Landschaft wurde kühner; aber weder Eva noch ihr Vater drückten das Entzücken aus, welches Grace erwartete.

»Ich muß gestehen, Jack,« sagte der milde, sinnige Mr. Effingham, »daß mir diese Felsen weit weniger imponirend vorkommen, als früher. Der Strich ist zwar schön – dieß unterliegt keinem Zweifel – kann aber doch kaum eine großartige Landschaft genannt werden.«

»Du hast vollkommen Recht, Ned, obschon du von dieser Gegend eine bessere Meinung gewinnen wirst, sobald du die Erinnerung an die Formen der schweizerischen und italienischen See'n ein wenig in den Hintergrund drängst. Die Hochlande interessiren eher durch die Ueberraschung, die sie mit sich bringen, als durch ihre Großartigkeit, wie wir bald sehen werden. Was das Letztere betrifft, so ist dieß eine Sache, die sich nach Fußen und Zollen berechnen läßt, folglich einer arithmetischen Demonstration fähig ist. Wir sind oft auf See'n gewesen, von deren Ufern schroffe Klippen zu 3 bis 6000 Fuß anstiegen, während hier die höchste Höhe lange nicht 2000 erreicht. Sir George Templemore und Ihr, Miß Effingham, erweist mir den Gefallen, Eure Klugheit zusammenzunehmen und mir zu sagen, woher dieser Strom kommt und wohin wir gehen.«

Das Boot hatte sich jetzt einem Punkte genähert, wo sich der Fluß zu kaum 800 Fuß verengert hatte, und in der Richtung des Steuerns schien das Wasser noch schmäler zu werden, bis es sich in eine Art von Bai verlor, welche von hohen Bergen umschlossen war, ohne daß man die Spur eines Durchgangs entdecken konnte.

»Das Land in dieser Richtung sieht wie der Eingang zu einer Schlucht aus,« sagte der Baronet; »und doch scheint es mir kaum möglich, daß dort ein Strom wie dieser fließen kann.«

»Wenn der Hudson durch die Berge kömmt,« bemerkte Eva, »so will ich dir zu seinen Gunsten Alles zugestehen, was du verlangen kannst, Grace.«

»Woher anders sollte er wohl kommen?« fragte Grace jubelnd.

»Freilich. Ich sehe keinen andern Platz.«

Die beiden Fremdlinge auf dem Flusse sahen sich neugierig in allen Richtungen um. Hinter sich hatten sie ein weites, seeartiges Becken, über das sie eben hergekommen waren, links befand sich eine Schranke schroff abschießender Berge, die kaum weniger als 1000 Fuß hoch sein konnten, rechts war das gebirgige Hochland mit Villen, Maierhäusern und Dörfchen besät, und vor ihnen lag die tiefe, zweifelhafte Bai, deren bereits Erwähnung geschehen ist.

»Ich sehe nicht, wie wir da entkommen sollen,« rief der Baronet heiter, »wenn wir nicht etwa wieder umkehren.«

Eine plötzliche weite Drehung des Bootes bewog ihn, sich zur Linken zu wenden, und dann wirbelten sie um eine Windung des Felsen; sie befanden sich jetzt zwischen steilen Höhen in einem Bug des Flusses, der mit der früheren Strömung einen rechten Winkel bildete.

»Dieß ist eine der Ueberraschungen, von denen ich gesprochen habe und die die Hochlande so einzig machen,« sagte John Effingham. »Der Rhein hat zwar viele Krümmungen, aber doch nichts Aehnliches aufzuweisen.«

Die übrigen Reisenden priesen diesen und noch viele ähnliche Züge der Landschaft. Grace war entzückt, denn sie liebte warm, zärtlich und treu ihr Vaterland, wie einen Verwandten oder Freund, weßhalb sie denn auch mit ehrenhaftem Stolze zuhörte, wenn man es lobte. Eva's Patriotismus – wenn ein Wort von so hoher Bedeutung auf derartige Gefühle Anwendung finden kann – ging mit mehr Unterscheidung zu Werke, denn ihr Geschmack war in einer höheren Schule gebildet worden und besaß viel umfangreichere Mittel der Vergleichung.

Die Gesellschaft machte bei West-Point Halt, um hier zu übernachten, und brach nun insgesammt in ein unverhohlenes Entzücken aus; nur Grace war in dem Ausdruck desselben gemäßigter, da sie den Platz schon oft besucht hatte.

»Jetzt weiß ich, daß du dein Vaterland wirklich liebst, Eva,« sagte sie, als sie ihren Arm liebevoll um den ihrer Verwandten schlang. »Diese Sprache, diese Gefühle ziemen einem amerikanischen Mädchen – ich sollte sie an Eva Effingham nie vermissen.«

Eva lachte, enthielt sich aber einer weiteren Erörterung, die wahrscheinlich doch nichts gefruchtet haben würde, da sie wohl bemerkte, wie sehr die provinzialen Gefühle in Grace die Oberhand gewonnen hatten. Dagegen verweilte sie mit aus dem Herzen kommender Beredsamkeit bei den Schönheiten der Gegend, und seit ihrem Zusammentreffen kam es Grace jetzt zum ersten Mal vor, als gebe es keinen Punkt der Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen.

Der folgende Morgen war der erste Juni – abermals einer jener schlaftrunkenen, träumerischen Tage, die einer Landschaft so sehr zu Statten kommen. Unsere Reisenden schifften sich in dem ersten Boote ein, welches stromaufwärts kam, und als sie in die Newbourgh-Bai einliefen, wurde auf's Neue das Lob des Stromes gesungen. Diese Stelle hat in Wahrheit nur wenige ihres Gleichen, obschon Grace noch immer behauptete, der schöne Anblick beruhe mehr in der Weichheit, als in der Großartigkeit der Scene. Die Landhäuser oder vielmehr Landhäuschen, da man sie kaum anders nennen konnte, waren zierlich, gut angebracht und ungemein zahlreich, namentlich an den Höhen um die Stadt Newbourgh herum, obschon Mr. Effingham mißbilligend den Kopf schüttelte, als er einen griechischen Tempel um den andern auftauchen sah.

»Je weniger gediegene Architekten ihren Einfluß geltend machen können,« sagte er, »desto mehr tritt Nachäfferei an die Stelle eines vernünftigen Geschmacks. Viele dieser Gebäude haben augenfällig gar keine Verhältnisse, und wie überhaupt gemeine Anmaßung, was immer für eine Art, verletzend wirkt, so kann doch auch der griechische Baustyl lange nicht die Augenweide bieten, die man sogar dem holländischen verdankt.«

»Es überrascht mich, in diesem Staate so wenig vom holländischen Charakter zu finden,« versetzte der Baronet. »Fast in Nichts ist eine Spur dieses Volkes aufzufinden, und doch hatten, glaube ich, sie eure Gesellschaft gebildet und die Kolonie durch ihre Kindheit hindurchgeführt.«

»Wenn Ihr einmal besser mit uns bekannt seid, so werdet Ihr über die Entdeckung erstaunen, wie wenig überhaupt von dem übrig geblieben ist, was nur noch vor einem Dutzend Jahren war,« entgegnete John Effingham. »Unsere Städte vergehen in einer Generation, wie ihre Bewohner, und sogar die Namen von Ortschaften unterliegen, wie alles Andere, einem periodischen Wechsel. Es ist, fürchte ich, ein vorherrschender Zug im Wesen des Amerikaners, die Veränderung zu lieben.«

»Aber, Vetter Jack, überseht Ihr bei Eurem Tadel nicht die Ursachen? Eine Nation, die, wie die unsrige, in Wohlstand und Bevölkerungszahl so schnelle Fortschritte macht, muß doch wohl bessere Gebäude wünschen, als ihre Vorfahren, sei es nun aus Mangel an Mitteln oder aus Mangel an Geschmack, sie herstellen konnten; auch liegt es ebenso in der Ordnung, daß die Namen mit den Personen wechseln.«

»Alles ganz richtig, Miß Effingham; aber dadurch erklärt sich die Eigenthümlichkeit nicht, die ich meine. Nehmen wir uns zum Beispiel Templeton. So weit ich denken kann, hat sich dieser kleine Ort der Anzahl nach wesentlich nicht vergrößert, und doch besteht die Hälfte der Bevölkerung aus neuen Namen. Wenn Euer Vater zu Hause anlangt, wird er seine halbe Nachbarschaft nicht mehr kennen und nicht nur mit neuen Gesichtern, sondern auch mit neuen Gefühlen zusammentreffen. An der Stelle der Ueberlieferungen, die ihm vielleicht theuer sind, findet er neue Meinungen und eine Gleichgültigkeit gegen Alles, den gegenwärtigen Augenblick ausgenommen. Selbst Diejenigen, welche vielleicht noch bessere Gefühle bewahrt haben und Alles hegen und pflegen möchten, was heiligeren Empfindungen angehört, mögen sich nicht darüber äußern, weil sie fürchten, keiner Theilnahme zu begegnen.«

»Keinen Katzen, wie Mr. Bragg sagen würde.«

»Jack malt niemals en beau,« sagte Mr. Effingham. »Es würde mir sehr leid thun, wenn ich glauben müßte, ein Dutzend kurzer Jahre habe alle diese wesentlichen Veränderungen in meiner Nachbarschaft hervorgerufen.«

»Ein Dutzend Jahre, Ned? Du nennst ein Menschenalter. Sprich von dreien oder vieren, wenn du wünschest, in Amerika irgend Etwas zu finden, wo du es gelassen hast. Das ganze Land ist in einem so beharrlichen Bewegungszustande, daß ich ihn nur mit dem Kinderspiel vergleichen kann, in welchem, sobald das eine seine Ecke verläßt, ein anderes darauf loseilt und dasjenige ausgelacht wird, welches kein Winkelchen finden kann. Denke dir jene Wohnung als den Aufenthalt eines Mannes, der von Kindheit an bis in sein Alter daselbst lebte, und laß ihn für ein Jahr oder zwei fortziehen, so wird er bei seiner Rückkehr einen Andern im Besitz finden, der ihn wahrscheinlich als unverschämten Eindringling behandelt, weil er zwei Jahre fortgeblieben ist und der nunmehrige Bewohner trotz der kurzen Periode schon eine Ewigkeit im Besitz zu sein meint. Was die amerikanischen Bräuche betrifft, so erstreckt sich der Ausdruck ›immer‹ nicht weiter zurück, als auf 18 Monate. Kurz, Alles wird in dem gegenwärtigen Augenblick zusammengedrängt, und Dienstleistungen, guter oder schlimmer Ruf, nebst allem Uebrigen, hören leider auf, Bedeutung zu haben, wenn sie nicht auf die Interessen des Tages Einfluß üben.«

»Dieß ist die Darstellung eines unverbesserlichen Cynikers,« bemerkte Mr. Effingham lächelnd.

»Aber das Gesetz, Mr. John Effingham,« entgegnete der Baronet hastig; »sicherlich kann doch das Gesetz nicht gestatten, daß ein Fremdling sich auf diese Weise in die Rechte eines Eigenthümers eindränge.«

»Die Gesetz bücher würden ihm vielleicht diesen freundlichen Dienst leisten; aber was gilt der Buchstabe solchen regellosen Praktiken gegenüber? › Les absents ont toujours tort,‹ dieß ist eine Maxime, welche besonders in Amerika Anwendung findet.«

»Das Eigenthum ist in diesem Lande so sicher, wie in jedem andern, Sir George; Ihr müßt daher der Stimmung unseres Commentators schon etwas zu Gute halten.«

»Meinetwegen, Ned; ich hoffe, du wirst dich in deiner Erwartung, überall couleur de rose zu finden, nicht täuschen. Daran zweifle ich allerdings nicht, daß man dich ruhig von deinem Hause Besitz nehmen läßt, denn ich habe einen Cerberus hineingesetzt, der seiner Aufgabe, so schwierig sie auch sein mag, wohl gewachsen ist und eben so großes Wohlgefallen an Kostenzetteln hat, wie der Squatter an unrechtmäßiger Besitzergreifung. Ohne einen derartigen Hüter deiner Rechte übrigens möchte ich nicht dafür stehen, ob du dich nicht genöthigt sehen würdest, auf der Landstraße zu übernachten.«

»Ich hoffe, Sir George Templemore wird Mr. John Effinghams Gemälde zu deuten wissen,« rief Grace, die es nicht über sich bringen konnte, länger zu schweigen.

Es folgte ein Gelächter, und bald fesselten die Schönheiten des Stromes wieder ihre Aufmerksamkeit. Als sie weiter aufwärts kamen, versicherte Mr. Effingham triumphirend, das Aussehen der Dinge überbiete sogar seine Erwartungen, während Eva und der Baronet erklärten, daß man sich kaum eine lieblichere Reihenfolge von schönen Landschaften denken könnte.

»Getünchte Gräber!« murmelte John Effingham. »Alles nur äußerer Anstrich. Wartet nur, bis ihr den Moder im Innern zu Gesicht bekommt.«

Als sich das Boot Albany näherte, drückte Eva ihre Zufriedenheit in noch stärkeren Ausdrücken aus, und Grace fühlte sich überglücklich, wie sie ihre Muhme und den Baronet erklären hörte, daß der Platz ihre Erwartungen bei weitem übertreffe.

»Es freut mich, Eva, daß du so schnell deine amerikanischen Gefühle wieder gewinnst,« sagte Miß van Courtlandt, als ihre Verwandte bei einem spätern Mittagsmahle in einem Gasthause erklärte, wie mannigfach sie schon ihre Erwartung aufs Angenehmste getäuscht gesehen habe. »Du hast endlich Worte gefunden, das Aeußere von Albany zu loben, und ich hoffe, wenn wir zurückkehren, wirst du geneigt sein, auch New-York anders zu beurtheilen.«

»Ich glaubte in New-York eine Hauptstadt zu finden, Grace, und in dieser Voraussetzung habe ich mich traurig verrechnet. Statt des Geschmacks, des guten Tones, des Anstandes, der Architektur, der Straßen, Kirchen, Läden und Gesellschaft einer Großstadt fand ich nur eine riesige Ausdehnung von kleinstädtischem Wesen, einen Handelsplatz und die ungeregeltste Gesellschaft, die mir je vorgekommen ist. Wenn man so viel erwartet und so wenig trifft, liegt der Verdruß über die Täuschung in der Natur der Sache. Albany ist zwar eine politische Hauptstadt, aber ich kenne die Natur der Regierung zu gut, um von diesem Orte mehr als eine Provinzialstadt zu erwarten, und in dieser Beziehung habe ich eine gefunden, die sich weit über ähnliche Plätze in anderen Theilen der Welt hebt. Ich gebe zu, daß Albany in dem einen Sinn meine Erwartungen um so viel überbot, als New-York in einem andern hinter denselben zurückblieb.«

»In dieser einfachen Thatsache, Sir George Templemore,« sagte Mr. Effingham, »könnt Ihr den wahren Zustand des Landes lesen. Wo mehr als das Nützliche verlangt wird, ist er mangelhaft, in Allem aber, was man unter den Mittelschlag rechnet, etwas besser als gewöhnlich. Man liebt es, Alles, was anderwärts herabgewürdigt wird, zu einer achtbaren Höhe zu steigern, und ist diese erreicht, so beginnt der Prozeß der Gravitation nach dem Mittelpunkte, obschon vielleicht ein bischen nachdrücklicher, als man eben wünschen möchte.«

»Ja, ja, Ned, dein Gedanke mit der Gravitation nimmt sich nicht übel aus; aber warte nur ein Weilchen und urtheile dann selbst über den Mittelschlag, von dem du jetzt so wohlgefällig sprichst.«

»Ich habe das Bild von dir selbst geborgt, John; wenn es nicht richtig ist, so mache ich dich für die Mängel verantwortlich.«

»Wie ich höre,« sagte Eva, »sind alle amerikanischen Dörfer Städte im Kleinen – Kinder in Reifröcken und Perücken. Ist dieß so, Grace?«

»Einigermaßen. Man wünscht vielleicht zu viel die Städte nachzuahmen und hat dabei zu wenig Sinn für's Landleben.«

»Dieß ist im Grunde eine sehr natürliche Folge des Umstandes, daß die Leute ausschließlich an solchen Plätzen wohnen,« bemerkte Sir George Templemore. »Man sieht viel Aehnliches auf dem europäischen Continent, weil die Landbevölkerung blos Landbevölkerung ist und vielleicht in England nur deßhalb weniger, weil Diejenigen, welche an der Spitze der Gesellschaft stehen, Stadt und Land für ganz verschiedene Dinge halten.«

» La campagne est vraiment délicieuse en Amérique!« rief Mademoiselle Viefville, in deren Augen übrigens das ganze Land wenig mehr als campagne war.

Am nächsten Morgen setzten unsere Reisenden den Weg nach Schenectady fort, von wo aus sie vermittelst eines Kanalboots das schöne Mohawkthal hinauffuhren, denn die Eisenbahnwagen hatten damals noch nicht ihren raschen Flug begonnen. Alle waren über die Landschaft entzückt, da sie kaum weniger schön war, als die am Hudson, obschon sie sich in ihrem Charakter wesentlich von der letzteren unterschied.

An einem Punkte, wo es nöthig war, von der Richtung des Kanals abzugehen, standen Mr. Effinghams Wagen bereit, um die Reisenden aufzunehmen. Sie wurden hier durch die Anwesenheit des Landagenten erfreut, welcher meinte, eine derartige Aufmerksamkeit dürfte sowohl den jungen Damen, als seinem Prinzipal angenehm sein.


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