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Gustav Falke

Wenn der Steckbriefschreiber eine Tochter hätte, so schickte er sie zu Gustav Falke in die Clavierstunde; – ja sogar mit einer Geliebten würde er's riskieren. Dieser Poet muß ein Zuckerl von Clavierlehrer sein. Immer liebenswürdig, immer hingebungsvoll, und ganz sicher gleich gut beschlagen in der süßesten Blauäugleinweis wie in den prasselndsten modernen Geniewutergüssen. Daß er jemals Jemanden auf die Finger klopft ist ganz ausgeschlossen. Und manchmal, nicht gar oft, aber doch zuweilen, würde er sich ans Clavier setzen und ein Stücklein Eigenwuchs spielen, ein liebes, bescheidenes, klares Stück aus goldenem Herzen, ein Stück, zu dem alle Engel lauschen würden und alle kleinen Mädchen große, selige Augen bekommen.

Der Steckbriefschreiber ist ein böser Mensch (schon, weil er Literarhistoriker ist), aber wenn er an Gustav Falke denkt, wird ihm weich ums Herz. Ist es nicht schauerlich, daß dieser Poet gezwungen ist, auf einen echten Falke sechzig Variationen nach fremden Motiven zu schreiben um des schäbigen Familienblatthonorars willen? Denn aus lyrischer Diarrhoë thut Der's wohl nicht!

Die bitterste Galle wird zu Honig vor diesem Bilde: Gustav Falke bringt kleinen talentlosen Jungen und Mädeln den rechten Fingersatz bei und concipiert (denn Zeit ist Geld) gleichzeitig ein Gedicht für das Daheim, das jeder Landpastor ebenso schön (ach, so gräßlich schön!) machen könnte.

Aber eben darum liebt ihn Deutschland, denn nichts bereitet den Eingeborenen dieses Landes ein so ausbündiges Vergnügen, als der Gedanke, daß ein Dichter sich auch noch schlecht und recht in einem ordentlichen bürgerlichen Berufe abrackern muß. So einer wird nie frech und wächst sich schwerlich zu einer Persönlichkeit aus, an deren Kanten man schon aus Rücksicht auf die gute Sitte Anstoß nehmen muß.


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