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XL

Der Stadtplatz lag im hellsten Mondlicht. Der Springbrunnen pulsierte stät, keine Brise verwehte die Sprühfahne, und die fallende Wassersäule plantschte pünktlich auf den kleinen Teich. Niemand kam.

Die Uhr am Bankgebäude schlug ein Viertel nach Drei, als Eugen um die Nordecke aus der Academy Street einbog.

Er ging langsam an der Feuerwehrhalle und dem Rathaus vorbei. An Gants Ecke war der Platz abgerandet, denn von dort schoß die Straße steil bergab zur Niggerstadt hinunter.

Im Mondlicht sah Eugen seines Vaters Namen halbverwischt auf der Backsteinfassade. Oberhalb des Bürgersteigs, am Eisengeländer der Steinterrasse, lehnte ein Mann. Er stand da und rauchte. Verwirrt und ein wenig bang ging Eugen auf ihn zu. Langsam stieg er die breiten, hölzernen Treppenstufen hinauf und sah dem Mann vorsichtig in das vom Schatten halbverdunkelte Gesicht.

»Ist da jemand?« fragte Eugen.

Niemand antwortete.

Als Eugen oben auf der Terrasse ankam, sah er, es war Ben.

Ben starrte ihn einen Augenblick an ohne zu sprechen. Eugen konnte die Stirn im Schatten des grauen Filzhuts nicht genau sehn, er wußte aber, die Braue war grimmig gerückt.

»Ben?« sagte Eugen. Er schwankte ein wenig auf der obersten Stufe. »Bist Du's, Ben?«

»Ja«, sprach Ben. Und dann, einen Augenblick später sagte er in einem Gewißheit verbürgenden Ton: »Hast Du vielleicht geglaubt, daß es sonst wer wäre, kleiner Blödel?«

»Ich war meiner Sache nicht sicher«, sagte Eugen verschüchtert. »Ich konnte Dein Gesicht nicht sehn.«

Sie schwiegen eine kleine Weile. Eugen räusperte sich vor Verlegenheit und sagte:

»Ich dachte Du seist tot, Ben.«

»Aha!« sagte Ben geringschätzig. Er schnickte den Kopf nach oben. »Nun hör Dir das an, bitte!«

Er zog an seiner Zigarette, tat einen tiefen Lungenzug, der krause Rauch schlängelte heraus und zerging in der mondhellen Stille.

»Nein«, sagte er alsdann ruhig. »Nein, ich bin nicht tot.«

Eugen trat auf die Terrasse und setzte sich auf einen hochkant gestellten Kalksteinsockel. Ben wandte sich um, hockte sich aufs Eisengeländer, bequem vornübergebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt.

Eugen fummelte in seinen Taschen nach einer Zigarette; seine Finger waren steif und zitterten. Er war sprachlos vor Verwunderung und einer mächtigen Wißbegier. Er fürchtete sich nicht, aber ihm bangte davor, daß er sich mit seinen Gedanken lächerlich mache. Er zündete eine Zigarette an. Alsdann fragte er, gleichsam im Ton um Entschuldigung bittend, die peinliche Frage:

»Ben, bist Du ein Gespenst?«

Ben antwortete ganz ohne Spott.

»Nein«, sagte er, »ich bin kein Gespenst.«

Es wurde wieder still, während Eugen schüchtern nach Worten suchte.

»Ich hoffe also«, begann er mit einem leisen, geborstnen Lachen, »ich hoffe also und nehme an, daß das nicht bedeutet, daß ich verrückt bin.«

»Warum nicht?« sagte Ben mit einem schnellen, flackernden Grinsen. »Natürlich bist Du verrückt!«

»Dann«, sagte Eugen langsam, »bilde ich mir das alles wohl nur ein, ,ja?«

»Um Himmels willen!« fuhr ihn Ben gereizt an, »wie soll ich das wissen? Was heißt das überhaupt: ... ich bilde mir das alles wohl nur ein ...?«

»Was ich meine«, erklärte Eugen, »ist: Sprechen wir hier miteinander oder nicht?«

»Frag mich nicht!« sagte Ben. »Wie soll ich das wissen?«

Mit hartem Marmorrauschen und einem kalten Trübsalseufzer lupfte der Engel, der Eugen am nächsten stand, den Fuß und hob seinen Arm ein wenig höher; der schmale Lilienstengel zitterte steif in den feingeformten, kalten Fingern.

»Hast Du das gesehn?« rief Eugen aufgeregt.

»Ob ich was gesehn habe?« knurrte Ben.

»De-de-den Engel da!« plapperte Eugen. Er deutete mit bebendem Finger hin. »Hast Du gesehn, wie er sich bewegt hat? Er hat seinen Arm hochgehoben.«

»Was ist denn dabei?« fragte Ben gereizt. »Das ist doch sein gutes Recht. Du weißt doch«, bemerkte er mit sarkastischer Bissigkeit, »es besteht kein Gesetz, das einem Engel verwehrt, seinen Arm zu bewegen, wenn's ihm paßt.«

»Allerdings nicht«, pflichtete Eugen nach kurzer Überlegung bei. »Immerhin, ich habe stets sagen hören ...«

»Narr!« schrie Ben wütend. »Glaubst Du alles, was Du hörst?« Er zog an seiner Zigarette. Dann, ruhiger, sagte er: »Es stünde schlecht um Dich, wenn dem so wäre.«

Abermals wurde es still. Sie rauchten. Dann fragte Ben:

»Wann fährst Du weg, Eugen?«

»Morgen«, antwortete er.

»Weißt Du, warum Du weggehst, oder fährst Du nur ein bißchen mit der Eisenbahn spazieren?«

»Ja, das weiß ich! Freilich weiß ich, warum ich weggeh!« sagte Eugen aufgebracht. Plötzlich hielt er bestürzt inne. Er besann sich. Ben starrte ihn unentwegt an, die Braue finster gerückt. Dann, ganz gefaßt und voll Demut erklärte Eugen:

»Nein, Ben, ich weiß nicht, warum ich weggeh. Vielleicht hast Du recht. Vielleicht fahr ich wirklich bloß ein bißchen mit der Bahn spazieren.«

»Wann kommst Du zurück, Eugen?« fragte Ben.

»Wie meinst Du das?« antwortete Eugen. »Wenn mein Studienjahr 'rum ist, nehme ich an.«

»Nein, nein«, sagte Ben, »das wirst Du nicht tun.«

»Was soll das heißen, Ben?« fragte Eugen erregt.

»Daß Du nicht zurückkommen wirst, Eugen«, sagte Ben leis. »Weißt Du das?«

Sie schwiegen eine kleine Weile.

»Ja«, sagte Eugen dann, »ich weiß es.«

»Und warum kommst Du nicht zurück?« fragte Ben.

Eugen zerrte mit gekrallter Hand heftig am Halsband seines Hemdkragens.

»Ich will weg! Hörst Du?!« schrie er.

»Ja«, sagte Ben. »Das wollte ich auch. Und warum, Eugen, willst Du weg?«

»Ich hab hier nichts zu suchen«, murmelte Eugen.

»Seit wann hast Du das gemerkt?« fragte Ben.

»Immer schon«, sagte Eugen. »Seit ich denken kann. Aber ich wußte es nicht, bis Du ...«, er stockte.

»Bis ich ... was?« fragte Ben.

Eine Pause trat ein.

»Du bist tot, Ben«, murmelte Eugen. »Du mußt tot sein. Ich war dabei, als Du starbst, Ben!« Seine Stimme wurde schrill. »Ich sag Dir, ich selber hab es gesehn, wie Du starbst! Erinnerst Du Dich nicht? Das Vorderzimmer im ersten Stock, das die Zahnarztsgattin jetzt hat! Erinnerst Du Dich nicht? Coker, Helene, Bessie Gant, die Dich pflegte, und Mistress Pert. Der Sauerstofftank? Ich versuchte Deine Hände festzuhalten!« Er kreischte. »Erinnerst Du Dich nicht? Du bist tot, Ben, tot!«

»Narr!« sagte Ben wild. »Ich bin nicht tot.«

Stille.

»Dann sag mir doch«, begann Eugen wieder, »wer von uns beiden ist das Gespenst?«

Ben antwortete nicht.

»Ist das der Stadtplatz, Ben? Bist Du's, mit dem ich rede? Bin ich wirklich hier oder bin ich nicht hier? Und ist das der Mond, der hier auf den Platz scheint? Stimmt das alles?«

»Wie soll ich das wissen?!« sagte Ben wiederum.

Aus Gants Werkstatt kam das schwere Getrappel marmorner Füße. Eugen sprang auf und lugte durch die schmutzige Scheibe von Jannadeaus Lädchen. Auf dem Tisch blitzten in tausend winzigen Pünktchen bläulichen Lichts die Teilchen einer auseinandergenommenen Uhr. Und jenseits der Uhrmacherwerkstatt, dort wo das Mondlicht durch die hohen Seitenfenster in den Lagerschuppen strömte, schritten die Engel hin und her wie aufgezogne Spielzeugpuppen aus Stein. Die langen, kalten Faltengewänder klangen sprödklirrend aneinander, die vollen, keuschen Brüste wogten in steinernen Rhythmen. Und im Mondlicht, mit den Flügeln schmetternd, flogen die marmornen Cherubim rundum. Steif, kaltblökend nach dem Mutterschaf, grasten die ausgehaunen Lämmlein auf dem mondgetränkten Gang zwischen den Steinklötzen.

»Siehst Du das?« schrie Eugen. »Siehst Du das, Ben?«

»Ja«, sagte Ben. »Was ist denn dabei? Es ist doch ihr gutes Recht, nicht wahr?«

»Nein! Nein! Nein! Nicht hier!« sagte Eugen leidenschaftlich. »Hier ist es nicht recht!« Er dachte nach ... »Mein Gott, das ist doch der Stadtplatz, und dort ist der Springbrunnen, und dort steht das Rathaus, und da drüben ist das griechische Restaurant!«

Die Uhr von der Bank schlug die halbe Stunde.

»Und dort ist die Bank!« schrie er.

»Das macht nicht den geringsten Unterschied«, erklärte Ben bündig.

»Doch! Doch!« behauptete Eugen. »Hier gibt's das nicht, nein, nein, nicht hier!«

»Wo denn sonst?« fragte Ben verdrossen.

»In Babylon. In Theben. An allen andern Orten ... Aber nicht hier!« antwortete Eugen. Er wurde noch leidenschaftlicher. »Alles was geschieht, geschieht an seinem rechten Ort. Und hier ist er nicht, nein, nein, nicht hier, Ben.«

Meine Götter mit Vogelgeschrei in der Sonne hangen im Himmel.

»Nicht hier, Ben. Es ist nicht recht hier!« versicherte Eugen nochmals.

Die Götter mannigfalt zu Babylon.

Eugen starrte die dunkle Gestalt auf dem Geländer einen Augenblick an und murmelte in ungläubigem Protest:

»Gespenst! Gespenst!«

»Narr!« sagte Ben. »Wenn ich Dir's doch sage: ich bin kein Gespenst.«

»Was sonst kannst Du sein?« fragte Eugen heftig erregt. »Du bist doch tot, Ben!«

Nach einer Weile, etwas beruhigt, fügte er hinzu:

»Menschen sterben nämlich, oder nicht?«

»Wie soll ich das wissen?« sagte Ben gleichmütig.

»Sie sagen, daß der Papa bald stirbt. Wußtest Du das, Ben?« fragte Eugen.

»Ja« sagte Ben.

»Sie haben das Anwesen hier gekauft, wollen das Haus einreißen und einen Wolkenkratzer hinbauen.«

»Ja, ich weiß«, sagte Ben.

Wir werden nicht wiederkommen, wir werden nie wieder zurückkommen.

»Alles vergeht. Alles wandelt sich und geht vorüber. Morgen werde ich weggehn und dies ...« Eugen hielt inne.

»Na, und dies ...?« forschte Ben.

»Und dies wird auch vergangen sein, oder – – – O Gott! Geschieht es denn wirklich?« schrie Eugen auf.

»Narr! Wie soll ich das wissen?!« sagte Ben ärgerlich.

»Was geschieht denn überhaupt? Was geschieht wirklich?« fragte Eugen. »Ben, kannst Du Dich an ein paar von denselben Dingen erinnern, an die ich mich erinnere? Ich habe die alten Gesichter vergessen. Wo sind sie, Ben? Wie hießen sie? Ich vergesse die Namen von Leuten, die ich jahrelang gekannt habe. Ich verwechsle ihre Gesichter. Es kommt vor, daß ich die Köpfe der einen auf die Körper der andern setze. Ich bilde mir ein, jemand hätte was gesagt, das ein andrer gesagt hat. Und ich vergesse, vergesse. Es gibt etwas, das ich verloren und vergessen hab. Ich kann mich nicht erinnern, Ben.«

»Woran möchtest Du Dich denn erinnern«, fragte Ben.

Ein Stein, ein Blatt, eine ungefundne Tür. Und die vergeßnen Gesichter.

»Ich hab Namen vergessen. Ich hab Gesichter vergessen. Und ich erinnere mich an Kleinigkeiten«, sagte Eugen. »Ich erinnere mich an die Fliege auf dem Pfirsich, die ich mitschluckte, an die kleinen Buben auf den Dreirädern in St. Louis und an das Muttermal an Grovers Hals und an den Güterwagen ›Lackawanna‹ auf dem Rangiergeleis bei Gulfport. Und einmal in Norfolk hat mich ein australischer Soldat aus einem Truppentransport nach Frankreich nach dem Weg zu einem Schiff gefragt: ich erinnere mich genau an sein Gesicht.«

Er starrte antwortheischend in Bens verschattetes Gesicht. Und dann wandte er seine mondhellen Augen auf den Stadtplatz.

Und im Augenblick war der Silberraum erfüllt mit tausend Formen Eugens und Bens. Dort, von der Academy Street her, beobachtete Eugen sich selbst, wie er näherkam; dort vor dem Rathausplatz schlenkerte er stelzend vorüber; hier, zwischen dem Rinnstein und den Treppenstufen stand er und bevölkerte die Nacht mit der, großen, verlornen Legion seines Ichs: – den tausend Formen, die kamen und vorübergingen, sich in endlosem Wechsel verwoben und verwandelten, und die unabänderlich Er selbst waren.

Und über den Platz, sich zurückwindend aus verlorner Zeit, auf dem todlosen Webstuhl spinnend, tobte die grimmig-helle Horde der Benformen aus und ein. Ben in tausend Augenblicken ging über den Platz; der Ben der verlornen Jahre; der vergeßnen Tage, der unerinnerten Stunden. Vor mondhellen Häuserfronten schlich er entlang, verschwand, erschien wieder, verließ sich und begab sich zu sich zurück, war einer und war viele: – der todlose Ben auf der Suche nach den verlornen, toten Lüsten, dem vollkommnen Unternehmen, der ungefundnen Tür –: der unwandelbare Ben, der sich in Formen vervielfachte vor all den Backsteinbauten, wo er aus- und einging.

Und als Eugen das Heer aus sich selbst und Ben beobachtete, wohlwissend, daß das keine Gespenster, aber Verlorne wären, da sah er sich selbst – seinen Sohn, seinen Bub, sein verlornes, unberührtes Fleisch – über den Stadtplatz kommen, am Springbrunnen vorbei. Vom Gewicht der vollgepfropften Leinwandtasche gekrümmt, humpelte er hurtig an Gants Werkstatt vorbei zur Niggerstadt hinunter im jungen noch ungebornen Tag. Und als er vor der Terrasse, wo Eugen ihn beobachtete, vorüberging, sah dieser unter der schmutzigen, zerrißnen Kappe sein verlornes, vom Zauber ungehörter Musik trunknes Kindergesicht, das dem Hornklang aus fernen Forsten, das auf das sprachlose, fast vernommene Einlaßwort lauschte. Geschwind falteten die Hände des Buben die frischgedruckte Zeitung ... und in seine Bezauberung vertieft ging er vorüber.

Eugen sprang ans Geländer.

»Du! Du! Mein Sohn! Mein Kind! Komm zurück! Komm zurück!«

Es schnürte ihm die Kehle. Der Bub war vorübergegangen, entschwunden, und nur die Erinnerung an sein bezaubertes, verwunschnes, der verborgnen Welt lauschend zugewandtes Antlitz blieb. O verloren.

Nun war der Stadtplatz überfüllt mit ihren hellen, verlornen Gestalten, und alle Minuten der verlornen Zeit sammelten sich und standen still. Dann, jählings, schoß der Platz von ihnen fort, schrumpfte zusammen auf den Geleisen des Geschicks und schwand dahin vor seinen Augen mit allen erledigten Dingen, mit allen vergeßnen Formen Eugens und Bens.

 

Und in seiner Vision schaute Eugen die fabulösen, die verlornen, die im Treibsand verschütteten Städte: – das siebentorige Theben und all die Tempel der daulischen und phokischen Lande und das ganze Oenotria bis hinauf zum tyrrhenischen Golf. Versunken in die Graburne des Erdreichs sah er die entschwundnen Kulturen: – die fremde, ursprungslose Blüte der Inkas; die Bruchstücke verlorner Epen auf den Scherben zerbrochner, gnossischer Töpfereien; die verschütteten Königsgrüfte von Memphis und den Staub der Pharaonen, umwunden mit Gold und linnenen Binden, deren Faser zerfiel ... tot mitsamt ihren tausend bestialischen Gottheiten, ihren stummen, unerwachten Uschtaben, in ihren vollendeten Ewigkeiten.

Er sah die Billion der auf Erden Lebenden und die tausend Billionen der Toten; ausgetrocknete Meere, überflutete Wüsten, ertrunkne Gebirge; und Götter und Dämonen kamen aus dem Süden, herrschten über das kleine Raketengeleucht von Jahrhunderten und sanken dahin – kamen zu ihrem Todesnordlicht, dem murmelnden, todflackernden Dämmer der vollendeten Götter.

Die Rassen taumelten dahin auf ihrem Marsch zum Untergang, die riesenhaften Rhythmen der Erde aber blieben. Die Jahreszeiten zogen auf in majestätischer Prozession, und immer wieder kam der keimkräftige Frühling – neue Saaten, neue Menschen, neue Ernten, neue Götter.

Und dann die Reise, das Fahren und Fahnden nach dem glückseligen Land. In diesem Augenblick seiner furchtbaren Vision sah Eugen im qualhaften Getrieb von tausend fremden Orten seine verwickelte Suche nach seinem Selbst gespiegelt. Und sein heimgesuchtes Gesicht war besessen von jenem dunklen und leidenschaftlichen Hunger, der im Weberschiffchen übers Meer gefahren kam und am Schicksalswocken unter den Pennsylvania-Deutschen den Faden weiterspann, jenem Hunger, der seines Vaters Augen verdunkelt hatte mit dem unfaßbaren Verlangen, Engelshäupter aus Steinklötzen zu hauen. Und er, Eugen, der im Gebirg Gehörne, er, dessen Erdenschau vom Wall der Bergwände umstellt war, er sah die goldnen Städte vor seinen Augen zerfallen, sah wie der üppigdunkle Glanz einer schmutzig-grauen Trübe anheimfiel. Sein Hirn war krank von der Million der Bücher, seine Augen waren krank von der Million der Bilder, sein Leib war siech von hundert fürstlichen Weinen.

Als er sich aus seiner Vision hochriß, schrie er: »Ich bin nicht dort in den Städten. Ich habe auf der Million der Straßen gesucht, bis der Bocksruf in meiner Kehle erstarb, und ich habe keine Stadt gefunden, wo ich war, keine Tür gefunden, wo ich eintrat, keine Stätte gefunden, wo ich stand.«

Vom Rand der mondhellen Stille erwiderte Ben: »Narr! Warum suchst Du auf Straßen?«

Dann sagte Eugen: »Gegessen und getrunken hab ich die Erde, ich bin verloren gegangen und geschlagen worden, und nun will ich nicht weitergehn.«

»Narr!« sagte Ben. »Was willst Du denn finden?«

»Mich selbst und ein Ende des Hungers und das glückselige Land«, antwortete er. »Denn ich glaube schließlich an Häfen. O Ben, Brüder und Gespenst und Fremdling, Du, der Du nie sprechen konntest, steh mir nun Antwort!«

Da dachte er, daß Ben sage: »Das glückselige Land gibt es nicht. Und ein Ende des Hungers gibt es nicht.«

»Und ein Stein, ein Blatt, eine Tür? Ben?« ... sprach er, fuhr er sprachlos sprechend fort. »Die sind, die nie waren, Ben, Erscheinungen meines Hirns, so wie ich Erscheinung Deines Hirns bin, mein Gespenst, mein Fremdling, der Du gestorben bist, und der Du nie lebtest wie ich?' Aber, falls Du hättest, was ich nicht habe. Du verlorne Erscheinung meines träumenden Hirns, falls Du eine Antwort hättest– eine Antwort!«

Die Stille sprach. (»Ich kann nicht von Reisen reden, ich gehör' hierher, ich bin nie von hier weggekommen«, sagte Ben.)

»Und dann –: Wie steht es um mein Ich, die Erscheinung Deines Hirns, Ben? Dein Fleisch ist tot und in diesen Bergen begraben worden. Und meine uneingesperrte Seele jagt durch die Million der Straßen, auf denen das Leben treibt, und lebt sein Nachtmahrdasein von Hunger und Gier. Wo, Ben, wo ist die Welt?«

»Nirgends«, sagte Ben. »Du bist Deine Welt.«

Unvermeidliche Katharsis durch die Verstrickung ans Chaos. Unfehlbare Pünktlichkeit des Geschicks. Summierung des Erledigten aus den billionenfachen Toden, die die Möglichkeit stirbt.

» Ein Land werde ich unbesucht lassen«, erklärte er. »Et ego in Arcadia.«

Als er dies sprach, sah er, daß er die Million der Stadtskelette und die Million der versträhnten Straßen verlassen hatte. Er war allein mit Ben, sie standen mit den Füßen auf der Dunkelheit, ihre Gesichter waren erhellt vom kalten, hohen Terror der Sterne.

Am Rand der Dunkelheit stand er und besaß nur noch den Traum von allem: – der Traum der Städte, der Million der Bücher, der schemenhaften Menschengebilde, die ihn geliebt hatten, die er gekannt und verloren hatte. Sie werden nicht wiederkommen, sie werden nie wieder zurückkommen.

Mit den Füßen auf der Felsklippe der Dunkelheit stehend, spähte er aus und sah keiner Städte Licht. Das wäre, dachte er, des Todes gute, starke Medizin.

»Ist dies das Ende?« fragte er. »Habe ich Leben verzehrt und ihn nicht gefunden? Dann will ich nicht länger reisen.«

»Narr«, sagte Ben. » Dies ist das Leben. Du bist im Nirgends gewesen.«

»Aber in den Städten?«

»Es gibt keine. Es gibt nur die eine Reise, die erste, die letzte, die einzige Reise.«

»An Küsten fremder als Cipango, an Orten ferner als Fez werde ich ihn jagen, den Geist und Heimsucher meiner selbst. Ich hab das Blut, das mich nährte, verloren, ich starb die hundert Tode, die zum Leben führen. Mit dem langsamen Donner von Pauken, am Ausflackern sterbender Städte vorbei, bin ich an diesen dunklen Ort gekommen. Und dies ist die wahre Reise, ist die gute, die beste Reise. Und nun bereite Dich, meine Seele, denn die Jagd beginnt. Ich werde Meere befahren, fremder noch als das Meer, das der Albatros heimsuchte.«

Er stand nackt und allein in der Dunkelheit, fern von der verlornen Welt der Straßen und Gesichter; er stand auf dem Bollwerk seiner Seele, vor dem verlornen Land seiner selbst; er hörte den Murmellaut der im Binnenland verlornen Meere und der Hörner ferne, innere Musik. Die letzte Reise, die längste, die beste.

»O Du jäher, unfaßbarer, in den Dickichten meines Ichs verlorner Faun, ich werde Dich jagen, bis Du aufhören wirst, meine Augen mit Hunger zu peinigen. Ich hörte Deiner Tritte Hall in der Wüste; ich sah Deinen Schatten in alten, begrabnen Städten; ich hörte Dein Lachen schallen auf der Straßen Million. Aber dort fand ich Dich nicht. Und im Wald hängt kein Blatt für mich, auf den Bergen werde ich keinen Stein aufheben, in keiner Stadt werde ich die Tür finden. Aber in der Stadt meiner selbst, auf dem Kontinent meiner Seele werde ich die vergeßne Welt finden, eine Tür, wo ich eintreten darf, und seltsamere Musik hören als je erklang. Und Dich werde ich heimsuchen, Gespenst, auf den labyrinthischen Wegen bis ... bis? O Ben, mein Gespenst, eine Antwort?«

Aber während er sprach, verschnörkelte sich die Schau der phantomischen Jahre; nur Bens Augen noch – antwortlos – brannten furchtbar und stät in der Dunkelheit.

Und es tagte; Vögel erwachten; der Stadtplatz lag gebadet im jungen Perlglast des Morgens. Ein leichter Wind flatterte über den Platz, und Eugen sah, wie Ben wie eine Rauchwolke im Frühlicht zerschmolz.

Und die Engel auf Gants Terrasse standen erfroren und starr und marmorstill, und in der Nachbarschaft erwachte das Leben mit hartem Rädergerassel und dem Klapperklang eisenbeschlagner Hufe. Und Eugen hörte den langen, klagenden Pfiff eines Zugs drunten am Fluß.

Jedoch, als er da zum letztenmal neben den Engeln auf seines Vaters Terrasse stand, schien es ihm, als sei der Stadtplatz bereits fern und verloren; oder, würde ich sagen: er war wie ein Mann, der auf dem Berg steht über einer Stadt, die er verlassen hat, jedoch nicht sagt »Die Stadt ist nah«, sondern seine Augen auf die fernen, schwingenden Bergketten richtet.


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