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Erstes Buch

... ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergeßnen Gesichtern.

Nackt Und allein gerieten wir in Verbannung. Im Dunkel ihres Schoßes kannten wir unsrer Mutter Angesicht nicht. Aus dem Gefängnis ihres Fleischs sind wir ins deutungslose Gefängnis dieser Erde geraten.

Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehn? Wer unter uns ist nicht immer unterm Druck des Kerkers geblieben? Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?

O Öde aus Verlust: in heißen Wirrsälen verloren; unter hellen Sternen auf dieser müden, lichtlosen Schlacke verloren. Verloren! Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür. Wo? Wann?

O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!

I

Ein Schicksal, das Engländer und Pennsylvania-Deutsche zusammenbringt, ist schon sonderbar genug. Eines aber, das von Epsom in den Quäkerstaat, und von dort – am sanften Lächeln eines Engels aus Stein vorbei – in das Gebirg führt, das Altamont über dem stolzen, korallenroten Hahnenschrei umragt, dunkelt vom Wunder jenes Waltens, das die staubige Welt neu verzaubert.

Jeder von uns stellt alle Stimmen dar, die er nicht zusammengezählt hat. Versetze uns in Nacht und Nacktheit zurück, und Du wirst erkennen, daß die Liebe, die gestern in Texas endete, vor viertausend Jahren auf Kreta begann.

Der Same unseres Verfalls wird in der Wüste blühen, am Fels wächst das Heilkraut, und unsre Leben werden von einer Schlampe aus Georgia heimgesucht, weil ein Beutelabschneider in London ungehenkt blieb. Jeder Augenblick ist die Frucht von vierzigtausend Jahren. Die Tage, an Minuten ermessen, sind Fliegen, die sich totsummen. Jeder Augenblick ist ein Fenster, das auf alle Zeit hinausweist.

Hier ist so ein Augenblick:

Ein Engländer namens Gilbert Gaunt (was er später in Gant änderte, vermutlich ein Zugeständnis an die Aussprache der Yankees) war im Jahre 1837 auf einem Segler von Bristol nach Baltimore gekommen. Den Wert eines Gasthauses, das er sich gekauft hatte, ließ er seine unfürsorgliche Kehle hinunterrollen. Dann wanderte er westwärts nach Pennsylvanien. Sein karges Brot erwarb er auf gefährliche Weise. Er reiste mit Zuchthähnen, die er auf den Höfen gegen die Champions der Ortschaften kämpfen ließ. Oft entkam er nur nach einer im Dorfgefängnis verbrachten Nacht, seinen Hahn tot auf dem Felde zurücklassend, ohne einen klingenden Heller in der Tasche; manchmal trug er die Spuren einer derben Farmerfaust im verwegenen Gesicht. Stets aber entkam er. Er gelangte schließlich unter die Pennsylvania-Deutschen. Es war Erntezeit. Die Fülle des Landes tat es ihm so sehr an, daß er dort vor Anker ging. Im Lauf eines Jahres heiratete er eine handfeste Witwe mit einer sauberen Farm. Das Air des Vielgereisten, das ihn umgab, seine grandiose Art zu reden, besonders wenn er Hamlet in der Manier des großen Edmund Kean vorspielte, gefiel allen Frauen dort sehr. Er hätte Schauspieler werden müssen, sagten die Leute.

Der Engländer zeugte Kinder – eine Tochter und vier Söhne –, lebte angenehm und ohne Sorgen und ertrug das barsche, aber gerechtfertigte Gekeif seiner Frau mit Geduld. Jahre vergingen. Der Engländer ging mit dem Schlürfschritt des Gichtkranken; seine starren Augen wurden trüb und versackten. Eines Morgens, als seine Frau ihn aus dem Bett herausschelten wollte, fand sie ihn tot, vom Herzschlag gerührt. Er hinterließ fünf Kinder, eine Hypothek und – in seinen seltsamen dunklen Augen, die nun glasig starrten, etwas, das nicht mit ihm gestorben war: einen obskuren, leidenschaftlichen Hunger nach Reisen.

Mit diesem Vermächtnis verlassen wir diesen Engländer und beschäftigen uns von jetzt ab mit dem Erben, dem er es hinterließ, seinem zweitgeborenen Sohn, einem Burschen namens Oliver. Dieser Bursch stand an der Landstraße, als staubbedeckt die Truppen der Aufständischen auf dem Marsch nach Gettysburg in der Nähe der Farm vorüberzogen. Wenn er den großen Namen Virginia hörte, wurden seine Augen dunkler. Als der Bürgerkrieg endete, war er fünfzehn.

Eine längere Geschichte ist, wie er einmal in Baltimore eine Gasse entlang ging und in einer kleinen Werkstatt polierte granitne Grabmale sah, Lämmer und Cherubim, und auf kalten, abgezehrten Füßen schwebend einen Engel mit dem Lächeln sanfter Blödheit aus Stein. Die kalten, seichten Augen des Burschen wurden dann dunkler von dem obskuren, leidenschaftlichen Hunger, der in den Augen eines Toten gelebt hatte. Als Oliver den großen Engel mit der Lilie anschaute, überkam ihn eisig eine namenlose Erregung. Die langen Finger seiner großen Hände schlossen sich fest zusammen. Er spürte auf einmal, was er wolle. Mehr als alles in der Welt wollte er mit gelenkem Meißel in Stein schneiden, wollte er etwas Dunkles, Unsägliches aus dem kalten Block herausholen, wollte er das Haupt eines Engels aushauen.

Oliver Gant trat in die Werkstatt ein und fragte den stämmigen, vollbärtigen Mann mit dem Holzhammer um Arbeit. Er wurde Steinmetzlehrling. Fünf Jahre Arbeit, dann war er Steinmetz. Als seine Gesellenzeit um war, war er ein Mann.

Er erreichte es nie. Er lernte nie, das Haupt eines Engels aus Stein zu hauen. Taube, Lamm, gefaltete Totenhände, schöne feine Buchstaben, das lernte er. Aber den Engel nicht. Diese Jahre der Arbeit und wüsten Trunks hatten eine verheerende Nachwirkung auf den Steinhauer. Dazu kam der Einfluß des Theaters von Booth und Salvini, denn er lernte den hochtrabenden Schwulst, den er dort hörte, bis auf den Akzent auswendig. Murmelnd, mit großen ausdrucksvollen Händen gestikulierend, schritt er durch die Straßen. So tappen und tasten wir blind in unsrer Verbannung, so zeigt sich der Hunger, wenn wir, uns wortlos erinnernd, die große vergeßne Sprache suchen, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine Tür. Wo? Wann?

Er erreichte es nie. Er fuhr über den Kontinent in die Südstaaten der Wiederaufbaujahre: ein sonderbarer wilder Kerl, sechs Fuß vier Zoll hoch, mit alten unbehaglichen Augen, einer großzinkigen Nase. Sein Redestrom rollte hochstaplerisch und verrückt, formvollendet wie klassische Zitate. Trotz des leichten Grinsens um die Winkel seines dünnlippigen, kläglichen Mundes nahm er diese pathetische Ausdrucksweise völlig ernst.

In Sidney, der Hauptstadt eines der mittleren Südstaaten, machte er ein Geschäft auf. Er lebte nüchtern und fleißig unter den aufmerksamen Augen der Bevölkerung, die noch vom verlornen Krieg und von Feindseligkeit wund war. Er machte sich einen guten Namen, fand Zutritt, heiratete eine hagere, lungensüchtige, auf die Ehe erpichte Jungfer. Cynthia war zehn jähre älter als er; sie hatte etwas Geld. Achtzehn Monate Ehestand verwandelten ihn wieder in einen tobsüchtigen Trinker. Sein Geschäft ging in die Brüche, während er sich in den Schenken räkelte. Cynthia, deren Leben er – so meinten die Mitbürger – nicht verlängern half, starb plötzlich nachts an einem Blutsturz.

So war wieder alles dahin: Cynthia, die Werkstatt, die schwer erkämpfte Nüchternheit, das Haupt des Engels. Er strich nachts durch die Straßen und verfluchte die Südstaaten und ihre Trägheit in gellen, pathetischen Flüchen. Angekränkelt von Angst, vom Verlust, von Reue, zermürbt von den tadelnden Blicken der feindseligen Stadt, fiel er vom Fleisch; und war überzeugt, daß Cynthias Geißel ihn strafend heimsuchte.

Er war erst knapp über dreißig, sah aber viel älter aus. Sein Gesicht war gelb und hohl. Seine großzinkige, wächserne Nase wirkte wie ein Vogelschnabel. Sein langer, brauner Schnurrbart hing traurig herab. Das wüste Trinken hatte seine Gesundheit untergraben. Er war spindeldürr geworden und hustete ständig. Er war einsam, er dachte an Cynthia. Ihm wurde angst. Er glaubte, er sei schwindsüchtig und müsse bald sterben.

Allein und abermals verloren, da er nirgends in der Welt Ordnung und Bleibe gefunden hatte, da ihm der Boden unter den Füßen entzogen war, nahm er sein zielloses Streunerleben wieder auf. Er wandte sich westwärts gegen das große Gebirg, denn er wußte, daß jenseits der Berge sein übler Ruf unbekannt war. In den Bergen hoffte er Einsamkeit, neues Leben und seine Gesundheit wieder zu finden.

Seine Augen wurden wieder dunkler. Wie in seiner Jugend.

Den ganzen Tag unter einem verregneten grauen Oktoberhimmel fuhr Oliver westwärts durch den großen Staat Catawba. Er blickte traurig zum Fenster hinaus auf das riesige, ungeordnete Land. Die paar armseligen Farmen schienen ihm vergeblich in diese Wildnis gepflanzt. Sein Herz wurde kalt und wie Blei. Er dachte an die mächtigen Scheuern Pennsylvaniens, an das goldne, reife, geneigte Korn, an die Fülle, die Ordentlichkeit, das reinliche Auskommen der Menschen dort. Er dachte daran, wie er selbst ausgezogen war, um Auskommen und Bleibe für sich zu finden. Er dachte an das Wirrsal seines Lebens, seine vergeudete Jugend, die Spur der Jahre.

Bei Gott, dachte er, ich werde alt. Warum hier?

Die verschollenen Jahre zogen gespenstisch in seinem Hirn um. Er sah plötzlich, daß eine Kette von Zufällen sein Leben bestimmt hatte: ... ein Lied von Armageddon, das ein verrückter Rebell sang ... Hörner und Maultiergetrappel der Armee auf der Landstraße ... das alberne weiße Gesicht eines Engels in einer verstaubten Werkstatt ... die wippenden Schinken einer vorüberstreifenden Strunze ... Das hatte ihn aus Wärme und Fülle in diese Öde getrieben. Als er zum Fenster hinaus auf die fahle unbebaute Erde starrte, das große kahle Massiv des Piedmont, das schmutzige Ziegelrot der Landstraßen, die verschlampten Menschen, die gaffend auf den Stationen herumlungerten – einen dürren Farmer, der unsicher auf dem Kutschbock schwankte, einen torkelnden Neger, einen zahnlosen Farmtölpel, ein blasses verhärtetes Weib mit einem schmierigen Balg auf dem Arm –, da packte ihn die Furcht vor der Fremdheit des Geschicks. Was hatte er hier zu suchen? Wie kam er hierher? Aus dem ungetrübten Behagen seiner Jugend hierher in dieses endlose, verlorne, verkrümelte Land?

Der Zug klapperte vorwärts. Es regnete ständig. Der Grund roch stark. Ein Bremser kam und leerte einen Kroppen Kohle in den Ofen am Ende des Abteils. Es zog. Zwei blöde Kerle, die mit ihm in dem mit schmutzigem Plüsch bezogenen Abteil saßen, brachen in ein leeres, hohes Gelächter aus. Die Glocke der Lokomotive bimmelte kläglich über dem Rädergerassel. Am Fuß des Gebirges war ein Bahnknotenpunkt. Dort stand der Zug eine unendliche, dröhnende Weile lang still. Dann ging die Fahrt weiter über die leere rollende Erde hin.

Es wurde düster. Riesige Bergmassen traten vag aus dem Dunst. In den Hütten auf den Hängen gingen kleine blakende Lichter an. Der Zug schwankte über schwindelnde Gerüste, die sich hoch über geisterhaft strudelnden Wassern spannten. Jäh in der Höhe, jäh in der Tiefe hingen kleine Spielzeughäuser an den Ufern, den Schlüften, den Abhängen. Zäh und langsam arbeitete sich der Zug durch Einschnitte ins rote Erdreich in die Höhe. Es war dunkel, als Oliver in der Kleinstadt Old Stockade, der armseligen Endstation der Bahnlinie, ausstieg. Die letzte Bergwand lag ungeheuer vor ihm. Als er in das fettige Funzellicht eines ländlichen Landes starrte, hatte Oliver das Gefühl, daß er – ganz wie ein großes Tier, das sich zum Verenden in die Wildnis zurückzieht – sich dem Tod entgegen in den Ring dieser Berge schleppe.

Am nächsten Morgen reiste er mit der Postkutsche weiter. Sein Ziel war die kleine Stadt Altamont, vierundzwanzig Meilen entfernt, tief im Gebirg gelegen. Als die Pferde auf der steilen Straße anzogen, wurde Oliver etwas vergnügter. Es war ein graugoldner Spätoktobertag, hell und windig. Die Höhenluft wehte frisch und scharf. Die Berge ragten über ihm, ganz nah, ungeheuer, unfruchtbar, unbegangen. Bäume, beinah laublos, hoben sich klar und mächtig ab. Der Himmel trieb mit weißen Wolkenfetzen. Ein dichter Nebelschwaden wogte langsam eine Steilhalde hinab.

Tief unten schäumte ein Bach. Oliver sah, ganz winzig, einen Trupp Arbeiter, die an dem Schienenstrang, der sich über die Bergkette nach Altamont winden sollte, arbeiteten. Die Kutsche kam übers Joch. Die Gäule schwitzten. Ringsum schwangen königlich die Bergketten, verschwammen in blaurotem Dunst. Der Abstieg zu dem Hochplateau, auf dem Altamont liegt, begann.

In die geisterhafte Ewigkeit der Berge eingebettet, über hundert kleine Hügel und Senken gebreitet, fand Oliver eine Stadt von viertausend Einwohnern.

Hier war Neuland. Ihm wurde leicht ums Herz.

Diese Stadt Altamont war kurz nach dem Befreiungskrieg gegründet worden. Sie war damals ein bequemer Halteplatz für Viehtreiber und Farmer auf dem Weg von Tennessee nach Süd-Carolina. Bereits ein paar Jahrzehnte vor dem Bürgerkrieg war sie Sommeraufenthalt modischer Leute aus Charleston und von den heißen Plantagen des Südens. In den Jahren, als Oliver Gant dort ankam, hatte ihr Ruf als Kurort für Lungenkranke gerade begonnen. Ein paar reiche Herren aus dem Norden hatten Jagdhütten im Gebirg. Einer von ihnen hatte große Landstrecken aufgekauft und baute nun mit einer Armee von Zimmerleuten und Maurern unter einem Stab importierter Architekten das größte Landhaus in den Vereinigten Staaten – so ein Ding aus Kalkstein mit spitzen Schieferdächern und einhundertdreiundachtzig Zimmern, nach dem Vorbild des Schlosses von Blois. Außerdem gab es ein großes neues Hotel aus Holz, eine kostspielige Riesenscheuer, die protzig-behaglich auf einer gebietenden Anhöhe über der Stadt thronte.

Aber weitaus die Mehrzahl der Einwohner war alteingesessen; stammte aus dem Gebirg; ein Menschenschlag schottisch-irischen Blutes: hinterwäldlerisch, fleißig, handfest, intelligent.

Oliver hatte aus dem Zusammenbruch von Cynthias Vermögen zwölfhundert Dollar gerettet. Er mietet einen kleinen Schuppen an einer Ecke des Stadtplatzes, kaufte ein paar Marmorblöcke auf Lager und fing sein Geschäft an. Zu tun hatte er die erste Zeit wenig. Einsam und trübselig hing er seinen Todesgedanken nach. Während des bittern Winters wurde der lange dürre Yankee, diese wandelnde Vogelscheuche, die murmelnd durch die Straßen strich, zum Stadtgespräch. Alle Leute im Boarding-House wußten, daß er nachts in seinem Zimmer mit großen Schritten wie ein Raubtier im Käfig auf und ab ging, und daß er im Schlaf tief aufstöhnte. Er sprach mit niemandem.

Als aber der wunderbar grün-goldne Bergfrühling mit kurzen heftigen Windstößen, mit dem Zauber und Duft der Blüten, mit lauen balsamischen Brisen kam, begann die große Wunde in Oliver zu verheilen. Seine Stimme ward wieder vernommen. Purpurn leuchteten die alte Beredsamkeit, das alte Ungestüm in ihm auf.

Eines Apriltages, als er frischerweckter Sinne vor seine Werkstatt trat, um das flimmernde Leben auf dem Stadtplatz zu beobachten, hörte er hinter sich die Stimme eines Mannes, der gerade vorüber ging. Und diese seichte, träge, langgezogne Stimme rührte wie ein Lichtstrahl an ein Bild, das zwanzig Jahre in ihm geschlummert hatte.

»Er kommt! Er muß kommen! Meiner Berechnung nach trifft er am 11. Juni 1886 ein.«

Oliver wandte sich um und erblickte die freundlich-feiste Gestalt eines Wanderpredigers, die er zum letztenmal gesehn hatte, als sie auf der staubigen Marschroute entschwand, die nach Gettysburg und Armageddon führt.

»Wer ist das?« fragte er jemanden.

Der Mann guckte und grinste.

»Das? Bacchus Pentland«, sagte er. »Ein Original. Seine Leute leben hier in der Gegend.«

Oliver leckte seinen großen Daumen. Dann fragte er dünn lächelnd:

»Ist Armageddon jetzt gekommen?«

»Er erwartet das täglich«, sagte der Mann.

Dann traf Oliver Eliza. Eines Frühlingsnachmittags lag er auf dem Ledersofa in seiner Bude und lauschte auf die hellen, pfeifenden Geräusche vom Platz. Ein heilsamer Friede brütete über seiner langausgestreckten Gestalt. Er dachte an mulmige schwarze Erde, über die das junge Licht der Blumen flackert, an kühles, perlendes Bier, an des Pflaumenbaums fallende Blüten. Da hörte er Frauenschritte auf die Werkstatt zukommen, schnell sprang er auf. Er zog gerade seinen wohlgebürsteten schwarzen Rock an, als sie eintrat.

»Ich wünscht, ich wär ein Mann«, begann Eliza mit vorwurfsvollem Spott, »und hätt den ganzen Tag nichts zu tun, als auf einem bequemen Sofa zu liegen.«

»Guten Nachmittag, Madam«, sagte Oliver. Er verbeugte sich umständlich. Ein mattes Lächeln spielte um seine schmalen Mundwinkel. »Sie haben mich in der Tat beim Mittagsschlaf überrascht. Ich schlafe tagsüber eigentlich selten, aber meine Gesundheit ist in letzter Zeit ein wenig angegriffen. So bin ich nicht imstand, die Arbeit zu leisten, die ich früher tat.«

Er schwieg einen Augenblick und ließ traurig den Kopf hängen. »Ach Gott, ich weiß wirklich nicht, was noch aus mir werden wird.«

»Ei was!« wandte Eliza schnell und verächtlich ein. »Meiner Meinung nach fehlt Ihnen gar nichts. Sie sind ein Mordskerl von einem Mann und stehn in den besten Jahren. Gut zur Hälfte ist die Sache gewiß nur Einbildung. Vor drei Jahren hielt ich Schule in Hominy Township und bekam die Lungenentzündung. Kein Mensch glaubte, daß ich durchkäme. Aber ich hab's doch geschafft. Ich erinnere mich, da lag ich eines Tags da ... ich glaub, man nennt das rekonvaleszieren ... ja! ... Der Grund, wieso mir das jetzt einfällt, ist der: der alte Doktor Fletscher war gerade dagewesen, und als er wegging, sah ich, wie er zu meiner Kusine Sally den Kopf schüttelte. ›Aber Eliza, um Himmels willen!‹ sagte Sally zu mir, sobald er zum Haus draußen war. ›Er sagte mir, daß Du Blut spuckst, so oft Du hustest. So sicher, wie ich hier steh: Du hast die Schwindsucht!‹ – ›Ei was!‹ hab ich gesagt, und ich lachte so laut heraus, wie ich nur konnte. ›Kein Wort glaub ich davon!‹ Und ich dacht mir: ›Nur nicht nachgeben, ich werd sie alle mal rein zum Narren halten.‹ (Hier nickte Eliza und rollte die Lippen) ... ›und außerdem, Sally‹, hab ich gesagt, ›einmal kommen wir alle dran. Unsinn, sich deswegen Gedanken zu machen. Was kommt, kommt. Es kann morgen sein, es kann später sein. Aber kommen muß es gewiß.‹«

»Ach Gott«, sagte Oliver und nickte traurig, »ein wahreres Wort ist nie gesagt worden.«

Barmherziger Heiland! dachte er verzweifelt. Wie lange wird sie daherreden? Aber ein hübscher Kerl ist sie, todsicher. Er sah wohlgefällig ihre aufrechte, gutgebaute Figur an. Er bemerkte die milchweiße Haut, die schwarzbraunen Augen mit dem drolligen Kinderblick, ihr tiefschwarzes glänzendes Haar, das von der hohen weißen Stirn glatt zurückgekämmt war. Sie hatte die Angewohnheit, vorm Sprechen stets die Lippen zu rollen. Sie sprach langatmig und kam stets erst über nie endende Abschweifungen und Seitenpfade, über alle Wegenden der Erinnerung zur Sache, so, als müsse sie zunächst erst bei allen Dingen, die sie je getan, gefühlt, gedacht, gesehn, erlebt hatte, mit egozentrischem Entzücken verweilen.

Als er sie so anblickte, brach sie plötzlich mitten im Satz ab, legte ihre nett behandschuhte Rechte ans Kinn und starrte mit nachdenklich gerolltem Mund ins Leere.

»Also!« sagte sie. »Falls Sie sich hier erholen und einen Teil Ihrer Zeit liegen müssen, dann brauchen Sie etwas, was Sie geistig beschäftigt.« Sie öffnete das kleine lederne Handköfferchen, das sie trug, und nahm eine Visitenkarte und zwei dicke Bände heraus. »Mein Name«, sagte sie gewichtig und mit langsamem Nachdruck, »ist Eliza Fentland. Ich vertrete die Verlagsanstalt Larkin and Company.«

»Barmherziger Heiland!« dachte Oliver. »Wie würdig und stolz sie das sagt! Eine Buchagentin also!«

»Wir offerieren«, sagte Eliza und öffnete ein mit phantastischem Buchschmuck aus Speeren, Fahnen, Lorbeerreisern ausgestattetes Werk, »eine poetische Blütenlese, betitelt Juwelen in Vers für Herd und Heim und außerdem Larkins Handbuch Arzt und Arznei zum Hausgebrauch, ein Werk, das Kuren und Vorbeugungsmittel für mehr als fünfhundert Krankheiten enthält.«

»So ...« sagte Gant, heimlich grinsend, und leckte seinen großen Daumen. »Da könnte auch ich wohl herausfinden, was mir fehlt.«

»Ei gewiß!« versicherte Eliza mit entschiedenem Kopfnicken. »Sie lesen sozusagen die Poesie zum Besten Ihrer Seele und den Hausdoktor zum Wohl Ihres Leibs.«

»Gedichte mag ich sehr gern«, gestand Oliver, drehte ein paar Seiten um and hielt bei dem Abschnitt Sänge von Säbel und Sporn interessiert inne. »Als ich noch ein Bub war, konnte ich stundenlang rezitieren.«

Er kaufte die Bände. Eliza packte die Muster ein, richtete sich auf und sah sich neugierig in der verstaubten Bude um.

»Geht das Geschäft gut?« fragte sie.

»Nicht daß ich sagen könnte«, gestand Oliver. »Es kommt gerade genug dabei heraus, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Ich bin fremd in der Stadt.«

»Ei was!« sagte Eliza fröhlich. »Sie sollten mehr unter die Leute gehen. Sie brauchen etwas, was die Gedanken ablenkt. Wenn ich Sie wäre, dann würde ich mal dran gehn, mich um die fortschrittliche Entwicklung dieser Stadt zu bekümmern. Wir haben hier alles Zeug zu einer Großstadt: Landschaft, Klima, Bodenschätze. Da wäre was zu machen. Wenn ich ein paar tausend Dollar hätte, wüßte ich genau, was ich mit ihnen anfangen würde.« Sie blinzelte ihm lustig zu und begann mit sonderbar männlichen Gebärden: den Zeigefinger ausgestreckt, die Faust lose geballt: »Betrachten Sie mal das Baugrundstück hier an der Ecke, dieses hier, auf dem Ihre Werkstatt steht. Es wird in den nächsten paar Jahren seinen Wert verdoppeln. Und dort –« sie deutete mit einer weiten Armbewegung –' »dort wird eines Tages eine Straße laufen, so sicher, wie ich hier steh ...»– sie rollte nachdenklich die Lippen – »und dann wird dieses Grundstück schweres Geld wert sein.« Sie fuhr fort, versonnen-hungrig über Baugelände zu reden. In ihrer Vorstellung war die Stadt ein ungeheurer Blaupausplan; ihr Gedächtnis war mit Zahlen und Schätzungen vollgepfropft; sie wußte, wer ein Grundstück besaß, wer es verkauft hatte; sie kannte den Kaufpreis, den faktischen und den Spekulationswert; sie verstand sich auf erste und zweite Hypotheken.

Oliver dachte an Sidney. Als sie fertig war, bemerkte er mit Nachdruck:

»Ich hoffe, ich werde nie wieder in meinem Leben Immobilien besitzen; außer einem Wohnhaus natürlich. So was lastet wie ein Fluch auf einem, und am Ende kriegt doch der Steuereinnehmer alles.«

Eliza sah ihn verdutzt an, als hätte er sich zu einer verdammenswerten Irrlehre bekannt.

»Na, aber hören Sie! Das wollen Sie doch nicht im Ernst behaupten! Sie werden sich doch auch etwas für die magern Jahre zurücklegen wollen?«

»Ich befinde mich mitten in den magern Jahren«, sagte er düster. »Was ich an Grund und Boden benötige, sind acht Kubikfuß Erde für ein Grab.«

Dann aber redete er von freundlichern Dingen und geleitete sie zur Tür. Er sah ihr nach, wie sie lustig über den Stadtplatz davonging. Er beobachtete, daß sie im Rinnstein ihren Rock mit damenhafter Artigkeit ein wenig hob. Dann wandte er sich zu seinen Marmorblöcken. Eine Freudigkeit regte sich in ihm, die er für immer verloren geglaubt hatte.

Die Familie Pentland, der Eliza angehörte, war eine der sonderbarsten Sippen, die dies Gebirg je hervorgebracht hatte. Ihr Anspruch auf den Namen Pentland war strittig. Ein Schotte dieses Namens, Bergbauingenieur von Beruf, Großvater des derzeitigen Haupts der Familie, war nach dem Befreiungskrieg auf der Suche nach Kupfer in die Gegend gekommen, hatte dort einige Jahre mit einer der Pionierfrauen gelebt und mehrere Kinder gezeugt. Als er verschwand, nahm die Frau für sich und die Kinder den Namen Pentland in Anspruch.

Derzeitiger Stammeshäuptling war Elizas Vater, Bruder des Propheten Bacchus, ein Major Thomas Pentland. Ein andrer Bruder war im Bürgerkrieg gefallen. Major Pentland hatte seinen militärischen Rang ehrlich aber unauffällig erworben. Während Bacchus, der es nie weiter als zum Korporal brachte, sich bei Shilo Blasen an die Hände feuerte, verteidigte der Major an der Spitze von zwei Landsturmkompagnien das heimatliche Gebirg. Diese natürliche Festung war zwar während des ganzen Feldzugs nicht bedroht, aber in den letzten Tagen vorm Waffenstillstand hatten die freiwilligen Wehrmannen, gut hinter Fels und Baum verschanzt, drei Salven auf ein verirrtes Detachement aus Shermans Armee abgegeben und sich dann stillschweigend zum Schutz ihrer wartenden Weiber und Kinder gedrückt.

Die Pentlands waren so alt wie irgendeine andere Familie in der Stadt. Sie waren immer arm gewesen und spielten sich nur selten als Patrizier auf. Durch Heirat und Versippung konnten sie sich naher Beziehung zu einigen Großen im Lande rühmen. Die Familie hatte den Durchschnitt an Idioten und Geisteskranken hervorgebracht; aber da sie an Intelligenz und Fiber den anderen Sippen der Gegend offensichtlich überlegen war, wurde ihr ein solider Respekt eingeräumt.

Die Pentlands hatten einen ausgeprägten Typ. Gruppenabzeichen waren breitangesetzte Nasen mit fleischigen, tief eingebuchteten Flügeln, sinnliche Lippen, gleichviel grob und delikat, die sich beim Nachdenken mit erstaunlicher Gewandtheit verziehen konnten; breite intelligente Stirnen und tiefe, flache, ein wenig hohle Wangen. Die Männer hatten im allgemeinen – obschon es auch eine leichenblasse Variation gab – hochrote Gesichter. Sie waren mittelgroß, untersetzt, schwer.

Major Thomas Pentland war Vater einer zahlreichen Familie. Die einzig überlebende Tochter war Eliza. Eine jüngere Schwester war ein paar Jahre zuvor an einer Krankheit gestorben, die die Familie wehmütig als »die Skrofeln unsrer armen Jane« bezeichnete. Von den sechs Buben war Bascom, der Älteste, nun dreißig, Will sechsundzwanzig, Jim zweiundzwanzig, waren Crockett, Elmer und Greeley der Reihenfolge nach achtzehn, fünfzehn, elf. Eliza war vierundzwanzig.

Die Kindheit der vier Ältesten war in die Hungerzeit nach dem Bürgerkrieg gefallen. Die Entbehrungen dieser Jahre waren so furchtbar gewesen, daß keins von den vieren je davon sprach. Sie hatten Wunden davongetragen, die nie ganz vernarbten. Die Folgen waren bei allen eine krankhafte Anlage zum Geiz, eine unersättliche Besitzgier und die Sucht, so bald wie möglich aus dem Haus des Majors hinauszukommen.

»Papa«, sagte Eliza mit damenhafter Artigkeit, als sie Oliver zum erstenmal ins Wohnzimmer des Elternhauses führte, »darf ich Dir Mister Gant vorstellen?«

Major Pentland erhob sich gemächlich vom Schaukelstuhl am offenen Kamin, klappte das Messer zusammen und legte den Apfel, den er gerade geschält hatte, auf den Kaminsims. Bacchus, der gerade an einem Stock geschnitzt hatte, sah wohlwollend auf. Will, der wie gewöhnlich an seinen Fingernägeln herumschnipselte, grüßte den Besuch mit einem komischen Zwinkern. Die Herren pflegten sich mit ihren Taschenmessern zu amüsieren.

Major Pentland, ein stämmiger, wohlbeleibter Fünfziger mit hochrotem Gesicht und einem Patriarchenbart, ging langsam auf Gant zu.

»Sie sind W. O. Gant? Nicht wahr?« fragte er mit öliggedehnter Stimme.

»Ja«, sagte Oliver.

»Na, nach dem, was mir Eliza erzählt hat«, sagte der Major und gab seiner Zuhörerschaft ein Zeichen, »müßten Sie L. E. Gant heißen.«

Das Zimmer schallte vom feisten, selbstgefälligen Lachen der Pentlands.

»Schäm Dich, Papa!« rief Eliza und legte die Hand an die Nase. Gant grinste mit geheuchelter Heiterkeit.

»Elender alter Racker«, dachte er, »diesen Kalauer hast Du bestimmt seit einer Woche auf Lager.«

»Will hast Du zuvor getroffen«, sagte Eliza.

»Zuvor und zunach«, blödelte Will.

»Und dies, sozusagen«, sagte Eliza, »dies ist Onkel Bacchus.«

»Tschawoll«, sagte Bacchus strahlend, »ganz wie er leibt und lebt.«

Will spottete gutmütig über seinen beleibten Onkel. Major Pentland riß einen alten Kalauer. Gant, mit frostigem Grinsen, war entschlossen, das Schlimmste über sich ergehn zu lassen. Die Tür ging auf, und ein Trupp Pentlands kam herein; Elizas Mutter, eine einfache, verblühte Frau, schottischen Typs, – Jim, ein sonnverbrannter Bursch, seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten, – Thaddäus, braunäugig, braunhaarig, gutmütig, kälbern, – Greeley, der Jüngste, der unter idiotischem Schmunzeln kleine Quietschlaute hervorbrachte, über die die ganze Gesellschaft lachte. Er war elf, degeneriert, schwächlich, skrofulös; seine weißen, schweißigen Hände wußten der Violine ungelernte, überirdische Musik zu entlocken.

Da saßen sie dann in der warmen Wohnstube, im Geruch mürber Äpfel. Der Wind brauste von den Bergen herunter, sauste in den kahlen Föhren, so daß die Äste aneinanderschlugen. Und während sie schälten oder schnitzten oder schnipselten, glitt das Gespräch von Ulk und Blödelei hinweg. Die Rede war vom Tod und vom Sterben. Dumpf, eintönig, mit feistem Behagen schwatzten sie vom Geschick, sprachen sie von kaum begrabnen Leuten. Und indessen das Gespräch kein Ende nahm, heulte draußen der geisterhafte Wind. In Gant wurde es finster. Seine Seele sank in Nacht. Er spürte, daß er immer ein Fremdling auf Erden bleiben werde, er spürte, daß er, ein Fremdling, sterben müsse, er spürte, daß alle sterben müssen – nur diese triumphierenden Pentlands, die sich schmatzend am Tode gütlich taten, nicht.

Wie einer, der in Polarnacht untergeht, dachte er an die üppigen Wiesen seiner Jugend: die Maisfelder, den Pflaumenbaum, das reife Korn. Warum hier? O verloren!


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