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Aber diese Freizügigkeit, dieses Einsamsein mit Büchern, dieses Träumen, diese uneingeschränkte Zeit für Phantasien sollte nicht dauern. Gant und Eliza waren beide beredte Fürsprecher der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Die Söhne waren bereits sehr früh zum Geldverdienen angehalten worden.

»Da lernt ein Junge Selbständigkeit«, sprach Gant und hatte das Gefühl, als hätte er dies irgendwo schon einmal gehört.

»Es schadet ihnen gewiß nichts«, meinte Eliza. »Wenn sie, jetzt nicht arbeiten lernen, dann werden sie später im Leben nie etwas leisten. Außerdem verdienen sie so ihr Taschengeld.« Dies letztere war zweifellos ein Grund von allerhöchster Wichtigkeit.

Also hatten die Söhne des Hauses von Kind auf nach den Schulstunden und in den Ferien gearbeitet. Unglückseligerweise unterzogen sich weder Gant noch Eliza der Mühe nachzuforschen, was für Arbeit ihre Söhne taten. Sie waren der zufriedenstellenden, behagenerzeugenden Meinung, daß jegliche Arbeit, die Geld einbringt, ehrlich, ratsam und charakterbildend sei.

 

Zu dieser Zeit hatte sich der störrische, wortkarge, einsame Ben bereits mehr und mehr in sich selber zurückgezogen. Er kam und ging wie ein Phantom; wie eines Phantoms wurde seiner in dem radauerfüllten Haus gedacht. Allmorgendlich um drei Uhr, wenn sein spröder, unterernährter Körper der Segnung tiefsten Schlafes bedurft hätte, stand er auf, stahl sich beim schwindenden Sternenlicht aus dem Haus und ging zu der surrenden Presse und dem geliebten Geruch der Druckerschwärze, um seine Route als Zeitungsträger anzutreten. Ohne daß es Gant und Eliza recht bemerkt hatten, war er nach dem achten Lehrjahr stillschweigend von der Schule weggeblieben und hatte weitere Verpflichtungen bei dem Zeitungsverlag übernommen. Er lebte selbstgenügsam in bitterm Stolz von seinem Verdienst. Er schlief zu Hause, aß auch öfters eine Mahlzeit dort. Spät am Abend kam er heim. Er hatte den hagern, vornübergebeugten, hastig-hektischen Gang, die pathetisch-lebenshungrige Art seines Vaters. Seine schmalen langen Schultern waren früh vom Gewicht der schweren Zeitungstasche abfallend geworden.

In sich verriegelt trug er die Fehler und Tragik aller Gants. Er ging allein in der Dunkelheit, und der Tod und die dunklen Engel schwebten über ihm, und niemand wurde je seiner richtig gewahr. Um drei Uhr dreißig morgens, die vollgestopfte Zeitungstasche neben sich, saß er mit anderen Zeitungsbuben in einer Frühstücksbar, eine Tasse Kaffee in der einen, die Zigarette in der andern Hand. Und lachte leise, fast lautlos mit seinem beweglichen, ungemein sensitiven Mund und den von heruntergezognen Brauen beschirmten grauen Augen.

Zu Flause verbrachte er ruhig versponnene Stunden mit Eugen. Er spielte mit ihm, puffte ihn auch von Zeit zu Zeit mit seiner harten weißen Hand. Zwischen ihnen bestand eine geheime Gemeinsamkeit, in die niemand in der Familie Zutritt und Einsicht hatte. Von seinem bescheidnen Lohn kaufte er dem Kleinen teure Geschenke zu den Festen und bei besondern Gelegenheiten. Es rührte ihn, daß er dem Brüderchen wie ein Mäzen, wie ein Nabob erschien. Über das, was er verdiente, überhaupt über sein ganzes Leben außer dem Hause bewahrte er ein eifersüchtiges Stillschweigen, als wäre es ein Geheimnis.

Er wurde gereizt und störrisch, wenn Eliza danach forschte. »Das sind meine eignen Angelegenheiten! Bei Gott, verlange ich etwa etwas von Euch?«

Eine tiefsitzende Zuneigung für alle brütete in ihm. Nie vergaß er einen Geburtstag, stets legte er ein kleines, nicht allzu teures, mit erlesenem Geschmack ausgesuchtes Geschenk unauffällig bereit, Wenn sie – wie es ihre Art war – es übertrieben lobten und in redselige Dankesergüsse ausbrachen, schnickte er den Kopf zur Seite, lachte leise und gereizt und sagte – so als spräche er zu einem unsichtbaren Lauscher –:

»Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte!«

Mag sein, daß der dunkle Engel weinte, wenn Ben, wohlgebügelt und gebürstet, mit sauberem Kragen, die Füße leicht einwärts setzend, unter den Morgensternen durch die Straßen hastete oder mit gerunzelter Stirn, im Haus herumstöberte. Das ist wohl möglich, denn Ben war ein Fremdling. Wenn er im Hanse umherging, fand er immer einen Zugang zum Leben, eine geheime, unentdeckte Tür, einen Stein, ein Blatt, – irgend etwas, das ihn ins Licht und die Kameradschaft der Menschen einließ. Sein Heimsinn war angeborne Leidenschaft. In dem Betrieb und Durcheinander des Haushalts. wirkte seine störrische, selbstbehaltne Stille wohltätig auf die Nerven wie ein Opiat. Mit stillschweigender Autorität und äußerst geschickten Händen machte er allerlei Ausbesserungsarbeiten, leimte an schadhaften Möbeln, flickte durchgebrannten Leitungsdraht, brachte versagende Kontakte in Schuß.

»Der Junge ist ein geborener Elektrotechniker«, sagte Gant. »Ich habe gute Lust, ihn auf eine Schule zu schicken.« Er malte ein romantisches Bild vom Wohlleben des Mister Charles Lidell, des tüchtigen Sohns des Majors, der mit seinen elektrischen Künsten Tausende verdiene und seinen alten Vater erhielt. Er wurde bitter und vorwurfsvoll und ließ sich über sein eignes Verdienst und die Nichtsnutzigkeit seiner Söhne ausführlich vernehmen.

»Andre Söhne sorgen für ihre alten Väter, aber meine? Meine nicht! O Gott, das wird ein harter Tag werden, wenn ich mich einmal nicht mehr selber ernähren kann. Tarkinton hat mir neulich erzählt, daß ihm Rafe, seit er sechzehn ist, fünf Dollar die Woche für das Essen bezahlt. Wäre es möglich, daß einer meiner Söhne so etwas täte? Nein! Ausgeschlossen! Da müßte erst die ganze heiße Hölle einfrieren, und selbst dann täten sie es nicht.«

Daraufhin schilderte er die Härte seiner eignen Jugend, hinausgestoßen – so sagte er – um sein Brot zu verdienen in einem Alter, das je nach seinem Grimm zwischen sechs und elf Jahren schwankte, und verglich sein damaliges Leben mit dem Luxus, in dem seine Söhne schwelgten.

»Keiner von Euch hat je etwas für mich getan!« heulte er. »Aber Alles und Jedes ist für Euch getan worden. Und was für Dank krieg ich von Euch? Habt Ihr überhaupt je daran gedacht, daß der Alte in seinem kalten Laden da oben am Stadtplatz schuftet und schwitzt, damit Ihr Obdach und zu essen habt? Nein! Undankbarer seid Ihr als die wilden Tiere des Walds!« – Ein reumütiger Bissen blieb in Eugens Kehle stecken.

 

Eugen wurde in die Ethik des Erfolgs eingeweiht. Nicht genug, daß ein Mensch arbeitet – obschon man grundsätzlich arbeiten soll –, viel wichtiger ist, daß man Geld macht, und zwar viel Geld, wenn man »ein großer Erfolg sein« will; aber immerhin mindestens so viel, um sich selbst durchzubringen. Dies war für Gant und Eliza die Grundlage aller Bewertung. Vom Soundso zum Beispiel hätten sie sagen können: »Er ist den Schuß Pulver nicht wert« ..., und zu dieser Schätzung hätte dann Eliza, nicht aber Gant, bestimmt hinzugesetzt: »Er hat nicht einen Stutzen Vermögen auf seinem Namen stehn« ... und das war gewiß der Gipfel der Infamie.

Eugen wurde nun früh um sechs Uhr dreißig von seinem Vater aus den Federn gejagt. Er ging in den Garten, in den frischen süßen Frühlingsmorgen hinunter, wo er, von Gant unterstützt, zarten Salat, Radieschen, Erdbeeren, Pflaumen, Kirschen, Frühäpfel in kleine Körbchen erntete. Die Körbchen wurden in eine Kiepe verstaut, und Eugen ging in die Nachbarschaft hausieren. Er wurde seine Ware, zu 5 und 10 Cent das Körbchen, leicht vergnüglich los an den Türen von Häusern, in denen es köstlich nach Morgengerichten duftete. Munter kam er mit der leeren Kiepe zum Frühstück heim. Er mochte die Arbeit. Er liebte die taubehauchte Morgenerde, die so gute Dinge hervorbrachte, um seine Taschen romantischerweise mit klingender Münze zu füllen.

Das Geld, das er einnahm, durfte er behalten, Eliza bestand leider darauf, daß er es nicht verplempern, sondern sich ein Bankkonto anlegen solle ..., so daß er später damit ein Geschäft anfangen oder ein Los Land dafür kaufen könne. Sie gab ihm eine Sparbüchse, in die er mit unwillfährigen Fingern den größten Teil seiner Einnahmen plumpsen ließ. Es gab ihm eine trübselige Befriedigung, wenn er das Ding von Zeit zu Zeit schüttelte und dabei hungrig an die Köstlichkeiten dachte, die er sich für den klinkernden Schatz im Bauchgewölbe leisten könne. Natürlich gab es ein Schlüsselchen zu der Sparbüchse, aber das behielt Eliza in Verwahrung.

Monate vergingen. Eugens rundlich-stämmiger Kinderkörper reckte und streckte sich gemäß der geheimen Chemie der Wachstumsvorgänge. Er wurde zerbrechlich, dünn, bleich. Er war für sein Alter ungewöhnlich aufgeschossen. Eliza fing an zu meinen, er sei jetzt groß genug, »um ein wenig was zu schaffen«.

Von Donnerstag bis Samstag wurde er nun auf die Straße geschickt, um die Saturday Evening Post zu verkaufen. Lukas hatte die Agentur am Ort. Eugen haßte diese Arbeit mit einem bösen, schwärenden Haß. Krank vor Entsetzen sah er allwöchentlich den Donnerstag nahen.

Lukas war seit seinem zwölften Jahr Inhaber der Agentur. Er genoß im Städtchen den Ruf eines glänzenden Verkäufers. Er setzte seine ganze berstende Energie für diese wahnwitzige, extrovertierte Sache ein; trat mit breitem Grinsen, patziger Betulichkeit, zappeligwitziger Zunge auf. Er lebte vollkommen im Augenblick, hielt nichts in sich geheim, hütete nichts. Er hatte ein instinktives Grauen vor der Einsamkeit.

Er begehrte vor allem die Hochachtung und das Wohlwollen der Leute. Daß ihn die Familie lieben und schätzen solle, war ihm verzweifelt wichtig. Lautes Lob, Herz auf der Hand und auf der Zunge, freizügige Schaustellung von Gefühl ... das war wie Luft, Speise und Trank für ihn. Er war es, der unbedingt an der Sodafontäne freihalten mußte, der Eliza verpackte Eiskrem, Gant Zigarren mitbrachte. Und da Gant die Großmut des Sohns vor aller Welt rühmte, nahm das Bedürfnis darnach in Lukas ständig zu. Er richtete ein Standbild von sich selber auf; es hieß: Der Gute Kerl; der Witzige, Unselbstische, von Allen Verlachte, von Allen Geliebte Bursche; der Großherzige Selbstlose LUKAS. Und das war auch ganz die Meinung, die die Leute von ihm hatten.

In den folgenden Jahren geschah es öfter, daß Lukas eine Münze in Eugens leere Tasche warf. Aber, so groß auch Eugens Geldverlegenheit sein mochte, es kam immer zu einer peinlichen, verlegenen Protestszene. Eugen spürte genau den Hunger nach Erkenntlichkeit, der Lukas antrieb. Er hatte das Gefühl, als verschachere er seine freie Meinung an eine krankhafte Geltungsgier.

Bens Großzügigkeit dagegen beschämte ihn nie. Die einfachste Intuition hatte ihm längst gesagt, daß dieser Bruder ihn vielleicht aus Ärger puffen oder wegen der Belästigung verwünschen würde, aber daß er sich eher vor Scham verkriechen würde, als vor sich selber mit seiner Offenhändigkeit dickzutun. Nachträgliche Erwähnung einer verschenkten Sache, einer geleisteten Hilfe war unvereinbar mit seiner Fühlweise. Hierin war Eugen ganz wie Ben; der bloße Gedanke an ein gemachtes Geschenk, samt den selbstgefälligen Rückschlüssen des Gebers, war ihm ekelhaft.

So kam es, daß der brütende Geist des noch nicht Zehnjährigen sich in das verwickelte Problem von Augenschein und Wahrheit verstrickte. Eugen fand weder Wort noch Antwort vor dem Rätsel, das ihn verdutzt und wütend machte. Er sah, daß das, was den Stempel der Tugend trug, ihm Abscheu erweckte, daß das, was für edel galt, ihm niedrig und widerlich vorkam. Mit acht Jahren schon biß sich sein Verstand mit dem quälenden Paradox des Ichsüchtig-Selbstlosen herum, jener Niedrigkeit, die als Vornehmheit auftritt, jener Schäbigkeit, die großmütig tut. Er war außerstande, die tiefen Quellen des menschlichen Wunschwollens, das durch tugendhaftes Gehaben auf die öffentliche Anerkennung abzielt, aufzudecken. Und so machte ihn die Überzeugung der eignen Mangelhaftigkeit elend.

Rücksichtslose Ehrlichkeit beherrschte ihn ganz, wo immer sein Herz und sein Haupt wirklich beteiligt waren. So kam es, daß er einmal anläßlich der Beerdigung eines entfernten Verwandten oder Familienfreundes, den er nie besonders gern gemocht hatte, sich bitter schämte, weil seine Miene während der Grabrede des Geistlichen nichtempfundnen Kummer geheuchelt hatte. Folglich gebärdete er sich unfeierlich, schlug die Beine übereinander, sah gelangweilt zur Decke, lächelte zum Fenster hinaus, bis er es erreicht hatte, daß die Leute ihn mißbilligend ansahen. Dies gab ihm eine tiefe Befriedigung; er hatte an Achtung verloren, wußte aber, daß er sein wahres Ich zum Ausdruck gebracht hatte.

Lukas jedoch gedieh prächtig bei diesem albernen Mummenschanz. Jedem So-Tun von Zuneigung, Kummer, Mitleid, Wohlwollen, Bescheidenheit verlieh er gewichtigen Nachdruck. Er unterstrich dick, trug schwer auf, und das blöde Auge der Welt hielt die Schaustellung für echt. In ihm war nichts, das ihn zügelte, er lebte restlos nach außen. Er hatte den Heißhunger des Herdentriebs, die gierige Leidenschaft, sich einzusetzen.

In der Familie genügte ein grobes Anhängeschild zur Bezeichnung der Unterschiede. Ben hieß einfach »der Stille«, Lukas ging und stand als der »Selbstlose oder Großherzige«, Eugen wurde »der Gelehrte« getauft. Das diente. Lukas der Großherzige hatte in seinem Leben nie die Sammlung aufgebracht, eine Stunde zu lesen oder nachzudenken. Lukas der Selbstlose hatte jene Gebärde der Zappeligen an sich, als wolle er sich ein Bein mit dem andern durchsägen. Lukas der Großherzige war ein Stammler und Stotterer. Lukas der Selbstlose hatte die Gewohnheit, nach dem Wort, das ihm auf der Zunge lag und nicht herauskommen wollte, zu pfeifen. Großherzig und selbstlos, wie dieser Lukas war, war er über die an Abstraktionen verlorne Brüterei Eugens aufgebracht.

 

»Vorwärts, Du Tagträumer!« stotterte er ironisch. »Wir m-m-müssen auf die Straße. Wer zuerst kommt, m-m-mahlt zuerst! W-w-w-wer am frühesten aufsteht, der schöpft den R-r-rahm ab! Der Vo-vo-vogel, der da-da-da ist, der erwischt den Wurm!«

Obschon »Tagträumer« ein völlig meinungsloses Steinchen aus dem Mosaik der großherzigen Redeweise war, erschrak Eugen; er hatte Angst, seine sorgsam gehütete Geheimwelt sei entdeckt, der Lächerlichkeit preisgegeben. Der ältere Bruder verwand es nie, daß seine Leistungen in der Schule höchst erbärmlich gewesen waren. So hatte er sich leicht davon überzeugt, daß jener Hang zum Denken und Brüten, den er in der geheimnisvollen Macht der Sprache über Eugen erspürte, nur eine besondere Form von Faulheit sei. Die einzigen Formen der Arbeit, die er anerkannte, waren anstrengende Betulichkeit und schweißtreibendes Zungengeklapper. Außerdem hielt er Eugens Neigung zur Innerlichkeit für Nachgiebigkeit, Selbstsucht, Pflichtversäumnis gegen den Geist der Familie. Er war fest entschlossen, den Thron der Tüchtigkeit mit niemand zu teilen.

Stumpfsinnig, aber eindeutig wurde zu Eugens Kenntnis gebracht, daß so mancher andre Junge in seinem Alter nicht nur sich selber versorge, sondern auch noch seine gebrechlichen Eltern in Luxus erhielte, nämlich dank seiner Einkünfte als Bankpräsident, Kongreßmitglied oder Oberingenieur. Tatsächlich, es gab keine Anspielung, keine Übertreibung, mit der Gant ihn verschont hätte. Er hatte längst herausgefunden, daß in seinem Jüngsten ein Instrument mit Millionen Noten bebte, zitterte und schwang. Es tat ihm wohl, das Kind zu quälen. So sagte er, etwa bei Tisch, während er Eugen eine mächtige Portion vorlegte:

»Ich will Dir was sagen, es gibt wenige Jungen, die haben, was Du hast. Was aber wird aus Dir werden, wenn Dein alter Vater gestorben und verdorben ist? Hm?« Er wurde sentimental und malte ein gräßliches Bild, wie er bald – ja bald! – in der Erde liegen und verwesen würde. »Ja, dann wirst Du an den Alten denken, mein Jungchen! Man entbehrt das Wasser erst, wenn der Brunnen leer ist.« Mit offenbarem Vergnügen beobachtete er dann, wie Eugens Kehle konvulsivisch zuckte, wie der Junge die Tränen wegzublinzeln versuchte, wie sein Gesicht blaß und starr wurde vor Qual.

»Aber, aber!« begehrte Eliza auf, obschon auch sie das Schauspiel ergötzte. »Du solltest dem Kind wahrhaftig nicht so stark zusetzen.«

Bei solcher Gelegenheit brachte Gant mit trauriger Stimme gern den »lütten Jimmy« aufs Tapet. Das war ein kleiner Junge ohne Beine: er wohnte in der Nähe des Vergnügungsparks am Fluß: Gant hatte ihn Eugen öfter gezeigt. Gant hatte um den bedauernswerten Krüppel eine pathetische Fabel von Armut und Waisenschaft gewoben; sie wurde verzweifelte Wirklichkeit für Eugen. Als er sechs Jahre alt war, hatte ihm Gant unvorsichtigerweise einen Pony zu Weihnachten versprochen. Das Fest kam näher. Gant fing an, rührende Geschichten vom »lütten Jimmy« zu erzählen, um Eugen klar zu machen, daß er es tausendmal-tausendmal besser hätte als dieser arme Kerl. Nach einem mächtigen inneren Kampf hatte Eugen, von Gant gedrängt, in einer gekritzelten Botschaft an den Herrn Nikolaus von Elfland zugunsten des »lütten Jimmy« auf den Pony verzichtet. Eugen vergaß es nie. Selbst als er längst erwachsen war, fiel ihm die Sache wieder ein, dann freilich dachte er ohne Groll und Gehässigkeit daran, aber mit einem scharfen Schmerz über den blinden Mißbrauch, die bedenkenlose Unehrlichkeit, die blöde Meineidigkeit, den gemeinen, lähmenden Betrug.

 

Lukas plapperte wie ein Papagei die Reden des Alten nach, aber ernst und witzlos, ganz ohne Gants Humor und Schikane, aber mit derselben Sentimentalität. Er lebte in einer Jahrmarktbude mit plumpen bunten Symbolen; sie hießen: »Vater«, »Mutter«, »Heim«, »Familie«, »Großherzigkeit«, »Ehre«, »Selbstlosigkeit«. Sie waren aus Zucker und Zuckerdicksaft gemacht, von einem tränenden Zuckersirup übergossen.

»Wenigstens ein Junge, der was taugt«, sagten die Nachbarn.

»Entzückender Kerl«, sagten die Damen, die von seinem Gestotter, seiner Gutmütigkeit, seiner aufmerksamen Ergebenheit begeistert waren.

» Der Bursche ist dahinter her! Er wird es zu was bringen«, sagten alle Männer im Städtchen.

Und just als der Bursche, der lächelnd »dahinter her ist«, der »es« lächelnd »zu etwas bringen wird«, wollte Lukas erkannt sein. Wie Evangelien las er die Rundschreiben, die die Curtis Publishing Company an ihre Agenten sandte. Er beherzigte die Ratschläge und gewöhnte sich die Posen an, die das gute Geschäft fördern sollten, die einzige richtige Methode der »Annäherung«, die stillschweigend-überzeugende Art, die Wochenschrift aus der Tasche zu ziehen und die lebhafte, leseappetitanregende Anpreisung des Inhalts. Die Zirkulare sagten nämlich, daß »der gute Verkäufer seine Ware in- und auswendig kennt«. Lukas vermied jedoch die inwendige Kenntnis und ersetzte sie mit frechempfundenem Geschwätz. Im übrigen hielt er sich genau an Axiome wie »Der gute Verkäufer nimmt nie ein Nein zur Antwort«. »Der gute Verkäufer gibt nie einen prospektiven Käufer frei«, »Der gute Verkäufer stellt sich stets auf die Psychologie des Kunden ein.« In wörtlicher Befolgung solcher Weisheit, durch seine bodenlose Dreistigkeit unterstützt, gab Lukas eine der denkbar tollsten Schaustellungen für den Verkauf von gedruckter Ware.

Er ging neben einem arglosen Straßengänger her, nahm Gleichschritt auf, entfaltete die Zeitung und hielt sie dem »prospektiven Abnehmer« unter die Nase. Dazu ließ er mit irrsinniger Geschwindigkeit ein wüstes Redegeprassel los, das von gestotterten Clownspäßen und Schmeicheleien wimmelte.

»Jawoll der Herr, jawoll der Herr!! Die Saturday Evening Post, letzte Nummer! Fünf Cent, nur ein Nickel! Auflage zwei Mi-mi-mi-millionen, der Herr! 86 Seiten voll Di-di-di-dichtung und Wahrheit, ganz zu schweigen vom Anzeigenteil. We-we-wenn Sie n-n-nicht lesen können, dann sind für Sie die B-b-bilder allein schon das Geld wert. Auf Seite 13 haben wir diesmal einen feinen Artikel von Isaac F. Markusson, dem berühmten Reiseschriftsteller. Auf Seite vie-vie-vierzig eine Kurzgeschichte von Irvin S. Cobb, dem größten l-l-l-l-l-l-lebenden Humoristen. Eine rassige Geschichte aus dem Leben der Preisboxer von Jack L-l-london. Wenn Sie das alles als Buch kauften, dann würde es Sie gut und gern a-a-a-a-anderthalb Do-do-do-dollar kosten!«

Lukas ging nicht von den Fersen, er gellte, grinste, tanzte, versuchte seinen Mann in die Ecke zu treiben, benahm sich wie ein schweifwedelnd-zudringlicher Hund. Es gab einen Auflauf. Die Leute schmunzelten. Mit zitternder Hand rückte der »prospektive Abnehmer« den Nickel heraus, der ihn von der Belästigung loskaufte.

Außer den Gelegenheitsopfern seiner Tüchtigkeit hatte Lukas noch viele Abnehmer unter den Einwohnern des Städtchens.

Prall vor Begrüßungsfreude, glorreich vor Glattzüngigkeit kam er stramm und strahlend den Bürgersteig entlang gependelt ... Er verlieh den bekannten Mitbürgern in seiner vollen, stammelnden Tenorstimme neue Titel:

»Wie geht's, Herr Captain? Wie steht's, Herr Major? Hier gibt's Lesefutter für 'ne ganze Woche! Frisch von der Presse! Und was machen die werten Angehörigen, Herr Colonel?«

»Na, hm. Und wie geht's Dir, Sohn?«

»Ausgezeichnet, Herr General! Könnte nicht besser sein mit dem Be-be-finden. Glatt und glitschig wie 'ner Hand auf 'nem jungen Hundebauch!«

Die Mitbürger, Spießer aus den Südstaaten mit roten Genießergesichtern, lachten ihr volles prustendes Lachen. Sie kauften, weil er sie amüsiert hatte.

 

Er, der erdhafteste in der Familie, war voll von heftig-deftiger Vulgarität, hatte eine triebhaft-üppige, rabelais'sche Saftigkeit, äußerte sich spontan in gargantuanischen Bildern. Trotz Elizas Zeter und Mordio pißte er allnächtlich ins Bett. Das war gewissermaßen der letzte, abschließende Pinselstrich zum Bildnis seiner stotternden, pfeifenden, patzigen, sprudelnden, komischen Personalität. Er war Lukas der Einzige, Lukas der Unvergleichliche. Er war, trotz seiner zappelig-geschwätzigen Nervosität, ein gewinnender, liebenswerter Kerl. Der bodenlose Brunnen des Gefühls war tatsächlich in ihm. Er begehrte überschwengliches Lob für seine Guttaten, aber seine Menschenliebe und seine Zärtlichkeit waren tief und echt.

 

Jeden Donnerstag nachmittag versammelten sich die Zeitungsbuben grinsend in Gants staubigem Schuppen. Lukas, der Agent, hielt eine belehrende Ansprache, ehe er die Knirpse zu ihrer Pflicht entließ:

»Na, habt Ihr, Euch überlegt was Ihr den Leuten erzählen wollt? Ihr könnt Euch doch nicht auf die Ärsche setzen und warten, bis der Kunde zu Euch kommt!« Er wandte sich an einen kleinen, erschreckten Buben. »Wie machst Du Dich ran an den Mann? Na, los! los! Gott verda-da-da-dammt, stell Dich nicht so blöd hin und g-g-glotz mich an!« Idiotisch ausgelassen lachte er auf. »Jetzt guckt Euch mal den Trottel an, Ihr Buben!«

Gant stand in einiger Entfernung mit Jannadeau und beobachtete schmunzelnd den Vorfall.

»Schon wieder gut, mein Christoph Columbus!« wandte sich Lukas nun gutmütig an den Buben. »Also was sagst Du den Leuten, mein Lieber?«

Der Junge räusperte sich verlegen. Er mimte matt: »Saturday Evening Post gefällig, Mister?«

»Owei, owei!« Lukas erklärte zartfühlend. »Glaubst Du wirklich, daß Du so eine Zeitung verkaufst? Ei, wo hast Du denn Deinen Verstand? Ramme Deinen Mann an! Klemme Dich auf! Häng Dich bei ihm ein! Und nimm nie ein Nein zur Antwort! Vor allen Di-di-dingen frage nicht, ob 'ne Zeitung gefällig ist! Tauch vor Deinem Mann auf und sag: ›Hier der Herr, noch warm, von der Presse!!‹ Jesus Christus!« gellte er plötzlich und blinzelte kopfwackelnd nach der Turmuhr auf dem Amtsgericht. »Wir sollten schon 'ne Stunde unterwegs sein. Vorwärts los! Drückt Euch nicht rum! Hier sind die Zeitungen. Wieviel kriegst Du, kleines Jiddchen?«

Er hatte mehrere Juden eingestellt; sie verehrten ihn, und er liebte ihre warme, füllige, humorige Art.

»Zwanzig.«

»Zwanzig!?« gellte Lukas. »Bummelant! Hier sind f-f-fünfzig. G-g-g-geh! Die wirst Du glatt los bis heut abend ...«

Gant trat in die Werkstatt. »Jaja, Papa«, sagte Lukas zu ihm und deutete auf die Juden. »Das sieht aus wie die Flucht aus Ägypten, nicht wahr?«

»Los jetzt!« befahl er dann. Er hieb einem kleinen Jungen, der sich nach seinem Zeitungsstoß auf dem Boden gebückt hatte, auf den Allerwertesten.

»Streck mir den Arsch nicht in die Fresse!«

Die Buben quietschten.

»Also ran an den Mann! Laßt mir keinen auskommen!«

Aufgeregt lachend, schickte er die Jungen auf die Straße.

 

In diese Beschäftigungsart, in diese Ausbeutungsmethode wurde Eugen nun eingeweiht. Er haßte die Arbeit mit einem unüberwindlichen, Haß. Am widerlichsten war ihm dies, daß er sich den Leuten zur Belästigung machen mußte, um seine Ware loszuschlagen. Er kam sich erniedrigt vor. Aber er führte die Sache durch, eine seltsame, leidenschaftliche, lockenköpfige Kreatur, die eilfertig hinter erstaunten Passanten herwetzte und aus einem verdunkelten, lebenshungrigen Träumergesicht einen Hurrikan von Worten hervorstieß. Die Leute, von der merkwürdigen Beredsamkeit des Jungen fasziniert, kauften.

Manchmal nahm ihn ein schmerbäuchiger Richter, ein Bankier oder ein Anwalt mit in sein Heim, hieß ihn sich dort vor der Familie produzieren und entließ ihn mit einem Geschenk von 25 Cent. »Was meinst Du dazu? Ein geborener Redner, nicht?«

Wenn er seine ersten Verkäufe in der Stadt getätigt hatte, machte er die Runde ums Weichbild und klopfte die Sanatorien für Lungenkranke in den Wäldern der umliegenden Hügel ab. Dort verkaufte er leicht und schnell, »wie warme Bemmchen« pflegte Lukas zu sagen, – an bleiche unrasierte Juden mit sensitiven Gesichtern, an Ärzte und Krankenschwestern, an Schwerkranke, die ihre verrotteten Lungen in Becher spuckten, an nett aussehende junge Damen, die nur von Zeit zu Zeit ein wenig husteten und, wenn sie ihm das Geld gaben, die heiße weiche Hand einen Augenblick auf seiner ruhen ließen.

In einer Heilstätte im Bergwald lockten ihn eines Tags zwei junge New Yorker Juden in ein Krankenzimmer, sperrten die Tür ab und warfen ihn aufs Bett. Einer zückte ein Taschenmesser und erklärte, er würde den Jungen nun kastrieren. Jahre später fiel es Eugen bei, daß diese beiden, von der entsetzlichen Langeweile des Hospitallebens zu diesem Streich getriebenen Jünglinge den Überfall sicher tagelang geplant und sich schon im voraus wollüstig an seinem Entsetzen geweidet hatten. Allerdings, sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Eugen schrie wie ein Wahnsinniger, wehrte sich wie ein Tiger; die beiden waren viel zu schwach, ihn niederzuhalten. Eine Krankenschwester befreite ihn. Die beiden Schwindsüchtigen blieben zitternd vor Erschöpfung und angstverwirrt im Zimmer. Eugen erbrach; die Berührung mit den Körpern der Kranken war ihm widerlich und die ausgestandne Furcht zu viel für seinen Magen.

 

Aber die vielen netten Nickel- und Silberstücke klimperten angenehm in der Tasche. Er stand erschöpft auf müden Beinen vor der blanken Sodafontäne und barg sein Gesicht in eisgekühlten Tränken. Manchmal, wenn auch mit sehr schlechtem Gewissen, stahl er sich auf eine Stunde der Verzauberung und goldner Vergessenheit in die Bibliothek. Der wachsame Lukas entdeckte ihn und trieb ihn hinaus.

»Wach auf, sag ich Dir, Du lebst nicht im Märchenland. Los! Sei dahinter her!«

Eugens Gesicht taugte nicht zur Maske. Es war wie ein dunkler Tümpel, auf dessen stillem Spiegel jede Regung sichtbar wird. Daß er sich der Arbeit schämte und sie haßte, war, obschon er es zu verbergen suchte, offenbar. Er wurde des »falschen Stolzes« geziehen, ihm wurde vorgehalten, er habe »Furcht, ein wenig ehrliche Arbeit zu schaffen«, er wurde daran gemahnt, daß ihn seine großherzigen Eltern mit reichen Segnungen überhäuften.

In seiner Verzweiflung wandte er sich an Ben. Manchmal trafen sich die Brüder in der Stadt. Eugen war heiß von der Hetze, müd, schmutzig; die gefüllte Segeltuchtasche zog ihm die Schulter schief. Ben sah ihn finster an, schalt ihn wegen seines ungekämmten Haares, nahm ihn in einen Lunch-room und gab ihm was zu essen: rahmige Milch, einen dampfenden Teller geschmelzter Bohnen, dicken zweischichtigen Apfelkuchen.

Ben und Eugen waren von Natur Aristokraten. Eugen fing gerade an, seinen sozialen Status oder besser: seinen nicht vorhandnen sozialen Status zu empfinden. Ben empfand ihn seit Jahren. Das Empfinden hätte sich bei beiden recht einfach im Wunsch nach eleganter Damengesellschaft äußern können: keiner aber wagte, dies zuzugeben. Eugen brachte es nicht einmal fertig, sein soziales Minderwertigkeitsgefühl offen einzugestehen. Die Behauptung, daß der Umgang mit Leuten von Welt und Lebensart dem Verkehr mit den spießigen Nachbarn vorzuziehen sei, wäre im Hause Gant als falscher Stolz und als undemokratisch gebrandmarkt worden. Man hätte ihn – »Mister Vanderbilt« oder »Prince of Wales« genannt.

Ben jedoch ließ sich durch kein Geschwätz einschüchtern. Er durchschaute die Heuchelei. Sein Hohn war bitter. Hinter seinen grauen Augen war etwas Sonderbares. Unbestechliches, Unzweideutiges; das machte ihnen angst. Außerdem hatte er jene Form der Freiheit errungen, die sie unbedingt anerkannten, nämlich wirtschaftliche Unabhängigkeit. Auf demokratische Prätensionen antwortete er mit einem fast lautlosen, verächtlichen Lachen, schnickte den Kopf seitwärts in die Höhe und sprach zu dem dunkeln, satirischen Engel, dem er all seinen Spott anvertraute:

»Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte!«

Eines Tages stand er gerade rauchend vorm Kaminfeuer, als Eugen dreckig und speckig, die schwere Zeitungstasche umgehängt, sich auf die Straße trollen wollte.

»Geh mal her, kleiner Drecksack!« befahl er. »Wann hast Du eigentlich Deine Pfoten das letztemal gewaschen?« Finster blickte er den Kleinen an, hob die Hand, als ob er ihm eine auswischen wollte, endete aber damit, daß er statt dessen mit seinen geschickten knochigen Fingern Eugens Halsbinde zurechtknüpfte.

»Um Gottes willen, Mama«, brach er plötzlich gereizt los, »kannst Du ihm nicht mal ein sauberes Hemd geben? Alle vier oder fünf Wochen sollte er doch wenigstens eins haben!«

»Was soll das heißen?« Elizas Kopf schnellte komisch vom Stopfkorb auf. »Er hat erst vorigen Dienstag eins gekriegt.«

»Kleiner Lump!« knurrte er und sah Eugen an. Sein Blick war wild vor Schmerz. »Mama! Um Gottes willen, warum schickst Du ihn nicht zum Barbier, daß er ihm diese lausigen Locken abschneidet? Ich zahl's gern, wenn's Dir zu teuer ist!«

Sie war verletzt, schürzte die Lippe und stopfte verbissen weiter. Eugen sah Ben dumpf-dankbar an und ging. Ben blieb vorm Feuer stehen und rauchte lange Lungenzüge.

»Was hast Du eigentlich mit Deinem Jüngsten vor, Mama?« fragte er nach einer Weile mit harter, ruhiger Stimme.

»Was soll das heißen?!«

»Hältst Du's wirklich für richtig, wenn er unterm Gassengesindel verkommt?«

»Was soll das heißen?! Ich versteh überhaupt nicht, was Du damit sagen willst«, behauptete sie ungeduldig, »Es ist keine Schande, wenn ein Junge ein wenig ehrliche Arbeit leistet, kein Mensch glaubt das.«

Ben wandte sich an seinen dunklen Engel: »Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte!«

Eliza schürzte die Lippe.

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Eliza:

»Hochmut kommt vor dem Fall.«

»Ich kann nicht einsehn, wieso das uns was ausmacht. Tiefer fallen können wir ja nicht.«

»Ich halte mich für so gut wie andre Leute«, behauptete sie mit Würde. »Ich trage meinen Kopf hoch vor jedermann, mit dem ich zusammenkomme.«

»Ach Du mein Gott!« sagte er zu seinem Engel. Und dann zu Eliza: »Du kommst eben mit niemand zusammen. Ich bemerke nicht, daß Deine feinen Herren Brüder und ihre Frauen mit Dir verkehren.«

Das tat weh, denn es war wahr. Sie schürzte schnell die Lippe.

»Nein, Mama«, sagte er nach einer Pause. »Du und der Alte, Ihr habt Euch einen Dreck drum geschert, was wir Kinder taten, solang Ihr 'nen Nickel dabei sparen konntet.«

»Was soll das heißen?! Ich versteh überhaupt nicht, was Du damit sagen willst«, antwortete sie. »Du tust, als ob wir reiche Leute wären! Aber armen Teufeln bleibt halt nichts andres übrig, als sich nach der Decke zu strecken.«

»Ach Du mein Gott!« Ben lachte bitter. »Du und der Alte, Ihr tut so, als ob Ihr betteln gehn müßtet, dabei habt Ihr 'nen ganzen Strumpf voll Geld.«

»Was soll das heißen?!« fragte sie geärgert.

»Nein«, sagte er nach einer Weile launisch. Er liebte es, Feststellungen mit einem Nein zu beginnen. »In dieser Stadt leben Leute, die haben nicht den fünften Teil von dem, was Ihr habt. Und sie leben doppelt so anständig wie wir. Wir andern Kinder haben ja nie was gehabt von Euch, aber ich seh nicht gern mit an, daß aus dem Kleinen ein Stromer wird.«

Eine lange Stille trat ein. Eliza, dem Weinen nah, schürzte die Lippe, schwieg, stopfte.

»Ich hätte nie gedacht«, sagte sie dann gekränkt, »daß einer meiner Söhne je so zu mir sprechen würde. Hüte Dich!« – sie drohte mit dem Finger – »der Tag der Abrechnung kommt. Du kannst Dich drauf verlassen. Dann wird es Dir dreimal zurückgezahlt werden, daß Du so unnatürlich« – hier sank ihre Stimme zu tränenersticktem Gewisper – »so unnatürlich an mir gehandelt hast.« Sie flennte.

»Ach Du mein Gott!« Ben reckte sein bittres, hageres, graues, knolliges Gesicht zu dem dunklen lauschenden Engel. »Nun hör Dir das an, bitte!«


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