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XII

Im Winter und im stumpf hinsterbenden Spätherbst haßte er Dixieland am meisten; die trüben, vom Fliegendreck verschmutzten elektrischen Lampen; die lausige Sucherei nach einer warmen Ecke im Haus; Eliza, die in einen alten Sweater, ein schmutziges wollnes Halstuch, einen abgelegten Männerrock eingewickelt, umherging, ihre von Kälte aufgesprungnen Hände mit Glyzerin eingeschmiert hatte. Die Wände, naßkalt und schwammig, atmeten Kränke und Tod aus. Eine Frau starb am Typhus; der Gatte kam aufgeregt in die Diele, hob die Hände und ließ sie fallen, als gehörten sie ihm nicht mehr. Das Paar war aus Ohio.

Droben, auf einer Schlafaltane, hustete ein abgezehrter Jude in die unaufhörliche Dunkelheit.

Helene war wütend: »Um Gottes willen, Mama, warum nimmst Du solche. Leute ins Haus? Siehst Du nicht, daß er die galoppierende Schwindsucht hat?«

»Hm, was soll das heißen? Wieso denn?« sagte Eliza und schürzte die Lippe. »Er sagte, es wäre ein Bronchialkatarrh. Ich fragte ihn und er lachte ganz vergnügt und laut und sagte: ›Aber Mistress Gant‹, sagte er ...« und nun folgte eine endlose Erzählung, die vom Hundertsten ins Tausendste ging. Helene kochte vor Wut. Eliza pflegte mit grundsätzlicher Blindheit alles zu verteidigen, was Geld einbrachte.

 

Der Jude war ein gütiger Mensch. Er hustete leis in seine weiße Hand. Er aß sein Brot als »Weckschnitten« zubereitet; die Scheiben, in Ei getränkt, wurden in Butter in der Pfanne gebraten. Eugen entwickelte einen scharfen Appetit für diese unbekannte Speise; unschuldig taufte er sie »Judenbrot« und konnte nicht genug davon bekommen. Lichtenfels lachte leise, hustete. Seine Frau lachte dunkel und voll. Eugen erledigte allerlei Besorgungen für ihn und bekam wöchentlich ein Geldstück dafür. Der Kranke hatte ein Konfektionsgeschäft in New Jersey. Im Frühling mußte er in eine Heilstätte, wo er später starb.

Im Winter hatte Eliza nur wenige Hausgäste. Es waren im Grund immer dieselben Gesichter, dieselben Persönlichkeiten. Schon allein durch die ständige Wiederholung des Typs wirkten sie mittelmäßig. Sie versammelten sich fröstelnd im Wohnzimmer, saßen stundenlang um das Kohlenfeuer im offnen Kamin, räkelten sich im Schaukelstuhl, machten blöde Gesichter, redeten mit öden Mienen ödes Zeug, langweilten sich über sich selbst, die Welt und Dixieland sicher so sehr, wie Eugen sich über sie langweilte.

Im Sommer gefiel es ihm besser. Da kamen träge Frauen aus dem heißen reichen Süden der Staaten, Mädchen aus New Orleans mit schwarzem Haar und weißer Haut, weizenblonde aus Georgia, lüsterne aus Süd-Carolina, die die gedehnte Sprechweise der Neger hatten. Da kam vom Mississippi die Lässigkeit der Malariakranken, die einen Stich ins Gelbe aber ganz blendend weiße Schneidezähne hatten. Ein Gast aus Süd-Carolina mit einem roten Gesicht, nikotinfleckigen Fingerspitzen, nahm Eugen täglich zu den Baseballspielen mit. Ein andrer, Pflanzer vom Mississippi, lang, dürr, gelb im Gesicht, malariakrank, wanderte durch duftige Gebirgstäler mit ihm. Nachts hörte er volles Frauenlachen von den dunklen Veranden, zärtlich und grausam zugleich; dazu die gurrenden Kehllaute der Männer. Er beobachtete die verstohlene Buhlerei; dunkles Getu um Mitternacht hinter verschlossenen Türen; völlig unschuldige Mienen am Morgen. Mit blutigem Schnabel hackte das Gelüst ihm ins Herz; die eifersüchtige Tugend machte ihn moralisch; er war entrüstet, weil diese Welt ihm verwehrt war.

Morgens ging er in Gants Haus, trieb sich herum, besuchte Helene, spielte im Garten mit einem Nachbarsohn, Buster Isaacs, einem Vetter von Max, einem pausbäckigen, munteren kleinen Kerl ... Helene kochte »Fudge«, eine Art Karamellen aus Zucker, Schokolade und Rahm. Der Duft der Leckerei rief sie ins Haus. Sie schickte ihn in ein kleines jüdisches Lädchen unten an der Straße nach Delikatessen. Dann saßen sie mitten am Vormittag und tafelten: Essiggürkchen, Pickels, Tomatenscheiben mit dicker Mayonnaise, amberfarbnen perkolierten Kaffee, Feigenbisquits, helle kleine »Ladyfinger«-Trauben, heißen seimigen dickgebutterten, mit Walnußsplittern bestreuten Fudge, Sandwiches mit zartem Schinken und Gurken, eisgekühlte, milde »aufstößerische« Getränke.

Eugens Vertrauen in Helenes Gantschen Reichtum kannte keine Grenzen, solche Fülle konnte nur aus dem Unerschöpflichen quillen. Hennen gackelten in die Morgensonne aus den Hintergärten der Nachbarschaft; der Eismann, ein herrlich gebauter Neger, kam; Eugen stand dabei, wenn er die langen Eisstangen durchsägte, und fing das kalte Gesplitter auf. Helene rief ins Wohnzimmer; sie saß am Klavier, spielte, sang, lehrte ihn Lieder: »Wilhelm Teil«, »Mein Herz bei Deiner Stimme süßem Klang ...«, »Das Lied ohne Worte«, »Holde Aida«, »Die verlorne Saite«. Ihre lange muskulöse Kehle spannte sich, wenn der hohe Sopran aufschwang.

Ihre Freude an ihm war unersättlich. Sie verwöhnte ihn mit Leckerbissen. Manchmal warf sie ihn persönlich unerwartet aufs Sofa, hielt ihn mit der einen Hand fest, während sie ihn mit der andern kitzelte oder auf die Wangen patschte.

Wenn sie aber nervös überreizt war, dann packte sie ihn oft scharf an. Dann haßte sie ihn, sein traumverlornes, dunkles, brütendes Gesicht, Die wilde Lebenslust biß und juckte sie. Genau wie Lukas, genau wie Gant, suchte sie ständig nach Aufregung. Menschen, die sich in sich selbst zurückziehen konnten, waren ihr im Grunde verhaßt. So wurde sie oft wütend, wenn sie ihn ins Träumen versunken oder in ein Buch vertieft fand. Sie riß ihm das Buch aus der Hand, machte eine Schnute und Stielaugen, goß Gift und Galle schimpfend über ihn aus:

»Elender kleiner Blödel, Du schreckhafter kleiner Schaute mit Deiner verschlafenen Pentland-Visage! Die Leut' lachen über Dich, Du verkaufter Knirps. Ein querköpfiger kleiner Pentland bist Du, Du stinkst nach der Sippe, Papa hat es selber gesagt, daß Du ganz wie der üble Vetter Greely bist. Überhaupt, ich zieh' Dir jetzt Mädchenkleider an und laß Dich so herumlaufen!«

Manchmal war die schwelende Wut so groß, daß sie ihn auf den Boden warf und ihn trat.

Die Mißhandlungen verletzten ihn nicht so tief wie die zügellose Gehässigkeit ihrer Zunge. Sie war wahnsinnig geschickt im Erfinden von Kränkungen. Eugen, starr vor Entsetzen, stürzte aus dem Elfenhimmel in die Hölle. Plötzlich war sein freigebiger Engel in eine schlangenhaarige Furie verwandelt. Sein Glaube an Liebe und Güte war verloren, er bellte wie ein toller Hund, bockte auf, schlug sich den Kopf an die Wand, wünschte, daß er zerbräche, daß sein Ich aus dem zerbochnen blutigen Gefängnis des Körpers entfliehen könne.

Seine Verzweiflung tat Helene gut. Das war, was sie wollte. Sie hatte ihre Wut an ihm ausgelassen, nun war sie erlöst, befreit, gereinigt. Nun konnte sie, in langsamer Zutunlichkeit gegen ihn, sich wieder sammeln. Sie hob den Widerstrebenden auf. drückte ihn an sich, pflanzte Küsse auf sein erhitztes, irres Gesicht, streichelte und schmeichelte, redete ihm zärtlich zu:

»Eia, eia! Es war ja nur Spaß! Hat er wirklich geglaubt«, – sie redete ihn dann stets in der dritten Person an – »es war Ernst? Nein, nein! Ei, er ist ja stark wie ein junges Bullchen, ein richtiger kleiner Riese ist er, ich hab Angst gehabt, die Mauer würde einbrechen! Ja, ja ...« – und nun mimte sie Eliza, um ihn zum Lachen zu bringen – »hm, wieso! Was soll das heißen? Willst Du sofort gehorchen, Kind! Das ist gute Suppe, sehr gute Suppe ist das ...« Und er lachte gegen seinen Willen, unter Seufzern, denn diese Versöhnungen waren ihm noch qualvoller als der Schimpf.

Später, wenn er sich ein wenig beruhigt hatte, schickte sie ihn ins Lädchen und ließ ihn Pickels, Törtchen, etwas Gutes zu trinken holen. Er ging mit rotgeweinten Augen, Tränenspuren auf den Wangen, blieb plötzlich auf der Straße stehen und fragte sich verzweifelt, brennend vor Scham, warum, wieso, weswegen dieses Unheil über ihn hereingebrochen sei.

 

Unablässig haßte Helene alles, was sie langweilte, und jegliche Respektabilität. Trotzdem war sie im Grund eine ausgesprochen konventionelle Person. Das gelegentlich Vulgäre an ihr war nur Ausdruck ihrer Vitalität. Sie war unschuldig wie ein Kind; selbst die einfachsten Bosheiten verstand sie nicht. Sie hatte mehrere Verehrer; einfache, gradsinnige, ländliche Burschen, die schwer soffen. Einer, ein hagerer, alkoholischer Stadtgeometer mit hochrotem Gesicht, der aus Altamont stammte, betete sie an. Ein anderer, ein lachender blonder Hüne, kam von den Kohlenfeldern von Tennessee. Wieder ein andrer, ein junger Mann aus Süd-Carolina, stammte aus demselben Städtchen wie Daisys Verlobter.

Diese Burschen – Hugh Parker, Jim Phelps, Joe Cathcart – waren ihr treu ergeben. Sie liebten die unermüdliche, dominierende Energie an ihr, ihre eindringliche Sprachfertigkeit ihre große Aufrichtigkeit, ihre tiefe Güte. Sie spielte und sang für sie, setzte ihre ganze Persönlichkeit ein, um sie zu unterhalten. Sie brachten ihr Schachteln Konfekt und kleine Geschenke, waren eifersüchtig aufeinander, aber einig in der Behauptung, sie sei »Ein feiner Kerl«.

Auch Whisky pflegten sie ihr mitzubringen. Sie hatte sich das Trinken ein bißchen angewöhnt. Ein Schlückchen regte ihr fiebriges Wesen stark an, elektrisierte ihr Blut, erfrischte sie, gab ihrer Energie etwas Hektisches, Ruckweises. Sie nippte an der Flasche, trank nie viel auf einmal, war oft leicht angeheitert, nie aber richtig beschwipst oder gar betrunken.

Sie machte kein Hehl aus der Sache: »Ich trink 'nen Whisky, wenn's einen gibt«, sagte sie.

Lebenslustige junge Halbweltweiber mochte sie fast immer gern. Das Verzehrende, Gefährliche, der Humor und die Freizügigkeit des eleganten Lebens zogen sie magnetisch an. Der Kurort wimmelte im Sommer von Liebesabenteuerinnen, die der strengen Sonntagszüchtigkeit der Dörfer, der sonntäglichen Lust sturer Gatten entflohen waren. Helene mochte Leute, die, wie sie sagte, »dann und wann 'nen Whisky brauchen«.

Sie befreundete sich mit Mary Thomas, einer jungen, flotten, hochbeinigen Kokotte aus Kentucky; sie war Maniküre in einem der großen Hotels in Altamont.

»Mich interessieren zwei Sachen«, sagte Mary, »am Gockel der Du-Weißt-Doch und an der Henne die Wie-Heißt-Schon.« Sie hatte ein lautes, ansteckendes Lachen. Sie wohnte in Dixieland, hatte ganz oben ein kleines Zimmer mit einer Schlafaltane. Eugen hatte ihr einmal Zigaretten geholt; sie stand in einem dünnen durchsichtigen Unterrock gegen das Licht, ihre langen wollüstigen Beine zeichneten sich stark ab.

Mary schenkte Helene Kleider, Hüte, Seidenstrümpfe. Manchmal tranken sie zusammen. Mit humoriger Gefühlsduseligkeit verteidigte Helene die Freundin.

»Na, sie macht wenigstens kein Hehl daraus. Es liegt ihr nichts dran, ob's die Leut' wissen.«

Oder: »Sie ist nicht schlimmer als die keuschen Susannen. Aber ehrlicher ist sie, das steht fest.«

Oder, durch eine versteckte Anspielung aufgebracht: »Was wissen Sie denn tatsächlich von ihr? Nehmen Sie sich vor den Leuten in acht mit diesem Gerede, sonst fallen Sie mal schwer dabei rein.«

Trotzdem vermied sie es, sich öffentlich mit Mary zu zeigen. Ja, ungereimterweise machte sie gelegentlich ihretwegen Eliza Vorwürfe:

»Wie kommst Du nur dazu, Mama, solche Weiber ins Haus zu nehmen? Die ganze Stadt weiß doch, wie sie's treibt. Dein Haus ist bald so verrufen wie ein regelrechtes Schnepfennest, das kannst Du mir glauben.«

Eliza, geärgert, schürzte die Lippe:

»Wieso? Das geht mich doch gar nichts an? Ich gebe nicht darauf acht. Ich trage meinen Kopf hoch und kann jedermann ins Auge sehn. Aber ich verkehre wenigstens nicht mit solchen Leuten.«

Ihre alten Schulfreundinnen – die fleißige Teeny Duncan, die stillvergnügte, ernsthafte Gertrude Brown, die Lehrerstochter Genevieve Pratt mit dem einfachen, gutmütigen Gesicht – hatte Helene längst aus den Augen verloren. Ihre Gefährtinnen waren nun lebhafter, vulgärer, jünger: Grace Deshaye, Tochter eines Installateurs, eine stramme, feiste Blondine; Pearl Hines, Tochter eines frommen Baptisten und Sattlers, breit und schwer gebaut mit breitem und schwerem Gesicht und einer mächtigen Singstimme für Ragtimes. Am besten aber stand sie mit Nan Gudger.

Nan Gudger war schlank, munter, äußerst lebhaft. Ihre Taille war so eng, daß ein Mann sie mit beiden Händen umspannen konnte. In der Vertrauensstellung der Buchhalterin einer großen Handelsfirma war sie unfehlbar genau. Von ihrem Gehalt unterstützte sie großzügig ihre Familie. Ihre Mutter hatte einen großen Kropf; Eugen konnte die Alte nicht ansehen, ohne daß er eine Gänsehaut bekam. Ihre Schwester Carry war auf beiden Beinen gelähmt; spindeldürr, mit übertrieben breiten Schultern, humpelte sie auf Krücken im Hause herum. Die beiden Brüder, kräftige Lümmel, 18 und 20 Jahre alt, Nichtstuer von Ruf, hatten immer Messerwunden oder blaue Beulen im Gesicht, Merkzeichen jener männlichen Kämpfe, die in Kneipen und Hurenhäusern ausgefochten werden.

Die Familie bewohnte ein zweistöckiges baufälliges Holzhaus an der Clingman Street. Die Frauen arbeiteten fleißig, um die jungen Männer zu ernähren. Eugen kam oft mit Helene ins Haus. Helene fand das vulgäre, humorvolle, aufgeregte Leben der Gudgers anziehend. Die unverblümten, saftigen Redensarten Carrys machten ihr besonders Spaß.

Am Ersten jedes Monats gaben Nan und Carry ihren Brüdern Taschengeld und dazu eine besondere Summe für einen Besuch im Bordell.

»Oh, das ist doch nicht möglich, Carry, tut Ihr das wirklich?« fragte eifrig-ungläubig Helene.

»Aber sicher, mein Honig!« bestätigte Carry. »Sie brauchen das für die Gesundheit.«

»Nein, wirklich nicht! Es ist Spaß«, lachte Helene.

»Ach du lieber Gott, weißt Du Kindskopf denn das nicht einmal?« Carry spuckte ins Feuer. »Das tut den Bengeln gut. Sonst werden sie krank.«

Eugen war im Bilde. Er rutschte auf dem Boden vor Lachen. Er verstand den Humor der Lage. Zwei Frauen gaben im abergläubischen Interesse der Wohlfahrt und der Gesundheit Geld her ... zwei junge nikotinstinkende haarige Lauserte gingen dafür huren.

»Was gibt's denn da zu lachen, Du Gelbschnabel!« sagte Carry und stach ihn mit der Krücke in die Rippen. »Du bist ja noch nicht trocken hinter den Ohren.«

Carry hatte die leidenschaftliche Wildheit der Leute aus dem Gebirg. Verkrüppelt wie sie war, atmete sie die hitzige Lust ihrer Brüder ein. Stumpfe, rohe, unwissende, gutmütige, mörderische Menschen. Nan aber war untadlig, hatte feine Manieren, trat anständig auf. Sie hatte dicke, schwulstige Lippen wie ein Neger, ein herzhaftes tropisches Lachen. Sie ersetzte die hinfälligen Möbel des Hauses mit neuer standardisierter Ware; hochpolierten Tischen und Stühlen, die aus den Fabriken in Grand Rapids in Michigan kamen. Im Wohnzimmer stand ein neues Büchergestell; es war immer abgeschlossen; hinter den Glasscheiben träumten ungelesen die Klassiker in der Harvardausgabe und ein billiges Konversationslexikon.

 

Als Mistress Selborne zum erstenmal aus dem heißen Süden nach Dixieland kam, war sie erst dreiundzwanzig, sah aber älter aus. Alles an ihr war Reife. Sie war eine hochgewachsene üppige Blondine, wohlgepflegt und elegant. Sie hatte müßig-träge Bewegungen und einen sinnlich-wogenden Gang. Ihr Lachen war zärtlich und voll Verführung. Ihre Stimme klang sinnlich beschwingend, voll, weich, verlockend, angenehm. Ihr dunkles, reiches, melodisches Lachen sprudelte von mitternächtlicher Heimlichkeit. Sie stammte aus einer altvornehmen, aber verarmten Familie aus Süd-Carolina. Mit sechzehn Jahren hatte sie geheiratet. Ihr schwerfälliger Gatte saß stillschweigend an ihrer unvergleichlichen Tafel, aß schnell, murmelte bestenfalls ein paar Worte, wenn es nicht anders ging, und verzog sich dann wieder ins Büro, wo es nach Pferden und Sattelleder roch. Er war Besitzer eines Mietstalls. Sie hatte zwei Kinder von ihm, beides Mädchen. Verstohlen – unnötigerweise verstohlen – bewegte sie sich in der leisen verleumderischen Luft des Industrienests, beging vorsichtig Ehebruch mit dem Besitzer einer Baumwollspinnerei, einem Bankier, einem Holzgroßhändler. Mit ihrem zärtlichen, blonden Lächeln schritt sie behutsam an dem schlauen Lächeln der Bürger vorbei, wohl wissend, daß ihr Ruf ihr längst den Boden unter den Füßen entzogen hatte, daß ihr Name bei Kaufleuten und Angestellten mit einem eindeutigen Grinsen und Zwinkern genannt wurde. In Gesellschaft bezeigten ihr die Herren eine noch ausgesuchtere Höflichkeit, als sie sonst in den Südstaaten Damen gegenüber üblich ist, aber hinter der öligen Verbindlichkeit der Masken glänzten die Augen ihr Einladungen zu.

Als Eugen sie zum erstenmal sah und sich ihrer bewußt wurde, spürte er sofort, daß diese Frau nie mit Männern erwischt, immer aber von Männern erkannt werden würde. Er liebte sie verzweifelt. Sie war das lebende Symbol seiner Sehnsucht: die riesenhafte, mythische Gestalt der Liebenden und Mutter, alterslos und ewig herbstlich, die Immer-Wartende, die Weizenhaarige, die Großbrüstige, die Blondgliedrige, die in den Feldern der Ernte geht ... Ceres und Helena war sie, reife, unerschöpfliche, verjüngende Kraft, die dunkle Amme, die allen Trübsinn, alle Entzauberung einlullt ... Der Frühling, das scharfe Messer, hatte Eugen durchbohrt. Mädchen lachten im Dunkel. Die heftigen Erwartungen der Jugend drängten. Unlöschbar brannte das Verlangen in ihm. Etwas entschied ihn stets für ältere Frauen.

Als Mistress Selborne zum erstenmal nach Dixieland kam, zählte ihre älteste Tochter sieben Jahre; die jüngste war fünf. Jede Woche empfing sie einen kleinen Scheck von ihrem Gatten und einen ansehnlichen von dem Holzgroßhändler. Sie hatte eine schwarze Dienerin mitgebracht. Sie war großzügig und offenhändig zu der Negerin und zu den Töchtern. Dieses Verschwenden aus selbstverständlicher Fülle faszinierte Helene, zog sie zu der älteren Frau.

Und nachts horchte Eugen auf die süße leise Stimme dieser Frau. Er vernahm die Sinneslockung ihres sprudelnden Lachens, wenn sie auf der dunklen Veranda mit irgendeinem Handlungsreisenden oder einem Kaufmann aus der Stadt saß. Das Blut gerann ihm vor eifersüchtiger Sittlichkeit; er war bitter gekränkt, dachte an ihre kleinen schlafenden Töchter; eine leidenschaftliche Brüderlichkeit für den betrognen Gatten wallte in ihm auf. Er träumte sich in die Rolle des sühnenden Helden, rettete sie in einer Stunde großer Gefahr, machte sie reumütig mit ernsten Vorwürfen, nahm als ein Reiner die Liebe an, die sie ihm bot.

Morgens dann, wenn sie vorüberging, sog er den Saatduft ihres frischgebadeten Leibes ein, spähte verzweifelt in das zärtlich-sinnliche Gesicht; versuchte sich vorzustellen, wie dieses Gesicht, das alles sagte und nichts verriet, im Dunkeln aussehe.

 

Steve kehrte nach einjähriger Wanderschaft aus New Orleans zurück. Der alte Aufschneider. Dieselbe Weinerlichkeit.

»Ha, ich hab's nicht nötig zu arbeiten«, prahlte er. »Ich bin gescheit und laß andere für mich schuften.« Diese trotzige Bemerkung bezog sich auf seinen Ruf als »Wechselfälscher«. Obschon er nie die Courage gehabt hatte, jemand andern als seinen Vater – und auch diesen nur um den Betrag kleiner Schecks – zu schädigen, hielt er sich für einen großen Schwindler.

Er war jetzt Anfang der Zwanzig, mittelgroß, mit knolligem Gesicht und grauer Haut; er hatte eine angenehme leichte Tenorstimme. Eugen war entsetzt, sooft sein ältester Bruder heimkehrte. Er ekelte sich vor ihm. Die Schwachen und Wehrlosen, also vor allem Eugen und Eliza, hatten am meisten unter Steve zu leiden. Mehr als die Roheit, die Versoffenheit, haßte Eugen das Feige und Verstohlne an ihm, mehr als die Gewalttätigkeit die schlabberigen Versöhnungsszenen.

Immer wieder versuchte Gant, seinen Ältesten ins Brot zu stellen. So schickte er ihn eines Tags auf einen ländlichen Friedhof, um dort ein kleines Grabmonument aufzubauen. Eugen mußte als Handlanger mit. Steve schaffte eine Stunde lang in der brennenden Sonne. Er wurde zusehends mißmutiger. Die Hitze war drückend, das geile Unkraut roch scharf, Steve hatte überhaupt eine unüberwindliche Abneigung gegen Arbeit. Eugen wartete gespannt auf den Ausbruch, der kommen mußte.

»Was stehst Du da rum«, heulte der große Bruder auf und schlug den Kleinen mit einem schweren Schraubenschlüssel aufs Schienbein. Eugen taumelte vor Schmerz zu Boden. Augenblicklich war Steve wie verwandelt, nicht aus Reue, sondern aus Angst, er könne den Kleinen so schwer verletzt haben, daß die Mißhandlung aufkäme.

»Du hast Dir doch nicht wehgetan, Brüderchen, sag schnell, daß Du Dir nicht wehgetan hast«, fing er mit zitternder Stimme an und tätschelte Eugen mit seinen unreinen gelben Händen. Und dann folgte eine der weinerlichen Versöhnungsszenen, die Eugen so entsetzlich waren. Steve flennte, blies Eugen seinen faulen Atem ins Gesicht, bettelte, flehte ihn an, zu Hause nichts von der Roheit zu sagen. Eugen erbrach sich heftig, der ranzige Körpergeruch Steves, sein klebriger, ungesunder Schweiß, der Nikotingestank der braungefleckten Hände machten ihm übel.

 

Aber die Art, wie Steve den Kopf trug, etwas in seinem herausfordernden Schlenkergang beschworen das Gespenst seiner zerstörten Jungenhaftigkeit. Manchen Frauen gefiel er. Er hatte Glück, insofern er es fertigbrachte, daß Mistress Selborne während ihres ersten Sommers in Dixieland seine Geliebte wurde. Nachts flatterte ihr volles beschwingtes Lachen von der Veranda ins Dunkel, sie streifte mit Steve durch die Straßen, sie gingen zum Vergnügungspark in Riverside und über die grellen Lichter des Rummelplatzes hinaus auf den dunkeln, sandigen Pfaden am Fluß.

Als sie sich dann mehr und mehr mit Helene befreundete und den Abscheu der Familie vor Steve gewahr wurde, als sie einzusehen begann, wie sehr sie ihrem Ruf geschadet hatte durch die Beziehung mit diesem Prahlhans, der ihren Namen in allen Kneipen ausquatschte, um sich seiner Eroberung zu rühmen, ließ sie ihn mit stillschweigender, zärtlicher Unabänderlichkeit fallen. Wenn sie nun, Sommer um Sommer, wiederkam, begegnete sie ihm kühl mit einem unschuldigen, unwissenden Lächeln, überhörte seine unzüchtigen Anspielungen und seine plumpen Drohungen, die bittern Offenbarungen, die er hinter ihrem Rücken machte. Ihre Zuneigung zu Helene war echt; sie wußte jedoch gut, daß sie strategischen Nutzen aus der Freundschaft zog. Helene machte sie mit gutaussehenden jungen Männern bekannt, gab ihr zu Ehren in Gants Haus oder in Dixieland Einladungen und Tanzpartien, half ihr in allen Intrigen, sorgte dafür, daß sich die Dinge im Privaten, in der Stille, im Dunkel abspielen konnten. Gereizt verteidigte sie die Freundin, als die üble Nachrede begann.

»Was wissen Sie über ihr Tun und Lassen? Überhaupt nichts. Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich mit diesem Gerede in acht. Alles mißgünstiger Klatsch. Außerdem hat sie einen Gatten, der sie in Schutz nehmen wird. Eines Tags jagt der Ihnen 'ne Kugel durch den Kopf und dann ...«

Oder etwas vorsichtiger: »Na also, ich schere mich nicht um das Geschwätz. Mir gefällt sie sehr, ich mag sie. Sie ist eine süße Person. Und letzten Endes, was weiß man denn für sicher? Nichts. Was kann man ihr nachweisen? Nicht das geringste!«

Im Winter machte Helene nur kurze Besuche bei Mistress Selborne. Begeistert kam sie aus Süd-Carolina zurück, schwärmte von ihrem Empfang, den Partien, die die Freundin ihr zu Ehren gegeben hatte, dem Essen, der großartigen Gastfreundschaft. Mistress Selborne lebte in derselben Stadt wie Joe Gambell, Daisys Verlobter. Der kleine Angestellte erging sich in vielsagenden Anspielungen über die Dame, ihr gegenüber aber benahm er sich höchst unterwürfig, verwirrt und sehr ergeben. Nach seiner Verheiratung nahm er ohne Einwand die Geschenke, Kleider und Lebensmittel an, die sie ihm ins Haus schickte.

Daisy heiratete im Sommer, nachdem Eliza Dixieland erworben hatte. Die Hochzeit war im Juni. Sie fand im großen Speisesaal der Pension in großem Stile statt. Gant und seine zwei Ältesten standen belämmert und grinsend in ihren ungewohnten Smokinganzügen herum. Die Pentlands, eine Sippe, die stets an Hochzeiten und Begräbnissen teilnimmt, schickten Geschenke und kamen. Will und Pett schenkten ein schweres Tranchierbesteck.

»Ich hoffe doch, daß Ihr immer was zum Zerlegen auf dem Tisch haben werdet«, sagte Will, tranchierte einen Braten in der Luft und zwinkerte Joe Gambell zu.

Eugen erinnerte sich an Wochen irrsinniger Vorbereitungen, unendliche Kleideranproben, an Daisy, die vor Hysterie ihre Fingernägel anstarrte, bis sie blau wurden. Schließlich kam der Glanz der letzten beiden Tage. Die Geschenke liefen ein, das Haus war ungemein festlich mit Teppichen und Blumen. Der Speisesaal war voll von Menschen, der presbyterianische Geistliche predigte eine geraume Weile, der große Moment war da: die Musik blies einen Tusch und der kleine Angestellte im Kramwarenvertrieb bekam die Braut. Dann wieder Verwirrung, Glückwünsche, Hysterie. Daisy lag schluchzend in den Armen einer entfernten Kusine, Berti Pentland, die mit ihrem Gatten, dem Inhaber einer Lebensmittelfirma mit vielen Filialen, aus einer Stadt in Süd-Carolina zur Feier gekommen war. Diese beiden hatten viele Geschenke gebracht und als etwas Besondres eine Riesenwassermelone. Beths Freude wurde nachträglich verdorben; sie fand heraus, daß sie das Kleid, an dem sie Wochen im voraus gearbeitet hatte, in der Aufregung verkehrt herum angezogen hatte.

 

Daisy verschwand nun fast ganz aus Eugens Leben. Er sah sie in den folgenden Jahren auf kurzen, immer seltner werdenden Besuchen. Der kleine Angestellte im Kramwarenvertrieb hatte sich zu der einzigen gewagten Gebärde seines ganzen Lebens aufgerafft. Er verließ seine baumwollstaubige Vaterstadt, verzichtete auf die langen trägen Geschäftsstunden im Krämereivertrieb, auf den gemütlichen Tratsch mit Baumwollfarmern und Stadtleuten, den er von Kind auf so gern hatte. Er nahm eine Anstellung als Handlungsreisender in der Lebensmittelproduktenbranche an. Sein Standort war die Stadt Augusta im Staate Georgia. Sein Arbeitsgebiet erstreckte sich weit in den Süden bis an die mexikanische Grenze. Diese Entwurzelung aus angestammtem Nährboden, dies Abenteuer in Neuland, diese Bereitschaft, es wirtschaftlich und gesellschaftlich vorwärts zu bringen, war Joe Gambells Hochzeitsgeschenk für Daisy ... ein sehr kühnes Unterfangen, das allerdings schon von Anfang an gefährdet war durch Selbstmißtrauen und abergläubische Angst vor neuer Umgebung.

»Eine Stadt wie Henderson gibt es auf der Welt nicht noch mal«, behauptete er stumpf von jener aus rotem Backstein, Unwissenheit, Verleumdungssucht und Staub bestehenden Zuflucht, in deren Strahlungskreis er herangewachsen war.

Trotzdem verließ er Henderson und ging nach Augusta, wo er mit Daisy sein neues Leben in einem Lodging House begann. Sie war ein schlankes, leicht errötendes Mädchen, das gewissenhaft und akademisch schön, mit einem reißerischen Anschlag, aber völlig phantasielos Klavier spielte. Eugen konnte sich nie gut an sie entsinnen.

 

Im Frühherbst des Hochzeitsjahres unternahm Gant eine Reise nach Augusta und nahm Eugen mit. Die beiden waren höchst aufgeregt und gespannt. Auf dem verschlafnen Umsteigebahnhof Spartanburg mußten sie lange warten; dann rollten sie in den abgenutzten Wagen der Nebenlinie, die nach Augusta führt, durch die ausgetrocknete Gegend. Pinienwälder lagen am Fuß der Berge. Alles und jedes in der Landschaft tranken sie mit durstigen Augen ein. Gants Wanderseligkeit war mächtig erwacht. Für Eugen war das Reisen etwas Neues; die Fahrt nach St. Louis war ihm längst zur blassen Unwirklichkeit geworden. Eine Vision, ein herrliches vorgefaßtes Bild des üppigen Südens, brannte in ihm seltsamer noch als das Phantasieheimweh nach dem unbekannten hohen Norden, nach dessen strengen Wintern, Stürmen und Dunkelheiten er sich oft mit jener Leidenschaft sehnte, die vielleicht nur der Südländer kennt. Echten Winter gab es in Altamont nicht; der Schnee trieb ins Gebirg, blieb ein paar Tage liegen, und man mußte die Gelegenheit zum Eislaufen und Schlittenfahren beim Schopf packen, ehe es dazu zu spät war.

So kam es denn, daß Eugen die Stadt Augusta nicht in den Farbtönen der schnöden Wirklichkeit sah, sondern wie einer, dem sich ein Fenster ins Feenland auftut, wie einer, der ein Leben im Gefängnis gelebt hat und freigelassen die Erde und das Leben im rosenen Sonnenaufgangslicht erblickt, wie einer, der im fabulösen Bilderreich von Büchern gelebt hat, eine Reise tut und die Fortsetzung und Wahrwerdung dieser Fabelwelt erlebt. Mit frischen, klaren Kinderaugen sah er eine traumhafte Verzauberung.

Sie blieben zwei Wochen. Im Gedächtnis bewahrte er vor allem die braunen Hochwasserspuren an den Häusern, denn die Stadt hatte kürzlich eine Überschwemmung überstanden, und die Flut war bis über die Erdgeschosse gestiegen. Dann: die breite Hauptstraße; eine würzig duftende Drogerie mit einer leuchtenden Sodafontäne war dort. Dann: die Hügel und Felder um Aiken in Süd-Carolina, wo er umsonst nach John D. Rockefeller suchte, einem legendären Prinzen, der dem Hörensagen nach dort Sport trieb, und wo er sich wunderte, daß zwei Staaten ohne sichtbare Zeichen oder natürliche Trennungslinien aneinandergrenzen können. Schließlich die Engreniermaschine, wo er zusah, wie riesenhafte, unförmige Baumwollballen säuberlich in halb so große Würfel zusammengepreßt wurden.

Einmal hatten ihn ein paar Kinder auf der Straße wegen seiner langen Locken verhöhnt; in einem Wutausbruch hatte er sie maßlos und glorreich beschimpft. Einmal hatte er sich über seine Schwester geärgert Und war in seinem Jähzorn kurzerhand davongerannt. Er lief stundenlang einer Landstraße am Flußufer und durch Baumwollfelder nach, ins Abenteuer hinein. Gant holte ihn auf einem geliehenen Wagen ein.

Sie gingen ins Theater; es war eines der ersten Stücke, die er sah, ein biblischer Stoff: die Geschichte von Saul und Jonathan. Von Szene zu Szene flüsterte er Gant die Ereignisse, die da eintreten würden, ins Ohr, eine Vorsichtsmaßnahme, die den Alten höchlich belustigte, denn er erzählte monatelang davon.

Kurz ehe sie nach Hause abreisten, gab Joe Gambell in einem Anfall von Mißlaune seine Stellung auf und kündigte seine bevorstehende Rückkehr nach Henderson an. Sein Abenteuer hatte genau drei Monate gedauert.


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