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XXXVII

Und so wurde an den toten Ben mehr Aufmerksamkeit, Zeit und Geld gehängt als an den Ben, der gelebt hatte. Das Begräbnis war eine endgültige Gebärde der Ironie und Vergeblichkeit; eine Bemühung, an den aufgeputzten Kadaver den nie entrichteten Lebenslohn – nämlich Liebe und Mitgefühl – nachträglich zu zahlen. Alle Pentlands schickten Kränze, kamen mit Frauen und Kindern und standen im Geruch ihrer gerade vor kurzem abgeschlossenen Geschäfte da. Will Pentland unterhielt sich mit den Männern über Politik, den Krieg und die Wirtschaftslage, schnipselte gedankenvoll an seinen Fingernägeln, verzog den Mund, nickte sein kurzes, bedachtsames Nicken und riß ab und zu, vogelhaft zwinkernd, ein Witzchen. Sein selbstgefälliges Lachen mischte sich mit dem lautblökenden Gewieher seines Sohnes Henry. Pett war älter, gütiger und sanfter, als Eugen sie je gesehn hatte; ihre Bitterkeit war gemildert; in einem grauseidnen Rauschen ging sie einher. Und Jim Pentland war da mit seiner Frau, deren Namen Eugen nie behielt, und seinen vier Töchtern, deren Namen Eugen nicht auseinanderhalten konnte, hellen, stattlichen Mädchen, die alle eine Universität erfolgreich absolviert hatten, und seinem Sohn, der eine presbyterianische Universität besucht hatte und relegiert worden war, weil er sich als Herausgeber der Universitätszeitung für freie Liebe und Sozialismus erklärt hatte. Nun spielte er Violine und liebte. Musik und half seinem Vater im Geschäft; er war ein weibischer, zimperlicher Jüngling, aber trotzdem durchaus nicht aus der Art geschlagen. Und Thaddäus Pentland war da, der ärmste und nun jüngste von den Kindern des alten Majors. Er war ein Mann über fünfzig, mit einem angenehmen, roten Gesicht, braunem Schnurrbart und ruhigem, liebenswürdigem Auftreten. Er war Wills Buchhalter. Er saß voller Späße und war sehr gutmütig, wenn er nicht gerade Karl Marx und Eugen Debs zitierte. Er war Sozialist und hatte, einmal bei einem Wahlgang für den Kongreß acht Stimmen bekommen, Er war da mit seiner schwatzsüchtigen Ehefrau, der Helene den Spitznamen »Babbei-babbel«. gegeben hatte, und seinen zwei Töchtern, schmachtenden, gutaussehenden Blondinen von zwanzig, beziehungsweise vierundzwanzig Jahren.

Da waren sie versammelt in all ihrem Glanz, die Vertreter dieser reichen, sonderbaren Sippe, mit ihrem phantastisch aus Geschäftstüchtigkeit und Unpraktischkeit gemischten Wesen, ihrem harten Geldverstand und ihrem visionären Fanatismus. Da waren sie mit ihren erstaunlichen Widersprüchen: – Der Geschäftsmann ohne Methode, der dennoch sein Milliönchen gemacht hatte; – der besessene Widersacher des Kapitalismus, der sein Leben lang dem Kapitalisten treu gedient hatte; jener Sohn, der ein Verschwender und Taugenichts war, mit der Bullenvitalität eines Athleten, einem großen Gelächter, einem tierhaften Charme und ... sonst nichts, und jener andre Sohn, der Musiker war, ein Universitätsrebell, intelligent, fanatisch und nebenher glänzend für Geldgeschäfte begabt; – sinnloser Geiz, was einen selbst betraf, pompöser Aufwand für die Kinder.

Da waren sie, ein jeder, eine jede aus der Blutsverwandtschaft mit den sinnfälligen Stammesabzeichen, den breitangesetzten Nasen, den vollen Lippen, den flachen Wangen, den eigensinnig verzognen Mündern, der tonlosen, langgezognen Sprechweise, dem seichten, selbstzufriednen Lachen. Da waren sie mit ihrer ungeheuren Lebensfähigkeit, ihrem kranken Blut, ihrem gesunden Fleisch, ihrem klaren Menschenverstand und ihrem wirren Wahnwitz, ihrem Humor und ihrem Aberglauben, ihrer Gemeinheit, ihrer Großzügigkeit, ihrem fanatischen Idealismus, ihrem unerbittlichen Materialismus. Da waren sie und rochen nach Erde und Parnaß, – diese sonderbare Sippe, die sich immer und ewig die Treue hielt und fest zusammenstand, deren Mitglieder aber nie gemeinsame Wege gingen, diese Sippe, die sich nur auf Hochzeiten und zu Begräbnissen versammelte: da waren sie mit ihrer Melancholie, ihrem Irrsinn, ihrer Fröhlichkeit: – zäher als das Leben, stärker als der Tod.

Und als Eugen sie ansah, da packte ihn wie ein Nachtmahr das Grausen vor dem Geschick: er gehörte dazu: hier gab es kein Entrinnen. Mit seinen Gelüsten und seinen Schwächen, seiner Sinnlichkeit und seinem Fanatismus, seiner Lebenskraft und seinem üppigen, kranken Blut, ja, bis auf das Mark in seinen Knochen gehörte er zu diesem Stamm.

Aber Ben mit dem schmalen, grauen Gesicht, dachte er, Ben gehörte nicht zu ihnen. Keines ihrer Kennzeichen war an ihm.

Und unter dieser Sippe bewegte sich, alt und krank, auf seinen Krückstock gestützt, Gant, der Ausländer, der Fremdling. Verloren war er und gramvoll. Nur zuweilen noch flammte seine Beredsamkeit auf, wenn er von seinem Gram und vom Tod seines Sohns sprach.

Die Frauen erfüllten das Haus mit ihrem Jammer. Eliza weinte fast andauernd; Helene weinte zeitweise, in gelöster, hysterischer Anfälligkeit. Und all die andern Frauen weinten selbstgefällig mit, trösteten Eliza und Helene, fielen einander hungrig jammernd in die Arme. Und die Männer standen mit Trauermienen da, in ihren guten, schwarzen Anzügen, und fragten sich, ob es nicht bald vorüber wäre. Ben lag in seinem teuren Sarg aufgebahrt im Empfangszimmer; die Luft war schwer vom Geruch der Begräbnisblumen.

Der schottische Geistliche traf ein. Seine anständige Seele legte sich wie ein Dämpfer, wie ein Polster aus harter, reiner Wolle auf die laute Schaustellung des Kummers. Er begann mit dem Totengottesdienst in einer trocknen, nasalen Stimme, fern, monoton, kalt und leidenschaftlich.

Dann trugen, von Horse Hines angeleitet, junge Männer aus dem Städtchen und von der Zeitung, die den Toten am besten gekannt hatten, den Sarg hinaus, die nikotinfarbnen Finger an den silbernen Handgriffen. In einer langen Prozession von geschlossenen schwarzen Kutschen, in denen es nach altem Leder, muffiger Luft und Begräbnis roch, fuhr das Trauergeleit in geziemender Reihenfolge hinter dem Leichenwagen her.

Die alte Ideenverbindung von Leichen und kaltem Schweinefleisch, dem Geruch der Toten und Hamburger Beefsteak, drängte sich Eugen auf angesichts der bemäntelten Verderbtheit der christlichen Begräbnisriten, des obszönen Pomps um einen parfümierten Kadaver. Eine leichte Übelkeit befiel ihn. Er nahm seinen Platz neben Eliza in der Kutsche ein und versuchte, ans Nachtessen zu denken.

Die Pferde schlugen einen frischen Trab ein. Die trauernden Frauen lugten mit scheuen Seitenblicken durch die Kutschenfenster auf die gaffende Stadt. Sie weinten hinter den schweren Schleiern und vergewisserten sich, daß die Leute es auch sähen. Hinter der Allerweltsmaske des Kummers leuchteten die Augen der trauernden Frauen mit einem furchtbaren, unanständigen Hunger, einer unnennbaren Lust.

Es war rauhes Oktoberwetter, naßkalt und grau. Der Gottesdienst war kurz gewesen, eine Vorsichtsmaßnahme wegen der Grippeepidemie, die in der Stadt grassierte. Der Zug fuhr in den Friedhof ein, einen außerordentlich schöngelegnen Platz auf einem Hügel, von dem man eine herrliche Aussicht auf die Stadt hatte. Von dem frischaufgeworfnen Grab ganz oben auf dem Hügel zogen sich zwei Erdarbeiter mit ihren Spaten zurück. Die Frauen jammerten laut, als sie den gähnenden Erdspalt sahen.

Langsam wurde der Sarg auf die übers Grab gespannten Seile heruntergelassen.

Und wieder hörte Eugen das nasale Gedröhn des presbyterianischen Seelenhirten. Seine Gedanken spielten mit Kleinigkeiten.

Horse Hines beugte sich vornüber – das Stärkhemd knitterte –, um seine Handvoll Erde auf den Sarg zu werfen. »Asche zu Asche ...« Er schwankte und wäre vornüber gefallen, wenn ihn Gants Neffe Gilbert nicht festgehalten hätte; er hatte getrunken. »... Ich bin die Auferstehung und das Leben ...« Helene weinte andauernd, ein harsches, bittres Weinen. »... Wer aber an mich glaubt ...« Die Seufzer der Frauen schwollen zu einem gellen Geschrei an, als der Sarg auf den Boden des Grabs hinunter gesenkt wurde.

Dann gingen die Trauernden zu ihren Kutschen und wurden – unanständig hastig – davongefahren. Die Barbarei des Begräbnisses war überstanden. Beim Wegfahren lugte Eugen durch das kleine, rückwärtige Kutschenfenster. Die Totengräber gingen bereits an die Arbeit. Er beobachtete sie, bis die erste Schaufel Erde ins Grab geworfen wurde. Er sah noch ungeputzte, frische Gräber, vergilbtes Gras, schnell welkgewordne Kränze. Dann sah er zum feuchtgrauen Himmel hinauf. Er hoffte, daß es in der kommenden Nacht nicht regnen würde.

Es war vorüber. Die Prozession der Kutschen löste sich auf. Die Männer stiegen in der Stadt aus, gingen ins Zeitungsbüro, in die Drogerie, in den Zigarrenladen. Die Frauen fuhren heim. Nie mehr! Schluß damit, Schluß!

Die Nacht fiel in die kahlen, windbefegten Straßen. Helene lag vorm Feuer in Hugo Bartons Haus, eine Flasche flüssiges Chloroform in der Hand. Sie brütete, sie starrte krankhaft ins Feuer, sie erlebte den Todesfall hundertmal wieder, sie weinte bitterlich, wurde ruhig.

»Wenn ich nur an sie denke, hasse ich sie. Ich werde nie vergessen können. Und hast Du sie reden hören? Sie fängt wahrhaftig an zu behaupten, daß er sehr an ihr hing. Aber mich kann sie mit solchen Mätzchen nicht hinters Licht führen, sage ich Dir, ich kenne mich aus. Er wollte sie nicht um sich haben, das hast Du doch selbst gesehn, nicht wahr? Er verlangte immer wieder nach mir, ich, ich war die einzige, die er zu sich ans Bett ließ. Das weißt Du doch, nicht wahr?«

»Du mußt es immer ausbaden«, sagte Hugo Barton sauertöpfisch. »Ich bin das müde. Denn gerade das ist es, was Dich um Deine Gesundheit gebracht hat. Wenn sie Dich nicht in Ruhe lassen, dann zieh ich von hier weg.«

Dann machte er sich wieder über seine Papiere, runzelte wichtig die Stirn über einer Zigarre, kritzelte mit einem Bleistiftstumpen Zahlen auf einen alten Briefumschlag.

Sie hat ihn sich hübsch gezogen, dachte Eugen.

Dann, als der Wind wieder ums Haus heulte, weinte sie wieder.

»Der arme, alte Ben«, sagte sie. »Ich kann es nicht fassen, daß er heut nacht da draußen in der kalten Erde liegt.«

Sie schwieg eine Weile, starrte ins Feuer.

»Von nun ab werde ich mich nicht mehr um die Familie kümmern. Ich hab es satt«, erklärte sie bündig. »Sie können sehn, wie sie mit sich selber fertig werden. Hugo und ich haben ein Recht, unser eignes Leben zu leben. Das gibst Du doch zu, was?«

»Ja«, sagte Eugen. Ich bin ja nur der Chor, dachte er.

»Papa denkt ja nicht ans Sterben«, fuhr sie fort. »Ich habe ihn sechs Jahre lang gepflegt, ich habe mich abgerackert wie eine Sklavin, und er wird noch leben, wenn ich längst unter der Erde bin. Wir rechneten alle mit Papas Tod, und der Ben war es, der dran glauben mußte. Man kann eben nie wissen. Ich jedenfalls hab es jetzt satt.«

Sie war entrüstet. Sie hatten alle das Gefühl, als hätte ihnen der Tod einen grimmigen Streich gespielt. Sie hatten am Fenster auf ihn gewartet, und er war durch den Keller gekommen.

»Papa hat kein Recht dazu, er kann es einfach nicht länger von mir verlangen, er hat wirklich kein Recht dazu«, grollte sie. »Er hat sein Leben genossen. Er ist ein Greis. Und nun haben wir unser Recht aufs Leben so gut wie jedermann. Lieber Himmel! können sie sich denn das nicht vorstellen?! Ich bin mit Hugo Barton verheiratet, ich bin seine Frau.«

Wirklich, dachte Eugen, bist Du das?

 

Eliza aber saß, die Hände gefaltet, vor dem Feuer in Dixieland und erlebte eine Vergangenheit der Zärtlichkeit und Liebe, ach, eine Vergangenheit, die nie gewesen war. Der Wind heulte durch die öden Straßen, und Eliza wob tausend Fabeln um Bens bittres, verlornes Wesen. Und das helle, Uralte, weltwunde Etwas in Eugen krümmte und wand sich vor Entsetzen und hieß ihn, aus dem Haus des Todes fliehen. Schluß damit, Schluß, nie mehr, sagte es. Du bist nun allein. Du bist verloren. Geh und finde Dich, Du Verlorner, jenseits des Gebirgs.

Das helle, uralte, weltwunde Etwas stand auf in Eugens Herz, und es sprach ihm seine Worte in den Mund.

Ach, ich kann ja jetzt noch nicht gehn, sagte Eugen zu ihm. (Warum nicht? tuschelte es.) Weil ihr Gesicht so weiß ist und ihre Stirn so breit und hoch unter dem zurückgestrichnen Haar ... und als sie neben dem Bett saß, sah sie aus wie ein kleines Kind ... ich kann jetzt nicht gehn und sie hier allein lassen. (Sie ist allein, sagte es, und Du bist allein.) Und weil sie die Lippe so schürzt und so ernst und gedankenvoll vor sich hinstarrt, denn dann ist sie wie ein kleines Kind. (Du bist allein nun, sagte es, Du mußt fliehen oder es ist Dein Tod.) Es ist ja alles wie Tod: sie nährte mich an ihrer Brust, ich schlief in ihrem Bett, sie nahm mich mit auf ihre Reisen. Alles das ist vorbei, und jedesmal war es wie Tod. (Und wie Leben, sagte es zu ihm. Jedesmal, sooft Du stirbst, wirst Du wiedergeboren werden. Und Du wirst noch hundertmal sterben, eh Du ein Mensch wirst.) Ich kann nicht! Ich kann nicht! ... jetzt nicht, später, langsamer. (Nein. Jetzt, sagte es.) Ich habe Angst. Ich weiß nicht, wo ich mich hinwenden soll. (Du mußt den Ort finden, sagte es.) Ich bin verloren. (Du mußt für Dich selbst auf die Suche gehn, sägte es.) Ich bin allein. Wo bist Du? (Du mußt mich finden, sagte es.)

Das helle Etwas krümmte sich in ihm, der öde Wind heulte ums Haus und mahnte ihn an die Flucht, und er hörte Elizas Stimme, die aus einer Vergangenheit Schönes und Verlornes, das nie geschehen war, heraufbeschwor.

»... ja, und da sagte ich zu ihm: ›Aber Junge‹, sagte ich, ›aber um alles in der Welt! Du mußt Dich warm anziehn, besonders um den Hals, oder Du wirst Dich auf den Tod erkälten ...‹«

Eugen krallte sich an der Kehle und rannte zur Tür.

»Heh, Junge, wo willst Du denn hin?«.sagte Eliza und blickte schnell auf.

»Ich muß gehn«, sagte er mit erstickter Stimme. »Ich muß weg von hier!«

Und dann sah er die Angst in ihren Augen und den ernsten, starrenden, gramvollen Kinderblick. Er stürzte auf sie zu und ergriff ihre Hand. Sie klammerte sich an ihn und lehnte ihr Gesicht an seinen Arm.

»Geh jetzt noch nicht«, sagte sie. »Du hast noch Dein ganzes Leben vor Dir. Bleib noch bei mir, nur einen Tag oder zwei.«

»Ja, Mama«, sagte er und brach in die Knie. »Ja, Mama!« Er preßte sie an sich, er war außer sich. »Ja, Mama! Gott schütze Dich, Mama! Es ist ja schon recht, Mama! Es ist ja schon recht!«

Eliza weinte bitterlich.

»Ich bin eine alte Frau«, sagte sie. »Und einen nach dem andern hab ich Euch alle verloren. Er ist jetzt tot, und ich hab ihn nie kennen gelernt. Ach Sohn! verlaß mich jetzt nicht! Du bist der Einzige, der mir geblieben ist. Du warst mein Kindchen. Geh nicht! Geh nicht!« Sie legte ihr weißes Gesicht an seinen Ärmel.

Fortgehn wäre nicht schwer, dachte er, ... wann aber können wir vergessen?!

 

Oktober wars, und es bebte das Laub. Die Dämmerung kam. Die Sonne war untergegangen, die westlichen Bergketten verschwammen in einem kalten, violetten Dunstrauch, aber der Himmel darüber flammte noch mit zackigen, gelbroten Lichtbändern. Es war Oktober.

Eugen schritt schnell die vielfach gewundne, gepflasterte Rudledge Road hinauf. Feuchter Dunst und der Geruch vom Abendessen hing in der Luft; Fensterscheiben waren beschlagen; es brutzelte in den Küchen, Stimmen kamen nebelfern, und dann roch es nach brennendem Laub, und warme, gelbe Lichter schwammen.

Er bog in einen ungepflasterten Fahrweg ab, an dem großen Holzbau des Sanatoriums. Er hörte volles Negerlachen aus der Küche, das Zischen schmalzgebackner Speisen in den brutzelnden Pfannen, das trockne Gehüstel der Lungenkranken auf den Veranden.

Er schritt rüstig im raschelnden Laub den ausgefahrnen Weg bergan. Die Luft war ein kaltes, dunkles Perlgrau. Ein paar Sterne waren aufgegangen. Die Stadt und das Haus lagen hinter ihm. In den hohen Bergföhren sang es.

Zwei Frauen kamen ihm entgegen. Er sah, daß sie vom Lande waren. Sie waren wie Farmersfrauen angezogen, in Schwarz, und eine von ihnen weinte. Eugen dachte an die Männer, die man an diesem Tag zu Grab getragen hatte, und an alle Frauen, die weinten.

Werden sie wiederkommen? wunderte er sich.

Er fand das Gatter des Friedhofs offen. Er trat ein und schritt rüstig den gewundnen Fahrweg zur Kimme des Berges hinauf. Das Gras stand dürr und vergilbt; ein welker Lorbeerkranz lag auf einem Grab. Er ging auf den Begräbnisplatz der Familie zu. Sein Puls ging schneller, als er in die Nähe kam. Jemand bewegte sich langsam und bedächtig zwischen den Grabsteinen. Als er hinzutrat, erkannte er Mistress Pert.

»Guten Abend, Mistress Pert«, sagte Eugen.

Sie blickte verschwommen. »Wer ist's?« fragte sie. Sie kam mit ihrem schweren, schwanken Gang auf ihn zu.

»Eugen«, sagte er.

»Ach so«, sagte sie. »Der alte Eugen. Wie geht's, Eugen?«

»Ziemlich gut«, sagte er.

Er stand linkisch da, ihn fröstelte, er wußte nicht, was er sagen könne. Die Präludien des Winters in den Bergföhren und das Pfeifen des Winds im langen Gras. Drunten in der Talschlucht war es Nacht. Eine Negersiedlung lag dort, Stumptown. Die üppigen Stimmen Afrikas heulten ihre Klage herauf, Grabgesänge aus dem Dschungel.

Aber weiter weg, auf gleicher Höhe mit dem Friedhof und höher, über die nächsten Hügel gebreitet, sahen sie die Stadt. Langsam, gruppenweise, zwinkernd gingen die Lichter der Stadt an, und von dorther kamen Stimmen, frostfern, und Musik kam, und ein Mädchenlachen.

»Das ist ein netter Platz hier«, sagte Eugen, »man hat so einen schönen Blick auf die Stadt.«

»Ja«, sagte Mistress Pert, »und der alte Ben hat den allerbesten Platz. Gerade hier hat man den schönsten Blick. Ich bin schon am Tage hier oben gewesen.« Ein bißchen später sagte sie: »Der alte Ben. Ich glaub, aus ihm werden schöne Blumen werden. Rosen glaub ich.«

»Nein«, sagte Eugen, »Löwenzahn und große Blumen mit vielen Dornen am Strauch.«

Sie stand eine Weile da; ihr liebenswürdiges, etwas verwischtes Lächeln um die Lippen; sie sah sich unschlüssig um.

»Es wird dunkel, Mistress Pert«, sagte Eugen zögernd. »Sind Sie allein hier draußen?«

»Allein? Ich hab doch den alten Eugen und den alten Ben hier, nicht wahr?« stellte sie fest.

»Vielleicht wäre es besser, wir gingen jetzt heim, Mistress Pert«, sagte er. »Es wird eine kalte Nacht. Ich werde Sie begleiten.«

»Fatty kann allein gehn«, sagte sie mit Würde. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Ich laß Sie allein.«

»Das ist schon recht so«, sagte Eugen verwirrt. »Wir sind beide wohl aus demselben Grund hier herauf gekommen, nehme ich an.«

»Ja«, sagte Mistress Pert. »Mich wundert, wer wohl nächstes Jahr hier heraufkommen wird. Der alte Eugen?«

»Nein«, sagte Eugen, »nein, Mistress Pert. Ich werde nie wieder hierher zurückkommen.«

»Ich auch nicht, Eugen« sagte sie. »Wann fahren Sie auf die Universität zurück?« »Morgen«, sagte er.

»Dann werde ich Ihnen Lebwohl sagen müssen«, sprach sie vorwurfsvoll. »Ich gehe auch von hier weg.«

»Wohin?« fragte er überrascht.

»Ich werde nach Tennessee ziehn, zu meiner Tochter. Sie wissen wohl gar nicht, daß Fatty Großmutter ist, oder doch?« sagte sie mit ihrem weichen, verwischten Lächeln. »Ich hab einen kleinen Enkelsohn, zwei Jahre alt.«

»Es tut mir leid, daß Sie fortziehn«, sagte Eugen.

Mistress Pert schwieg eine Zeitlang, sie wippte unschlüssig auf ihren Füßen.

»Was soll eigentlich dem Ben gefehlt haben?« fragte sie.

»Er hatte Lungenentzündung, Mistress Pert«, sagte Eugen.

»Aha! Lungenentzündung. So.« Sie nickte verstehend, als wäre sie mit der Auskunft zufrieden. »Mein Gatte verkauft Drogen, das wissen Sie ja, aber ich kann nicht mal die Sachen behalten, die den Leuten so fehlen. Lungenentzündung also.«

Sie schwieg wieder in Nachdenken versunken.

»Und wenn sie einen in eine Kiste legen und in der Erde verscharren, so wie sie es mit dem alten Ben gemacht haben, wie nennt man das?« fragte sie mit einem weichen, wißbegierigen Lächeln.

Er lachte nicht.

»Das nennen sie Tod, Mistress Pert.«

»Tod. Aha! Ja. So«, sagte Mistress Pert. Ihr Gesicht hellte sich auf. Sie nickte beifällig. »Das ist eine Art, Eugen. Es gibt noch ein paar andre. Wußten Sie das?« Sie lächelte ihn an.

»Ja«, sagte Eugen, »das weiß ich, Mistress Pert.«

Unvermittelt streckte sie ihre beiden Hände nach ihm aus und drückte seine kalten Finger. Sie lächelte nicht mehr.

»Leben Sie wohl, mein Lieber«, sagte sie. »Wir beide haben den Ben gekannt, nicht wahr? Gott schütze Sie!«

Dann wandte sie sich ab und ging den Fahrweg hinunter mit ihrem stattlichen, ein wenig schwanken Gang und war in der einfallenden Dunkelheit verloren.

Große, stolze Sterne zogen am Himmel auf. Und gerade über ihm, gerade über der Stadt, da stand einer, so hell und so nah, daß er ihn hätte greifen können. Bens Grab war an diesem Tag mit frischen Rasenstücken belegt worden. Es roch scharf nach der kalten Erde. Eugen dachte an den Frühling und an den scharfen, weltlosen Duft des Löwenzahns, der dann hier blühen würde. Durchs frostige Dunkel, fernmatt, kam der klagende Pfiff eines abfahrenden Zugs.

Und plötzlich, als er die fröhlichen Lichter der Stadt aufzwinkern sah, eine warme Botschaft des dort versammelten schwärmenden Lebens, überkam ihn ein betäubender Hunger nach all den Worten und Gesichtern. Er hörte weither Stimmen und Gelächter. Und auf der fernen Landstraße bog ein großes Auto um die Kurve und warf auf eine Sekunde über ihn, über den Bergfriedhof die Kegel seiner Scheinwerfer, schwingende, große Schäfte aus Leben und Licht. Und ein Licht wuchs in Eugens betäubtem Bewußtsein, das nun seit Tagen merkwürdigerweise mit Kleinigkeiten, nur mit Kleinigkeiten gespielt hatte, so wie ein Kind mit Steinchen, mit Holzklötzchen oder andern kleinen Dingen spielt.

Seine Gedanken erhoben sich über den Trümmerhaufen von Kleinigkeiten, sein Bewußtsein sammelte sich. Aus allem was die Welt ihm gezeigt und ihn gelehrt hatte, konnte er sich nun nur noch an den einen großen Stern über der Stadt erinnern und an das Licht, das auf den Bergfriedhof fiel, und an die frischen Rasenstücke auf Bens Grab und an den Wind und an Geräusche von fernher und an Musik und Mistress Pert.

Wind fuhr ins Gezweig,, es bebte das welke Laub. Es war Oktober, aber das Laub bebte. Ein Stern bebte. Ein Licht erwachte. Ein Wind rauschte. Der Stern war fern. Die Nacht, das Licht. Das Licht war hell. Ein Gesang, ein Lied, ein langsamer Tanz der Kleinigkeiten in seinem Hirn. Der Stern über der Stadt, das Licht überm Friedhof, der Rasen über Ben, die Nacht über allem. Seine Gedanken spielten mit Kleinigkeiten. Über uns aber ist etwas. Stern, Nacht, Erde, Licht ... Licht ... o verloren! ... ein Stein – ein Blatt ... eine Tür ... o Gespenst! ... ein Licht ... ein Lied ... ein Licht schwingt übern Berg ... über uns alle ... ein Stern scheint über die Stadt ... über uns alle ... ein Licht.

Wir werden nicht wiederkommen. Wir werden nie wieder zurückkommen. Aber über uns allen, über uns allen, ist – Etwas.

Wind fuhr ins Gezweig, es bebte das welke Laub. Es war Oktober, aber es bebten ein paar welke Blätter.

Ein Licht schwingt über den Berg. (Wir werden nicht wiederkommen.) Und über der Stadt steht ein Stern. (Über uns allen, über uns allen, die wir nicht wiederkommen werden.) Und über dem Tag steht das Dunkel. Aber über dem Dunkel – was?

Wir werden nicht wiederkommen. Wir werden nie wieder zurückkommen.

Über dem Tagesgraun singt eine Lerche. (Sie wird nicht wiederkommen.) Und Wind und ferne Musik. O verloren! (Sie werden nicht wiederkommen.) Und über Deinem Mund liegt die Erde. O Gespenst. Aber über dem Dunkel – was?

Wind fuhr ins Gezweig, es bebte das welke Laub.

Wir werden nicht wiederkommen. Wir werden, nie wieder zurückkommen. Es war Oktober, aber wir werden nie wieder zurückkommen.

Wann werden sie wiederkommen? Wann werden sie wiederkommen?

Der Lorbeer, die Eidechse, der Stein werden nie mehr kommen. Die Frauen, weinend an der Tür, sind fortgegangen und werden nicht wiederkommen. Und Pein und Stolz und Tod werden vorübergehn und werden nicht wiederkommen ... Und Licht und Tagesgraun werden vorübergehn, und der Stern und, das Lied der Lerche werden vorübergehn und werden nicht wiederkommen. Und wir werden vorübergehn und werden nicht wiederkommen.

Was aber wird wiederkommen? Oh, der Frühling, grausamste und schönste der Jahreszeiten, er wird wiederkommen. Und die fremden und begrabnen Menschen werden wiederkommen, als Blume und Blatt werden die fremden und begrabnen Menschen wiederkommen, und Tod und Staub werden nie wiederkommen, denn Tod und Staub werden sterben. Und Ben wird wiederkommen, er wird nicht wieder sterben, als Blume und Blatt, als Wind und ferne Musik wird er wieder zurückkommen.

O komm wieder! O verlornes und vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!

Es war dunkel geworden. Die frostige Nacht glänzte von großen, leuchtenden Sternen. Die Lichter in der Stadt schienen mit einer strahlenden Helle. Nachdem er eine Zeitlang auf der kalten Erde gelegen hatte, stand Eugen auf und ging weg, auf die Stadt zu.

Wind fuhr ins Gezweig. Es bebte das welke Laub.

 


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