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IV

Die Geburt dauerte unendlich lange.

Als Gant am nächsten Morgen kurz nach zehn aufwachte und verkatert und beschämt den heißen Kaffee schlürfte, den ihm Helene brachte, hörte er aus dem Obergeschoß ein lautes, langes, lüngiges Schreien.

»Mein Gott!« stöhnte er entsetzt und deutete nach oben. »Ist's ein Mädchen oder ein Bub, Lenchen?«

»Ich hab's noch nicht gesehn, Papa«, antwortete Helene. »Wir dürfen nicht rein. Aber Doktor Cardiac ist vorhin herausgekommen und hat gesagt, wenn wir brav wären, würde er uns ein Brüderchen zeigen.«

Auf dem Verandadach war Radau. Steve, der von dort ins Zimmer der Wöchnerin gespäht hatte, sprang wie eine Katze aufs Lilienbeet herunter. Die Hebamme schalt.

Der Hausherr brüllte: »Steve, verdammter Bengel, was hast Du dort oben zu suchen?!«

Steve kletterte über den Zaun.

»Ich hab's gesehen!« gellte er zurück.

»Ich auch! Ich auch!« jauchzte Grover, kam ins Zimmer gerannt und lief wieder hinaus.

»Wenn ich Euch Lausbuben nochmal auf dem Dach hier erwische«, keifte die Hebamme, »dann versohle ich Euch das Fell.«

Die Kunde, daß sein jüngster Erbe ein Junge sei, hatte Gant einen Augenblick lang gefreut. Nun aber schritt, er wehleidig im Zimmer auf und ab und klagte in einem fort:

»Mein Gott! Mein Gott! Muß auch das noch mich auf meine alten Tage treffen? Wieder ein Maul mehr zu stopfen! Es ist furchtbar, es ist entsetzlich, es ist grausam!« Er flennte. Plötzlich wurde er gewahr, daß niemand da war, den er mit seiner Klage rühren könne. Er ging über die Diele und blökte kläglich die Treppe hinauf:

»Eliza! Mein Weib! Verzeih mir! Verzeih!«

Unter lautem Seufzen stapfte er treppauf.

Eliza nahm ihre Kraft zusammen. »Nicht reinlassen!« stieß sie hervor.

»Sagen Sie ihm, daß er jetzt nicht ins Zimmer kann«, befahl Doktor Cardiac der Hebamme und starrte auf die Waage. »Hier gibt's ohnedies nur Milch zu trinken«, setzte er trocken hinzu.

Gant stand vor der Tür.

»Eliza, mein Weib, hab Mitleid mit mir, ich bitte Dich! Wenn ich gewußt hätte ...«

Die Hebamme riß die Tür auf und raunzte: »Ja, wenn der Hund nicht das Bein gehoben hätt', dann hätt' er den Has' gefang'n.« Sie schmiß ihm die Tür vor der Nase zu. Belämmert stieg Gant die Treppe hinunter. Er ließ den Kopf hängen, aber die Antwort der Hebamme lockte ein flüchtiges Schmunzeln auf seine Miene. Schnell leckte er den Daumen mit der Zunge.

»Barmherziger Gott!« sagte er grinsend und brach wieder in Klagen aus.

»Das genügt jetzt«, bemerkte Cardiac. Er hielt ein rotleuchtendes Körperchen hoch, reckte es an den Fersen und gab ihm einen kleinen Klaps auf den Popo.

 

Der Säugling hatte sein Debüt gemacht, ausgestattet mit allem Getriebe und Zubehör, mit den Einsätzen und Auswüchsen, den Bindungen und Zargen, den Wasserhähnchen, Augen und Nägeln, die man zur vollkommenen Erscheinung, der Harmonie der Teile und der Einheit der Wirkung auf dieser tathaft regsamen und kampferfüllten Welt für nötig hält. Er war ein ausgemachtes Männchen im kleinen, die winzige Eichel, aus der die mächtige Eiche werden soll, der Enkel aller Zeitalter, der Erbe des uneingelösten Ruhms, das Kind des Fortschritts, der Liebling der knospenden goldnen Aera. Was mehr ist: Fortuna und ihre Feen hatten ihn für den Zeitpunkt aufgespart, in der der Fortschritt vor lauter Ruhm und Reife schon am Verfaulen war.

»Na, und wie wird der Bengel heißen?« fragte Cardiac mit der ruppigen Sachlichkeit des Mediziners.

Eliza war auf kosmische Schwingungen eingestellt. Mit einer vollen, wenn auch ungenauen Vorahnung dessen, was dem Glückskind verhängt war, nannte sie es »Eugen«. Dieser schöne Name bedeutet »Wohlgeboren«, »Gut zur Welt gekommen«, was freilich nicht ganz mit »Hochgezüchtet«, »Wohlgezogen« oder »Aus gutem Blut stammend« identisch ist.

 

Das erlauchte Wesen, das schon einen Namen trug, und von dem aus die Ereignisse dieser Chronik betrachtet werden sollen, war, wie schon gesagt, auf dem äußerst zugespitzten Endpunkt der Weltgeschichte geboren. Vielleicht hat der Leser das schon bemerkt. Nicht? Nun, dann frischen wir sein historisches Gedächtnis auf.

Um 1900 hatten Oscar Wilde und James Whistler die meisten der ihnen nachgesagten Gescheitheiten schon gesagt. Die großen Männer der viktorianischen Epoche waren stark im Aussterben begriffen, ehe noch die Moralkulissen ihrer Zeit bombardiert wurden. William McKinley war zum zweitenmal Präsident der Vereinigten Staaten. Seesoldaten, die im Spanisch-Amerikanischen Krieg gekämpft hatten, waren auf Frachtdampfern in ihre Heimat zurückgekehrt. Das altgrimme Großbritannien hatte 1899 ein Ultimatum an die Südafrikaner geschickt: Lord Roberts (der bei seinen Leuten »Little Bobs« hieß) war nach verschiedenen Rückschlägen für die britischen Streitkräfte zu deren Generalkommandanten ernannt worden. Großbritannien hatte im September 1900 Transvaal annektiert, im Monat von Eugens Geburt wurde die Annektion offiziell. Zwei Jahre später fand eine Friedenskonferenz statt.

Was ging derweil in Japan vor? Das erste Parlament trat 1891 zusammen. 1894–1895 war Krieg mit China, Formosa wurde 1895 abgetreten. Außerdem: Warren Hastings. Generalgouverneur von Indien, war längst vor Gericht gestanden. Papst Sixtus V, war gekommen und gegangen, Dalmatien war von Tiberius unterjocht, Belisar war von Justinian geblendet. Die Hochzeits- und die Begräbniszeremonien der Wilhelmine Charlotte Karoline von Brandenburg-Ansbach und Georgs II. von England waren feierlich begangen, während jener der Berengeria von Navarra und Richards I. nur noch ungenau gedacht wurde. Diokletian, Karl V. und Victor Amadeus von Sardinien hatten auf ihre Throne verzichtet. Henry James Pye, Poeta Laureatus von England, war daheim bei seinen Vätern. Cassiodor, Quintilian, Juvenal, Lucretius, Martial und Albrecht der Bär hatten das Zeitliche gesegnet. Die Schlachten von Antietam, Smolensk, Drumclog, Inkerman, Marengo. Cawnpore. Killiecrankie, Sluys, Actium, Hohenlinden, Salamis, Lepanto, Tewsbury und Brandywine waren zu Wasser und zu Land geschlagen. Alkämoniden und Lakonier hatten Hippias aus Sparta vertrieben. Simonides, Mänander, Strabo, Moschus und Pindar hatten ihre Rechnung auf Erden abgeschlossen. Die Heiligen Eusebius, Athanasius, Chrysostemus hatten in ihren Himmelsnischen Platz genommen. Menkaura hatte die dritte Pyramide gebaut. Aspalta hatte siegreiche Heere geführt. Die Bermudas, Malta und die Windward Isles waren kolonisiert. Ferner: die spanische Armada war geschlagen. Präsident Abraham Lincoln war ermordet. Die Halifax Fisheries Award hatten für Fischrechte auf zwölf Jahre 5 ½ Millionen Dollar gezahlt. Schließlich waren vor vierzig oder fünfzig Millionen Jahren unsre ältesten Ahnen aus dem Urschleim gekrochen, und da sie zweifelsohne den Wechsel unangenehm empfanden, waren sie wieder in ihn zurückgekehrt.

So war der Stand der Weltgeschichte, als Eugen im Jahre 1900 die Lebensbühne betrat. Gern würden wir einen ausführlichen Bericht geben davon, wie er die Welt in seinen ersten Jahren, sozusagen aus der Perspektive der Wiege und des Fußbodens, erfuhr. Aber diese Eindrücke sind, soweit sie sich überhaupt in Worte fassen lassen, gewissermaßen unterdrückt, weil dem Wesen die Kraft zur Artikulation fehlt, weil Einsamkeit, Kummer, Abschweifung und vollkommene Leere dauernd das Ordnungsbewußtsein überfluten und verschwemmen.

 

Gewaschen, gepudert und gesättigt, lag er in der Wiege und dachte dunkel über vieles nach, ehe er im Schlaf völliges Vergessen fand. Er erschrak bei der Vorstellung der öden Weite aus Unbehagen, Schwäche, Dumpfheit und tiefstem Mißverständnis, die er überwinden müsse, um zur Freiheit des Körpers zu gelangen. Es wurde ihm peinlich übel, wenn er an den Mangel an Koordination in den Kontrollzentren des Gehirns dachte, an die undisziplinierte Blase, an die Schaustellung der eignen Hilflosigkeit vor den naserümpfenden Geschwistern, wenn seine Windeln gewechselt wurden.

Er lag in Agonie, denn er war sterbensarm an Ausdruckssymbolen. Seine Vernunft war in Netze verstrickt, weil sie nicht mit Worten zu arbeiten verstand. Er hatte nicht einmal Namen für die Sachen, die ihn umgaben. Vermutlich bezeichnete er sie für sich selber in einem Jargon, worin er durch das ihn umdröhnende Sprechen, dem er angestrengt lauschte, bestärkt wurde. Er merkte wohl, daß die erste Flucht ins Gesprochne geht. So schnell er nur konnte, bezeigte er seinen gierigen Hunger für Bild und Schrift. Manchmal brachten sie ihm große Bilderbücher; er gebärdete sich entzückt und jauchzte, um ihnen verständlich zu machen, daß sie das wiederholen möchten.

In wilder Verwunderung fragte er sich, wie sie sich wohl benehmen würden, wenn sie wüßten, was er wirklich von ihnen hielt. Er mußte über sie, über die ganze verrückte Komödie der Irrungen lachen, wenn sie zu seiner Belustigung Tänze aufführten, mit den Köpfen wackelten, ihn kitzelten, um ihn zum Quietschen zu bringen. Es kam ihm blödsinnig und närrisch vor, wenn er da auf dem Boden sitzend merkte, wie ihre Mienen albern, ihre Stimmen kitschig wurden.

Wenn er allein im verdunkelten Zimmer lag und das Sonnenlicht in Bohlen durch die Spaltluken der Fensterläden fiel, überkam ihn klaftertief das Gefühl der Einsamkeit und der Trauer. Er sah sein Leben vor sich wie einen Weg durch düsteren Wald; er wußte, daß er immer einsam sein würde. In diesem kleinen Rundschädel gefangen, in dieses geheimnishafte, pochende Herz gesperrt, würde sein Leben immer einsame Wege gehn. Verloren! Er verstand, daß die Menschen einander fremd sind; daß keiner je um den andern weiß; daß wir aus der Haft der mütterlichen Wamme entlassen werden, ohne der Mutter Angesicht zu kennen; daß wir als Fremdlinge an ihre Brust gelegt werden ... daß wir nie aus dem Gefängnis des Wesens ausbrechen können, gleichviel, wessen Arm uns umfängt, wessen Mund uns küßt, wessen Herz uns erwärmt.. Nie, nie, nie, nie, nie.

Er merkte, daß die großen Gestalten, die sich furchterweckend über seine Wiege beugten, die mit lauten Stimmen über ihn hinwegdröhnten, kein besseres Verständnis untereinander aufbrachten, als sie es für ihn bezeigten. Er merkte, daß selbst ihr Sprechen, selbst die fließende Leichtigkeit ihrer Bewegungen nur ärmliche Mittler ihrer Gefühle und Gedanken seien und oft, anstatt Verständnis zu stiften, dazu dienten, Streit, Bitterkeit und Vorurteil zu erzeugen.

Sein Gemüt verdunkelte sich vor Entsetzen. Er merkte, daß er ein hilfloser Fremdling sei, ein amüsanter kleiner Clown, den unheimliche, verständnislose Wesen hätschelten und tätschelten. Er war aus einem Mysterium in ein anderes geraten. Irgendwo, innerhalb oder außerhalb seines Bewußtseins, leise, als wäre sie ins Meer versunken, hörte er eine große Glocke klingen. Und wenn er lauschte, ging das Gespenst der Erinnerung in ihm um, ein paar Augenblicke lang war ihm, als hätte er das Verlorne fast wiedergewonnen.

Manchmal stemmte er sich an den steilen Wänden seiner Wiege hoch und sah schwindligen Blicks auf das Muster des Teppichs hinunter. Die Welt schwamm aus und ein in seinem Bewußtsein wie die Gezeiten des Meers. Kaum hatte er ein scharfes Bild des Ganzen, dann verebbte alles wieder ins Trübe und Schläfrige. Zuweilen versuchte er, das Wahrgenommene wie Stöcke eines Rätsels zusammenzustellen: den tanzenden Feuerschein auf den Messinggriffen, den Schürhaken und das Kakeln und Glucken der Hennen draußen in der fernen verzauberten Welt. Manchmal hörte er morgens den Weckruf der Hähne und war ganz wie ein starker, wacher Erdenbürger. In Wechselwogen von Phantasmen und Fakten vernahm er einen lauten Zauberdonner in Daisys Klavierspiel im Wohnzimmer. Viele Jahre später hörte er dieselbe Musik wieder. Er fragte. Sie sagte ihm, es sei Paderewskis Menuett.

Seine Wiege war ein großer Weidenkorb, mit Matratzen und Kissen gut gepolstert. Als er an Kraft zunahm, konnte er wahre Akrobatenstücke in ihr ausführen: sich fallen lassen, einen Reifen aus seinem Körper machen, sich kerzengrad ausstrecken. Mit Geduld und Anstrengung gelang es ihm, aus der Wiege herauszuklettern. Dann kroch er auf dem gemusterten Teppich herum, angezogen von großen, fröhlichen-bunten Holzklötzen, die durcheinander geworfen auf dem Fußboden herumlagen. Diese Klötze gehörten seinem Bruder Lukas; die Buchstaben des ABC waren darauf ausgeschnitzt.

Er hielt sie mühsam in seinen winzigen Händen und studierte die Sinnzeichen der Rede. Er wußte, daß er hier die Bausteine zum Tempel der Sprache habe. Er gab sich verzweifelt Müh, den Schlüssel zu finden, der Sinn und Ordnung in diese Anarchie brächte. Große Stimmen dröhnten über ihm; mächtige Gestalten hoben ihn in schwindelnde Höhe und setzten ihn wieder ab. Die ins Meer versunkne Glocke erklang.

Der Frühling der Südstaaten hatte sich üppig entfaltet. Die gelockerte schwarze Gartenerde sproß mit zartem Gras, war mit taufeuchten Blumen bedeckt. Die Rinde des Kirschbaums schwitzte Saft in dicken Bernsteinklumpen. Reifende Kirschen hingen dicht im Laub. Da hob Gant ihn eines Tags aus der Wiege, nahm ihn auf die sonnige Veranda mit, trug ihn an den Lilienbeeten vorbei ums Haus zum äußersten Ende des Hintergartens, wo die Erde in trocknen, vom Pflug gefurchten Schollen in der Sonne lag.

Eugen merkte an der Stille, daß es Sonntag war. Vom Drahtzaun her kam der beizende Geruch eines Unkrauts. Jenseits des Zauns malmte Swains Kuh das kühle harte Gras. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sang vor sonntäglichem Behagen. In der klaren lauen Luft vernahm Eugen alle Geräusche der nachbarlichen Hintergärten, die ganze Umwelt drang unmittelbar in ihn ein. Als Swains Kuh wieder sang, tat sich das bedrängte Tor in ihm weit auf. Er antwortete »Muh«. Er brachte den Laut zögernd aber vollkommen hervor und wiederholte ihn einen Augenblick später, als Swains Kuh wieder muhte.

Gant war außer sich vor Begeisterung. So schnell er konnte, rannte er zum Haus zurück. Unterwegs rieb er seinen borstigen Schnurrbart zärtlich an Eugens Nacken und machte »Muh«. Jedesmal bekam er Antwort.

»Barmherziger Heiland! Wie er rennt. Eines Tags wird er dem Kind noch den Hals brechen!« rief Eliza, die ihn durchs Küchenfenster sah. Sie trat ans Geländer des Küchenbalkons, die Hände mit Mehl bestaubt, die Nase rot vom Herd. »Was ist los?« fragte sie.

»Muh!« machte Gant. »Er hat gemuht!«

Eugen, antwortete sofort. Er fand es bereits ziemlich albern, zu muhen. Er sah voraus, daß er nun wohl mehrere Tage lang die Kuh nachahmen müsse. Aber trotzdem war er ungeheuer erregt. Er spürte, daß ein Wall niedergelegt war.

Auch Eliza war begeistert. Ihre Art und Weise, dies zu zeigen, bestand darin, daß sie zum Herd zurückging und ungerührt bemerkte, sie hätte ihr Lebtag noch so keinen Kindernarren gesehen wie Gant.

Später lag Eugen aufmerksam in seinem Korb. Der Duft sonntäglicher Speisen drang zu ihm ins Wohnzimmer. Eliza pflegte damals unerhört zu kochen, und ein Sonntagsmittagessen war eine durchaus denkwürdige Sache. Die drei kleineren Brüder waren seit zwei Stunden aus dem Kindergottesdienst zurück und trieben sich hungrig im Haus herum. Ben stand würdig mit zusammengezogenen Brauen auf der Küchenveranda und spähte durchs Fliegenfenster, wie weit es mit der Mahlzeit sei. Grover wagte sich in die Küche vor und sah interessiert beim Kochen zu, bis er hinausgejagt wurde. Lukas – sein breites, gutmütiges Gesicht klaffte von einem glückhaften Lachen – marschierte durch die Zimmer und jubelte:

»Weni, widi, wiki
Weni, widi, wiki
Weni, widi, wiki
Wi, wi, wi.«

Er hatte zugehört, wie Daisy und Josephine Brown Schulaufgaben zusammen machten; der Gesang war seine Interpretation von Cäsars berühmtem Schlachtenbericht: »Veni, vidi, vici.«

Eugen hörte das Geklapper der Teller im Speisezimmer, den Radau der Buben, den Klang von Wetzstahl und Klinge, als Gant, das große Tagesereignis ohne Variation aber mit zunehmendem Eifer mehrmals wiederholend, das Messer zum Bratenschneiden schärfte. Die guten Düfte aus der Küche lockten stärker. Eugen bekam Lust auf üppige, unbekannte Speisen »Nicht allzu lange mehr, und ich werde drinnen mit ihnen essen«, dachte er.

Den ganzen Nachmittag erzählte Gant die große Neuigkeit. Er rief die Nachbarn auf die Terrasse, und der Kleine mußte muhen. Eugen verstand alles, was an diesem Tag geredet wurde. Er konnte nicht darauf antworten, spürte aber, daß er nah am Sprechen war.

Solcherart, in glänzenden Bruchstücken, sah er später seine ersten beiden Lebensjahre. Seiner zweiten Weihnachten erinnerte er sich dunkel als einer Zeit großer Festlichkeit. An die dritten war er schon gewöhnt. Mit der wunderbaren Fähigkeit von Kindern, sich einzufinden, dachte er, er hätte von jeher Weihnachten gekannt.

Er kannte Sonnenschein, Regen, loderndes Feuer, seine Wiege, das grimmige Eingesperrtsein im Winter. In seinem zweiten Frühling sah er eines Tages Daisy die Straße hinauf zur Schule gehen. Es war nachmittags; sie war zum Mittagessen daheim gewesen. Sie ging in Miss Fords Mädchenschule, ein Eckhaus aus rotem Backstein oben auf dem Hügel. Er sah, wie sie sich mit Eleanor Duncan traf. Zwei lange Zöpfe baumelten ihr den Rücken hinunter, Sie war bescheiden, schüchtern, mädchenhaft, eine zage, leichterrötende Maid. Trotzdem hatte er ungern mit ihr zu tun, denn wenn sie ihn badete, pflegte sie ihre unterdrückte Wut an ihm auszulassen und schruppte ihm die Haut bis aufs Fleisch. Er heulte jämmerlich. Als sie den Hügel hinaufging, wurde er gewahr, daß sie diese Person war: er erkannte sie.

Sein zweiter Geburtstag verging; sein Verständnis nahm zu. Im Vorfrühling des folgenden Jahres wurde er sich bewußt, daß man ihn eine Zeitlang vernachlässigte. Das Haus war totenstill, Gant brüllte nicht, die Buben gingen auf Zehenspitzen. Lukas – der vierte in der Familie, den die Seuche anpackte – lag auf den Tod krank mit Typhus. Eugen wurde ganz der Obhut einer jungen schlampigen Negerin überlassen. Er erinnerte sich lebhaft ihrer hohen schlaksigen Gestalt, ihrer trägen Füße in den schmutzigen weißen Strümpfen, des starken ranzigen Geruchs ihrer schwarzen Haut.

Eines frischen Morgens ließ sie ihn in dem Gartenstreifen neben dem Haus spielen. Sie saß auf der Verandatreppe und gähnte. Eugen rutschte über den Pfad aufs Lilienbeet. Die Negerin lehnte den Kopf an den Pfosten, nickte ein. Schlau zwängte Eugen seinen kleinen Körper unter dem Drahtzaun hindurch und kroch auf den Privatweg hinaus, der zu Swains und von da ab steil bergan zu dem reichdekorierten Palast der Hilliards führte.

Die Hilliards galten als die feinsten Leute im Städtchen. Sie gehörten zu den vornehmen Familien von Süd-Carolina. Schon daß sie aus der Gegend von Charleston kamen, sicherte ihnen ein ungeheures Prestige. Ihr Haus, ein aus Holz gebautes Schloß mit Giebeln und Zinnen, stand in einem Hain mächtiger Eichen oben auf dem Berg, an dessen Hang Gant gebaut hatte. Die Zufahrt ging von Gants Garten an durch eine Allee von hohen sausenden Föhren.

Mister Hilliards Wohnsitz galt als der schönste im Städtchen. Ringsum wohnte zwar nur Mittelstand, aber die Lage auf dem Gipfel war großartig. Hilliards lebten im großen Stil; sie benahmen sich wie Grafen, die von der Burg ins Dorf hinuntersteigen und sich gesellschaftlich nicht mit den Leuten im Dorf einlassen. Ihre Freunde kamen von weither in Kutschen. Täglich Punkt zwei Uhr fuhr ein Neger in Livree mit zwei tadellos gehaltenen braunen Stuten die gewundene Allee hinauf und hielt vor dem Eingang. Fünf Minuten später fuhren Mister und Mistress Hilliard aus. Sie blieben genau zwei Stunden weg.

An jenem Morgen, als er auf Hilliards Privatweg herumratschte, verspürte Eugen eine große Befriedigung. Dies war seine erste Flucht, eine Flucht in verbotene, verzauberte Regionen. Die Beschaffenheit der Schlacken, mit denen der Weg bestreut war, enttäuschte. Er krabbelte weiter. Die Uhr vom Amtsgericht schlug elf.

Die Ordnung in Hilliards Haushalt war perfekt und versagte nie. Jeden Morgen, genau drei Minuten nach elf, fuhr ein Lieferwagen mit Lebensmitteln die Allee hinauf. Jeden Morgen, genau drei Minuten nach elf, war der Fuhrmann, ein junger Neger, auf dem Bock eingeschlafen. Es konnte nichts geschehen; der Gaul, ein großer Grauschimmel, wußte den Weg.

Der Gaul kam schwer bergauf getrabt, bei Gants Haus bog er mit dem Wagen in die ausgefahrenen Radspuren der Fichtenallee ein ... Er trat auf etwas Fremdes, Weiches, das zuvor das Gesicht eines kleinen jungen gewesen war. Er stutzte, hob den Vorderhuf und setzte ihn daneben. Er stoppte.

Der Neger auf dem Bock und die Negerin auf der Verandatreppe erwachten gleichzeitig. Geschrei. Gant und Eliza kamen aus dem Haus gestürzt, Der erschrockne Fuhrmann hob den ohnmächtigen Eugen in die Arme des fluchenden Doktors McGuire. Die feinfühligen Finger des Arztes tasteten schnell Eugens blutiges Gesicht ab! Kein Knochen war gebrochen. »Glück und harte Schädel!« sagte McGuire und nickte den verzweifelten Eltern kurz zu.

Gant, durch diesen Bescheid erleichtert, ließ seine Wut an dem Neger aus. Er packte ihn, über den Drahtzaun hinweg, an der Gurgel, fluchte und drohte. Der arme Bursche, in Todesangst versetzt, murmelte Stoßgebete. Die Amme war zitternd ins Haus geflohen.

»Sieht schlimmer aus, als es ist«, sagte der Doktor. »Etwas heißes Wasser, bitte!« Er legte den Helden auf ein Sofa. Immerhin dauerte es zwei Stunden, bis Eugen wieder zu sich kam. Alle Leute lobten den Gaul. »Der Gaul hatte mehr Verstand als der Nigger«, sagte Gant und leckte seinen Daumen.

In der Tiefe ihres Herzens glaubte Eliza fest, dies sei ein vereitelter Anschlag der dunklen Mächte gegen ein hohes, vorbestimmtes, holdes Geschick. Die Spur des Zentaurerhufs verwuchs fast ganz in Eugens Gesicht. Nur wenn das Licht besonders fiel, konnte man die dünne Narbe erkennen.

Kurz darauf ließ Mister Hilliard am Eingang der Allee ein Schild anbringen: »Privatweg, Betreten verboten.«


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