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V

Lukas genas nach mehreren Wochen vom Fluch der Seuche; es war ein störrischer Fall von Typhus.

Gant war nun Haupt einer zahlreichen Familie, die wie Leitersprossen von Eugen, dem jüngsten, zu dem achtzehnjährigen Steve und der jüngferlichen Daisy anstieg. Daisy war siebzehn und ging in die oberste Mittelschulklasse. Sie war scheu und empfindsam und sah, ihrem Namen entsprechend, ganz wie ein Gänseblümchen aus. Sie lernte mit gründlichem Fleiß. Ihre Lehrer hielten sie für die denkbar beste Schülerin; sie gab pflichtschuldig und treu zurück, was ihr gereicht wurde. Sie hatte wenig Feuer und lehnte nichts ab. Sie spielte Klavier ohne Leidenschaft für die Musik. Aber ihr Spiel war ehrlich und sauber; sie hatte einen guten, etwas reißerischen Anschlag Ohne auszusetzen übte sie stundenlang.

Steve jedoch taugte offenbar nichts in der Schule. Als er vierzehn war, wurde er eines Tags aufs Rektorzimmer bestellt, wo er wegen Schwänzens und Aufbegehrens eine Tracht Prügel empfangen sollte. Aber der Geist der Untertänigkeit war nicht in ihm. Er riß dem Schulmeister den Stock aus der Hand, brach ihn entzwei, schmiß dem Mann die Stücke ins Gesicht and sprang lachend ans dem Fenster die fünf Meter auf den Schulhof hinunter.

Dies war einer seiner besten Streiche. In anderen Stücken, erwies sich seine Führung weniger zu seinen Gunsten. Er verbummelte, nachdem er aus der Schule hinausgeworfen worden war; sein Leben geriet schnell auf lasterhafte Abwege. Der Gegensatz zwischen ihm und Gant führte zu offnem, bitterm Streit. Vielleicht erkannte der Vater in den Schattenseiten des Sohns seine eignen Schwächen; jedenfalls, jene Eigenschaften, die mit dem Charakter Gants versöhnten, fehlten seinem Ältesten ganz. Steve hatte einen zähen Talgklumpen. wo sein Herz hätte sitzen sollen.

Von allen Geschwistern hatte er die schwerste Jugend gehabt. Von Kind auf war er Zeuge von Gants wildesten Ausschweifungen gewesen. Er vergaß es nie. Da Eliza sich notwendig mehr mit den jüngeren Kindern abgeben mußte, war er als der Älteste sehr früh sich selbst überlassen geblieben. Eugen trank noch an ihren Brüsten, als Steve längst seine ersten zwei Dollar zu den Damen in Eagle Crescent getragen hatte.

Die Beschimpfungen, mit denen ihn Gant überhäufte, verletzten ihn tief. Gerade weil er sich seiner Schwächen bewußt war, bestätigte es ihn in seinem stutzerhaften Trotz, daß er von seinem Vater selten anders als »verkommener Taugenichts«, »degenerierter Kerl«, »Wirtshaushocker« genannt wurde. Billig-elegant und auffallend angezogen, mit knallgelben Schuhen, gestreiften hellen Hosen, grellem Schlips, einen breitrandigen Strohhut mit buntem Band auf dem Kopf, mit einem Lächeln von erzwungener Selbstsicherheit im Gesicht, mit einer hochstaplerischen Lässigkeit im Gang, bummelte er herum. Er grüßte mit dienstbereiter Herzlichkeit jeden, der ihn beachtete. Wenn ihn einmal ein reicher Mann grüßte, dann pickte seine Versehrte aufgeblasene Eitelkeit die Brotkrume gierig auf. Zu Haus prahlte er dann: »Ha! Jedermann kennt den kleinen Steve Gant! Die besten Leute im Städtchen respektieren ihn! Alle! Jedermann hat ein gutes Wort für ihn, bloß seine eignen Angehörigen nicht. Ja, ja! Wißt Ihr, was James T. Collins heut zu mir sagte?«

»Wer? Was?« fragte Eliza und sah mit komischem Blick schnell von ihrem Strümpfestopfen auf.

»Ei, James T. Collins, der seine zweimalhunderttausend Dollar auf der Bank liegen hat. ›Steve‹ hat er gesagt, ›wenn ich Dein Hirn im Kopf hätt' ...« Und in selbstgefälliger Laune ließ Steve sich gehen und malte ein Bild seines zukünftigen Erfolgs, wenn alle, die ihn nun über die Achsel ansahen, ihn bewundern würden ... »Ja, dann werden sie alle kommen und dem kleinen Steve die Hand drücken wollen!« prophezeite er.

Als Steve aus der Schule geworfen wurde, hatte ihn Gant aus Wut furchtbar verhauen. Steve vergaß es nie. Schließlich wurde ihm gesagt, er solle sehen, wie er sich durchbringe. Er fand Gelegenheitsarbeit in einer Sodafontäne und als Austräger bei einem Morgenblatt. Mit seinem Freund Gus Moody, dem Sohn eines Eisenarbeiters, ging er eines Tags auf die Tramp. Dreckig und speckig krochen die beiden Vagabunden aus einem Güterzug in Knoxville in Tennessee, verbrauchten ihr bißchen Geld für Essen und in einem Bordell und erschienen zwei Tage später kohlschwarz und prahlend wieder daheim.

Eliza keifte. »Ich schwör's! Ich weiß nicht, was aus dem Jungen werden soll.« Es war tragisch, daß sie Wesentliches immer zu spät einsah. Sie schürzte die Lippen, ließ ihre Gedanken woanders hin wandern, und dann, wenn das Mißgeschick eintrat, flennte sie. Immer wartete sie ab. Außerdem liebte sie ihren Ältesten, wenn nicht mehr, so doch ganz anders als ihre übrigen Kinder. Sein erbärmliches Prahlen, seine windigen Aufschneidereien gefielen ihr. Sie hielt sie für Zeichen von Smartheit. Nicht selten erboste sie ihre beiden fleißigen Töchter damit, daß sie diese Eigenschaften an Steve lobte. Wenn sie seine Handschrift sah, pflegte sie zu bemerken:

»Eine Sache ist sicher. Steve schreibt eine bessere Hand als ihr alle, trotz eurer Schulbildung.«

Die Freuden der Flasche hatte Steve schon als kleiner Junge kennengelernt. Wenn sein Vater besoffen war, stahl er manchen schnellen Schluck. Der scharfe, geile Geschmack des Whiskys machte ihm übel ... aber er konnte mit der Tat vor seinen Kameraden prahlen.

Als er fünfzehn war, entdeckte er beim Zigarettenrauchen mit Gus Moody eine Flasche Whisky in der Scheune eines Nachbars, die dieser würdige Staatsbürger aus Angst vor seiner Frau in einem Hafersack versteckt hielt. Als der brave Mann das nächste Mal auf einen heimlichen Zug in die Scheuer kam, fand er die Pulle halbleer. Ergrimmt verschnitt er den Rest in der Flasche mit Krotonöl. Die beiden Burschen erbrachen mehrere Tage lang.

Eines Tages fälschte Steve einen Scheck auf den Namen seines Vaters. Es vergingen ein paar Tage, bis Gant es entdeckte. Es handelte sich bloß um drei Dollar, aber die Wut war groß. In seiner Verkündigung zu Hause – er schrie so laut, daß Steves Sünde der gesamten Nachbarschaft bekannt wurde – drohte er mit dem Zuchthaus. Natürlich zahlte er den Scheck, aber die Liste der Schimpfnamen für Steve wurde um die Vokabel »Wechselfälscher« vermehrt. Steve schlich verstohlen aus und ein. Mehrere Tage aß er seine Mahlzeiten allein. Es fielen wenige Worte, wenn Vater und Sohn zufällig einander begegneten. Mit harten Blicken durchschauten sie einander. Sie wußten, daß sie beide von denselben Gelüsten und Gierden verseucht wären. Sie schämten sich voreinander.

In seinen Tiraden gegen Eliza bestand Gant darauf, daß der Junge alles Schlechte von seiner Mutter Seite geerbt hätte. »Er ist ganz wie Dein Bruder Greeley!« gellte er. »Bankerte aus dem Gebirg! Bankerte aus dem Gebirg! ... Denk an mich, wenn er im Zuchthaus endigt.«

Sie schwieg gewöhnlich dazu und schürzte die Lippe unter der klobigen Nase. Nur manchmal bemerkte sie, um seine Wut zu stacheln:

»Vielleicht wäre er besser geraten, wenn er nicht immer seinen Herrn Vater aus den schlimmsten Häusern heimgeholt hätte.«

»Das lügst Du, Weib, das lügst Du, bei Gott!« donnerte Gant, der zwar ein mächtiger Mann, aber gar kein Logiker war.

Gant trank weniger. Abgesehen von Rückfällen in den Säuferwahnsinn, die alle sechs bis acht Wochen eintraten und zwei bis drei Tage dauerten, gab er Eliza keinen Grund, über seine Trunksucht zu klagen. Was jedoch ihre ungeheure Geduld fast erschöpfte, war seine gewohnheitsmäßige, alltägliche Schimpferei.

Sie schliefen nun in getrennten Stuben im Obergeschoß. Gant stand um sechs oder halb sieben auf, zog sich an und ging runter, um die Feuer anzumachen. Während er den Küchenherd und den offenen Kamin im Wohnzimmer in Betrieb setzte, murmelte er unausgesetzt vor sich hin. Seine halblaute Stimme hob und senkte sich zu rednerischen Schwüngen. Er bereitete seine Tirade vor. War die Sache genügend geübt, dann erschien er plötzlich in der Küche vor Eliza und ließ unvermittelt seinen Schwall auf sie los, einerlei ob sie allein oder ob der Lieferjunge vom Krämer oder der Negerbursche, der Fleisch austrug, zugegen waren.

»Weib! Hättest Du ein Dach überm Kopf, wenn ich nicht dafür gesorgt hätte? Hättest Du Dich auf Deinen nichtsnutzigen Vater verlassen können? Hätten Dir Deine Brüder Will oder Jim ein Obdach gegönnt? Haben diese Pentlands je jemandem etwas gegeben? Haben sie je für andere als für sich selber gesorgt? Hat einer von ihnen je einem Bettler auch nur eine trockene Brotkruste gereicht? Nein, tausendmal nein! Ein bitterer Tag war es für mich, als ich in diese Bergwelt der Heimsuchungen kam. Mir ahnte und schwante nicht, unter was für Geschöpfen der Mensch hier leben muß. Bankerte aus dem Gebirg! Gezücht! ...« Und nun erreichte die anschwellende Flut ihren Höhepunkt.

Manchmal, wenn sie einen Versuch zu antworten machte, kamen ihr Tränen. Das freute ihn. Es machte ihm Spaß, sie weinen zu sehn. Gewöhnlich aber zollte sie nur kurzen Bescheid. Sie war unendlich erschöpft von dem ewigen Gezeter. Gant aber bedurfte dieser Ausbrüche. Die fiebrige, tiefsitzende Unzufriedenheit seines Wesens entlud sich in ihnen. Er brauchte einen Gegenstand für seine Wut auf der Welt.

Seine Ordnungsliebe war so groß, daß er einen leidenschaftlichen Haß auf alles Schlampige, Ungeregelte, Zerstreute hatte. Eliza hatte die Eigenschaft, alte Stücke Bindfaden, leere Konservenbüchsen und Flaschen, Altpapier und Trödelkram aller Art aufzubewahren. Ihre manische Erwerbswut – eine verhältnismäßig damals noch unentwickelte Geisteskrankheit – machte ihn rasend.

»Mein Gott! Schmeiß doch das Gelump weg!« schrie er in ungeheucheltem Ärger und wollte sich darüber hermachen..

»Untersteh Dich«, keifte sie scharf, »Du weißt nicht, wie man diese Sachen mal gut brauchen kann.«

Vielleicht war es gegen alle Regel, daß hier größte Ordnungsliebe und frömmste Rücksicht auf den Ritus zu der abschweifenden, unruhigen, lebenshungrigen Natur gehörten, während die praktisch-alltägliche Person mit ihrer ungezügelten Besitzsucht ständig das Chaos beschwor.

Gant hatte die Leidenschaft des echten Wanderers, dessen, der von einem festen Punkt her schweift. Er brauchte die Ordnung, die Abhängigkeit von einer Heimat. Er war ein Familienmensch. Die gesammelte Kraft und Wärme der Familie bedeutete ihm Leben schlechthin. Nach seiner pünktlichen Morgentirade gegen Eliza ging er daran, die schlafenden Kinder zu wecken. Er konnte das Gefühl, als einziger aus den Federn zu sein, nicht ertragen.

Der Weckruf, den er am Fuß der Treppe stehend komisch-grollend ausstieß, hatte die Formel:

»Steve! Ben! Grover! Luke! Ihr verdammten Schlingel! Aufstehn!! Was soll aus Euch werden? Ihr werdet Euer Lebtag zu nichts taugen!« Er fuhr mit seinem Gebrüll fort, als ob die Buben ihm oben wach und aufmerksam zuhörten. »Als ich so alt war wie Ihr, da hatte ich morgens um diese Zeit vier Kühe gemolken, einen Haufen Hausarbeit geschafft und war dreizehn Kilometer durch tiefen Schnee zur Schule gepilgert!«

Tatsächlich, so oft er seine Schulzeit beschrieb, schilderte er eine mit Eis und meterhohem Schnee bedeckte Landschaft. Er schien in Polarländern zu sein.

Eine Viertelstunde später erhob er wieder sein Gebrüll. »Ihr verbummelten Taugenichtse. Wenn alle Fußböden unter Euch durchbrechen, dann schlaft Ihr im Keller weiter!«

Oben war dann bald ein hurtiges Getrampel von Füßen zu hören. Nackt, ihre Kleiderbündel unterm Arm, kamen die Buben einer nach dem andern die Treppe herunter. Vor dem lodernden Kaminfeuer zogen sie sich an.

Beim Frühstück war Gant meist, von sporadischen Klageausbrüchen abgesehen, fast glänzender Laune. Sie futterten mächtig. Gant legte ihnen große Stücke Beefsteak auf die Teller. Sie aßen gebackene Eier, heiße Biskuits, Marmelade, Schmoräpfel und tranken Kaffee dazu. Gant schritt nach seiner Werkstatt zu gleicher Zeit, wenn die Jungen, noch kauend und schluckend, mit dem letzten Klingelzeichen ins Schulhaus eilten.

Zum Mittagessen kam er heim und ließ sich über die Neuigkeiten des Tages vernehmen. Gegen Abend versammelte sich die Familie. Gant kam, schichtete sein großes Kaminfeuer, übte seine Schelttirade und ließ sie dann dreiviertel Stunden lang auf Eliza los. Dann aßen sie recht vergnügt zu Nacht.

So verging der Winter. Eugen war drei Jahre alt. Sie kauften ihm Fibeln und große Tierbilderbücher mit Reimfabeln, die er bald auswendig wußte. Er hielt die Bücher in der Hand und tat so, als könne er lesen. Gant war begeistert. Er unterstützte den Betrug. Alle Leute hielten es für außerordentlich, daß ein Kind so früh lesen könne.

Im Frühling fing Gant wieder zu saufen an. Nach zwei oder drei Wochen hörte sein Durst auf. Er nahm beschämt das geregelte Alltagsleben wieder auf. Aber Eliza plante eine Veränderung.

Man schrieb 1904. Die Weltausstellung in St. Louis wurde in Gang gebracht. Sie sollte ein Schaubild der Geschichte der Zivilisation werden, größer und besser und schöner, als je eines gezeigt wurde. Viele Leute aus Altamont wollten hinfahren. Die Aussicht, Preise und Profit miteinander zu verbinden, faszinierte Eliza.

»Weißt Du was?« begann sie eines Abends und ließ die entfaltete Zeitung sinken. »Mir ist's, als sollte ich zusammenpacken und hinfahren.«

»Wohin?«

»Ei, nach St. Louis«, antwortete sie. »Wenn es gut geht dort, könnten wir überhaupt ganz hinziehen.« Sie wußte, daß der Gedanke, neu anzufangen und das Glück woanders zu versuchen, einen mächtigen Zauber auf Gant ausübte. Vor Jahren schon – damals als er seine Partnerschaft mit Will Pentland aufgab – hatten sie davon gesprochen.

»Was willst Du denn dort anfangen? Und wie sollen die Kinder durchkommen?«

»Na! Das ist doch einfach!« kramte sie behaglich aus. Sie schürzte nachdenklich die Lippe und lächelte gerissen. »Ich werde ein großes, gutgebautes Haus mieten und eine Pension aufmachen. Wenn ich tüchtig die Werbetrommel rühr, wird's schon nicht hapern. Die Leute von hier kommen gewiß gern zu mir.«

Gant wurde tragisch. »Barmherziger Heiland!« heulte er. »So etwas! Ich bitte Dich, tu's nicht.«

»Sei doch nicht närrisch! Es ist nichts dabei, wenn man Pensionäre ins Haus nimmt. Hochanständige Leute hier im Städtchen haben zahlende Gäste!« Sie wußte, daß sein Stolz leichtverletzlich war. Die Vorstellung, man könne denken, daß er nicht instand sei, für die Seinen zu sorgen, war ihm unerträglich. Er brüstete sich oft damit, ein guter Fürsorger zu sein. Außerdem ging es ihm sehr gegen den Strich, wildfremde Leute gegen Entgelt aufzunehmen. Er haßte Pensionäre.

Eliza, die das alles wußte, verstand seine Einstellung nicht. Vermögen zu besitzen und Einkommen aus diesem Vermögen zu beziehen, war die Religion ihrer Familie. Sie, die Frau, übertraf die Männer ihrer Sippe insofern, als sie sogar Geld aus ihrem Heim herausschlagen wollte. Kein anderer Pentland hätte das gekonnt. Ihr aber fehlte jeder Sinn für das Private, für die besondere Eigentümlichkeit des Heims.

Sie hatte Eugen gestillt, bis er drei Jahre alt war. In diesem Winter wurde er entwöhnt. Etwas in ihr hörte auf; etwas anderes begann.

Schließlich setzte sie's durch. Manchmal sprach sie gedankenvoll und verführerisch zu Gant von ihrem Plan. Manchmal benutzte sie ihn als Rückdrohung, wenn er seine Schelttiraden hielt. Was sie eigentlich in St. Louis ausrichten wollte, war ihr unklar. Sie spürte, daß dort ein Anfang zu machen sei. Schließlich setzte sie's durch.

Gant erlag der Lockung des Neulands. Er sollte zunächst zwar zu Hause bleiben, aber dann, wenn alles gut ging, würde er nachreisen. Die Aussicht, eine Zeitlang seine Ruhe zu haben, begeisterte ihn. Er träumte, die Freizügigkeit, die Unabhängigkeit, der Zauber der Jugend würden wiederkommen. Er blieb zurück, aber die Welt des Einsamen war voll von unsichtbaren Schatten. Daisy war im letzten Schuljahr. Sie blieb bei ihm. Daß Helene mitging, War ihm ein großer Schmerz. Sie war fast vierzehn.

Anfang April reiste Eliza ab. Die aufgeregten Kinder umschwärmten sie. Sie trug Eugen auf dem Arm. Der Betrieb befremdete und begeisterte ihn. Er war neugierig, ungeheuer gespannt. Tarkintons und Duncans kamen Lebwohl zu sagen. Es gab Tränen und Küsse. Die ganze Nachbarschaft war über die neue Wendung des Gantschen Familiengeschicks bestürzt. Mistress Tarkinton sah Eliza sorgenvoll an.

Eliza lächelte mit nassen Augen. Sie genoß es, die Sensation des Tages zu sein. »Man kann ja nie wissen«, sagte sie, »aber wenn es uns gut geht, werden wir wohl ganz nach St. Louis ziehen.«

»Oh! Sie kommen wieder«, bestand Mistress Tarkinton gutherzig und treu. »Es ist nirgends so schön wie hier.«

 

Sie nahmen die Tram zum Bahnhof. Ben und Grover hockten vergnügt nebeneinander und bewachten einen großen Korb mit Reiseproviant. Helene ordnete nervös ein Bündel von Paketen und Päckchen. Eliza blickte scharf auf die langen, geraden Beine des Mädchens und dachte an den halben Fahrpreis.

»Schau hin!« sagte sie. Sie kicherte in die Hand und gab Gant einen leisen Rippenstoß, »Lenchen wird sich kleinmachen müssen.« Dann wandte sie sich an das Kind: »Sag mal, bist Du nicht furchtbar groß für ein Mädchen unter zwölf?«

Helene richtete sich nervös auf.

»Wir hätten eine ganze Fahrkarte für sie nehmen sollen«, brummte Gant.

»Ach was! Kein Mensch wird sich drum scheren!«

Gant brachte sie an den Zug. Der tüchtige Pullmanschaffner, ein Neger, sorgte für behagliches Unterkommen.

»Geben Sie acht auf meine Leute«, sagte Gant und gab dem Mann ein Trinkgeld. Eliza äugte eifersüchtig nach der Münze.

Zum Lebwohl küßte er sie alle mit seinem borstigen Schnurrbart. Aber die kleine Helene tätschelte er lange auf die hageren Schulterblätter und drückte sie zärtlich ans Herz. Es gab Eliza einen Stich, dies mit anzusehen.

Einen Augenblick lang waren beide linkisch und verlegen. Das Absurde des ganzen Plans, das Gefühl der ungeheuerlich tappenden Zufälligkeit allen Lebens machte sie sprachlos.

»Also ...« fing er an. »Ich hoffe, Du weißt, was Du tust.«

»Laß mich Dir sagen ...« – sie lehnte zum Fenster heraus und schürzte die Lippe. »... Du weißt ja nicht, wozu uns das alles führen kann.«

Er war ein wenig beschwichtigt. Der Zug zockelte langsam ab. Er küßte sie täppisch.

»Schreib bald, wie's geht«, sagte er und schritt schnell davon.

»Goodbye! Goodbye!« rief Eliza und winkte mit Eugens kleiner Hand der großen Gestalt auf dem Bahnsteig nach.

»Kinder, kommt und winkt Euerm Vater Lebwohl!«

Die Kinder drängten ans Fenster. Eliza weinte.

Eugen schaute durch die Scheiben und sah die Sonne leuchtendrot auf einem Fluß versinken, der sich durch die bunten Felsschluchten von Tennessee wand. Dieser verzauberte Fluß blieb ihm für immer im Gemüt. Jahre später noch sah er ihn in Träumen von überirdischer, unheimlicher Schönheit. Vom großen Wunder befangen, vom Stoßrhythmus der rollenden Räder gewiegt, schlief er ein.

Ein weißes Eckhaus, mit Rasenflächen nach beiden Seiten – da wohnten sie. Eugen merkte, daß es weit vom Häusergedräng und Straßengedröhn der Stadtmitte lag. Aber wo war der Fluß?

Zwei kleine Buben mit weißblondem Schütterhaar und schmalen, gemeinen Gesichtern rasten ständig auf Dreirädern auf dem Bürgersteig vorm Haus auf und ab. Sie trugen weiße Matrosenanzüge mit blauen Kragen, und Eugen haßte sie sehr. Er spürte unklar, daß ihr Vater ein schlimmer Mann sei, der sich beim Sturz in einen Aufzugschacht beide Beine gebrochen hätte.

Der Garten hinterm Haus war ganz mit einem rotgestrichnen Bretterzaun umzogen. Ganz hinten stand eine rote Scheune. Viele Jahre später kam Steve einmal heim und erzählte, daß dort das Viertel jetzt ganz aufgebaut sei. Wo?

Eines Tages standen zwei Betten zum Lüften in dem heißen, unbebauten Hintergarten. Auf einem räkelte sich mit träg angezogenen Beinen Eugen. Auf dem anderen Bett lag Lukas. Sie aßen Pfirsiche. Eine Fliege setzte sich auf Eugens Pfirsich und sog sich fest. Er biß sie mit ab und schluckte sie hinunter. Lukas brüllte vor Lachen. »Fliegenfresser! ...« Es wurde Eugen plötzlich schlecht, er erbrach heftig. Er konnte ein paar Tage nicht essen. Er fragte sich, warum er die Fliege gegessen habe, obschon er sie doch die ganze Zeit deutlich gesehen hatte.

Der Sommer kam mit wilder strahlender Hitze. Gant erschien auf ein paar Tage. Er brachte Daisy mit. Eines Abends saßen sie in einem. Biergarten an einem kleinen Tisch. Eugen starrte durstig auf den blasigen Schaum über dem Steinkrug. Er spürte Lust, sein Gesicht in diesen schneekühlen Schaum zu stecken und den tiefen Zug der Glücksal zu tun. Eliza ließ ihn versuchen. Sie alle lachten laut über seine sauer verzogne, enttäuschte Miene.

Nie vergaß Eugen, wie Gant an diesem Abend dasaß und, Schaum im Schnurrbart, mächtige Schlücke trank. Sein prächtiger Durst erweckte das Verlangen, gleichzutun. Er fragte sich, ob wohl alles Bier bitter wäre, ob nicht einmal die Zeit käme, wann er in die Erkenntnis dieses großen Getränks eingeweiht werden würde.

Gesichter aus der halbvergeßnen Heimat erschienen von Zeit zu Zeit. Leute aus Altamont kamen und blieben als Pensionäre in Elizas Haus. Eines Tages sah Eugen auf und erkannte mit dem Schreck des jähen Sicherinnerns das brutale, glattrasierte Gesicht Jim Lydas. Er war Sheriff von Altamont und wohnte ein paar Häuser unterhalb Gants. Einst, als Eugen knapp über zwei Jahre alt war, hatte Eliza zu einem Prozeß nach Piedmont gemußt. Sie blieb zwei Tage weg, und Eugen wurde der Obhut von Mistress Lyda übergeben. Eugen vergaß nie die versteckte Grausamkeit, mit der Jim Lyda ihn am ersten Abend, als er mit ihm spielte, gequält hatte.

Nun war dieses Ungeheuer plötzlich wieder auf teuflische Art aufgetaucht. Eugen starrte in sein schlimmes Gesicht. Er sah, daß Eliza neben Jim stand. Als Jim Eugens Entsetzen bemerkte, tat er so, als wolle er Eliza schlagen. Eugen schrie vor Wut und Angst. Jim und Eliza lachten. Der blinde Augenblick kam, in dem Eugen seine Mutter zum erstenmal haßte, rasend und machtlos aus Eifersucht und Furcht.

Eliza hatte die Brüder Steve, Ben und Grover gleich auf Arbeit geschickt. Allabendlich kamen sie von der Weltausstellung heim und erzählten erregt vom Rummelplatz. Sie sprachen lüstern und blasiert vom Hoochy-Koochy. Eugen verstand, daß das ein Tanz war. Steve dudelte die monotone, verfängliche Melodie und wiegte. sich wollüstig dazu. Sie sangen einen Gassenhauer, dessen leis verschluchzte Weise es Eugen so antat, daß er ihn lernte:

»Triff mich in Saint Louis, Saint Louee,
Auf dem Rummelplatz,
Erzähl es den Burschen und Mädchen,
Sag ihnen, da war noch viel Platz,
Da tanzen wir Hoochy-Koochy,
Jeder,
jeder mit seinem Schatz ...«

Öfters, wenn er sich im Garten auf einer Steppdecke sonnte, wurde Eugen sich bewußt, daß ein liebes Antlitz um ihn war ..., eine weiche, wohltuende Stimme, unvergleichlich anders als die Stimmen der andern ..., eine zarte, olivengetönte Haut ..., schwarzes Haar ..., warme dunkle Augen mit dem Ausdruck einer erlesenen, trauervollen Güte. Dieses Wesen brachte sein sanftes Gesicht ganz nahe an das von Eugen, es streichelte und umarmte ihn. Auf seinem braunen Hals hatte es ein Muttermal, ganz wie eine Himbeere. Eugen rührte dieses Muttermal immer wieder voll Verwunderung an. Das Wesen war Grover – der liebenswürdigste und stillste von seinen Brüdern.

Manchmal erlaubte Eliza, daß die Geschwister den Kleinen auf Ausflüge mitnahmen. Einmal fuhren sie auf einem Flußdampfer. Eugen ging unter Deck und sah durch ein Kajütenfenster aus allernächster Nähe auf die mächtige gelbe Schlange, die sich unwiderstehlich und langsam weiterwand.

Die Brüder arbeiteten als Laufburschen auf dem Ausstellungsplatz in einem Restaurant, dessen Name »Inside Inn« Eugen völlig verzauberte. Manchmal schleiften ihn seine Mutter oder eines seiner Geschwister durch das Dschungel und den Lärm, an der Üppigkeit und Vielfalt des Lebens auf der Weltausstellung vorbei. Das ostindische Teehaus betäubte seine Phantasie; als er hochgewachsene, beturbante Gestalten drinnen schreiten sah, empfing er seinen ersten unvergeßlichen Eindruck von der leisen, weihrauchduftigen Magie des Orients. Einmal blieb er in einem großen, von Lärm durchrasselten Gebäude wie angewurzelt stehen. Eine Lokomotive, das riesenhafteste Ungeheuer, das er je gesehen, rollte mit schrecklich sausenden Rädern auf Schienen: der Ofen glühte; rote Kohle rutschte durch den Rost; zwei Heizer feuerten unermüdlich: der Widerschein der Flammen lag auf ihren Gesichtern. Das Bild brannte sich in sein Gedächtnis wie eine Szene aus der Hölle; es machte ihm bang und begeisterte ihn.

Dann wieder stand er winzig in der Schiffschaukel des großen Schwungrads – es war, als ob der Sternenhimmel sich langsam und schaudernd drehte – und sauste hilflos stotternd hinunter in die wüste Phantasmagorie des Karnevals. Lukas erzählte wilde Geschichten von einem Schlangenfresser; Eugen schrie auf, als er drohte, ihn dorthin mitzunehmen.

Einmal gab Daisy der katzenhaften Grausamkeit, die unter ihrer Sanftmut lauerte, nach und nahm ihn auf die »Achterbahn der Schrecken« mit. Sie stürzten ins Bodenlose, vom grellsten Licht in tosende Finsternis; sie rollten langsam in einen düstern Raum, dessen Wände mit gräßlichen Fratzen, bleckenden Nachtmahren, drohenden Todgespenstern bemalt waren. Seine Schwester und die anderen Fahrtgenossen lachten laut: Eugens Herz aber zog sich zusammen. Unvorbereitet, wie er war, stand er wahnsinnige Ängste aus. Sein Verstand, der eben erst zögernd die unwirkliche Wildnis der Kinderphantasie verlassen hatte, wurde vom Trubel und Rummel der Weltausstellung völlig zerrüttet. Er war fest überzeugt – und diese Überzeugung wiederholte sich öfters in späteren Jahren –, daß das Leben ein irrsinniger Alptraum, eine dämonische Tortur für den Menschen sei. Halberstickt vor Terror kam er schließlich wieder heraus an die warme ratsame Sonne.

Seine letzte Erinnerung an die große Schau bezog sich auf eine Nacht im Frühherbst. Wieder war er mit Daisy. Er saß in einem Autobus auf der Fahrerbank und hörte zum erstenmal den stoßweisen, wunderbaren Gang des Motors. Sie fuhren in strömendem Regen durch glänzend-nasse Straßen und an den Kaskaden vorbei; die Wasser stürzten vor einem großen weißen Gebäude, an dem zehntausend Lichter wie Juwelen glühten.

 

Der Sommer war fort. Der Herbstwind flüsterte von verklungnen Festen. Der große Karneval war beinahe herum.

Und nun wurde es sehr still im Haus. Eugen bekam seine Mutter kaum zu Gesicht. Er blieb im Haus unter der Obhut seiner Schwestern. Er wurde ständig ermahnt, ruhig zu sein.

Eines Tages kam Gant zum zweitenmal. Grover war schwer am Typhus erkrankt.

»Er sagt, er hätte auf der Ausstellung eine Birne gegessen«, berichtete Eliza zum hundertstenmal. »Er kam heim und sagte, es wär ihm schlecht. Ich legte meine Hand auf seine Stirn, sie war glühendheiß. ›Aber um Himmels willen‹, sagte ich, ›was in der Welt‹ ...«

Die dunklen Augen glommen in ihrem bleichen Gesicht. Sie hatte Angst und redete sich Hoffnung ein.

»Hallo, mein Sohn Grover«, sagte Gant hochgemut, als er in die Stube trat. Das Herz zog sich ihm zusammen, als er den Jungen sah.

Nach jedem Besuch des Arztes schürzte Eliza nachdenklicher die Lippe. So gut sie konnte, machte sie sich Mut, aber ihr Herz war getroffen, verzagt. Eines Nachts riß sie sich plötzlich zusammen; sie eilte aus dem Krankenzimmer zu Gant. Sie schüttelte wortlos den Kopf und flüsterte dann schnell: »Tot, tot, tot.«

Eugen lag tief im mitternächtigen Schlummer. Jemand rüttelte ihn. Er kam langsam zu sich und fand sich in Helenens Armen. Sie saß auf dem Bettrand und hielt ihn. Ihr kleines, übernächtiges und betroffenes Gesicht starrte ihn an. Langsam und deutlich sprach sie zu ihm; aus ihrer bestürzten Stimme klang eine verworrne Gier:

»Willst Du Grover noch einmal sehen? Er liegt auf dem Kühlbord«, flüsterte sie. Eugen überlegte, was ein Kühlbord wäre. Das ganze Haus war von Bedrohung erfüllt. Sie trug ihn über den halbhellen Hausflur in ein Vorderzimmer. Er hörte gedämpfte Stimmen. Helene öffnete leise die Tür. Das Licht lag voll auf dem Bett. Eugen sah. Entsetzen schwärmte wie Gift in sein Blut. Vor dem armen, ausgebrannten Lebensgehäuse erinnerte er sich jählings an das warme braune Gesicht, an die guten Augen, die oft lange auf ihm geruht hatten. Wie einer, der aus Umnachtung erwachend wieder zur Vernunft kommt, erkannte er das vergeßne, wochenlang nicht gesehene Antlitz, die fremde leuchtende Einsamkeit, die nicht wiederkommen würde. O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!

Eliza saß hilflos auf einem Stuhl, das Gesicht zur Seite geneigt, den Kopf in die Hand gestützt. Sie weinte. Ihre Miene war in die gräßliche Grimasse verzogen, die so unendlich viel furchtbarer ist als der stille Ausdruck des Kummers. Gant tröstete sie verlegen, sah von Zeit zu Zeit nach dem Jungen hin. Dann ging er hinaus und reckte die Arme vor Qual.

Männer kamen, legten die Leiche in einen Korb und trugen sie aus dem Haus.

»Er war genau zwölf Jahre und zwanzig Tage alt«, wiederholte Eliza immer wieder. Die Tatsache schien sie mehr als alles andere zu bekümmern.

»Geht jetzt, Kinder, und schlaft!« befahl sie plötzlich. Als sie sprach, fiel ihr Blick auf Ben, der verwirrt, mit zusammengezogenen Brauen, mit seinem sonderbaren, greisenhaften Blick vor sich hinstarrte. Sie dachte, daß die Zwillinge nun getrennt seien. Sie erinnerte sich daran, wie sie zwanzig Minuten nacheinander zur Welt gekommen waren. Sie dachte, wie einsam Ben nun wäre. Das Mitleid mit ihm überkam sie. Sie weinte wieder. Die Kinder gingen zu Bett.

Gant und Eliza blieben allein im Zimmer, Gant schlug die Hände vors Gesicht. »Der beste Junge, den ich hatte«, murmelte er. »Bei Gott! Der beste von allen.«

In der tickenden Stille gedachten sie seiner. In ihren Herzen war Angst und Reue, denn Grover war ein stilles Kind gewesen, und da sie viele Kinder hatten, hatten sie ihn nie recht beachtet.

»Das Muttermal«, flüsterte Eliza. »Ich werde es nie vergessen. Nie, nie.«

Dann wurden sie auf einmal einander gewahr. Sie spürten das Grauen und die Fremdheit ihrer Umgebung. Sie entsannen sich des weinumwucherten Hauses im fernen Gebirg, der knatternden Kaminfeuer, des Tumults der Kinder. Sie entsannen sich des Fluchs und der Pein ihrer blinden, verstockten Leben. Sie erkannten das tappende Geschick, das sie nun, am Ende des Karnevals, in dieser entlegnen Stadt mit dem Tod in Berührung gebracht hatte.

Eliza fragte sich, warum sie eigentlich hergezogen wäre. Sie suchte nach einer Antwort im Irrgarten ihres Gemüts. »Ach, wenn ich gewußt hätte, wie das enden würde ...«, fing sie an.

»Laß schon!« tröstete er und streichelte sie mit schwerfälliger Zärtlichkeit. Nach einer Weile sagte er dumpf: »Mein Gott! Wie fremd und unfaßbar das alles ist, wenn man es bedenkt.«

Als sie nun dasaßen und stiller wurden, wallte Mitleid in ihnen auf. Nicht Selbstmitleid, sondern Mitleid miteinander, Mitleid mit der wüsten Wirrsäligkeit des schicksaldumpfen Daseins.

Gant dachte kurz an seine vierundfünfzig Jahre, seine entschwundene Jugend, seine sinkende Kraft, an das Häßliche und Böse in seinem Leben. Lautlose Verzweiflung darüber, daß Geschehenes nicht zu ändern ist, überkam ihn.

»Ach, wenn ich gewußt, hätt'«, fing Eliza wieder an. Und dann sagte sie nur: »Es tut mir so leid.« Gant wußte, daß ihr Kummer nun nicht ihm oder ihr selber galt, ja, nicht einmal dem Jungen, den das schnöde Geschick der Seuche in den Weg geworfen hatte ...«, er spürte, daß Eliza in einem plötzlichen Aufflackern innerer Hellsichtigkeit zum erstenmal in ihrem Leben klar und ohne Vorbehalt die Unerbittlichkeit des Geschehens einsah ... er verstand, daß ihr leid war um alle, die auf Erden gelebt hatten, lebten, leben würden, O verloren!

 

Sie reisten unverzüglich nach Hause. Auf jeder Station sahen Gant und Eliza im Gepäckwagen nach. Es war grauer November. Die Bergwälder standen kahl über dem rostbraunen Teppich welken Laubs. Welkes Laub wehte durch die Straßen von Altamont. Es häufte sich auf den Pfaden, in den Rinnsteinen an. Welkes Laub trieb im Wind.

Die Tram fuhr schürfend um die Kurven bergauf. Die Gants stiegen aus. Die Leiche war schon vom Bahnhof ins Haus geschafft worden. Mistress Tarkinton kam schluchzend aus ihrem Haus, Eliza entgegen. Ihre älteste Tochter war vor einem Monat gestorben. Die beiden Frauen fielen sich in die Arme und weinten laut.

Der Sarg war bereits im Empfangszimmer aufgebahrt. Die Nachbarn, mit Beerdigungsgesichtern, waren versammelt und grüßten flüsternd.

Das war alles.


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