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Zweites Buch

XIV

Der Pflaumenbaum wiegt sich steif im Winterwind. Seine kleinen Zweige, schwarz und spröde, sind zu tausendmaltausend Eisspeeren gefroren. Wenn's aber lenzt, wird er wieder jung werden. Schwer und geschmeidig wird er sich unter der Last von Blüte und Frucht biegen. Pflaumen werden reifen. Wenn der Wind in den Obsthag fährt, werden die Pflaumen, verzweifelt von den dünnen Stielchen gerüttelt, geborsten auf die mulmige, warmfeuchte Erde fallen. Die Luft wird voll sein vom Laut fallender Pflaumen, die Nacht wird voll sein vom Laut fallender Pflaumen, und ein ganzer Baum voller Vögel wird singen. Ja, von Keimlauten, Blühlauten, vollen, warmkehligen, pflaumenfallenden Vogellauten wird die Luft erfüllt sein.

Die harte Bergscholle ist aufgetaut und locker geworden; weicher, reicher Regen fällt; zarthalmiges, frisches Gras, wie ein dünner Flaum aufgesproßt, bedeckt strichweise das Land.

Meines Bruders Ben Gesicht – dachte Eugen – ist wie aus einem Stück leicht angegilbtem Elfenbein geschnitzt. Seine hohe, weiße Stirn ist kühn und knollig, weil er die Brauen herunterzieht wie ein alter Mann. Sein Mund ist wie ein Messer, sein Lächeln wie ein Lichtschein auf einer Klinge. Sein Gesicht ist wie eine Klinge und wie ein Messer und wie ein flackernder Lichtschein; es ist zärtlich und heftig, es blickt immer so schön finster drein, wenn er Dinge, die er sich einprägen will, anguckt oder sie mit seinen harten weißen Fingern anfaßt. Ganz gesammelt und scharf zieht er die Luft durch die lange spitze Nase. So kommt's, daß Frauen, die ihn ansehn, eine aufwallende Zärtlichkeit für ein spitzes, knolliges, stets finster dreinblickendes Gesicht empfinden. Sein Haar glänzt wie das Haar eines kleinen Jungen, es ist kraus und spröd wie Endiviensalat.

In die aprilnen Vortagstraßen geht Ben. Die Nacht ist hell, von kühlen, zarten Sternen besät. Ben schleicht sich leis aus dem Haus. Sein helles Gesicht steht dunkel unter den Obstbäumen; ein Geruch von Nikotin und Schuhleder kommt zu den jungen Blüten. Ben setzt die Füße einwärts beim Gehen. Sein Tritt hallt wie Musik durch die leeren Straßen. Im Springbrunnen am Stadtplatz schwappt träge das Wasser. Alle Feuerwehrmänner schlafen; aber Big Bill Merrick, der brave Nachtschutzmann mit dem Schweinskopf, lehnt an der Theke in der Frühstücksbar, trinkt Kaffee und ißt Mince-Pie. Der gute, warme Geruch der Druckerschwärze weht in Wolken auf die Straße. Ein Zug, der in den Frühlings-Süden fährt, pfeift lang.

Die Zeitungsträger gehen ins Dunkel, an den kühlen Obstgärten vorbei. Negerinnen dehnen erwachend ihre kupfernen Glieder in den dunklen Verschlagen. Reinlich murmelt der Bach in der Schlucht.

Ein Neuer, Nummer 6, hörte, wie die Buben von Foxie sprachen.

»Wer ist Foxie?« fragte Nummer 6.

»Ein Aufpasser! Gib acht, daß er Dich nicht erwischt, der Bastard!«

»Vorige Woche hat er mich dreimal ertappt, jedesmal im griechischen Lunch-Room. Nicht mal essen können sie einen lassen!«

Nummer 3 dachte an Freitag – er hatte die Route im Negerviertel.

»Wieviele, Nummer 3?«

»162.«

»Wieviele Totenköpfe hast Du darunter?« fragte Mister Randall zynisch. »Hebst Du je das Geld dort ab?« fügte er hinzu, während er im Buch nachschlug.

»Er läßt sich in Poon-Tang bezahlen«, sagte Foxie grinsend. »Eine Woche freie Zustellung für die Dosis.«

»Was willst Du denn überhaupt?« bockte Nummer 3 streitsüchtig auf. »Seit sechs Jahren machst Du Stunk wegen dieser Leute.«

»Mach mit den Niggern, was Du willst«, sagte Mister Randall. »Aber das Geld für die Zeitung muß her.« Randall wandte sich an Ben. »Hör mal, Ben, nächsten Samstag gehst Du mit ihm auf die Route.«

Ben lachte still, zynisch.

»Ach, Du mein Gott!« sagte er. »Ich soll also diesem kleinen Gauner mal auf die Pfoten schauen. Na, ich kann Dir's von vornherein verraten, Randall, er beschummelt Dich seit einem halben Jahr.«

»Schon gut!« sagte Randall verärgert. »Das sollst Du jetzt endgültig klarstellen.«

»Bei Gott«, sagte Ben verächtlich, »dieses Früchtchen hat Nigger auf der Liste, die seit fünf Jahren tot sind. Das hast Du davon, daß Du jeden hergelaufenen kleinen Gauner anstellst.«

»Nummer 3«, sagte Randall, »wenn Du die Sache nicht in Ordnung bringst, dann gebe ich die Route einem andern Buben.«

»Zum Teufel«, maulte Nummer 3, »tun Sie's doch! Mir ist's schnuppe!«

»Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte«, wandte sich Ben leis lachend an seinen Engel und deutete mit einer Kopfbewegung auf Nummer 3.

»Ja, hör Dir das Ding an, das sag ich auch«, begehrte Nummer 3 rauflustig auf.

»Schon gut, Kleiner, lauf und trag Deine Zeitungen aus, eh Dir was wehtut«, sagte Ben und sah den Buben finster an. »Du Gauner«, bemerkte er angewidert, »ich hab 'nen kleinen Bruder zu Haus, der taugt mehr als sechse von Deiner Sorte.«

Der Frühling lag wie ein Duftschleier auf der Erde. Die Nacht war wie eine kühle Schale, mit fliederfarbnem Dunkel, mit jungem Gartengeruch gefüllt.

Gant schlief schwer. Er schnarchte, daß die Fenster schepperten. Und mit kurzen Explosionsdonnern schickte sich die Kleinbahn Nummer 36 an, die Saluda Avenue hinaufzufahren. Die Lokomotive bockte, die Räder sausten, ohne die Spur zu fassen. Der Maschinist Tom Cline starrte mit ernstem Gesicht hinunter in den milchigen Nebelbrodem der Schlucht und wartete ab. Die Lokomotive lief an, blieb stehen, faßte die Fahrspur und pflügte langsam, wie ein in den Harnisch gesträngtes Maultier, bergan. Zufrieden lehnte sich Tom Cline hinaus und schaute. Das Sternenlicht glomm matt auf den Schienen. Er aß ein dickes, mit kaltem Braten belegtes Butterbrot; er zerriß es mit seinen großen, rußigen Fingern. Ein Geruch von Lorbeer und Hundsholz kam durch die Kühle. Die Anhängewagen klapperten auf dem Geleis. Der Weichensteller, trübe gebadet im gelben Licht seiner gefährlich am Steilhang lehnenden Hütte, stand stur am Stellblock.

Tom, nachdenklich kauend, stierte durch seine Schutzbrille lange auf den Weichensteller herab. Er hatte noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Dann wandte er sich ab, nahm stillschweigend die mit kaltem Kaffee halbgefüllte Flasche, die ihm sein Heizer reichte, und schwenkte sich die Gurgel mit großen Schlucken.

Das Haus Valley Street Nummer 18 ist eine rotgestrichne, gelbschleimige Holzhütte mit einer baufälligen Veranda vor der Tür. Nummer 3 warf die frischgedruckte, zu einem rechteckigen Block gefaltete Zeitung flach gegen die Tür. Das Bündel schlug wie ein Holzscheit auf, das morsche Bretterwerk knarrte. In der Stube regte sich May Corpening, sie reckte ihre kupferfarbnen Beine in der fötiden Bettwärme und murmelte etwas, als wäre sie betäubt.

 

Harry Tugman zündete eine Zigarette, Marke Camel, an und zog den Rauch tief in die mächtige, von Druckerschwärze gefleckte Lunge, während er zusah, wie die große Presse langsam stoppte. Seine Arme waren nackt, er hatte Muskeln wie Maschinenkolben. Er ließ sich faul in einen knarrenden Korbsessel fallen und überflog das warme scharfriechende Blatt. Tabakrauch kräuselte langsam aus seinen Naslöchern. Er warf die Zeitung weg.

»Teufel, was für ein Umbruch!« sagte er.

Ben kam die Treppe herunter, mißlaunisch, die Brauen finster gerückt, und latschte durch den Druckersaal zum Eisschrank.

»Um Gottes willen«, rief er dem Mann, der den Umbruch machte, gereizt zu, »hast Du denn nie was anderes in diesem alten Eisschrank außer Wurzelbier und Sauermilch, Mac!«

»Herrgott, was verlangst Du eigentlich?« sagte Mac.

»Na, ab und zu möchte man mal 'ne Flasche Coca Cola vorfinden. Der alte Mister Candler in Atlanta stellt dieses Gesöff nämlich immer noch her«, sagte Ben bissig.

Harry Tugman warf die Zigarette weg.

»Diese Nachricht ist hier noch nicht eingelaufen, Ben«, sagte er. »Du mußt warten, bis die Leute die Aufregung des Bürgerkriegs überstanden haben. Hopp!« rief er und sprang plötzlich auf, »gehn wir 'rüber in den ›Fettlöffel‹!«

Er ging ans Waschbecken und hielt seinen großen Kopf unter den Hahn. Erfrischend lief ihm das Wasser über den breiten Nacken, das weißblaue, übernächtig-fahle, hungrig zähe Gesicht. Er wusch sich die Hände, daß der Schaum schlabberte; seine Armmuskeln spielten wie Schlangen. Er sang in seinem dröhnenden Quartettbariton:

»Gib acht, gib acht, gib acht,
Manch tapfres Herz liegt in der Tiefe und ruht.
Gib acht, gib acht, gib acht.«

Es war vollkommen still geworden im warmen Druckersaal. Die Büros im ersten Stock schliefen, in gelbgraues Licht gebadet, wie übermüdete Männer. Die Zeitungsträger waren auf ihren Routen. Es schien, als ob der ganze Bau langsam und schwerfällig atme. Der Himmel war mattperlgrau am Horizont.

 

Sonderbar, scharf, bruchstückweise erwachte das Leben im fliederfarbenen Dunkel. Klapp-klapp-klapp hallte es gemächlich auf der Straße. Mistress Goulderbilts Milchgaul Nummer 6, eine stattliche bräune Stute, zog den kremfarbnen, glasklinkernden, mit extrasahniger, teurer Flaschenmilch vollbeladnen Molkereiwagen. Der Fahrer, der gesund nach frischem Schweiß und Milch roch, eine Haut wie Milch und Blut hatte, war ein junger Farmerbursch. Zwölf Kilometer war er von Biltburn her über die sternhellen betauten Felder und durch die Wälder zur Stadt gefahren.

Im Pisgah-Hotel, gegenüber dem Bahnhof, klinkte die letzte Tür leis ins Schloß. Miss Berenice Redmond gab dem Nachtportier acht Eindollarnoten und ging endgültig zu Bett mit dem Ersuchen, vor ein Uhr nicht gestört zu werden. Eine rangierende Lokomotive rasselte lärmend auf den Geleisen. Über die Biltburn-Straßenkreuzung ging Tom Cline, mit gleichmäßig-müdem Atem vor sich hinpfeifend. Nummer 3 hatte bereits 142 Zeitungen zugestellt, er hatte nur noch die hölzernen Stufen zur Eagle Crescent Bank zu ersteigen und dort die acht Häuser zu bedienen. Befangen blickte er über das planlose Auf und Ab des hügligen Negerviertels hinweg nach dem Bergrand im Osten. Die Sterne im perlgrauen Himmel sahen wie ertrunken aus. Nicht mehr viel Zeit übrig, dachte Nummer 3. Er hatte ein fahles Gesicht, Hängebacken mit dichtem, blondem Bartflaum, ein langes, volles, fliehendes Kinn. Er leckte sich die volle aufgesprungne Unterlippe der Länge nach ab.

Ein Siebensitzer-Hudson, vier Zylinder, Modell 1910, schoß mit lautem Motorgeknatter vom Bürgersteig vor dem Bahnhof los, schlingerte über den ebnen Platz am Fuß der South End Avenue – wo Neger zu pennen und Feuerwehrleute zu üben pflegten – und sauste mit 80-km-Geschwindigkeit auf die Stadt zu. Der Bahnhof erwachte; in den leeren Schuppen hallte es, helle Hammerschläge auf Waggonräder, metallisches Absatzklappern auf den Fliesen. Verschlafen, mit träg-sehnsüchtigen Bewegungen goß ein Negerweib Wasser auf die Fliesen des Wartesaals und zog den Fußboden dann mit einem grauen Putzlumpen auf.

Es war 5 Uhr 30. Ben hatte das Haus um 3 Uhr 25 verlassen. In 40 Minuten würde Gant aufwachen, sich ankleiden, sein Morgenfeuer schüren.

»Ben«, sagte Harry Tugman, als sie aus dem Zeitungsbau heraustraten, »wenn Jimmy Dean mir nochmal in den Druckersaal kommt und Scherereien macht, dann kann er sich jemand anders suchen, der ihm sein Lauseblättchen druckt. Teufel noch eins! Ich krieg jeden Tag 'ne Stelle an 'ner großen Zeitung.«

»Ist er heut nacht heruntergekommen?« fragte Ben.

»Ja ... und schnell wieder raufgegangen«, sagte Harry Tugman.

»Ich sagte ihm, er solle sein Schwänzchen nach oben tragen.«

»Was hat er gewollt?« erkundigte sich Ben.

»Er sagte: › bin Chefredakteur, ich!‹ – ›Und wenn Sie des Präsidenten Schneuzfetzen sind‹, sagte ich, ›dann ist es mir genau so sauwurscht. Wenn Ihnen was dran liegt, daß heut 'ne Zeitung gedruckt wird, dann scheren Sie sich aus dem Druckersaal!‹ Und glaub mir, da hat er sich schleunigst verzogen.«

In der kühlen, perlblauen Dunkelheit bogen die beiden ums Postamt an der Ecke und steuerten schräg über die. Straße auf den .»Uneeda Lunch Nr. 3« zu. Dieses Restaurant, genannt »der Fettlöffel«, war ein kleines Bohnenpeißel, vier Meter Straßenfront, zwischen einen Optikerladen und einen griechischen Schuhputzersalon eingeklemmt.

Drinnen saß Dr. Hugo McGuire auf einem hohen Barstuhl, einen Teller brauner, nierenförmiger Bohnen vor sich, die er geduldig eine nach der andern mit der Gabel anspießte. Ein scharfer Geruch von Whisky hing um ihn. In den feisten, gewandten Metzgerhänden hielt er unbeholfen die Gabel. Sein Gesicht mit dem schweren Unterkiefer hatte große braune Bartstoppelflecken. Er drehte sich auf dem Barstuhl um und stierte eulenhaft, als die beiden eintraten. Schließlich gelang es ihm, den schwanken Blickstrahl seiner geröteten Stielaugen auf Ben zu richten.

»Hallo, mein Junge«, bellte er gutmütig. »Was kann ich für Dich tun?«

»Um Gottes willen«, sagte Ben geringschätzig lachend mit einem Kopfschnick zu Harry Tugman, »nun hör Dir das an, bitte!«

Sie hatten kaum am unteren Ende Platz genommen, als der Leichenbestatter Horse Hines in der Tür erschien. Obschon Horse Hines beileibe kein magerer Mann war, sah er dennoch wie ein Skelett in schwarzem Gehrock aus. Wie ein Pferdemaul klaffte in dem weißen, steifen Gesicht ein langer, grobschlitziger Mund; sein starres, geschäftlich-verbindendes Lächeln entblößte große, gelbe Pferdezähne.

»Gentlemen, Gentlemen«, sagte er ohne ersichtlichen Grund und rieb sich die langen Hände, als wäre Frostwetter. Das Fleisch an seinen Fingern rasselte hohl, als klängen alte Knochen aneinander.

Dr. Coker, Tuberkulosespezialist, genannt der »Lungenhai«, der mit unablässigem, sardonischem Interesse McGuires Bohnenjagd verfolgt hatte, nahm nun die lange Zigarre aus dem satanischen Gesicht, hielt sie zwischen den fleckigen Fingern und tippte seinen Zechkumpan auf die Schulter.

»Komm, Hugo, gehn wir!« sagte er ruhig. Er deutete feixend auf den Leichenbestatter. »Es macht 'nen üblen Eindruck, wenn wir mit dem da zusammen gesehn werden.«

»'Morgen, Ben«, sagte Horse Hines und setzte sich weiter unten an die Schankbar. »Zu Hause alles in Ordnung?« erkundigte er sich leis.

Ben warf ihm einen düstern Seitenblick zu, wandte sich mit einem schnellen, bittern Lippenflackern zum Barkellner.

»Herr Doktor«, fragte Harry Tugman mit dem servilen Respekt des Laien vor dem Medizinmann, »was verlangen Sie eigentlich für 'ne Operation?«

»Operation? Was?« bellte McGuire zurück. Es war ihm gerade geglückt, eine Bohne aufzuspießen.

»Blinddarm rausnehmen«, sagte Harry Tugman, denn ihm fiel sonst nichts ein.

»300 Dollar, wenn's in den Bauch 'reingeht«, sagte McGuire. Er verschluckte sich und hustete.

»Gib acht, Hugo«, warnte Coker mit seinem gelben Teufelsgrinsen, »sonst ersäufst Du in Deinen eignen Absonderungen wie die alte Lady Sladen.«

»Was?« rief Harry Tugman. »Ist Mistress Sladen gestorben?« Er dachte eifersüchtig an die versäumte Reportage.

»Ja, gestern abend spät«, antwortete Coker.

»Guter Gott, tut mir leid«, sagte Harry Tugman erleichtert.

»Ich habe gerade die alte Dame aufgebahrt«, berichtete Horse Hines zartfühlend. »Ein Haufen Haut und Knochen!« Er seufzte mitleidig. Seine hartgesottenen Augen wurden feucht.

Ben wandte ihm das Gesicht zu. Er sah aus, als sei ihm speiübel.

»Joe«, sagte Horse Hines zum Kellner, »gib mir 'nen Kumpen von der Einbalsamierungsflüssigkeit da!« Er deutete mit dem langen Pferdekinn auf die Kaffeeurne.

»Um Gottes willen!« murmelte Ben angewidert. Dann platzte er heraus. »Verdammt, waschen Sie sich eigentlich die Hände, ehe Sie herkommen?«

Ben war zwanzig; niemand dachte daran, daß er so jung war.

»Möchtest Du nicht ein Stück kalten Schweinebraten, mein Junge?« fragte Coker mit seinem gelben Teufelsgrinsen.

Ben fauchte im Rachen, er preßte die Hand auf den Magen.

»Was hast Du denn, Ben?« lachte Harry Tugman und schlug ihm auf den Rücken.

Ben kletterte vom Stuhl, nahm seinen Kaffeekumpen und den Teller mit dem braunen Stück Mince-Pie und setzte sich auf die andere Seite von Harry Tugman. Alle lachten. Mit finsterem Seitenblick musterte Ben den Doktor McGuire.

»Bei Gott, Tug«, sagte er zu Harry Tugman, »da sitzen wir wahrhaftig mitten unter ihnen.«

»Nun hör Dir mal den Kerl an!« sägte McGuire zu Coker.

»Nicht aus der Art geschlagen, was? Ich war bei seiner Geburt zugezogen, ich hab ihn durch den Typhus gebracht, hab seinem Alten über siebenhundert Räusche weggeholfen und bin für meine Mühen auf achtzehn verschiedne Weisen Sohn-einer-Hündin geschimpft worden. Aber wenn nur eins in der Familie 'n bißchen Bauchweh hat«, fügte er stolz hinzu, »dann sollst Du mal sehn, wie sie zu mir gelaufen kommen. Stimmt's, Ben?« fragte er mit einem Kopfschnicken.

»Ach, nun hör Dir das an, bitte«, lachte Ben gereizt und barg sein spitzes Gesicht in seinem Kaffeekumpen. In seiner Bitterkeit war Leben, Duft, Zärtlichkeit, Schönes; die Männer blickten ihn mit gutmütig-betrunknen Augen an, sahen seine graue, entrüstete Miene, das einsame, dämonische Flackern seines Lächelns.

»Ja, und noch was«, fing McGuire wieder an, »wenn sie je was zu schneiden haben in der Familie, dann kannst Du sicher sein, daß sie mich dann holen.« Er drehte sich gewichtig auf seinem Barstuhl um. »Stimmt's, Ben?« fragte er.

»Wenn Sie an mir was zu schneiden haben«, bemerkte Ben, »dann werd' ich verdammt Sorge trägen, daß Sie gerade auf den Beinen stehn können, eh Sie mir mit dem Messer zu Leib rücken.«

»Komm jetzt, Hugo«, sagte Coker und faßte McGuire unter den Achseln. »Hör endlich auf, diese verfluchten Bohnen auf dem Teller rumzujagen. Krabble oder meinetwegen falle von diesem Stuhl runter!«

McGuire, in Säuferträumen verloren, starrte sinnlos auf den Bohnenteller und seufzte.

»Verdammt noch mal, Hugo, komm jetzt!« sagte Coker und stand auf. »In fünfundvierzig Minuten mußt Du operieren.«

»Wer ist das Opfer?« fragte Ben. »Ich möcht' Blumen schicken.«

»... wir alle? über kurz oder lang«, brummelte McGuire dumpf mit gedunsenen Lippen. »... Heute rot, morgen tot. Macht nichts ... nein, macht ganz und gar nichts.«

»Um Himmels willen!« wandte sich Ben gereizt an Coker, »wollen Sie ihn wirklich in diesem Zustand operieren lassen? Warum schießen Sie die Patienten nicht lieber tot?«

Coker pflückte die Zigarre aus dem langen, feixenden malariagelben Gesicht.

»Ach was! Junge, der wird ja gerade erst warm!«

Mattschillerndes Licht schwamm am Saum der fliederfarbnen Nacht. Die Grenzen von Hell und Dunkel schwankten. Der Morgen ergoß sich schnell wie eine perlgraue Flut über Felder und Hänge.

Am Rand des Bürgersteigs hielt nun Dr. Tefferson Spaugh in seinem Buick-Sportmodell und stieg aus. Er zog die Handschuhe aus und staubte sich damit die Seidenaufschläge seines Smokings ab. Sein Gesicht, whiskygerötet, mit den hochsitzenden Backenknochen, war eigentlich hübsch. Sein Mund war gradlippig, grausam, sinnlich. Eine ererbte Aura von Schweiß und Maisfeld hing duftlos aber telepathisch um ihn. Er war ein akademisch zurechtgebügelter, mit Kluballüren aufgeputzter Gebirgsfarmer. Vier Jahre auf der Universität von Pennsylvanien verändern einen Menschen.

Er steckte die Handschuhe achtlos in die Rocktasche, trat ein. McGuire, schwerfällig wie ein Bär vom Barstuhl schlüpfend, glotzte ihn stier an. Dann machte er eine herausfordernde, runde Gebärde mit seinen feisten Händen.

»Na, da schaut Euch das an«, sagte er. »Weiß einer, was das ist?«

»Es ist Percy«, sagte Coker. »Du kennst doch Percy van der Gould, nicht wahr?«

»Ich hab die ganze Nacht bei den Hilliards durchgetanzt«, erklärte Spaugh elegant. »Verflucht, meine neuen Lackpumps haben mir die Füße ruiniert!« Er setzte sich auf einen Barstuhl und stellte stutzerhaft seine großen Bauernfüße, die unanständig breit und eckig in den Tanzschuhen wirkten, zur Schau.

McGuire wandte sich ungläubig an Coker: »Was hat er getan?«

»Er hat die ganze Nacht bei den Hilliards getanzt«, erklärte Coker in affektiert-ironischem Ton.

McGuire hielt sich keusch die Hand vor das bartstoppelige Gesicht.

»Drück mich aus, ich bin ein Träubchen!« rief er. »Bei den Hilliards hättest Du getanzt, Du verdammter Gebirgsbankert?! Bind uns doch keinen Bären auf! Du bist auf einem Poon-Tang-Picknick im Negerviertel gewesen!«

Gelächter aus Bullenaugen dröhnte ins perlmutterne Frühlicht.

»Lackpumps!« sagte McGuire. »Drücken ihn an den Füßen. Bei Gott, Coker, als er vor zehn Jahren zum erstenmal in die Stadt kam, da wußte er nicht, was Klosettpapier ist. Man mußte ihn zu Boden schmeißen, um ihm Schuh anzuziehen.«

Ben lachte dünn zu seinem Engel auf.

»Paar Scheiben gebutterten Toast, nicht zu braun, bitte«, bestellte Spaugh delikat beim Barkellner.

»Schweinskutteln mit Sorghum, wolltest Du sagen, Bastard! Oder Pökelfleisch mit Polenta! Wie Du's in Deiner Jugend gefressen hast«, rief McGuire.

»Wir sind zu roh für so 'nen feinen Herrn«, bemerkte Coker. »Nachdem er sich in den beßren Familien besoffen hat, ist er ein sehr begehrter Gesellschafter geworden. Sein Ruf ist so groß, daß er zur offiziellen Hebamme für alle schwangren Jungfrauen befördert wurde.«

»Ja«, sagte McGuire, »er ist der Freund aller Jungfrauen. Er hilft ihnen aus der Klemme. Er hilft ihnen nicht nur raus, er hilft ihnen auch wieder rein.«

»Ist doch wohl nichts dabei, oder doch?« fragte Spaugh, »solang die Sache unter uns bleibt, was?«

Gelächter schaukelte in den zärtlichen Tag.

»Der Ton hier wird mir zu rauh«, sagte Horse Hines neckisch und stand auf.

»Schütteln Sie wenigstens Coker die Hand, eh Sie weggehn, Horse«, mahnte McGuire. »Er ist der beste Geschäftsfreund, den Sie haben. Sie sollten ihm Prozente zahlen.«

Das Licht, das nun eindrang, war weich und unirdisch wie das Licht, das den Meeresboden bei Santa Catalina füllt, wo die großen Fische schwimmen.

Plattfüßig, von Nierenschmerzen den Rücken gebeugt, den Uniformrock offen, kam der patrouillierende Schutzmann Leslie Roberts durch das submarine Perlenleuchten geschlapst. Er blieb stehen und blickte, den Gummiknüttel leise auf dem Rücken dengelnd, mit seinem hohlen, leberkranken Gesicht durch die offne Tür.

»Da kommt Dein Patient«, sagte Coker zu McGuire, »der hartleibige Hüter der Ordnung.«

Laut, mit großer Herzlichkeit, grüßten alle:

»Wie geht's, Les?«

»So leidlich, leidlich«, sagte der Polizist trübselig wie sein tierabhängender Schnurrbart. Er schlapste knieschnacklig weiter, den Rinnstein entlang.

»Somit guten Morgen, Gentlemen«, sagte Horse Hines und wollte gehn.

»Halt! Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen sagte, Horse! Seien Sie nett gegen Ihren besten Geschäftsfreund!« McGuire deutete mit dem Daumen auf Coker.

Der Leichenbestatter war gekränkt.

»Ich vergesse es nie«, sagte er ernst. »Wir beide stehen in ehrenvollen Berufen. In der Stunde des Todes, wenn das sturmgerüttelte Schiff in den Hafen der Ruhe einläuft, dann sind wir die Vertrauensmänner des Allmächtigen.«

»Ei, Horse! Das nenn ich Beredsamkeit!« rief Coker.

»Alle die heiligen Riten, das Zudrücken der Augen, das Falten der Hände und das Ausrecken der Glieder, die Herrichtung des leblosen Gehäuses, das die abgeschiedne Seele zurückläßt, bedeuten einen erhabnen Auftrag. Wir, die Lebenden, sind es, die Balsam in das gebrochne, kummervolle Herz der Hinterbliebnen gießen, die die Witwe in ihrem Schmerz trösten, die die Tränen der Waisen trocknen, wir sind es, die Lebenden, die dafür sorgen, daß ...«

»... diese Staaten vom Volk für das Volk durch das Volk regiert werden«, schloß McGuire ab.

»Sie haben recht, Horse«, sagte Coker. »Ich bin tief gerührt. Und was mehr ist, wir tun das alles nämlich umsonst. Ich berechne keinen Cent für die Tröstung der Witwe.«

»He, aber wie war das doch mit der Einbalsamierung der kummergebrochnen Herzen?« fragte McGuire.

»Ich sagte Balsam gießen, nicht einbalsamieren«, bemerkte Horse Hines kalt.

»Sagen Sie mal, Horse«, fragte Harry Tugman, der mit großem Interesse zugehört hatte, »haben Sie nicht diese Rede letzten Sommer auf der Tagung der Leichenbestatter gehalten?«

»Was damals wahr war, ist es auch heute«, sagte Horse Hines bitter und ging weg.

Gerade nun stoppte Dr. Ravenel seinen Hudson vor dem Postamt auf der anderen Straßenseite und kam schnell herüber, seine Handschuhe unterwegs ausziehend. Er war barhaupt; sein dünnes, aristokratisches Silberhaar war ein wenig wirr vom Wind. Seine grauen Chirurgenaugen blickten scharf durch dicke Brillengläser. Er hatte ein famoses, ruhiges, tiefgesammeltes Gesicht, glattrasiert, aschgrau, hager, in dem ab und zu die Lichter eines ernsthaften Humors spielten.

»O Jesus!« sagte Coker, »da kommt der Herr Lehrer!«

»Morgen, Hugo«, sagte Ravenel, als er eintrat, »Du bereitest Dich, scheint mir, auf die Lungenheilstätte vor, was?«

»Ei, schau her, wer da kommt!« brüllte McGuire gastfröhlich. »Dick mit dem todsichern Chirurgenblick, der literarisch gebildete Knochensäger, der Besitzer der feinsten Gallensteinsammlung der Welt! Wann bist Du zurückgekommen, mein Sohn?«

»Gerade rechtzeitig, wie mir scheint«, sagte Ravenel, die Zigarette blitzsauber zwischen den langen Chirurgenfingern. Er sah auf die Uhr. »Ich glaube, Du hast in einer halben Stunde 'ne kleine Verabredung in Ravenels Klinik, Hugo. Stimmt's?«

»Bei Gott! Dick«, grölte McGuire, »Du bist doch immer im Recht! Sag mal, was hast Du den Leuten auf dem Chirurgentag erzählt?«

Ravenels Zuneigung war eine Blume, die hinter der Mauer wächst.

»Ich hab erzählt, der beste Chirurg in Amerika, wenn er nüchtern ist, sei ein lausiger Säufer namens McGuire, der nie aus dem Rausch raus kommt.«

»Halt! Halt! Halt!« rief McGuire und hob protestierend die feiste Rechte. »Ich erhebe Einspruch, Dick. Das war gutgemeint, mein Sohn, aber Du hast geirrt. Du wolltest sagen, ›der beste Chirurg, wenn er nicht nüchtern ist‹. Stimmt's?«

»Haben Sie ein Referat dort gehalten?« wandte sich Coker an Ravenel.

»Ja«, sagte Ravenel, »ich las meine Abhandlung über Carcinome an der Leber.«

»Wie wär's mit einem Bericht über Pyorrhoea an den Zehennägeln?« schrie McGuire. »Da könntest Du Dich mal drüber äußern.«

Harry Tugman, ohne zu wissen worüber, lachte hell auf. McGuire rülpste laut in die Stille, döste einen Augenblick vor sich hin. Er kam wieder zu sich und legte gewichtig los.

»Literatur! Alles Literatur, Dick! Das hat schon manchen guten Chirurgen ruiniert. Du liest zuviel, Dick. Und Cassius dort hat einen hagern Hungerblick. Du weißt zuviel, Dick. Der Buchstabe tötet den Geist, kannst Du mir glauben. Hast Du jemals bemerkt, daß ich was rausnehme und es nicht wieder einsetze? Jedenfalls, ich laß den Leuten was zum Funktionieren übrig. Ich bin kein Gelehrter, die Vorzüge Deiner Bildung habe ich nicht genossen, Dick. Ich bin ein Menschenmetzger, ein Zimmermann, ein Mechaniker, ein Installateur. Ich bin ein ungeschliffener Diamant, Dick. Ein einfacher Praktiker. Ich schneid dem Patienten das Getriebe raus, spuck 'mal drauf, kratz' die Dreckränder ab und setz' das Zeug dann wieder ein. Ich bin sparsam, Dick. Ich schneid' alles, was ich nicht brauchen kann, raus und brauche alles, was ich rausgeschnitten habe. Wer hat dem Papst 'nen Schwanzwirbel aus 'nem Fingerknöchel gemacht? Wer hat die Dogge zum Heulen gebracht? Ha, hast Du's ja, deswegen sieht der Gouverneur so jung aus. Natürlich, wir sind mit zweckloser Maschinerie angefüllt! Tüchtigkeit! Ökonomie! Leistung! Hast Du die Heinzelmännchen im Haus? Nein? Dann geh und kauf Dir Putzpulver, Marke Goldstaubzwilling! Frag nur den Ben da, der kennt sich aus.«

»Ach Du mein Gott«, lachte Ben dünn, »nun hör Dir das an, bitte.«

Zwei Häuser weiter aufwärts, dem Postamt gerade gegenüber, zog der Sizilianer Pietro Mascari den Rolladen vor seinem Geschäft rasselnd in die Höhe. Eine Tram, spielzeuggrün, zum Frühjahr frisch angestrichen, fuhr zum Stadtplatz hinauf.

»Dick!« sagte McGuire, etwas ernüchtert, »tu mir 'nen Gefallen und übernimm die Operation.«

Ravenel schüttelte den Kopf.

»Ich werde dabeistehn«, sagte er, »aber – nüchtern oder nicht – Du mußt schneiden.«

»Du sollst 'ner Frau 'nen Tumor wegschneiden, was?« fragte Coker.

»Nein«, sagte Ravenel, »er soll vom Tumor die Frau wegschneiden.«

»Ich wette, das Ding ist fuffzig Pfund schwer«, bemerkte McGuire mit plötzlich erwecktem Sachinteresse.

Ravenel zuckte fast unmerklich zusammen. Ein frischer, kühler Luftzug fuhr in den Raum. McGuire zog die breiten Schultern hoch, als wäre ihm ein Eimer kaltes Wasser übergeschüttet worden. Er schien aufzuwachen.

»Ich möcht ein Bad nehmen«, sagte er zu Ravenel. »Und rasieren muß ich mich.« Er rieb sich das bartstopplige Kinn.

»Mein Zimmer drüben im Hotel steht zu Deiner Verfügung, Hugo«, sagte Spaugh. Er musterte Ravenel mit bewundernden Blicken.

»Ich benutze das Bad in der Klinik«, entschied McGuire.

»Allerhöchste Zeit«, sagte Ravenel scharf. »Machen wir, daß wir fortkommen.«

»Hast Du gesehn, wie Pelly in Baltimore am John-Hopkins-Institute diese Operation ausführte?« fragte McGuire.

»Ja«, sagte Ravenel. »Er betete erst sehr lange, um seinen Ellenbogen Kraft zu geben. Der Patient starb.«

»Verflixte Beterei«, sagte McGuire. »Bei dieser Frau da hilft so was ohnehin nicht. Gestern abend hat sie mich ein gemeines, stinkversoffnes Schnapsluder geheißen. Wenn sie noch in dieser Laune ist, dann kommt sie durch.«

»Die Weiber hier aus den Bergen vertragen allerhand, bis sie verrecken«, bemerkte Spaugh weise.

McGuire wandte sich an Coker: »Kommst Du mit?«

»Danke, nein! Ich geh pennen. Das alte Mädchen brauchte höllisch lang zum Abkratzen. Ich glaubte schon, sie käme nicht zu End damit.«

Sie brachen auf. McGuire schien nun wieder ziemlich betrunken.

»Ben«, sagte er, »erzähl Deinem Alten, daß ich ihm die Knochen im Leib kaputt schlag', wenn er nicht dafür sorgt, daß Helene mehr Ruhe hat. Er hält sich nüchtern, was?«

»Wie soll ich das wissen, McGuire«, antwortete Ben gereizt. »Glauben Sie, ich hätte sonst nichts zu tun, als mich um Ihre Säuferpatienten zu scheren.«

»Helene is' 'n großartig's Mädchen, mein Junge«, sagte McGuire gefühlvoll. »Eine unter einer Million!«

»Hugo!! Zum Teufel! Komm jetzt!« rief Ravenel.

Die vier Ärzte traten hinaus ins perlmutterne Licht. Wiedergeboren, frischgewaschen, rein aus dem fliederfarbnen Dunkel enttaucht, lag die Stadt da. Jung im Frühling die Welt.

McGuire schob über die Straße zu Ravenels Auto und plumpste schwer ins Lederpolster. Jeff Spaugh fuhr mit spuckendem Motor und einer kavaliermäßigen Handbewegung ab.

Harry Tugmans Blicke folgten bewundernd McGuires vierschrötiger Gestalt.

»Ich wette«, sagte er großsprecherisch, »daß es mit dieser verdammten Operation schief geht.«

»Bewahre!« sagte der ergebne Barkellner. »Ganz und gar nicht! Wenn er nicht mindestens ein Viertel Whisky im Leib hat, kann er nicht arbeiten. Aber gießen Sie ihm ein paar tüchtige Drinks hinter die Binde, und er schneidet Ihnen den Kopf ab und setzt ihn wieder kunstgerecht an, ehe Sie's gewahr werden.«

Als Jeff Spaugh davonratterte, bemerkte Harry Tugman neidisch: »Schau Dir den Bastard an, Ben! Mister Vanderbilt, was? Bildet sich wer weiß was ein, der klobige Stier! Glaubst Du wirklich, daß er bei den Hilliards auf dem Ball war?«

»Woher soll ich das wissen?« sagte Ben gereizt. »Geht es mich was an?«

»Na, es wird ja morgen unter Gesellschaftsnachrichten in unserm Blättchen stehn«, sagte Harry Tugman. Er improvisierte eine zotige Reportage über einen Ball in guter Gesellschaft. Der Barkellner platzte laut heraus. Ben lachte lautlos, gähnte. Müde, gelangweilt, angewidert. »Ach Du mein Gott!«

 

Die ersten, reinen jungfräulichen Sonnenstrahlen fielen auf die Straße. In diesem Augenblick erwachte Gant.

Angenehm, der durch die gelben Fensterblenden gedämpfte Golddämmer. Das helle, flötende, zirpende, zwitschernde Vogelleben im Garten. Er blieb ein Weilchen auf dem Rücken liegen, gähnte abgrundtief, kraulte sich mit der Rechten die dichtbehaarte Brust.

Das erregende Gluckergackeln der Hennen. Komm und hol's Ei! Die ganze Nacht hindurch für Dich, Herr und Meister. Wie Stimmen üppiger, sich unter Sträuben wollüstig hingebender Jüdinnen. Tu's, tu's nicht! Brich ein Ei in sie!

Ausgeschlafen, ausgereckt, wach, den warmen Schwall des Federbetts auf den hagern Beinen, horchte er auf das einladende Gahlern der Hennen.

Aus warmem Sand, das Gefieder schüttelnd, taumelten sie in die Höhe. Für mich. Für mich auch die Erde mit der Rebe. Die feuchte neue Erde, wie angeschnittener Schweinebraten vom Pflug zerlegt, wie Wasser in der Kielspur eines Schiffs zerteilt. Und die sauber mit dem Spaten umgegrabne, gerollte, schwammige Erde des Deckrasens. Und die vorsichtig mit der Hacke gelockerte Erde um die Wurzeln des Kirschbaums. Die Erde empfängt meinen Samen. Für mich die großen Salathäupter, aufgeschwemmt, vollsaftig, wie schwere Weiber. Und der Weinstock, zäh und verknorpelt im Holz. Im August wird er schwere Trauben tragen. Wie der Saft da hineinkommt? Wie Milch in die Brüste, wie Blut durch Adern. So werden sie prall und üppig.

Die ganze Nacht Blütenfall. Bald gibt's helle Herzkirschen. Ende Mai Frühapfel. Isaacs' Juniäpfel hängen halb in meinen Garten herüber. Grüne Apfelschnitzen in Speck gebraten, herrlich!

Mit scharfem, gewetztem Durst dachte er ans Frühstück. Er warf das Oberbett glatt zurück, schwang den Leib in Sitzstellung auf den Bettrand, setzte seine etwas schwindsüchtigen Füße auf den Boden. Vorsichtig stand er auf, ging zu dem lederüberzogenen Armstuhl und zog ein paar reine, weiße Socken an. Dann streifte er das Nachthemd über den Kopf und betrachtete einen Augenblick im Spiegel über der Kommode die große, knochige Gestalt, die langen, sehnigen Arme, die hagere, haarige Brust. Der Bauch hing schlaff. Dann fuhr er flink mit den fahlen schlotternden Waden in die Trikothemdhose, weitete das elastische Gewebe durch eine Dehnung des Brustkastens, knöpfte die lange Knopfreihe zu. Dann stieg er in die plastisch-weiträumige, schwere Tuchhose, zog die weichledernen Zugstiefel an. Während er sich die Strippe der Hosenträger über die Schultern legte, ging er in die Küche. In drei Minuten hatte er mit Petroleum und Kienspänen ein lustiges Feuer im Herde brennen. Regsam, lebendig, frisch, so nahm er an der Wachheit des Frühlingsmorgens teil.

Hinter einer schmalen Bresche im Bergwall liegt in einem fruchtbaren, taureichen Tälchen das Gut Lunns Cove. Dort war in dem von Walnußmöbeln gedämpften Dämmer seines Schlafgemachs Judge Webster Tayloe erwacht, der prominente, äußerst wohlhabende, vornehme Mann. Er war Syndikus großer Handelsfirmen, lebte aber von Geschäften zurückgezogen, gab nur noch gelegentlich Konsultation. Er trat ans Fenster und blickte durch die schwarzen Gläser der Brille, die sein langes, subtiles, hochmütiges Gesicht noch aristokratischer machte, auf sein Besitztum hinaus. Einer der schwarzen Knechte kam mit einem Eimer Milch von der Weide; ein anderer wetzte seine Sense, so daß das Blatt in der Sonne blitzte; ein dritter zog langsam, seinen verständigeren Arbeitsgefährten, das Pferd, ermahnend, ein leichtes Gefährt aus dem Wagenschuppen.

Wohlgefällig betrachtete der Gutsherr seinen jungen Sohn, den Mulatten, der mit katzenhaften, träg-geschwinden Bewegungen über den Rasen kam. Der graziöse, elegante Gang des Knaben! Der schlanke, wohlproportionierte, kräftige Leib! Die feinknochigen Glieder! Der wohlgeformte, intelligente Kopf! Die zehrend schwarzen Augen in dem sensitiven, ovalen Gesicht! Der schöne Kupfer-Oliven-Ton der Haut! Der Junge war wie ein Spanier von Hochadel. Quod potui perfeci. Dank solcher Fusion vielleicht sind Menschen imstand, Menschen zu lieben.

Im Flußschilf die Schalmeien! Der Tempel der Musen! Der heilige Hain! Das soll wieder kommen. Warum nicht? Ganz wie in diesem Tal. Auch ich hab in Arkadien gelebt.

Er nahm einen Augenblick die Gläser ab und untersuchte sein linkes Auge. Er litt an einer Lidlähmung. Es sah ans, als hätte er den bösen Blick, besonders da auf der Wange direkt unterm Auge eine häßliche, harlekineske Warze saß. Er setzte die schwarzen Gläser wieder auf. Es war, als ob er eine Halblarve trüge, und es gab seinem subtilen, sinnlichen, unruhig-intelligenten Gesicht einen Zug mysteriöser Unerforschlichkeit.

Sein schwarzer Kammerdiener erschien und meldete, das Bad sei fertig. Er streifte das lange, feingewebte Nachthemd von seinem gepflegten Leib und stieg entschlossen in das lauwarme Wasser. Zehn Minuten lang ließ er sich mit dem Schwamm abwaschen, mit der Bürste schruppen, auf dem Massiertisch von den kräftigen Händen des Negers durchkneten. Dann zog er frische Wäsche und frischgebügelte schwarze Beinkleider an. Nachlässig band er eine schmale schwarze Schleife unter den breiten Umlegkragen und knöpfte um seine hohe gerade Gestalt den Gehrock, dessen Schöße bis zu den Knien reichten. Er nahm eine Zigarette aus dem Kasten auf dem Tisch und zündete sie an.

In der Fahrbahn schlenkernd, durch die Büsche blitzend, kam mit blechernem Geklapper ein Ford die gewundne Straße vom Bergsattel herunter. Zwei Männer saßen darin. Das Gesicht des Gutsherrn wurde hart. Es entspannte sich erst, als das Auto in einer Staubwolke an dem Außengatter seines Besitztums vorbeigefahren war. Ungenau sah er die roten Schweinsgesichter der Gebirgler; seine Phantasie ergänzte das Bild mit schweißstinkenden Arbeitskleidern aus Rippelsamt. Und in der Stadt wohnten die Vettern dieser Burschen. Häuser aus Backstein und Stuck, die weißen Ekzeme der Vorstadt. Confederierte Half-Breeds aller Länder.

In mein Tal nun mit Rasenmähern! Englischen Rasen vor den Häusern! Er drückte seine Zigarette in der Aschenschale aus. Am Fenster stehend überflog er im Geist die Zahl der Pferde, Esel, Rinder, Schweine, Hühner, die aufgespeicherte Fülle der großen Scheunen, den feisten Ertrag der Felder und Baumstücke. Ein schwarzer Knecht kam aufs Haus zu, in der einen Hand einen Korb mit Eiern, in der anderen einen mit Butter. Auf jedem Butterwecken war das Gutszeichen, eine Weizengarbe, gepreßt, jeder Wecken war lose in reines, weißes Leinen gewickelt. Der Gutsherr lächelte grimmig; im Belagerungsfall würde er sich lange halten können.

 

In Dixieland lag Eliza tief im Schlaf in einer kleinen dunklen Kammer, deren Fenster nur über die Küchenveranda Licht empfing. Das Gelaß war wie eine Wildnis mit dem Schlingkraut von Kordeln und Schnüren verhängt; Stöße von alten Zeitungen und Zeitschriften waren in die Ecken geschichtet; die Bretter der Gestelle waren mit klebrigen, etikettierten, halbleeren Arzneiflaschen und Salbentöpfen vollgestellt. Es roch nach Menthol, Lorbeeröl, süßem Glyzerin, Schnupfensalbe.

Die schwarze Zugeherin kam an, ging ums Haus, stieg träg die steile Hintertreppe neben der hochgepfropften Küchenveranda hinauf. Sie klopfte.

»Wer ist da?« rief Eliza scharf. Sie war sofort wach, stand auf, kam zur Tür. Sie trug ein Nachthemd aus grauem Flanell über einer dicken wollnen, von Ben abgelegten Unterjacke. Wie ein seltenes Meermoos unter Wasser baumelte die Halsstrippe am Nachthemd. Sie öffnete die Tür.

Im ersten Stock, in dem kleinen Vorderzimmer mit der Schlafaltane, schlief Miss Billie Edwards, die kühne, herrische Löwenbändigerin des Wanderzirkus »Johnny L. Jones Combined Shows«, der zur Zeit auf dem Platz am Hügel hinter der Plum-Street-Schule Vorstellungen gab. Nebenan in dem großen luftigen Eckzimmer lag in tiefem, alkoholischem Schlummer Mistress Marie Pert, 41 Jahre alt, Gattin eines meist abwesenden Handlungsreisenden der Drogeriebranche. Auf dem Kaminsims standen in Silberrahmen zwei Photos, eine von ihrer abwesenden 18jährigen Tochter Louise, die andre von Benjamin Gant. Ben lag vor dem Haus im Gras, die Ellenbogen aufgestützt, und trug einen breitkrempigen Strohhut, der sein Gesicht bis zum Mund beschattete. Außerdem waren in ihren Zimmern: – Mister Conway Richards, der die Candy-Wheel-Konzession beim Wanderzirkus hatte, – Miss Lilv Mangum, 26 Jahre alt, approbierte Krankenschwester, – Mister William H. Paskett, 53 Jahre alt, aus Hattiesburg im Staate Mississippi, Baumwollpflanzer, Bankier und Großhändler, malariakrank – samt seiner Gemahlin –. Und in dem großen Zimmer im Obergeschoß Miss Annie Mitchel, 19 Jahre alt, aus Valdosta im Staat Georgia, – Miss Thelma Cheshire, 21 Jahre alt, aus Florence in Süd-Carolina, – und Mistress Rosa Lewin, 28 Jahre alt, aus Chicago, Illinois, –: alle drei Mitglieder der Girltruppe »Molasses Evans and his Broadway Beauties«, die eine Agentur in Piedmont aus Atlanta (Georgia) nach Altamont gebracht hatte.

»Ei Kinder! Der Herzog von Gorgonzola und der Graf Limburger kommen zur Vorstellung! Die müssen amüsiert werden!«

»Kannst Du Dich drauf verlassen!«

»Gebt auf den Kleinen mit dem großen Geldbeutel acht!«

»Kannst Du Gift drauf nehmen, Hurra!«

»Wir sind die Girls, wir haben Spaß,
Mit Reizen nicht geizend, denn wir haben so was,
Wir sind fesch, wir sind nett,
Vergnügt und adrett,
Und wir singen und ta-ta-tanzen ...«

Hinter einem mit Plakaten verpappten Bretterzaun an der Upper Valley Street, gegenüber dem Gebäude des Christlichen Vereins Junger Männer für Farbige, im überfüllten Geschäfts- und Vergnügungszentrum von Altamonts Negerviertel, da lag Moses Andrews, 26 Jahre alt, Neger, und schlief den letzten, großen Schlaf der Weißen und Schwarzen. Seine Taschen waren nun leer. Am Abend waren sie noch voll gewesen, voll von dem Geld, das der Pfandverleiher Saul Stein dem Moses für einige Gegenstände gegeben hatte, die dieser im Haus des Rechtsanwalts Mister George Rollins gestohlen hatte, nämlich: eine Golduhr, 18 Karat, Marke Waltham, mit schwerer Goldkette; den Diamant-Verlobungsring der Mistress Rollins; drei Paar feine Seidenflorstrümpfe und zwei Herrenunterhosen. Eine halbleere Flasche Whisky, Marke »Cloverleaf Bonde Kentucky Rye«, mit der sich Moses hinter den Bretterzaun zurückgezogen hatte, lag unberührt in der entspannten Hand. Die breite schwarze Gurgel klaffte, von Ohr zu Ohr geschlitzt. Jefferson Flack, Moses' verhaßter und hassender Nebenbuhler, 28 Jahre alt, Neger, hatte mit dem Rasiermesser saubere Arbeit gemacht. Er lag nun friedlich, unverdächtigt, unverfolgt bei Molly Fiske, ihrer gemeinsamen Geliebten, in deren Appartement an der East Pine Street. Moses war im Mondschein ermordet worden.

Eine halbverhungerte Katze strich lautlos den Bretterzaun entlang. Als die Glocke vom Amtsgericht sechs harte Schläge dröhnte, trappten acht Negerarbeiter vorbei, die Hosenböden ihrer Arbeitsanzüge steif von verhärtetem Zement. Jeder trug sein Mittagessen in einem zinnernen Träger. Die acht Mann marschierten in geschloßner Keilformation, wie ein sechzehnbeiniges Tier.

 

Mittlerweile vollzogen sich gleichzeitig folgende Ereignisse in der Nachbarschaft: –

Dr. H. M. McRae, 58 Jahre alt, aus Schottland gebürtig, Pfarrer der First Presbyterian Church, wusch seinen flechsigen Leib, kleidete sich an mit Stärkhemd und schwarzem Tuchanzug, rasierte sein hageres, sauberes, nicht alterndes Gesicht und verließ das Schlafzimmer seiner Wohnung in der Cumberland Avenue, um sein Frühstück, bestehend aus Haferbrei, trocknem Toast und gekochter Milch, einzunehmen. Sein Herz war rein, sein Sinn aufrecht, sein Glaube und sein Leben waren wie ein mit Bimsstein blankgescheuerter Tisch. Er betete ohne Anmaßung, er betete dreißig Minuten lang, er betete für das Heil aller Menschen und für den Erfolg aller guten Unternehmungen. Er war eine weiße, unauslöschliche Flamme, die von Liebe über den Tod hinaus leuchtet. Was er sprach, klang von steter Inbrunst, wie Stahl auf Stahl.

Im Dampfbad von Dr. Frank Engels Sanatorium an der Liberty Street sank Mr. J. H. Brown, der reiche Sportsmann und Verleger des »Altamont Citizen«, in traumlosen Schlaf. Er war fünf Minuten im Dampf und zehn Minuten in der Badewanne gewesen und hatte sich eine halbe Stunde lang im Trockenraum der fachmännischen Osteopathie des beliebten »Colonel Andrews« (so hieß Dr. Engels trefflicher Negermasseur) von den Sohlen seiner gichtischen Füße bis zu dem ädrigen Seidenglanz seines leicht blauroten Gesichts unterzogen.

Schräg gegenüber, im »Altamont City Club«, Ecke der Liberty Street und der Federal Avenue, sammelte ein verschlafner Neger in weißer Dienerjacke die verstreuten Spielmarken auf dem Tisch ein und verstaute sie säulenweis sortiert in Schachteln. Zu der Pokerpartie, die vor nicht ganz einer Stunde beendet wurde, hatten unter anderen Mister Henry Pentland junior und der vorerwähnte Mister J. H. Brown gehört.

Beim Verlassen der Frühstücksstube sprach Harry Tugman zu Ben: »Herrje, ich dachte, mir platzt 'ne Ader, als ich las, daß sie den Alten dort im Klosett aufgestöbert haben! Nachdem er andauernd in seiner blöden Zeitung druckte, die Stadt müsse von Lasterhöhlen gesäubert werden.«

Ben meinte: »Mich sollte es nicht wundern, wenn Judge Sevier eine Haussuchung bei ihm abhielte.«

Harry Tugman wurde ungeduldig: »Aber gewiß, das muß er doch! Übrigens, ich wette, daß ›Queen Elizabeth‹, die Puffmutter, hinter der Sache steckt. Sie weiß und erfährt alles und läßt sich so 'ne Konkurrenz nicht bieten. Der Alte hat schon seit 'ner Woche den Mund nicht aufgemacht, kaum daß er sich traut, den Kopf aus dem Büro zu strecken.«

 

In der Klosterschule der Heiligen Katharina an der Sankt Clements Road ging Schwester Theresa, die Mutter-Vorsteherin, behutsam durch den Schlafsaal und ließ neben jedem Bett die Fensterblende in die Höhe. Der Duft der Apfel- und Kirschblüte wehte sanft und kühl herein über die Reihe der schlafenden Rosenfräulein. Der Atem flog leis von den tauigen, halboffnen Mündern; rosiges Licht fiel auf die kissengestützten Armbeugen, die schmalen jungen Hüften, die krausen Nelkenknospen der Brüste. Am äußersten Ende des Saals lag ein dickes Mädchen, alle viere von sich gestreckt und schnarchte laut durch die bibbernden Lippen.

Erst in einer Stunde wird geweckt.

Von einem der kleinen weißen Tischchen zwischen den Bettstellen nahm Schwester Theresa ein Buch, das unvorsichtigerweise am Abend dort liegen geblieben war. Sie schlug es auf und las den Titel: The Common Law by Robert W Chambers. Unter dem grauen Bartanflug, über das ganze, große und grobknochige Gesicht huschte ein stilles, inniges Lächeln. Schnell nahm sie einen Bleistift in die knochige, erdfleckige Hand und kritzelte mit ihrer zackigen, männlichen Handschrift aufs Vorsatzblatt: »Schund, mein Kind! Lies es, damit Du es selbst merkst.«

Dann ging sie still, vollfüßigen Schritts ins Erdgeschoß hinunter, wo sie in ihrem Arbeitszimmer von Schwester Louise (Französisch), Schwester Berenice (Geschichte) und Schwester Mary (Alte Sprachen) zur Morgenbesprechung erwartet wurde. Als die Lehrerinnen gegangen waren, setzte sie sich an den Schreibtisch und arbeitete eine Stunde am Manuskript jenes Buches, das, bescheidnerweise als »Leitfaden für Höhere Schulen« bezeichnet, später ihren Namen überall, wo die edle Architektur der Prosa gewürdigt wird, berühmt gemacht hat: der großen »Biology«.

Es gongte im Schlafsaal, sie hörte das hohe, helle Lachen der jungen Mädchen. Sie erhob sich und sah durchs Fenster. Eine junge Nonne, Schwester Agnes, den Arm voll Pflaumenblüten, kam durch den Garten.

Drunten im Baumversteck, auf der Sohle des Biltburn-Tals, donnerte ein Zug auf den Schienen mit einem langgezognen, schrillen Pfiff.

Die Marktstände im Untergeschoß des Stadthauses wurden aufgemacht. Metzger in gestreiften Schürzen schwangen Hackbeile auf kaltes Frischfleisch, schmissen dicke Koteletts auf marmoriertes Fettpapier, schoben rascheingeschlagne Bündel den wartenden schwarzen Lieferjungen zu.

Der rassenbewußte Neger J. H. Jackson stand in seiner viereckigen Gemüseauslage. Seine zwei ernsten Söhne und seine bebrillte geschäftsmäßige Tochter halfen bedienen. Auf den Brettergestellen lagen, noch nach Morgenerde riechend, große krause Endivien, dicke Rettiche, noch Humusklümpchen an den zarten Wurzeln, quirlstielige junge Zwiebeln, frisch aus dem Beet gezupft, Spätsellerie und Frühkartoffeln, dünnrindige Citrusfrüchte aus Florida.

Am Stand nebenan verkaufte Sorrell Fische und Austern. Mit dem Schöpflöffel holte er aus der Tiefe einer in Eis gepackten Emailkanne Ladungen von Austern heraus und leerte sie in dicke Pappschachteln. Auf Eisbrocken gebettet, die ausgeweideten Bäuche weit geschlitzt, lagen Karpfen, Alsen, Forellen, Barsche.

 

Mister Michael Walter Creech, Metzgermeister, hatte sein Frühstück – Kalbsleber, Speck-und-Eier, heiße Biskuits und Kaffee – beendet. Er gab einem aus der Reihe der schwarzen Lieferjungen ein Zeichen. Die ganze Reihe sprang vorwärts wie eine Meute. Mit gehobnem Hackbeil und einem Fluch jagte er sie zurück. Der Glückliche, den er begünstigt hatte, kam nun und nahm das Auftragbrett mit den üppigen Überresten der Mahlzeit und einer halbvollen Kanne Kaffee. Da er gerade auf Lieferfahrt wegmußte, stellte er das Brett auf das Sägmehl am Ende der Schlächterbank, spuckte Speise und Trank ausgiebigst an, um sie vor dem Heißhunger seiner Kameraden zu bewahren, und fuhr laut und triumphierend lachend auf dem Fahrrad davon. Mister Creech blickte seine Nigger finster an.

Die Stadt hatte Mister Creechs afrikanisches Blut – ein Achtel seitens seiner väterlichen Großmutter »Yellow Jenny«, der Mulattin – so weit vergessen, daß sie bereit war, ihm einen politischen Posten einzuräumen. Aber Mister Creech selber vergaß es eben nie. Er schoß seinem Bruder Jay einen bittern Seitenblick zu. Jay, glückselig unwissend, daß des Hasses Ätzgift selbst eines Bruders Herz verzehren könne, stand vor seinem muldigen Holzblock, hackte begeistert Speerrippchen aus und sang dazu in seinem vollen Tenor das Lied vom »kleinen grauen Vaterhaus im Westen«:

»... wo blaue Augen blinken,
wenn sie den meinen winken ...«

Giftig blickte Mister Creech auf Jays gelbe Backen, auf das fettige Muskelgeschlabber der gelblichen Kehle, das versengte, krallige Haar. Bei Gott, dachte er in seiner Herzensnot, man könnte ihn für einen Mexikaner halten.

Jays goldene Stimme erreichte ihren Glanzpunkt. Mit delikater Zurückhaltung ging sie bei der letzten Note in ein hohes süßes Falsett über. Er hielt den Ton länger als zwanzig Sekunden. Alle Metzger ringsum hielten mit der Arbeit inne. Manche von ihnen, große stattliche Männer mit erwachsnen Kindern, wischten sich geschwind eine Träne aus dem Augenwinkel.

Die gesamte Zuhörerschaft ist restlos begeistert. Keine Seele rührt sich. Nicht einmal ein Hund oder ein Pferd wagt sich zu rühren. Als der letzte holde Ton in ein sommerfadenfeines Tremolo zerschmolz, trat jene tiefe Grabesstille, nein!, jene tiefe, tiefe Todesstille tritt ein, die den höchsten Triumph, den ein Künstler hienieden erreichen kann, darstellt. Irgendwo in der Menge seufzt eine Frau auf und sinkt ohnmächtig um. Unverzüglich tragen zwei gerade anwesende Boys Scouts sie davon und leisten ihr auf der Damentoilette erste Hilfe: der eine zündet ein muntres Feuerchen aus Fichtenreisig an, indem er zwei Feuersteine aneinanderschlägt; der andre aber macht aus einem zusammengeknüpften Taschentuch eine Aderpresse. Nun jedoch bricht ein Höllenlärm los. Damen reißen sich die Ringe von den Fingern, die Perlenketten vom Hals, reißen sich Chrysanthemen, Hyazinthen, Tulpen und Gänseblümchen von den kostbaren Büsten, während hochmodisch gekleidete Herren aus den Logen und Rängen ein Dauerbombardement von Tomaten, Salathäuptern, Eiern, Kartoffeln, Ochsentalg, Schweinsknöcheln, Fischköpfen, Seemuscheln, Koteletts und Würstchen unterhalten.

 

Zwischen den Marktständen wandelten, spähäugig und spürnasig, die Boardinghouse-Keepers von Altamont hin und her. Ob dick oder dünn, ob jung oder alt, die Lippen dieser Damen waren kampfbereit. Der Wille, billig einzukaufen und um alles zu feilschen, stand in ihren Mienen. Sie beäugten die Fische, sie betasteten die Gemüse, die petzten die Kohlköpfe, wogen die Zwiebelbündel in der Hand, öffneten Salathäupter. Man muß die Augen offen halten, oder die Leute ziehen einem die Haut ab. Und auf die faulen, nichtsnutzigen Niggerköchinnen ist gar kein Verlaß; die schmeißen mehr weg, als sie kochen. Mit harten Blicken sahen diese Damen einander ins Gesicht: Mistress Barett vom »Großvenor« der Mistress Neville vom »Glenview«, Mistress Ambler vom »Colonial« der Miss Mamie Featherstone vom »Ravencrest«, Mistress Ledbetter vom »Belvedere« – –

»Ach, Mistress Coleman, ich höre, daß Sie volles Haus haben?« sagte sie fragend.

»Ja, die ganze Zeit schon«, bestätigte Mistress Coleman. »Alles Dauergäste. Mit Touristen gebe ich mich gar nicht ab«, fügte sie hochmütig hinzu.

»Ach, mit Lungenkranken, die sich für gesund ausgeben«, entgegnete Mistress Ledbetter bissig, »könnte ich jederzeit volles Haus haben. Ich nehme sie einfach nicht. Erst neulich sagte ich ...« – –

Mistress Michalove vom »Oakwood« der Mistress Jarvis vom »Waverley«, Mistress Cowan vom »Ridgemont« der – –

Unsre Stadt ist glänzend darauf eingerichtet, den Ansprüchen des großen, ständig wachsenden Anstroms der Touristen, die die Gebirgsmetropolis besonders in den Hochsommermonaten besuchen, gerecht zu werden. Außer den Namen von acht großen Luxushotels allerersten Ranges und Rufes enthält das Verzeichnis der Handelskammer vom Jahre 1911 die Anschriften von 250 Privathotels, Boardinghouses und Sanatorien, die sämtlich den Bedürfnissen der Reisenden, die aus Geschäftsgründen oder vergnügungshalber oder auf der Suche nach Gesundheit kommen, zu genügen bestrebt sind.

Haltet das Passagiergut am Bahnhof an!!

 

Der Zeitungsträger Nummer 3 war mit seiner Route fertig. Leise schlich er über die gelbschleimige Veranda des Hauses an der Valley Street, leise ratterte er an der Tür, leise öffnete er und schlich durch die schwarze, miasmatische Luft zu dem Bett, in dem May Corpening lag. Sie war wie betäubt, sie murmelte etwas. Als er sie berührte, wandte sie sich ihm zu, schloß ihn in ihre üppigen, nackten, kupferglänzenden Arme und zog ihn zu sich.

Nun stapfte, den leeren zinnernen Essenträger schwingend, Tom Cline, der rußige Maschinist, die Treppe zu seiner Wohnung in Bartlett Street hinauf.

Nun kehrte Ben in Begleitung Harry Tugmans ins Zeitungsbüro zurück.

Und nun erwachte plötzlich im Gartenzimmer von Gants Haus in der Woodson Street – auf den lauten Weckruf seines Vaters – Eugen. Er wandte sein Gesicht voll auf, eine Augenblicksvision von rosenbehauchtem Blauhimmel und zarten Blüten, die langsam zu Boden schneiten.


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