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XXIV

Als Eugen dreizehn war, fuhr Eliza im Winter allein nach Florida. Sie gab ihn den Leonards in Pension.

Helene reiste in den Städten des Ostens und der Mittelweststaaten. Beängstigung und Verdruß nahmen zu. Sie sang ein paar Wochen lang in einem kleinen Kabarett in Baltimore. Dann ging sie nach Philadelphia. Am Musikverkaufsstand eines Einheitspreisladens saß sie vor einem abgespielten Klavier und trommelte volkstümliche Melodien, die Zunge zwischen den Zähnen, wenn sie einen neuen Schlager vom Blatt zu spielen versuchte.

Gant schrieb ihr zweimal die Woche, ein trübseliges, ausführliches Logbuch seiner Existenz. Manchmal schickte er ihr kleine Schecks, die sie nie einlöste, sondern aufsparte.

– »Deine Mütter«, schrieb er »hat mich wieder mal im Stich gelassen. Sie ist nach Florida gefahren, und da sitze ich allein und blas Trübsal nach Noten und friere und leide Hunger. Gott weiß, wie das alles noch werden soll in diesem furchtbaren, höllischen, fluchwürdigen Winter. Ich prophezeie Armenhäuser und Volksküchen, wie wir sie in Präsident Clevelands Zeit gehabt haben. Wenn die Demokraten an die Regierung kommen, dann kannst Du einstweilen anfangen, Deine Rippen zu zählen. Kein Geld auf den Banken, überall Arbeitslosigkeit. Du kannst Dich drauf verlassen, was der Steuereinnehmer nicht kriegt, wird unter den Hammer kommen, eh die Sache noch rum ist. Heut morgen war es 7 Grad kalt auf dem Thermometer, und dabei ist die Kohle 25 Cent die Tonne aufgeschlagen. Das nennt man den sonnigen Süden. Gestern ging ich an Wagners Kohlenhandlung vorbei, da stand der Alte am Fenster und grinste mit seiner unverschämten Teufelsfresse und weidete sich in Gedanken an der Qual der Witwen und Waisen. Ihm ists gleich, ob sie erfrieren oder nicht. Bob Grady wurde vorgestern vom Schlag gerührt, als er aus der Citizens Bank herauskam. War sofort tot. Ich habe ihn seit 25 Jahren gekannt; er war keinen Tag in seinem Leben krank. Alle, alle gehen sie dahin, die alten, vertrauten Gestalten, und der alte Gant wird als nächster dran glauben müssen. Seit Deine Mutter weg ist, esse ich mittags bei Mistress Sales. Du hast in Deinem Leben keinen so reichgedeckten Tisch gesehen, frisches Obst in ganzen Pyramiden, dazu Backpflaumen, Pfirsiche und Eingekochtes, dann Schweine-, Rinds- oder Kalbsbraten, kalte Platten mit Schinken und Räucherzunge und dazu ein halbes Dutzend Gemüse, und alles in einer Menge, daß es jeglicher Beschreibung spottet. Wie sie das für 35 Cent leisten kann, ist mir unverständlich. Eugen ist bei den Leonards in Pension, seit Deine Mutter weg ist. Ein- oder zweimal die Woche nehme ich ihn mit zu Mistress Sales, damit er sich mal satt ißt. Dort ziehen sie lange Gesichter, wenn er auf seinen langen Stelzen angerückt kommt. Gott weiß, wo er das Futter all verstaut. Er ißt mehr als drei Leute zusammen. Bei den Leonards hängt der Brotkorb ein bißchen hoch, will mir scheinen. Er hat den hagern Hungerblick der Gants. Armer Junge, er hat keine Mutter mehr. Ich tu mein Bestes für ihn, so lang ich kann. Leonard kommt jede Woche und tut dick mit dem Jungen. Er sagt, seinesgleichen gäbs nicht mehr. Alle Leute in der Stadt haben von ihm gehört. Neulich sprach ich mit Preston Carr, der sicher unser nächster Gouverneur werden wird, von ihm. Er riet mir, ich solle den Jungen auf die Staatsuniversität schicken und Jus studieren lassen, so daß er dort unter den Leuten aus seinem eignen Heimatstaat lebenslängliche Freundschaften schließt, und ihn dann in die Politik reinbringen. Genau das hatte ich auch schon gedacht und geplant. Ich lasse ihm eine anständige Schulbildung angedeihen, nun kommt es darauf an, daß er sein Teil tut. Vielleicht wird er dem Namen Gant Ehre machen. Du hast ihn nicht gesehn, seit er lange Hosen trägt. Seine Mutter hat ihm beim Weihnachtsausverkauf bei Moules in der Konfektionsabteilung einen schönen, neuen Anzug gekauft. Ich habe ihm dazu eine billige Hose bei Racketts im Laden erstanden, so kann er die guten Hosen für den Sonntag aufsparen. Deine Mutter hat die alte Scheuer bis zu ihrer Rückkehr an Mistress Revell vermietet. Ich ging ein paarmal hin und fand das Heim zum erstenmal geheizt und behaglich. Sie hat den ganzen Tag die Heizung an und knausert nicht mit Kohlen. Ben sehe ich kaum einmal die Woche. Er kommt nachts um eins oder zwei ins Haus, stöbert in der Küche rum und legt sich schlafen. Morgens, wenn ich weggehe, schläft er noch. Es ist nichts aus ihm rauszubringen, kaum, daß er einem ein paar Worte gönnt. Wenn ich mich in aller Ruh und Höflichkeit nach seinem Leben erkundige, dann ist er kurz angebunden und schneidet mir alle weiteren Fragen ab. Spät abends sehe ich ihn manchmal in der Stadt mit Mistress P. Die beiden hängen wie Pech und Schwefel zusammen. Sie scheint mir ein loses Vögelchen zu sein. Also Schluß für heut. – John Duke wurde Sonntagnacht im Whitestonehotel vom Hausdetektiv erschossen. Er war besoffen und wollte die Leute im Hotel übern Haufen schießen. Er hinterläßt drei Kinder. Sie kam heute zu mir ins Geschäft. Er war allgemein beliebt als Mensch; aber völlig unzurechnungsfähig im Suff. Mir blutete das Herz für die Arme. Sie ist so eine hübsche, kleine Frau. Der Alkohol hat mehr Elend angerichtet, als alle andern Übel auf der Welt zusammengenommen. Ich verfluche den Tag, an dem er erfunden wurde. Beiliegend ein kleiner Scheck, kauf Dir ein Geschenk dafür. Gott weiß, wohin es mit uns noch kommen wird. Dein geneigter Vater,

W. O. Gant.«

Sie hob jeden seiner Briefe gewissenhaft auf. Er schrieb auf dickes, glattes Geschäftspapier mit seiner verkrüppelten Hand, in großgespreizten, gotisch-zackigen Zügen.

 

In Florida unterdessen reiste Eliza an der Küste auf und ab. Sie starrte nachdenklich auf die noch kleine, sich entwickelnde Stadt Miami. Sie fand die Preise zu hoch in Palm Beach und die Mieten zu teuer in Daytona. So zog sie schließlich landeinwärts nach dem von Seen und Orangengärten umgebnen Orlando, wo die Pentlands ihre Ankunft erwarteten: Pett mit kalter Streitsucht im Gesicht und Will mit einer Grimasse jucklüsterner Nervosität, während er mit stumpfen Fingernägeln die schuppige Hautflechte an seiner Hand kratzte.

 

John Dorsey Leonard, völlig geistesabwesend, kreidespurig vom Kinn bis zum Knie, tastete seinen Anzug ab, denn er suchte seine Notizen für den Unterricht im Deutschen.

Tom Davies schaute belustigt, ein Kichern unterdrückend, zum Fenster hinaus. Guy Doak starrte Eugen mit verträumtem, starrem Ernst an und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

» Entgegen«, sagte Eugen, »folgt auf das Objekt.«

John Dorsey Leonard lachte unsicher, schüttelte den Kopf, tastete immer noch seine Taschen ab, um die Notizen zu finden.

»So sicher scheint mir das nicht zu sein«, sagte er. Schon wieder waren seine Gedanken wo anders.

Die ganze Klasse wieherte. Tom Davies bog sich vor Lachen. John Dorsey Leonard blickte auf, lachte mit, ohne genau zu wissen, warum.

John Dorsey Leonard war der deutschen Sprache glückselig unkundig. Von Zeit zu Zeit jedoch gelang es den Schülern, dem Lehrer ein bißchen Deutsch beizubringen. Täglich warteten sie hungrig auf die Deutschstunde. Sie waren stets glänzend vorbereitet. Sie übersetzten die Lektion glänzend und so schnell, daß er nicht folgen konnte. Das bestürzte Gesicht, das er dann machte, belustigte sie sehr. Manchmal machten sie absichtlich Fehler oder unterschoben dem Text einen völlig absurden Sinn oder erfanden nicht existierende Vokabeln, lediglich um über die umsichtig-unsichern Richtigstellungen des Lehrers zu lachen.

»Langsam kroch das Licht des Mondes über den Stuhl, in dem der Alte saß; es reichte ihm bis zu den Knien, bis zur Brust und schließlich ...« – Guy Doak sah den Lehrer verschmitzt an – »versetzte es ihm einen Stoß ins Auge.«

»Nei-ein«, sagte John Dorsey Leonard und rieb sich das Kinn, »nicht ganz so. ›Und traf ihn ins Auge‹ wäre meiner Meinung nach besser übersetzt.«

Tom Davies lachte gurgelnd, die ganze Klasse wartete darauf, daß der Lehrer, wie er es immer tat, nun das Buch zu Rat ziehen würde. Er tat es prompt.

»Wir wollen uns mal vergewissern«, sagte er und schlug nach. Guy Doak warf Eugen einen verkrumpelten Zettel zu. Eugen las:

»Gib mir ein Stück Papier.
Before I bust you on the ear.«

Eugen löste zwei Blätter von seinem Schreibblock und schickte sie ihm mit der Antwort:

»Du bist wie eine bum-me.«

Sie lasen klebrig-süße Erzählungen, feiste deutsche Tränenschluckser: »Immensee«, »Höher als die Kirche«, »Der zerbrochene Krug«. Und sie lasen »Wilhelm Tell«. Das Eingangslied, der unirdische Gesang der Sirene an den Fischerbuben, bezauberte sie mit der Märchenmusik des feinen, lyrischen Versmaßes. Das schwerfällige Melodrama einiger Szenen hatte nichts Abgedroschnes für sie. Eifrig lasen sie vom Apfelschuß und der Flucht aus dem Boot. Im übrigen war das Stück, wie sie ermüdet anerkannten, große Literatur. Der Mister Schiller war von schönen, freiheitlichen Ideen geradezu religiös beeindruckt, ganz wie Patrick Henry, George Washington und Paul Revere. Seine wackern Schweizer sprangen pompös von Felszack zu Felszack und riefen die Freiheit in langwindigen Reden an.

»Die Berge«, bemerkte John Dorsey Leonard in einem glücklichen, vom Genius des Orts eingegebnen Augenblick, »die Berge sind der angestammte Sitz des Freiheitsgedankens.«

Eugen sah durchs Fenster auf die Bergkette im Westen. Er hörte, ganz aus der Feme, einen Zugpfiff und leisen Schienendonner.

 

Während jener Abwesenheit Elizas hauste Eugen mit dem fünf Jahre älteren Guy Doak zusammen.

Guy Doak war Yankee; er stammte aus Newark im Staate New Jersey. Er hatte die Sprödigkeit des Neuengländers; er zwängte die Worte durch die Nase, wie es die Yankees tun. Seine Mutter war vor ein oder zwei Jahren aus Gesundheitsgründen nach Altamont gezogen; sie hatte ein Boardinghouse. Sie war tuberkulös und verbrachte einen Teil des Winters in Florida.

Guy Doak hatte eine hübsche, forsche Figur, war mittelgroß, hatte schwarzes Haar und blitzend dunkle Augen. Sein bleiches, sehr glattes, ovales Gesicht mit dem vollen Kinn, das die untre Gesichtshälfte schwerer machte als die obre, erinnerte Eugen irgendwie an einen Fischbauch. Guy Doak war stutzerhaft angezogen; die Leute nannten ihn einen gut aussehenden Jungen.

Er schloß sich nirgends an. Den Jungen in Leonards Schule erschien dieser Yankee viel ausländischer als ein andrer Mitschüler, der reiche Kubaner Manuel Quevado. Manuel gehörte einem üppigeren Süden an, aber er war Südländer wie sie; sie verstanden ihn. Der Nordländer Guy Doak dagegen hatte nichts von ihrer harmlosen Heiterkeit, nichts von ihrer herzhaften Heftigkeit. Er lachte nie laut. Er hatte einen scharfen, hellen, aber seichten Verstand und war unbeugsam dogmatisch. Er lebte im falschen Realismus der Yankees; die anderen waren im üblen Romantizismus der alten Südstaaten zuhaus. Guy Doak hatte bereits den infantilen Zynismus des amerikanischen Städtebewohners angenommen. Öfters machte er irgendeinen Spaß mit, nie jedoch benahm er sich anders dabei als ein Städter, der sich mal unter blöden Bauernlümmeln gehn läßt. Er war klug, in erster Linie war er klug. Seine Lebenseinstellung ging von der Annahme aus, daß die Wahrheit unvermeidlich das Schafott besteigen müsse, daß das Unrecht ewig auf dem Thron säße; so ließ er sich denn von der Hinmetzlung der Unschuld keineswegs imponieren, sondern sah dem Schauspiel bitter amüsiert zu.

Abgesehen davon war Guy Doak ein recht famoser Kerl: forsch, hartköpfig, ohne Subtilität und mit seinem Mutterwitz zufrieden. Er und Eugen hausten im ersten Stock von Leonards Haus. Nachts saßen sie auf ihrer Bude vor dem großen, knisternden Holzfeuer im Kamin, lauschten, auf den Wintersturm in den großen Bäumen und auf den verstohlenen Tritt des Lehrers, der die knarrende Treppe herunterkam und vor ihrer Tür stehen blieb. Sie aßen am Tisch mit der Familie. Da saßen: Margaret, John Dorsey, Miss Amy, der neunjährige John Dorsey junior, die fünfjährige Margaret und außerdem zwei Neffen Leonards: der achtzehnjährige Tyson Leonard, der ein Frettchengesicht hatte und üble Reden führte, und der siebzehnjährige Dirk Barnard, ein großer, schlanker Bursch mit knolligem Gesicht und braunen, lustigen Augen, der sehr jähzornig war. Die Jungen unterhielten ein geheimes Verständnis hei Tisch; einer pflegte dem andern die Gabel in die Weichen zu stoßen. Während John Dorsey Leonard lange Tischgebete sprach, unterhielten sie sich mit Blicken, Geflüster, verstohlenen Bewegungen und unterdrücktem Lachen. Nachts klopften sie Gespensterbotschaften an Decken und Fußböden, hielten kichernde Zusammenkünfte in der Diele ab und flohen eiligst in ihre unberührten Betten, wenn John Dorsey auf sie hereinstürmte.

Leonard hatte einen schweren Stand, um die kleine Privatschule am Leben zu erhalten. Er hatte nicht ganz zwanzig Schüler im ersten, knapp dreißig im zweiten Schuljahr. Von den dreitausend Dollar, die an Schulgeld eingingen, mußte er Miss Amy, die eine gute Lehrstelle an einer höheren Schule aufgegeben hatte, um ihm zu helfen, ein kleines Gehalt zahlen. Die Installation in dem alten, eichenumstandnen Haus auf dem schönen Hügel taugte nicht mehr viel, die Gänge waren zugig. Leonard hatte das Anwesen für billiges Geld in Pacht. Aber die dreißig Jungen sorgten für tüchtige Abnützung, und Leonard mußte beträchtliches Geld für Reparaturen und Unterhalt auswerfen. Die Leonards kämpften tapfer und hartnäckig.

Das Essen war karg und mager. Zum Frühstück gab's wässerigen Haferbrei, Eier und Toast; mittags eine dünne Suppe, heißes, saures Maisbrot und ein Gemüse mit fettem, gekochtem Schweinefleisch; abends heiße Biskuits, Hackbraten und Rahm- oder Pellkartoffeln. Kaffee und Tee waren verpönt. Aber frische, sahnige Milch war im Überfluß da. John Dorsey Leonard hielt immer seine Kuh und molk sie eigenhändig. Gelegentlich gab es eine hohe, knusprige Obsttorte oder gewürztes Ingwerbrot oder kleine heiße Formenkuchen aus duftigem, dottergelbem Teig. Dann hatte Margaret selbst gebacken. Sie war eine glänzende Köchin.

 

Manchmal abends nahm Guy Doak Reißaus. Er kletterte aus dem Fenster, ließ sich an der Seitenveranda herunter und verschwand auf dem Weg unter den großen, sturmgepeitschten Bäumen. Nach zwei Stunden kam er zurück, kletterte lachend zum Fenster herein. Er brachte in einer Düte etwas zum Futtern mit: Brote mit Frankfurter Würstchen belegt, dick mit Senf bekleckert und mit feingeschnittenen Zwiebeln und einer mexikanischen Pfeffersauce scharf gewürzt. Verschmitzt grinsend wickelte er zwei Fünf-Cent-Zigarren aus, die sie großartig und kühn rauchten. Sie bliesen den Rauch zum Kaminschlot hinauf, um etwaigen Überraschungen durch den Schulmeister vorzubeugen. Und außerdem brachte Guy Doak die Neuigkeiten aus dem Städtchen mit, den guten Salzgeruch der Gespräche auf den Straßen und in den Lokalen und die Renommisterei der Galane, die er in der Drogerie getroffen hatte.

Da saßen sie und futterten und pafften und sahen einander wohlgefällig kichernd und gahlernd und lächernd und lachend an. Die unmittelbare Hitze des Kaminfeuers strahlte sie an; ums Haus heulte der dunkle, gigantische Wind, weither, weithin über die Erde. O du gehegte, warm im Winkel gegen diese Winternacht geborgne Liebe! O schöne, heiße Frauen, die ihr in einer Hütte im Wald, in der hochgebauten Stadt über dem stöhnenden Meer wohnt: ich komme, ich komm!

Guy Doak ahmte den Schulmeister nach: mit der rechten Hand nestelte er sich am Bauch, mit der linken Hand fuhr er sich ums Kinn: »Wir wollen uns mal vergewissern«, mimte er.

Ihr Lachen hallte von den Wänden. Zu spät hörten sie den verstohlnen Tritt des Schulmeisters auf den knarrenden Dielen. Später dann: Stille, Dunkelheit, Wind.

 

Miss Amy klappte das kleine, peinlich sauber geführte Notizbuch, in das sie die Noten eintrug, zu. Sie reckte die Arme aus und gähnte. Eugen sah sie hoffnungsvoll an und an ihr vorbei auf den Schulhof und ins Abendrot hinaus. Sein Betragen war mangelhaft; er war wild, zügellos, unbeherrscht, konnte den Mund nicht halten, konnte nie einen Tag lang Frieden geben. Die Leonards waren bestürzt. Sie liebten ihn und straften ihn fromm, wohlwollend. Täglich, wenn die Schule aus war, mußte er nachsitzen.

John Dorsey Leonard machte sich Bemerkungen; er schrieb jedes unzulässige Geflüster, jede unzulängliche Vorbereitung auf. Nachmittags dann verlas er die Namen der Sünder und brummte ihnen unterm Protestgemurmel der Klasse die Strafen auf. Einmal brachte Eugen es fertig, einen ganzen Tag lang ohne Eintrag durchzukommen. Triumphierend stand er vor dem Schulmeister. John Dorsey Leonard sah nach, lachte albern und packte den Jungen gutmütig am Arm.

»Das muß ein Irrtum sein, Eugen. Du bist bloß nicht erwischt worden«, sagte er. »Ich lasse Dich aus Prinzip nachsitzen.«

Er bog sich vor Lachen. Eugen schossen die Tränen in die Augen vor Zorn und Überraschung. Er vergaß es nie.

 

Miss Amy gähnte, lächelte ihn mit träger, mächtiger, wohlwollender Verachtung an.

»Geh jetzt«, sagte sie. »Ich mag mich nicht länger plagen mit Dir. Du bist keinen Schuß Pulver wert.«

Margaret war gerade eingetreten, das Gesicht tiefgefurcht, die rauchdunklen Augen voll von zarter Bestimmtheit und verstecktem Lachen.

»Was ist los mit dem Racker?« fragte sie. »Kann er keine Algebra lernen?«

»Lernen könnte er schon«, sagte Miss Amy gemächlich. »Alles könnte er lernen. Er ist faul, daran liegt's. Einfach und rundheraus faul.«

Sie gab ihm mit dem Lineal einen Klaps über die Schenkel.

»Mit dem da möchte ich Dir mal einheizen«, lachte sie mit träger voller Stimme. »Dann würdest Du lernen.«

»Hör mal«, sagte Margaret und schüttelte ablehnend den Kopf. »Laß ihn in Frieden. Man soll dem Faun nicht hinter die Ohren gucken. Reg' Dich nicht auf wegen der Algebra, das ist für arme Leute. Algebra ist überflüssig, wo zweimalzwei Fünf macht.«

Miss Amy sah Eugen mit ihren schönen, dunklen Augen an und entließ ihn mit betont abfälliger Gebärde: »Geh jetzt, ich hab genug von Dir!«

Barhaupt, mit einem wilden Freudengeheul, rannte er aus der Tür und setzte über das Terrassengeländer.

»Junge!« rief ihm Margaret nach. »Wo ist Dein Hut?«

Er grinste, galoppierte zurück, holte einen grünen, weichen Filzfetzen und stülpte ihn über sein wirres Haar.

»Komm mal her«, sagte Margaret ernst. Mit nervösen Fingern band sie ihm die verkordelte Krawatte gerade, zog ihm die Weste herunter, knöpfte ihm den Rock ordentlich zu, während er sie mit einem teuflischen Grinsen ansah. Plötzlich lachte sie auf.

»Guter Himmel!« sagte sie. »Schau Dir mal so einen Hut an!«

Miss Amy lächelte ihn an, unbeteiligt wie eine Katze.

»Du mußt Dich ein bißchen besser herrichten, Eugen«, sagte sie, »damit die Mädchen ein Auge auf Dich werfen.«

Margaret lachte.

»Kannst Du Dir vorstellen, daß er einem Mädchen den Hof macht?« fragte sie. »Das arme Gör, sie müßte ja denken, ein Dämon hätte sich in sie verliebt.«

Seine Augen blickten sie an mit einer dunklen, geheimnisvollen Schönheit.

»Troll Dich, Du Zigeuner!« befahl sie.

Er rannte, einen wilden Tierschrei in der Kehle, mit großen Sprüngen den Weg hinunter.

»Laßt ihn in Ruh!« flüsterte sie zu niemandem. Ihre Augen schwammen. »Laßt ihn in Ruh!«

 


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