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XXXV

Es ging an diesem Tag kein Zug mehr. Heston beruhigte Eugen während des Abends; er gab ihm einen starken, mit Laboratoriumsalkohol selbsthergestellten Gin zu trinken. Eugen wurde still; babbelte dann wieder unzusammenhängendes Zeug; er richtete hundert Fragen über die Krankheit an den Mediziner.

»Wenn's doppelseitige Lungenentzündung wär', dann hätt' sie's doch gesagt. Glaubst Du nicht auch, Heston, wie?« fragte er fiebrig.

»Ich persönlich würde es annehmen«, sagte Heston, der stille, gütige Mensch.

Eugen fuhr am nächsten Morgen nach Exeter zum Zug. Den ganzen gedunsenen Tag rollte er durch den trüben, grauen Staat. Dann mußte er auf einem Umsteigebahnhof ein; paar Stunden warten. Schließlich, als es dunkel wurde, trug ihn der Zug auf das Gebirg zu.

Er lag in seiner Pullmankoje und starrte mit heißen, schlaflosen Augen auf die schwarze Erde, auf den dunklen Umriß der. Berge hinaus. Kurz nach Mitternacht verfiel er in einen nervösen Schlaf. Er wachte auf vom Schienengeratter, als der Zug in Altamont einfuhr. Er war verdöst, halbangezogen. Das Zischen und der Ruck der Bremse brachten ihn ganz zur Besinnung. Einen Augenblick später sah er durch die Bettvorhänge in die ernsten Gesichter von Lukas und Hugo Barton.

»Ben ist sehr krank«, sagte Hugo Barton.

Eugen zog seine Schuhe an und sprang aus der Koje herunter; er steckte Kragen und Schlips in die Manteltasche.

»Gehn wir!« sagte er, »ich bin fertig.«

Sie gingen leis den vom Schnarchen der Fahrgäste durchdröhnten Gang hinauf. Als sie aus dem öden Bahnhof auf Hugo Bartons Auto zusteuerten, fragte Eugen den Seemann:

»Wann bist Du gekommen, Lukas?«

»Gestern abends spät«, sagte Lukas. »Ich bin erst ein paar Stunden da.«

Es war vier Uhr dreißig früh. Das häßliche Bahnhofsviertel starrte ihn an wie etwas Entsetzliches in einem Traum. Die plötzliche Heimkehr erhöhte den Eindruck der Unwirklichkeit. In einem der Autos, die längs des Bürgersteigs geparkt waren, schlief der Chauffeur zusammengerollt unter seiner Wolldecke. Im griechischen Restaurant hockte ein Mann, das Gesicht auf den Bartisch gelegt. Die Laternen brannten matt und trüb. Ein paar Zimmerfenster in den Fassaden der billigen Bahnhofshotels waren halbhell vom wolllüstig-gedämpften Glosen der Bettlampen.

Hugo Barton, der sonst sehr vorsichtig chauffierte, ließ den Wagen anspringen, fuhr scharf an, wechselte kreischend die Gänge. Sie sausten mit Achtzigkilometergeschwindigkeit durch die rachitischen Elendsviertel.

»Be-be-ben ist sicher schwer daneben, be-be-befürcht' ich«, fing Lukas an.

»Wie ist es gekommen, sagt mir das doch!« fragte Eugen.

Ben hatte sich an einem von Daisys Kindern mit Grippe angesteckt. Krank und fiebrig hatte er sich einen oder zwei Tage, ohne sich ins Bett zu legen, im Haus herumgetrieben.

»In dieser go-go-gottverdammten kalten Scheuer!« platzte Lukas heraus. »Wenn er stirbt, ist es, w-w-weil er nicht warm genug kriegen ko-ko-konnte!«

»Laß das jetzt!« rief Eugen gereizt. »Weiter?!«

Schließlich hatte Ben sich zu Bett gelegt, und Mistress Pert hatte ihn zwei Tage lang gepflegt.

»Sie war die Einzige, die was für ihn t-t-tat«, sagte der Seemann.

Schließlich hatte Eliza Cardiac zugezogen.

»Dieser verda-da-dammte Quacksalber!« stotterte Lukas.

»Laß das doch!« schrie Eugen. »Warum jetzt schimpfen? Weiter?!«

Nach ein bis zwei Tagen war Ben allem Anschein nach Rekonvaleszent. Cardiac sagte, er könne aufstehn, wenn er wolle. Ben war aufgestanden und hatte sich einen Tag lang, fluchend vor Wut, im Haus rumgetrieben, aber am nächsten Tag mußte er wieder das Bett hüten. Er hatte hohes Fieber. Schließlich wurde Coker zugezogen.

»Hätten sie gleich tun sollen«, grollte Hugo Barton, übers Steuerrad gebückt.

»Laß das doch jetzt!« gellte Eugen. »Weiter?!«

Und Ben war verzweifelt krank, doppelseitige Lungenentzündung, seit zwei Tagen. Der traurig-prophetische Bericht gab einen kurzen, furchtbaren Einblick in die Öde, die Saumsal und den Verfall ihrer Leben. Sie verstummten vor der unerbittlichen Tragik ihres Daseins. Sie hatten nichts zu sagen.

Der große Wagen sauste surrend auf den öden, kalten Stadtplatz hinauf. Der Eindruck der Unwirklichkeit verstärkte sich in Eugen. Er dachte an sein Leben, an die glänzenden, verlornen Jahre vor diesem gemeinen, schäbigen Gehudel aus Stein, Backstein und Mörtel. Ben und ich, dachte er, ... was haben wir damit zu schaffen? Vor diesem Rathaus, dieser Bank, diesem Kramladen? Warum hier? In Gath oder Ispahan, in Korinth oder Byzanz. Nicht hier, nicht hier. Es ist nicht wirklich.

Das Auto hielt vor Dixieland. Ein trübes Licht brannte in der Diele, Erinnerungen weckend an Feuchtigkeit und Finsternis. Ein wärmeres Licht brannte im Empfangszimmer, die herabgezognen Blenden des hohen Fensters schimmerten in einem warmen Gelbrot.

»Ben liegt im ersten Stock«, wisperte Lukas, »dort, wo Licht brennt.«

Eugens Lippen waren kalt und spröd. Er blickte auf zu dem Vorderzimmer, das ein Erkerfenster im gräßlichen Stil der Gründerjahre hatte. Es lag neben der Schlafaltane, wo vor noch nicht fünf Wochen Ben seine wilden Flüche auf das Dasein ins Dunkel gegellt hatte. Das Licht im Erker glomm grau, es beschwor eine Vision von Tod und Terror herauf.

Die Drei gingen leis durch den Vorgarten und traten ins Haus. Stimmen und Geschirrgeklapper drangen gedämpft aus der Küche.

»Papa ist hier drin«, sagte Lukas.

Eugen trat ins Empfangszimmer. Gant saß vor einem hellen Kohlenfeuer. Er sah mit dumpfem, ungewissem Blick auf.

»Hallo, Papa!« sagte Eugen und ging zu ihm.

»Hallo, Sohn«, sagte Gant. Er küßte den Sohn mit seinem stachligen, kurzgestutzten Schnurrbart. Seine dünnen Lippen fingen an, wehleidig zu beben. Er schnüffelte.

»Hast Du gehört, wie es um Deinen Bruder steht? Daß mir das auferlegt wird, alt und krank wie ich bin! O Jesus, es ist furchtbar ...«

Helene kam aus der Küche.

»Hallo, Langer!« sagte sie, Eugen herzlich umarmend. »Wie geht's Dir, Lieberchen? Du bist in der Zwischenzeit ja schon wieder zehn Zentimeter gewachsen!« Sie lachte hämisch. »Also halt den Kopf hoch, Eugen! Schau nicht so trübselig drein. Wo Leben ist, ist auch Hoffnung. Er ist noch nicht hinüber, damit Du's weißt.« Sie brach in Tränen aus, düster, haltlos, hysterisch.

»Daß das über mich kommen muß!« schnüffelte Gant, der mechanisch auf ihren Kummer reagierte. Er schaukelte auf und ab, auf den Krückstock gestützt, mit dem er sich abstieß. Er starrte ins Feuer und flennte: »Hu-hu-hu-hu! Was hab ich denn getan, daß Gott ...«

»Schweig sofort still!« befahl hitzig wütend Helene. »Augenblicklich hältst Du's Maul! Ich will nichts mehr von Dir hören! Ich hab Dir mein Leben dargebracht. Alles ist für Dich getan worden. Und Du wirst noch herumlaufen, wenn wir andern alle unterm Boden sind. Nicht Du bist der Kranke hier im Haus!« Ihr Gefühl für ihn war in diesen Tagen zänkisch und bitter geworden.

»Wo ist Mama?« fragte Eugen.

»In der Küche«, antwortete sie. »Sag ihr erst guten Tag, eh Du zu Ben rauf gehst.« Beim Hinausgehn flüsterte sie heiser: »Also vergiß drauf! Es ist jetzt nichts mehr dran zu ändern.«

Er fand Eliza vor dem Gasherd. Sie hantierte mit mehreren Kesseln kochenden Wassers herum. Sie schwankte, war unbeholfen, schien überrascht und verwirrt, als sie ihn sah.

»Wie? Um alles in der Welt! Aber Eugen! Wann bist Du angekommen?«

Er umarmte sie. Durch die Maske der Sachlichkeit hindurch gewahrte er das Entsetzen in ihrem Herzen. In ihren stumpfen, schwarzen Augen blitzten die Messer der Angst.

»Wie geht's dem Ben, Mama?« fragte Eugen ruhig.

»Ei – – – ei – –!« Sie schürzte nachdenklich die Lippe. »Ich hab gerade, eh Du reinkamst, mit Doktor Coker gesprochen. ›Schaun Sie‹, hab ich gesagt, ›ich will Ihnen was sagen: ich glaube, es steht nicht halb so schlimm um ihn, als es aussieht. Wenn wir ihn jetzt bis zum Morgen durchbringen können, dann, glaub ich, wird eine Wendung zum Bessern eintreten.‹«

»Mama! Um Himmels willen!« platzte Helene zornig heraus. »Wie bringst Du's nur fertig, so zu reden? Bist Du Dir denn wirklich noch nicht klar darüber, daß Bens Zustand höchst kritisch ist? Wirst Du denn nie aufwachen?«

Ihre Stimme klang geborsten vor Hysterie.

»Nun, ich will Dir was sagen, Sohn«, begann Eliza wieder. Sie lächelte mit bebenden Lippen. »Wenn Du zu ihm reingehst, dann stell Dich so, als wüßtest Du gar nicht, daß er krank ist. Ich an Deiner Stelle würde einfach einen herzlichen Spaß machen. Ich würde fröhlich herauslachen und frisch von der Leber weg zu ihm sagen: ›Da schau einmal an! Da dachte ich, ich käme einen Kranken besuchen, und was seh ich? Pah! Ei, ei!‹ würde ich sagen. ›Dir fehlt ja überhaupt nichts. Gut die Hälfte ist nichts wie Einbildung!‹«

»Ach, Mama, um Christi willen!« sagte Eugen außer sich vor Wut. »Um Christi willen!«

Er wandte sich ab. Das Herz zog sich ihm zusammen. Er griff sich an die Gurgel.

Dann ging er mit Helene und Lukas leise in den ersten Stock. Vor dem Krankenzimmer blieben sie stehn. Eugens Glieder waren kalt und blutlos; ihm war, als hätte sein Herz ausgesetzt. Sie flüsterten, ehe er eintrat. Die elende Verschwörerei angesichts des Todes entsetzte ihn.

»Bleib nur 'ne M-m-minute«, wisperte Lukas. »M-m-mach ihn nicht nervös.«

Eugen riß sich zusammen und folgte Helene blindlings ins Zimmer.

Ihre Stimme klang herzhaft: »Guck mal, wer da zu Besuch kommt!« sagte sie. »Die lange Latte ist's!«

Einen Augenblick lang konnte Eugen vor lauter Angst nichts sehn. Ihm schwindelte. Das Licht war mit einem grauen Lampenschirm so stark abgeblendet, daß das ganze Zimmer außer dem Bett im Halbdunkel lag. Alsbald erkannte Eugen die Krankenpflegerin Bessie Gant und Cokers langen gelben Totenschädel, der ihn, eine lange, angekaute Zigarre zwischen den Zähnen, trübselig angrinste. Und dann, unter dem grellen, furchtbaren Licht, das unmittelbar auf das Bett fiel, sah er Ben. Und in diesem Augenblick verzehrender Erkenntnis sah er, was sie alle gesehn hatten: Ben lag im Sterben.

Bens langer, dürrer Leib stak dreiviertels unterm Bettzeug; der hagere Umriß, vor Qual und Anstrengung verrenkt, zeichnete sich unter der Decke ab. Dieser Körper schien nicht mehr zu Ben zu gehören; abgetrennt und verkrümmt war er wie der Rumpf eines Enthaupteten. Und das fahle Gelbweiß des Gesichts war grau geworden. Und um dieses granitne Todesgrau, beflackert von zwei kleinen roten Fieberfahnen, wuchs der schwarze Ginster eines dreitägigen Stoppelbarts. Dieser Bart war gräßlich; er drängte einem den Gedanken auf an die verruchte Lebenskraft des Haares, das noch an verwesenden Leichen weiter wächst. Ben bleckte die weißen, unheimlich und wie tot wirkenden Zähne; seine Lippen waren in der qualstarren Grimasse des Erstickens verzerrt. Stoßweise und keuchend zog er ein bißchen Luft in die Lunge. Und dieses Nachluftschnappen, dieses Röcheln, – laut, rauh, heiser, schnell, unglaublich –, das von Augenblick zu Augenblick das ganze Zimmer wie ein Orchester erfüllte, gab der Szene die abschließende Note des Grauenhaften.

Ben lag auf dem Bett, im gesammelten grellen Licht, und sie sahen, auf ihn herunter: er lag wie ein riesenhaftes Insekt auf dem Tisch eines Naturforschers und kämpfte, während sie zusahen, um seinem armen, verzerrten Leib das Leben zu erhalten, das keine Macht der Welt halten konnte. Es war ungeheuerlich und roh.

Als Eugen hinzutrat, fiel Bens angstheller Blick zum erstenmal auf den jungen Bruder. Und körperlos, ununterstützt hob er seine gepeinigte Lunge aus den Kissen, packte Eugen wild an den Handgelenken mit heißen, weißen verkrampften Fingern und keuchte wie ein furchtsames Kind: »Warum bist Du da, Eugen? Warum bist Du zu Haus?«

Eugen stand bleich und stumm, von Mitleid und Entsetzen gelähmt.

»Wir haben Ferien, Ben«, sagte er. »Sie mußten die Universität schließen wegen der Grippeepidemie.«

Dann wandte er das Gesicht jäh ab und starrte in das grauschwarze, schlammige Halbdunkel, geschlagen vor Scham über seine armselige Lüge, unfähig, Ben länger ins Auge zu sehn.

»Jetzt aber raus mit Dir, Eugen!« befahl Bessie Gant. »Vorwärts, raus! Du auch, Helene! Ich habe genug an einem verrückten Gant im Zimmer. Zwei weitere sind mir zuviel.« Sie sagte das ruppig, unangenehm lachend.

Sie war eine dürre Person, 38 Jahre alt, mit Gants Neffen Gilbert verheiratet. Sie stammte aus dem Gebirg; sie war grob, hart, vulgär. Es war wenig Mitgefühl in ihr. Elend, Krankheit und Tod genoß sie mit kalter Lust. Ihre Unmenschlichkeit bemäntelte sie mit ihrer Berufsauffassung: »Wenn ich als Krankenschwester meiner Gefühlsduseligkeit nachgäbe«, sagte sie, »was sollte dann aus den Patienten werden?«

Als sie wieder draußen auf dem Gang waren, sagte Eugen ärgerlich zu Helene:

»Warum habt Ihr dieses gemeine Biest hier? Ich kann sie nicht ausstehn! Kein Mensch kann gesund werden, wenn diese Person um ihn herum ist.«

»Du kannst sagen, was Du willst, sie ist eine ausgezeichnete Pflegerin.« Dann, ganz leise, fragte sie ihn: »Was hältst Du von ihm?«

Eugen wandte sich ab mit verkrampfter Gebärde. Sie brach in Tränen aus und ergriff seine Hand.

Lukas wippte und tändelte und kicherte und zappelte verlegen herum; er schnaufte laut und zog nervös an einer Zigarette. Eliza verzog andauernd den Mund und lauschte gespannt nach der Tür des Krankenzimmers. Sie hatte, vollkommen zwecklos, einen Kessel mit heißem Wasser in der Hand.

»Heh-huh-hah? Was sagt Ihr da?« fragte sie, ehe noch jemand was gesagt hatte. »Wie geht's ihm denn?« Ihre Augen wanderten schnell von einem zum andern.

»Geht doch fort! Fort!« knurrte Eugen wild. Seine Stimme wurde hart. »Könnt Ihr denn nicht wenigstens weggehn?«

Der Seemann mit seinem nervösen Geschnauf und seinen großen, linkischen Füßen machte ihn wütend. Und Eliza mit ihrem sinnlosen Wasserkessel, ihrem vergeblichen Lauschen, ihren Huhs und Hahs und Hehs reizte ihn noch mehr.

»Wißt Ihr nicht, daß er nach Luft ringt? Wollt Ihr ihn denn erwürgen?«

Die Häßlichkeit und die Qual des Sterbens schnürten ihm die Kehle. Und die Familie, die mit ihrem Geflüster und ihrem zwecklosen Gepussel herumstand und ihren furchtbaren Todeshunger an Bens Sterben sättigte, machte ihn wahnsinnig, bald aus Mitleid, bald vor Wut.

Nach einer Weile gingen sie unschlüssig, immer noch auf das Geröchel aus dem Krankenzimmer horchend, ins Erdgeschoß hinunter.

»Also, ich will Euch was sagen«, begann Eliza hoffnungsvoll, »ich hab so ein Gefühl, ich weiß nicht recht, ob ich es so nennen soll, also mir schwant so was ...« Sie sah sich linkisch um und entdeckte, daß sie allein dastand. Dann ging sie nach hinten in die Küche zu ihren Töpfen und Pfannen.

Helene, das Gesicht hysterisch verkrampft, zog Eugen in eine Ecke der Diele und wisperte:

»Hast Du den Sweater gesehn, den sie anhat? Du hast ihn gesehn, nicht wahr? Er ist so-o-o schmutzig!« Sie brütete einen Augenblick vor sich hin. »Weißt Du auch, daß er ihren Anblick nicht ausstehn kann? Sie kam gestern rauf an sein Bett, und ihm wurde ganz übel. Er drehte das Gesicht weg und sagte ›Oh Helene, um Gottes willen. schick sie raus!‹ Da hast Du's jetzt gehört, verstehst Du? Du weißt es jetzt, nicht wahr? Er will sie nicht im Zimmer haben, er kann ihre Gegenwart nicht ertragen.«

»Hör auf! Um Gottes willen, Helene, hör auf!« sagte Eugen und krallte sich an der Kehle.

Helene war in diesem Augenblick irrsinnig vor Haß und Hysterie.

»Es ist gewiß furchtbar, daß ich so was sage, aber wenn er stirbt, werde ich sie hassen. Glaubst Du, ich könnte es je vergessen? Wie sie an ihm gehandelt hat! Glaubst Du, ich könnte das?« Sie keifte halblaut mit aufgerauhter, überschrieener Stimme. »Sie hat ihn vor ihren Augen sterben lassen. Gestern noch, als seine Temperatur auf 104 Grad Fahrenheit stand, unterhielt sie sich mit dem alten Doctor Doak über ein Baugrundstück. Kannst Du Dir so was vorstellen?«

»Vergiß drauf«, sagte er. »Sie wird immer so bleiben. Man kann es nicht ändern. Sie ist nicht dran schuld. Siehst Du das nicht ein?« Und dann, ganz außer sich, stöhnte er: »Mein Gott! Wie entsetzlich!«

Helene fing an zu greinen.

»Die arme, alte Mama!« sagte sie. »Sie wird es nie verwinden. Sie steht Todesängste aus. Hast Du ihre Augen gesehn? Sie weiß alles, natürlich weiß sie es.« Sie schwieg lang. Dann plötzlich mit finster brütendem, wahnsinnigem Gesicht sagte sie: »Ich hasse sie! Manchmal glaube ich wirklich, ich hasse sie.« Sie petzte sich geistesabwesend das große Kinn. »Also, wir sollten nicht so sprechen«, erklärte sie. »Es gehört sich nicht. Nur Mut! Wir sind alle nervös und überspannt. Ich glaube, daß es immer noch gut gehn kann.«

Grau und kalt mit trübem Nebelbrodem kam der Tag. Eliza, pathetisch-rührig, betätigte sich in der Küche mit der Vorbereitung des Frühstücks. Einmal lief sie mit einem Heißwasserkessel hinauf und stand eine Sekunde lang vor der Tür. Bessie Gant öffnete, Eliza spähte schnell hinein auf das furchtbare Bett. Bessie stellte sich in den Türspalt, verwehrte ihr den Zutritt, machte ihr die Tür vor der Nase zu. Eliza ging weg, verworrne Entschuldigungen vor sich hinmurmelnd.

Denn, was Helene gesagt hatte, war wahr, und Eliza wußte es. Sie wurde nicht gewünscht im Krankenzimmer, der sterbende Ben wollte sie nicht sehn. Sie hatte es sehr wohl gesehn, wie er sein gepeinigtes, verzagtes Gesicht abwandte, als sie zu ihm trat. Hinter ihrer weißen Miene wohnte das Grauen; aber sie gestand nichts und klagte nicht. Rührig-sachlich beschäftigte sie sich mit zwecklosen Dingen. Und Eugen, einen Augenblick von der Wut gewürgt und an den Rand der Raserei gebracht über ihren plumpen Optimismus, wurde im nächsten Augenblick plötzlich blind vor Mitleid, als er die Angst und Pein in ihren stumpfen, schwarzen Augen sah. Als sie so am heißen Ofen stand, ging er unvermittelt auf sie zu, ergriff ihre rauhe, abgenutzte Hand, küßte sie und plapperte hilflos:

»Ach Mama, Mama, es ist ja schon recht, es ist ja schon recht!« Und Eliza, jählings aller Vorgeblichkeit entkleidet, hing sich an ihn, begrub ihr weißes Gesicht an seinem Rockärmel und weinte bittre, hilflose, kummervolle Tränen. Sie weinte über die verlornen, die traurig vergeudeten Jahre, die unwiderruflichen Jahre, jene unsterblichen Liebesstunden, die nicht gelebt werden konnten, jenes große Übel der Vergeßlichkeit und Gleichgültigkeit, das sich nie wieder gutmachen läßt. Wie ein Kind war sie dankbar für seine Zärtlichkeit. Und sein Herz verkrampfte sich wie ein wildes, wehes, zerbrochnes Wesen, und er murmelte in einem fort:

»Es ist ja schon recht! Es ist ja schon recht!« und wußte ganz genau, daß es nicht ja-schon-recht war, daß es nie ja-schon-recht werden könne.

»Ach, wenn ich gewußt hätte, Kind, wenn ich gewußt hätte!« weinte sie. Sie weinte, wie sie vor langem, bei Grovers Tod, geweint hatte.

»Raff Dich auf, Mama«, sagte er, »er wird es schaffen. Das Schlimmste ist wohl herum.«

»Also ich will Dir was sagen«, sagte Eliza und trocknete sofort ihre Augen, »ich glaube es ganz bestimmt, ich glaube, der Wendepunkt war gestern abend. Ich sagte zu Bessie ...«

Das Licht nahm zu. Der Tag kam und brachte Hoffnung. Sie saßen und frühstückten in der Küche. An jedem bißchen Mut, das ihnen Arzt und Krankenpflegerin machten, bauten sie sich auf. Coker ging weg, seine Unmitteilsamkeit ließ ihnen Hoffnung. Bessie Gant kam zum Frühstück und war berufsmäßig optimistisch.

»Solang ich die verdammte Familie aus dem Zimmer rausschmeißen kann, besteht Aussicht, daß er durchkommt.«

Sie lachten hysterisch und dankbar über die grobe Person.

»Wie steht's denn heut morgen?« fragte Eliza.

»Temperatur? Nun, das Fieber ist ein bißchen gefallen.«

Sie alle wußten, daß niedrigere Temperatur am Morgen ziemlich bedeutungslos ist, aber sie nährten sich von diesem Brosamen; ihre krankhaft erregten Gemüter verschlangen ihn. Im Nu hatten sie sich auf den Hoffnungsgipfel geschwungen.

»Und sein Herz ist gut«, sagte Bessie Gant. »Wenn das Herz durchhält und er weiter kämpft, wird er es schaffen.«

»Kämpfen!« sagte Lukas lobrednerisch. »Der Ben wird kämpfen, solang noch ein A-a-a-a-a-atemzug in ihm ist.«

»Aber gewiß!« fing Eliza an, »ich entsinne mich ganz genau, als, er noch klein war,.. er war damals sieben Jahre, ja ... da stand ich eines Tags auf der Terrasse ... ja ... ich erinnere mich deswegen, weil gerade Mister Buckner mit Butter und Eiern kam ... und Euer Vater hatte gerade ...«

»Ach Du mein Gott!« stöhnte Helene mit einem gelösten Lächeln. »Nun kriegen wir's zu hören!«

»Wha! Wha!« lachte Lukas, fauchend wie ein Verrückter, und gickste Eliza in die Rippen.

»Ich schwöre es, Junge, Du benimmst Dich wirklich wie ein Idiot«, sagte Eliza ärgerlich. »Ich würde mich schämen!«

»Wha! Wha! Wha!«

Helene kicherte; sie stieß Eugen mit dem Ellenbogen an.

»Ist er nicht verrückt? Wahrhaftig! T-t-t-t-t!« Dann, mit Tränen in den Augen, zog sie Eugen rauh in ihre große, knochige Umarmung.

»Armer, alter Eugen! Ihr zwei habt Euch immer so gut verstanden. Dich trifft es schwerer als uns.«

»Er ist ja noch nicht begraben!« schrie Lukas herzhaft. »Es kann sein, daß er noch lange hier herumläuft, wenn wir andern längst den Gänseblümchen zum Gedeihen verhelfen.«

»Wo ist Mistress Pert?« fragte Eugen. »Im Haus?«

Eine erbittert gespannte Stille trat ein.

»Ich hab sie rausgeschmissen«, sprach Eliza grimmig nach einer Weile. »Und ich hab ihr ganz genau gesagt, was sie ist: – eine Hure!« Sie sagte das mit der alten Strenge, aber einen Augenblick später verzog sie das. Gesicht und brach in Tränen aus. »Diese Person hat ihn auf dem Gewissen, das schwör ich. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann säße er heut stark und gesund hier unter uns!«

»Mama, um Himmels willen, wie wagst Du es nur, so was zu behaupten?« fuhr Helene wutschnaubend hoch. »Sie war die einzige freundliche Menschenseele, die er auf der Welt hatte, die sich wirklich um ihn bekümmert hat. Als er krank wurde, hat sie ihn gepflegt. Nein! So eine Vorstellung! So eine Vorstellung!!« Sie seufzte vor aufrichtiger Entrüstung. »Wenn Mistress Pert nicht gewesen wäre, dann wäre er jetzt tot. Niemand sonst hat das mindeste für ihn getan. Du warst sehr gern bereit, sie hier im Haus zu haben und ihr Geld einzustecken, bis er krank wurde. Nein! Nein!!« erklärte sie mit allem Nachdruck. »Ich persönlich mag die Fatty sehr. Ich werde sie nicht schneiden.«

»'ne verda-da-dammte Schande so was!« sagte Lukas, der fest und treu zu seiner vergötterten Helene hielt. »Wenn Mistress Pert nicht gewesen war, dann war der Ben hinüber. Niemand sonst hat irgendwas für ihn getan. Niemand sonst hat sich im geringsten um ihn geschert. Und wenn er stirbt, dann ist's, weil er nicht die rechte Aufwartung bekam, als es was geholfen hätte. Da wird sich so verda-da-da-dammt viel Kopfzerbrechen gemacht, um 'nen Nickel zu sparen, und so verda-dammt wenig ans eigne Fleisch und Blut gedacht.«

»Also vergiß drauf!« sagte Helene düster. »Ich wenigstens habe mein Bestes getan, das steht fest. Ich bin seit zwei Tagen nicht ins Bett gekommen. Was auch kommen mag, ..ich habe mir keine Vorwürfe zu machen.« Ihre Stimme war hart von gehässiger Genugtuung.

»Ich weiß! Ich weiß!« Der Seemann wandte sich aufgeregt in der Luft herumfuchtelnd, an Eugen. »Die Helene hat sich bis auf die Knochen abgerackert. Wenn sie nicht gewesen wäre ...« Tränen traten ihm in die Augen, er wandte sich ab und schneuzte seine Nase.

»Ach, um Christi willen!« gellte Eugen und sprang vom Tisch auf. »Hört auf damit! Ich bitt Euch, hört auf damit! Verschiebt es auf später.«

 

In dieser Weise vergingen ihnen die gedehnten Morgenstunden. Sie versuchten alles, um aus dem tragischen Netz, in dem sie gefangen saßen, zu entweichen. Ihre Gemüter schwangen sich in kurzen Augenblicken zu wahnsinniger Freude und Begeisterung auf und fielen dann wieder auf Stunden ins Dunkel der Hysterie und Verzweiflung zurück. Nur Eliza schien beständig zu hoffen. Eugen und der Seemann schritten bebend vor nervöser Überreiztheit in der Diele auf und ab, unzählige Zigaretten rauchend, sich sträubend wie Kater, wenn sie aufeinander zugingen, ironisch höflich, wenn einer den andern am Ärmel streifte. Gant verdöste den Vormittag im Empfangszimmer und in seiner Stube, wachte und schlief abwechselnd, stöhnte wehleidig, war allem fern, war sich meist nur ungenau klar über die Ursache der Aufregung, grollte, weil er nun so gleichgültig behandelt wurde. Helene ging im Krankenzimmer aus und ein; sie beherrschte den Sterbenden kraft ihres Lebenswillens; ihr Herzensmut beströmte ihn; schenkte ihm auf Augenblicke Hoffnung und Vertrauen. Aber wenn sie aus dem Zimmer kam, klappte sie sofort zusammen vor Hysterie; sie weinte, lachte, brütete, liebte und haßte abwechselnd.

Eliza ging nur einmal ins Krankenzimmer. Sie drang mit einem Heißwassergummibeutel ein, scheu, linkisch, wie ein Kind; sie verschlang Bens Gesicht mit ihren dumpfen, schwarzen Augen. Aber als der fiebrige Blick des Lautröchelnden auf sie fiel, krallten sich seine weißen Finger fester ins Bettzeug, und er keuchte vor Entsetzen:

»Raus mit Dir! Raus! Ich will Dich nicht!«

Eliza verließ das Zimmer. Sie wankte ein wenig, als versagten ihr die Füße den Dienst. Ihr weißes Gesicht wurde aschgrau, ihre stumpfen Augen wurden hell und starr. Als die Tür hinter ihr zuging, lehnte sie sich gegen die Wand und schlug eine Hand vors Gesicht. Dann, einen Augenblick später, ging sie gefaßt in die Küche.

Gereizt wie sie waren, verlangte eins vom andern, es solle sich beherrschen. Sie bestanden darauf, daß man dem Krankenzimmer fernbleiben müsse, aber es war, als wenn ein mächtiger Magnet sie hinzöge. Immer wieder standen sie vor der Tür, auf den Zehenspitzen, und lauschten mit angehaltnem Atem, lüstern-gebannt auf das gräßliche Geröchel, mit dem Ben ruckweise Luft in seine verstopften Lungen zwang. Eifersüchtig vor Begier suchten sie einer vor dem andern ins Zimmer zu gelangen, wenn es galt, Wasser, Handtücher oder sonst etwas hineinzubringen.

Mistress Pert, die im Boardinghouse gegenüber Zuflucht gefunden hatte, rief Helene alle halbe Stunde an. Helene sprach mit ihr am Telephon, während Eliza aus der Küche kam und mit gefalteten Händen, geschürzter Lippe und haßfunkelnden Augen daneben stand.

Helene weinte und lachte am Apparat.

»Ja, ja, ja ..., es ist schon recht, Fatty ... Ich weiß, wie mir deswegen zu Mute ist ... Ich habe immer gesagt, daß Sie der einzige wahre und treue Freund sind, den er auf der Welt hat ... und denken Sie ja nicht, daß wir alle unerkenntlich sind für das, was Sie getan haben ...«

Während der Pausen hörte Eugen über den Draht, wie die andre Frau drüben am Apparat seufzte.

Und Eliza sagte grimmig: »Wenn sie nochmal anruft, dann läßt Du mich sprechen! Ich werde ihr heimleuchten!«

»Um Himmels willen, Mama!« kreischte Helene ärgerlich. »Du hast schon genug verpatzt. Du hast sie rausgeschmissen, nachdem sie mehr für ihn getan hatte, als die ganze Familie zusammen.« Ihre Miene verkrampfte sich. »Ach, es ist lachhaft!«

In Eugen, wenn er rastlos in der Diele auf und ab schritt oder im Haus herumschlich auf der Suche nach irgendeinem Eingang, den er nie gefunden hatte, krümmte und wand sich unausgesetzt ein helles, uraltes, wundes Etwas wie ein Vogel in einer Falle. Dieses helle Etwas, der Kern seines Wesens, sein Fremdling, verrenkte unaufhörlich den Kopf, außerstande, das Gräßliche anzusehn, bis es schließlich unentwegt gebannt in die Augen von Tod und Finsternis starrte. Und als er auf und ab ging, verrenkte er seinen eignen Hals und schlug mit seinen Armen wie mit Flügeln die Luft, als wäre ihm ein furchtbarer Schlag ins Kreuz versetzt worden. Er spürte, daß er rein und frei sein könne, wenn er in einer einzigen brennenden Leidenschaft aufginge, hart, heiß und glitzernd: Liebe oder Haß oder Entsetzen oder Ekel. Aber er war verstrickt in ein Gewebe der Vergeblichkeit. Kein Augenblick des Hasses war, in dem ihn nicht auch ein Dutzend Speere des Mitleids trafen; er war machtlos; er wollte seine Angehörigen packen, sie puffen, sie abschütteln, wie man einen lästigen Balg abschüttelt, und zur selben Zeit drängte es ihn, sie zu streicheln, sie zu lieben, sie zu trösten.

Als er an den sterbenden Bruder oben im Zimmer dachte und an das gräßlichste, die Familie, die winselnd daneben stand, während Ben erstickte, dann würgten ihn Wut und Ekel. Ein Umstand aus, seiner Kindheit fiel ihm ein: er erinnerte sich seines Hasses auf das halbprivate Badezimmer, den Abscheu, den er beim Stuhlgang empfand, als er dahockte und auf die Badewanne starrte, in der schmutzige Wasche eingeweicht war, schlapp, schlampig und zu Ballonen aufgepufft in einer kalten, grauen Seifenbrühe ... Daran entsann er sich nun, als Ben starb.

Die Hoffnung flackerte auf, als vormittags die Nachricht kam, daß die Temperatur des Patienten niedriger, sein Puls stärker und die Kongestion in der Lunge zurückgegangen sei. Aber gegen ein Uhr, während eines Hustenanfalls, verfiel Ben ins Delirium, die Temperatur stieg, die Atembeschwerden nahmen ständig zu. Eugen und Lukas rasten in Hugo Bartons Wagen in Woods Drogerie und holten einen Sauerstofftank. Als sie zurückkamen, war Ben am Ersticken.

Sie trugen geschwind den Apparat ins Zimmer und stellten ihn am Kopfende des Betts auf. Bessie Gant nahm das Mundstück, wollte es Ben in den Mund stecken. Wie ein Tiger stieß er sie weg. Sie befahl Eugen, Bens Hände festzuhalten.

Eugen packte Ben bei den heißen Handgelenken; das Herz drehte sich ihm im Leib um, als er zugriff. Ben richtete sich wild aus dem Kissen auf, krümmte sich, um die Hände freizubekommen, und keuchte entsetzt:

»Nein! Nein! Eugen, nein!«

Eugen gab nach. Er ließ ihn los, wandte sich mit blutlosem Gesicht ab von den anklagenden, hellentsetzten Augen des Sterbenden. Jemand anders hielt ihm die Hände. Der Apparat verschaffte ihm zeitweilige Erleichterung. Dann verfiel er wieder ins Delirium.

Um vier Uhr war es offenbar, daß der Tod nahe war. Ben hatte kurze Perioden von Bewußtsein, Delirium und Ohnmacht – aber die meiste Zeit lag er im Delirium. Sein Atem ging leichter, er summte Bruchstücke von populären Melodien vor sich hin, einige davon alt und vergessen, die er nun aus dem Adyton seiner Kindheit hervorrief. Immer aber kam er mit seiner stillen, summenden Stimme auf »Grad so ein Kindergebet im Zwielicht« zurück, einen kitschig-sentimentalen Kriegsschlager, ein billig gemachtes, aber nun tragisch rührendes Ding:

»... Wenn die Lichter leise werden,
Deine Jahre, armes Kind,
Voller Tränen sind ...«

Helene trat ins Zimmer.

Alle Furcht war aus Bens Augen gewichen. Er röchelte, zog Luft ein, runzelte die Stirn herunter und sah sie ernsthaft mit seinem alten, fragenden Kinderblick an. Sein Bewußtsein zuckte auf einen Nu auf, er erkannte sie. Er lächelte sein wunderbares Lächeln, ein dünnes, schnelles Flackern huschte über seinen Mund.

»Hallo, Helene! Ja! Du bist's, Helene!« rief er erfreut.

Ihr Gesicht war qualverzerrt, als sie aus dem Zimmer kam. Sie unterdrückte ein erschütterndes Stöhnen, bis sie halb die Treppe herunter war.

Als die Dunkelheit auf den grauen, naßkalten Tag herniederfiel, saß die Familie im Empfangszimmer: die letzte, furchtsame Versammlung vor dem Tod: stillschweigend, abwartend. Gant schaukelte eigensinnig im Stuhl, dann und wann spuckte er ins Feuer, wimmerte er kläglich vor sich hin. Von Zeit zu Zeit, eines nach dem andern, gingen sie leise die Treppe hinauf und horchten an der Tür. Sie hörten, wie Ben, wie ein Kind sich unaufhörlich wiederholend, sein Liedchen dudelte:

»Sitzt 'ne Mutter da im Abendwerden,
Freut sich, daß sie weiß ...«

Eliza saß reglos, die Hände gefaltet, vorm offnen Feuer. Ihr Gesicht war totenbleich, wie aus Stein, wahnsinnsstarr.

»Also«, sagte sie auf einmal ganz langsam, »man weiß nie. Vielleicht ist das die Krisis ... Vielleicht ...« Ihr Gesicht wurde wieder steinern. Sie sprach nicht weiter.

Coker kam ins Haus und ging sofort, ohne mit jemandem zu sprechen, ins Krankenzimmer. Kurz vor neun kam Bessie Gant herunter.

»Es wäre angebracht, jetzt raufzugehn«, sagte sie ruhig. »Das Ende kommt.«

Eliza stand auf mit reglosem Gesicht und ging aus dem Zimmer. Helene folgte ihr, händeringend, schweratmend vor Hysterie.

»Faß Dich, Helene!« mahnte Bessie Gant. »Laß Dich nicht gehn, es paßt sich hier nicht.«

Eliza ging gefaßt nach oben, ganz lautlos. Im Flur aber hielt sie inne, als horchte sie auf die Laute aus dem Krankenzimmer. Matt kam Bens Lied durch die Stille. Und plötzlich, alle Vorgeblichkeit vergessend, taumelte sie, fiel gegen die Wand und schlug die Hände vors Gesicht mit einem furchtbaren, ruckhaften Aufschrei:

»O Gott! Wenn ich gewußt hätte! Wenn ich gewußt hätte!«

Rückhaltlos weinend, mit den Grimassen des Kummers, umarmten Mutter und Tochter sich. Nach einer Weile hatten sie sich gefaßt und traten still ins Zimmer.

Eugen und Lukas halfen Gant auf die Beine und stützten ihn treppauf. Er hing gespreizt auf ihren Schultern und wimmerte.

»Barmherziger Gott! Daß ich auch das noch auf meine alten Tage tragen muß, daß ich ...«

»Papa, um Gottes willen!« forderte Eugen scharf. »Reiß Dich zusammen! Der Ben liegt im Sterben, nicht wir. Laß uns einmal anständig gegen ihn sein.«

Das genügte, um Gant für den Augenblick zum Schweigen zu bringen. Aber als er eintrat und Ben in der Agonie liegen sah, befiel ihn die Angst vor seinem eignen Tod, und er begann wieder zu stöhnen. Sie halfen ihm in den Schaukelstuhl am Fußende des Betts, er wippte auf und ab und greinte:

»O Jesus! Ich kann es nicht ertragen! Warum hast Du mir das auferlegt? Ich bin alt und krank und weiß nicht, wo das Geld herkommen soll. Wie werde ich diesen furchtbaren, diesen grausamen Winter überstehn? Es wird mich tausend Dollar kosten, bis wir ihn begraben haben, und ich weiß nicht, wo das Geld herkommen soll.« Er weinte heuchlerisch, mit schnüffelnden Seufzern.

»Still! Still!« fuhr Helene ihn an. In ihrer Wut packte und schüttelte sie ihn. »Du verdammter alter Kerl, ich könnte Dich umbringen. Wie wagst Du es, so zu reden, wenn Ben stirbt? Ich habe sechs Jahre meines Lebens hingegeben, um Dich zu pflegen, und Du wirst der letzte von uns sein, der stirbt.« In ihrem Zorn wandte sie sich anklägerisch an Eliza:

»Du bist dran schuld, daß er so geworden ist, Du ganz allein. Wenn Du nicht mit jedem Pfennig geknausert hättest, war er nie so geworden. Ja, und der Ben wär auch noch am Leben.« Der Atem ging ihr aus; sie hielt inne. Eliza antwortete ihr nicht. Sie hatte sie gar nicht gehört. »Wenn das vorüber ist, werde ich mich um nichts mehr scheren. Ich dachte, Du wärst es, der sterben müsse, und nun muß der arme Ben dran glauben.« Helenes Stimme war heiser vor Erschöpfung. Sie schüttelte Gant abermals. »Nie wieder, hast Du gehört, Du selbstsüchtiger Alter! Du hast alles vom Leben gehabt und Ben nichts. Und Ben muß dran glauben. Ich hasse Dich!«

»Helene! Helene!« mahnte Bessie Gant leise. »Bedenk doch, wo Du bist!«

»Ja, das bedeutet bei uns was!« murmelte Eugen bitter.

Und dann, über dem Radau ihrer Streitsucht, über dem gehässigen Gefauch ihrer Nervosität, hörten sie Bens heiser pfeifenden Atem. Der graue Papierschirm an der Lampe war gedreht worden; Ben lag wie sein eigner Schatten, lag in seiner ganzen, grimmig einsamen Schönheit da. Und als sie seinen verschwimmenden Blick, als sie das Herz an seine magere Brust schlagen sahen, da überkam sie das fremde Wunder, das dunkle, üppige Mysterium seines Lebens mit seiner ungeheuren Lieblichkeit. Sie wurden still und ruhig, sie vergaßen ihre zersplitterten und zertrümmerten Leben, sie versanken. Und sie schlossen sich aneinander in einem erhabnen Verständnis, mit einer Liebe und Tapferkeit, die stärker war als das Entsetzen, als das Wirrsal, als der Tod.

Eugens Augen wurden blind vor Liebe und Verwunderung; eine große Orgelmusik rauschte in seinem Herzen. Er besaß seine Familie, auf einen Augenblick, er war einbezogen und ein Teil ihrer Liebeskraft, sein Leben schwang sich auf, großartig über den Schmerz und die Häßlichkeit. Das andre war nicht alles, dachte er, nein, wirklich nicht alles.

Ruhig und gefaßt wandte sich Helene an Coker, der im Schatten beim Fenster stand und an seiner langen, unangezündeten Zigarre kaute.

»Gibt es nichts mehr, das Sie tun könnten? Haben Sie alles versucht? Alles?«

Ihre Stimme war, als spräche sie ein Gebet, und sehr leis. Coker wandte sich langsam ihr zu, nahm die Zigarre in die großen, fleckigen Finger. Dann, gutherzig-liebenswürdig, mit seinem trübseligen, müden Lächeln, antwortete er:

»Alles und Jedes. Alle Ärzte auf der Welt zusammen genommen können nun nichts mehr tun.«

»Wie lang haben Sie das gewußt?« fragte sie.

»Seit zwei Tagen«, antwortete er. »Seit zehn Jahren«, fuhr er leidenschaftlich werdend fort. »Seit ich ihn zum erstenmal um drei Uhr morgens im ›Fettlöffel‹ sitzen sah, einen Ringkrapfen in der einen und eine Zigarette in der andern Hand.« Er wehrte mit einer zarten Bewegung ab, als sie entgegnen wollte. »Mein liebes, liebes Mädchen«, sagte er, »wir können das Zeitrad nicht zurückdrehn, wir können die vergangnen Tage nicht wieder herrufen, wir können unser Leben nicht auf jenen Stand zurückbringen, als unsre Lunge gesund, unser Blut heiß, unser Körper jung war. Wir sind ein Flackerfeuer, – ein Hirn, ein Herz, ein Geist. Und wir sind für zehn Pfennig Eisen und Kalk, das wir nicht wieder kriegen können.«

Er nahm seinen abgegriffnen Schlapphut und stülpte ihn achtlos auf. Dann suchte er in seiner Tasche nach Zündhölzern und zündete seine angekaute Zigarre an.

»Ist alles geschehn?« fragte sie. »Ich muß es wissen. Läßt sich nichts mehr versuchen?«

Coker machte eine unendlich müde, ablehnende Gebärde.

»Mein liebes Mädchen«, sagte er. »Er ertrinkt, er ertrinkt.«

Sie stand wie angefroren vor diesem furchtbaren Bescheid.

Coker sah einen Augenblick den armen, grauen Schatten auf dem Bett an. Ruhig, sehr zärtlich und müde-verwundert sagte er: »Alter Ben! Wann werden wir seinesgleichen wiedersehn?«

Er ging still hinaus, die lange Zigarre zäh in die Zähne geklemmt.

Sie schwiegen. Bessie Gant unterbrach mit einer groben, hämisch-triumphierenden Bemerkung die Stille: »Das wird 'ne Erlösung sein, wenn's vorbei ist. Ich übernehme lieber vierzig Pflegen bei fremden Leuten als eine, wo diese verdammte Verwandtschaft mit im Spiel ist. Ich bin todmüde.«

Helene wandte sich ruhig an sie.

»Verlaß das Zimmer!« befahl sie. »Das ist jetzt unsre Angelegenheit. Wir haben ein Recht, allein zu sein.«

Bessie Gant stutzte. Bestürzt, mit ärgerlicher, grollender Miene starrte sie Helene einen Augenblick lang an. Dann ging sie hinaus.

Der einzige Laut im Zimmer war Bens leise rasselnder Atem. Er röchelte und keuchte nicht mehr, er kämpfte nicht mehr, er hatte das Bewußtsein verloren. Seine Augen waren fast geschlossen; durch die Lidschlitze flackerte das dumpfe, graue Glimmen der Fühllosigkeit und des Todes. Er lag ruhig auf dem Rücken, sehr gerade ausgestreckt, ohne Anzeichen der Pein. Sein scharfes, schmales Gesicht war sonderbar hochgerissen; die Lippen waren fest geschlossen. Und abgesehen von dem schwachen Gebrumm seines Atems erschien er bereits tot; er erschien losgelöst und entglitten; er hatte nicht mehr teil an dem häßlichen Mechanismus seines Atmens, das, an die furchtbare Chemie des Fleisches erinnernd, die anderen mit Illusionen, mit dem Glauben an den seltsamen Übergang und die Fortdauer des Lebens zu täuschen schien.

Er war tot bis auf das langsame Stoppen der abgenutzten Maschine, tot bis auf dieses leise Geräusch im Innern seines Körpers, an dem er nicht teil hatte. Er war tot.

In der ungeheuren Stille erwuchs das Wunder. Sie entsannen sich der seltsamen, schattenhaft leisen Einsamkeit seines Lebens, sie dachten an tausend vergessne Vorkommnisse und Augenblicke, ... und immer war etwas um ihn gewesen, das fremd und unirdisch erschien. Sie betrachteten das graue Gehäus, sie standen furchtbar bestürzt vor einer Erkenntnis, wie jemand bestürzt ist, dem plötzlich ein vergeßnes Zauberwort einfällt, oder wie Menschen bestürzt sind, die eine Leiche anzusehen wähnen und einen dahingegangnen Gott schauen.

Lukas, der am Fußende des Betts stand, wandte sich an Eugen und stotterte in einem unwirklichen Flüstern, voll Verwunderung und Unglauben:

»Mich d-d-d-deucht, Ben ist t-t-tot.«

Gant war sehr ruhig geworden. Er saß vornübergebeugt, auf seinen Stock gelehnt im Dunkel am Fußende des Betts. Die Zwangsvorstellung seines eignen herannahenden Todes war von ihm geglitten, er blickte zurück in die Wüstenlandschaft der Vergangenheit, schmerzlich-trauervoll beging er die Spur seiner verlornen Jahre, die zur Geburt dieses sonderbaren Sohns geführt hatten.

Helene saß im Dunkel in der Nähe des Fensters, die Augen aufs Bett gerichtet. Aber ihr Blick heftete sich nicht auf Ben, sondern auf das Gesicht ihrer Mutter. Es schien, als wären sie alle stillschweigend übereingekommen, in den Schatten zurückgetreten, damit Eliza sich wieder in den Besitz des Fleisches setzen könne, dem sie Leben gegeben hatte.

Und Eliza, nun, da er es ihr nicht länger wehren konnte, nun, da er seine hellen, fiebrigen Augen nicht länger von ihr wenden konnte, saß neben dem Bett und umklammerte seine erkaltenden Hände mit ihren rauhen, abgenutzten Fingern.

Sie schien nicht zu wissen, was um sie vorging. Sie saß übermächtig gebannt, sehr steif und aufrecht auf dem Stuhl, das Gesicht versteint, die stumpfen, schwarzen Augen unentwegt starr auf das graue, kalte Antlitz des Sohns gerichtet.

Sie saßen und warteten. Es wurde Mitternacht. Ein Hahn krähte. Eugen trat leise ans Fenster und blickte hinaus. Die Nacht, ein großes, schwarzes Biest, schlich ums Haus. Die Wände und Fenster schienen nach innen eingebogen vom Druck der Dunkelheit. Das leise Geräusch aus dem verzehrten Körper hatte fast ganz aufgehört. Es war nur noch ein unregelmäßiges, fast unhörbares, mattschwingendes Aushauchen.

Helene gab Gant und Lukas ein Zeichen. Sie standen auf und gingen still hinaus. Helene blieb in der Tür stehen und winkte Eugen zu sich.

»Du bleibst hier bei ihr«, sagte sie. »Du bist ihr Jüngstes. Komm und sag's uns, wenn's vorbei ist.«

Er nickte und schloß die Tür hinter ihr. Er blieb eine Weile stehen und lauschte. Dann ging er zu Eliza und beugte sich über sie.

»Mama!« flüsterte er. »Mama!«

Sie gab kein Zeichen, daß sie ihn gehört hätte.

»Mama!« sagte er ein wenig lauter. »Mama!«

Sie saß steif und unbeweglich da, wie ein Kind, das sich ziert.

Ein schwärmendes Mitleid bemächtigte sich seiner. Verzweifelt, ganz vorsichtig versuchte er, ihre Finger von Bens Hand zu lösen. Ihre rauhe Hand klammerte sich fester an Bens kalte Hand. Und dann, steinern, von rechts nach links, ausdruckslos, schüttelte sie einmal den Kopf.

Weinend und geschlagen vor dieser unerbittlichen Gebärde ließ er ab. Jäh entsetzt begriff er, daß sie ihren eignen Tod erlebte, daß sie in dem unlöslichen Griff ihrer Hand auf Bens Hand den Akt der Wiedervereinigung vollzog – daß für sie nicht Ben starb, sondern ein Stück von ihr, ein Stück ihres Lebens, ihres Blutes, ihres Körpers, ein jüngeres, lieblicheres, besseres Stück ihres Wesens, ein von ihrem Fleisch geprägtes, begonnenes, genährtes, ein mit soviel Weh vor sechsundzwanzig Jahren gebornes und seitdem vergeßnes Stück.

Eugen wankte auf die andre Seite des Betts und fiel in die Knie. Er fing an zu beten. Er glaubte nicht an Gott, er glaubte nicht an Himmel oder Hölle, aber er befürchtete, Gott und Himmel und Hölle könnten wahr sein. Er glaubte nicht an Engel mit zarten Gesichtern und hellen Flügeln, eher glaubte er an dunkle Geister, die über den Häuptern einsamer Menschen huschen. Er glaubte nicht an Engel oder Teufel, aber er glaubte an Bens strahlenden Dämon, zu dem er ihn so viele Male hatte sprechen sehn.

Eugen glaubte nicht an diese Dinge, aber er befürchtete, sie könnten wahr sein. Er hatte Angst, daß Ben wieder verloren gehn könne. Er spürte, daß niemand außer ihm jetzt für Ben beten könne, daß die dunkle Verbindung ihrer Geister lediglich seine Gebete als gültig zuließe. Alles, was er in Büchern gelesen, die kühle Weisheit, die er so glattzüngig in seinem Philosophiekursus bekannt hatte, und die großen Namen Platon und Plotin, Spinoza und Kant, Hegel und Cartesius verließen ihn nun vor dem übermächtigen Anprall seines wilden, keltischen Aberglaubens. Er spürte, daß er wie ein Rasender beten müsse, solange das kleine, sinkende Geflacker des Atems in seines Bruders Brust anhielt.

In einem wahnsinnigen Singsangton murmelte er, unausgesetzt sich wiederholend: »Wer immer Du seist, sei gut zu Ben diese Nacht ... zeig ihm den Weg! ... Wer immer Du seist, sei gut zu Ben diese Nacht ... zeig ihm den Weg! ...« Von Minuten und Stunden wußte er nichts mehr. Er hörte nur noch den schwachen Atemhauch des Sterbenden und sein gleichzeitiges Gebet.

Das Licht in seinem Hirn losch aus; sein Bewußtsein schwand, Übermüdung und nervöse Erschöpfung besiegten ihn. Er streckte sich halb auf den Boden, die Arme auf die Bettstelle gestützt und murmelte verschlafen weiter.

Eliza saß starr auf der andern Bettseite und hielt Bens Hände umklammert. Eugen, vor sich hinmurmelnd, verfiel in einen unruhigen Schlaf.

Er fuhr plötzlich auf. Er wurde sich, zu seinem jähen Entsetzen, bewußt, daß er eingeschlafen war. Er befürchtete, daß der leise, zögernde Atemgang nun aufgehört hätte. Der Körper auf dem Bett war ganz steif. Kein Hauch war hörbar. Dann, uneben und unrhythmisch, kam ein sehr mattes Ausatmen. Er wußte, daß dies das Ende war. Er stand schnell auf und lief zur Tür. In einem kalten Schlafzimmer auf der andern Seite des Gangs lagen Gant, Lukas und Helene erschöpft auf zwei breiten, aneinandergerückten Betten.

»Kommt!« rief Eugen. »Er stirbt!«

Sie kamen schnell ins Zimmer. Eliza saß unbewegt da, sie bemerkte sie nicht. Sie waren kaum eingetreten, als wie ein ganz mattes Seufzen Bens letzter Atemzug entwich.

Das Rasseln in dem ausgeglühten Körper, das stundenlang – so schien es – alles vom Leben, das bewahrenswert ist, dem Tod übergeben hatte, war verstummt. Der Körper – so schien es – wurde starr vor ihren Augen. Nach einer Weile zog Eliza langsam ihre Hand zurück. Aber plötzlich, so, als ob das Wunder der Auferstehung und Wiedergeburt an ihm geschähe, zog Ben mit einem langen, kräftigen Atemzug Luft ein; seine grauen Augen öffneten sich. Im Nu von einer furchtbaren Vision des ganzen Lebens erfüllt, schien er sich ununterstützt und körperlos aufzurichten – eine Flamme, ein Licht, eine Glorie – und sich endgültig mit dem dunklen Geist zu vereinigen, der über jedem Schritt seines Abenteuers auf Erden gebrütet hatte. Es war, als wäre das eifrige Schwert seines Blicks gezückt zu einer äußersten, endgültigen Erkenntnis des Raums, als ob der graue Schattenzug der billigen Liebschaften und der dumpfen Gewissen, der wirre, wüste Mummenschanz, der ihn heimgesucht hatte, nun vor den hellen Fenstern seiner Augen entschwand. Und zornig und furchtlos, wie er gelebt hatte, trat er hinüber in den Schatten des Todes.

Wir können ans Nichtsein des Lebens glauben, wir können ans Nichtsein des Todes und des Lebens-nach-dem-Tod glauben, aber – wer vermöchte es, an Bens Nichtsein zu glauben? Wie Apoll, der dem höchsten der Götter im traurigen Haus des Königs Admet Buße tat, kam er, ein Gott mit gebrochnen Füßen in die graue Elendshütte dieser Welt. Und lebte hier als ein Fremdling, versuchte die Musik der verlornen Welt wieder einzufangen, versuchte sich der großen, vergeßnen Sprache zu entsinnen, der verlornen Gesichter, des Steins, des Blatts, der Tür.

O Artemidoros, fahr wohl!


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