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XXVII

Mein Shakespeare, stehe auf! Er stand auf, der Barde. Durch die ganze Länge und Breite seiner tapfern Neuen Welt stand er auf. Nicht einer Zeit nur war er, nein für alle Zeiten. Und außerdem: seine Tricentenarfeier fand nur einmal statt – nämlich nach dreihundert Jahren. Sie wurde von Maryland bis Oregon feierlich begangen. Einundachtzig Mitglieder des House of Repräsentatives, von gebildeten Journalisten nach ihrem Lieblingsvers befragt, antworteten unverzüglich mit der Poloniusstelle: »Dies über alles: bleib Dir selber treu.« Der Schwan war auferstanden. In jedem Schulhaus durchs ganze Land wurden deswegen Stücke aufgeführt, Festzüge veranstaltet, Aufsätze geschrieben.

Eugen riß das Chandos-Porträt des Barden aus den Seiten des »Independent« und heftete es an die getünchte Wand des Hinterzimmers. Ganz erfüllt vom Echo des großen Preislieds des Ben Jonson kritzelte er in großen Zügen darunter: »Mein Shakespeare, stehe auf!« Das große, feiste Gesicht – »so 'ne verdammt alberne Fresse hab ich in meinem Leben noch nicht gesehn« – starrte ihn öde an mit Stielaugen, Bocksbart und Bauerndünkel. Aber die bildliche Anwesenheit des zu Feiernden feuerte ihn zu dem Schulaufsatz an, über den gebeugt er am Tische saß.

Die Tat ward ruchbar. Er ließ – unklugerweise – das Bild an der Wand hängen, als er einmal auf einen Sprung wegging. Als er zurückkam, hatten Ben und Helene die gekritzelte Unterschrift gelesen. Von diesem Tag an wurde er nur noch poetisch zu Tisch, ans Telephon, zu einer Besorgung gerufen.

»Mein Shakespeare, stehe auf!«

Er stand auf, rot vor Ärger im Gesicht.

»Will mein Shakespeare die Liebenswürdigkeit haben, mir die Biskuits zu reichen?« oder »Darf ich meinen Shakespeare um die Butter bemühen?« sagte Ben, die Brauen ganz finster gerückt.

»Mein Shakespeare, willst Du noch ein Stück Kuchen?« fragte Helene. Und dann bemerkte sie, reumütig lachend: »Es ist weiß Gott 'ne Schande, den Kleinen so zu hänseln!« Sie kratzte sich das lange Kinn, starrte zum Fenster hinaus, lachte geistesabwesend. Reumütig lachte sie.

Aber:

– »seine Kunst war universal. Er sah das Leben klar und als Ganzes. Er war ein intellektueller Ozean, dessen Wellen an alle Gestade des Denkens schlugen. Er war alles in einem: Jurist, Kaufmann, Soldat, Arzt, Staatsmann. Männer der Wissenschaft stehen erstaunt vor der Tiefe seines Wissens. Im ›Kaufmann von Venedig‹ behandelt er rein technische, juristische Fragen mit der Geschicklichkeit eines Rechtsanwalts. Im ›König Lear‹ verschreibt er kühn den Schlaf als Heilmittel gegen Wahnsinn. Er hat die letzten Erkenntnisse der modernen Wissenschaft vor drei Jahrhunderten bereits vorausgesehen. In seinem sympathisch bewegten, wohlgerundeten Sinn für Charaktergebung lacht er mit seinen Gestalten, nicht über sie. –«

Eugen gewann die Medaille. Aus Bronze oder einem noch dauerhafteren Material. Das Profil des Barden unklar darauf eingegraben. W. S. 1616–1916. Ein langes und nützliches Leben.

Die Maschinerie des Festzugs war schön und schlicht. Der Verfasser, Dr. George B. Rockham – (das Gerücht lief, daß er einst zu einer englischen Theatergruppe, den Ben Greet Players, gehört hätte) –, hatte dafür gesorgt. Sämtliche Worte waren von Dr. George B. Rockham geschrieben, und dementsprechend waren sämtliche Worte für Dr. George B. Rockham geschrieben. Dr. George B. Rockham war das Sprachrohr der Geschichte, die Stimme der Nachwelt. Und die unschuldigen Schulkinder von Altamont waren die stumme Illustration dieser Stimme.

Eugen war der Prinz Hai, aus »König Heinrich dem Vierten«. Am Tage vor dem Festzug kam sein Kostüm aus Philadelphia an. »Probier es mal gleich an«, sagte John Dorsey Leonard. Eugen zog es an. Er erschien auf der Terrasse vor dem Schulhaus. Er fingerte seinen Blechdegen und blickte nicht ohne begründeten Zweifel auf die hohen, dunkelrosa Seidenstrümpfe hinunter. Diese Strümpfe reichten nämlich bei weitem nicht bis zu der kurzen Pluderhose hinauf, sondern stellten eine breite Spanne der weißen hagern Oberschenkel bloß.

John Dorsey Leonard blickte ernst drein.

»Laß mich mal sehen, Junge.«

Er zog kräftig an den zu kurzen, dunkelrosa Seidenstrümpfen, woraufhin die zu kurzen, dunkelrosa Seidenstrümpfe rissen. Die Maschen fielen, und in langen Jakobsleitern liefen die Risse durchs Gewebe bis auf die Knöchel hinunter. Und da mußte John Dorsey Leonard lachen. Er hing am Verandageländer und lachte hell und hoch und so weinerlich, daß ihm der Speichel vom Mund troff.

»Ach, Du mein Gott!« Er schnappte nach Luft. »Entschuld'gung, Eugen!« stöhnte er, als er die gekränkte Miene seines Schülers sah, »... aber so was Komisches hab ich meiner Lebtag ...« Hier verlor er die Sprache vor Lachen.

»Ich kann Dir aushelfen«, sagte Miss Amy. »Ich habe gerade das, was Du brauchst.«

Sie gab ihm einen weiten, losen Clownanzug aus grünem Sackleinen, eine Reliquie von einem Maskenfest. Die vollen Falten der Hose wurden an den Knöcheln zusammengebunden.

Eugen blickte Miss Amy verwirrt und höchst besorgt an.

»Das stimmt doch nicht«, sagte er. »Das paßt doch nicht für den Prinzen Hal. Oder doch? So 'nen Anzug hat er doch sicher nie angehabt.«

Miss Amy musterte ihn. Ihr Busen wogte. Sie lachte tief und voll.

»O ja! Das geht! Schon recht! Fein!« brüllte sie. »Gerade so ein Kerl war ja der Prinz Hal. Kein Mensch wird etwas merken«, sagte sie.

Sie sank lachend in einen Korbsessel. Der Korbsessel krachte.

»O Du mein Gott!« stöhnte sie, und die Tränen liefen ihr über die Backen. »So was hab ich wahrhaftig ...«

Die Festvorstellung fand im Freien statt. Die mit Laubspalieren abgeteilte Rasenmulde hinter dem »Manor House« war ein natürliches Amphitheater. Unten in der Dälle stand Dr. George B. Rockham; das Publikum saß am Rasenhang. Die hehren Gestalten der Dichtung traten aus dem grünen Spalier hervor, und Dr. George B. Rockham erledigte sie mit seinen selbstgeschmiedeten, sauber schildernden fünffüßigen Jamben. Sein Kostüm gehörte in die Zeit der Restauration der Stuarts, eine Periode, die er besonders hochhielt, weil sie den Reiz muskulöser Waden zu schätzen wußte. Unter dem keuschen Gekraus der Hosenrüschen wuchteten seine schweren Unterschenkel zu barocken Wulstknollen aus.

Eugen stand droben an der Straße hinter der natürlichen Baumkulisse und wartete. Es war ein prächtiger Maitag. »Doc« Hines (Falstaff) stand daneben und wartete auch. Sein zähes, kleines Affengesicht grinste frech aus dem unförmigen, mächtigen Wattekostüm. Er ließ sich auf den untergeschnallten Schmerbauch fallen, der Bauch bekam eine Grube.

Er wandte sich mit komisch verzognem Gesicht an Eugen.

»Zur Hölle, Hal«, sagte er, »Du siehst ganz wie ein Prinz aus.«

»Schön bist Du auch nicht, Jack«, sagte Eugen.

Hinter ihnen zog Julius Arthur (Macbeth) schwunghaft sein Schwert.

»Ich fordre Dich zum Zweikampf, Hal«, sagte er.

Die Blechwaffen klirrten aneinander, blitzten im Licht. Zwitschernd mit jungem Vogelgelächter saßen und lagen sämtliche Dramatis Personae des Barden im Gras. Mitten im Zweikampf fuhr Julius Arthur aus und gickste den Falstaff unversehens in den geschwollnen Pansen. Die Gesellschaft der Unsterblichen schrie vor Lachen.

Miss Ida Nelson, die Regieassistentin, erschien wütend auf dem Plan.

»Pst! Pst!« zischte sie scharf. Sie verbrachte den Nachmittag mit Zischen.

Hoch zu Roß, im Seitsattel schwingend, erschien Rosalind, eine reife, kleine Schöne aus der Klosterschule. Sie lächelte Eugen an. Er sah sie an und vergaß.

Drunten in der Mulde begrüßte Dr. George B. Rockham das zahlreich erschienene Publikum. Eine sonore, bellende Stimme, fett wie ein Schinken. Der Festzug war eröffnet.

Aber Dr. George B. Rockham war noch lange nicht bei Shakespeare angelangt.

Zuerst sprachen die Stimmen der Gegenwart, was zwar nicht ganz zur Sache gehörte, aber aus geschäftlichen Gründen notwendig war. Diese Stimmen zogen nun stumm vorüber. Vier verängstigte Verkäuferinnen aus Schwarzbergs Warenhaus, in weiße Gewänder aus Verbandmull gehüllt, traten auf und trugen das Banner ihrer Firma vorüber. Der beredsame Doktor sagte dann so:

»Du schöner Handel, sollst, der Künste Schwester,
Den Platz, der Dir gebührt zu dieser Feier,
Auf unsrer Bühne haben ...«

Dann kamen Ginsburgs: »Der Mode Spiegel und der Formen Abbild ...« – der Krämer Bradley: »Als Pomona zuerst ihr Füllhorn leerte ...« – die Agentur für Buick-Automobile: »Die Wagen auch vom Oxus und vom Indus ...«

Kamen. Zogen vorbei wie Nebelgestalten über einem herbstlichen Strom.

Und nun kamen – Gott weiß aus welchem Grund – alle in weißen Engelshemdchen, zweitausend Freiheitsfähnchen in den kleinen Händen, die Legionen der Schüler aus den Sonntagsschulen von Altamont. In Reih und Glied, von ihren Lehrern geführt, marschierten sie in die grüne Talwanne.

»Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei vier! Flott im Gleichschritt, Kinder!«

Als sie auftraten, begrüßte sie musikalisch aus einem Baumversteck ein Orchester mit Choralmelodien. Als die kleinen Baptisten anrückten, erklang: »Die Religion der guten alten Zeiten ...« Als die Methodisten vorübermarschierten, spielte die Musik: »Am Jordan will ich warten ...« Den vorbeidefilierenden kleinen Presbyterianern gab »Fels aller Zeiten ...« das Geleit, den Episkopalianern »Jesus, Liebster meiner Seele ...« Und dann erhob sich die Musik zu hoher lyrischer Leidenschaft und spielte »Vorwärts, Christi Streiter!«, während drunten in der Mulde die kleinen Juden vorüberschritten. Niemand lachte.

Nun kam eine Pause.

»Gott sei Dank, soweit wär's überstanden«, sprach Ralph Rolls heiser in die feierliche Stille. Die Gestalten des Barden lachten und traten lärmend in Zweierreihen an.

»Pst! Psst!« zischte Ida Nelson.

»Die glaubt wohl, sie wär das Sicherheitsventil an einem Dampfkessel, was?« sagte Julius Arthur.

Eugen beäugte aufmerksam die schönen Beine des Pagen Viola.

Ralph Rolls, laut wie es seine Art war, rief aus: »Schau! Wer kommt denn da?!«

Sie sah sie mit ihrem kessen, unparteiischen Lächeln an. Wem ihr Herz gehörte, sagte sie nie.

Der Doktor gab Miss Nelson ein verstohlenes Zeichen. Langsam, immer zwei auf einmal, geleitete sie die Gestalten Shakespeares in die Mulde hinunter.

Der Mohr von Venedig (Mister George Graves) zeigte den Spöttern seinen breiten Röcken und schob hinunter, verlegen, dumpf grinsend wie ein Schaf.

»Sag ihnen, wer Du bist, Othello«, rief ihm Doc Hines nach. »Sonst halten sie Dich für den Negerboxer Jack Johnson.«

Die Bürger der Stadt saßen im Frühlingsstaat auf dem Rasen und sahen ernst auf die waldumwobne kleine Komödie der Irrungen herab. Die Berge ringsum und die Götter, die auf ihnen thronen, sahen auf das etwas größere Theater, das die Stadt ihnen bot, herab. Und bildlich gesprochen, von den Bergen, die auf diese sichtbaren Berge herabsehen, von der höchsten Zitadelle der Philosophie, sah der endgültige Urheber des Ganzen auf alles herunter.

»Hopp! Hal!« sagte Doc Hines. »Wir kommen.«

»Immer feste druff aufs Zwerchfell«, sagte Julius Arthur zu Eugen. »Junge, Du bist danach angezogen, daß kein Auge trocken bleibt«, sagte Ralph Rolls lachend.

Die beiden schritten in die Mulde hinunter. Ein leises, anschwellendes Gemurmel des erstaunten Publikums begleitete sie. Auf der Bühne hatte der Doktor gerade die Desdemona erledigt. Sie trat mit einem zierlichen Knicks ab. Nun war er bei Othello, der bullenhaft und verlegen auf stämmigen Beinen dastand und abwartete, bis die Geduldsprüfung überstanden war. Nun schritt er ab. Der Doktor wandte sich an Falstaff. Glücklicherweise erkannte er die Gestalt sofort an dem unförmigen Wanst. Er deklamierte:

»Nun, Trauerspiel, fahr hin! Lustspiel erscheine,
Du heiteres, mit Kappen und mit Schellen.
Falstaff steht hier, der alte feiste Witzbold,
Fürst aller Späßemacher, der mit seinen
Dreist-liederlichen Streichen einen Prinzen
Aus königlichem Blut ergötzte, und mit losem
Wortspiel ein Königreich sich unterwarf.«

Das unterdrückte Lachen im Publikum nahm zu. Doc Hines, verlegen gemacht, verzog das Gesicht und flüsterte Eugen heiser zu: »Hörst Du's, Hal? Ich bin wohl die Hölle auf Rädern, was?«

Eugen sah ihn im verschwimmenden Grün abtreten und wurde plötzlich gewahr, daß den Dr. George B. Rockham eine unnatürliche Stille befallen hatte. Die Stimme der Geschichte, das Sprachrohr der Nachwelt war verstummt. Der Doktor sperrte den Mund weit auf und war wortlos.

»Wer sind Sie?« flüsterte er heiser, die behaarte Hand am Mund.

»Prinz Hal«, flüsterte Eugen, ebenfalls heiser, ebenfalls die Hand am Mund.

Dr. George B. Rockham taumelte ein wenig. Der kleine Wortwechsel war in den vorderen Reihen verstanden worden. Die Leute kicherten. Aber Dr. George B. Rockham ließ sich nicht entwegen. Mit fester Stimme begann er:

»Der Schwachen Freund, den Tollen ein Gefährte,
Im Leichtsinn weis geworden, kühner Hal ...«

Gelächter! Entzüngeltes, ungestümes Gelächter! Gelächter, das sich Welle um Welle an sich selber steigerte! Wildes, wieherndes, erderschütterndes, donnerdröhnendes Gelächter! – Gelächter, Gelächter, Gelächter verschüttete den Dr. George B. Rockham und alles, was er zu sagen hatte.

 

Helene heiratete im Juni, einem Monat, der angeblich dem Hymen heilig ist, aber so oft zu Hochzeiten hergenommen wird, daß der Segen des Gottes vermutlich nicht immer eintrifft.

Sie kehrte im Mai nach Altamont zurück. Nach ihrem letzten Engagement war sie zur Gastopernwoche nach Atlanta gefahren und hatte dann in Henderson Daisy und Mistress Selborne besucht. In Henderson hatte sie ihren künftigen Lebensgefährten gefunden.

Er war ihr kein Fremdling mehr. Sie hatte ihn schon vor Jahren in Altamont kennen gelernt, als er dort als Distriktagent einer großen und humanen Firma – der Federal Cash Register Company – stationiert war. Seitdem hatte ihn die Firma in verschiedne andre Gegenden des Landes geschickt. Er verkaufte Registriermaschinen, jene praktischen Zahlautomaten, jene Sinnbilder der Sparsamkeit, des Wohlstands und der Ordnung, die, von Kassiererinnen bedient, in keinem Geschäft fehlen. Nun wohnte er in einer kleinen Stadt in Süd-Carolina zusammen mit seiner Schwester und seiner betagten Mutter, deren gewichtige Gebrechen ihrem mächtigen Appetit keinen Abbruch taten. Er war den beiden sehr ergeben und erzeigte sich äußerst freigebig gegen sie. Und die Federal Cash Register Company, von seiner Pflichttreue offenbar gerührt, belohnte ihn durch ein gutes Gehalt. Er hieß Barton. Die Bartons lebten gut.

 

Helene kehrte unerwartet heim. Es war die Art der Gants, unerwartet heimzukehren. Eines Nachmittags, als einige Mitglieder der Familie in der Küche in Dixieland versammelt waren, kam sie an, trat ein und sagte:

»Hallo! Wie geht's Euch Allen?«

»Ei, um Go-go-gottes willen«, sagte Lukas. »Schau an, wer da-da-da ist!«

Sie umarmten sich herzlichst.

»Was? Um alles in der Welt!« rief Eliza, stellte ihr Bügeleisen ab und schwankte einen Augenblick im Bestreben, gleichzeitig nach zwei Richtungen zu laufen.

Sie küßten einander.

»Ich hab gerade so für mich gedacht«, sagte Eliza, etwas ruhiger, »daß es mich gar nicht wundern würde, wenn Du plötzlich hereingeschneit kämst. Ich hatte so 'ne Vorahnung, ich weiß nicht, mir war ganz so, als schwante mir ...«

»Ach, Du mein Gott«, stöhnte Helene, zwar gutmütig, aber doch ein wenig verdrossen, »wenn Du schon wieder mit Deinen Pentland-Spukgeschichten anfängst, dann krieg ich 'ne Gänsehaut.«

Sie schoß Lukas einen komisch-flehentlichen Blick zu. Lukas zwinkerte zurück, lachte idiotisch. Er ging zu Eliza und kitzelte sie in die Rippen.

»Weg mit Dir!« keifte Eliza.

Er fauchte wie ein Verrückter.

»Ich versichere Dich, Junge«, quengelte sie bekümmert, »bei allem, was mir heilig ist, ich glaube wahrhaftig, Du bist nicht ganz richtig im Kopf.«

Helene lachte heiser.

»Nun, wie geht's Daisy und den Kindern?« erkundigte sich Eliza.

»Zufriedenstellend, nehme ich an«, sagte Helene mürrisch. »Gott soll mich vor ihnen schützen! So eine Rasselbande wie diese Kinder habe ich in meinem Leben nicht gesehn!« Sie lachte. »Ich hab fünfzig Dollar in Geschenken und Spielsachen an die Blase gehängt. Du würdest es nicht glauben, nach der Erkenntlichkeit, die sie mir dafür bezeigen. Daisy tut einfach so, als war man den Bälgen das schuldig. Selbstsucht, reine Selbstsucht, weiter nichts.«

»Um Go-go-gottes willen!« sagte Lukas treuherzig.

Ein feines Mädchen, die Helene. Selbstlos bis zum äußersten.

»Das kann ich Euch versichern«, berichtete sie jetzt mit herausfordernder Schärfe, »ich habe für alles bezahlt, was ich bei Daisy genossen habe. Und ich bin nicht länger im Haus geblieben, als ich anstandshalber mußte. Ich war die meiste Zeit bei Mistress Selborne: ich war fast immer bei ihr zu Tisch.«

Ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit war größer, ihr Hunger nach Anhängerschaft schärfer geworden. Sie sträubte sich dagegen, jemandem Dank schuldig zu sein. Sie gab stets mehr, als sie empfing.

»Also, also«, sagte sie bald darauf, vergeblich bemüht, ihre Mitteilungsgier länger zu zügeln, »also ich bin jetzt hineingetreten.«

»Wo hinein?« fragte Lukas.

»Barmherzigkeit!« schrie Eliza. »Du hast doch nicht geheiratet, was?!«

»Noch nicht«, sagte Helene, »aber bald wird es so weit sein.«

Dann erzählte sie von Hugo T. Barton, dem Registriermaschinenverkäufer. Sie sprach ergeben, treuherzig und gütig von ihm, ohne große Liebe.

»Er ist zehn Jahre älter als ich«, sagte sie.

»Na«, sagte Eliza und schürzte nachdenklich die Lippe. »Ich will Dir was sagen, das gibt manchmal die besten Ehemänner.« Sie schwieg eine Weile. Dann fragte sie: »Besitzt er Vermögen?«

»Nein«, sagte Helene, »sie verbrauchen alles, was er verdient. Sie leben auf großem Fuß. Die ganze Zeit zwei Dienstboten im Haus. Seine alte Mutter macht keinen Finger krumm.«

»Wo wirst Du Deinen Hausstand haben?« fragte Eliza scharf. »Doch nicht mit seinen Leuten zusammen?«

»Nein! Das nicht! Das nicht!« sagte Helene langsam und mit großer Entschiedenheit. »Ich will mein eignes Heim.« Plötzlich fuhr sie gereizt auf. »Guter Gott! Mama! Siehst Du das denn nicht ein? Ich bin mein Lebtag für andre dagewesen, nun will ich mich mal bedienen lassen.« Dann setzte sie mit Nachdruck hinzu: »Ich möchte keine Schwiegerleute im Haus haben. Nein, beileibe nicht.«

Lukas biß sich nervös die Fingernägel.

»Ja«, sagte er, »der kriegt ein f-f-f-feines Mädchen! Ich hoffe, daß er sich darüber klar ist.«

Sie war gerührt. Sie lachte. Und sie sagte ein wenig ironisch: »Na, einen Menschen gibt's wenigstens, der Riesenstücke auf mich hält!« Sie sah ihm bewegt ins Auge. »Dank Dir, Lukas. Du hast stets ein Herz für die Interessen Deiner Angehörigen gehabt.«

Einen Augenblick lang wurde ihr Gesicht ganz ruhig; es hatte die strahlende Schlichtheit, die Schönheit des ersten Tageslichts und des Regenwassers. Ihre Augen leuchteten gläubig, wie Kinderaugen. Nichts Arges war in ihr. Sie hatte es nicht gelernt.

»Hast Du es Deinem Papa schon gesagt?« fragte Eliza nach einer Weile.

»Nein«, sagte sie und schwieg wieder.

Sie dachten an Gant. Sie wunderten sich. Stillschweigend. Sie konnten es nicht fassen, daß sie von ihm weggehen würde. Plötzlich sagte Helene ärgerlich:

»Ich hab ein Recht auf mein eignes Leben, genau wie jeder andre Mensch.« Sie tat ganz, als hätte ihr jemand dieses Recht abgestritten. »Guter Gott! Mama! Du und Papa, Ihr habt Euer Leben gelebt, bist Du Dir nicht klar darüber? Oder hältst Du es etwa für recht, daß ich mein ganzes Leben für ihn aufopfere? Was?«

»Wieso denn? Nei-ein! Das hab ich doch nie gesagt«, wandte Eliza versöhnlich ein. Sie war verwirrt.

»Das ko-ko-ko-kommt davon, daß Du immer zuerst an andre gedacht hast, st-st-st-st-statt an Dich«, sagte Lukas zu Helene. »Die andern wissen Dir keinen Dank d-dafür.«

»Na, das hat jetzt aufgehört, soviel ist sicher. Du kannst Dich drauf verlassen. Ich will ein Heim und ein paar Kinder haben. Ja! Ja!! Das will ich!« sagte sie auftrumpfend. Und dann, nach einer langen Pause sagte sie zärtlich vor sich hin: »Der arme, alte Papa! Was wird er wohl dazu sagen?«

Er sagte sehr wenig. Die Gants verstanden es, nach der ersten Überraschung einen Tatbestand schnell in ihre Leben einzubeziehen. Abgrundtiefe Veränderungen weiteten ihre brütend-unbewußten Seelen.

Mister Hugo Barton kam in die Gebirgsmetropolis, um den Angehörigen seiner Braut einen Besuch abzustatten. Er kam – zum großen Entzücken der ihm anverlobten Sippe – in einem staubbraunen Buick-Rennwagen, Sportmodell 1911. Er kam in einer Benzinwolke und mit dem Geknatter großer Maschinen. Er stieg aus: eine hohe, elegante Gestalt, dyseptisch, abgezehrt, ja beinahe ausgezehrt, sehr stutzerhaft angezogen und zurechtgemacht. Er sah langsam, sehr kritisch und prüfend seinen Wagen an, eine lange Zigarre in den Winkel seines saturnischen Munds geklemmt, und zog sich gemächlich die Handschuhe aus. Dann nahm er ebenso gemächlich den riesenhaften, grauen Sombrero ab, der das einzige Auffällige an seiner sonst peinlich korrekten Aufmachung war. Dann schüttelte er einen Augenblick lang delikat sein langes, dürres Bein, und dann schüttelte er das andre. Er tat dies, um die nicht vorhandnen Knicke oder Krumpeln in den Bügelfalten seiner Hose wieder glattzumachen. Dann schritt er gemächlich auf dem Vorgartenweg auf Dixieland zu, wo die versammelten Gants seiner warteten. Als er zur Terrasse kam, nahm er gemächlich die Zigarre aus dem Mund und hielt sie zwischen den Fingern seiner hagern, behaarten Hand. Diese Hand zitterte stark ... aber das kam vom Schlagfluß. Er hatte dünnes, feines Haar; eine leichte Brise wehte und versehrte ein wenig die Eleganz seiner Frisur. Er erblickte seine Braut, benahm sich würdig, grinste sardonisch mit goldknolligem Gebiß. Die Verlobten begrüßten und küßten sich.

»Das ist meine Mutter, Hugo«, stellte Helene vor.

Hugo Barton verbeugte sich langsam, sehr höflich, aus seinen schmalen Hüften herab. Mit einem kühnen, durchdringenden Blick, der sie etwas außer Fassung brachte, starrte er Eliza an. Alle spürten nun, daß er etwas sehr, sehr Wichtiges sagen würde.

»Guten Tag«, sagte er und nahm ihre Hand.

Alle spürten nun, daß Hugo Barton etwas sehr, sehr Wichtiges gesagt hatte.

Mit derselben gravitätischen Langsamkeit begrüßte er jeden. Seine herrschaftlichen Allüren flößten den Gants eine gewisse Scheu ein. Der unkontrollierbare Lukas jedoch platzte heraus:

»Sie kriegen ein f-f-f-feines Mädchen, Mister Ba-ba-barton!«

Hugo Barton wandte sich langsam um und fixierte ihn kühn.

»Ganz meine Meinung«, sagte er ernst. Er hatte einen tiefen Baß. Langsam, mit einem sehr eindrucksvollen Raspeln in der Stimme sprach er, ... dieser Verkäufer, der seine überzeugende Persönlichkeit an den Mann brachte.

Eine befangne Stille trat ein. Hugo Barton wandte sich freundlich grinsend an Eugen:

»'ne Zigarre?« fragte er, holte drei lange Brazil aus seiner oberen Westentasche und bot sie mit sauberen, zuckenden Fingern an.

»Danke«, sagte Eugen mit einem genüßlichen Seitenblick. »Ich rauche 'ne Zigarette.«

Er zog ein Päckchen Zigaretten, Marke »Camel«, aus der Tasche. Ernst und gewichtig rieb Hugo Barton ein Zündhölzchen an und gab ihm Feuer.

»Warum tragen Sie den Riesensombrero?« fragte Eugen.

»Psychologie!« sagte er. »So was macht die Leute reden.«

»Ich will Euch was sagen«, bemerkte Eliza und fing an zu lachen. »Das ist sehr smart gedacht, nicht wahr?«

»Sicher!« sagte Lukas. »Das ist Reklame. Reklame macht sich bezahlt.«

»Ja«, sagte Mister Barton langsam, »man muß sich auf die Psychologie des andern einstellen.«

Dieser Satz schien die Handlungsweise eines Mannes zu beschreiben, der nie hemmungslos zum Angriff übergeht und sich beim Plündern zurückzuhalten weiß.

Er gefiel ihnen sehr. Sie gingen alle ins Haus.

Hugo Bartons Mutter war vierundsiebzig, aber sie hatte die Kräfte einer Fünfzigerin und den Appetit zweier gesunder Frauen von vierzig. Sie war eine stattliche alte Dame, zwei Meter groß, mit groben Männerknochen. Sie hatte ein volles Gesicht, sinnlich träge, mit starken Kiefern und einem kräftigen, gesunden, gelblichen Pferdegebiß. Wenn sie Mais am Kolben manschte, konnte man Staat mit ihr machen; sie tat es, wie ein andrer Mensch Pudding ißt. Ein kleiner Schlagfluß hatte ihre Zunge leicht gelähmt; sie hatte eine dickzüngige, schwerfällige, äußerst bedächtige Aussprache; sie artikulierte jedes Wort mit gewichtiger Genauigkeit. Der Sprechfehler, den sie vorsichtig verbarg, verstärkte noch das pontifikalische Gewicht ihrer Meinungen. Sie war, im Andenken an ihren verstorbnen Gatten, überzeugte Anhängerin der Republikanischen Partei, und sie haßte jeden, der ihren politischen Überzeugungen zu widersprechen wagte. Wenn sie belästigt wurde, oder wenn sie sich ärgerte, dann machte der Ausdruck behäbigen Wohlwollens auf ihren Mienen einer Gewitterwolke der Mißlaune Platz; sie rollte (ganz so, wie man eine Fensterblende aufrollt) ihre breite, vorgeschobne Unterlippe zur Schnute. – Aber im allgemeinen, wenn sie angeschlingert kam wie ein Lastdampfer, die große Hand um den Griff des dicken Krückstocks gekrallt, auf den sie ihr massives Gewicht stützte, war sie schlichthin eindrucksvoll. Eine Wittib von Stand.

»Sie ist 'ne Lady, 'ne wirkliche Lady. Das sieht jeder«, sagte Helene stolz. »Sie verkehrt mit den feinsten Leuten.«

Hugo Bartons Schwester, Mistress Genevieve (= Veve) Watson, war achtunddreißig, eine sehr lange Person mit einem Kopf wie ein Zaunkönig. Sie war gelblich im Gesicht und dürr, ausgezehrt, dyspeptisch und sehr elegant, ganz wie ihr Bruder. Ihr geschiedner Gatte, der Mister Watson, fiel dadurch auf, daß seiner auch gesprächsweise nicht im geringsten gedacht wurde. Nur ein- oder zweimal entstand schwere Unruhe bei Erwähnung seines Namens, dann folgte eine Stille wie bei einem Leichenbegängnis und schließlich eine gemurmelte Anspielung auf geradezu orientalische Lasterhaftigkeit.

»Er war ein Biest, ein gemeiner Hund«, erklärte Hugo Barton. »Er hat sich sehr übel gegen Schwester Veve benommen.«

Mistress Barton wackelte mit dem Kopf zum Zeichen jener nachdrücklichen Zustimmung, die sie sämtlichen Meinungen ihres Sohns zuteil werden ließ.

»O-o-h!« sagte sie, »er war ein furcht-ba-rer Mensch.«

Mister Watson hatte es – das ließen sie durchblicken – wirklich höllisch getrieben. Er war »hinter anderen Frauen hergewesen«.

Die Schwester Veve mit dem schmalen, unbefriedigten Gesicht bezeigte allenthalben ihr metallisch-lebhaftes, überschwenglich-herzliches Wesen. Sie war stets sehr smart angezogen. Sie hatte irgendwelche ungeklärten Beziehungen zum Immobilienhandel, sprach hochtönend von obskuren Käufen und Verkäufen und war immer gerade dabei, »ein großes Geschäft abzuschließen«.

»Die Sache macht sich glänzend, Bruder«, pflegte sie zu Hugo Barton zu sagen. »Alles wickelt sich zu meinen Gunsten ab. James Davidson kam heute auf 'nen Sprung herein, und sagte: ›Veve, Du bist die einzige Person auf der Welt, die dieses Geschäft glatt abschließen kann. Fahr nur so fort! Du wirst ein Vermögen damit machen, meine Liebe‹« ... Und so weiter.

Schwester Veve redet nicht viel anders, dachte Eugen, als Bruder Steve.

Aber die Zuneigung und Ergebenheit der Bartons untereinander war schön. Ein so fester Zusammenhalt, ein so ungewöhnliches Vertrauen, eine so ruhige Verläßlichkeit, das erschien den Gants rätselhaft. Es machte sie verstört. Es rührte sie unsagbar, aber ein ganz klein wenig ärgerten sie sich auch darüber.

 

Die Bartons waren zwei Wochen vor der Hochzeit in die Woodson Street gekommen. Es dauerte keine drei Tage, und Helene und die alte Dame Barton standen auf gespanntem Fuß. Das war unvermeidlich. Kraft ihrer inneren Wesensspannung mußte Helene der Alten aufmutzen, mußte sie sie feindselig bezichtigen. Die Begeisterung für die Familie ihres Verlobten kühlte schnell ab. Ihr Besitzinstinkt brach durch. Sie konnte unmöglich den Platz in seinem Herzen mit jemandem teilen. Halbansprüche kannte sie nicht. Sie wollte ganz besitzen; ihr mußte volles Eigentumsrecht zugestanden werden. Natürlich würde sie sich großherzig erzeigen, aber erst mußte sie Herrin sein. Sie würde geben, selbstverständlich: das war ihr Naturgesetz.

Mistress Barton wußte sehr wohl, wessen sie verlustig ging. Sie wollte versichert sein, daß Helene wisse, was für eine ungeheure Sache es sei, einen der wenigen Heiligen, die es heutzutage noch gibt, zum Gemahl zu bekommen.

Sie pflegten im Dunkeln auf Gants Terrasse zu sitzen. Die alte Dame rekelte sich dann gewichtig im Schaukelstuhl und äußerte sich so:

»Du kriegst ei-nen gu-ten Jun-gen, He-le-ne.« Beinah streitsüchtig wackelte sie mit dem Kopf. »Ob-schon ich es selbst sa-ge, He-le-ne, Du kriegst ei-nen gu-ten Jun-gen. Ein bes-se-rer Jun-ge als Hu-go lebt ü-ber-haupt nicht.«

»Ach, ich weiß nicht«, sagte Helene spitz. »Ich glaube nicht, daß er so schlecht mit mir fährt. Ich hab' eine ziemlich gute Meinung von mir selber.« Dann lachte sie heiser und herzhaft. Sie versuchte, lachend ihren Groll zu verhehlen. Tatsächlich war sie so verärgert, daß es alle – außer Mistress Barton – merkten.

Einen Augenblick später entschuldigte sie sich unter einem Vorwand und suchte im Haus nach Lukas, Eugen oder sonst einer teilnahmsvollen Seele.

»Hast Du's gehört? Hast Du's wieder gehört?« legte sie, das Gesicht hysterisch verkrampft, los. »Du hast es also gehört und siehst, mit wem ich da zu tun habe, nicht wahr? Kannst Du mir demnach einen Vorwurf daraus machen, daß ich dieses verdammte alte Weib nicht in meine Ehe mit reinhaben will. Nicht wahr? Alles soll doch nach ihren Anweisungen gehn, nicht wahr? Du merkst doch, wie sie mir das andauernd unter die Nase reibt, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Ist das wahr oder nicht? Sie bringt es einfach nicht fertig, ihn an mich abzutreten. Natürlich nicht! Er ist ja ihr Versorger, er zahlt für den ganzen Haushalt! Sie haben ihn geschröpft bis zum Weißbluten. Ja, selbst jetzt, wenn es drauf ankäme, daß er zwischen uns beiden wählen müßte ...« Ihr Gesicht zuckte stark; sie konnte nicht weiterreden. Einen Augenblick später hatte sie sich beruhigt, sie erklärte bündig: »Nun weißt Du, warum wir nicht in derselben Stadt mit ihnen leben wollen. Das siehst Du doch ein, nicht wahr? Kannst Du mir einen Vorwurf machen?«

»Nein«, sagte Eugen. Gehorsam und erschöpft.

»'ne verda-da-dammte Schande, so was!« sagte Lukas. Ergeben.

In diesem Augenblick kam Mistress Bartons Stimme ruhig aber befehlshaberisch von der Terrasse: »He-le-ne! Wo bist Du? He-le-ne!«

»O scherdichzumteufel, scherdichzumteufel!« knurrte Helene.

»Ja! Was ist denn?« rief sie scharf.

Das siehst Du doch ein, nicht wahr?

 

Sie heiratete in Dixieland. Große Hochzeit. Sie kannte sehr viele Leute.

Mit dem Herannahen des Hochzeitstags nahm ihre unterdrückte Hysterie zu. In ihrem Bedürfnis nach Respektabilität wurde sie geradezu streitsüchtig. Sie griff Eliza aufs schärfste an, weil sie gewisse zweifelhafte Dinge in Dixieland dulde.

»Mama, aber um Himmels willen, Mama! Wie kannst Du solche Existenzen hier im Haus vor den Augen Hugos und seiner Angehörigen wohnen lassen?! Was müssen sie von uns denken?! Kannst Du denn nicht einmal meine Gefühle in diesem Punkt respektieren?! Guter Himmel! Mußt Du denn zu meiner Hochzeit das Haus voller Schneppen haben?« Ihre Stimme war überschrien und schrill. Sie weinte beinahe.

»Aber Kind«, sagte Eliza mit bekümmerter Miene. »Was meinst Du denn? Ich habe nie das Geringste bemerkt.«

»Bist Du denn blind? Alle Welt redet davon! Die beiden leben in wilder Ehe zusammen!«

Diese letzte Bemerkung bezog sich auf den Stand der Dinge zwischen einem verschwenderischen jungen Alkoholiker und einer dunkel-schönen, leicht tuberkulösen Frau.

Eugen wurde mit der Aufgabe betraut, diese Dächse aus dem Bau zu graben. Er hockte sich starrsinnig vor die Tür der Schönen und sah zu, wie die Schatten in der Türritze tanzten. Nach sechs Stunden endlich ergaben sich die Belagerten. Der Mann kam heraus. Eugen, bleich, aber stolz auf das in ihn gesetzte Vertrauen, sagte dem Menschen, der das christliche Heim verunglimpft hatte, daß er ausziehen müsse. Der junge Alkoholiker, ziemlich besoffen, willigte freudig ein. Er zog sofort aus.

Mistress Pert blieb bei dem großen Hausputz verschont.

»Alles in allem genommen«, erklärte Helene, »was wissen wir über sie? Die Leute sollen reden, was sie wollen. Ich hab die Fatty gern.« Farne, Blumen, Topfpflanzen, Geschenke und Gäste trafen ein. Das langweilige Gedröhn des presbyterianischen Seelenhirten. Die dichtgedrängte Menge. Das triumphante Getös des Hochzeitsmarsches.

Blitzlichtaufnahme: Hugo Barton neben seiner Frau, mit starrausdruckslosen Augen, erschreckt. Gant, Ben, Lukas, Eugen, breitmäulig grinsend wie Hammel. Eliza, hoch bekümmert und sorgenvoll. Mistress Selborne, ein subtil-geheimnisvolles Lächeln. Pearl Hines, keß, glückhaft lachend.

Als es vorüber war, hingen Eliza und ihre Tochter einander in den Armen. Sie weinten.

Eliza wiederholte über und über, von Gast zu Gast:

»Ein Sohn bleibt Sohn bis er freit,
Eine Tochter bleibt Tochter auf Lebenszeit.«

Sie war getröstet.

Die beiden flohen schließlich aus dem Gedräng der Gratulanten. Mit bleichen Gesichtern, ganz von Sinnen vor Angst, stiegen Mister und Mistress Hugo Barton in ein geschloßnes Auto. Sie fuhren ins Battery Hills Hotel für die Nacht. Ben hatte die Hochzeitssuite für sie bestellt. Und morgen: Flitterwochen! Ein Honigmond am Niagara.

Ehe sie abfuhren, küßte das Mädchen Helene den kleinen Bruder Eugen mit einer Zuneigung, die wie von einst war.

»Wir sehn uns im Herbst, Lieberchen, Du kommst rüber und besuchst uns, sobald Du Dich dort eingewöhnt hast.«

Denn: –

Hugo Barton begann sein neues Leben an einem neuen Ort. Er zog in die Hauptstadt des Staates. Und es war bereits – hauptsächlich von Gant – bestimmt, daß Eugen die Staatsuniversität besuchen sollte.

 

Aber Hugo und Helene gingen nicht auf die geplante Hochzeitsreise am nächsten Morgen. Mitten in der Nacht, als sie in Dixieland zu Bett lag, war Mistress Barton die Ältere heftig erkrankt. Sie spie und spie. Dieses eine Mal hatte ihr massiver Verdauungsapparat die schweren Zumutungen, die sie beim Hochzeitsmahl an ihn gestellt hatte, zurückgewiesen. Sie war auf den Tod krank.

Schnell kehrten am frühen Morgen Hugo und Helene auf die Szenerie des fahlen Flitters und der angewelkten Lilien zurück. Helene schmiß ihre ganze Lebenskraft in die Fürsorge für die Kranke. Dominant, furios, alles bewältigend. Sie blies ihr Leben in die Alte. Drei Tage später war die Kranke außer Lebensgefahr. Aber die vollkommne Wiederherstellung war langwierig, widerlich, peinvoll. Tag um Tag verging, und das um seine Flitterwochen betrogne Mädchen wurde bittrer und bittrer. Sie kam aus dem Krankenzimmer gefegt und erschien bei Eliza in der Küche mit schmerzlich verkrampftem Gesicht:

»Dieses verdammte, alte Weib! Manchmal glaub ich wahrhaftig, sie hat es mit Absicht getan. Mein Gott! Kann ich denn nicht ein bißchen Glück im Leben haben? Werden sie mich nie in Ruhe lassen? Uäh! U-u-uäh! Sie kotzt und kotzt und kotzt!« Ihr gutes bacchantisches Lächeln spielte lose über ihr großes unglückliches Gesicht ... »Um Gottes willen, Mama, wo kommt nur das Zeug all her?« Sie grinste unter Tränen. »Ich steh die ganze Zeit mit dem Putzlumpen da und zieh auf, was sie ausgekotzt hat. Ich flehe Dich an, Mama, sag mir wie lang das noch dauern kann!«

Eliza lachte schlau, fuhr sich, mit dem Finger unter den breitangesetzten Nasenflügeln her.

»Aber Kind«, sagte sie, »um alles in der Welt! Ich hab' so was auch noch nie erlebt. Sie muß das Zeug seit einem halben Jahr aufgespart haben.«

»Bestimmt«, sagte Helene und sah lächelnd ins Leere. »Wenn ich nur wüßte, wo es herkommt! Soweit hat sie alles ausgespien, ich warte nur noch drauf, daß sie ihre Nieren kotzt.«

»Bäh!« kreischte Eliza und schüttelte sich vor Lachen.

»He-le-ne! o He-le-ne!« Mistress Bartons Stimme drang matt in die Küche.

»Ach, scherdichzumteufel!« knurrte Helene leis vor sich hin. »Uäh! U-u-uäh!« Sie brach plötzlich in Tränen aus. »Wird es denn immer so sein? Ich glaub' manchmal, daß Gottes Zorn auf uns liegt. Papa hat recht.«

»I wo!« sagte Eliza, benetzte ihren Zeigefinger und fädelte einen Zwirnfaden gegen das Licht ein. »Ich würde mich einfach nicht weiter um sie bekümmern. Ihr fehlt ja nichts. Das ist lauter Einbildung!« Elizas tief eingewurzelte Überzeugung war, daß die meisten menschlichen Krankheiten, außer ihren eignen, »lauter Einbildung« wären.

»He-le-ne!«

»Ich komme!« rief Helene vergnügt. Sie grinste Eliza an, ehe sie hinausging. Es war komisch, es war gräßlich, es war furchtbar.

 

Es schien in der Tat, als ob Papa recht hätte und als ob der himmlische Oberwolkenschieber, der oft in Hymnen besungne, den unsre bittren Modernen manchmal den »uralten Possenreißer« genannt haben, seinen Zornblick auf ihre Geschicke geworfen habe.

Es fing an zu regnen, unaufhörlich zu regnen.

Es stürmte, schüttete, goß. Der Regen fiel endlos auf die starkriechenden Berge, das Gras und das Grün auf den Hängen ertrank, die lehmige Erde löste sich auf, die kleinen Felsbäche schwollen zu gelben Sturzfluten an. Es kam zu Erdrutschen, Hänge wurden unterhöhlt, Wege verschüttet, Erdbänke weggewaschen. Der Eisenbahndamm wurde weggeschwemmt. Über dem gurgelnden Wildwasser hingen die Schienen mit den Schwellen wie ein Gerippe in der Luft.

In Altamont war Hochwasser. Breit kam die Flut von den Bergen geströmt. Der kleine Fluß trat über und verwandelte sich in eine Wasserwüste, breit wie der Mississippi. Die ganze Talsohle wurde überrannt. Eisen- und Holzbrücken trieben wie welke Blätter auf den Wellen. Das ganze Eisenbahnviertel und die Leute, die dort wohnten, standen vorm Ruin.

Die Stadt war von der Außenwelt abgeschnitten. Nach drei Wochen, als der Fluß wieder in seine Ufer zurückgetreten war, stiegen Hugo Barton und seine junge Frau in den großen Buickwagen. Sie fuhren fort. Auf ausgewaschenen Straßen, über gebrechliche Notbrücken fuhren sie fort durch das von der Wasserwut zerstörte Land. Sie machten ihre Hochzeitsreise, die kein Höhepunkt mehr war; sie wollten ihre schon welkgewordnen Flitterwochen genießen.

 

»Entweder er geht dorthin, wo ich ihn hinschicke, oder er geht überhaupt nicht«, erklärte Gant bündig.

Somit war es beschloßne Sache, daß Eugen auf die Staatsuniversität gehen mußte.

Eugen wollte nämlich nicht auf die Staatsuniversität.

Seit zwei Jahren hatte er mit Margaret Leonard romantische Pläne geschmiedet. Seinen zukünftigen Bildungsgang stellten sie sich so vor: – Zwei Jahre in Vanderbilt College oder auf der Universität von Virginia (weil er noch so jung wäre), – dann zwei Jahre in Harvard – und schließlich (nachdem er so leicht ins Paradies gelangt wäre) ein oder zwei Jahre in Oxford, England, um die Sache zu krönen.

John Dorsey Leonard, begeistert von diesem Plan, erklärte zwischen zwei Löffeln Dickmilch: »Dann, Jungchen, ja dann kann ein Mann anfangen, von sich zu behaupten, daß er wirklich ›kultiviert‹ ist. Dann natürlich«, fügte er großzügig hinzu, »dann sollte er ein Jahr oder so auf Reisen gehn ...«

Aber die Leonards waren noch gar nicht bereit, ihn ziehen zu lassen.

»Du bist noch so jung, Eugen«, sagte Margaret. »Kannst Du nicht Deinen Vater überreden, daß er noch ein Jahr wartet? Du hast ja noch so viel Zeit vor Dir.« Ihre Augen wurden dunkler, als sie das sagte.

Gant war nicht umzustimmen.

»Er ist alt genug«, sagte er. »Als ich so alt war, hatte ich mir schon jahrelang den Unterhalt verdient. Ich bin ein alter Mann und werde nicht mehr lang mitmachen. Ehe ich sterbe, möchte ich es noch erleben, daß er sich einen Namen macht.«

Aufschub kam für ihn nicht in Betracht. In seinem jüngsten Sohn sah er die Hoffnung, daß sein Name in Lorbeeren überleben würde. In den politischen Lorbeeren, die er so hochschätzte. Er wollte, daß aus seinem Sohn ein weitblickender, großer Staatsmann würde, ein Mitglied der Republikanischen oder der Demokratischen Partei. Die Wahl der Universität war daher für ihn Sache der politischen Ratsamkeit, der praktischen Klugheit. Er gründete sein Urteil auf die Vorschläge seiner politischen und juristischen Freunde.

»Er ist alt genug, und seine Vorbildung ist abgeschlossen«, erklärte Gant, »und nun geht er auf die Staatsuniversität. Eine andre Universität kommt nicht in Frage. Die Staatsuniversität ist so gut wie jede andre. Außerdem wird er dort Beziehungen anknüpfen und Freunde finden, die ihm sein Lehen lang beistehn.« Er sah Eugen bitter-vorwurfsvoll an. »Es gibt sehr wenige Jungen«, sagte er, »denen eine solche Gelegenheit geboten wird. Und Du solltest erkenntlich sein, anstatt die Nase zu rümpfen. Höre auf mich: eines Tages wirst Du mir dafür danken, daß ich Dich gerade dorthin geschickt habe. Also: Du gehst dorthin, wo ich Dich hinschicke, oder Du gehst überhaupt nicht. Verstanden? Das ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.«


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