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XVIII

In den Jahren, die auf Elizas Auszug nach Dixieland folgten, hatten die unerbittlichen chemischen Prozesse der Affinität tiefe Änderungen in den Beziehungen der Gants untereinander bewirkt. Eugen war aus Helenes Obhut ganz in Bens Hände geglitten. Die Trennung war unvermeidlich. Die große Zuneigung, die Helene dem Kind bezeigt hatte, entsprang keiner körperlichen oder geistigen Wahlverwandtschaft. Sie war lediglich Ausdruck ihres großen Muttertriebs, etwas, das wie ein Katarakt von Zärtlichkeit und Grausamkeit aus ihr auf widerstandsloses, junges, plastisches Leben stürzte.

Die Zeit war vorbei, daß sie ihn hätscheln und tätscheln, ihn streicheln und ihm schmeicheln, ihn liebkosen und mit ihm tosen, ihn an sich pressen und aufs Bett werfen, ihn mit Küssen bedecken und ihn ins rosige Fleisch beißen konnte. Es lockte kein süßer, rundlicher Kinderkörper mehr ... und somit hatte Eugen seine Anziehung für sie verloren. Er war hochaufgeschossen wie Unkraut, seine Glieder waren lang und schlaksig, er hatte große Füße, knochige Schultern, und sein Kopf war viel zu schwer für den schmächtigen Hals, auf dem er saß. Außerdem verschloß er sich Jahr um Jahr tiefer in sein geheimes Leben. Etwas Wildfremdes blühte in seinem Gesicht. Wenn sie ihn anredete, waren seine Augen voll vom Schatten großer Schiffe und versunkner Städte.

Und dieses geheime Leben in ihm, das sie nicht begriff, an dem sie nicht teilhaben konnte, machte sie wütend auf ihn. Ihre großen Hände mit den roten Knöcheln mußten das Leben anpacken, es puffen und streicheln, es lieben und versklaven können. Sie brauchte das. Ihre Tugenden – die Lust am Dienen, Geben, Pflegen, Amüsieren – entsprangen aus ihrer Sucht, alles Tastbare zu beherrschen.

Sie selber war unbeherrschbar. Sie lehnte alles ab, was sich nicht von ihr beherrschen ließ. Eugen in seiner Einsamkeit hätte ihr gern seinen Geist in die Sklaverei verkauft, wenn er dafür ihre Liebe, die er sich so seltsam verscherzt hatte, hätte eintauschen können. Aber er war außerstand, ihr die blühenden Ekstasen, die unmitteilbaren Phantasien, in denen er beheimatet war, zu offenbaren. Sie haßte alles Geheimnishafte. Das Mysteriöse, das Klug-Verriegelte, das Leben im Jenseitigen mit seinen unlotbaren Tiefen versetzten sie in hellen Zorn.

Von jähen Gehässigkeitsanfällen verzerrt, karikierte sie seine Mundbewegungen, seine Art den Kopf hängen zu lassen, seinen hüpfenden Känguruhgang.

»Du Schreckgespenst, Du widerlicher, kleiner Bastard! Kein Tropfen vom Blut Deines Vaters fließt in Deinen Adern. Du bist überhaupt kein Gant, Du verquerter Kerl. Du bist ganz wie der üble Greeley Pentland!«

Das behauptete sie immer wieder. Sie war eine fanatische Parteigängerin. In abergläubischer Hysterie hatte sie bereits die Familie in zwei feindliche Lager geteilt, die Gants und die Pentlands. Zu den Pentlands zählte sie Steve, Daisy und Eugen. Diese drei waren ihrer Ansicht nach kalt und selbstsüchtig. Mit freudiger Befriedigung brachte sie die ältere Schwester und den kleinen Bruder mit dem kriminellen Taugenichts Steve unter einen Hut.

Mit Lukas war Helene nun untrünnig verbunden. Das war unvermeidlich. Sie beide waren »Gants«, das heißt freigebig, fein und ehrenhaft.

Die Geschwisterliebe zwischen Helene und Lukas war episch. Sie liebten aneinander die ständige Betriebssucht, den grenzenlosen Drang zur Selbstentäußerung, das verzweifelte Bedürfnis zu dienen, zu geben, zu gelten. Sie gingen einander oft sehr auf die Nerven, aber ihre Liebe war so geschmiedet, daß sie nicht Schaden nehmen konnte. Sie sangen Preislieder aufeinander.

»Ich werde ihn schon kritisieren, wenn mir's Spaß macht«, sagte sie rauflustig. »Mir steht es zu. Aber sonst soll mal einer wagen, etwas an ihm auszusetzen! Er ist ein feiner, großzügiger Kerl. Der beste von den Jungen, das ist bombensicher.«

Ben allein schien zu keiner Gruppe zu gehören. Er bewegte sich wie ein Schemen, stand völlig außerhalb dieser leidenschaftlich-vollblütigen Parteigängerei. Aber Helene erkannte ihn als »freigebig« an. Demzufolge war er für sie »ein Gant«.

Außer der heftigen Abneigung gegen die Pentlands hatten Helene und Lukas auch Gants Anlage zur gesellschaftlichen Heuchelei geerbt. Vor allen Dingen galt es ihnen, der Welt ein gutes Gesicht zu zeigen, beliebt zu sein, viele Freunde zu haben. Überströmend sagten sie Dank, überschwenglich ergingen sie sich im Lob, widerlichsüß war ihre Schmeichelei. Sie trugen die Schlagsahne dick auf. Ihre Gereiztheiten, ihre Mißlaunen, ihre Verstimmungen sparten sie für Schaustellungen zu Hause auf. Und wenn sie jemand von Will oder Jim Pentlands Familie trafen, dann benahmen sie sich nicht nur sehr freundlich, sondern auch ein wenig unterwürfig. Geld machte Eindruck auf sie.

 

In der Familie war damals ständig etwas los. Steve hatte ein oder zwei Jahre vorher eine Kleinstädterin aus dem Süden des Staates Indiana geheiratet. Sie war siebenunddreißig, also zwölf Jahre älter als er, eine vierschrötige, schwerfällige Deutsche mit einer großen Nase in dem geduldig-häßlichen Gesicht. Sie war eines Sommers mit einer Jugendfreundin, einer ewigen alten Jungfer, nach Dixieland gekommen. Kurz vor der Abreise hatte sie sich von Steve verführen lassen. Im folgenden Winter war dann ihr Vater, ein kleiner Zigarrenfabrikant, gestorben. Er hinterließ ihr neuntausend Dollar in bar, sein Heim und einen Viertelanteil an dem Geschäft, das seine beiden Söhne weiterführten.

Sie hieß Margarete Lutz.

Im Frühjahr kam sie wieder nach Dixieland. An einem schläfrigen Nachmittag, als sonst niemand im Hause war, fand Eugen die beiden in der Woodson Street. Sie machten sich auf Gants Bett breit. Ganz still, Gesicht an Gesicht, die Hüften umschlungen, lagen sie da. Steves gelber Geruch war im Zimmer. Angeekelt starrte Eugen die beiden an. Er fing an, vor Wut zu zittern. Der Frühling war lau und lieblich, eine leichte Brise strich, mit Blütenduft und Teergeruch beladen. Er hatte sich so darauf gefreut, allein im kühlen Haus zu sitzen und den ganzen Nachmittag zu lesen. Aus dem Wein war Essig geworden.

Alles, was Steve anrührte, war befleckt. Eugen haßte ihn, weil er stank, weil alles, was er anrührte, stank, weil er überall Angst, Scham und Ekel hintrug, weil seine Küsse noch fauliger waren als seine Flüche, seine Flennerei noch schweinischer als seine Drohungen.

Er sah, wie, vom stinkenden Atem seines Bruders behaucht, die Haarsträhnen der Frau leise wehten.

»Was tut Ihr hier auf Papas Bett?« schrie er.

Steve machte ein dummes Gesicht, fuhr in die Höhe und packte ihn am Arm. Die Frau, spreizbeinig, wie betäubt vor sich hinstarrend, richtete sich träge auf.

»Du willst uns wohl verpetzen, was?« spuckte Steve verachtungsvoll heraus. »Zur Mama laufen und ihr's erzählen, was, Kleiner?«

Er preßte Eugens Arm fester. Eugen riß sich los.

Steve machte einen Satz, packte Eugen von hinten und blies ihm seinen faulen Atem ins Gesicht.

»Willst Du uns verraten oder nicht, Brüderchen?«

Es wurde Eugen übel.

»Laß mich los!« murmelte er. »Ich sag nichts.«

 

Bald darauf heirateten Steve und Margarete. Eugen schämte sich seines Bruders, wenn er ihn morgens nach dem Frühstück mit Margarete die Verandatreppe herunterkommen sah. Steve trat großsprecherisch auf, lächelte herablassend, erging sich in Anspielungen auf ein großes Vermögen. Das Gerücht raunte von einer Viertelmillion.

»Leg es in Fettpolstern an«, sagte Harry Tugman und schlug Steve auf die Schulter. »Ich hab ja immer behauptet, daß Du's zu was bringst.«

Eliza lächelte über den großen Mann Steve. Ihr stolz-wehes, traurig-wohlgefälliges Lächeln. Der Erstgeborne.

»Jawohl«, behauptete er von sich. »Der Steve hat ausgesorgt. Er wohnt jetzt in der Wohlstandsgasse. Nun kommen die Menschenkenner, die es vorausgesagt haben, nicht wahr? Nun setzen sie das große Lächeln auf, nun strecken sie die Hand mit Freut-mich-sehr hin, wenn er die Straße entlang geweht kommt, nicht wahr? Jaja, erst haben sie mich madig gemacht, und jetzt rühmen sie mich, ja, ja.«

»Ich will Euch was sagen«, bemerkte Eliza, »er ist nicht auf den Kopf gefallen. Er ist so hell wie der Nächstbeste.«

Heller noch, dachte sie. Stolzlächelnd.

Steve kaufte sich neue Anzüge, gelbe Schuhe, gestreifte Seidenhemden, einen breitkrempigen Strohhut mit blau weißrotem Band. Er schwang die Schultern in großem Bogen, wenn er dahinschritt, schnippte nonchalant mit den Fingern, lächelte großmütig-herablassend die Leute an, die ihn grüßten. Helene ärgerte und amüsierte sich abwechselnd darüber; sie lachte über sein absurdes Truthahngehaben. Aber Margarete Lutz schloß sie sofort ins Herz. Sie nannte sie »mein Honig«. Vor lauter Warmherzigkeit wurden ihr die Augen feucht, wenn sie der Deutschen in das geduldige, scheue, etwas verängstigte Gesicht sah. Sie umarmte und hätschelte sie.

»Mach Dir keine Gedanken, mein Honig«, sagte sie. »Wenn er Dich nicht anständig behandelt, dann laß es uns wissen. Wir werden ihn schon ins Geleis bringen.«

»Steve ist ein guter Junge«, sagte Margarete, »wenn er nur nicht trinkt. Solang er nüchtern ist, ist er tadellos.« Sie brach in Tränen aus.

»Jaja, der Fluch des Alkohols«, sagte Eliza und schüttelte trübselig den Kopf. »Der hat mehr Heime zerstört als irgend sonst ein Fluch.«

Später bemerkte Helene zu Eliza: »Na, Schönheitspreise wird sie wohl nicht gewinnen, soviel ist sicher.«

»Kannst Du Gift drauf nehmen«, bestätigte Eliza. »... Was sich der Steve bloß bei dieser Heirat denkt ... ich meine, wie er sich die Ehe vorstellt. Sie ist mindestens zehn Jahre älter als er«, fuhr sie fort.

Helene wurde sofort scharf. »Na, ich würde sagen, daß er sehr gut mit ihr fährt. Tu doch nicht so, als ob Dein Herr Sohn ein Tugendpreis wäre! Die ganze Stadt weiß, was für ein Früchtchen er ist.« Sie lachte ironisch. »Guter Gott, Steve schneidet glänzend ab mit ihr, sie ist ein anständiger Kerl.«

»Nun«, sagte Eliza entschieden, »hoffen wir, daß es nun besser mit ihm wird. Und daß er sein neues Leben gut anfängt. Er hat mir versprochen, daß er sich alle Müh geben will.«

»Ja, hoffen wir!« sagte Helene hart. »Hoffen wir! Hoffen wir! Es ist wahrhaftig höchste Zeit.«

Ihre Abneigung gegen Steve war angeboren und eingefleischt. Für sie zählte er zu den Pentlands. Tatsächlich aber war Steve ganz in Gants Art geschlagen. All seine Schwächen waren die seines Vaters. Aber die Sauberkeit, die zähe, feste Fiber, das Format und die gefühlvolle Reumut des Alten hatte er nicht mitabbekommen. In ihrem Herzen wußte Helene das ganz genau; es verschärfte ihre Abneigung. Gant lehnte diesen Sohn entschieden ab, und sie nahm an dieser Ablehnung leidenschaftlich Anteil. Aber ihr Gefühl war – wie alle ihre Gefühle – durch freundschaftliches Mitleid, durch Duldsamkeit gebrochen.

»Wie denkst Du Dir eigentlich Dein Leben, Steve, nachdem Du selbst jetzt eine Familie gründest?« fragte sie.

»Stevie hat ausgesorgt«, sagte er wohlgefällig lächelnd, »nun sollen andere sich Gedanken machen.« Er hob die gelbe Hand zum Mund und tat einen Lungenzug aus der angefeuchteten Zigarette.

»Guter Gott! Steve!« fuhr sie ihn gereizt an. »Reiß Dich doch zusammen! Gib Dir Müh, ein Mann zu sein. Margarete ist eine anständige Frau. Du wirst doch nicht erwarten, daß sie Dich aushält.«

»Was geht das Dich an, blutiger Heiland!« knurrte Steve. »Hab ich Dich etwa um Rat gefragt? Ihr seid alle gegen mich. Keins von Euch hat ein gutes Wort für mich gehabt, als es mir mies ging, und jetzt muckt ihr auf, weil ich im Fett schwimme.«

Er lebte seit Jahren im Glauben, unschuldig verfolgt zu sein. Sein Versagen zu Haus schrieb er der Mißgunst, dem Übelwollen und der Untreue seiner Angehörigen zu; sein Versagen unterwegs erklärte er mit der Tücke und dem Neid einer feindlichen Macht, die er »Die Welt« nannte.

»Nein«, sagte er und sog wieder an seiner Zigarette, »mach Du Dir mal keine Gedanken um den Stevie. Er hat das von Dir nicht nötig.«

Er zog eine Rolle Banknoten aus der Tasche und zeigte ihr ein paar Zwanziger.

»Wo ich das herhabe, da gibt's noch 'nen ganzen Haufen. Und noch was will ich Dir sagen: den kleinen Stevie wird man bald zu den Großen zählen, wenn das Einkommen versteuert wird. Ich hab da ein paar Geschäfte in der Abwicklung, das wird den armen Schluckern hier in Altamont zeigen, wo sie hingehören. Verstehst Du?« fragte er.

Ben hatte während dieses Gesprächs auf dem Klavierstuhl gesessen und finster die Tastatur angestarrt. Er summte leis eine Melodie vor sich hin und versuchte, sie mit einem Finger nachzuklimpern. Nun schnickte er den Kopf zur Seite. Ein abfälliges Lächeln flackerte über seinen Mund.

»Ich habe gehört, daß Mister Vanderbilt bereits auf unsern Nabob eifersüchtig ist«, sagte er zu Helene.

Helene kicherte ironisch.

»Du bildest Dir wohl ein, Du hättest die Weisheit mit dem Schöpflöffel gefressen, was?« raunzte Steve plump. »Na, man merkt nichts davon, daß es dich vorwärts bringt.«

Ben sah ihn stirnrunzelnd an. Ohne es zu wissen, rümpfte er die Nase.

»Na, hoffentlich werden Sie Ihre alten Freunde nicht vergessen, Mister Rockefeller«, sagte er mit ominöser Liebenswürdigkeit. »Ich möchte gern Vizepräsident in Ihrer Company werden, falls die Stelle noch frei ist.«

Dann wandte er sich wieder zum Klavier und klimperte seine Melodie.

»Schon gut! Lach nur, wenn's Dir Spaß macht!« protzte Steve. »Aber hör mal: hast Du etwa schon bemerkt, daß der kleine Steve als Schreiber für fünfzehn Dollar die Woche in einem Zeitungsbüro arbeitet? Oder ...«, fügte er hinzu, »daß er in Amüsiertheatern auftritt und singt?«

Helenes grobknochiges Gesicht wurde rot vor Wut. Sie hatte angefangen, gemeinsam mit der Sattlerstochter Pearl Hines in Vaudevilles und Kinos zu singen.

»Besser wär's, wenn Du Dich nicht so mausig machtest, Steve«, fuhr sie wütend los. »Such Dir erst mal Arbeit! Hör erst mal mit Deiner Nichtstuerei auf! So einer wie Du, der sich Tag und Nacht in den Kneipen herumtreibt und das Geld seiner Frau versäuft, der hat es gerade nötig, das Maul aufzureißen!«

»Aber um Gottes willen, Helene!« rief Ben gereizt und drehte sich wieder um. »Hör ihm doch nicht zu! Merkst Du's denn nicht, daß er nicht richtig im Kopf ist?«

 

Im Laufe des Sommers fing Steve an, wieder schwer zu trinken. Sein verfaultes, seit Jahren vernachlässigtes Gebiß fing gleichzeitig an zu schmerzen. Wild vor Zahnweh und von billigem Whisky war er überzeugt, daß Eliza und Margarete an seinem Jammer schuld seien. Er stellte ihnen nach und brüllte ihnen die Ohren voll, wenn er sie allein traf. Er beschimpfte sie in der gemeinsten Weise und behauptete, daß sie seinen Organismus vergiftet hätten.

Gegen zwei oder drei Uhr nachts erwachte er vor Zahnweh, lief flennend im Haus herum und bettelte um Hilfe. Eliza schickte ihn zu Spargh ins Hotel oder zu McGuire in die Privatwohnung. Die Doktoren, halbwach und mürrisch, spritzten ihm Morphium in den Oberarm. Das half; er konnte schlafen.

Einmal kam er kurz vorm Nachtessen heim nach Dixieland, die Hände auf die schmerzhaften Kinnbacken gepreßt. Eliza stand vor der heißen Pfanne am glühenden Herd. Er verfluchte sie, weil sie ihn geboren habe, verfluchte sie, weil sie ihn habe zahnen lassen, verfluchte sie, weil sie des Wohlwollens, der Mutterliebe, der Menschengüte bar sei.

Sie beherrschte sich mühsam.

»Mach, daß Du hier rauskommst!« befahl sie, weiß im Gesicht. »Du weißt nicht, was Du sprichst. Der verdammte Alkohol macht Dich so gemein.«

Sie fing an zu weinen, wischte sich mit der Hand über die Nase. »Ich hätte nie gedacht, daß einer meiner Söhne so zu mir reden würde«, stellte sie fest. Mit alt-mächtiger Gebärde streckte sie den Zeigefinger aus. »Ich mach das nicht länger mit!« behauptete sie streng. »Wenn Du nicht sofort schaust, daß Du hier fortkommst, rufe ich Nummer 38 an und laß Dich abführen.«

38 war das Polizeirevier. Das erweckte unangenehme Erinnerungen. Schon zweimal hatte Steve im Rausch im Stadtgefängnis gesessen. Er raste noch ärger als zuvor, schrie ihr gemeine Worte ins Gesicht, hob die Hand, um sie zu schlagen. In diesem Augenblick trat Lukas ein, er war unterwegs nach der Woodson Street.

Die Abneigung zwischen Lukas und dem Ältesten war tief und tödlich. Seit Jahren schon. Zitternd und zornentbrannt kam der Großherzige seiner Mutter zu Hilfe.

»Enta-a-a-a-arteter elender M-mensch!« stotterte er, unbewußt in Gantsche Rhetorik verfallend. »Mit der Reitpeitsche sollte man Dich zü-zü-züchtigen!«

Er war neunzehn, ein gutgebauter, muskulöser Bursch, aber viel zu empfindlich für die Tabus der Bruderliebe, um überhaupt zu argwöhnen, daß Steve ihn anfallen würde. Steve fiel in der gemeinsten Weise über ihn her, traf ihn mit den Fäusten ins Gesicht, trieb den Schnaufenden, Halbblinden aus der Küche. Unrecht ewig auf dem Thron!

Eugen, von Angst gepackt, von Wut besessen, hörte aus dem Wohnzimmer die Stimme Bens, der ein Lied summte und Klavier dazu klimperte.

»Ben!!« schrie er, tanzte wild und ergriff einen Hammer.

Dem Lukas schoß das Blut aus der Nase.

Ben kam mit einem Satz herein, lautlos wie eine Katze.

»Ran mit Dir, Du Bastard! Jetzt kommst Du dran!« heulte Steve siegesbefeuert und warf sich in pathetische Boxerstellung. »Keine Aussicht für Dich, Jungchen«, prahlte er, »ich schlag Dir den Kopf in Stücke, armes Schwein.«

Ben sah ihn ruhig an, furchte die Braue, tanzte um ihn herum und schnickte die Fäuste im Stil der Polizeiboxer. Jählings packte ihn eine rasende Wut. Der Stille sprang den Amateurfaustkämpfer an und legte ihn mit einem einzigen Hieb glatt zu Boden. Steves Kopf schlug auf den Fußboden auf. Das tat gut! Eugen, wahnwitzig vor Freude, hüpfte und schrie, während Ben fauchend über Steve herfiel und ihn verdrosch. Ben war herrlich gründlich, wenn er mal loslegte.

»Hurra für Ben! Hurra für Ben!« jauchzte Eugen, irrlachend.

Eliza, die laut »Hilfe« und »Polizei« gerufen hatte, gelang es schließlich mit Lukas' Beistand, Ben von seinem halbohnmächtigen Opfer wegzureißen. Sie weinte bitterlich. Lukas, seine blutige Nase vergessend, untröstlich darüber, daß hier ein Bruder den andern verprügelt hatte, half Steve auf die Beine und bürstete ihn ab.

Sie schämten sich alle entsetzlich, sie konnten einer dem andern nicht ins Auge sehn. Ben war schlohweiß im Gesicht, er zitterte am ganzen Körper. Als er Steves verschwiemelte Augen einen Augenblick erhaschte, räusperte er sich trocken, ging zum Spülstein und trank ein Glas Wasser.

Eliza greinte: »Ein Haus, das mit sich selber uneins ist, kann nicht bestehen.«

Helene kam aus der Stadt; sie brachte warmes Brot und Gebäck mit.

»Was ist los?« fragte sie, obschon sie auf den ersten Blick erkannte, was vorgefallen war.

»Ich weiß nicht«, sagte Eliza kopfschüttelnd mit zuckender Miene. »Gottes Zorn muß über uns hereingebrochen sein. Mein ganzes Leben habe ich nichts wie Elend auszustehen. Und alles, was ich mir wünsche, ist ein bißchen Frieden.« Sie weinte leise, aus glanzlosen, verschwommenen Augen. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab.

»Na, vergiß es!« sagte Helene ruhig. Ihre Stimme war gleichgültig, trübselig, kummervoll. »Wie geht's jetzt, Steve?« fragte sie.

»Ich mach weiß Gott keinem Menschen Schwierigkeiten, Helene«, wimmerte er kläglich. Seine Stimme klang düster. »Nein, dem Steve hat man nie was gegönnt. Meine eignen Brüder sind über mich hergefallen, krank wie ich bin, und haben mich verhauen. Gut! Ich werde weggehen und es zu vergessen suchen. Ich trage nicht nach. Nein, so einer bin ich nicht.« Er drehte sich herum und streckte Ben die Hand hin. »Gib mir die Hand, Brüderchen. Hier! Du hast mich geschlagen, aber ich will Dir's vergeben und vergessen.«

»O Du mein Gott!« sagte Ben und preßte die Hand auf den Magen. Ihm wurde schwach. Er beugte sich über den Spülstein und trank schnell noch ein Glas Wasser.

»Nein, nein, ich trage wirklich nicht nach«, fing Steve wieder an. »So einer bin ich nicht ...« Er hätte unendlich in dieser Tonart weitergewimmert, aber die entschiedne Helene verstand es, dem Ausbruch seiner Zimperlichkeit einen Riegel vorzuschieben.

»Gut! Schluß! Hör Jetzt damit auf!« befahl sie. Und zu den anderen sagte sie: »Vergeßt die Sache, das Leben ist ohnehin zu kurz.«

In der Tat, das Leben war ohnehin zu kurz. Nach solchen Explosionen kam für sie alle eine Stunde der Stille, in der sie sich einander betrübt und ruhig erkannten. Sie waren wie Männer, die, verzweifelt einer Fata Morgana nachjagend, plötzlich stillstehen, sich umblicken und ihre Fußspuren unendlich weit zurück in der Wüste verlaufen sehen. Oder vielleicht wie Leute, die irrsinnig gewesen sind und dem Irrsinn auch wieder verfallen werden und sich eines Morgens still und vernünftig, mit traurigen, ungetrübten Augen im Spiegel anschauen.

Ihre Gesichter waren traurig. Großes Alter war in ihnen. Sie wußten plötzlich um den weiten Weg, den sie gekommen waren, spürten die Menge Leben, die sie gelebt hatten. Ein Augenblick des Zusammenhalts, ein Augenblick tragischer Zuneigung und Einigkeit kam, der sie zu einem Kranz kleiner, spitzer Flämmchen gegen den Nihilismus, gegen das Sinnlose des Daseins zusammenzwang.

Margarete kam verängstigt herein, die Augen rotgeweint, das breite, deutsche Gesicht blaß und von Tränen verschmiert. Eine Gruppe Pensionsgäste flüsterte aufgeregt in der Diele.

»Die werde ich alle verlieren«, quengelte Eliza. »Das letztemal haben drei Leute gekündigt. Über zwanzig Dollar die Woche weniger, wo das Geld jetzt so rar ist. Ach Gott, ich weiß wahrhaftig nicht, wie das noch mit uns enden soll.«

»Heiliger Himmel!« herrschte Helene sie an, »hör doch einmal mit Deinen Kostgängern auf!«

Steve sank dumpf auf einen Stuhl vor dem langen, unaufgeräumten Küchentisch. Von Zeit zu Zeit murmelte er etwas Schlabberiges vor sich hin. Lukas stand mit geschwollenem Gesicht beschämt und gekränkt neben ihm, wartete ihm auf, brachte ihm ein Glas Wasser.

»Gib ihm doch 'ne Tasse Kaffee, Mama«, verlangte Helene gereizt. »Um Gottes willen! Soviel kannst Du wirklich für ihn tun.«

»Ja, aber ja! Gleich!« stammelte Eliza. Sie eilte unbeholfen zum Gasherd und zündete den Brenner an. »Ich hab nur nicht dran gedacht, ja, gleich, in einer Minute.«

Margarete saß auf einem Stuhl am anderen Ende des Küchentischs, das Gesicht in die Hand gestützt und weinte. Ihre Tränen zogen kleine Bäche durch die dicke Decke von Puder und Rouge, die sie auf ihre grobe Haut zu legen pflegte.

»Komm, sei wieder lustig, mein Honig!« mahnte Helene und fing an zu lachen. »Es wird bald wieder Weihnachten.« Sie tätschelte tröstend den breiten Rücken der Deutschen.

Ben ging auf die Küchenveranda hinaus. Es war eine kühle, sternklare Augustnacht. Er zündete eine Zigarette an; seine weiße Hand zitterte, als er das Streichholz hielt. Von sommerlichen Veranden wehten schwache Geräusche her, Frauengelächter, ein paar Takte Tanzmusik. Eugen stellte sich neben ihn und sah ihn mit freudigtrauriger Bewunderung an. Halb ängstlich, halb übermütig pokte er ihn in die Rippe.

Ben fauchte leis, hob die Hand zum Schlag, ließ sie sinken. Schnell flackerte ein Lichtschein über seinem Mund. Er rauchte.

 

Steve zog mit seiner Deutschen nach Indiana. Zuerst kamen Nachrichten von Fett und Fülle, von Wohlleben und Pelzmänteln (mit Photographien!) – später von Streitigkeiten mit ihren ehrlichen Brüdern, von Scheidungsplänen, Versöhnung und Wiederaufleben. Steve gravitierte zwischen den beiden Polen seines Unterhalts, Margarete und Eliza. Jeden Sommer erschien er in Altamont und ergab sich eine Zeitlang dem Alkohol und Rauschgiften. Sein Aufenthalt endete regelmäßig mit Familienkrach, Gefängnis und Sanatorium.

»Die Hölle reißt ihren Rachen auf«, heulte Gant, »wenn dieser Elende heimkommt. Ein Fluch und eine Sorge, so liegt er auf uns. Der Niedrigste unter den Niedrigen, der Gemeinste unter den Gemeinen, das ist er. Weib! Du hast ein Ungeheuer geboren! Der Kerl wird nicht ruhen, bis er mich unter die Erde gebracht hat, dieser verdammungswürdige, dieser grausame, dieser entsetzliche Schurke!«

Eliza aber schrieb ihrem Ältesten regelmäßig; von Zeit zu Zeit legte sie Geldscheine in die Briefe ein. Sie hoffte unendlich für ihn, hoffte gegen alle Natur, gegen alle Vernunft, gegen, die gesamte Struktur des Daseins. Freilich wagte sie nicht, ihn offen zu verteidigen und zuzugeben, daß er den Platz im Kern ihres Herzens innehabe. Aber sie zeigte jeden Brief, in dem er von Erfolgen prahlte oder von seiner allmonatlichen Auferstehung im Geiste berichtete. Sie las den albernen, mit geflügelten Worten gespickten Schwulst der versammelten Familie vor, die, meist ziemlich ungerührt,, zuhörte. Sie hielt Steves Stilblüten für Beweise seiner überlegnen Intelligenz; sie war stolz auf seine geschwollne, schnörkelige Handschrift; es gefiel ihr, daß er die geflügelten Worte in Anführungsstriche setzte.

Liebe Mama:

Deinen werten vom 11. lfd. Ms. zur Hand und beeile ich mich Dir zu schreiben, wie froh ich bin zu vernehmen, daß du wieder »im Land der Lebendigen« weilst, denn ich hatte schon begonnen, mir Gedanken darüber zu machen, daß es »so lange Zeit braucht zwischen zwei Labsalen«. – »Ich will Euch was sagen«, bemerkte Eliza hochmütig, »der Junge ist nicht auf den Kopf gefallen.« Helene, mit einem halb drolligen, halb verärgerten Lächeln um den großen Mund, sah Lukas an, schnitt eine Fratze und himmelte mit den Außen. Gant, den Kopf ein wenig verrenkt, war ganz Ohr. – Seit meinem letzten Schreiben haben sich Dinge günstig für mich entwickelt. Liebe Mama: Es hat den Anschein, als ob »der verlorne Sohn« eines Tages im eignen Auto heimkehren könnte . – »Höh! Was war das?« fragte Gant, worauf Eliza die Stelle nochmals las. Er leckte den Daumen und grinste wohlgefällig vor sich hin. »Wa-wa-was ist los?« stotterte Lukas. »Hat er die Ei-ei-ei-eisenbahn gekauft?« Helene lachte heiser. »Ich bin aus Glaubnixdorf«, bemerkte sie. – Der gute Anfang, Mama, ist mir schwer gefallen: jedoch war alles gegen mich und alles, was der kleine Stevie begehrte in diesem »Tränental«, war eine gute Gelegenheit sich zu beweisen. – Helene lachte in ironischem Falsett. »Alles, was der kleine Stevie begehrte«, sagte Lukas, rot vor Ärger, »wa-wa-war die ganze Welt für sich und ein pa-pa-paar Go-go-goldbergwerke o-o-o-obendrein.« – Nachdem ich mich nun endgültig auf die Beine gebracht habe, gedenke ich der Welt zu zeigen, daß ich diejenigen, welche mir in meiner »Stunde der Not« beigestanden haben, nicht vergessen habe, und der beste Freund, welchen ein Mann hat, das ist seine Mutter. – »Wo ist die Schaufel?« fragte Ben ruhig und rümpfte die Nase.

»Der Junge schreibt einen guten Stil«, lobte Gant. »Verdammt will ich sein, wenn er nicht der Gescheiteste von der ganzen Bände ist, wenn er sich Mühe gibt.«

»Ja«, entgegnete Lukas, »er ist so gescheit, daß Du jeden Bären glaubst, den er Dir aufbindet. Aber das Kind, das durch dick und dünn mit Di-di-dir gegangen ist, dem zo-zollst Du k-k-keine A-a-a-anerkennurig.« Er warf einen bezeichnenden Blick auf Helene, »'ne verda-da-dammte Schande!«

»Red' nicht davon«, heischte Helene mürrisch.

»Ja, ja ...«, bemerkte Eliza gedankenvoll. Sie hielt den Brief in den gefalteten Händen und starrte, die Lippe geschürzt, glückselig träumend ins Leere, »... vielleicht ist er wirklich ein andrer Mensch geworden. Man kann nie wissen.«

»Hoffentlich! Hoffentlich!« sagte Helene verdrießlich, »aber erst wollen wir Beweise sehn.«

Nachher sagte sie mit hysterischer Stimme zu Lukas: »Da siehst Du's wieder, nicht wahr? Werde ich überhaupt einer Anerkennung gewürdigt? Ich: kann mich zu Tod rackern für die Alten, aber krieg: ich auch mir ein Scher-Dich-zum-Teufel dafür? Was?«

In diesen Jahren ging Helene mit der Sattlerstochter Pearl Hines in den Süden auf Tournee. Sie sangen im Beiprogramm der Kleinstadtkintöppe; wurden durch einen Agenten in Atlanta gebucht.

Die dralle Pearl Hines mit dem Vollmondgesicht und den Niggerlippen war immer guter Dinge. Sie sang Ragtime und Niggersongs mit natürlicher Leidenschaft, schwenkte die Hüften und bubberte mit den Brüsten dazu.

»Ei, da kommt mein Da-daddy, ja,
O Pop! O Pop! O-o Pop!«

Sie verdienten manchmal ganze hundert Dollar die Woche. Sie traten in Städten auf wie: Waycross in Georgia, Greenville in Süd-Carolina, Hattisburg im Staat Mississippi, Baton Rouge in Louisiana.

Sie trugen den großen Panzer der Unschuld. Sie waren lebenslustige, aber anständige Mädchen. Manchmal leisteten sich Lebemänner einen leisen, verletzenden Verstoß, weil sie an den Ruf glaubten, den fahrendes Volk bei den Kleinstädtern genießt. Aber im allgemeinen wurden die beiden wie Ladies behandelt.

Für Helene und Pearl waren diese Tourneen eine vielversprechende Sache. Die Begeisterung, die ihr Gesang bei den biedern, nach Schweiß und Scholle duftenden Bürgern und Farmern auslöste, machte sie gierig auf größeren Erfolg. Sie hielten sich für Berufssoubretten, lasen die Fachzeitschriften und sahen sich schon als eine mit Lichtreklamen angekündigte, mit schwerem Geld bezahlte, auf lange Zeit in den Großstadtvaudevilles engagierte »große Nummer«.

Pearl hatte den populären Teil des Programms, Helene den Opernteil auszufüllen. Im Licht eines roten Scheinwerfers, vor respektvoll verstummten Zuhörern, sang sie besseren Kitsch: Tostis »Goodbye«, »das End des glückselig vollkommnen Tags«, »das Rosenbauer«. Sie hatte eine große, volle Stimme mit einem metallischen Timbre. Ihre musikalische Ausbildung hatte sie von ihrer Tante Luise erhalten. Die Tante Luise, eine üppige Blondine, hatte nach ihrer Scheidung von Elmer Pentland noch ein paar Jahre in Altamont gelebt. Sie gab Musikstunden und genoß ihre dahinschwindende Blüte mit jungen Männern. Sie gehörte zu der Sorte reifer, temperamentvoller, gefährlicher Frauen, für die Helene schwärmte. Als des spitzzüngigen, spießigen Geredes über ihren Lebenswandel zu viel wurde, zog sie mit ihrer kleinen Tochter nach New York.

Aber sie hatte gesagt: »Helene, eine Stimme wie Deine sollte für die große Oper ausgebildet werden.«

Helene vergaß das nie. Sie träumte von Paris, Mailand und Wien, von den grellen Schlaglichtern einer Opernkarriere, der blühenden Musik, den im Diamantenfeuer blitzenden Logen, dem frenetisch tosenden Beifall. Sie glaubte sich zum Opernstar vorbestimmt. Und als nun die Nummer Gant und Hines – Programmname: »The Dixie Melody Twins« – im Zickzack durch die Südstaaten reiste, hielt sie die Erfüllung dieser heftigen, hellen, formlosen Wünsche für nähergerückt.

Sie schrieb oft nach Hause, gewöhnlich an Gant. Ihre Briefe pochten vom großen Pulsschlag des Daseins. Die Anregung neuer Städte und füllig erfaßten Lebens sprach aus ihnen. Überall lernten sie »nette Leute« kennen – und tatsächlich überall waren gute Frauen und Mütter und brave junge Männer von Helene und Pearl begeistert. Helene war ein ungeheuer anständiger Mensch; ihre reinliche allüberzeugende Vitalität zog gute Leute an und stieß schlechtes Gesindel ab.

Sie hatte eine Reihe junger Männer unter ihrer Herrschaft – rechtschaffne, sonnverbrannte, tüchtig trinkende, scheue Kerle. Kaum einer von ihnen wagte es je, sie zu küssen.

Eugen wunderte sich sehr über diese belämmerten Löwen. Unter Männern waren sie jähzornig, wüst, verwegen und streitsüchtig; vor Helene benahmen sie sich schüchtern und linkisch. Noch immer war der alkoholische Stadtgeometer in Raufhändel mit gerichtlichen Nachspielen verwickelt. Ein andrer Liebhaber – von Beruf Eisenbahndetektiv –, der im Suff Negerschädel zu zertrümmern pflegte, hatte schon mehrere Männer erschossen und fand schließlich bei einer Revolverschießerei in Tennessee den Tod.

Helene fand überall Freundschaft und Schutz. Pearls glückhafte Sinnlichkeit aber verleitete gelegentlich die Dorfgalane zu Fehlschlüssen. Mit unschuldigem Gusto sang sie:

»Nun soll ein süßer, alter Papa kommen
Und, ach, so lieb mit mir tun ...«

und unangenehme Typen mit angekauten Zigarren näherten sich, luden zu Kornwhisky ein und gebrauchten vertrauliche Anreden, wenn sie schließlich ein Hotelzimmer oder ein Auto zum trauten Stelldichein vorschlugen. Wenn das vorkam, war Pearl höchst betreten und schwieg. Sie wandte sich an Helene. Und Helene, den großen Mund gespannt, die Augen funkelnd, wies dann zurecht:

»Ich versteh nicht, was Sie da meinen. Mir scheint, Sie haben sich in uns geirrt.«

Sie verabsäumte nie, betroffen gestammelte Entschuldigungen zu erzwingen.

Sie war rührend unschuldig. Sie war konstitutionell außerstand, »das Schlimmste« von jemand zu glauben. Es schien ihr vollkommen ausgeschlossen, daß ihre smarten jungen Freundinnen jemals, wie sie sich ausdrückte, »mit Männern wirklich losgingen«. Sie liebte Klatsch und klatschte selbst gern, aber von der ganzen verworrenen Schweinigelei des ländlichen Lebens hatte sie kaum eine Vorstellung. Vertrauensvoll und daseinsfroh wandelte sie mit Pearl Hines auf der dünnen Lavakruste um den Krater des Vulkans und merkte weiter nichts, als daß das Leben dort nach Freiheit, Abwechslung und Abenteuer riecht.

Aber mit der Partnerschaft war es bald Schluß. Pearl Hines hatte klipp und klar bestimmte Lebensabsichten. Sie wollte heiraten, und zwar ehe sie fünfundzwanzig wurde. Helene jedoch wußte nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Für sie bedeuteten die Tourneen eine Art Selbstbefreiung. Ihr blinder Hunger nach Schönheit, Betrieb und Abwechslung trieb sie auf den Weg. Sie suchte ein Ziel.

Zwei oder drei Jahre lang bestritten Pearl und Helene ihren Unterhalt durch diese Tourneen. Sie reisten im Herbst. Im Frühjahr kamen sie wieder nach Altamont und hatten genug Geld verdient, um bis zur nächsten Saison durchzuhalten.

Bedächtig erwog Pearl während dieser Zeit mehrere Heiratsanträge, die ihr von jungen Männern gemacht wurden. Sie hatte die herzlichste Zuneigung eines Berufsbaseballspielers; er war Manager der Altamont-Mannschaft und spielte zweite Base. Er war ein zähes, schönes, junges Tier. Mitten im Spiel pflegte er wütend den dickwattierten Fanghandschuh hinzuschmeißen und streitsüchtig auf den Schiedsrichter loszurennen. Seine harte Selbstsicherheit, seine schnelle, nasale Sprechweise, sein hagerer, sonnverbrannter Körper gefielen Pearl.

Aber sie war nicht verliebt. Sie gehörte zu denen, die sich nie verlieben. Zudem wußte sie, wie weit die Einkünfte eines Ballspielers aus dem Hinterwald reichen. So heiratete sie schließlich einen schwerfälligen jungen Mann aus Jersey-City, der ein großes, gutgehendes Speditionsgeschäft besaß.

 

So fand die Partnerschaft der »Dixie Melody Twins« ein Ende. Helene träumte weiter von den Opernhäusern der Großstädte.

Sie entbehrte Lukas sehr. Ohne ihn kam sie sich unvollständig, unbeschirmt vor. Lukas studierte seit zwei Jahren auf dem Polytechnikum in Atlanta, im Staate Georgia. Er nahm den Kursus für Elektrotechniker. Dieser Entschluß war in ihm schon vor Jahren durch Gants Lobreden auf den schwerverdienenden Elektroingenieur Lidell erzeugt worden. Lukas versagte vollkommen. Er war viel zu undiszipliniert zum Studium. Sein Zielstreben wurde von tausend kleinen Impulsen durchbrochen. Sein Gehirn stotterte genau so wie seine Zunge. Wenn er eine Logarithmentafel aufschlug, wiederholte er blödsinnig oft die Nummer der Seite, die er suchte, und wiegelte dazu den Fuß auf dem Ballen der Ferse, so daß sein ganzer Körper vibrierte ...

Sein großes verwertbares Talent war die Kunst des Verkaufens. Er besaß im höchsten Grade die Eigenschaft, die man in Amerika beim Theater und in der Geschäftswelt als »Persönlichkeit« bezeichnet. Er hatte einen natürlichen Instinkt dafür, wie man eine Ware losschlägt, und seine wilde zappelige Energie, seine erdhafte Vulgarität halfen ihm bei den Leuten. Er war nie um eine quicke, treffsichere Antwort verlegen. Seine Überredungskraft war hypnotisch; er hätte ein Vermögen damit verdienen können. Er war imstande, den Leuten die Knöpfe von der Jacke wegzuschwätzen. Zum Studieren jedoch war er zu zerstreut. Der Kalkulus und die technischen Wissenschaften hingen zu hoch für ihn. Er war kein Elektroingenieur, er war elektrische Energie.

Er hatte einen ungeheuren, grellen, prächtigen Humor. Leute, die ihn nicht kannten, waren bereits zum Kichern aufgelegt, wenn sie seiner ansichtig wurden; sie brüllten vor Lachen, wenn er den Mund auftat. Seine körperliche Schönheit war erstaunlich. Sein Kopf war wie das Haupt eines wilden Engels. Lockenstrudel leuchtenden Goldhaars umrahmten sein Gesicht. Seine Züge waren regelmäßig, männlich, heiter und offen, vom fremden Licht idiotischer Begeisterung erhellt. Selbst wenn er irritiert stotterte, wenn seine Mienen von Nervosität ganz verwirrt waren, stets war sein breiter Mund zum Lachen bereit. Und sein Lachen schallte erdhaft, hell, übermütig, albern. Es war ein geschöpflich-dämonischer Überschwang in ihm, ein unbändiges Verstehen, etwas, das nicht aus dem Hirn stammt. Der Dämon dieses Lachens kam über ihn, besaß ihn, schaltete rücksichtslos mit ihm, selbst in unerwarteten Momenten, wenn er sich alle Mühe gab, die gute Meinung, die die Leute von ihm hegten, die öffentliche Achtung und Beliebtheit, das ihm gern gespendete Lob, nach dem er lechzte, zu erhalten.

Eines Tages erklärte ihm eine alte, kirchlich gesinnte Dame liebevollen Ernstes die Dogmen des Presbyterianismus. Lukas hörte ihr aufmerksam und respektvoll zu. Von Zeit zu Zeit murmelte er ein Wort der Zustimmung. Plötzlich packte ihn der Lachteufel: es kullerte übermütig in ihm, er platzte herzhaft-überschwenglich heraus und wieherte der alten Darrte ins Gesicht. Als sie ihn, von dem verrückten Gelächter erschreckt, erstaunt anblickte, verfiel er in ein schallendes »Wha-Wha-Wha«, lachte noch wilder, unsinniger, unvernünftiger, gurgelte Rachenlaute heraus und stocherte sie mit den Fingern in die Rippen.

Eliza, die gelegentlich die allvernichtende Wirkung dieses Lachens spürte, klopfte ihm auf die Hände, wenn er sie neckte, schürzte pikiert die Lippe und erklärte schließlich, von immer neuen Wha-Whas zornig entrüstet: »Wahrhaftig und Gott, Junge, Du benimmst Dich wie ein richtiggehender Idiot. An Deiner Stelle würde ich mich schämen, ja, schämen würde ich mich.« Sie schüttelte mitleidig den Kopf über ihn. Aber was sie auch tat, es stachelte ihn zu immer wilderem Gelächter auf.

Diese Eigenschaft war ungewöhnlich. Lukas besaß etwas, das viel wertvoller ist als Intelligenz ... Es war ihm gegeben, das Leben als Burleske zu sehen. Sein zertrümmerndes, idiotisches Wha-Wha-Wha war seine eigentliche Antwort auf die falschen Vorspiegelungen, die Intrigen, die Heucheleien der Welt. Aber er besaß seinen Dämon nicht; sein Dämon besaß ihn, zeitweise. Hätte der Dämon ihn ganz und dauernd besessen, dann wäre er ein erstaunlich aufrichtiger und klarer Mensch gewesen. Aber wenn er nachdachte, dachte er wie ein Kind, heuchlerisch und sentimental, ganz in den unaufrichtigen Vorgeblichkeiten von Kindern befangen.

Sein Gesicht war wie eine Kirche, in der Schönheit und Humor getraut werden. Das Fremde und das Bekannte waren ein und dasselbe für ihn. Leute, die ihn ansahen, waren überrascht; sie sahen da etwas, von dem sie nie ein Wort gehört hatten, das ihnen jedoch von jeher bekannt war.

Helene und Pearl kamen auf ihren Fahrten ein- oder zweimal in der Saison nach Atlanta und besuchten ihn. Im Frühling waren sie zur Gastopernwoche da. Lukas hatte für den ersten Abend Anstellung als Statist – als Speerträger in der »Aïda« – gefunden. Den Rest der Woche passierte er den Theaterportier als »Lukia Gantio, ein Mitglied der Truppe«.

 

Die großen Füße in Schnürsandalen, die nackten Beine dichtbehaart, eine Korkzieherlocke unterm Blechhelm hervorquellend, so latschte er an jenem Aïda-Abend in seinem Kostüm herum. Er stand komisch auf seinen Speer gestützt, sein Gesicht leuchtete vor Übermut. Caruso, der seinen Auftritt erwartete, musterte ihn von Zeit zu Zeit mit einem breiten Lazzarone-Lächeln.

»Höh, wer seind Sie, wos?« fragte Caruso und musterte ihn vom Scheitel zu Sohle.

»Wa-wa-was?« sagte er, »kennen Sie Ihre eignen Soldaten nicht, wenn sie vor Ihnen stehn?«

»Ein Teufel von ein Soldat seind Sie«, sagte Caruso.

»Wha! Wha! Wha!« blökte Lukas. Mit Anstrengung hielt er seine Hände, die so gern in Rippen stocherten, zurück.

 

Seine Sommerferien verbrachte er in Altamont. Er fand Anstellung bei einer Firma, die einen großen Trakt Baugelände in Lose aufgeteilt hatte und die Parzellen meistbietend versteigerte. Lukas stand inmitten der Interessenten auf dem Besichtigungsautobus, feuerte, die Hand an den Mund gelegt, die Leute zum Bieten an. Eindringlich, inständig, zumunternd erschallte seine Stimme ... Diese Beschäftigung berauschte ihn geradezu.

Der Wagen hielt vor einem abgesteckten Baugrundstück:

»Immer ran, meine Herren, das ist Los Nummer 17 der schönen, aufblühenden Villenvorstadt Heimwald. Wir liefern den Wald, Sie stellen das Heim hinein. Dieses hübsche Baugrundstück, meine Herren, ist sechzig Meter tief, da haben Sie genug Platz für einen Garten und ein Hinterhäuschen. Ziehen Sie Ihre Maiskolben auf eigner Scholle im schönen Heimwald! Sie haben hier vierzig Meter Straßenfront, an einer großartigen, neuen, makadamisierten Straße.«

»Höh! Wo ist die Straße?« rief jemand.

»Auf dem Blaupausplan natürlich, Herr Oberst. Da besitzen Sie sie blau auf weiß, sozusagen. Also meine Herren, eine nie wiederkehrende Gelegenheit bietet sich da. Sie tritt Sie in den Hosenboden. Sind Sie vorausschauende, klug die Zukunft erwägende Männer? Bedenken Sie, was Ford und Edison, was Napoleon und Cäsar an Ihrer Stelle täten! Gehorchen Sie dem Impuls! Hier können Sie nicht verlieren. Die Stadt wächst in dieser Richtung! Legen Sie mal die Hand ans Ohr, dann werden Sie sofort hören, wie sie hierherwächst. Gelt! Ja, Sie hören es! Auf diesen Hügel da wird das neue Amtsgerichtsgebäude hinkommen; ein ganz klein wenig unterhalb von hier werden Bäcker und Leichenbestatter in funkelnagelneuen Backsteinhäusern ihre schönen Läden eröffnen. Also: Zum Ersten! Zum Zweiten ... Wer bietet?!«

Wenn keine Versteigerungen stattfanden, stand Lukas auf dem Bahnsteig und überschüttete ankommende Touristen mit beredsamen Einladungen nach Dixieland. Er ragte dominierend über das ganze reklametüchtige Babel der Hotelportiers, der Boardinghouse-Ehemänner und der schwarzen Gepäckträger.

»Ich geb' Dir einen Dollar für jeden Kunden, den Du mir hertrommelst«, sprach Eliza.

»Ach laß doch, nicht der Rede wert!« Lukas, der Bescheidne. Lukas, der Großmütige.

»Er wäre imstand, das Hemd, das er auf dem Leib trägt, zu verschenken«, bemerkte Gant.

Ein feiner Junge, ein guter Sohn. Auf der Veranda saß Eliza, erruhte sich von der Plackerei des heißen Tages in der nächtlichen Kühle und aß Eiskrem, die er ihr aus der Stadt mitgebracht hatte.

Er war dahinterher. Er hausierte mit patentierten Waschbrettern, mit gesetzlich geschützten Kartoffelschälern, mit Wanzenpulver. Den Negern hängte er Haaröl auf, das unter Garantie krulliges Gelock in glattes Gesträhn verwandeln sollte. Er verkaufte ihnen einen religiösen Öldruck: – schwarze und weiße Engel, dunkelschimmernde und hellhäutige Cherubim segelten im Gleitflug um einen unparteiischen und gekreuzigten Heiland; die Unterschrift hieß: Gott liebt sie beide. Sie gingen wie warme Wecken.

Außerdem war er Chauffeur. Er fuhr Gants Wagen, einen Ford, Fünfsitzer, Modell 1913. Der Alte hatte ihn in einer irren, inspirierten Stunde gekauft, sprach die halbe Zeit von ihm. Dieser Gegenstand des Zorns und der Prahlsucht erfüllte Gant mit Schrecken; er verdammte seine rasche Handlungsweise. Man muß wissen, das war, ehe noch jedermann einen Wagen hatte. Die Betriebskosten, die Reparaturrechnungen versetzten ihn schier in Wahnsinn. Er rannte im Zimmer auf und ab, fluchte und flennte, weinte und betete.

»Keine Minute Frieden ist mir gegönnt, seit ich den Karren kaufte! Ein verdammniswürdiges, ein blutsaugendes Ungeheuer ist er! Nicht genug, daß er mir das Lebensmark abgezapft hat, er wird mich auch noch auf den Armenfriedhof bringen. Es ist furchtbar, es ist entsetzlich, es ist grausam, auf seine alten Tage so heimgesucht zu werden. Oh, du barmherziger Gott!« – mit zornrollenden Augen sah er den beschämten Lukas an. »Wie hoch ist die Rechnung, Sohn? Was?«

»Reg Dich doch nicht so auf, Papa«, sagte Lukas beschwichtigend und trat von einem Fuß auf den andern. »Es sind nur 8 Dollar und 92 Cent.«

»Jesus, Du mein Gott!« schrie Gant. »Ich bin ruiniert!« Er seufzte, schnuffelte, schritt wieder auf und ab wie ein Tier im Käfig.

Angenehm aber war's, in die Dämmerung oder in die kühlen Sommernächte hinaus zu fahren. Da hatte man Eliza an seiner Seite oder eine seiner Töchter. Man rauchte ein gutes Kraut von einem Glimmstengel, man streckte den langen Leib auf dem gepolsterten Rücksitz aus, man rollte durch die duftige Landschaft, durch die langen, dunklen Straßen der Stadt.

Lukas war ein nervöser, zerstreuter, wilder Fahrer. Seine Zappeligkeit übertrug sich auf die Blechkutsche. Er fluchte am Steuerrad, bremste plötzlich und brach in ein wütendes Tuh-Tuh-Tuh aus, wenn der Wagen daraufhin stoppte. Wenn ein anderes Auto entgegen kam, gab Gant vom Rücksitz her lauten Alarm; fluchend und flehend mahnte er den Sohn zur Vorsicht.

Wenn es spät wurde und die Straßen verstummten, dann kam der Teufel über den Chauffeur Lukas. Er fuhr eine lange Hügelallee hinunter, brach plötzlich in ein irrsinniges Gelächter aus, hing sich übers Steuerrad, gab Vollgas, und sein idiotisches Wha-Wha-Wha schallte in die Nacht als Antwort auf Gants Verwünschungen und Gebete. Und bergab mit mörderischer Geschwindigkeit sauste das Gefährt. Lukas brüllte vor Lust, wenn sie an der blinden Gefahr der Straßenkreuzungen vorüberschossen.

»Gottverdammter Schuft! Halt! Halt!« gellte Gant. »Ich laß Dich ins Gefängnis werfen, Du Bankert!«

»Wha! Wha!« Das Lachen überschlug sich in ein irres Falsett.

Daisy, die gerade auf ein paar Wochen zur Sommerfrische da war, ward eiskalt vor Entsetzen. Sie preßte das Jüngste ihres alljährigen Nachwuchses an die Brust und stöhnte melodramatisch:

»Ich bitte Dich, um meiner Familie willen, um meiner armen, mutterlosen Kinder willen – –«

»Wha! Wha! Wha!«

»Ausgeburt der Hölle!« schrie Gant und fing an zu weinen. »Grausames, verbrecherisches Ungeheuer! Unser Hirn wird an einem Baumstamm hängen ...«

... Mit einer schnellen Wendung flitzten sie vor einem Auto vorbei, das aus einer Seitenstraße kam und mit kreischenden Bremsen in letzter Sekunde gestoppt hatte.

»Verdammter Schuft!« heulte Gant, beugte sich nach vorn und packte Lukas mit seinen großen Händen an der Gurgel. Lukas ließ den Wagen noch ein Stück mit irrsinniger Geschwindigkeit dahinsputen. Mit einem Schreckensgeplärr fiel Gant in seinen Sitz zurück.

 

An Sonntagen machten sie Touren. Oft fuhren sie die 33 Kilometer nach Reynoldsville. Es war ein häßlicher Kurort. Der Gestank der ankommenden und abfahrenden Automobile, hing schwer über der breiten Hauptstraße. Da kamen und gingen Leute aus verschiedenen Staaten. Von Süden herauf, aus Süd-Carolina und Georgia kamen Baumwollfarmer und kleine Kaufleute mit ihren Familien in verbeulten, mit rotem Lehmsandstaub bedeckten Wagen. Sie aßen ein schweres Mittagessen – Brathuhn mit Mais und grünen Bohnen – in einem der Hotelrestaurants ... saßen dann eine Stunde in einer Drogerie über kühlen, kohlensauren Getränken und Eiskrem mit Gelee und Nußsplittern ... guckten die glücklichen Sommerfrischler und die reifen Jungfrauen in ihren kühlen, leichten Kleidern an ... fuhren dann ein bißchen in der Stadt herum ... und kehrten schließlich wieder heim in die Staubwindwolken und die Knallhitze der südlichen Ebne. Neuland.

Jungfrauen aus dem Süden, fließend die weichen, reifen Kurven ihrer Körper, langgezogen und träg ihre Aussprache, ... von ihnen waren die Sommerveranden erfüllt.

Dieser Lukas war ein Goldkerl. Ein Liebling war er. Ein großherziger, freimütiger Bursche. Entzückend, geradezu hinreißend war er. Frauen hatten ihn gern, sie lachten ihn an, sie zupften ihn an den goldnen Locken. Mit sentimentaler Zärtlichkeit liebte er Kinder, nämlich Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren. Er hegte hochromantische Empfindungen für Delia, Mistress Selbornes älteste Tochter. Er brachte ihr Geschenke, war abwechselnd zärtlich und gereizt mit ihr. Eines Nachts auf der Terrasse vor Gants Haus – der Augustmond schien und die reifenden Trauben dufteten – streichelte er Delia, während Helene im Wohnzimmer sang.

Er streichelte sie leise, er lehnte seinen Kopf über sie, er sagte, er möchte ihn so gern an ihre »B-b-b-brüste« betten. Eugen beobachtete die beiden mit bitterem, giftgeschwollnem Herzen. Er wollte das Mädchen für sich haben, sie war dumm, aber sie hatte den wissenden Körper, das schwebende Lächeln ihrer Mutter. Mehr als Delia freilich begehrte er Mistress Seiborne; er phantasierte noch leidenschaftlich über sie; aber ihr Wesen war ja in Delia wieder Fleisch geworden. Infolgedessen benahm er sich stolz, ablehnend, kalt und albern vor den beiden. Sie konnten ihn nicht leiden.

Neidisch, mit angenagtem Herzen, bewachte er Lukas, wenn er Mistress Selborne den Hof machte. Lukas benahm sich so außergewöhnlich ergeben vor ihr, daß selbst Helene verdrossen und manchmal sogar eifersüchtig wurde. Und jede Nacht, sei es in Gants Haus oder in Dixieland, hörte Eugen ihr üppig quellendes Lachen voll von Zärtlichkeit, Hingabe, Geheimnis. Manchmal hockte er in Elizas Haus auf der Treppe und wartete, bis sie um ein oder zwei Uhr nachts heimkam. Wenn sie ihn im Dunkeln anstieß, schrie er leis erschreckt auf. Im ruppigsten Ton brachte er seine Entschuldigung vor und ging dann mit heftig pochendem Herzen und brennendem Gesicht zu Bett.

»Ach ja«, dachte er dann in seiner grünen Moralität von seinem Bruder Lukas, dem Gerngesehenen, »... da setzt sie Dich auf den Thron der Zuneigung, Du Riesenhanswurst, und dabei prellt sie Dich doch. Da tust Du dick und kaufst Eiskrem, und was hast Du davon? Wie muß Dir zumut sein, wenn Du erfährst, wann und wie sie heimkommt? Da ist sie mit irgendeinem finsteren Scheich bis eins oder zwei im Auto gewesen! Erst gibst Du Dein ganzes Geld für sie aus, und dann buhlt sie bis spät in der Nacht mit irgendeinem x-beliebigen Mannsbild herum. Ja! Geh Du nur und. bette Deinen Kopf an ihre B-b-b-brüste! Sie ist nicht besser als – – aber was weißt Du von Linsen und Bohnen, Du elender Hanswurst? Ja, das ist wahr!! Willst Du vielleicht etwas? Komm nur mit in den Hintergarten, Du Dicktuer! Da werd ich's Dir schon weisen ... da! ... So! und so!! ...und so!! ...« Wild stieß er mit den Fäusten zu. Er boxte den Phantom-Lukas zu Boden und sich selber in die Erschöpfung.

Als Lukas aufs Polytechnikum zog, besaß er ein paar hundert Dollar, die er sich als Agent der Saturday Evening Post erspart hatte. Er nahm sehr wenig Geld von Gant an. Er lebte als Werkstudent, arbeitete als Kellner, warb unter den Studenten für ein Boardinghouse und war Agent der Schneiderfirma, die die »Kippy Kampus Klothes« herstellte. Gant prahlte mit dieser Tüchtigkeit. Die Männer im Städtchen verschoben den Priem im Mund, spuckten und sagten:

»Der Junge wird's zu was bringen!«

Lukas arbeitete so hart und schwer, wie nur ein Selfmademan für seine Ausbildung arbeiten kann. Er brachte jedes Opfer. Nur studieren – studieren tat er nicht.

Auf der Hohen Schule war er ungeheuer, ungemein, außerordentlich beliebt. Seine Mitstudenten beteten ihn geradezu an. Zweimal nach Fußballwettspielen, in denen die Mannschaft des Polytechnikums die Mannschaft der Universität von Georgia schlug, bestieg er einen Leichenwagen und hielt eine ulkige Grabrede auf die geschlagene Universität.

Aber trotz all dieser Bemühungen saß er zu Ende des dritten Studienjahres immer noch im Anfangskurs, und es bestand alle Aussicht, daß er ewig »Sophomore« bleiben würde.

Er schrieb Gant einen netten Brief, in dem er das Polytechnikum der Ungerechtigkeit und Geldgier bezichtigte. Dann reiste er nach Pittsburg und fand dort Arbeit bei der Westinghouse Electric Company. Dreimal in der Woche besuchte er einen Abendkursus im Carnegie Institute of Technology. Er schloß Freundschaften.

Der Krieg war ausgebrochen. Nach einem Aufenthalt von fünfzehn Monaten verließ er Pittsburg und zog nach Dayton, wo er in einer Kesselfabrik, die sich auf die Herstellung von Kriegsmaterial umgestellt hatte, Arbeit fand.

Von Zeit zu Zeit, im Sommer auf ein paar Wochen, zu Weihnachten auf ein paar Tage kehrte er als Urlauber in den Schoß seiner Familie zurück. Stets brachte er Gant einen Handkoffer voll Bier und Whisky mit. Ja, dieser Lukas war gut gegen seinen Vater.

 


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