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XXII

Als Eugen das zweite Jahr in Leonards Schule ging, besorgte Ben ihm Arbeit als Zeitungsträger. Eliza murrte; sie schalt den Jüngsten faul; sie klagte darüber, daß er so gut wie nichts im Hause schaffe. Tatsächlich war er nicht faul; er war unwillig. Er haßte die nutzlose Boardinghouse-Plackerei. Sie verlangte keine schwere Arbeit von ihm, aber die Anforderungen, die sie an ihn stellte, kamen oft und unerwartet. Hätte sie ihm die Verantwortung für eine tägliche Besorgung aufgebürdet, dann hätte er sich willig in den Dienst geschickt und die Pflicht eifrig erfüllt. Aber in ihrem Betrieb ging alles drunter und drüber; er sollte bald da, bald dort zur Hand gehn, er sollte sich ständig für beliebige Besorgungen bereit halten; und das paßte ihm nicht.

Ihr ganzes Sein drehte sich um Dixieland. Sie war die Sklavin ihres Besitzes. Eugen sah es mit Grauen. Wenn sie ihn Brot holen schickte, dann war er trübselig, weil das Brot von Fremden gegessen, trübselig, daß durch die Mühen nichts auf der Welt jünger, besser, schöner werden würde, trübselig, weil alles nur Alltagsplackerei war.

Sie schickte ihn mit der Hacke in den Garten. Das Unkraut, das er jäten sollte, wucherte geil in den Gemüsebeeten. Und trotzdem stand das Gemüse prächtig, denn alles auf der Erde gedieh unter Elizas achtloser Hand. Es machte ihn trübselig; er wußte, als er draufloshackte, daß ihr Gemüse, gejätet oder nicht, immer prächtig gedeihen und schließlich von den Kostgängern gegessen würde. Und er wußte, daß Elizas Leben, ihres allein, überdauern würde. Eliza saß auf der Küchenveranda, er sah hinauf zu ihr, Trübsal und Entsetzen überkamen ihn. Alles außer ihr würde in einer Flut von Schlick und Schlingkraut verderben. Grimmig hackte er wieder darauf los. Ein schriller Schrei von der Veranda brachte ihn zur Besinnung. Er hatte eine ganze Reihe junger, aufgekeimter Maispflanzen zerstört.

»Um Himmels willen, Junge!« schalt sie vom Waschzuber herunter. »Nun sehen Sie sich so was an«, sagte sie zu Mister Baskett, dem Baumwollhändler aus Hattiesburg, der nebenan auf der Rückveranda erschien. »Was soll man mit so einem Jungen anfangen? Er hat mir 'ne ganze Reihe junger Maispflanzen umgehackt.«

Der malariakranke Mister Baskett lehnte sich übers Geländer und grinste herunter: »Und das Unkraut hat er stehen lassen!« sagte er. Dann rief er herunter: »Du! Junge! Dich sollte man mal zwei Monate auf 'ne Farm schicken, was?«

Das Brot, das ich hole, werden die Fremden essen. Das Holz, das ich kleinspalte, und die Kohle, die ich herbeischleppe, werden die Fremden wärmen. Rauch. Fuismus fumus. Unser ganzes Leben geht in Rauch auf. Keine Struktur, keine Schöpfung darin, nicht einmal die Rauchbauten des Traums. Komm näher, Engel. Flüstre in unsre Ohren. Wir verwehen im Rauch; an unserm Heute ist nichts als die Trübsal, die der Lohn unsres Gestern ist. Wie können wir uns retten?

Er bekam die Niggertown-Route, die schwerste und uneinträglichste von allen. Er erhielt zwei Cent das Exemplar für die wöchentliche Zustellung; zehn Prozent des Abonnementsgelds, das er abhob; zehn Cent für jeden neuen Besteller, den er einbrachte. So verdiente er vier bis fünf Dollar die Woche. Sein magerer, unterentwickelter Körper trank Schlaf mit unersättlichem Durst. Nun aber mußte er um halb vier in der Frühe aufstehen. Die Stille und die Dunkelheit machten ein unwirkliches Gedröhn in seinen schlaftrunknen Ohren.

Seltsame, himmlische Musik kam aus dem Dunkel. Über seine langsam erwachenden Sinne schwang das große Gewoge symphonischer Orchester. Die Stimmen böser Geister, schön und schlaflaut, riefen aus dem Dunkel, dem Licht herab. Fäden uralten Gedenkens wurden weiter gewoben.

Blindstolpernd in der weißen Grelle öffnete er langsam die schlafverschnürten Augen, als er neugeboren wurde, als die Nabelschnur riß, die ihn ans Dunkel gefesselt hatte.

Erwache, Knabe, der Du die Geister hörst, erwache ins Dunkel. Erwache zu uns, Du Phantom. Versuch es, den Weg zu finden. Öffne die Wand aus Licht. Gespenst, Gespenst, wo ist das Gespenst? O verloren. Zungengeflüstertes Lachen. Eugen, Eugen! Hier, ja hier ist der Weg, Eugen. Hast Du vergessen? Das Blatt, den Stein, die Wand aus Licht? Hebe den Felsen auf, Eugen, das Blatt, den Stein, die ungefundne Tür. Kehre zurück!

Eine Stimme, schlafseltsam und laut, ewig fernnah, sprach:

»Eugen.«

Sprach und verstummte. Sprach weiter, ohne zu sprechen. Sprach in ihm. Wo es Dunkelheit gibt, Sohn, da gibt es auch Licht. Versuche es, Knabe. Du weißt das Wort. Entsinne Dich. Im Anfang war der Logos. Jenseits der Grenze des Grenzenlosen grünbeforstetes Land. Gestern wars. Entsinnst Du Dich? Weitbeforstet. Ein Hornklang ertönt. Meerbeforstet, wasserweit, die Korallengrotten, seefern, horntönend. Frauen mit Hexengesichtern, in flaschengrünen Gewändern, über die Sättel geschwungen. Meerweiber, entschuppt und lieblich, unter den Kolonnaden am Meeresgrund. Das verborgne Land unterm Felsen. Die flitzenden Waldweibchen, in Rinden verwachsen, fernsanft, ... als er erwachte, lockten sie mit leiserem Geschwirr. Dann tiefere Stimmen. Lieder aus dem Teufelsrachen windbeschuhter Gespenster. Bruder, oh, Bruder. Sie schossen in den Abgrund, in die Dunkelheit hinab, verweht mit dem Wind wie Kugeln. O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!

 

Leis zog er sich an, ging leis die Treppe hinunter, schlich leis zur Hintertür hinaus. Sein Körper wachte vom Schock der kalten Luft auf. Das seltsame Gedröhn hielt an, wenn er unterm blauen Sternenlicht die Straße hinauf zur Stadt ging. Er lauschte, das Gespenst seiner selbst, auf den Hall seiner eignen Tritte, vernahm das Flackern der Laternen an den Straßenecken, sah aus seeversunknen Augen die Stadt.

Eine feierliche, Erde, Luft und Weltall erfüllende Musik tönte in seinem Herzen. Sie war nicht laut, aber sie war allgegenwärtig. Sie sprach zu ihm von dem Weg, den alle, die leben und gelebt haben, gehn. Auf einer großen Ebene wandelten sie, stumm dahinschreitende Menschen, und im Herzen eines jeden war eine alte, gemeinsame Kunde, das Wort, das alle einmal gewußt und nun vergessen haben: der verlorne Schlüssel, der den Kerker öffnet; das Ende eines Feldwegs in den Himmel ... Und wenn die Musik anschwoll und ihn bedrängte, dann rief er: »Ich will es behalten! Wenn ich den Ort finde, werde ich wissend sein.«

 

Aus den Türen und Fenstern des Zeitungsgebäudes fiel das Licht in Schäften in die Finsternis heraus. Aus dem Druckersaal im Erdgeschoß dröhnte die große Presse. Wenn Eugen eintrat und den warmen Geruch von Stahl und Druckerschwärze in den Lungen spürte, kam er plötzlich ganz zu sich. Er gewann die Herrschaft über seine Glieder; es war, als ob ein unsichtbarer Luftgeist plötzlich den Erdboden berührt und augenblicklich körperliche Gestalt angenommen hätte.

Die Zeitungsträger standen Schlange vor dem Geschaftsführerpult. Der Geschäftsführer, im Schein einer grünen Lampe, überflog die Kontrollbücher, nahm das eingesammelte Kleingeld aus den klammen, kalten Fingern der Jungen, zählte nach und strich ein. Dann gab er jedem eine Anweisung über die Exemplare, die er an diesem Morgen zu bestellen hatte.

Sobald die Buben abgefertigt waren, liefen sie gierig wie Rennhunde auf die Auslieferung im Kellergeschoß und reichten den Anweisungszettel dem mürrischen Angestellten, dem »Auszähler«. Der Auszähler fuhr mit dem unfehlbaren, von Druckerschwärze geschwärzten Daumen über den Stoß frischgedruckter Zeitungen, hob die angewiesene Zahl Exemplare ab und händigte sie dem Träger ein. Jeder Träger erhielt zwei Zeitungen mehr, als ihm zustanden; diese überzähligen Exemplare hießen »Extras«. Wenn ein Junge keine Gewissensbisse hatte, dann konnte er die zuständige Zahl noch durch »Totenköpfe« vergrößern; er ließ dann einfach die Namen von einem halben Dutzend ausgeschiedner Abonnenten in seinem Kontrollbuch stehen. Überzählige Exemplare waren immer gut: in der Frühstücksstube bekam man Kaffee und Apfelkuchen billiger, Trambahnschaffner nahmen sie »in Zahlung«, freundliche Polizisten empfingen sie als »Tribut«.

Im Druckersaal stand Harry Tugman; dicker Zigarettenrauch kräuselte aus seiner Nase. Gleichmütig ertrug er die bewundernden Blicke der Buben. Er übersah das Arbeiten der großen Presse mit fachmännischer Gelassenheit. Das Hemd über der mächtigen Wölbung seines Brustkastens war aufgeknöpft; unter der naßgeschwitzten Unterjacke zeichnete sich der schwarze Busch seines Brusthaars ab. Ein Arbeiter, eine Ölkanne und einen Fetzen Zellstoff in der Hand, turnte gelenkig zwischen den Kolben, Kolbenstangen und Zylindern herum. Ein breites Papierband lief ständig um die Walze, wurde von der Mangel aufgenommen und verschwand dann in einem Chaos von Maschinerie, aus dem ein paar Sekunden später – zugeschnitten, gedruckt, gefalzt und gefaltet – die dicke Zeitung zusammen mit hundert ebensolchen Zeitungen am laufenden Band herausglitt.

Maschinenwunder! Warum werden nicht auch Menschen so hergestellt? Ärzte, Dichter, Priester zugeschnitten, gedruckt, gefalzt und gefaltet?

Harry Tugman warf den nassen Zigarettenstummel weg und grinste übers ganze Gesicht. Die Buben bestaunten ihn ehrfurchtsvoll. Er hatte einmal einen Setzer, der es gewagt hatte, auf seinem Sessel Platz zu nehmen, mit einem Faustschlag zu Boden geschmissen. Ja, Harry Tugman war Herr! Er kriegte fünfundfünfzig Dollar die Woche. Wenn ihm der Betrieb hier nicht paßte, dann konnte er jederzeit woanders Arbeit finden: an der »New Orleans Times-Picayune«, am »Louisville Courier Journal«, an der »Atlanta Constitution«, am »Knoxville Sentinel«, am »Norfolk Pilot«. Harry Tugman war ein Kerl; er konnte auf Reisen gehen; die Welt stand ihm offen.

Einen Augenblick später waren die Buben draußen auf der Straße und humpelten rasch davon ins Dunkel, das gewohnte Gewicht der vollgestopften Zeitungstasche auf den Schultern.

 

Eugen hatte eine verzweifelte Angst zu versagen. Mit verkrampftem Gesicht hörte er auf Elizas Ermahnungen.

»Halt Dich grad, Junge! Sei bei der Hand! Zeig den Leuten, daß Du wer bist!«

Er hatte wenig Selbstvertrauen. Er schrak im voraus vor der Demütigung des Entlassenwerdens zurück; hatte Angst vor jedem Rüffel. Er war bang vor seinem eignen Stolz.

 

Die drei ersten Male begleitete ihn der Träger, der die Route abgab. Eugen mußte seine fünf Sinne zusammennehmen, um alle die stereotypen Handgriffe der Zustellung zu lernen, um sich den Weg durch das wirre, schmutzige Labyrinth des Negerviertels zu merken, um sich die Häuser, wo eine Zeitung zugestellt wurde, scharf einzuprägen und alle andern Häuser zu übersehen. Jahre später, als er die verzwirnte Anarchie dieses Arbeitsplanes vergessen hatte, fiel ihm noch, wenn er allein im Dunkeln war, plötzlich die Straßenecke ein, wo er seine Tasche abstellte, um einen Steilhang hinaufzusteigen, wo ein paar Häuser zu bestellen waren – fiel ihm die Schlucht mit den drei baufälligen Hütten ein, zu denen er hinunterklettern mußte – fiel ihm ein hochgebautes, hölzernes Mietshaus ein, auf dessen schmale Veranden er den wohlgezielten Zeitungsblock treffsicher schoß.

Der Junge, der die Route abgab, war ein robuster Bursch vom Land, siebzehn Jahre alt. Er hatte nun eine bessere Anstellung bei der Zeitung bekommen. Er hieß Jenninars Ware. Jennings Ware war ruppig-gutmütig, hatte einen groben Humor, war ziemlich abgebrüht, rauchte sehr viele Zigaretten. Seine ungebrochne Vitalität war anregend und tröstlich. Er lehrte seinen Schüler, wann und wo die Aufpasserfresse des lauernden »Foxie« zu erwarten sei, ... daß man sich dem Erwischtwerden entzieht, indem man schnell unterm Bartisch verschwindet ... wie man die Zeitung »zum Block« zusammenfaltet und den Block scharf und treffsicher zum Ziel schleudert.

 

Im frischen, noch ungebornen Morgen begannen sie. Sie stiegen den steilen Hügel der Valley Street hinunter in die Zone des tropischen Schlafs, vorbei an der dumpfen Starre schwarzer Schläfer, an all den unerlaubten Liebschaften, den zahllosen, zufälligen Ehebrüchen der Niggertown. Wenn der steife Zeitungsblock scharf auf die morschen Holzveranden ratschte oder auf die Türschwelle plumpste, dann kam von drinnen das dumpfe, unzufriedne Gestöhn der Gestörten. Die Jungen kicherten.

»Die Kundin da streichst Du von der Liste, wenn sie das nächstemal nicht blecht«, sagte Jennings Ware. »Sechs Wochen im Rückstand.«

»Diese Nummer da ist sichere Kasse«, sagte er und schnickte eine Zeitung lautlos auf die Fasermatte vor der Tür. »Sind gute Nigger. Jeden Mittwoch kriegst Du Dein Geld.«

»Da drin wohnt 'ne kesse Mulattin«, sagte er und schleuderte die Zeitung so, daß sie flach gegen die Tür klatschte. Ratsch! Er grinste, als drinnen eine empörte Frauenstimme aufgellte. »Wenn Du willst, kannst Du mir ihr ...«

Ein leeres, verlegnes Lächeln kämpfte auf Eugens Lippen. Jennings Ware sah ihn mit Kennermiene an, drängte sich aber nicht mit Fragen auf. Jennings Ware war ein gutmütiger Kerl.

»Sie ist 'ne hübsche, gute, alte Nummer«, sagte er. »Du hast ein gutes Recht auf ein paar Totenköpfe. Ein kleines Tauschgeschäft, weißt Du ...«

Sie gingen die dunkle, ungepflasterte Gasse hinunter und falteten zwischen den Zustellungen Zeitungen zum Block.

»Saumäßig, diese Route«, sagte Jennings Ware. »Bei Regenwetter kaum zu machen. Der Dreck geht Dir bis an die Knie. Und nur die Hälfte der Kunden zahlt pünktlich.«

Haßerfüllt schleuderte er einen Block.

»Aber Junge, Junge! Spaß beiseite«, sagte er nach einer Weile. »Wenn Du mal Jelly Roll willst, da bist Du hier recht.«

»Mit ... mit Negerinnen«, flüsterte Eugen und leckte seine trocknen Lippen.

Jennings Ware mit dem roten Gesicht sah ihn satirisch an.

»Siehst Du vielleicht schöne Damen aus der guten Gesellschaft hier herumlaufen?« fragte er.

»Sind Negerinnen gut?« fragte Eugen trocken und kleinlaut.

»Junge!!!« Das Wort fuhr heraus wie ein Kanonenschuß. Dann schwieg Jennings Ware einen Augenblick.

»Was Besseres gibts nicht«, sagte er.

 

Der Leinwandgurt der Zeitungstasche schnitt ihm grausam ins Schulterfleisch. Er lockte wider das bittre Gewicht, das ihn zu Boden zog. Die ersten zwei Wochen lag es auf ihm wie ein Alp. Tag für Tag erkämpfte er sich die Freiheit. Er lernte die Mühsal der Beladnen kennen und erlebte jeden Morgen den Aufschwung derer, die von einer Bürde erlöst werden. Unterwegs, wenn die Last minder und minder wurde, hob sich die herabgezogne Schulter, die angestrengten Glieder wurden leicht, ihm war, als wüchsen ihm Flügel. Am Ende der Route, wenn die Tasche leer war, federte sein überspannter Körper hoch, tanzte wie ein Ball am Boden, segelte in der Luft.

Nach einem Monat hatte sich ein dicker harter Muskelwulst auf der Schulter gebildet; Eugen schickte sich nun freudig in die Arbeit. Die Angst zu versagen war überwunden. Sein Herz triumphierte. Er war ohne jede Vergünstigung in die Schar eingereiht worden, und nun übertraf er die andern. Er war der Herr der Dunkelheit; allein und einsam stand er seiner Arbeit vor; er war sich selbst genug. Rüstig und kühn schritt er zur Negersiedlung hinab. Er war der Zeitungsschütze, der Speerwerfer, der den dumpfen schwarzen Schläfern, den Schnarchenden, die Botschaft des Tages zuschleudert. Geschickt und schnell faltete er das Blatt zum Block, winkelte er den sehnigen Arm zum Wurf. Er war allein. Er war der Wache im Land der Schläfer; mit ihm ging der Tag für die Menschen an. Er hörte den geisterhaften Hall seiner eignen Füße und die großorchestrierte Musik der Dunkelheit. Wenn das Licht mächtig über den Himmel flutete, wachte er auf.

Er beobachtete den langsamen Übergang der Jahreszeiten, die fürstliche Prozession der Monate. Im Sommer wurde es hellichter Tag, ehe er mit dem Austragen zu Ende kam. Sein Rückweg führte durch die erwachende Stadt. Die ersten Trambahnen, frisch grüngestrichen, wie Spielzeugwagen, standen am Stadtplatz. Die hohen, verbeulten Kannen der Milchmänner blitzten im Licht. Und hoffnungsvoll schien die Sonne – Hellenendämmerung! – auf das fettig schwarzbraune Gesicht des Griechen George Chakales, des Nachtkellners aus dem »Café Athen«. Und auf dem hohen Barstuhl in der Frühstücksstube »Unceda Nr. 1« am Stadtplatz saß Eugen, aß Eierbrötchen und trank heißen, starken Kaffee in der freundlichen Gesellschaft von Trambahnkondukteuren, Polizisten, Chauffeuren und Maurern. Wie angenehm ist es – dachte er – mit seiner Arbeit fertig zu sein, wenn die anderen anfangen. Und der Heimweg dann, die Vögel singen auf allen Bäumen.

Im Herbst stand ein roter Mond bis spät in den Morgen am Himmel; die Luft war voll vom Blätterfall, und feierlich rauschte der Wind in den alten Bäumen am Berg und in Eugens Herz. Trauriges Geflüster. Und die große Orgelmusik schwoll an.

Im Winter schritt er freudig gegen den dunklen, heulenden Wind, der ihn mächtig berannte. Und wenn im Vorfrühling der spitze, kalte Regen vom verhängten Himmel spritzte, war er zufrieden. Er war allein.

Unablässig war er hinter säumigen Kunden her. Sie hielten ihn hin; er aber wußte sie in ihren Wohnungen oder bei ihren Nachbarn zu finden, und er bestand so nachdrücklich auf seiner Forderung, daß sie schließlich mürrisch oder lachend einen Teil ihrer Schuld beglichen. Das war mehr als seine Vorgänger fertiggebracht hatten. Er war trotzdem ungeduldig und nervös wegen seiner Abrechnung, bis er endlich merkte, daß ihn der Geschäftsführer faulen Buben als Beispiel hinstellte.

»Schaut Euch den Jungen an! Jede Woche kriegt er sein Geld. Dazu von Niggern!«

Eugen wurde feuerrot im Gesicht vor Freude und Stolz. Wenn er mit dem großen Mann sprach, bebte seine Stimme. Kaum, daß er die Worte hervorbrachte.

Dann aber heulte der Wind herrlich durch die Dunkelheit, Eugen lachte wie ein Irrer, er sprang in die Luft und stieß kurze, schrille Tierschreie aus. Er schleuderte seine Zeitungsblöcke scharf gegen das knarrende Bretterwerk baufälliger Hütten. Er war frei, er war allein. Er hörte in der Nachbarschaft einen Zug vorbeipfeifen; in der Dunkelheit hob er den Arm, um seinem Bruder zu winken, dem Maschinisten mit der Schutzbrille über dem stahlstäten, auf die Schienen fixierten Blick.

Vor dem Druck, den die Familie auf ihn ausübte, war ihm nun nicht mehr sehr bange. Es scherte ihn nicht allzuviel, ob sie ihn zu Haus für einen wohlgeratnen Jungen hielten oder nicht. Er saß in der Frühstücksbar mit drei oder vier anderen Zeitungsträgern und lernte Zigarettenrauchen. Unterwegs in der süßen Bläue des Frühlingstags lernte er die Lady Nikotina kennen, eine schöne, hirnbestrickende Traumfrau – wie er sich vorstellte –, die ihren herben Duft in seiner Nase, ihren scharfen Kuß auf seinen Lippen ließ.

Er war ein Kerl.

Der Frühling trieb ihm einen Dorn ins Herz; er riß einen wilden Schrei von seinen Lippen; er hatte keine Worte für ihn.

Er kannte Hunger; er kannte Durst; eine große Flamme war in ihm. Er kühlte sein brennendes Gesicht nachts an sprudelnden Wasserhähnen. Wenn er allein war, weinte er manchmal vor Pein und Ekstase. Zu Haus war er nicht mehr scheu und still wie als Kind, sondern zurückhaltend wie ein Wilder, nervös-gespannt wie ein Rennpferd. Reizbar; sein Zorn zischte hoch wie eine Rakete, unter wahnsinnigen Flüchen.

»Was er nur hat? Bricht die Pentland-Verrücktheit in ihm durch?« fragte Helene in Elizas Küche.

Eliza schürzte gewichtig die Lippe, schüttelte langsam den Kopf, lächelte lebenserfahren. »Wieso Kind«, sagte sie, »weißt Du denn nicht, was mit ihm los ist?«

Sich im Negerviertel herumzutreiben, wurde ihm zum Bedürfnis. Nachmittags nach der Schule streifte er durch den aufgeregten Ameisenhaufen von Niggertown: Der ranzige Geruch der Schwarzen, der Gestank von Abfall und Kot, der Geruch von Holzfeuer und kochender Wäsche, von in Schmalz gebacknem Fisch; – die vorüberhuschenden Gestalten, die vielen kleinen Dschungellaute in der Dämmerung, die langgezogne Sprechweise und die saftigen Redensarten, trauriges Banjogeklimper von fern und das Gestapf vom Trampeltanz, und Stimmen, warme Stimmen, Stimmen vom Nil und vom Kongo, über den Fluß hinklagend, und das fettige Funzellicht in viertausend Hütten und Mietshäusern. –

Aus der Calvary Baptist Church auf dem Hügel, dem Mittelpunkt, um den sich das Negerviertel gruppierte, drang von abends um sieben bis nachts um zwei ununterbrochen Gestöhn und Jammern, das frenetische, schweratmige Geschrei und Gestammel der religiös Verzückten und der Beter: eine wilde Dschungelklage von Sünde, Liebe und Tod, ein dunkles Geschwärm aus Fleischeslust und Geheimnis. Und sonst war überall Lachen, üppiges Kehllautlachen. Katzenhaft huschten die Gestalten. Alles war nah, alles war fern, nichts greifbar.

In der finster-beschwörenden Magie dieser Umwelt, von der geschöpflichen Jugend dieser uralten Rasse erschreckt, begann Eugen, die grauenhafte Unschuld des Bösen zu spüren. Zähnebleckend, mit lodernden Augen, die Arme lose schwingend, schlich er durch die Dunkelheit. Ihn überkam eine unerklärliche Scham, ein unerklärliches Entsetzen. Er wagte es nicht, die Sache klar ins Auge zu fassen.

Ein großer Teil seiner Abonnenten bestand aus anständigen, fleißigen Dunkelhäutern: Barbieren, Schneidern, Krämern, Drogisten und ehrsamen schwarzen Hausfrauen in bunten Kattunkleidern. Sie bezahlten regelmäßig am ausgemachten Wochentag. Die weißen Zähne blitzten, wenn sie ihn gutmütig lächelnd grüßten; freundschaftlichst verliehen sie ihm extravagante Ehrentitel, nannten ihn »Mister«, »Colonel«, »General«, »Gouverneur« und so weiter. Alle kannten sie Gant.

Aber die andern – jene, die ihn mehr interessierten, über die er sich wunderte – das waren »Flözer«; das will sagen: junge Männer und Frauen ohne bestimmten Erwerb und Beruf, die ein abwechslungsreiches Leben führten, bald da, bald dort wohnten, sich nachts verstohlen herumtrieben. Oft fahndete er wochenlang nach solchen schattenhaften Existenzen, bis er herausfand, daß er sie nur sonntags morgens antreffen könne: da lagen sie und schnarchten in einer dunklen, gestankerfüllten Stube in irgendeinem Mietshaus ... sie lagen am Boden aufeinander wie schwere Säcke, ein halbes Dutzend junger Männer und Weiber, steif vom Whiskyrausch, erschöpft vom Geschlechtsgenuß.

 

Eines Samstags kam er im verdämmernden Abendrot zu einem dieser Mietshäuser am Rande des Negerviertels. Es war eine wacklige, dreistöckige Holzbaracke, so an den Steilhang gebaut, daß die beiden unteren Stockwerke unmittelbar an den Berg lehnten. Vierundzwanzig Leute wohnten dort. Eugen war auf der Suche nach einer Frau namens Ella Corpening. Es war ihm nie geglückt, sie anzutreffen. Sie war mehrere Wochen mit der Zahlung im Rückstand. An diesem Abend stand ihre Tür offen. Warme Luft und Küchendünste strömten ihn an, als er die morsche Holztreppe den Hang hinunterstieg.

Ella Corpening saß in der Tür in einem Schaukelstuhl, und der Widerschein des Feuers im Küchenherd lag auf ihr. Sie saß, die mächtigen Beine behaglich ausgestreckt, und summte faul vor sich hin. Sie war Mulattin, sechsundzwanzig Jahre alt, schön, von amazonischem Gliederbau, mit einer lohfarbnen Sammethaut.

Sie trug Kleider, die ihr vermutlich von einer Mistress, bei der sie gedient hatte, geschenkt waren: einen braunen Wollrock, Lackstiefel mit Wildledereinsätzen, graue Seidenstrümpfe. Ihre langen, vollen Arme schienen dunkel durch das dünne Gewebe einer frischgewaschnen und gebügelten weißen Linnenbluse. Über den schweren Brüsten war die Untertaille mit einer billigen, hellblauen Seidenschleife zusammengebunden.

Auf dem Herd brodelte ein Topf: Kohl und Schweinespeck.

»Zeitungsträger«, sagte Eugen. »Komme ums Geld.«

»So?« sagte Ella Corpening gedehnt. »Wieviel sein ich schuldig?«

»Ein Dollar zwanzig Cent«, antwortete er und warf einen bezeichnenden Blick auf ihr Knie, wo eine gefaltete Banknote durch den Strumpf leuchtete.

»Das sein mein Mietgeld«, sagte sie. »Kann ich nicht geben, das.« Sie brütete vor sich hin. »Uh, uh!« blökte sie liebenswürdig. »Dollah zwansig, so viel?«

»Ganz bestimmt«, sagte er und schlug sein Kontrollbuch auf.

»Muß sein«, pflichtete sie bei. »Stimmt, wenn das Buch so sagt.«

Sie dachte einen Augenblick nach.

»Kann Sie Sonntagmorgen komm'?« fragte sie hoffnungsvoll. »Da ich hab was, ganz sicher dann. Ich wart' auf weißen Gentelman, der gibt mir Dollah.«

Sie reckte ihre mächtigen Glieder und lächelte ihn an. Das Blut schoß ihm in den Kopf, der Puls in seinen Schläfen pochte. Er schluckte trocken. Seine Beine zitterten vor Erregung.

»Wof ... wofür gibt er den Dollar?« murmelte er fast unhörbar.

»Jelly Roll«, sagte Ella Corpening.

Er bewegte die Lippen, wollte etwas sagen, brachte kein Wort hervor. Sie stand auf.

»Möcht' Sie was?« fragte sie leis. »Jelly Roll?«

»Sehen möchte ich, sehen!« brachte er atemlos hervor.

Sie machte die Tür nach dem Berghang zu und drehte den Schlüssel im Schloß. Der Widerschein des Herdfeuers glomm, ein Funkenregen fiel durch den Rost in den offnen Aschenkasten.

Ella Corpening öffnete die Tür in das Hinterzimmer. Dort standen zwei schmutzige, verschlafne Betten. Das einzige Fenster im Raum war verriegelt, die verschossenen, grünen Blenden heruntergelassen. Sie steckte eine kleine Lampe an und schraubte den Docht herunter. Auf dem Sims über dem Kamin standen eine nackte Zelluloidpuppe, eine rosa Schleife um die Hüften gebunden, eine gerillte Vase mit goldbronzierten Kunstblumen, vermutlich auf einer Tombola gewonnen, und eine Papierrolle mit Stecknadeln. Neben dem Fenster stand eine schadhafte Kommode, ein fleckiger Spiegel hing darüber. An der Wand hing ein Abreißkalender, gestiftet von der »Altamont Coal & Ice Company«, mit dem Bild eines Indianermädchens, das im Kanu eine mondbeglänzte Wasserstraße im Wald entlang paddelt. Und ein religiöses Spruchbild, walnußgerahmt, mit dem Schnörkelmotto: »Gott liebt sie Beide.«

»Was möchtest Du?« flüsterte sie ihm ins Gesicht.

Aus weiter Ferne hörte er das Gespenst seiner eignen Stimme: »Zieh Dich aus!«

Ihr Rock fiel. Sie zog die Bluse aus. In einem Augenblick stand sie bis auf die Strümpfe nackt vor ihm.

Ihr Atem ging schnell; sie leckte sich mit der dicken Zunge den Mund.

»Tanz!« schrie er. »Tanz!«

Sie begann leise zu stöhnen, ihr gelber Leib fing an zu beben und zu wogen, die Hüften und die schweren, runden Brüste schaukelten in rhythmischen Drehungen und Wendungen.

Ihr glattes, geöltes Haar löste sich und fiel in den Nacken zurück. Sie reckte die Arme aus. Die Lider schlössen sich über den großen, gelben Augäpfeln. Sie kam dicht an ihn heran. Er spürte ihren heißen Atem im Gesicht, das Wogen ihrer glatten Brüste. Wie ein Span wurde er um- und umgewirbelt von dem wilden Sturm ihrer Leidenschaft; wie Fesseln umschlossen ihre großen gelben Hände seine schlanken Arme. Sie schaukelte ihn langsam hin und her, preßte ihn fest an ihren Schoß.

Verzweifelt, in ihrer Umarmung ertrinkend, strebte er zur Tür.

»Laß mich los! Niggerweib! Laß mich los!« keuchte er.

Sie ließ ihn los, ohne die Augen zu öffnen, stöhnend. Sie glitt von ihm zurück, als wäre er ein junger Baum. Sie sang in einem wehklagenden Moll, unendliche Male sich wiederholend: »Jelly Roll! Je-l-ly Roll!« Jedesmal sank ihre Stimme zu einem leisen Stöhnen.

Der Schweiß lief ihr übers Gesicht, über die Kehle, den hochbrüstigen Rumpf. Er tappte blind nach der Tür, rannte durchs Vorderzimmer und fand atemlos seinen Weg an die Luft. Ihr Gesang, ununterbrochen, folgte ihm, als er die morsche Holztreppe hinaufstürzte. Er rannte, er schöpfte erst wieder tief Atem, als er den Marktplatz erreichte. Dann blickte er zurück. Drunten im Tal, drüben auf dem Hügel sah er im Zwielicht flackernd die blakenden Funzeln der Niggertown. Mattes Lachen, üppig-wollüstiger dschungel-wilder Kehllaut, sprudelte aus dem schwärmenden Dunkel. Er hörte verwehendes Saitengeklimper, stampfende Füße von fernher, ganz entfernt vom Wehklagen der Sünder in der Kirche übertönt.


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