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Erster Teil

1

Dick stand auf einem Korallenriff und wandte den Blick nach Süden.

Hinter ihm donnerte die Brandung des großen Meeres; die Gischtfetzen zerstoben im Wind. Vor ihm dehnte sich, still wie ein See und unendlich blau, die Lagune von Karolin aus. Weiße Seemöwen schwirrten darüber hin.

In einem Umkreis von vierzig Meilen zog sich ein Gürtel von Korallenriffen um den Küstensee, der ein Meer für sich bildete. Schwere Stürme entfesselten auch hier wilden Aufruhr, aber bei ruhiger Luft strahlte die Wasserfläche wie ein Spiegel in tiefem Azurblau. Und das alles gehörte ihm. Ihm, der erst gestern hier gelandet war.

Alle die Frauen, die Kinder, die jungen Burschen und Mädchen, die sich unten am Ufer im hellen Sonnenschein tummelten, mit Netzen fischten, spielten oder auf den Purakafeldern arbeiteten, waren sein Volk und ihm untertan. Ihm gehörten die Kanus, die ans sandige Ufer gezogen waren, und die leeren Häuser, in denen einst die großen Kriegsboote auf ihren Rollen gestanden hatten.

Als er von der Lagune zu den Bootshäusern hinüberschaute, runzelte er die Stirn. Dann wandte er ihr den Rücken und sah auf die Brandung und das große Meer im Norden. In unsichtbarer Ferne, jenseits des Horizonts, lag die Insel der Palmbäume. Sie war schön wie ein Traum, aber von bösen Teufeln bewohnt.

Der kleine Tari, der Sohn des Netzmachers Taioi, saß dicht bei ihm auf dem Korallenriff und blickte zu ihm auf. Tari hatte noch nicht viel Lebenserfahrung, aber er wußte, daß alle Männer der Insel Karolin in ihren großen Kanus zu einem Kriegszug ausgezogen waren und Frauen und Kinder schutzlos zurückgelassen hatten. Keiner kehrte zurück, und die Leute auf der Insel hatten keinen Führer.

Aber nun war gestern vom nördlichen Meer her dieser merkwürdige fremde Mann gekommen. Er fuhr in einem seltsamen Boot und hatte Katafa mitgebracht, das Mädchen, das vor vielen Jahren beim Fischfang auf die See hinausgetrieben worden war. Die Frauen sagten, die Götter hätten ihn gesandt, damit er ihr Häuptling und Herrscher sein sollte.

Tari wußte nicht, wer die Götter eigentlich waren, und er kümmerte sich auch nicht darum. Er war jetzt allein mit diesem wunderbaren neuen Mann, und er hatte sich weit genug von seiner Mutter entfernt, daß sie ihn nicht rufen konnte. Mit aller Einfalt und Unschuld eines Kindes wandte er sich an ihn.

»Taori, wer bist du?« fragte er.

Hätte Dick antworten können, würde das Kind dann die seltsame Geschichte verstanden haben? »Tari, ich komme von einem Volk jenseits der Welt, die du kennst. Ich heiße Dick Lestrange, und als ich noch kleiner war als du, Tari, wurde ich mit einem alten Matrosen auf der Insel allein gelassen, die ihr Marua – Insel der Palmbäume – nennt. Sie liegt fünfzig Meilen weiter nach Norden. Dort lebten wir, und dort wuchs ich zum Knaben heran. Kearney lehrte mich, Fische im Netz zu fangen und sie mit dem Speer zu spießen. Er machte auch Spielzeug für mich, kleine Schiffe, die aber ganz anders aussehen als eure Kanus. Und dann kam eines Tages Katafa, das Mädchen, das von hier durch einen Sturmwind verschlagen wurde. Sie lebte mit uns, bis Kearney starb. Dann waren wir beide allein. Von ihr lernte ich die Sprache, die ihr hier in Karolin sprecht, und sie nannte mich Taori. Wir liebten einander, und wir wären wahrscheinlich für immer in Marua geblieben, wenn nicht das große Schiff mit den bösen Männern gekommen wäre, die von den östlichen Inseln Melanesiens stammten. Sie kamen zu unserer Insel, um Bäume zu fällen, aber dann machten sie einen Aufstand, töteten die weißen Männer, die bei ihnen waren, und verbrannten das Schiff. Wir flohen in unserem Boot und nahmen alles mit, was uns lieb war, selbst die kleinen Schiffe. Dann steuerten wir nach Karolin. Wir richteten uns nach dem hellen Licht, das die Lagune am Himmel widerspiegelt.«

Aber das konnte er Tari nicht erzählen, wenigstens nicht alles, denn den Namen Dick hatte er längst vergessen, ebenso die Sprache, die er als Kind gesprochen hatte. Auch die Erinnerung an Kearney, den Seemann, der ihn aufgezogen hatte, war beinahe aus seinem Gedächtnis entschwunden.

Für Leute, die vor langer Zeit Schiffbruch gelitten haben und allein sind, verblaßt die Vergangenheit und wird unwirklich. Für Dick begann die Zeit erst, als Katafa nach Marua kam. Was sich vorher ereignet hatte, war untergegangen in dem hellen Sonnenglanz der Tropen, der sich über die Insel und das Meer ergoß, in den Stürmen, die die Kokoshaine peitschten, und in den Nebeln der Regenzeit. Auch Kearney hätte er vollständig vergessen, wenn nicht die kleinen Schiffe gewesen wären, die der Matrose einst als Spielzeug für den Jungen gemacht hatte.

Er sah auf das Kind. »Ich bin Taori, Tari tatu. Warum fragst du mich?«

»Ich weiß es nicht. Ich frage, wie ich atme. Aber keiner von den Großen will jemals Taris Fragen beantworten – ei, sieh den Fisch!« Sein beweglicher Geist hatte sich schon anderen Dingen zugewandt. Die erstaunten Rufe einiger Kinder, die ein Netz an Land zogen, lockten ihn. Er erhob sich und lief davon.

Dick wandte den Blick wieder nach Norden. Die Frage des Kindes hatte seine Gedanken auf das große Segelschiff zurückgelenkt, das nach Marua gekommen und dort von den Melanesiern verbrannt worden war. Er dachte wieder daran, wie er mit Katafa in dem alten Boot geflohen war, in dessen Handhabung ihn Kearney schon als Junge unterwiesen hatte. Gestern waren sie dann hier an der Küste gelandet. Die Frauen und Kinder hatten ihn umschwärmt, den Mann, den sie für ihren von den Göttern gesandten Häuptling und Führer hielten.

Die Erinnerung an die Männer, vor denen er mit dem Mädchen geflohen war, verdunkelte die Schönheit der See und des Himmels.

Augenblicklich brauchte er sich nicht vor den Männern zu fürchten, die die Insel der Palmbäume in Besitz genommen hatten. Sie hatten keine Boote, aber sie würden Kanus bauen – bestimmt würden sie das tun. Und ebenso sicher würden sie die Luftspiegelung der Lagune von Karolin am Himmel sehen, wie er sie gesehen hatte. Dann würden sie hierherkommen. Es mochte vielleicht lange Zeit dauern, aber auf jeden Fall würden sie kommen.

Dick war nur ein einfacher Mensch, ein Halbwilder, und doch verriet sich seine Abstammung von der weißen Rasse. Er besaß Weitsicht und Vorausblick, er konnte über eine Sache nachdenken und sich die verschiedensten Möglichkeiten in seiner Phantasie vorstellen.

Deshalb hatte er auch heute morgen ein Kanu nach dem südlichen Teil der Bucht geschickt, um Aioma, Palia und Tafuta zu holen, die drei alten Männer, die zwar nicht mehr in den Krieg ziehen konnten, aber erfahrene Kanubauer waren. Und deshalb hatten seine Augen aufgeleuchtet, als er unter all den Versammelten etwa hundert junge Leute sah, die bald zu wehrfähigem Alter heranwachsen würden. Aber zu allen kühnen Eingebungen, zu allen verwegenen Plänen und Gedanken feuerte ihn die leidenschaftliche Liebe zu Katafa an. Dieses Mädchen war die Ergänzung seines Wesens, und er liebte sie mehr als sich selbst. Und nun war Katafa bedroht, mochte die Drohung auch kaum merkbar sein und noch im Ungewissen liegen.

Er brauchte Kriegskanus! Hatte er die Absicht, Eindringlinge zu bekämpfen, wenn sie zur Lagune oder hier an die Küste kamen? Oder plante er sogar einen Angriff gegen die bösen Männer auf der Insel der Palmbäume? Wollte er die Gefahr gleich im Keim ersticken, bevor sie sich groß und drohend erheben konnte? Wer weiß das?

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und als er sich umwandte, sah er Katafa ins Gesicht. Eine Locke ihres dunklen Haars hatte sich aus der Ranke gelöst, die es zusammenhielt, und der leichte Wind spielte damit wie mit einer Adlerfeder. Wie gebannt blickte sie mit ihren blitzenden, dunklen Augen zum nördlichen Horizont.

»Sieh doch!« sagte sie.

In großen Zwischenräumen und unter gewissen Wetterbedingungen konnte man von Karolin aus die Insel der Palmbäume durch Luftspiegelung sehen, obwohl sie unter dem Horizont lag. Am vergangenen Abend hatten sie das wundersame Naturspiel schon beobachtet, und nun sahen sie es wieder. Wie ein geheimnisvolles Bild tauchte es auf, erblühte zu vollem Leben und stand am Horizont, als hätte es ein unsichtbarer Pinsel mit glühenden Farben hingehaucht, leicht, durchsichtig und traumhaft schön.

Katafas Hand ruhte auf Taoris Schulter, und sie standen reglos, ohne zu sprechen. Sie wußten ja nichts von Luftspiegelung und Fata Morgana; niemand hatte sie in diesen Dingen unterrichtet. Sie schauten zu der Insel, von der sie entkommen waren, und die sich jetzt so seltsam und zauberhaft über dem Horizont erhob.

Sie sahen wieder die Horde der Wilden vor sich, die entsetzlichen Gestalten, vor denen sie geflohen waren; sie fühlten wieder, wie der Wind das Segel des kleinen Bootes schwellte, mit dem sie aufs offene Meer hinausfuhren, und sie hörten die schrillen Rufe und Schreie der Melanesier, die sich an Rum berauscht hatten. Und nun lag der Schauplatz der Tragödie vor ihnen, die herrliche Insel, auf der jetzt diese Teufel hausten.

Während Dick das märchenhafte Bild in sich aufnahm, zitterten seine Nasenflügel, und seine Augen blitzten haßerfüllt. Dieses Bild war eine Drohung und eine Warnung. Sie hatten ihn bedroht – das bedeutete nichts. Aber sie hatten Katafa bedroht – das bedeutete alles. Und sie bedrohten sie noch.

Eines Tages würden sie hierherkommen. Die Fata Morgana schien ihm zu wiederholen, was sein Instinkt ihm sagte. Sie würden Kanus bauen, und wenn sie dann die Spiegelung der Lagune am Himmel erblickten, würden sie kommen. Diese Männer hatten keine Frauen, und hier gab es genug. Wie er sich zu Katafa hingezogen fühlte, so würden sie sich zu den Frauen von Karolin hingezogen fühlen. Sie würden den Horizont nach einer Insel absuchen, um dem dort wohnenden Stamm die Frauen zu rauben. Und das Spiegelbild der Lagune würde sie locken.

Ach, hätte er es nur gewußt! Nicht nur von Norden drohte ihm Gefahr, überall in diesem azurblauen Meer lauerten Habgier, Haß und Raublust. Nicht nur die Wilden, auch die Wölfe der Zivilisation bedrohten dieses Paradies.

Für Dick bestand die Welt aus den beiden Inseln, die das Meer umgab. Er kannte weder Europa noch Amerika, und er wußte nichts von der Geschichte der Menschheit. Er kannte nur die Geschichte seines eigenen kurzen Lebens und die Geschichte Katafas. Aber selbst in dieser kleinen Zeitspanne hatte er gelernt, Männer zu fürchten, und er hatte auch erfahren, daß die Grundlage für alle Geschichte in dem Instinkt der Menschen für Krieg, Raub und Zerstörung zu finden war.

Langsam begann das Bild der Palmeninsel zu verblassen, und dann verschwand es plötzlich, als ob der Wind es weggeweht hätte. Sie wandten sich der Lagune zu, und Katafa zeigte über den Korallensee. Von der südlichen Bucht her näherte sich ein Kanu.

Es war das Boot, das Dick ausgesandt hatte, um die drei alten Männer zu holen. Die beiden verließen das Korallenriff und gingen zu dem weißen Sandufer der inneren Bucht hinunter, wo das Boot anlegen mußte.


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