Eduard Mörike
Maler Nolten
Eduard Mörike

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Hier schaute, gar nicht allzuweit entfernt, eine langgedehnte Albtraufe ernsthaft und groß herüber; sie verschloß beinah die ganze Ostseite, Berg hinter Berg verschiebend und ineinanderwickelnd, so doch, daß man zuweilen ein ganz entlegnes Tal, wie es stellenweise von der Sonne beschienen war, mit oder ohne Fernrohr erspähen und sich einander freudig zeigen konnte.Die kurze Beschreibung dieser Gegend ist, soviel es möglich war, nach der Natur entworfen. Der Punkt, auf welchen man hier ausdrücklich aufmerksam machen will, befindet sich im Württembergischen, im Oberamt Nürtingen, zunächst bei dem Pfarrdorfe Groß-Bettlingen. Besonders lang verweilte Agnes auf den Falten der vorderen Gebirgsseite, worein der schwüle Dunst des Mittags sich so reizend lagerte, die ahnungsvolle Beleuchtung mit vorrückendem Abend immer verändernd, bald dunkel, bald stahlblau, bald licht, bald schwärzlich anzusehn. Es schienen Nebelgeister in jenen feuchtwarmen Gründen irgendein goldenes Geheimnis zu hüten. Eine bedeutende Ruine krönte die lange Kette des Gebirgs und selbst durch einen schwächern Tubus glaubte man ihre Mauern mit Händen greifen zu können, dagegen ganz hinten in der Ferne vom Rehstock nur der Abfall des Waldrückens sichtbar war, auf dem er ruhen mußte. Indes war von gar muntern Händen ein Feuer zwischen Steinen angemacht worden, der Kaffee fing an zu sieden, die Tassen klirrten, und der Pfarrer gebot ein allgemeines Niedersitzen; niemand aber wollte sich noch des schönen Zeltes bedienen, welches bis jetzt nur für eine Art Speiseküche galt; man saß in willkürlichen Gruppen auf dem Boden umher, ein jedes ließ sich schmecken was ihm beliebte, nur rückte man etwas näher zusammen, als Amandus folgendermaßen das Wort nahm:

»Es darf, meine Lieben, der schöne Platz, worauf wir gegenwärtig ruhen, nicht leicht besucht werden, ohne daß man das Andenken des Helden erneuert, dem er seinen Namen verdankt. Gewiß ist keines von Ihnen völlig unbekannt mit der merkwürdigen Sage, aber die wenigsten hatten wohl Gelegenheit sich aus den verschiedenen, zum Teil einander scheinbar widersprechenden Erzählungen des Volks, ein vollständiges Bild von dem Charakter des wundersamen Wesens zu machen, von welchem hier die Rede ist; es kann also niemanden unangenehm sein, jetzt eine genauere Schilderung zu hören, wobei ich mir weniger angelegen sein lassen will, alle einzelnen Geschichten und Anekdoten anzubringen, als vielmehr nur die Hauptzüge anschaulich zu machen. Vielleicht kann ich dadurch Freund Nolten veranlassen, meinen seltsamen Geiger zum Gegenstand einer malerischen Komposition zu nehmen, ein lang von mir gehegter Wunsch, den er mir einmal feierlich zugesagt und noch bis heut nicht erfüllt hat. Sie, lieber Oberst, werden mich in meiner Bitte gewiß kräftig unterstützen, da Sie sich selbst für die poetische Figur des Spielmanns so lebhaft interessieren und noch heute sich emsig um die Vervollständigung seiner Geschichte bekümmert haben. Ei, eben recht, daß mir das beifällt; Sie sollen auch jetzt zuerst die Ehre haben und die Ergebnisse Ihrer staubigen Forschungen uns in einem lebendigen und heiteren Gemälde vorlegen, ich aber will etwa nachhelfen, wo Sie eine Lücke lassen sollten.« Der Oberst ließ sich nicht lang bitten und die Gesellschaft merkte wacker auf.

»In dieser Gegend soll vor alters gar häufig ein Räuber, Marmetin, sein Wesen getrieben haben, den jedermann unter dem Namen Jung Volker kannte. Räuber sag ich? Behüte Gott, daß ich ihm diesen abscheulichen Namen gebe, dem Lieblinge des Glücks, dem lustigsten aller Waghälse, Abenteurer und Schelme, die sich jemals von fremder Leute Hab und Gut gefüttert haben. Wahr ist's, er stand an der Spitze von etwa siebenzehn bis zwanzig Kerls, die der Schrecken aller reichen Knicker waren. Aber, beim Himmel, die pedantische Göttin der Gerechtigkeit selbst mußte, dünkt mich, mit wohlgefälligem Lächeln zusehn, wie das verrufenste Gewerbe unter dieses Volkers Händen einen Schein von Liebenswürdigkeit gewann. Der Prasser, der übermütige Edelmann und ehrlose Vasallen waren nicht sicher vor meinem Helden und seiner verwegenen Bande, aber dem Bauern füllte er Küchen und Ställe. Voll körperlicher Anmut, tapfer, besonnen, leutselig und doch rätselhaft in allen Stücken, galt er bei seinen Gesellen fast für ein überirdisches Wesen, und sein durchdringender Blick mäßigte ihr Benehmen bis zur Bescheidenheit herunter. Wär ich damals im Lande Herzog gewesen, wer weiß, ob ich ihn nicht geduldet, nicht ein Auge zugedrückt hätte gegen seine Hantierung. Es war, als führte er seine Leute nur zu fröhlichen Kampfspielen an. Seht, hier dieser herrliche Hügel war sein Lieblingsplatz, wo er ausruhte, wenn er einen guten Fang getan hatte; und wie er denn immer eine besondere Passion für gewisse Gegenden hegte, so gängelt' er seine Truppe richtig alle Jahr, wenn's Frühling ward, in dies Revier, damit er den ferndigen Gukuk wieder höre an demselben Ort. Ein Spielmann war er wie keiner, und zwar nicht etwa auf der Zither oder dergleichen, nein, eine alte abgemagerte Geige war sein Instrument. Da saß er nun, indes die andern sich im Wald, in der Schenke des Dorfs zerstreuten, allein auf dieser Höhe unterm lieben Firmament, musizierte den vier Winden vor und drehte sich wie eine Wetterfahne aufm Absatz herum, die Welt und ihren Segen musternd. Der Hügel heißt daher noch heutzutag das Geigenspiel, auch wohl des Geigers Bühl. – Und dann, wenn er zu Pferde saß, mit den hundertfarbigen Bändern auf dem Hute und an der Brust, immer geputzt wie eine Schäfersbraut, wie reizend mag er ausgesehn haben! Ein Paradiesvogel unter einer Herde wilder Raben. Etwas eitel denk ich mir ihn gern, aber auf die Mädchen wenigstens ging sein Absehn nicht; diese Leidenschaft blieb ihm fremd sein ganzes Leben; er sah die schönen Kinder nur so wie märchenhafte Wesen an, im Vorübergehn, wie man ausländische Vögel sieht im Käfig. Keine Art von Sorge kam ihm bei; es war, als spielt' er mit den Stunden seines Tages wie er wohl zuweilen gerne mit bunten Bällen spielte, die er, mit flachen Händen schlagend, nach der Musik harmonisch in der Luft auf und nieder steigen ließ. Sein Inneres bespiegelte die Welt wie die Sonne einen Becher goldnen Weines. Mitten selbst in der Gefahr pflegte er zu scherzen und hatte doch sein Auge allerorten; ja, wäre er bei einem Löwenhetzen gewesen, wo es drunter und drüber geht, ich glaube, er hätte mit der einen Faust das reißende Tier bekämpft und mit der Linken den Sperling geschossen, der ihm just überm Haupt wegflog. Hundert Geschichten hat man von seiner Freigebigkeit. So begegnet er einmal einem armen Bäuerlein, das, ihn erblickend, plötzlich Reißaus nimmt. Den Hauptmann jammert des Mannes, ihn verdrießt die schlimme Meinung, die man von ihm zu haben scheint, er holt den Fliehenden alsbald mit seinem schnellen Rosse ein, bringt ihn mit freundlichen Worten zum Stehen und wundert sich, daß der Alte in der strengsten Kälte mit unbedecktem Kahlkopf ging. Dann sprach er: ›Vor dem Kaiser nimmt Volker den Hut nicht ab, jedoch dem Armen kann er ihn schenken!‹ Damit reicht er ihm den reichbebänderten Filz vom Pferde herunter, nur eine hohe Reiherfeder machte er zuvor los und steckte sie in den Koller, weil er diese um alles nicht missen wollte; man sagt, sie habe eine zauberische Eigenschaft besessen, den der sie trug in allerlei Fährlichkeit zu schützen. – Jetzt käme ich auf Volkers Frömmigkeit und wunderliche Bekehrung, da dies eine Art von Legende ist, so wird sie sich am besten im Munde Seiner Hochehrwürden geziemen.«

»Ich zweifle nur«, erwiderte Amandus, »ob ich meine Aufgabe so zierlich lösen werde, wie mein beredter Vorgänger sich aus der seinigen zog. Aber ich rufe den Schatten des Helden an und sage treulich was ich weiß, und auch nicht weiß. Also: in den Gehölzen, die da vor uns liegen, kam man einsmals einem seltenen Wilde auf die Spur, einem Hirsch mit milchweißem Felle. Kein Weidmann konnte seiner habhaft werden. Des Hauptmanns Ehrgeiz ward erregt, eine unwiderstehliche Lust, sich dieses edlen Tieres zu bemächtigen, trieb ihn an, ganze Nächte mit der Büchse durch den Forst zu streifen. Endlich an einem Morgen vor Sonnenaufgang erscheint ihm der Gegenstand seiner Wünsche. Nur auf ein funfzig Schritte steht das prächtige Geschöpf vor seinen Augen. Ihm klopft das Herz; noch hält Mitleid und Bewunderung seine Hand, aber die Hitze des Jägers überwiegt, er drückt los und trifft. Kaum hat er das Opfer von nahem betrachtet, so ist er untröstlich, dies muntere Leben, das schönste Bild der Freiheit zerstört zu haben. Nun stand an der Ecke des Waldes eine Kapelle, dort überließ er sich den wehmütigsten Gedanken. Zum erstenmal fühlt er eine große Unzufriedenheit über sein ungebundenes Leben überhaupt, und indes die Morgenröte hinter den Bergen anbrach und nun die Sonne in aller stillen Pracht aufging, schien es, als flüstere die Mutter Gottes vernehmliche Worte an sein Herz. Ein Entschluß entstand in ihm, und nach wenig Tagen las man auf einer Tafel, die in der Kapelle aufgehängt war, mit zierlicher Schrift folgendes Bekenntnis (ich habe es der Merkwürdigkeit Wort für Wort auswendig gelernt):

Dieß täflein weiheMöglicher Irrung zuvorzukommen, weil es sich hier um ein bestimmtes Lokal handelt, wird erinnert, daß man dort weder ein solches Denkmal, noch überhaupt diese Sage zu suchen hat, wozu übrigens der wirkliche Name des gedachten Hügels dem Verf. Veranlassung gegeben.
unserer lieben frauen
ich
Marmetin, genennt Jung Volker

zum daurenden gedächtnuß eines gelübds. und wer da solches lieset mög nur erfahren und inne werden was wunderbaren maßen Gott der Herr ein menschlich gemüethe mit gar geringem dinge rühren mag. denn als ich hier ohn allen fug und recht im wald die weiße hirschkuh gejaget auch selbige sehr wohl troffen mit meiner gueten Büchs da hat der Herr es also gefüget daß mir ein sonderlich verbarmen kam mit so fein sanftem thierlin, ein rechte angst für einer großen sünden. da dacht ich: itzund trauret ringsumbher der ganz wald mich an und ist als wie ein ring daraus ein dieb die perl hat brochen. ein seiden bette so noch warm vom süeßen leib der erst gestolenen braut. zu meinen füeßen sank das lieblich wunderwerk. verhauchend sank es ein als wie ein flocken schnee am boden hinschmilzt und lag als wie ein mägdlin so vom liechten mond gefallen.

Aber zu deme allen hab ich noch müeßen mit großem schrecken merken ein seltsamlichs zeichen auf des arm thierlins seim rucken. nemlich ein schön akkurat kreuzlin von schwarz haar. also daß ich kunt erkennen ich hab mich freventlich vergriffen an eim eigenthumb der muetter Gottes selbs. nunmehr mein herze so erweichet gewesen nahm Gott der stunden wahr und dacht wohl er muß das eisen schmieden weil es glühend und zeigete mir im geist all mein frech unchristlich treiben und lose hantierung dieser ganzer sechs Jahr und redete zu mir die muetter Jesu in gar holdseliger weiß und das ich nit nachsagen kann noch will. verständige bitten als wie ein muetterlin in schmerzen mahnet ihr verloren kind. da hab ich beuget meine knie allhier auf diesen stäfflin und hab betet und gelobet daß ich ein frumm leben wöllt anfangen. und wunderte mich schier ob einem gnadenreichen schein und klarheit so ringsumbher ausgossen war. stand ich nach einer gueten weil auf, mich zu bergen im tiefen wald mit himmlischem betrachten den ganzen Tag bis daß es nacht worden und kamen die stern. sammlete dann meine knecht auf dem hügel und hielte ihne alles für, was mit dem volker geschehen sagt auch daß ich müeß von ihne lassen. da huben sie mit wehklagen an und mit geschrey und ihrer etlich weineten. ich aber hab ihne den eyd abgenommen sie wöllten auseinander gehn und ein sittsam leben fürder führen. wo ich denn selbs mein bleibens haben werd deß soll sich niemand kümmern noch grämen oder gelüsten lassen daß er mich fahe. ich steh in eins andern handen als derer menschen. dieß täflein aber gebe von dem volker ein frumm bescheidentlich zeugnuß und sage dank auf immerdar der himmlischen huldreichen jungfrauen Marien als deren segen frisch mög bleiben an mir und allen gläubigen kindern. so gestift am 3. des brachmonds im jahr nach unsers Herren geburt 1591.

»Leider«, fuhr der Pfarrer gegen die Gesellschaft fort, welche mit sichtbarer Teilnahme zuhörte, »leider ist das Original dieser Votivtafel verlorengegangen; eine alte Kopie auf Pergament liegt auf dem Halmedorfer Rathause. Auch die Kapelle ist längst verschwunden; die ältesten Leute erzählen, ihre Urgroßväter hätten sie noch gesehn. Wo aber Volker damals sich hingewendet, blieb unbekannt. Einige vermuten einen Pilgerzug nach dem gelobten Land, wo er dann in ein Kloster gegangen sein soll.«

»Eine andere Sage«, nahm der Obrist wieder das Wort, »läßt ihn auf dem Weg nach Jerusalem von seiner Mutter, einer Zauberin, entführt werden und ich gedenke hier nur noch einiger alten Verse, welche wahrscheinlich den Schluß eines größern Lieds ausmachten. Sie weisen auf die fabelhafte Geburt Volkers hin und machen ihn, wie mich deucht, gar charakteristisch für den freien kräftigen Mann, zu einem Sohne des Windes. Er selber soll das Lied zuweilen gesungen haben.

Und die mich trug in Mutterleib,
Die durft ich niemals schauen,
Sie war ein schön, frech, braunes Weib,
Wollt keinem Manne trauen.

Und lachte hell und scherzte laut:
Ei, laß mich gehn und stehen!
Möcht lieber sein des Windes Braut,
Denn in die Ehe gehen.

Da kam der Wind, da nahm der Wind
Als Buhle sie gefangen,
Von dem hat sie ein lustig Kind
In ihren Schoß empfangen.«

»Wird mir doch in diesem Augenblick«, sagte die Pfarrerin, indem sie ein heimliches Auge an der Linde hinauflaufen ließ, »mir wird von all dem Zauberwesen so kurios zumute, daß ich mich eben nicht sehr entsetzen würde, wenn jetzt noch die Fabel vom singenden Baum wahr würde, ja wenn Herr Volker leibhaftig als lustiges Gespenst in unsre Mitte träte.«

»Noch ein anderes Lied«, sagte der Obrist, »ist mir im Gedächtnis geblieben, das man sich im Munde von Volkers Bande denken muß. Ich will, wenn die Frauenzimmer nicht schon durch das vorige – –«

Plötzlich wurde der Erzähler von den Tönen eines Saiteninstruments unterbrochen, welche ganz nahe aus dem Gipfel der dichtbelaubten Linde hervorzukommen schienen. Die Anwesenden erschraken und aller Augen waren nach dem Baume gerichtet. Niemand bewegte sich vom Platze; tiefe Stille herrschte, während die Musik in den Zweigen von neuem begann und der unsichtbare Spielmann mit lebhafter Stimme Folgendes sang:

Jung Volker das ist der Räuberhauptmann
Mit Fiedel und mit Flinte,
Damit er geigen und schießen kann
Nachdem just Wetter und Winde,
                              Ja Winde!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
    Volker spielt auf!

Ich sah ihn hoch im Sonnenschein
Auf seinem Hügel sitzen;
Da spielt er die Geig und schluckt roten Wein,
Seine blauen Augen ihm blitzen,
                              Ja blitzen!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
    Volker spielt auf!

Ich sah ihn schleudern die Geig in die Luft,
Ich sah ihn sich werfen zu Pferde,
Da hörten wir alle wie er ruft:
Brecht los wie der Wolf in die Herde!
                              Ja Herde!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
    Volker spielt auf!


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