Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Über den Ersten Mai als Kampftag der ArbeiterklasseRedaktionelle Überschrift. Diese Rede wurde auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gehalten, der vom 13. bis 19. September 1908 in Nürnberg stattfand.

Als der Mannheimer Parteitag Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Mannheim fand vom 23. bis 29. September 1906 statt. die Frage der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften in ihrer ganzen Tragweite aufrollte und nach Mitteln und Wegen suchte, wie wir das im Interesse der beiden Zweige der Arbeiterbewegung unumgänglich notwendige innige Zusammenarbeiten erzielen könnten, gehörte ich zu denjenigen Genossen, die sich am wenigsten eine ersprießliche Zusammenwirkung auf dem Wege versprachen, daß die obersten organisatorischen Spitzen beider Zweige der Arbeiterbewegung in dualistischer Weise miteinander verkehren und Vereinbarungen treffen, die dann für beide Teile der Arbeiterbewegung maßgebend sein sollten. Ich glaube, daß nach den ersten beiden wichtigen Proben des Zusammenwirkens nach diesem dualistischen System, die wir jetzt erlebt haben, unsere Befürchtungen von damals vollauf bestätigt werden.

Diese zwei entmutigenden Proben sind die Maifeier und die Jugendorganisation. Die Frage der Maifeier ist auf sämtlichen deutschen Parteitagen verhandelt worden und mit Recht. Es entspricht das vollkommen der kolossalen Tragweite dieser Äußerung unserer Arbeiterbewegung. Aber erst seit kurzem ist eine ganz neue Seite in die Betrachtungen hineingeworfen worden, die von sehr verhängnisvoller Wirkung für die Sache der Maifeier sein kann. Das ist die Frage der Unterstützung. Als wir in Stuttgart Der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart fand vom 18. bis 24. August 1907 statt. in der deutschen Delegation die Bestimmung getroffen hatten, daß die Partei gleichfalls bereit ist, an der Unterstützung der Opfer der Maifeier sich zu beteiligen, sollte damit nur ausgesprochen werden nach dem ganzen Sinn und Geist der Verhandlungen, daß auch die Partei ihrerseits alles tun will, was in ihrer Macht steht, um die Maifeier so würdig wie möglich auszubauen. In der Praxis hat sich die Unterstützungsfrage schon sehr bald als eine Schlinge erwiesen, in der die Maifeier erdrosselt werden kann, wenn wir nicht rechtzeitig der falschen Richtung in der Lösung dieser Frage vorbeugen. Genosse Fischer hat gesagt, er kann es nicht begreifen, wo die Logik liegt, wenn man den Gedanken vertritt, durch die Lösung der Unterstützungsfrage werde die Wirkung und Verbreitung der Maifeier vermindert.

Umgekehrt sagt er: Dadurch, daß wir Maßregeln treffen, um die tapfersten und kampfesmutigsten Opfer der Maifeier zu unterstützen und nicht auf dem Pflaster liegenzulassen, wirken wir dafür, daß die Maifeier würdig gefeiert wird. Ich sehe keine Logik auf der Seite Fischers. Parteivorstand und Generalkommission haben vollständig recht, wenn sie erklären: Wir haben vielleicht eine falsche Lösung der Unterstützungsfrage gefunden, nun bitte, gebt uns eine bessere, dann werden wir sie ergreifen, wir haben bis jetzt keine bessere gefunden. Ich behaupte, eine vollkommene Lösung der Unterstützungsfrage in dem Sinne, daß einerseits die Maifeier immer mehr ausgedehnt wird, andererseits aber alle Opfer tatsächlich unterstützt werden, kann gar nicht gefunden werden. (»Sehr richtig!«) Darin liegt eben die Schlinge, in der die Maifeier erdrosselt wird, wenn wir uns weiter darauf einlassen, alle möglichen Kombinationen ausfindig zu machen, um die Unterstützung so zu regeln, daß alle Opfer gedeckt werden und doch die Maifeier ausgebaut wird. Die bisherige Praxis der Maifeier nicht bloß in Deutschland, sondern in allen Ländern hat gezeigt, daß es nur einen einzigen Weg gibt, um den Opfern der Maifeier vorzubeugen. Das ist nicht irgendeine Regelung der Unterstützung, sondern die möglichste Ausdehnung der Maifeier. Nur dann, wenn die Zahl der Feiernden eine so gewaltige wird, daß eine Maßregelung unmöglich wird, nur dann, wenn man die wirkliche Macht der klassenbewußten organisierten Kämpfer der Arbeiterschaft mit ihrer ganzen Wucht dem Unternehmertum entgegenstellt, erst dann wagt das Unternehmertum nicht, Maßregelungen gegen uns vorzunehmen. (Widerspruch und Zustimmung.) Wir haben Erfahrungen, die das auf Schritt und Tritt bestätigen. (Zuruf: »Wo denn?«) Ich bitte Sie, einen Blick zu werfen nach einem Lande, wo die Arbeiter genau aus demselben Teig gemacht sind wie die deutschen Arbeiter, nach Russisch-Polen. Als Russisch-Polen (Kongreßpolen) wird das 1815 durch den Wiener Kongreß geschaffene Königreich Polen bezeichnet, das bis 1915 bestand, durch Personalunion mit Rußland verbunden war und unter zaristischer Herrschaft litt. (Widerspruch.) Wir haben dort in diesem Jahre wiederum in Warschau eine Maifeier gehabt, die einzig in der Welt dasteht. Sämtliche Fabrikarbeiter haben gefeiert. Es geschah das nicht etwa auf dem Höhepunkt der Revolution, wo alle Geister hochfliegen. Wir haben seit längerer Zeit bereits in Rußland und Russisch-Polen einen Niedergang, einen gewissen Stillstand der Revolution, der revolutionären Bewegung zu verzeichnen. Wir haben eine furchtbare wirtschaftliche Depression, eine kolossale geistige Depression, und trotz alledem hat man dort massenhaft den 1. Mai gefeiert. Und gerade deswegen sind in diesem Jahre ebenso wie früher die Maßregelungen für die Maifeier minimal gewesen. Genau dieselben Erfahrungen hat man in Deutschland gemacht. Ich glaube, es war eine Zahlstelle der Holzarbeiter in Berlin, die in diesem Jahre genau dasselbe festgestellt hat in einer Sitzung nach der Maifeier, daß nämlich nur durch die möglichste Ausdehnung der Zahl der Feiernden ein Riegel dagegen vorgeschoben wird, daß die Maßregelungen die Masse der Feiernden treffen. Deshalb würden wir einen ganz falschen Weg einschlagen, wenn wir uns tatsächlich mit der uns hingeworfenen Frage des langen und breiten beschäftigen wollten, wie die Feiernden unterstützt werden sollen. Fischer hat selbst unwillkürlich gezeigt, wie ausweglos eigentlich dieser Weg ist, indem er sagte: Ihr seid alle unzufrieden mit der bisher getroffenen Regelung, daß die lokalen Organisationen die Gemaßregelten unterstützen wollen – wer soll sie denn sonst unterstützen? Die zentrale Parteikasse ist nicht dazu da, sondern für politische Zwecke. Wir sind nicht imstande, diese kolossalen Opfer zu tragen. Die Zentralverbände ihrerseits erklären gleichfalls, sie müßten ihre Kassen für andere Kämpfe frei halten, ja wer soll denn die Unterstützung zahlen? Auf diese Weise wird gezeigt, daß weder so noch so eine befriedigende Lösung der Unterstützungsfrage gefunden werden kann. Die einzige Lösung ist eben die, daß man unabhängig von dieser oder jener Regelung der Unterstützung den Gedanken der Maifeier mit allem Nachdruck propagiert und nicht in dem zaghaften, bremsenden Geist, wie es im letzten Jahre vom Parteivorstand und der Generalkommission geschehen ist. (»Sehr richtig!« und Widerspruch.) Gerade auf diese Weise wirkt man dahin, daß die Opfer der Maifeier wachsen, denn durch diese Zaghaftigkeit der leitenden Behörden der Arbeiterbewegung bekommen die Unternehmer und ihre Verbände erst Mut, unsere Kämpfe mit Maßregelungen zu treffen. Wir haben um so mehr Ursache, mit aller Schärfe darauf zu bestehen, daß die Idee der Maifeier, ohne durch allerlei Nebenumstände, durch die Unterstützungsfrage verwirrt zu werden, mit vollem Nachdruck propagiert wird, als wir aller Voraussicht nach schweren Kämpfen entgegengehen. Die Maifeier hat, das muß man nach den bisherigen Erfahrungen sagen, in Deutschland nicht nur noch nicht gezeigt, was sie eigentlich leisten kann, sondern sie hat erst eine große Zukunft vor sich. Um dieser Zukunft entgegenzugehen, haben wir allen Grund, jetzt mit aller Wucht darauf zu bestehen, daß der Gedanke der Maifeier in aller Reinheit und mit aller Schärfe propagiert wird. (Beifall.)


 << zurück weiter >>