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Über die Revolution in Rußland von 1905 bis 1907Redaktionelle Überschrift. Die Rede wurde auf einer Volksversammlung gehalten, die am 25. September 1905 in Mannheim stattfand. Sie wird nach einem Zeitungsbericht wiedergegeben.

Genossin Luxemburg bemerkte einleitend in bezug auf ihre Krankheit, sie habe bei ihr von der russischen Revolution gelernt; wenn man sie tot glaube, stehe sie wieder auf. (»Bravo!«)

Heute habe ich mich krank geglaubt, aber es hieß, ich solle hier erscheinen und einige Worte über die Revolution sprechen. Ich werde es tun, soweit ich Kraft dazu besitze. Mein Vorredner hat mich am Schlusse seiner Rede eine Märtyrerin und Dulderin der russischen Revolution genannt. Ich muß meine Ausführungen mit einem Proteste hiergegen beginnen. Wer die russische Revolution nicht von weitem betrachtet, wer selber für dieselbe gewirkt hat, der wird nicht sagen, er sei ein Dulder und Märtyrer. Ich kann Sie ohne jede Übertreibung und mit offener Ehrlichkeit versichern, daß jene Monate, die ich in Rußland zubrachte, die glücklichsten meines Lebens sind. Ich fühle mich tief betrübt, daß ich aus Rußland heraus und herüber mußte nach Deutschland. Rosa Luxemburg war Ende Dezember 1905 nach Warschau gefahren, um an der Revolution teilzunehmen. Sie wurde am 4. März 1906 verhaftet und nach drei Monaten Haft am 28. Juni 1906 auf Grund ihres Gesundheitszustandes gegen eine Kaution aus der Haft entlassen. Es ist ein völlig falsches Bild, das Sie sich von der Revolution machen auf Grund der sensationslüsternen Telegramme der bürgerlichen Telegraphenagenturen. Man malt dem Auslande ein großes Blutmeer, unerhörte Leiden des Volkes ohne den geringsten Lichtstrahl. Das ist die Auffassung des dekadenten Bürgertums, aber nicht der proletarischen Klasse. Jahrhundertelang hat das russische Volk geduldet, die furchtbaren Leiden im Laufe der Revolution aber, sie sind nur gering gegen die schrecklichen Leiden, die das russische Volk vor der Revolution, unter einer ruhigen Herrschaft über sich ergehen lassen mußte. (»Sehr richtig!«) Jahrhunderte lebte Rußland unter dem Joch des Absolutismus; hat aber jemand danach gefragt, wie viele Tausende am Skorbut, an Hunger zugrunde gegangen sind? Hat jemand danach gefragt, daß Tausende Proletarier auf dem Schlachtfelde der Arbeit gefallen sind, ohne daß sich auch nur der Statistiker darum kümmerte? Wie viele Kinder auf den russischen Dörfern verkommen oder nicht das erste Lebensjahr erreicht haben aus Mangel an Nahrung? Sie werden begreifen, daß gegen diese unzähligen Opfer die jetzigen Opfer und Leiden ganz minimal sind. Aber nun die andere Seite der Medaille. Während früher das russische Volk ohne jede Aussicht dahinlebte, aus seinen furchtbaren Leiden herauszukommen, weiß es jetzt, wofür es fällt, wofür es leidet, wofür es kämpft. Jeder weiß, daß er wenigstens für seine Kinder, seine Enkel an der Befreiung des Volkes mitarbeitet. Das russische Volk hat sich nur furchtbar verspätet, es ist um ein halbes Jahrhundert in der Entwicklung hinter den anderen Nationen Europas zurückgeblieben und kämpft nun als letzter Nachzügler für seine Befreiung durch die Revolution. Die Geschichte weiß, was sie tut, und wenn sie uns auch hat warten lassen, wir bekommen dafür ein ganz anderes Geschenk als die anderen, uns vorausgeeilten Nationen. Bei uns ist die Revolution eine ganz andere Erscheinung, als es die Märzrevolution in Deutschland und die Große Französische Revolution waren. Wohl kämpft man in Rußland um dieselben bürgerlichen Freiheiten, ein Parlament, das Vereinsrecht, die Preßfreiheit usw., für die man in Deutschland schon im Jahre 1848 gekämpft und in Frankreich schon ein halbes Jahrhundert früher, aber heute steht bei uns nicht das aufstrebende Bürgertum an der Spitze dieser Bewegung, sondern es ist das Proletariat, welches die führende Rolle im Kampfe übernommen hat. Das russische Proletariat gibt sich nicht den Illusionen des Proletariats von 1848 hin, es weiß ganz gut, daß die Einführung der Herrschaft des Sozialismus von heute auf morgen eine Unmöglichkeit ist, es weiß, daß nichts anderes als ein bürgerlicher Rechtsstaat zustande kommen kann. Aber wir wären nicht würdig des Namens von Sozialdemokraten, nicht würdig, Schüler von Marx und Engels zu sein, wenn wir an der bloßen Form kleben und nicht unterscheiden würden, daß unter ein und derselben Form verschiedener sozialer und geschichtlicher Inhalt stecken kann. Gerade aus dem Umstande, daß unser Rechtsstaat von der schwieligen Hand des Proletariats geformt wird, wird er die festen Eindrücke erhalten, die mehr dem Proletariat als dem Bürgertum zugute kommen. Das russische Proletariat kämpft zunächst um die bürgerliche Freiheit, um das allgemeine Wahlrecht, die Republik, das Vereinsgesetz, die Preßfreiheit usw., aber es kämpft nicht mit den Illusionen, die das Proletariat von 1848 erfüllten, es kämpft um die Freiheiten, um sie als Kampfmittel gegen die Bourgeoisie in die Hände zu bekommen. Wer einen Einblick in russische Verhältnisse hat, der muß den Eindruck gewinnen, daß der russische Liberalismus schon zu einem Zwerg zusammengeschrumpft ist und wie das Proletariat immer lawinenartiger, immer riesiger anschwillt, der muß sich aber auf Grund dieser Erscheinung sagen, daß der Rechtsstaat Rußland etwas ganz anderes sein wird als das heutige Deutschland. Aus der russischen Revolution kann nimmermehr die Spottgeburt des Liberalismus hervorgehen wie jetzt in Deutschland. Es ist eine unrichtige Auffassung, wenn man die russische Revolution nur vom Standpunkt der sogenannten Rechtsordnung betrachtet und sehnlichst darauf wartet, daß ein Parlament zu Recht besteht. Sie kennen ja die Geschichte der I. Duma. Der Liberalismus fühlte sich schon durch den Zusammentritt derselben befreit von dem furchtbaren Traum der Revolution, als die Vernichtung der Duma erfolgte. Die I. Reichsduma begann ihre Tätigkeit am 27. April 1906. Getrieben von der revolutionären Bewegung, mußte die Duma Projekte zur Lösung der Agrarfrage vorlegen. Die zaristische Regierung löste daraufhin die Duma wegen »Überschreitung ihrer konstitutionellen Befugnisse« am 8. Juli 1906 auf. Die Auflösung der Duma war kein Zeichen der Macht des Absolutismus, sondern der Ohnmacht des russischen Liberalismus. Die Auflösung der Duma hat gezeigt, daß das russische Bürgertum tief gefallen ist. Bei jedem weiteren Versuch wird sich's zeigen, daß ihm die Kraft zu dem Kampfe gegen den Absolutismus fehlt. Als die Botschaft kam, daß die Duma zu Muttern gehen sollte, wußte diese nichts Besseres zu tun, als nach Finnland zu fliehen und dort einen papiernen Protest für den Papierkorb der Weltgeschichte zu fabrizieren. Aus Protest gegen die Auflösung der I. Reichsduma versammelten sich die Vertreter der Konstitutionell-Demokratischen Partei (Kadetten) mit anderen Deputierten der Duma am 22. Juli 1906 in Wiborg. In einem Aufruf an das Volk forderten sie zum passiven Widerstand auf, vor allem zur Verweigerung der Steuerzahlungen und des Heeresdienstes. Das russische Proletariat hat sich trotz der tiefen Stufe, auf der es sich befindet, viel reifer gezeigt als das russische Bürgertum. Es hat von vornherein begriffen, daß der Parlamentarismus ohnmächtig ist, solange der Absolutismus am Ruder ist, solange dieser nicht durch die Bestrebungen der revolutionären Klasse erdrückt wird. Wir stehen heute vor der Frage der Machtergreifung durch das revolutionäre Proletariat. Der Liberalismus hat bereits ausgespielt, das hat die Duma gezeigt. Die Aufgabe des Proletariats ist keine leichte, es ist ein Kampf auf Tod und Leben zwischen dem russischen aufstrebenden Volke und dem russischen Absolutismus. In diesem Kampfe soll sich das Schicksal der künftigen russischen Freiheit entscheiden. Es gibt wohl auch eine Reihe zaghafter Genossen, die sagen, daß durch die jetzigen Brutalitäten der Gewalthaber die Revolution in einem Blutmeer erstickt werden könne. Wer drüben gewesen ist, weiß, daß das nicht wahr sein kann. Es ist nichts irriger, als anzunehmen, daß die russische Freiheit gewaltsam zurückgehalten werden könne. Auch hier bewährt sich die Lehre von Marx und Engels, daß jede Gesellschaftsordnung eine historische Notwendigkeit ist, daß sie zur Welt kommen muß, genau wie die Frucht aus dem Mutterleibe, auch wenn es noch so große Anstrengungen kostet. Der Kampf, der uns noch bevorsteht, ist die schwierigste Phase der ganzen Revolution. Sie müssen sich den Massenstreik als eine bloße Wiederholung nach allen Richtungen vorstellen; es war eine fortlaufende Reihe von Entwicklungen in der revolutionären Bewegung, die aber das Proletariat immer höher und höher gebracht hat. Es ist die regelrechte Entwicklung zur inneren Reife und Erkenntnis, die uns bis zum jetzigen Punkte der Revolution gebracht hat. Diese Erkenntnis besteht darin, daß es nicht bloß genügt, Massenstreiks durchzuführen, um den Absolutismus zu stürzen, sondern daß man früher oder später auch die Frage eines Volksaufstandes gegen den Träger des absolutistischen Regimes wird erwägen müssen, um die Revolution zu Ende zu führen. Der ganze Verlauf der Revolution beweist gerade, wie sie sich von allen anderen früheren Revolutionen unterscheidet – es waren kurze Straßenschlachten von wenig Stunden oder Tagen. Heutzutage, wo die Geschicke in der Hand des Volkes liegen, da ist eine Revolution ein langer, schwerer Prozeß; erst durch eine lange Reihe von Massenstreiks hat sich das gewaltige Heer zusammenfinden können zum letzten entscheidenden Schlag. Wer den Verlauf der Revolution in seiner inneren Lage erfaßt, der wird sich durchaus keinem Pessimismus hingeben. Man bewundert das Heldentum des russischen Proletariats. Ich will diese Auffassung nicht nur nicht bestreiten, sondern ich möchte darauf verweisen, daß man den Tribut der Bewunderung des Heldentums zuviel den im Vordergrund des Kampfes stehenden Persönlichkeiten darbringt und viel zuwenig der großen Masse, die ungeheure Opfer bringt. Ich möchte Sie darauf verweisen, daß es viel wichtiger ist, aus den russischen Vorgängen sich klarzumachen, daß die Entfaltung einer revolutionären Macht nicht allein abhängig ist von der Zahl der organisierten Sozialdemokraten. Erst die Stunde des Kampfes zeigt, welch ungeheurer Idealismus im Volke steckt. Die russischen Vorgänge zeigen, daß wir uns nach der allgemeinen Situation auch in Deutschland bereit machen sollen auf solche Kämpfe, in denen die Massen den Ausschlag geben. Der politische Massenstreik bildet den Mittelpunkt der Verhandlungen des Parteitages; ein Beweis, daß das Klassenbewußtsein im Proletariat immer tiefere Wurzeln faßt. Es fühlt aus sich heraus, daß das Proletariat sich früher oder später darauf gefaßt machen muß, seinen Besitzstand an politischen Rechten durch den Massenstreik zu verteidigen und zu erweitern. Die russische Revolution ist für das deutsche Proletariat ein großer Lehrmeister. Es ist kein Zweifel, daß die russische Revolution in weitgehendstem Maße ihre Wirkung ausübt auf das Ausland. Der russische Rechtsstaat wird auch eine Verschiebung der politischen Zustände in Deutschland nach sich ziehen. Das russische Proletariat muß uns dann als Vorbild dienen, nicht nur in bezug auf den Parlamentarismus. Ich meine in bezug auf die Entschlossenheit und Kühnheit, die politischen Aufgaben so hoch zu stecken, wie es die geschichtliche Situation erfordert. Wenn wir etwas aus der russischen Revolution gewinnen, ist es nicht Pessimismus, sondern der größte Optimismus, daß wir mit der größten Kühnheit der Zukunft entgegensehen und mit verzehnfachter Kraft rufen: Trotz alledem und alledem werden wir Sieger bleiben! (Minutenlanger Beifall.)


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