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Zum Verhältnis von Partei und GewerkschaftenRedaktionelle Überschrift. Diese Rede wurde auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gehalten, der vom 23. bis 29. September 1906 in Mannheim stattfand.

Parteigenossen! Ich glaube, es wird sich unter uns wohl keiner finden, der nicht mit dem Grundgedanken der Resolution des Parteivorstandes In der Resolution des Parteivorstandes der deutschen Sozialdemokratie wurde gefordert, die anarcho-sozialistischen Bestrebungen in den lokalen Gewerkschaftsorganisationen zu bekämpfen und die Anarchosozialisten aus der Sozialdemokratischen Partei auszuschließen. einverstanden wäre. Wir stehen ja hoffentlich allesamt auf dem Standpunkt, daß die Zentralorganisation die geeignetste Form für den modernen gewerkschaftlichen Kampf ist und daß der Anarchismus heutzutage in Deutschland wie in der gesamten kapitalistischen Welt höchstens als eine Folge der geistigen Verirrung und geistigen Dekadenz der Arbeiter betrachtet werden muß. Trotz alledem aber würde ich die Annahme der vom Parteivorstand vorgelegten Resolution als einen großen Mißgriff betrachten. (›Sehr richtig!‹) Vor allem kann ich mir in meinem beschränkten Untertanenverstand (Heiterkeit) nicht klarmachen, wie die Stellungnahme der Vertreter der Zentralverbände zu dieser Resolution mit ihrer Haltung zu der vorhergehenden Resolution Kautskys in Einklang gebracht werden kann. Dort, wo es sich um die selbstverständlichste Sache in der Welt handelte, daß jeder Sozialdemokrat auch innerhalb der Gewerkschaft als Sozialdemokrat handeln und die Beschlüsse der Parteitage respektieren soll, sträubte man sich mit Gewalt dagegen, weil das nach außen hin den Eindruck hervorrufen müßte, die Gewerkschaften wären ganz am Gängelbande der Sozialdemokratie. Hier aber ist man ganz damit einverstanden, daß die Sozialdemokratie eine scharfe Aktion zugunsten einer bestimmten Organisationsform der Gewerkschaft unternimmt. Ich befürchte, daß bei einer solchen Doppelstellung das Verhältnis der Gewerkschaften zu der Sozialdemokratie sich etwa im Sinne jenes bekannten bäuerlichen Ehevertrages gestaltet, wo die Frau dem Manne sagte: »Wenn wir in einer Frage einverstanden sind, so soll dein Wille geschehen; wenn wir auseinander gehen, soll nach meinem Sinne gehandelt werden.« (Heiterkeit.) Ferner finde ich es unverantwortlich, wenn hier die Partei gewissermaßen als Zuchtrute gegen eine bestimmte Gruppe von Gewerkschaftlern gebraucht werden soll, daß wir uns damit innerhalb der Parteireihen Zank und Zwist auf den Hals laden sollen. Es ist doch kein Zweifel, daß unter den Lokalorganisierten sehr viele brave Genossen vorhanden sind, und es wäre unverantwortlich, wenn wir, um den Gewerkschaften in dieser Frage direkt zu dienen, den Zwist in unsere Reihen hineintrügen. Wir respektieren die Ansicht, daß die Lokalisten nicht den Zwist in den gewerkschaftlichen Organisationen so weit treiben sollen, daß sie die gewerkschaftliche Organisation dadurch unterbinden; aber im Namen der so viel gepriesenen Gleichberechtigung muß man doch mindestens dasselbe für die Partei anerkennen. Wenn wir die Anarchosozialisten, wie der Parteivorstand vorschlägt, aus der Partei direkt ausschließen, so geben wir damit ein trauriges Beispiel dafür, daß wir nur Energie und Entschlossenheit finden, um unsere Partei nach links abzugrenzen, daß wir nach rechts aber die Tore nach wie vor sehr weit offenlassen. (»Sehr richtig!«)

Von Elm hat hier angeführt als ein Beispiel des anarchistischen Unsinns, daß in der »Einigkeit« »Die Einigkeit« war das Organ der anarchosyndikalistischen Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften und erschien seit 1897. oder in einer Konferenz der Lokalorganisierten ausgesprochen sei, der Generalstreik wäre als das einzige Mittel des wirklichen revolutionären Klassenkampfes zu betrachten. Nun ist das selbstverständlich ein Unsinn und nichts anderes. Aber, werte Anwesende, es steht genausoweit entfernt von der sozialdemokratischen Taktik und von unseren Prinzipien, wenn David erklärt, die gesetzlichen, parlamentarischen Mittel sind die einzigen Mittel der Sozialdemokratie. (»Sehr richtig!«) Man sagt uns, die Lokalisten, die Anarchosozialisten untergraben auf Schritt und Tritt durch ihre Agitation die sozialdemokratischen Grundsätze. Aber es ist genau ebenfalls eine Untergrabung sozialdemokratischer Grundsätze, wenn einer von den Zentralverbänden, wie Bringmann auf Eurer Konferenz im Februar, Die Konferenz der Vertreter der Vorstände der Zentralbehörde fand vom 19. bis 23. Februar 1906 in Berlin statt. sich gegen das Prinzip des Klassenkampfes erklärte. (Widerspruch.) Der Anarchismus ist in unseren Reihen nichts anderes als eine Reaktion nach links gegen die Ausschreitungen nach rechts. (»Sehr richtig!«) Wenn Sie den Anarchismus bekämpfen wollen, so bleiben Sie dabei doch treu unserem altbewährten Prinzip: Wegen Ansichten wird bei uns niemand ausgeschlossen. Wir wollen die Leute dadurch unschädlich machen und die ganze anarchosozialistische Bewegung dadurch untergraben, daß wir gegen den Opportunismus Front machen, denn er ist der eigentliche Nährvater der anarchistischen Seitensprünge. Wenn wir keinen von der äußersten Rechten ausgeschlossen haben, so haben wir jedenfalls auch kein Recht, die äußerste Linke auszuschließen. (Lebhafter Beifall und Widerspruch.)


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