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Über die Rolle der Bourgeoisie in der Revolution 1905/1906 in RußlandRedaktionelle Überschrift. Diese Rede wurde auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands gehalten, der vom 13. Mai bis 1. Juni 1907 in London stattfand.

Mich und die Vertreter der polnischen Delegation interessiert die zu behandelnde Frage Im Mittelpunkt der Debatten des Parteitages und der politischen Auseinandersetzungen zwischen Bolschewiki und Menschewiki stand die Frage der Einstellung zu den bürgerlichen Parteien. nicht vom Standpunkt des inneren Fraktionskampfes, sondern vom Standpunkt der Prinzipien der internationalen proletarischen Taktik. Die Stellung des rechten Flügels unserer Partei zu den bürgerlichen Parteien stellt eine vollkommen folgerichtige Konstruktion dar, die sich auf die bekannte Auffassung von der historischen Rolle der Bourgeoisie sowie des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution stützt. Dieser Auffassung liegt ein bestimmtes Schema zugrunde, das einer der hochverehrten Veteranen und großen Theoretiker der russischen Sozialdemokratie genau und klar formuliert. In seinen »Briefen über die Taktik und die Taktlosigkeit« sagt Genosse Plechanow: »Die Schöpfer des Kommunistischen Manifests schrieben vor 58 Jahren:›Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt... Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren.‹« Und weiter über die politische Mission der Bourgeoisie: »Die Bourgeoisie befindet sich in fortwährendem Kampfe: anfangs gegen die Aristokratie; später gegen die Teile der Bourgeoisie selbst, deren Interessen mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch geraten... In allen diesen Kämpfen sieht sich ...« die Bourgeoisie »genötigt, an das Proletariat zu appellieren, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen und es so in die politische Bewegung hineinzureißen. Sie selbst führt also dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente, d. h. Waffen gegen sich selbst, zu.«

Eben diese Auffassung von der politischen Rolle der Bourgeoisie muß, nach der Meinung eines Flügels unserer Partei, die gesamte Taktik des russischen Proletariats in der gegenwärtigen Revolution bestimmen. Die Bourgeoisie ist eine revolutionäre Klasse, die die Volksmassen in den Kampf gegen die alte Ordnung hineinzieht, die Bourgeoisie ist die natürliche Avantgarde und der Erzieher des Proletariats. In Rußland können deshalb zur Zeit nur bösartige Reaktionäre oder hoffnungslose Don Quichottes die Bourgeoisie bei der Erlangung der politischen Macht »stören«. Darum muß man die Angriffe auf den russischen Liberalismus zurückstellen, bis die Kadetten Die Konstitutionell-Demokratische Partei (Kadetten) wurde im Oktober 1905 gegründet und setzte sich vorwiegend aus städtischer Mittel- und Kleinbourgeoisie sowie bürgerlicher Intelligenz zusammen. an die Macht gelangt sind, darum braucht man der bürgerlichen Revolution keine Knüppel zwischen die Räder zu werfen, darum ist die Taktik des Proletariats, die die Liberalen schwächen oder abschrecken könnte, die gröbste Taktlosigkeit und jedes Bestreben, das Proletariat von der liberalen Bourgeoisie zu isolieren, geradezu ein der Reaktion erwiesener Dienst. Das ist zweifellos ein geschlossenes, folgerichtiges System von Auffassungen, aber es bedarf dringend einer Überprüfung sowohl in bezug auf die historischen Fakten als auch vom Standpunkt der Grundlagen der proletarischen Taktik selbst.

»Vor 58 Jahren schrieben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest ...« – Ich bin leider nicht mit allen Werken unseres verehrten Theoretikers und Schöpfers des russischen Marxismus vertraut, aber ich kenne kein einziges seiner Werke, in dem er den russischen Sozialdemokraten nicht einhämmert, daß nur Metaphysiker nach der Formel: Ja – ja, nein – nein, und was darüber ist, das ist vom Übel – urteilen. Das dialektische Denken, das für den historischen Materialismus charakteristisch ist, fordert, daß man die Erscheinung nicht im erstarrten Zustande betrachtet, sondern in der Bewegung. Sich auf die Charakterisierung der Rolle der Bourgeoisie durch Marx und Engels vor 58 Jahren zu berufen, um sie auf die jetzige Wirklichkeit anzuwenden, stellt ein krasses Beispiel metaphysischen Denkens dar, eine Verwandlung der lebendigen, historischen Anschauung der Schöpfer des Manifests in ein erstarrtes Dogma. Es genügt, einen Blick auf das Wesen und das Verhältnis der politischen Parteien zu werfen, besonders auf den Zustand des Liberalismus in Deutschland, Frankreich, Italien, England, ja, in ganz Westeuropa, um zu begreifen, daß die Bourgeoisie schon längst aufgehört hat, die politisch-revolutionäre Rolle zu spielen, die sie einst spielte. Ihr gegenwärtiges allgemeines Abschwenken zur Reaktion, zur Politik des Schutzzollsystems, ihre Huldigung gegenüber dem Militarismus, ihr gemeinsames Paktieren mit den konservativen Agrariern – alles das beweist, daß die 58 Jahre, die seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests verflossen sind, eben nicht spurlos vergangen sind. Und beweist denn nicht auch die eigene kurze Geschichte des russischen Liberalismus, wie wenig man das aus den Worten des Manifests abgeleitete Schema auf ihn anwenden kann? Denken wir zurück, was stellte der russische Liberalismus noch vor fünf Jahren dar? Damals konnte man noch im Zweifel darüber sein, ob in Rußland dieser »Erzieher des Proletariats«, den wir nicht »stören« sollen, die »Macht zu erlangen«, überhaupt existiert. Bis zum Jahre 1900 ertrug der Liberalismus geduldig jeglichen Druck des Absolutismus, jegliche Äußerung von Despotie. Und erst, als das in langjähriger Arbeit von der Sozialdemokratie geschulte, durch den japanischen Krieg aufgerüttelte russische Proletariat in grandiosen Streiks im Süden Rußlands, in Massendemonstrationen die öffentliche Arena betrat, entschloß sich auch der russische Liberalismus, den ersten zaghaften Schritt zu tun. Es begann die berüchtigte Epopöe der Semstwokongresse, der Professorenpetitionen und der Advokatenbankette. Die liberale Bourgeoisie forderte auf Banketten, Semstwokongressen und in Petitionen Reformen und bürgerliche Konstitution. Der Liberalismus, berauscht von der eigenen Redegewandtheit und der Freiheit, die ihm unerwartet gewährt wurde, war bereit, an seine Kraft zu glauben. Aber womit endete diese Epopöe? Alle erinnern wir uns des berühmten Moments, als im November/Dezember 1904 der »liberale Frühling« plötzlich ergraute und der sich erholende Absolutismus den Liberalismus mit einem Schlage, ohne jede Zeremonie, mundtot machte, indem er ihm ganz einfach zu schweigen befahl. Die zaristische Regierung erließ im Dezember 1904 eine Verordnung, in der die Erweiterung der Rechte der Semstwos versprochen, aber die Unantastbarkeit der Selbstherrschaft und der Grundgesetze betont wurde. Gleichzeitig kündigte die Regierung in einer Verordnung an, alle Bestrebungen nach Reformen und nach einer Verfassung zu unterdrücken und deren Befürworter gerichtlich zu belangen. Wir sahen alle, wie der Liberalismus durch einen einzigen Fußtritt, durch einen einzigen Peitschenhieb des Absolutismus augenblicklich von der Höhe seiner scheinbaren Macht in den Abgrund einer hoffnungslosen Ohnmacht stürzte. Auf den Schlag der Kosakenknute fand der Liberalismus keine Antwort mehr, er schrumpfte zusammen, schwieg und zeigte damit vor aller Augen seine ganze Nichtigkeit. Und in der Befreiungsbewegung Rußlands trat damals eine fühlbare Stockung auf einige Wochen ein, bis der 9. Januar das Petersburger Proletariat auf die Straße brachte und zeigte, wer in dieser Revolution berufen ist, der wirkliche Vortrupp und »Erzieher« zu sein. An Stelle des Leichnams des bürgerlichen Liberalismus trat eine lebendige Kraft auf. (Beifall.)

Zum zweiten Male erhob der russische Liberalismus das Haupt, als der Druck der Volksmassen den Absolutismus zwang, die I. Duma einzuberufen. Die Liberalen fühlten sich wieder bei Kräften und glaubten wieder, daß gerade sie die Führer der Befreiungsbewegung seien, daß man mit Advokatenreden etwas erreichen kann und daß sie eine Macht seien. Aber es folgte die Auseinanderjagung der Duma, Die I. Reichsduma begann ihre Tätigkeit am 27. April 1906. Getrieben von der revolutionären Bewegung, mußte die Duma Projekte zur Lösung der Agrarfrage vorlegen. Die zaristische Regierung löste daraufhin die Duma wegen »Überschreitung ihrer konstitutionellen Befugnisse« am 8. Juli 1906 auf. und der Liberalismus fiel zum zweiten Male Hals über Kopf in den Abgrund der Ohnmacht und Nichtigkeit. Alles, was er aus eigener Kraft auf den Angriff der Reaktion zu antworten vermochte, war der berüchtigte Wiborger Aufruf, Aus Protest gegen die Auflösung der I. Reichsduma versammelten sich die Vertreter der Konstitutionell-Demokratischen Partei (Kadetten) mit anderen Deputierten der Duma am 22. Juli 1906 in Wiborg. In einem Aufruf an das Volk forderten sie zum passiven Widerstand auf, vor allem zur Verweigerung der Steuerzahlungen und des Heeresdienstes. dieses klassische Dokument des›passiven Widerstandes‹, jenes passiven Widerstandes, über den Marx 1848 in der ›Neuen Rheinischen Zeitung‹ schrieb, daß er dem Widerstand des Kalbes gegen den Schlächter gleiche, der es schlachten will. (Beifall.)

Diesmal verlor der Liberalismus die Illusion von seiner Kraft und seiner führenden Rolle in der gegenwärtigen Revolution. Er verlor gerade in der I. Duma die Illusion, man könne die Mauern der absolutistischen Festung durch Advokaten- und parlamentarische Redegewandtheit wie mit den Posaunen von Jericho zerstören. Er verlor in der Zeit der Auseinanderjagung der Duma die Illusion, das Proletariat sei berufen, die Rolle des Schreckgespenstes gegen den Absolutismus zu spielen, das die Liberalen hinter den Kulissen halten, solange sie es nicht brauchen, und das sie mit einem Wink auf die Szene rufen, wenn sie den Absolutismus erschrecken und ihre eigene Position stärken wollen. Der Liberalismus mußte sich davon überzeugen, daß das russische Proletariat keine Marionette in seinen Händen ist, daß es nicht bereit ist, der Bourgeoisie ständig als Kanonenfutter zu dienen, sondern daß es eine Kraft ist, die in dieser Revolution ihren eigenen Weg geht und in ihrem Auftreten den Gesetzen und der Logik ihrer eigenen Bewegung folgt, unabhängig von der Bewegung der Liberalen. Seit dieser Zeit hat sich der Liberalismus entschieden anders besonnen, und jetzt sind wir Zeugen seines schmählichen Rückzuges in der II. Duma, in der Duma Golowins und Struves, F. A. Golowin war Präsident der II. Reichsduma, die von April bis Juni 1907 bestand. – P. W. Struve war der Führer der rechten Kadetten. in der Duma, in der für das Budget und die Rekrutenaushebung, für die Bajonette, mit denen die Duma morgen auseinandergejagt wird, gestimmt wird. So sieht jene Bourgeoisie aus, die man uns empfiehlt als revolutionäre Klasse zu betrachten, die wir nicht »stören« dürfen, die Macht zu erlangen, und die berufen ist, das Proletariat zu »erziehen«. Es zeigt sich, daß das erstarrte Schema auf das heutige Rußland überhaupt nicht anwendbar ist. Es zeigt sich, daß jener revolutionäre, zur Macht strebende Liberalismus, dem man uns empfiehlt die Taktik des Proletariats anzupassen, dem zuliebe man bereit ist, die Forderungen des Proletariats zu beschneiden, daß dieser revolutionäre russische Liberalismus in Wirklichkeit nicht existiert, sondern daß er ein Phantasiegebilde, etwas Erfundenes, ein Phantom ist. (Beifall.) Und diese Politik, die auf ein totes Schema und auf erfundene Verhältnisse aufgebaut ist, die die besonderen Aufgaben des Proletariats in dieser Revolution nicht berücksichtigt, nennt sich »revolutionärer Realismus«.

Aber laßt sehen, wie das mit der proletarischen Taktik überhaupt in Einklang zu bringen ist. Dem russischen Proletariat wird empfohlen, sich in seiner Kampftaktik davon leiten zu lassen, daß es die Kraft des Liberalismus nicht vorzeitig untergräbt und sich von ihm nicht isoliert. Aber wenn das als »taktlose« Taktik bezeichnet wird, dann, fürchte ich, muß man die gesamte Tätigkeit und die ganze Geschichte der deutschen Sozialdemokratie als eine einzige, ununterbrochene Taktlosigkeit bezeichnen, weil, angefangen mit der Agitation Lassalles gegen die »Fortschrittler« bis zum gegenwärtigen Augenblick, das Wachstum der Sozialdemokratie auf Kosten des Wachstums und der Kräfte des Liberalismus geht. Jeder Schritt des deutschen Proletariats nach vorn zieht dem Liberalismus das Fundament unter den Füßen weg. Und dieselbe Erscheinung begleitet die Klassenbewegung des Proletariats in allen Ländern. Als Taktlosigkeit müßte man die Pariser Kommune bezeichnen, da sie das französische Proletariat so isoliert und die liberale Bourgeoisie aller Länder so zu Tode erschreckt hat. Als nicht weniger taktlos müßte man das Auftreten des französischen Proletariats in den berühmten Junitagen bezeichnen, in denen es sich endgültig als Klasse von der bürgerlichen Gesellschaft »isoliert« hat. Noch taktloser war das offene Auftreten des Proletariats in der Großen Französischen Revolution, als es die Bourgeoisie inmitten ihrer ersten revolutionären Bewegung durch sein extremes Verhalten erschreckte, sie in die Arme der Reaktion trieb und damit die Epoche des Direktoriums und der Liquidierung der größten Revolution vorbereitete. Und schließlich müßte man die zweifellos historische Geburt des Proletariats als selbständige Klasse als größte Taktlosigkeit bezeichnen (Beifall), denn wurde doch damit die Grundlage sowohl für seine »isolierte Stellung« der Bourgeoisie gegenüber als auch für den allmählichen Niedergang des bürgerlichen Liberalismus geschaffen. Aber zeigt nicht auch hier die Geschichte der revolutionären Entwicklung Rußlands, wie unmöglich es der Natur der Sache nach für das Proletariat ist, diese »Taktlosigkeiten« zu vermeiden, die zum Anlaß genommen werden, um uns mit der Drohung zu schrecken, daß wir durch sie zu unfreiwilligen Helfershelfern der Reaktion werden? Bereits das erste Auftreten des russischen Proletariats, das formal die Epoche der jetzigen Revolution eröffnete – ich meine den 9. Januar 1905 –, vollzog mit einem Schlage eine strenge Isolierung der proletarischen Taktik von der liberalen, trennte den revolutionären Kampf der Straße von der liberalen Kampagne der Bankette und Semstwokongresse, die in eine Sackgasse geraten war. Und danach führt jeder Schritt, jede Forderung des Proletariats zu seiner weiteren Isolierung in der gegenwärtigen Revolution. Die Streikbewegung isoliert es von der Industriebourgeoisie, die Forderung nach dem Achtstundentag isoliert es vom Kleinbürgertum, die Forderung nach der Republik und der verfassunggebenden Versammlung isoliert es vom Liberalismus aller Schattierungen, und schließlich isoliert das Endziel, der Sozialismus, es von der ganzen Welt. Somit gibt es hier keine Grenzen, und man kann auch keine Grenzen ziehen. Ließe sich das Proletariat von der Angst, sich vom Liberalismus zu isolieren und ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen, leiten, so müßte es sich folgerichtig von seinem ganzen Kampf, von der gesamten proletarischen Politik, von seiner ganzen Geschichte im Westen und unter anderem von seiner ganzen gegenwärtigen Revolution in Rußland lossagen. Die Sache ist die, daß das, was als besondere Bedingungen und Aufgaben in einer bestimmten Etappe der Geschichte des Proletariats aufgefaßt wird – seine Stellung zum Liberalismus unter den Bedingungen des Kampfes gegen die alte Selbstherrschaft –, in Wirklichkeit die Bedingungen sind, die die geschichtliche Entwicklung des Proletariats von seiner Geburt bis zu seinem Ende begleiten. Es sind das die Grundbedingungen des proletarischen Kampfes, die aus der einfachen Tatsache erwachsen, daß das Proletariat gemeinsam mit der Bourgeoisie den Schauplatz der Geschichte betritt, auf deren Kosten wächst und, indem es sich allmählich von der Bourgeoisie emanzipiert, sich in diesem Prozeß dem Endsieg über sie nähert. Am allerwenigsten kann das Proletariat diese Taktik gegenwärtig in Rußland ändern. In den bisherigen Revolutionen traten die Klassenwidersprüche erst im Verlaufe der revolutionären Zusammenstöße selbst zutage. Die gegenwärtige Revolution in Rußland ist die erste, die aus völlig gereiften und bewußten Klassenwidersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft hervorgegangen ist, und die Taktik des Proletariats von Rußland kann diese Tatsache nicht künstlich vertuschen.

Im engsten Zusammenhang mit diesen grundlegenden Auffassungen über das Verhältnis zum bürgerlichen Liberalismus steht die Auffassung von den Bedingungen und Formen des Klassenkampfes im allgemeinen und von der Bedeutung des Parlamentarismus im besonderen. Ein anderer verehrter Veteran der russischen Sozialdemokratie hat diese Seite der Frage in einer in gewisser Hinsicht klassischen Rede auf dem Stockholmer Parteitag In Stockholm fand vom 23. April bis 8. Mai 1906 der Vierte (Vereinigungs-) Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands statt. dargelegt. Wie ein roter Faden zieht sich durch diese Rede der Gedanke: Laßt uns nur eine richtige bürgerliche Ordnung erreichen, irgendeine Konstitution, mit einem Parlament, mit Wahlen usw., dann werden wir schon den Klassenkampf, wie er sein muß, zu führen verstehen, dann werden wir uns schon auf den festen Boden der sozialdemokratischen Taktik, wie sie durch die langjährige Erfahrung der deutschen Partei herausgebildet wurde, stellen. Solange es aber kein Parlament gibt, solange fehlen auch die elementarsten Bedingungen für den Klassenkampf. Und nun sucht derselbe verehrte Theoretiker des russischen Marxismus in der gegenwärtigen russischen Wirklichkeit krampfhaft nach den geringsten »Ansatzpunkten« für den Klassenkampf – der »Ansatzpunkt«, das ist der Lieblingsausdruck dieser Rede – und sieht sie in den winzigsten, wenn auch karikaturhaften Andeutungen des Parlamentarismus und der Verfassung. Hier muß man wirklich mit den Worten Goethes sagen:

Ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und ringsumher liegt schöne grüne Weide.

Diesen Spekulanten scheint es, daß kein Boden für den Klassenkampf vorhanden sei, während die Sozialdemokratie keine Initiative, keine Kraft hat, es nicht versteht, die Möglichkeiten, die weiten Perspektiven zu erfassen, die die Geschichte bietet.

Auf dem Höhepunkte der gegenwärtigen Revolution in Rußland soll es keine Möglichkeit geben, den Klassenkampf zu führen, soll es nur geringfügige›Ansatzpunkte‹ geben. Alle politischen Forderungen des Proletariats›und sogar die Republik selbst‹ – so bemerkt der Redner – seien kein eigentlicher Ausdruck des Klassenkampfes, denn sie stellten nichts spezifisch Proletarisches dar. Aber in diesem Falle – wir berufen uns wiederum auf die Praxis der internationalen Arbeiterbewegung – führen wir in Deutschland bis heute keinen eigentlichen Klassenkampf, denn bekanntlich richtet sich der gesamte politische Kampf der deutschen Sozialdemokratie auf Forderungen des sogenannten Minimalprogramms, das fast ausschließlich demokratische Losungen enthält, wie das allgemeine Wahlrecht und das unbeschränkte Koalitionsrecht usw. Und wir bestehen auf diesen Forderungen gegen die gesamte Bourgeoisie. Aber selbst die ihrer Form nach proletarischen Forderungen, wie die Arbeitsgesetzgebung, stellen bekanntlich nichts spezifisch Sozialistisches dar, sondern sie bringen nur die Forderungen der progressiven kapitalistischen Wirtschaft zum Ausdruck. So ist die Analyse, die den Charakter des Klassenkampfes, der in der gegenwärtigen Revolution unter den politischen Losungen des Proletariats vor sich geht, zugibt, weniger ein Vorbild marxistischen Denkens als vielmehr Ausdruck eines seelischen Zustandes, den man gewöhnlich mit den Worten charakterisiert: Man weiß nicht, wo einem der Kopf steht. Es bedarf wirklich schon einer sehr hartnäckigen Voreingenommenheit für die ausschließlich parlamentarische Form des politischen Kampfes, um gegenwärtig den großen Schwung des Klassenkampfes in Rußland nicht zu sehen, sondern tastend und stolpernd seine schwachen›Ansatzpunkte‹ zu suchen, um nicht zu verstehen, daß aber auch alle politischen Losungen der gegenwärtigen Revolution, gerade weil sich die Bourgeoisie von ihnen losgesagt hat oder lossagt, eben solche Äußerungen des Klassenkampfes des Proletariats sind. Am allerwenigsten sollte gerade die russische Sozialdemokratie diese Lage unterschätzen. Es genügt, wenn sie sich selbst, ihre jüngste Geschichte betrachtet, um zu begreifen, welche kolossale erzieherische Bedeutung der Klassenkampf gegenwärtig noch vor jeglichem Parlamentarismus hat. Es genügt, sich daran zu erinnern, was die russische Sozialdemokratie bis 1905, bis zum 9. Januar, war und was sie heute darstellt. Ein halbes Jahr revolutionärer Bewegung und Streikbewegung nach dem Januar 1905 verwandelte sie aus einem kleinen Häuflein von Revolutionären, aus einer schwachen Sekte in eine gewaltige Massenpartei, und die Sorgen der Sozialdemokratie bestehen nicht in der Schwierigkeit, »Ansatzpunkte« für den Klassenkampf finden, sondern umgekehrt in der Schwierigkeit, das unermeßliche Tätigkeitsfeld zu erfassen und auszunutzen, das ihr der gigantische Klassenkampf der Revolution eröffnet. Inmitten dieses Kampfes Schutz zu suchen und sich – wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm – an die kleinsten Anzeichen von Parlamentarismus als an die einzige Gewähr für den Klassenkampf, der uns nach dem Sieg der Liberalen erst bevorsteht, zu klammern bedeutet nicht zu verstehen, daß die Revolution eine schöpferische Periode ist, in der die Gesellschaft in Klassen zerfällt. Überhaupt ist das Schema, dem man den Klassenkampf des russischen Proletariats anpassen wollte, ein grobes Schema, das in Westeuropa nirgends verwirklicht wurde und das nur ein grober Abklatsch der ganzen Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit ist.

Freilich ist der wirkliche Marxismus ebensoweit entfernt von der einseitigen Überschätzung des Parlamentarismus wie von der mechanischen Auffassung von der Revolution und der Überschätzung des sogenannten bewaffneten Aufstandes. Hier sind meine polnischen Genossen und ich anderer Ansicht als die Genossen Bolschewiki. Wir in Polen mußten schon gleich bei Beginn der Revolution, als diese Frage bei den russischen Genossen überhaupt noch nicht auf der Tagesordnung stand, damit rechnen, daß versucht werden würde, der revolutionären Taktik unseres Proletariats den Charakter einer Verschwörerspekulation und eines grobrevolutionären Abenteurertums zu geben. Wir erklärten von Anfang an – und mir scheint, es ist uns gelungen, diese Anschauung in den Reihen des bewußten polnischen Proletariats gründlich zu verankern –, daß wir den Plan, die breiten Volksmassen auf illegalem Wege zu bewaffnen, für ein utopisches Unternehmen halten, ebenso wie den Plan, den sogenannten bewaffneten Aufstand vorzubereiten und vorsätzlich zu organisieren. Wir haben von Anfang an erklärt, daß die Aufgabe der Sozialdemokratie nicht in der technischen, sondern in der politischen Vorbereitung des Massenkampfes gegen den Absolutismus besteht. Natürlich halten wir es für notwendig, die breitesten Massen des Proletariats darüber aufzuklären, daß ihr unmittelbarer Zusammenstoß mit der bewaffneten Macht der Reaktion, daß der allgemeine Volksaufstand der einzige Abschluß des revolutionären Kampfes ist, der seinen Sieg und das unvermeidliche Finale seiner fortschreitenden Entwicklung garantieren kann. Aber was die Fortsetzung und die technische Vorbereitung der Auslösung betrifft, so ist die Sozialdemokratie dazu nicht in der Lage. (Beifall. Plechanow: »sehr richtig!«) Die Genossen auf der linken Seite werfen ein: »Sehr richtig!« Ich fürchte aber, daß sie bereits bei den nächsten Schlußfolgerungen mit mir nicht einverstanden sein werden. Ich denke nämlich, daß, wenn die Sozialdemokratie sich vor der mechanischen Auffassung von der Revolution, vor der Auffassung, daß sie revolutionäre Explosionen »macht« und die Auslösung festsetzt, hüten muß, sie dafür mit doppelter Kraft und Entschlossenheit dem Proletariat jene breite politische Linie ihrer Taktik erklären muß, die nur dann verständlich wird, wenn die Sozialdemokratie ihm von vornherein auch den letzten Schlußpunkt dieser Linie erläutert: das Bestreben, die politische Macht zu ergreifen, um die Aufgaben der gegenwärtigen Revolution zu erfüllen. Und das wiederum steht in engster Verbindung mit der Auffassung von der wechselseitigen Rolle der liberalen Bourgeoisie und des Proletariats im revolutionären Kampf. Ich sehe jedoch, daß meine Redezeit abgelaufen ist und ich mitten in den Ausführungen in der Frage des Verhältnisses zu den bürgerlichen Parteien abbrechen muß. Ich werde nur noch einige allgemeine Bemerkungen pro domo sua machen, die in allgemeinen Zügen unsere Stellung zu der Gesamtheit der Streitfragen auf diesem Parteitag erklären. Die Genossen, die die von mir soeben analysierten Auffassungen verteidigen, berufen sich gern besonders oft darauf, daß gerade sie in der russischen Sozialdemokratie die Vertreter des wirklichen Marxismus sind, im Namen des Marxismus und des marxistischen Geistes werden alle diese Leitsätze verbreitet und wird dem Proletariat Rußlands diese Taktik empfohlen. Die polnische Sozialdemokratie steht seit ihrer Entstehung auf dem Boden der Marxschen Lehre. In ihrem Programm und in ihrer Taktik rechnet sie sich zu den Nachfolgern der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus und im besonderen der deutschen Sozialdemokratie. Darum hat die Berufung auf den Marxismus für uns zweifellos einen besonders hohen Wert. Wenn wir aber diese Formen der Anwendung der Marxschen Lehre sehen, wenn wir diese Unbeständigkeit und diese Schwankungen in der Taktik sehen, wenn wir dieses wehmütige Jammern über die konstitutionell-parlamentarischen Bedingungen und über die Siege des Liberalismus, dieses verzweifelte Suchen nach »Ansatzpunkten« für den Klassenkampf inmitten des grandiosen Aufschwungs der Revolution, dieses Pendeln von einer Seite zur anderen auf der Suche nach künstlichen Mitteln, wie den Arbeiterkongressen, um »in den Massen unterzutauchen«, auf der Suche nach künstlichen Losungen, um die »Revolution auszulösen«, wenn sie zeitweilig abgeflaut ist, und dieses Unvermögen, sie auszunutzen und entschlossen auf der Höhe zu sein, wenn sie von neuem aufschäumt – wenn man das alles sieht, dann möchte man unwillkürlich ausrufen: In welchen Wirrwarr habt Ihr, Genossen, die Marxsche Lehre verwandelt, die sich sehr wohl durch Biegsamkeit, aber auch durch Schärfe auszeichnet, die todbringend ist wie eine Damaszener Klinge.

In was für ein besorgtes Gackern einer Henne, die auf dem Dunghaufen des bürgerlichen Parlamentarismus eine Perle sucht, habt Ihr diese Lehre verwandelt, die die großen Adlerschwingen des Proletariats darstellt! Der Marxismus enthält doch zwei wesentliche Elemente: das Element der Analyse, der Kritik, und das Element des tätigen Willens der Arbeiterklasse als den revolutionären Faktor. Und wer nur die Analyse, nur die Kritik in die Tat umsetzt, vertritt nicht den Marxismus, sondern eine erbärmliche, verfaulende Parodie dieser Lehre.

Ihr, Genossen des rechten Flügels, beklagt Euch sehr über die Enge, die Intoleranz, über eine gewisse Mechanistik in den Auffassungen der sogenannten Genossen Bolschewiki. (Zwischenrufe: »Bei den Menschewiki.«) Und wir sind mit Euch in dieser Hinsicht ganz einverstanden. (Beifall.) Die polnischen Genossen, die mehr oder weniger in Formen zu denken gewöhnt sind, die sie der westeuropäischen Bewegung entnommen haben, sind von dieser spezifischen Unbeugsamkeit wahrscheinlich noch befremdeter als wir. Aber wißt Ihr, Genossen, woraus alle diese unangenehmen Züge entstehen? Für einen Menschen, dem die innerparteilichen Verhältnisse in anderen Ländern bekannt sind, sind dies sehr bekannte Züge: Es ist das typische geistige Antlitz jener Richtung des Sozialismus, die gegen eine andere, ebenfalls starke Richtung das Prinzip der selbständigen Klassenpolitik des Proletariats verteidigen muß. (Beifall.) Unbeugsamkeit ist die Form, die die sozialdemokratische Taktik auf dem einen Pol unweigerlich annimmt, wenn sie sich auf dem anderen Pol in eine formlose Gallerte verwandelt, die unter dem Druck der Ereignisse in alle Richtungen auseinandergeht. (Beifall der Bolschewiki und eines Teils des Zentrums.)

Wir in Deutschland können uns den Luxus erlauben, suaviter in modo, fortiter in re zu sein – hart und unbeugsam, was den Kern der Taktik betrifft, nachgiebig und tolerant, was die Form betrifft. Wir können es darum, weil das Prinzip der selbständigen revolutionären Klassenpolitik des Proletariats bei uns so fest und unerschütterlich verankert ist, weil es eine so überwältigende Mehrheit der Partei hinter sich hat, daß das Vorhandensein und sogar die Betätigung eines Häufleins von Opportunisten in unseren Reihen für uns vollkommen ungefährlich ist; im Gegenteil, die Freiheit der Diskussion und die Meinungsverschiedenheiten sind im Hinblick auf die Größe der Bewegung geradezu notwendig. Wenn ich nicht irre, so waren es gerade einige Führer des russischen Marxismus, die es uns seinerzeit nicht verzeihen konnten, daß wir in Deutschland zuwenig unbeugsam waren, daß wir zum Beispiel Bernstein nicht aus den Reihen der Partei entfernten. Aber wenden wir den Blick von Deutschland weg und der Partei in Frankreich zu, und wir finden dort, wenigstens war das noch vor einigen Jahren so, ganz andere Verhältnisse. Zeichnete sich nicht die Partei Guesdes Gemeint ist die revolutionäre marxistische Strömung in der französischen Arbeiterbewegung unter Führung von Jules Guesde. Zunächst organisatorisch in der Parti Ouvrier (Arbeiterpartei) verankert, schloß sie sich 1901 mit den Blanquisten und anderen Gruppen zur Parti Socialiste de France (Sozialistische Partei Frankreichs) zusammen. Im April 1905 vereinigte sich diese linksstehende Partei mit der Parti Socialiste Français (Französische Sozialistische Partei) zur Parti Socialiste (Section Française de l'Internationale Ouvrière) (Sozialistische Partei [Französische Sektion der Arbeiterinternationale]) seinerzeit durch die sehr beträchtliche Eigentümlichkeit ihres unbeugsamen Charakters aus? Was bedeutete zum Beispiel die Erklärung unseres Freundes Guesde – die sich seine Gegner so sehr bemühten auszunutzen –, daß es im Grunde genommen für die Arbeiterklasse kein großer Unterschied sei, ob an der Spitze des Staates der republikanische Präsident Loubet oder Kaiser Wilhelm II. stehe? Trug nicht das Antlitz unserer französischen Freunde einige typische Züge sektiererischer Gradlinigkeit und Unduldsamkeit, Züge, die sie naturgemäß in den langen Jahren der Verteidigung der Klassenselbständigkeit des französischen Proletariats gegen den verschwommenen und »breiten« Sozialismus aller Schattierungen angenommen haben? Und trotzdem schwankten wir damals nicht eine Minute – Genosse Plechanow ging damals mit uns zusammen –, zweifelten wir nicht daran, daß der Kern der Wahrheit auf dieser Seite ist und daß es notwendig war, die Guesdisten mit allen Kräften gegen ihre Feinde zu unterstützen. Genau ebenso betrachten wir heute die Einseitigkeit und die Enge des linken Flügels der russischen Sozialdemokratie als natürliches Resultat der Geschichte der russischen Partei in den letzten Jahren, und wir sind überzeugt, daß diese Züge nicht durch irgendwelche künstlichen Mittel vernichtet werden dürfen, sondern daß sie sich selbst erst dann ausgleichen, wenn das Prinzip der Klassenselbständigkeit und der revolutionären Politik des Proletariats genügend gefestigt sein und in den Reihen der russischen Sozialdemokratie endgültig gesiegt haben wird. Darum streben wir ganz bewußt danach, den Sieg dieser Politik zu sichern, nicht in ihrer spezifischen bolschewistischen Form, sondern in jener Form, wie sie die polnische Sozialdemokratie auffaßt und durchführt, in jener Form, die dem Geist der deutschen Sozialdemokratie und dem Geist des wirklichen Marxismus am nächsten kommt. (Beifall.)

»Wir anerkennen, daß in der Theorie der Genossen Bolschewiki ein Körnchen Wahrheit enthalten ist, das durch eine dicke Schicht fraktioneller Auflagerungen verdeckt wird« wurde in den Text der Rede nicht aufgenommen.
Bemerkung der Protokollkommission.


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