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Dreißigstes Kapitel

Noch ehe das Fest begann, hatte Burg mit Frau Bretz, deren Mann und Schwager Franz und zwei anderen Einbrechern, die der Abteilung E angehörten und deren Zuverlässigkeit erprobt war, eine Unterredung.

Was dieser blasse Morphinist ihm da aufgetischt hatte, glaubte er nicht. Und doch beunruhigte es ihn, und er war entschlossen, sich Gewißheit zu verschaffen. Um so mehr, als er ohnedies längst die Absicht hatte, diesen Mr. Williams zu studieren, von dem eine Suggestion ausging, für die er keine Erklärung fand. Williams war und blieb nach seinem Urteil der einzige Mann, für den Frau Inge Interesse gezeigt und darüber hinaus sich betätigt hatte. Er haßte ihn und brannte darauf, dies Ungeheuer bis in seine Weichteile kennenzulernen – wie er sich den Verbrechern gegenüber ausdrückte.

»Dann alarmieren Se man 'ne Maschinengewehrabteilung,« erklärte Franz.

»Ob die's schafft,« erwiderte einer der Verbrecher, »des is man fraglich.«

»Fällt euch schon das Herz in die Tasche, feiges Gesindel?«

»Man keine Ehrenkränkung!« sagte Franz. »Sonst wer'n wir unangenehm.«

»Maul gehalten!« befahl Burg. »Ihr werdet bezahlt und habt zu tun, was ich verlange.«

»Solange es uns paßt,« meinte Franz.

»Wenn ihr das Zuchthaus vorzieht – gut! – Ich brauche hier nur auf den Knopf zu drücken und ihr seid alle.«

»Machen Se keine Sachen,« vermittelte Franz' Bruder. »Also, was soll geschehen?«

»Wenn ihr Kerls wärt – aber ihr seid das Gegenteil von Kerls, seid Memmen …«

»Na, na! man sachte!«

»So würdet ihr diesen Williams überwältigen …«

»Das machen Sie man!«

»... ihm einen Sack überwerfen und ihn herschleppen.«

»Det is Kino!« erwiderte Franz. »Da klappt des wie in' Pantinenkeller. Im Leben, da endet's mit 'm Revolver und der Polizei.«

»Also erledigt! Ihr werdet einfach eurer üblichen Beschäftigung nachgehen.«

»Was is 'n des?«

»Dummkopf! Wovon lebt ihr denn?«

»Des wissen wir allein.«

»Nun also! Ihr brecht heute nacht in der Tiergartenvilla ein, holt heraus, was ihr schleppen könnt und stellt es in unserem Lagerraum unter.«

»Und Williams?«

»Da ihr euch an den doch nicht herantraut, so laßt ihr ihn schlafen.«

»Und wenn er aufwacht?«

»Dann schlagt ihr ihm mit dem Gummiknüppel auf den Kopf.«

»Das fühlt er nicht.«

»Dann nehmt eine Eisenstange.«

»Wir schießen ihn nieder.«

»Verrückt! das machen Idioten! Keine Angestellten von mir! – Im übrigen: er wird ein paar Flaschen Whisky in sich haben und schlafen, falls ihr nicht wie die Elefanten poltert.«

»Ein Boxmeister sauft nicht,« erklärte Franz, und Burg erwiderte:

»Es sei denn, er hat etwas. Und dafür ist gesorgt. Er ist, was ich von der verträumten, verliebten, leider aber verstockten Zofe Frida weiß, von Natur aus Säufer, wird aber wie ein Gymnasiast behütet.«

»Na also!«

»Da die Baronin mit den Herren heute außerhalb des Hauses eine Verlobung feiert und das gesamte Personal außer der Zofe und dem Portier mitgenommen hat, so habe ich, als sie fort waren, durch einen zuverlässigen Beamten eine Liebesgabe von Bürgern aus Tortuga überreichen lassen. Sie enthält sechs Flaschen Old Hermitage Bourbon Whisky von Kentucky. Er wird sich darüber herstürzen und nach den ersten paar Gläsern hinüber sein.«

»Und wenn er sich nicht darüber stürzt?«

»Wenn die Zofe ihn zurückhält?«

»Affen seid ihr! Keine Psychologen!« – Er sah nach der Uhr – »Es ist jetzt zehn Uhr. Da müßte er eigentlich schon hinüber sein.« – Er nahm den Hörer vom Apparat und ließ sich mit der Tiergartenvilla verbinden. Als er verbunden war, rief er in den Apparat:

»Fräulein Frida, bitte!« – Es vergingen ein paar Minuten. »In ihrem Zimmer ist sie nicht? – Das kann ich mir denken. Der Esel von Portier klingelt alle Hausapparate ab, da er noch immer nicht weiß, daß sie bei Williams … – Ah, Frida, du? – Warum weinst du denn? – Wer? Was? – die Tortuganer? – schmeiß sie raus! – Was haben sie? Wein geschickt? – ja und? – Er hört nicht auf? – So laß ihn trinken! – Was mußt du? – mittrinken? – das graue Elend hast du? – steck deinen Kopf in kaltes Wasser! – seinen auch! – so plärr doch nicht!« – Er hing den Hörer an, lachte auf und sagte: »Das klappt ja mal! Wenn ihr in einer Stunde da seid, wird es gerade recht sein.«

Er breitete den Plan des Hauses vor ihnen aus und gab Franz den Schlüssel. – »Ihr nehmt, was ihr findet! es braucht nicht viel zu sein.«

»Nanu?« sagte Franz, der nicht ahnte, daß es Burg nur darauf ankam, einen Grund zu schaffen, der ihm als Chef der Wida ermöglichte, die Villa nach erfolgtem Einbruch aufzusuchen und mit Mr. Williams zusammenzutreffen. –

Franz fuhr im Auto mit seinen Leuten bis in die Nähe der Villa. In einem der Portierzimmer brannte Licht.

»Also hinten herum!« flüsterte er und öffnete mühelos ein kleines Gittertor, das in den Garten führte. Die Schlüssel zur hinteren Haustür paßten. »Ein Spaziergang!« sagte er. »So leicht müßte man's immer haben.«

Sie stiegen die halbe Treppe hinauf, leuchteten in den Salon, rafften ein paar Decken und Teppiche zusammen.

Frida, die sich selbst kaum auf den Beinen halten konnte, hatte eben Williams zu Bett gebracht. Er schlief sofort und grunzte wie ein Ferkel.

»Den Abend hatte ich mir auch anders gedacht!« sagte sie vor sich hin und verwünschte, mit einem Blick auf die leeren Whiskyflaschen, die Bürger von Tortuga. Als sie eben zur Tür hinauswollte, war's ihr, als hörte sie unten ein Geräusch. Sie öffnete behutsam und sah einen Schatten, der über das Treppengeländer huschte. Sie erschrak, faßte sich an die Stirn und dachte: »Der Whisky!«

Sie ging auf den Flur und wollte sich eben über das Treppengeländer beugen, als der Schatten wieder erschien, gleich darauf ein anderer – und an der Wand hoben sich deutlich, dreifach vergrößert, die Konturen eines Menschen ab, der sich bückte, etwas aufhob und verschwand.

Frida schlich ins Zimmer zurück, trat an Williams' Bett, schüttelte ihn und riß ihn an den Armen.

»Wasser!« sagte der mit geschlossenen Augen. »Ich habe Brand.«

Sie stürzte zum Tisch, holte Wasser, goß es ihm ein, feuchtete seine Stirn und Augen und sagte:

»Willy! steh auf! unten ist wer!«

Langsam hob sich der schwere Körper, das Bett krachte – sie schob ihm die Schuhe hin, sagte:

»Komm!« und eilte, durch die Erregung plötzlich nüchtern und klar, voraus. Als sie auf dem ersten Treppenabsatz stand, trat Franz mit Teppichen beladen unten aus dem Salon. Er sah sie, ließ die Teppiche fallen, stürzte die Treppe hinauf, faßte sie und drückte ihr, ehe sie noch einen Laut von sich geben konnte, einen Knebel in den Mund.

In diesem Augenblick trat oben Williams aus dem Zimmer. Er schob sich bis zum Treppengeländer und sah Franz, dessen Lampe ein paar Stufen höher stand, und ihm und Frida gerade ins Gesicht leuchtete.

»Franz!« rief er. Der ließ Frida los, wandte sich um, starrte nach oben, traute seinen Augen nicht, wußte nur, wessen Stimme es war, die wie der Schlag eines Hammers in sein Ohr drang – so deutlich, daß es keinen Irrtum gab – taumelte ein paar Schritte zurück und sagte so laut, daß der oben es gerade noch hörte:

»Du? – Willy!«

Willy stieg die Treppe hinunter, trat vor Franz hin, reichte ihm die Hand und sagte:

»Du Kerl!«

»Und du – – bist Williams?«

Willy lachte ganz laut. Die andern Einbrecher, die im Salon arbeiteten, horchten auf, kamen heraus, sahen wie Franz und Willy sich in den Armen lagen, wußten vor Ueberraschung nicht, ob sie fliehen oder sich freuen sollten – bis Willy Franz endlich losließ, tief aufatmete und wie von einem schweren Druck befreit sagte:

» Endlich

Frida lag, den Knebel im Mund, auf dem Treppenabsatz und sah aus ihren blauen Augen entsetzt dem Vorgang zu.

»Ich bin bei euch!« sagte Willy.

»Wie? – du willst …?« fragte Franz.

»Ja doch, nur los – rafft zusammen, was ihr könnt! – Ich ziehe mir schnell etwas an – komme gleich nach und helf euch – aber links rum raus – nich beim Portier vorbei!«

Er stürzte die Treppe hinauf – bei Frida vorbei – sah sie nicht – war ganz Bewegung – der Rhythmus seines Körpers wiederholte ein um das andere Mal:

 

» Endlich

 

während er sich die Sachen überzog, schnell das Nötigste zusammenkramte, um nach wenigen Augenblicken bei seinen Freunden zu sein und mit einer Begeisterung, die deren Eifer und Kräfte verdoppelte, die Tiergartenvilla auszuräumen.

Franz rief telephonisch – die Organisation E arbeitete musterhaft – zwei Transportautos herbei – der Portier sah zitternd von seinem Bette aus dunkle Gestalten an seinem Fenster vorübergleiten, wagte nicht, sich zu rühren und lag noch unbeweglich, als zwei Stunden später zwei Automobile mit Frau Inge und den Herren, die von Häsleins Verlobungsfest kamen, an der Villa vorfuhren.


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