Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechzehntes Kapitel

Mühelos hatte Willy in Töns' Begleitung von einem Hof aus eine Kellertür geöffnet, von der aus man über eine schmale Treppe zu einem Kohlenlager gelangte. Hinten in einer Ecke standen fünf Perserteppiche, die Töns sofort als die in der Tiergartenvilla gestohlenen erkannte.

»Schlamperei!« schalt Willy, »das Zeug da stehenzulassen. Faules Gesindel!«

»Wo sollte es denn hin?« fragte Töns.

»Ach so,« sagte Willy – »Sie wissen ja nicht. Wollen Sie mal sehen, wo der Blutsauger seine Sore aufbewahrt?«

»Gern,« erwiderte Töns, und Willy schob mit gewaltigem Ruck einen hohen Berg von Koks zur Seite, der wie selbstverständlich dort zu lagern schien, in Wirklichkeit aber auf einem verschiebbaren Holzboden lagerte, der hinten eine Wand hatte. Ein paar Stück Koks fielen denn auch herunter, sonst aber stand der Berg genau wie vorher da und hatte nur seinen Platz verändert.

Willy tastete die freigemachte Wand ab und sagte zu Töns:

»Schnell! einen Nagel!«

»Wo soll ich einen Nagel hernehmen?« erwiderte der, und Willy, der mit dem Augenblick, in dem er die Arbeit begann, in der Vorstellung lebte, sich bei einem seiner üblichen Einbrüche zu befinden, flüsterte:

»Mensch! sei nich so dämlich!«

Das verfehlte seine Wirkung nicht. Töns suchte und fand auch wirklich ein paar Nägel, die er Willy reichte. Der bearbeitete damit ein Loch in der Wand, das man mit bloßem Auge gar nicht sah, und öffnete gleich darauf eine Art Tür, die von der Erde aus nur einen Meter hoch war. Sie krochen hindurch und kamen in einen tiefen Raum, der mit Teppichen, Decken, Lampen, Vasen und anderem gestohlenen Gut gefüllt war.

»Das sind ja Millionenwerte,« sagte Töns, und Willy erwiderte:

»Daran klebt unser Schweiß.«

»Stammt das alles aus Einbrüchen her?«

»Wovon'n sonst? – Nehmen Se mit, was Ihnen jefällt – der reißt das Maul nich auf.«

»Wem gehört denn das alles?«

»Tränkern! Das is ein Ausjekochter! Der seift uns alle ein.«

»Wenn er uns nun hier überrascht?«

»Der? – der sitzt jetzt irgendwo am Kurfürstendamm und säuft Sekt. – Den halt'n Sie für'n Baron, wenn Sie'n sehn.«

Vorn hörte man Geräusch. – Sie blieben stehen und horchten.

»Nanu?« sagte Willy – »Sollte Tränker doch …?«

»Was tun wir?« fragte Töns.

»Wir warten ab, bis er wieder fort ist.«

»Aber das Auto draußen.«

»Es steht ja nich vorm Haus. Und denn. In die Gegend fällt das nich auf. – Am Tage schon, aber nachts nich.«

Nach ein paar Minuten wurde es wieder ruhig.

»Ich muß doch mal sehen,« sagte Willy und ging nach vorn. »So'ne Bande!« rief er, und Töns kroch behutsam nach. Uebern Hof sah man eben einen Schatten huschen.

»Da!« sagte Töns und wies auf die Kellertür, die irgendwer zuschlug.

»Canaille!« rief Willy und stürzte zur Tür. »Jetzt is das Aas auch noch verbogen.« – Er schob den Draht ins Schloß, die Tür ging auf. »Ich laß mich hängen, wenn das nich Franz und Emil waren.« – Er pfiff, aber es kam keine Antwort.

»Die Teppiche sind fort,« sagte Töns.

»Hast du das auch schon gemerkt?« erwiderte Willy spöttisch. »Laß man, die jagen wir ihnen ab.« – Aber statt auf den Hof zu stürzen, lief Willy zu Töns' Erstaunen in das Innere des Kellers zurück, schob mit großer Kraft den Kohlenberg wieder an Ort und Stelle und sagte: »Das muß alles seine Ordnung haben. – Und nu los!«

Wie der Wind war er jetzt an der Kellertür, an der Töns stand und wartete. Sie liefen über den Hof, den Hausflur des Vorderhauses entlang und sahen gerade noch, wie ein Automobil um die Ecke bog.

»Nach!« rief Willy dem Chauffeur zu, packte Töns, warf ihn ins Auto, sprang nach und brüllte in einem fort: »Schneller! Schneller!«

Der Wagen raste um die Ecke; man hatte das Gefühl: jetzt fliegt er an die Häuserwand. Sie waren etwa auf hundert Meter an das Auto, das weder Licht noch Nummer hatte, herangekommen, da flog ein Teppich durch das Wagenfenster – gleich darauf noch einer.

»Aas!« brüllte Willy dem Auto nach, und dem Chauffeur rief er zu:

»Stoppen!« – Jetzt erst sah er, daß Töns noch genau so im Wagen lag, wie er ihn hineinbefördert hatte. Er hockte seitwärts auf dem Sitz, hatte die Augen weit aufgerissen, atmete auf, als das Tempo sich verlangsamte und der Wagen beinahe zum Stehen kam:

»Was machen Sie bloß? – Nie im Leben mache ich das noch einmal mit.«

Willy lachte, sprang aus dem Auto, nahm die Teppiche auf und warf sie in den Wagen. Töns schrie einmal, gleich darauf ein zweites Mal laut auf. – »Rasen!« rief Willy dem Chauffeur zu, sprang wieder hinein, holte Töns unter den Teppichen hervor und wiederholte: »Ich lasse mich hängen, wenn das nicht Franz war.«

»Ich kann nicht mehr,« stöhnte Töns, und Willy erwiderte:

»Sie? – Was haben Sie denn schon getan?«

»Ich beschwöre Sie, geben Sie's auf! – mein Leben ist mir mehr wert als die paar Lumpen.«

»Ich hab's der Baronin versprochen und halte mein Wort.«

»So lassen Sie mich wenigstens aussteigen.«

»Beim nächsten Mal,« erwiderte Willy und brüllte den Chauffeur an: »Schneller! Schneller!«

Sie waren diesmal kaum auf hundertfünfzig Meter an den Wagen herangekommen, da flog abermals ein Teppich auf den Damm. Der Chauffeur wollte stoppen.

»Fahren!« schrie ihm Willy zu, öffnete die Tür, legte sich lang auf den Bauch, rief Töns, der sich jedoch nicht rührte, zu: »Halt mich!« und riß während der Fahrt den Teppich in den Wagen. Ein Grad schneller und er wäre hinausgeschleudert worden.

Sie waren an einer Straßenkreuzung. Der Chauffeur hatte sich, als Willy nach dem Teppich griff, umgewandt und dabei nicht gesehen, ob das andere Auto rechts oder links eingebogen war. Er mußte das Tempo verlangsamen.

»Hält er endlich?« fragte Töns.

»Willst du raus?«

»Ja!«

Gerade, als das Auto um die Ecke bog, setzte Willy Töns auf den Fahrdamm. Etwas lieblos, so daß er seine Knochen spürte, aber doch so überlegt, daß er keinen Schaden nahm.

Nach weiteren zwei Kilometern hatte Willy dem feindlichen Auto das letzte Stück abgejagt, während Töns hilflos in der Gegend umherirrte und von ein paar Menschenfreunden, die er in höflichster Form fragte: »Wie komme ich von hier nach der Tiergartenstraße?« ein Stück begleitet wurde. Am Kriminalgericht sagte Töns:

»Schönen Dank, meine Herren, von hier aus finde ich schon weiter.« – Und er griff in die Tasche, um sich ihnen erkenntlich zu zeigen.

»For 'ne Jefälligkeit nehmen wir keen Geld,« sagten sie und taten gekränkt, zogen den Hut und ließen ihn stehen.

Und während Töns dachte: Im Grunde sind es doch bessere Menschen als wir! – stellte er fest, daß ihm außer der Brieftasche auch die goldene Uhr und das goldene Zigarettenetui fehlten.

»Natürlich habe ich die Sachen im Auto verloren,« sagte er sich, »und werde sie daher zurückbekommen.«

Es dämmerte. Hinter dem Moabiter Gefängnisgebäude stieg eben die Sonne auf. Töns, der nach einer Zigarette lechzte, betrachtete den Himmel. Auch bei ihm begann es zu dämmern: »Oder«, dachte er, »sollten am Ende doch wir die besseren Menschen sein?«

Und während die Nachtstrolche ihre Beute teilten, schlenderte er in tiefen Gedanken über den Königsplatz nach Haus.


 << zurück weiter >>