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Achtundzwanzigstes Kapitel

Burg hatte mühelos einen Weg gefunden, die Geschäfte der Wida zu heben. Es war ein Wagnis, über das er sich klar war. Denn, wenn alles, was er bisher tat, bei gutem Willen und mit ein bißchen Humor als grober Unfug gedeutet werden und milde Richter finden konnte, so betrat er nun offen den Weg des Verbrechens.

Er folgerte einfach: Hehler und Verbrecher sind dank ihm aus dem Großstadtbilde verschwunden. Da die Wida ohne sie nicht leben kann, so ist es sein Recht, was er vertilgt hat, neu zu schaffen. Der Geschäftszweig der Wida, der sich bisher auf die Wiederbeschaffung gestohlenen Gutes beschränkte, war zu erweitern. Jedes Unternehmen suchte, seinen Umsatz zu heben. Also gliederte er der Wida zwei geheime Tochtergesellschaften an, von denen auch der Aufsichtsrat nichts erfuhr. Die eine Abteilung erhielt den Buchstaben E und hatte die Aufgabe, Einbrüche zu verüben, die zweite Abteilung A hatte nichts weiter zu tun, als die gestohlenen Gegenstände aufzubewahren, bis das Hauptunternehmen W (= Wida) sie abhob, um sie den Eigentümern wieder zuzustellen. Letzten Endes war das Ganze also nichts anderes als eine etwas umständliche Kreisbewegung.

Da die Abteilung A an die bei Abteilung E Beschäftigten im Gegensatz zu früher hohe Abgaben zu entrichten hatte, so sanken die Gewinnziffern trotz der von fünfzehn wieder auf zwanzig Prozent erhöhten Gebühren für die Wiederbeschaffung. Aber auch der Buchführung mußte Gewalt geschehen und immer neue Posten erfunden werden, die man als Unkosten buchte. Immerhin arbeitete die Abteilung E, deren Angestellte von der Geschäftsverbindung mit der Wida keine Ahnung hatten, in ihr vielmehr ihre größte Feindin sahen, unter Burgs mittelbarer Anleitung so erfolgreich, daß die Aussterbegefahr des Berliner Verbrechertums bald als behoben gelten konnte. –

Eines Tages erschien Gregor Zylinsky mit seiner kleinen Frau im Bureau der Wida und verlangte, den Generaldirektor Burg zu sprechen.

»In Einbruchs-Angelegenheit?« fragte eine Dame.

»Nein! Höchstpersönlich.«

»Sind Sie angemeldet?«

»Nein!«

»Dann werde ich Sie zu einem der Herren Direktoren führen.«

»Ich wünsche mit dem Herrn Generaldirektor zu verhandeln.«

»Haben Sie eine Empfehlung?«

»Ich bin der Anatom Gregor Zylinsky.«

»Und wenn Sie der Kaiser von China wären! Um bei Herrn Generaldirektor Burg vorgelassen zu werden, müssen Sie den Instanzenweg von drei Direktoren durchmachen.«

»Ich habe eine der größten Entdeckungen des Jahrhunderts gemacht.«

»Damit gehen Sie am besten auf das Reichspatentamt und lassen sie sich patentieren.«

Zylinsky nahm seine Visitenkarte und schrieb darauf:

»Herr Generaldirektor! Wenn ich von hier fortgehe, ohne von Ihnen empfangen worden zu sein, sind Sie morgen ein toter Mann. D. U.«

Die Dame las die Karte und sagte:

»Er läßt Sie einsperren.«

»Einverstanden!« erwiderte der Anatom, »aber er muß es persönlich tun.«

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte die Dame und eilte mit der Karte zu dem zweiten Direktor. Während sie den Flur entlang ging, sagte die hübsche Frau des Anatoms zu ihrem Mann:

»Wie kannst du so frech sein? Wo du doch gar nichts von ihm weißt.«

»Mein Muckelchen,« erwiderte Gregor und streichelte seiner Frau die Wangen – »ein Mann, der heutzutage in so kurzer Zeit so groß wird, hat irgendwie Dreck am Stecken. Du wirst sehen, er empfängt mich.«

Der zweite Direktor, dem die Dame die Karte zeigte, sagte:

»Zum Chef!«

»Direkt?«

»Auf der Stelle!«

Der Generaldirektor entwarf gerade einen neuen Einbruchsplan. Möglich, daß ihn die Karte des Anatoms daher besonders traf. Er tat gleichgültig und sagte lächelnd zu der Dame:

»Das ist so frech, daß ich mir den Mann persönlich ansehen will.«

Und Gregor Zylinsky wurde vorgelassen und nahm auch seine kleine Frau mit in Burgs Zimmer.

Burg erhob sich. Gregor stellte sich und seine Frau vor.

»Wenn Sie Ihre Gattin nicht zu Ihrer persönlichen Sicherheit mitgenommen hätten, mein Herr« – und er hielt ihm die Karte unter die Nase – »so würde ich Ihnen sagen, daß Sie sehr dreist sind.«

»Ich bewundere Sie!«

»Danke! – Aber das hätten Sie auch schriftlich tun können.«

»Ich will Sie nicht lange aufhalten.«

»Das wird Ihnen schon dadurch unmöglich sein, daß ich« – er sah nach der Uhr – »in zehn Minuten in Moabit sein muß.«

Der Anatom holte eine Zeichnung aus der Tasche und legte sie Burg vor.

»Was soll das?« fragte der. »Ein Arm – ein sehr kräftiger Arm – wem gehört er?«

»Erfaßt!« rief der Anatom.

Burg hob unwillkürlich seinen Arm und betrachtete ihn.

»Ihrer ist es nicht! – Diesen Arm gibt es nur einmal auf der Welt.«

»Was geht das mich an?«

»Ich erkenne ihn heraus unter Millionen Armen.«

»Das mag für Sie als Anatom wesentlich sein. Ich wüßte aber nicht, was ich damit zu tun habe.«

»Ich hätte ebensogut zur Polizei gehen können. Aber erstens: Wer ist heute in Berlin die Polizei? Sie! – Und dann, die sind schwerfällig und lassen einen nichts verdienen.«

»Fassen Sie sich kurz!«

Gregor holte aus seiner Brusttasche eine Nummer des »Boxsport«, breitete sie vor Burg aus, wies auf eine Abbildung und sagte:

»Wer ist das?«

»Mr. Williams. – Das weiß doch jedes Kind.«

»Aber wer ist Mr. Williams?« fragte der Anatom weiter.

»Der zur Zeit berühmteste Mann beider Welten und Ehrenbürger von Tortuga.«

»Zweifellos. – Aber hier!« – und er wies wieder auf seine Zeichnung – »bitte, vergleichen Siel«

Burg verglich und sagte:

»Das scheint derselbe Arm zu sein.«

»Scheint? – Ist! – Was sagen Sie dazu?«

»Ich finde das nicht weiter erstaunlich. Tausende von Zeichnern beschäftigen sich heute mit diesem Manne.«

»Gewiß! Aber ich habe mich mit ihm beschäftigt, bevor er Ehrenbürger von Tortuga war! Diese Zeichnung stammt aus dem Jahre 1920; ist also drei Jahre alt.«

»Sie waren in Haiti?«

»Ist mir nicht eingefallen. – Dieser Meister hat mir in meiner Berliner Wohnung Modell gesessen.«

Burg fuhr in die Höhe und rief voller Interesse:

»Sie wissen von ihm?«

»Manches.«

»Wie kam er zu ihnen?«

»Das möchte ich Ihnen ja nun gerade nicht erzählen.«

»So reden Sie doch!« drängte Burg und rückte näher an ihn heran.

»Das ist nicht so einfach.«

»Ich will es Ihnen sagen,« mischte sich jetzt die kleine, hübsche Frau ins Gespräch. »Mein Mann ist überspannt und liebt den Menschen! Wie er sagt, aus rein künstlerischen Motiven.«

»Ich schwöre dir, Muckel!«

»Laß nur!« wehrte sie ab und wandte sich wieder an Burg. »Das interessiert den Herrn ja nicht.«

»Ja, wie kommt er denn zu Ihnen?«

»Mein Mann? Gott, wie man eben so zusammenkommt.«

»Ich meine Mr. Williams.«

»Also, mein Mann wird verrückt – es heißt, er ist es schon …«

»Muckelchen!«

»... und zwar vor Eifersucht! Tag und Nacht liegt er mir in den Ohren: ich hab ihn verloren! Ich kann ohne ihn nicht leben!«

»Das ist ja sehr interessant.«

»Vielleicht für Sie! für mich nicht!« sagte die kleine Frau, und ihr Mann erklärte:

»Sie übertreibt – wie alle Frauen.«

»Es ist noch tausendmal schlimmer!« versicherte sie. »Sobald er nicht wie jetzt unter Morphium steht, hat er Anfälle und tobt.«

»Arme Frau!«

»Ich habe es schließlich nicht mehr ertragen und gesagt: Ehe du ganz verrückt wirst, wollen wir lieber Geld opfern und zu diesem Oberschie … Generaldirektor« – verbesserte sie schnell – »gehen. Wenn einer, so kann er dir helfen.«

»Wie kamen Sie gerade auf mich?«

»Mein Mann verkehrt doch leider Gottes in diesen Kreisen.«

»Welche Kreise meinen Sie?«

»Gott, Sie wissen doch?«

»Und ich soll Ihnen gegen Honorar diesen Mann verschaffen?«

»Liebe zu Menschen ist egoistisch, Herr Generaldirektor,« erwiderte der Anatom. »Liebe zu einem Kunstwerk – und das ist dieser Mann! – schreckt selbst vor Verbrechen nicht zurück.«

»Da hören Sie's,« rief die Frau weinerlich, »wo er ihm zuliebe doch schon hat sitzen müssen.«

»Wo denn? wie denn?« fragte Burg erregt. »Ihr Mann hat gesessen – für Mr. Williams?«

»Glauben Sie, daß Sie es werden machen können?« fragte der Anatom, ohne auf Burgs Frage einzugehen. »Ich weiß ja, ich sollte ihm sein Glück gönnen! Und ihn lassen, wo er ist. Ich weiß, ich bin ein schlechter Kerl und denke an mich.«

»Wenn es nach dir ginge, dann lebte er wieder von deinem Geld oder vom Einbruch.«

»Wer?« – Burg saß starr vor Schreck und riß die Augen auf. – »Mr. Williams?«

»Muckel! Was hast du da angerichtet?«

»Ich bin eben auch schon durcheinander.«

»Herr Generaldirektor! Er bringt meine Frau um, wenn er erfährt, daß sie ihn verraten hat.«

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten …?«

»Ich behaupte nichts weiter, als daß dieser Arm« – er wies auf die Abbildung in der Zeitung – »mit dem hier« – und er wies auf den Arm der Zeichnung – »identisch ist.«

»Demnach müßte der Träger dieses Armes auch …«

»Sehr richtig, Herr Burg,« fiel ihm der Anatom ins Wort – »mit dem Träger dieses Armes identisch sein.« – Und nicht ohne Spott fügte er hinzu: »Sie denken für einen Kriminalisten erstaunlich logisch.«

»Und Sie behaupten, daß Mr. Williams ein Verbrecher ist?«

»I Gott bewahre! Ich kenne Mr. Williams gar nicht, ich weiß nicht einmal, ob er existiert.«

»Sie reden ja durcheinander.«

»Ich weiß nur, daß der Träger dieser Arme – wie Sie sagen, – wir gebrauchen das Wort nicht gern – ein Verbrecher ist.«

»Es gibt Aehnlichkeiten! Es gibt Doppelgänger,« sagte Burg, und der Anatom erwiderte:

»Es gibt sogar zusammengewachsene Zwillinge – aber es gibt nur einen Arm wie diesen! Dafür lasse ich meinen Kopf.«

»Und wer ist dieser Mann?« fragte Burg und wies auf das Blatt.

»Wissen Sie es noch immer nicht? – Der berüchtigte Einbrecher, der gesuchte Einbrecher, der mit seinem Mädel Grete Gerson nach Schottland geflüchtete und dort ergriffene, wegen anderer, dort begangener Straftaten nicht ausgelieferte, sondern an Ort und Stelle verurteilte und in einem englischen Zuchthaus schmachtende Einbrecher – Willy Blech.«

Burg hielt sich am Rand seines Schreibtisches fest, stierte den Anatom an, streckte die Arme nach ihm aus, reckte sich hoch, faßte ihn an dem Kragen seines Rockes, zog ihn zu sich über den Schreibtisch, führte seinen Kopf dicht an seinen, griff fester zu, rüttelte ihn und sagte mit vor Erregung heiserer Stimme:

»Mensch, wenn das wahr ist! – Mensch, wenn das wahr ist!«

»Lassen Sie meinen Mann los!« rief die kleine Frau ängstlich. Aber Burg hörte sie nicht, bohrte sich immer tiefer in die Vorstellung hinein, während der blasse Morphinist in den Knien wankte.

»Wenn das wahr ist!« sagte er noch einmal, und die Vorstellung schien ihm unsäglichen Genuß zu bereiten – » dann …« – Er lachte triumphierend auf – veränderte dann plötzlich seinen Ausdruck, zog die Stirn in Falten, schleuderte den Anatom verächtlich von sich und rief: »I was! Phantastereien eines Morphinisten! – Nichts weiter! Damit verbringt man die Zeit!«

Der Anatom wankte und wäre gefallen, wenn die kleine Frau nicht hinzugesprungen wäre und ihn gehalten hätte.

»Hinaus mit Ihnen!« befahl Burg streng.

Aber der Anatom schob die Frau zur Seite, sank vor dem Schreibtisch in die Knie, hob die gefalteten Hände und beteuerte:

»Es kann ja sein, daß ich mich irre! – Aber die Arme sind es!«

»Gehen Sie zu einem Irrenarzt mit Ihrem Mann,« fuhr Burg die kleine Frau an, »statt ernste Männer von der Arbeit abzuhalten.« – Er klingelte und befahl dem eintretenden Diener: »Vor die Tür mit dem Verrückten!«

Der Diener führte den Anatom hinaus. Die kleine Frau folgte. An der Tür wandte sie sich noch einmal zu Burg um, sah ihn verächtlich an und sagte:

»Sie mögen sehr gescheit sein, Herr Burg! – Ein feiner Mann sind Sie nicht!«

Dann kehrte sie ihm den Rücken und eilte ihrem Manne nach.


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