Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Kapitel

Ganz andere Konsequenzen zog Burg aus dem, was Frau Inge von ihren Erlebnissen und Eindrücken erzählte. Diese ganz auf Wirkung gestellte Natur sah seit dem Sturz des Kaiserreichs, seitdem es keine eigentliche Gesellschaft mehr gab, in seinem Bereich kaum noch Möglichkeiten, die seinem Ehrgeiz entsprechen. Mit dem Wertsturz, den Prinzen, Grafen und Barone durchzumachen hatten, fühlte er auch seinen Wert gesunken. Es galt also, einen Ausgleich zu schaffen, und der konnte in einer Zeit, in der Schieber und Prinzen an einem Tische saßen, nur materieller Natur sein.

Burg also machte sich noch am selben Abend ohne festes Programm, aber doch mehr im Hinblick auf die ausgesetzte Belohnung als aus Neugier auf den Weg zu den Brüdern Bretz und fand in dem von Lutz angegebenen Hause tatsächlich ein Schild mit dem Namen: Frau Bretz. Auf sein Läuten hin öffnete eine hübsche Frau, die sauber und vertrauenswürdig aussah.

»Ich komme in einer persönlichen Angelegenheit Ihres Gatten.«

»Quatsch!« sagte sie. »Mein Mann pfeift auf Ihnen!«

»Erlauben Sie mal, dazu müßte ich ihm doch erst Gelegenheit geben.«

»So stark wie Sie is der noch lange – wenn auch nich so geschwollen.«

»Ich glaube, wir reden aneinander vorbei.«

»Wenn schon! – Bestell'n Se Ihrer Frau 'n schönen Gruß – und mein Mann pfeift auf ihr.«

»Ich habe ja gar keine Frau.«

»Was woll'n Sie'n dann hier?« – Sie ging zur Tür, öffnete und rief ihren Mann, der jünger aussah als sie und beim Anblick Burgs leicht zusammenfuhr.

»Kennst de den?« fragte sie.

»Nee! – was soll'n sein?«

»Das könnten wir doch am Ende in Ruhe besprechen,« meinte Burg.

»Erst zeigen Sie gefälligst Ihre Marke,« forderte der, »da könnte ja sonst jeder kommen.«

Und ehe Burg noch begriff, daß man ihn für einen Kriminalbeamten hielt, war der Mann auch schon mit einem mächtigen Satz an ihm vorbei und auf der Treppe.

Die Frau fuhr zusammen, rief:

»Mensch!« – und da der nicht hörte, so wandte sie sich an Burg und fragte ängstlich: »Sie suchen den langen Franz, nicht wahr?«

»Ja doch!« erwiderte Burg, »was türmt er denn?«

»Er wird ihn warnen! Aber über meine Schwelle da kommt der lange Franz nicht mehr! Genug, daß ich meinen Mann ernähre. Der soll sehen, wo er bleibt!« – Sie lief zum Fenster, das auf den Hof ging, riß es auf und rief: »Mensch! Er meint dir nicht! Komm rauf! Sei nich so dämlich! Und laß den Franz laufen.«

»Auf deinen Kopf!« erscholl von unten die Antwort, und der Mann kletterte die Treppe wieder hinauf. – Als er oben war, sagte Burg:

»Ich tue Ihnen ja nichts. – Aber Ihre Kollegen halten nicht dicht. Was die Tiergartenvilla betrifft – Sie verstehen! – man weiß, daß Sie und Ihr Bruder …«

»Dussel!« schrie die Frau. »Also bist du doch …?«

Er war um eine Antwort verlegen.

»Der Franz,« sagte er nur.

»Den würg' ich ab, den Hund!« rief sie.

»Ruhe, Madame!« bat Burg. »Das alles läßt sich in Ruhe ja viel besser erledigen.«

»Sooo? – Und wenn se mir meinen Mann abholen, was dann?«

»Dem beugen wir eben vor.«

»Wer? – Sie?«

»Vielleicht! – Aber offen gesagt, ich möchte mir erlauben, einen Lokalwechsel vorzuschlagen. Wenn ich für meine Person auch nichts zu fürchten habe, so wäre es mir doch peinlich, wenn man Sie in meiner Gegenwart hier festnehmen würde.«

»Wer hat uns verpfiffen?« fragte er.

»Ich weiß nicht. Vermutlich ein Kollege. Ihre Organisation läßt eben zu wünschen übrig. Ich erkläre mir das so, daß sie eben nicht exklusiv genug sind. Ein Gewerbe, wenn ich so sagen darf, wie das Ihre, kann gar nicht vorsichtig genug in der Auswahl seiner Mitarbeiter sein. Nur ganz zuverlässige, erprobte Kräfte dürften Sie einstellen.«

»Die sind ja so dämlich,« sagte die Frau. »Das heißt, mein Mann nich! Der hält's Maul! Aber der lange Franz und die Andern, die reißen's auf! da braucht einer nur 'ne Lage Kirsch reinzugießen und noch eine – dann quatschen se sich um Hals und Kragen.«

»Das muß anders werden,« sagte Burg, und der Mann fragte:

»Wer sind Sie denn? – Was geht denn Sie das an?«

»Erlauben Sie mal!« erwiderte der, zog eine Zeitung aus der Tasche und las: »Eine Million Belohnung erhält derjenige, der … – Ich brauchte Sie also nur anzupacken, und ich wäre um eine Million reicher.«

»Aus dem Loch pfeifst du!« rief er. »Na, denn man zu!«

Er streifte sich die Aermel hoch und stellte sich in Kampfstellung vor die Tür.

»Lächerlich!« erklärte Burg. »Wegen einer Million, da riskier' ich noch nicht einen Fingernagel.«

»Was willst du denn?«

»Lieber Freund,« erwiderte Burg, »ich habe zwar die Absicht, mich mit Ihnen zu assoziieren. Das bedingt aber nicht, daß wir auf Schmollis miteinander stehen. Nehmen Sie jetzt gefälligst Ihren Hut und Mantel und kommen Sie mit mir in das nächste Café.«

»Augenblick!« sagte er … und verschwand. –

»Wo bleibt er denn?« fragte Burg nach einer Weile.

Frau Bretz griente.

»Mein Mann is gründlich,« sagte sie. »Wenn der mit so einem feinen Herrn wie Sie in 'n Café geht, denn bürst' er sich den Mantel so lange ab – bis Sie schwarz werden.«

»Idioten!« rief Burg und sprang auf. »Trottel! Wegen ein paar Silbergabeln riskieren sie drei Jahre Zuchthaus. Wenn man ihnen aber die Möglichkeit gibt, sich selbständig zu machen, dann reißen sie aus.«

»Wenn man Ihnen nur trauen könnte!«

»Sieht so ein Kriminalbeamter aus?« – Er wies auf seine schwarzen Lackschuhe, zeigte seine schwarzen Seidenstrümpfe – die Rolf ablegte, sobald ein Loch sich meldete – zeigte seine gepflegten Hände, den Hut von Borchert und das schwere Seidenfutter in seinem Ueberzieher.

»Weiß Gott!« rief Frau Bretz: »Sie müssen ein ganz großer Gauner sein!«

»Endlich«, erwiderte Burg und atmete auf, »kehrt das Vertrauen ein!«

»Bei Ihnen kann mein Mann was lernen!«

»Darum bin ich hier! – Und da Sie eine kluge Frau zu sein scheinen – klüger als Ihr Mann – so will ich Ihnen anvertrauen, was mich herführt.« – Er holte die Zeitung wieder raus, wies auf die für die Herbeischaffung der gestohlenen Sachen ausgesetzte Belohnung und sagte: »Darauf will ich hinaus. Man kann das Hundertfache verdienen, ohne seine Haut zu Markte zu tragen.«

»Wie denn?«

»Ihr Mann hat nichts weiter zu tun, als sein Verhältnis zu den Verbrechern so innig zu gestalten wie nur irgend möglich.«

»Davon suche ich ihn gerade abzubringen.«

»Das ist das Dümmste, was Sie tun können.«

»Nanu?«

»Ich will eine G. m. b. H. mit ihm gründen, in der er natürlich nur als stiller Gesellschafter beteiligt ist. Zweck des Unternehmens ist die Wiederbeschaffung gestohlenen Gutes gegen Zahlung von zwanzig Prozent des Werts. Da wir durch enge Beziehung mit den einschlägigen, also einbrechenden Kreisen in den meisten Fällen wissen werden, wohin die Ganoven die gestohlenen Sachen schleppen, so wird das Publikum sehr bald keine Kriminalpolizei und keine Detektive mehr in Bewegung setzen, sondern nur noch unsere G. m. b. H.«

»Sie! das ist ein großartiger Gedanke!«

»Die Hehler haben die Dummheit der Einbrecher lange genug ausgebeutet.«

»Stimmt! stimmt!« sagte Frau Bretz. »Denen kann es nichts schaden.«

»Wir werden ihnen die Beute abjagen, ohne sie zur Strecke zu bringen, denn wir haben ein Interesse an ihrer Existenz.«

»Ich verstehe.«

»Sie sind eine kluge Frau!«

»Und Sie ein kluger Mann!«

»Kein Mensch darf natürlich eine Ahnung haben, daß Ihr Mann mit der Firma in Verbindung steht. Am besten wird sein, ich sehe ihn überhaupt nicht und Sie stellen die Verbindung her.«

»Das ist das Sicherste für ihn.«

»Nur muß er dafür sorgen, daß das Geschäft in Schwung bleibt. Er muß seine Freunde zur Arbeit anhalten. Ich meinerseits werde meine Beziehungen der Firma nutzbar machen und Anregungen geben.«

»Daß man darauf nicht längst gekommen ist,« sagte Frau Bretz, und Burg fuhr fort:

»Das Geschäft ist unendlich einfach und hat im übrigen einen ausgesprochen ethischen Charakter.«

»Das müssen Se mir erklären.«

»Es hinterläßt keine Mißvergnügen. Jeder, der mit uns zu tun hat, wird zufrieden sein. Die Ausgeplünderten, denen wir zu ihren Sachen verhelfen, werden mit Vergnügen die zwanzig Prozent bezahlen; die Hehler werden uns dankbar sein, daß wir sie nicht der Polizei überantworten; die Versicherungsgesellschaften, denen wir Millionen ersparen, werden wahrscheinlich freiwillige Zubußen zur Vervollkommnung unserer Organisation leisten; die Einbrecher werden ein unendlich viel ruhigeres Leben führen, da sich das Publikum in den meisten Fällen mit der Wiederbeschaffung ihrer Sachen zufrieden geben und die mit Kosten an Zeit und Nerven verbundene Anzeige bei der Polizei unterlassen wird. Die Polizei schließlich, die unter der Last der Arbeit zusammenbricht, wird aufatmen, und dem guten Bürger, der aus Furcht vor Einbrüchen längst an Schlaflosigkeit leidet, wird die Nachtruhe wiederkehren – kurzum: ich, Johann Julius Burg, werde als Wohltäter der Menschheit in der Geschichte fortleben.«

Frau Bretz war ganz aufgeregt.

»Wozu doch was gut sein kann!« rief sie. »Dabei, was hab' ich meinem Mann in den Ohren gelegen: Laß deine Hände von den faulen Geschäften! Die Ganoven sind kein Umgang für dich! Such' dir anständigen Verkehr! Ein Glück, daß er nicht auf mich gehört hat! Wo wären wir heut? Bei Margarine und trockenem Bückling wie Oberlehrers, die über uns wohnen, oder die Arztwitwe aus dem dritten Stock, die alle vier Wochen einmal Fleisch hat.«

»Sie werden soviel Geld haben, wie Sie wollen.«

»Das muß ein herrliches Gefühl sein! – Gut gelebt haben wir ja auch jetzt. Aber wie muß eine Gans erst schmecken, wenn man nicht bei jedem Happen fürchten muß, jetzt kommt die Polizei und läßt deinen Mann hochgehen.«

»Sie werden im Sommer an die See reisen.«

»Das tun wir alle Jahre – wenngleich mehr aus geschäftlichen Gründen. Letztes Jahr hatten wir eine schlechte Saison. Aber das Jahr vorher war Franz in Form! Allein das Kurhaus in Heringsdorf hat uns eine halbe Million gebracht! – Was das für Geld war damals!«

»Von nun an werden Sie zu Ihrer Erholung reisen.«

»Das ist natürlich ganz was andres! – Obgleich – was man nebenbei mitnehmen kann, wird man mitnehmen.«

»Davon darf keine Rede mehr sein.«

»Wenn doch die Erholung darunter nicht leidet.«

»Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie von diesem Augenblick an zur Gesellschaft gehören.«

»Na wenn schon.«

»Das verpflichtet.«

»Heutzutage ist man nicht mehr so kleinlich. – Da sieht jeder, wo er bleibt.«

»Sie haben doch vorhin ganz anders gesprochen.«

»Jetzt trau' ich Ihnen erst.«

»Aber noch vor ein paar Augenblicken, als Sie längst wußten, wer ich war – und weshalb ich hier bin.«

»Unsereins findet nicht so schnell den Uebergang. – Aber nu weiß ich ja, daß Sie zu uns gehören.«

»Erlauben Sie mal, so ist das nicht. Was ich will, das hat mit dem, was Sie so nebenbei machen wollen, nicht das Geringste zu schaffen.«

»Das geht denn eben auf eigne Rechnung.«

»Wir müssen fest daran glauben, daß, was wir tun, in erster Linie in der Absicht geschieht, unsern Mitmenschen zu helfen.«

»Das können Sie halten, wie Sie wollen.«

»Das bin ich mir und meiner Stellung schuldig.«

»Was Sie sich einreden, geht mir nichts an.«

»Ich muß auch davon überzeugt sein, daß ich es bei Ihnen und Ihrem Mann mit von Grund aus ehrlichen Leuten zu tun habe.«

»Darauf können Sie schwören.«

»Das gegenseitige Vertrauen ist die Grundlage für jedes solide Geschäft.«

»Untereinander – da sind wir exakt; da fällt auch nicht ein Pfennig unter den Tisch.«

»Gegenseitige Hochachtung …«

»Das is nu wieder 'ne andre Frage.«

»Da genügt es in diesem Falle wohl, wenn Sie sie mir entgegenbringen.«

»Wenn dadurch unser Gewinnanteil größer wird, mit dem größten Vergnügen.«

»Bis der Einbruch in die Tiergartenvilla bereinigt ist, darf sich weder Ihr Gatte noch Franz hier blicken lassen. Ich werde dafür sorgen, daß sie unterkommen, wo sie niemand vermutet.«

»Wie wollen Sie das denn bereinigen?«

»Dieser Idiot, der Ihren Gatten belastet hat, ist unglaubwürdig.«

»Wo soll er denn gewesen sein?«

»Das lassen Sie meine Sorge sein. – Aber Franz zu retten, wird schwerer sein, da Willy ihn belastet hat.«

»Haben sie also doch wieder mit dem Hornvieh zusammengearbeitet?«

»Ist der so blöd?«

»Der hätte Pfaffe werden sollen. Wenn Sie dem eins aufs Gemüt geben, flennt er wie 'n kleiner Junge.«

»Wie paßt denn das mit seinen waghalsigen Einbrüchen zusammen?«

»Mut hat er schon – und Kraft auch. Aber hier!« – sie wies auf die Stirn – »da hat er nichts zu sitzen. So'ne Menschen sind gefährlich. – Der begeht auch 'n Mord, ohne was von zu haben – und 'ne Stunde später heult er, wenn 'n Hund überfahren wird.«

»Also nichts für unser Geschäft.«

»Ausgeschlossen.«

»Alles Nähere besprechen wir, bis wir ein Geschäftslokal haben, bei mir.«

»Wo ist das?«

Burg nannte die Adresse der Tiergartenvilla und fügte hinzu:

»Sie kommen natürlich allein! Es wäre am besten gewesen, wenn ich Ihren Gatten gar nicht gesehen hätte.«

»Das braucht er ja nicht gewesen zu sein.«

Burg sah sie groß an:

»Hören Sie,« sagte er, »das gibt es von heute ab nicht mehr. Sie und ich – wir dürfen uns nicht belügen.«

»Nu denn – Sie kennen meinen Mann nicht! Sie haben ihn nie gesehen.«

»Und wer war der Kerl?«

Frau Bretz lachte:

»Mein Freund Otto – wie er weiter heißt, weiß ich nicht.«

»Ist das wahr?«

»Ich schwöre.«

Burg schien nachdenklich, redete sich zu und sagte:

»Das geht mich nichts an. – Aber eins noch: Sind Sie vorbestraft?«

»Sehe ich so aus?«

»Das kann auch einer gescheiten Frau passieren.«

»Mir nicht!«

»Um so besser.«

Er gab ihr die Hand, verabschiedete sich und ging.


 << zurück weiter >>