Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünfundzwanzigstes Kapitel

In der Garderobe von Leisetreter gab es noch eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Manager und dem Boxer.

»Eine schöne Schande!« sagte der Manager, während Leisetreter sich quälte, ein paar unverständliche Worte zwischen den blutunterlaufenen und geschwollenen Lippen hervorzustoßen. Man verstand nur:

»Bluff – dieser Orang Utang – Aas verfluchtes.«

Im selben Augenblick landete der Manager einen Stoß zwischen Stirn und Nase und brüllte:

»Ich werde dich lehren, mich Aas zu schimpfen. Sich blamieren und hinterher noch frech sein! Am Ende habe ich noch Schuld an deiner Niederlage.«

Unter Schmerzen klärte Leisetreter den Irrtum auf. Der Manager erklärte es für ein Hirngespinst. Einmal spräche dieser Williams überhaupt kein Wort deutsch und wenn, dann hätte er es hören müssen. Er sei eben schon im Jenseits gewesen oder habe Halluzinationen gehabt. Schließlich glaubte es Leisetreter.

Bei dem nun folgenden Festmahl lag auf der mit Blumen reich geschmückten Tafel vor jedem Platz ein in Leder gebundenes Exemplar der numerierten Ausgabe von Mr. Williams' Buch: » Der Boxsport – ein Lehrbuch für das deutsche Volk«, das im Buchhandel noch nicht erschienen war.

Durch Töns' Vermittlung wohnte auch der Unterrichtsminister dem Festakt bei, wie sich denn überhaupt dank den Beziehungen der fünf Junggesellen eine illustre Gesellschaft zusammengefunden hatte. Auffallend viel Diplomaten des Auslandes waren vertreten – nur der Geschäftsträger von Haiti saß in seinem Heim und legte sich mit seinem Sekretär ein paar verbindliche Worte zurecht, mit denen er seinen großen Landsmann am nächsten Tage offiziell begrüßen wollte.

Bei Tische saß Willy zwischen Frau Inge und Töns und hatte Anweisung, sich mit niemandem in ein Gespräch einzulassen. Erlaubt war ihm, die englischen Worte, die er gelernt hatte, anzubringen, gleichgültig, ob sie am Platze waren oder nicht. Er tat es und richtete damit großes Unheil an. Auf Einladungen zum Tee und Souper, die auf ihn einstürmten, antwortete er, wenn die Dame ihm gefiel: »Ich liebe Sie!« – Töns übersetzte das in: »er bedauert!« Mißfiel sie ihm, so sagte er: »verrückt!« und trat der Dame dann kräftig auf den Fuß. Töns erklärte: »Das heißt in Haiti soviel wie: »Ich komme!«

Eine Dame in tiefem Dekolleté und einer Perlenschnur, die so stark auf Willy wirkte, daß er die Hände in die Hosentaschen steckte, lud ihn ein, mit ihr auf acht Tage an die See zu fahren. Er erwiderte:

»Morgen früh ist die Nacht vorbei.«

Die Dame sah ihn verständnislos an, und Töns dolmetschte:

»Gnädige Frau möchten die Güte haben und die Schlafwagen besorgen.«

Die Dame sah Willy an, zog einen Milliardenschein aus der Tasche und sagte:

»Liebling!«

Als sie Willy den Schein reichte und der eben die Hand aus der Tasche zog, um danach zu greifen, kam Töns ihm zuvor, verhütete es und sagte:

»Gnädige Frau! Das Füttern der Tiere ist verboten.«

Die zunächst anstehende Dame, die den Vorgang mit angesehen hatte, lächelte überlegen und sagte:

»Ich zahle nur in Valuten.« – Sie zückte eine Fünfzigdollarnote und fuhr fort: »Ich nehme Sie mit nach Cannes.«

»Ich kann's nicht ändern,« erwiderte Willy, der der Reihe nach, ohne auf den Sinn zu achten, alle englischen Redensarten anbrachte, die er kannte.

»Was heißt das?« fragte die Dame zu Töns gewandt, und der erwiderte:

»Es ist ihm zu wenig. Er verlangt hundert.«

Die Dame überreichte eine Hundertdollarnote, und als Willy strahlend danach greifen wollte, hielt sie Töns bereits in der Hand, sprang auf einen Stuhl und verkündete:

»Miß Davison hat zu Ehren von Mr. Williams soeben hundert Dollars gestiftet. In hochherziger Weise hat Mr. Williams bestimmt, die Summe dem Roten Kreuz zu übermitteln. Ich greife die Anregung auf und zeichne für die ›Williamsstiftung des Roten Kreuzes‹ weitere fünfzig Dollars, wer zeichnet noch?«

Alles regte sich.

Nach einer halben Stunde verkündete Töns: »›Die Williamsstiftung‹ ist in der Lage, am Tage, ihrer Gründung dem Roten Kreuz eintausendfünfhundertdreißig Milliarden Mark zu überweisen.«

Man klatschte; auch die, die nur des Prestiges wegen gezeichnet hatten, und zwar die am lautesten. Der Unterrichtsminister toastete auf Willy: »Es gereicht mir zur besonderen Freude, daß dies Fest mir die Bekanntschaft mit einem Manne vermittelt, für den ich Bewunderung und Hochachtung empfinde. (Bravo!) Ich glaube nach den wenigen Stunden, die wir mit ihm hier verbringen durften, sagen zu können, daß es nicht viele Menschen gibt, die Geist« – er hielt das in Leder gebundene Buch hoch – »Kraft und Güte« – er wies auf die Stiftung – »so harmonisch in einer Person vereinen wie Mr. Williams. (Lebhafte Zustimmung.) Ich werde alles daransetzen, diesen seltenen Mann unserem Lande, in dem er augenblicklich nur als Gast weilt, zu erhalten. (Lebhaftes Bravo!) – Hochverehrter Mr. Williams! Indem ich Ihnen namens der Regierung der deutschen Republik den Professortitel verleihe, trage ich Ihnen an, an der Universität Berlin einen Lehrstuhl für Sport zu übernehmen. (Stürmischer Beifall.) Die Ertüchtigung unserer Jugend kann nicht besseren Händen anvertraut werden als Ihnen, der Sie – ich wiederhole – Geist, Kraft und Energie in seltener Harmonie in sich vereinigen. – Ich trinke auf Ihr Wohl, Mr. Williams!«

Der Minister hob das Glas, alle Anwesenden sprangen auf und brachen in stürmische Hochrufe auf Mr. Williams und den Minister aus, die, während der Jubel zu ihnen emporbrauste, Hand in Hand dastanden – wie Goethe und Schiller auf dem Denkmal zu Weimar.

Dieser nicht mehr zu überbietende Höhepunkt veranlaßte Frau Inge, Töns zu bitten, das Fest abzublasen.

»Wir könnten jetzt noch ›Deutschland, Deutschland über alles‹ singen,« sagte Frau Inge, »aber das wäre eine Blasphemie.«

»Ich hab's!« sagte Töns, stürmte zur Kapelle, verständigte sich schnell mit dem Dirigenten und verkündete:

»Wir beschließen das denkwürdige Fest mit der Absingung der Nationalhymne von Haiti, die ich bei den Anwesenden als bekannt voraussetze.«

Es kannte sie keiner – auch Willy, Töns und die Kapelle nicht. – Ein perverser Niggersong half aus. Alles grölte stehend die Melodie mit, und jeder tat, als wenn er jeden Morgen und Abend mit dem Absingen der Haitischen Nationalhymne aufstände und schlafen ginge.


 << zurück weiter >>