Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünftes Kapitel

Als Baronin Inge am Abend mit Fräulein Fleck und Burg das Programm des nächsten Tages besprach, zeigte es sich, wie täglich, daß sämtliche Herren sowohl mittags wie abends zu Hause speisen wollten.

»Mit der üblichen Einschränkung,« erklärte Burg, »daß auch die Frau Baronin zu Hause speisen. Im übrigen habe ich der Frau Baronin für morgen zu überbringen: Eine Aufforderung Baron Etvilles zum Concours hippique, eine Einladung des Dr. Lenz in die Kammerspiele und diesen Strauß Orchideen von Herrn Graezer mit der Bitte, mit ihm morgen eine Autofahrt nach Potsdam zu unternehmen. Diesen Roman mit Widmung überreicht Herr Karl Theodor Timm mit der Bitte, das Buch in dem ›Adelsblatt für Frauen‹ zu besprechen, und diesen Flieder brachte soeben Fräulein Häslein persönlich mit ein paar Worten der Entschuldigung für die am Vormittag verursachte Störung.«

»Dies letzte hat Sinn und Stil,« erwiderte Inge. »Alles andere langweilt mich. Die Einladungen lehne ich mit höflichem Dank und der üblichen Begründung ab, im Hause zu tun zu haben, das Buch nehme ich an und lasse danken, dem Häslein werde ich persönlich ein paar Zeilen schreiben.«

Nach Erledigung der häuslichen Dinge entfernte sich Fräulein Fleck, während Burg auf Wunsch Inges im Zimmer blieb.

»Ich habe Ihnen unrecht getan, Burg,« sagte sie, »und möchte mich hiermit bei Ihnen entschuldigen.«

»Nicht, daß ich wüßte,« erwiderte Burg. »Und wäre es der Fall, so hätten Frau Baronin auch nicht nötig, mich um Entschuldigung zu bitten.«

»Ich bin anderer Ansicht. – Jedenfalls ist es dann damit erledigt.«

An der Tür sagte Burg:

»Verzeihen, Frau Baronin, ich bin sonst nicht neugierig. Aber in bezug auf die Frau Baronin möchte ich doch wissen – zumal, wenn es mit mir in Beziehung steht.«

»Wenn Sie es verlangen. – Sie haben ein Recht darauf.« Und da er nicht widersprach, so fuhr sie fort:

»Ich hatte Sie in einem falschen Verdacht.«

»Meine Zeugnisse – meine früheren Stellungen sprechen dafür, daß …«

»Nicht in der Richtung. Ich glaubte, daß Sie und Frida …«

»Nicht möglich!« – Ausdruck des Gesichtes und Stimme zeugten von höchster Entrüstung. »Ich und Fri …? – Frau Baronin!« beteuerte er mit Pathos. »Von meinem einundzwanzigsten Jahre an, in dem ich persönlicher Diener des Barons Lauf wurde, bis heute – also in dreiundzwanzig Jahren! – habe ich mit keinem Domestiken beiderlei Geschlechts Umgang oder gar Verkehr gehabt. Ich kann mich rühmen, die Baro …«

»Rühmen Sie sich nicht!« fiel ihm Frau Inge ins Wort. »Wenn Sie schon Wert darauf legen, ein Gentleman zu sein, so seien Sie es ganz!«

»Wie konnten Frau Baronin mir nur den Geschmack zutrauen.«

»Frida ist hübsch, graziös, nicht dumm und würde in anderen Kleidern wie eine Dame aussehen.«

» Wie eine Dame,« wiederholte Burg. »Liegt darin nicht schon ihre Verurteilung?«

»Und wenn ich sagte, Sie sehen aus wie ein Kavalier?«

»Dann würden Frau Baronin damit zeigen, daß Sie sich nicht die Mühe gegeben haben, mich zu studieren.«

»Mir ist der Gedanke bis heute nicht gekommen. Und Sie glauben, es wäre lohnend?«

»Ich wäre glücklich, wenn Frau Baronin es täten. Sie wären die erste Frau, die ich erst darum bitten muß.«

»Und wenn ich bestätigt fände, was Sie behaupten?«

»Dann würde die Frau Baronin mich mit anderen Augen ansehen.«

»Gefällt Ihnen meine Art nicht?«

»Sie ist tadellos.«

»Nun also.«

»Zu tadellos.«

»Kehre ich die Herrin heraus? – Ich glaube doch, daß ich jedem von Ihnen genau so persönlich begegne wie den jungen Herren.«

»Das ist es ja! daß Frau Baronin auf meine Individualität keine Rücksicht nehmen. Die jungen Herren? – nun ja! – Sie unterscheiden sich nur in der Form, in der sie das Geld ihrer Väter auf die Straße werfen – oder, wie im Falle des Herrn Töns, festhalten.«

»Diese Kritik kommt Ihnen nicht zu!«

»Verzeihung, Frau Baronin! Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, daß ich doch wohl etwas differenzierter bin.«

»Sie halten sich demnach für einen interessanten Fall?«

»Mir würde es vollkommen genügen, von der Frau Baronin dafür gehalten zu werden.«

Frau Inge stand auf und sagte schneidend:

»Falls Sie Wert darauf legen, in diesem Hause zu bleiben, so richten Sie Ihr Interesse künftighin auf andere Dinge! Ich hoffe, es genügt, daß ich es einmal sage! Ein zweites Mal würde die Antwort anders lauten.«

Burg verzog keine Miene, verbeugte sich und ging.

»Die Menschen sind hier genau so blöd wie überall,« dachte Frau Inge. Dieser »gehobene« Diener ist schon ganz unmöglich. Früher fand man wenigstens unter dem Personal den Einen oder Andern, der ursprünglich war! Aber heute! Und indem sie den Flieder aus der Vase nahm und damit in ihr Zimmer ging, dachte sie: Den besten Eindruck macht auf mich noch dies Häslein. – Und sie beschloß, sich mit dieser Frau, die ihre Schönheit so schlicht und taktvoll trug, näher zu beschäftigen. –

Währenddessen saßen rauchend um den großen runden Tisch, den ein Diener eben abdeckte, die Herren des Hauses. Burg hatte soeben sachlicher als sonst den Bescheid gebracht, daß die Baronin sowohl die Einladung zu den Kammerspielen, wie zum Concours und zu der Autofahrt ablehne. Da er noch völlig unter dem Eindruck der ihm angetanen Schmach stand, so fehlte ihm die Stimmung, den Herren durch Beiwerk, das er erdichtete, den bitteren Trank zu versüßen. Bis heute hatte er das weniger aus Mitleid als im Gefühl des Triumphes getan. Denn in jedem Korb, den die Baronin den Herren des Hauses durch ihn überreichen ließ, hatte er eine persönliche Gunsterweisung erblickt. Heute war es ein freudloser Auftrag, den er überbrachte, und zum ersten Male fühlte er sich ihnen gegenüber nicht mehr als Gegner, sondern als Mitleidender und vertiefte durch seine gedrückte Stimmung den Eindruck einer Niederlage, den er bisher durch ein paar Worte wie: »Die Baronin hofft bestimmt ein andermal« oder »Niemand bedauert mehr als die Baronin« abgeschwächt hatte.

Und so wirkte denn, was sich ein paar Wochen allabendlich wiederholte, ohne nachhaltig zu verstimmen, heute wie eine Katastrophe. Eine Zeitlang sprach niemand ein Wort. Schließlich rief Etville, ohne aus dem Sportblatt, das er längst ausgelesen hatte, aufzusehen:

»Schampus!« und die anderen, die darin eine Erlösung sahen, atmeten auf.

Töns, der weniger mit Gefühl arbeitete, brachte als Ergebnis seiner Verstandesarbeit nach einer Weile hervor:

»Das ist eine Arbeit! – Aber schuld seid ihr!«

»Wer wir?« fragte ich.

»Ihr alle!«

»Wieso?«

»Ihr wurschtelt immer drauf los, ohne zu überlegen, was die Pointe ist.«

»Die ist mir klar!«

»Mir auch!«

»Red' doch nich! Warum, glaubt ihr denn, setzt sich die Baronin nicht in eure Autos, was doch, bei Gott, bequemer für sie wäre? Weil ihr mit eure Weibers rumkutschiert und zuviel Betrieb macht.«

»Glaubst du?« fragte Rolf.

»Selbstredend! Eine Dame, die sich zweimal mit euch zeigt, ist kompromittiert.«

»Erlaub' mal!« widersprachen wir, obschon uns eine Spur Wahrheit in Töns' Worten zu liegen schien.

»Ihr müßt wissen, worauf es ankommt! An euch allen haftet eben Kokottengeruch, und der stößt die Baronin ab.«

»Ich bitt' dich,« widersprach Rolf, »wir alle verkehren doch in den ersten Familien.«

»Das sagst du!« erwiderte Töns.

»Oder ist es etwa nicht die große Gesellschaft?« – Und er nannte die Namen bekannter Fürstlichkeiten, hoher Diplomaten, milliardenreicher Industrieller, deren Namen in Berlin so bekannt waren wie in Wien und Budapest.

»Aha!« sagte Töns. »Wenn du große Gesellschaft sagst, hast du recht. Aber was ist das heute? Nenne mir eine Frau, die gut aussieht und sich gut anzieht, die ihren Mann nicht betrügt – meist mit Wissen des Mannes,« – und er nannte die Trägerinnen klangvollster Namen und deren Verehrer.

»Demnach wäre ja Häslein die einzige anständige Frau,« sagte Rolf.

»Wenn du's so nimmst, schon,« erwiderte Töns, »aber du darfst nicht vergessen, sie hat keine Familie. – Und dann, was heißt Anstand? Anstand in der heutigen Gesellschaft heißt: Geld haben und sich gut anziehen. Wenn dann noch ein bekannter Name hinzukommt, kann eine Frau soviel Liebhaber haben wie sie will.«

»Und ein junges Mädchen?« fragte ich.

»Auch! – Aber dann muß sie schon einen sehr guten Namen und sehr viel Geld haben.«

»Leider hat er recht,« bestätigte Etville, verbesserte sich aber schnell und sagte: »Das heißt, eigentlich ist es ganz amüsant so!«

»Da triffst du den Nagel auf den Kopf!« erwiderte Töns. »Darauf kommt heute alles an, daß es amüsant ist! Die Welt will sich amüsieren. Alles andre ist Nebensache!«

»Darum ist es auf den Gesellschaften in den guten Familien auch so langweilig,« sagte Etville.

»Aha!« rief Rolf. »Da hast du's! Weil dir die Kokottenatmosphäre fehlt. Und deshalb passen wir auch alle nicht mehr zur Ehe. Ein Mädchen aus so einer guten alten Familie liegt uns nicht, und eine Frau aus der großen Gesellschaft zu heiraten, damit sie nachher ein Andrer hat – dazu fehlt, wenigstens mir, die Größe – das heißt, sofern es sich um meine eigne Frau handelt.«

»So kleinlich darf man nicht sein,« widersprach Töns. »Ich würde zum Beispiel der Baronin ohne weiteres die Konzession einräumen.«

»Womit du bei ihr von vornherein ausgespielt hättest,« erwiderte ich.

»Vielleicht! – Aber wenn ich imstande bin, ihr die Macht zu geben.«

»Oder ich den Ruhm,« ergänzte Timm.

»Auch dann nicht!« erwiderte ich, und die Andern stimmten bei.

»Ich gebe zu,« sagte Töns, »sie ist eine Ausnahme! Und ihr großer Reiz liegt darin, daß sie aus großer Familie stammt, reich, schön und elegant ist und dabei doch jene Atmosphäre ausströmt, ohne die für uns die schönste Frau reizlos bleibt.«

»Du vergißt die Hauptsache,« erwiderte ich. »Frauen, wie du sie schilderst, gibt es – nun, sagen wir mal, ein, zwei Dutzend. Aber sie haben das eine Gemeinsame: daß sie erreichbar sind. Was die Baronin besonders reizvoll macht, ist das bei allem Mondänen Unerreichbare. Und dieses Unerreichbare wieder reizt dadurch, daß es nicht etwa die Folge von Prüderie ist! Keine Spur von Heiligenschein! Im Gegenteil! Die Sinnlichkeit springt ihr nur so aus den Augen. Aber die Kunst, wie sie sich beherrscht und in der Gewalt hat, wirkt aufreizend – wenigstens auf mich!«

»Auf mich auch!« stimmte Rolf bei, und die Andern gaben durch Nicken der Köpfe zu erkennen, daß sie der gleichen Meinung waren.

»Darum«, fuhr ich fort, »halte ich es auch für falsch, was Töns will, nämlich die Atmosphäre hier sozusagen zu entsinnlichen. Im Gegenteil, wir müssen alles tun, um ihre krampfhaft zurückgehaltene Leidenschaft anzufachen. Wem sie dann in die Arme fällt, ist vielleicht mehr Zufall oder Gelegenheit als Liebe. Darauf aber müssen wir es ankommen lassen.«

Burg, der aus einer Art Zugehörigkeitsgefühl noch immer im Zimmer stand, ohne daß wir, vom Sekt angeregt, es merkten, sah wieder Möglichkeiten. Auch die Anderen fanden in Peters Worten Wahrheit.

»Aber wie stellen wir das an?« fragte Rolf.

»Indem wir unser Leben, wenn möglich, noch mehr als bisher auf Sinnlichkeit stellen. Damit, daß wir seit ihrem Hiersein wie die Konfirmanden mit gefalteten Händen bei Tische sitzen, sie anhimmeln, uns um zehn Uhr mit Handkuß von ihr verabschieden und uns jungfräulich in unsere Betten legen, schaffen wir hier eine Kirchhofsatmosphäre, die selbst die erotisch veranlagteste Frau abregen muß. Wir müssen wieder leben wie früher. Unsere Freundinnen müssen soviel wie möglich bei uns sein! Aber wir dürfen sie nicht berühren! Sie müssen mit heißen, unerfüllten Wünschen von uns gehen – kurzum, wir müssen eine von Sinnlichkeit angefüllte Atmosphäre schaffen, damit sie in dem Kampf, den sie mit sich selbst führt, unterliegt.«

Allen leuchtete das ein, nur der vorsichtige Töns sagte:

»Wobei uns passieren kann, daß ein Außenseiter den Vogel abschießt.«

»Daß wir nicht die Einzigen sind,« erwiderte ich, »die sie begehren, ist sicher. Aber wir sind die Nächsten und wären Trottel, wenn wir uns die Beute abjagen ließen.«

»Jedenfalls bin ich dafür, daß wenigstens immer einer von uns zu Haus bleibt,« meinte Etville.

Jetzt erst meldete sich Burg, der bis dahin, ohne sich zu rühren, an der Wand gestanden hatte, und sagte:

»Es dürfte vielleicht genügen, wenn ich …«

»Was wollen denn Sie?« rief ich. »Was geht denn Sie das an?«

Und Burg zog sich gewandt heraus und sagte:

»Ich könnte im gegebenen Fall, wenn ich merke, daß die Anwesenheit eines der Herren geboten ist, im Klub oder bei Pelzer oder Palais – je nach der Zeit – anrufen und bitten, daß einer der Herren sich herbemüht.«

»Was geht das Sie an?« rief Rolf. »Was wir hier besprochen haben, war natürlich Scherz! – Sektlaune – weiter nichts!«

Burg verbeugte sich und sagte:

»In vino veritas.«

»Wo haben Sie Ihre Bildung her?« fragte Timm.

»Kinderstube,« erwiderte Burg.

»Was war Ihr Vater?«

»Mir unbekannt. Meine Erinnerung reicht nur bis zu meinem neunten Lebensjahr zurück, als ich Page im Hotel Stephanie in Baden-Baden war. Von da nahm mich ein Jahr später der Fürst Danski mit auf seine Güter in die Krim. – Dies ist das erste Haus ohne Geschichte, in dem ich einen Posten bekleide.«

»Wir machen Geschichte,« erwiderte ich.

Burg verbeugte sich und ging. Als er draußen war, sagte Etville und leerte sein Glas:

»Wenn ich euch richtig verstanden habe, so fangen wir nach vierzehntägiger Pause unser altes Leben heute wieder an.« – Alle stimmten zu, und Etville fuhr fort: »Mit der Maßgabe, daß immer einer von uns zu Haus bleibt. Ich erbiete mich freiwillig, dies Amt zu übernehmen und zwar bis Ende des Monats.«

Alle lachten und riefen:

»Wir auch!«, bis schließlich durch Los bestimmt wurde, wer in den nächsten fünf Tagen den Vorzug haben sollte, zu Haus zu bleiben. Es fiel auf mich. Die Anderen standen auf und verabschiedeten sich von mir nicht gerade freundlich. –

Nachts klopfte es an meine Tür.

»Peter!« rief laut eine Stimme, die ich trotz Veronals sofort als die Etvilles erkannte. Das war nichts Ungewohntes, da neben meinem Bett ein schwerer Biedermeierschrank mit – Whisky, Gins und Rebinowka stand.

»Zum Teufel!« rief ich und stellte fest, daß es ein Viertel vor vier war.

»Mach auf!« polterte Etville, und ich erwiderte:

»Nach ein Uhr wird keinerlei Schnaps verabfolgt.«

»Hier ist was los! So komm schon!« brüllte Etville ganz gegen seine Gewohnheit, so daß ich erschrak, aufsprang und zur Tür eilte.

»Was ist los?« fragte ich. »Laß mich schlafen.«

»Die Wohnung sieht so sonderbar aus,« erwiderte er.

»Kein Wunder!« sagte ich. »Wie du sie siehst – in deiner Verfassung.«

Aber er blieb dabei:

»Die Flurtür draußen stand sperrangelweit offen.«

Ich ging im Nachtanzug, ohne Schuhe an den Füßen, ins Nebenzimmer, knipste das Licht an und sah zu meinem Entsetzen, daß sämtliche Schübe des großen Büfetts aufgezogen und – wie ich bei näherem Zusehen wahrnahm – leer waren.

»Teufel ja!« rief ich. »Das ist ja lieblich!« und sah im selben Augenblick, daß im Eßsaal zwei Perserteppiche und eine kostbare Tischdecke fehlten.

Etville, den eine böse Ahnung in sein Zimmer geführt hatte, kam in ziemlich ernüchtertem Zustand zurück und meldete:

»Bei mir fehlen drei Teppiche – außerdem ist mein großer Kleiderschrank vollkommen ausgeräumt.«

»Schlagen wir Lärm!« rief ich, aber Etville sagte:

»Nein! die Diebe sind noch im Hause!«

Mit Revolvern in der Hand suchten wir vorsichtig die vorderen Zimmer ab. Ueberall herrschte Unordnung, waren die Schränke erbrochen, fehlten Wertsachen und Teppiche – aber niemand trat uns entgegen und in keiner Ecke und hinter keinem Schrank war jemand verborgen.

Wir stürzten die Treppe hinunter zur Haustür. Sie stand angelehnt.

»Hattest du hinter dir zugeschlossen?«

Etville bejahte mit aller Bestimmtheit.

»Dann muß in diesem Augenblick, während wir suchten, jemand hinausgegangen sein, der die Schlüssel hatte.«

Etville machte mich auf ein paar Perserbrücken aufmerksam, die im Vorraum lagen und halb zusammengerollt wie eine von Künstlerhand arrangierte Auslage in einem Schaufenster wirkten.

»Das ist gestellt!« sagte ich, und Etville erklärte:

»Das ist eine interne Angelegenheit! Auf keinen Fall ein Einbruch von außen.«

»Laien haben das gemacht!«

»Idioten!«

»Ich habe nie etwas Dümmeres gesehen!«

»Den besten Teppich, der noch dazu so bequem lag, haben sie liegen lassen!«

»Wahrhaftig! Da liegen meine Perlen unberührt!«

»Statt dessen schleppen sie sich mit alten Anzügen und Ueberziehern.«

»Wie ich so einen Dilettantismus hasse!«

»Da!« rief ich. »Nicht einmal das Sicherheitsschloß haben sie gesprengt.«

»Woran siehst du das?«

»Daß es keine Spuren aufweist.«

»Und das Druckschloß mit einem Dieterich zu öffnen, ist ein Kinderspiel.«

»Eine Haarnadel genügt,« erwiderte ich.

»Du meinst, eine Frau hat ihre Hand im Spiel?«

»Möglich! – Aber woraus schließt du das?«

Etville erkannte seinen Irrtum und sagte:

»Laß nur! Ich bin etwas vertattert. – Halt!« rief er plötzlich und hob den Revolver in der Richtung des Küchenflurs.

»Hände hoch!« rief ich und setzte ebenfalls an. Irgendeine weiße Gestalt schlürfte den Korridor entlang, hob auf meinen Anruf hin die Arme und rief laut:

»Hilfe! – Mörder!« dann schlug sie, wohl aus Furcht, wir würden schießen, lang zu Boden.

Eine Tür wurde aufgerissen, etwas huschte über den Flur –

»Hände hoch!« riefen wir abermals und liefen in derselben Richtung. Etville stolperte über die Person, die am Boden lag und rang mit ihr auf Leben und Tod. Sein Revolver war beim Sturz mit lautem Krach zur Erde gefallen. Ich war dem huschenden Schatten jetzt so nahe, daß ich danach greifen konnte, da streckte der den Arm aus – ich sah den hellschimmernden Smaragd – und knipste das Licht an.

Es war die Baronin, in tiefstem Negligé, die in aller Ruhe sagte:

»Was machen Sie denn für'n Lärm? – Mitten in der Nacht!«

»Einbrecher!« erwiderte ich und wies auf den Boden, auf dem etwa sechs Meter von uns entfernt ein Mann mit weißseidenem, blutbeflecktem Pyjama lag, den Etville unbarmherzig mit beiden Fäusten bearbeitete.

»Aber Baron!« rief Frau Inge. »Was hat Ihnen denn der arme Töns getan?«

Etville ließ von seinem Opfer ab, und der mit Beulen bedeckte, stark blutende Töns richtete sich auf und stammelte:

»Ueberfall!«

»Da! schon wieder!« rief ich und wies zur Diele, wo eben in unmittelbarer Nähe Etvilles eine Gestalt vorüberhuschte und durch die noch immer offene Flurtür verschwand.

»Weg den Revolver!« befahl Frau Inge. »Sie treffen ja doch den Falschen!«

Sie entriß mir die Waffe und stürzte in das nächste Zimmer, das rechts vom Flur lag. Unmittelbar an der Tür stand, reichlich blaß, aber korrekt und vorschriftsmäßig für die Nacht gekleidet, in langem Rock von schwerer blauer Seide Rolf und sagte mit belegter Stimme:

»Was gibt's denn da?«

»Mord und Totschlag!« erwiderte Frau Inge und stürmte an ihm vorbei ans Fenster, riß es auf, beugte sich hinaus und schoß mehrmals hintereinander auf die Straße. Nach dem dritten Schuß stieß jemand einen Schrei aus, und ein Auto raste durch die dunkle Straße.

Aus der oberen Wohnung kam unter Führung von Burg, verschlafen und verängstigt, die Dienerschaft, von unten kroch der Portier mit seiner Frau herauf – und fünf Minuten später ward der ausgeraubte Eßsaal zum Tribunal. Nur die Angeklagten fehlten.

Den Vorsitz führte, was jeder selbstverständlich fand, Frau Inge, die im Nu das Haar aufgesteckt hatte und in eine schwarzseidene Matinee geschlüpft war. Neben ihr saß der verbeulte Töns, der mit kaltem Wasser aus einer Meißner Schale seine Wunden kühlte. Etville hatte »zur Beruhigung der Gemüter« ein paar Flaschen Deutz & Geldermann öffnen und von Burg herunter jedem Hausbewohner ein Glas reichen lassen. Er kämpfte mit dem Tischtelephon, um eine Verbindung mit dem Polizeipräsidium zu erhalten. Der Kampf war kurz: Man wies ihn von einer Instanz zur anderen, um ihm schließlich zu bedeuten, daß ein Einbruch, selbst in diesem Ausmaße, kein Grund wäre, um mitten in der Nacht einen Beamten in Bewegung zu setzen. Dazu müsse als das Mindeste Mord vorliegen. Etville entschuldigte sich, damit nicht dienen zu können und sagte:

»Vielleicht das nächste Mal,« worauf der Beamte mit dem freundlichen Hinweis, daß am nächsten Morgen die Nacht vorbei sei, den Hörer anhing.

Frau Inge hatte als erstes die sofortige Auslieferung aller Haus- und Flurschlüssel verlangt und Burg beauftragt, sämtliche Zugänge zum Hause zu schließen.

»Wir alle sind verdächtig,« sagte sie, und ich stellte die Forderung strengster Haussuchung – bei mir beginnend.

»Wer soll die vornehmen?« fragte ich. »Es ist jetzt halb fünf. Ich glaube nicht, daß die Kriminalpolizei vor acht Uhr ihren Laden aufmacht.«

»Halt!« rief Rolf. »Ich kenne einen Kommissar! der hat mit fabelhafter Geschicklichkeit seiner Zeit in der Affäre Po Gris gearbeitet. Schieb mir mal den Apparat her! – So! – Hallo! Kurfürst 1896 – ist dort Genz? – Wie? – ob ich Perlen – nein! diesmal ist es eine echte, runde Sache – ein Leckerbissen für jeden Kriminalisten! Wie? – Ob ich Ihnen den Leckerbissen nicht lieber ein paar Stunden später zum ersten Frühstück servieren möchte? – Er verdirbt! – Ich darf Ihnen also mein Auto schicken? – Gut! Wir erwarten Sie!«

In diesem Augenblick ertönte vor dem Hause ein grelles Pfeifen. Wir alle, übernächtig und überreizt, fuhren zusammen. Es wiederholte sich. Etville, Rolf und ich griffen nach unseren Revolvern, die vor uns auf dem Tische lagen und den an sich eigentümlichen Eindruck dieser nächtlichen Sitzung noch erhöhten.

»Licht aus!« befahl Frau Inge. – Die Diener führten den Befehl aus. »Ruhig verhalten!« sagte sie flüsternd. »Niemand schießt!«

Nach ein paar Augenblicken Ruhe setzte das Pfeifen von neuem ein.

»Zweifellos steckt noch einer der Einbrecher im Hause und kann nicht hinaus,« sagte ich.

»Wer kann so ähnlich pfeifen?« fragte Frau Inge. Da sich mehrere meldeten, so entschied sie:

»Pfeifen Sie, Nitter!«

Und nun ging es hin und her – oben, unten – oben, unten – etwa sechsmal hintereinander.

»So kommen wir nicht weiter,« sagte Frau Inge, und Etville, der sich im Dunkeln das Glas füllte, erwiderte:

»Das scheint mir auch! – Prost!«

»Prost!« erwiderten ein paar Stimmen, und Gläser klapperten.

»Burg und Nitter, haben Sie Waffen?« fragte Frau Inge.

Sie bejahten.

»Gehen Sie behutsam hinunter, ohne Licht zu machen und schließen Sie möglichst geräuschlos die Haustür auf. Versucht dann jemand hinauszukommen, so fassen Sie ihn.«

Burg und Nitter beeilten sich nicht, den Befehl auszuführen. Sie brabbelten irgend etwas in sich hinein.

»Gut! so gehe ich!« erklärte Frau Inge – was zur Folge hatte, daß sich alle Anwesenden erboten, den Befehl auszuführen. Töns ging sogar soweit, daß er Frau Inge am Arm nahm und sagte:

»Sie bleiben!«

Im selben Augenblick tasteten sich Burg und Nitter auch schon aus dem Zimmer. Nun folgte Totenstille. Einmal ertönte von unten noch ein Pfiff. Dann kehrten Burg und Nitter verängstigt zurück und Burg meldete:

»Soweit ich es in der Dunkelheit durch die Glasscheibe erkennen konnte, steht ein halbes Dutzend bewaffneter Strolche vor dem Haus.«

»Wir sind doch hier nicht in Wildwest!« erwiderte Frau Inge, und Etville griff wieder nach dem Tischapparat und forderte:

»Ueberfallkommando!« – Die Verbindung kam überraschend schnell, und ebenso schnell raste ein Lastauto heran, das vor unserem Hause hielt. Wir stürzten ans Fenster. Dunkle Gestalten sprangen vom Wagen. Stimmen wurden laut. Die Haustür ging. Lärm auf der Treppen Ein Signal! Der Lärm kam näher. Irgendwer riß die Tür auf und rief:

»Licht!«

Der Saal, in dem wir eine halbe Stunde lang im Dunkeln gesessen hatten, erstrahlte im Licht von ein paar Dutzend Kerzen so hell, daß wir zunächst geblendet waren.

Als wir uns an das Licht gewöhnt hatten, sahen wir ein paar Grüne, deren Führer stolz auf einen gefesselten Menschen wies. Sein Mund und seine Augen waren geschwollen, und die blonden Haarsträhnen hingen ihm über beide Augen hinab.

»Da haben Sie den Kerl, der bei Ihnen einbrechen wollte,« sagte der Grüne. »Er wollte seinen Genossen gerade ein Warnungssignal geben, als wir eintrafen. Na« – er wies auf den geschwollenen Mund – »für die nächsten vier Wochen wird ihm das Pfeifen wohl vergangen sein.«

Wir hatten sämtlich längst festgestellt, daß der vermeintliche Einbrecher kein anderer als – Karl Theodor Timm war. Der hatte sich auf Grund unseres Beschlusses am Abend auf den Bummel begeben, von dem er nun völlig arglos heimkehrte. Da Burg die Sicherheitskette vorgelegt hatte, so nützten ihm die Schlüssel nichts. Er pfiff also und verursachte so diese Komplikation, durch die wesentliche Spuren des Einbruchs verwischt wurden. Als auch auf sein Pfeifen hin nichts sich rührte, hatte er noch einmal versucht, die Tür zu öffnen, die er nun plötzlich unverschlossen fand. Er tastete sich im Dunkeln mit einem unheimlichen Gefühl die Treppe hinauf, hörte plötzlich auf der Straße das heransausende Auto, sah Leute ins Haus stürzen und wollte eben hinter eine Säule treten, als ein paar Fäuste ihn packten, ein paar andere Fäuste ihn ins Gesicht schlugen. Gelegenheit, sich zu äußern, fand er nicht, und jetzt, als ich ihn fragte:

»Wie war das möglich?« fand er, daß die Zeit, eine Aufklärung zu geben, verpaßt war, und schwieg.

Als er erfuhr, daß ihm sein Pelz und seine silberne Dosensammlung gestohlen worden sei, zog er die Schultern hoch und sagte grinsend:

»Faule Fisch' und Schläg' dazu,« ließ sich von Etville ein Glas Sekt reichen – trank es, schmunzelte, soweit der geschwollene Mund es zuließ, und stellte fest, daß das bisherige positive Ergebnis der Ermittlungen seine und Töns' Schläge waren.

Von der Dienerschaft hatte niemand auch nur ein verdächtiges Geräusch gehört. Auch der Portier nicht – obschon unter normalen Verhältnissen zur Fortschaffung der gestohlenen Sachen ein kleiner Möbelwagen nötig gewesen wäre.

»Hat irgend jemand einen Verdacht?« fragte Frau Inge, nachdem das Ueberfallkommando nicht eben ruhmbedeckt abgerückt und die Dienerschaft mit Ausnahme von Burg und Fräulein Fleck, die auf besonderen Wunsch von Töns zurückgeblieben, wieder draußen war.

»Gewiß!« erwiderte Töns, und Etville sagte:

»Ich auch.«

»Nämlich!«

»Ich werde mich hüten und mir den Mund verbrennen,« sagte Töns, und Rolf erklärte:

»Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.«

»So kommen wir nicht weiter,« erklärte Frau Inge, »wenn wir nicht einmal untereinander offen sind.«

»Jedenfalls steht das eine fest,« erklärte Rolf, »daß es keine gewerbsmäßigen Einbrecher waren.«

»Der Dieb sitzt im Hause!« erklärte Etville mit großer Bestimmtheit.

Ein Diener erschien mit rotem Kopfe; hinter ihm eine Frau, die jeden Morgen die Milch brachte.

»Was ist?« fragte Frau Inge.

»Hier!« rief Burg, der auf die Beiden zugetreten war, und zeigte ein kleines Portemonnaie aus sämisch Leder:

»Das hat diese Frau vorn zwischen der Gitter- und Haustür gefunden.«

»Sehr verdächtig!« sagte Rolf.

»Es ist der Schlüssel für den ganzen Einbruch!« erklärte Etville und steckte triumphierend das Portemonnaie, nachdem es von Hand zu Hand gegangen war, in die Tasche.

»Ja, wem gehört es?« fragte Frau Inge.

Aber Etville lächelte nur und sagte:

»Das wird sich zeigen.«

Eben fuhr unten der Kommissar vor – es war inzwischen fast sechs geworden – da erschien, gleich einer Nachtwandlerin, mit großen blauen Augen, offenem Haar und kaum bekleidet, Frida. Sie schien noch halb im Traum und staunte uns wie ein Wunder an. »Nun, Frida?« fragte Frau Inge, und sie erwiderte:

»Ist es schon spät? Habe ich denn wieder verschlafen?«

»Zehn Minuten vor sechs,« erwiderte ich.

»Morgens?« fragte sie, worauf ich sagte:

»Haben Sie gut geschlafen, Frida?«

»Danke, ja! – Einmal war ich allerdings wach.«

»Und was haben Sie da gehört?«

»Gehört? – nichts! – Mir war nur so …«

»Wie war Ihnen?« fragte ich.

»Als wenn ich allein wäre.«

»Das waren Sie doch!«

»Schon! – Aber man fühlt das nicht immer so.«

»Was haben Sie da getan?«

Frida, die noch immer nicht ganz wach war, erwiderte:

»Auf die andere Seite habe ich mich gelegt – an was Schönes gedacht – und dann bin ich auch gleich wieder eingeschlafen.«

Der Kommissar war, ohne von uns bemerkt zu werden, eingetreten und hatte das Gespräch mitangehört. Er trat jetzt vor, wies auf Frida und sagte:

»Die war es nicht!«

»Aber wieso kamen Sie jetzt herunter?« fragte Frau Inge, und Frida erwiderte:

»Das weiß ich auch nicht,« wandte sich um und verschwand wieder – genau, wie sie gekommen war. Und zwei Minuten später lag sie in ihrem Bett und schlief.

Etville und ich erstatteten dem Kommissar Bericht. Der verzog keine Miene, lehnte Wein ab, zündete sich eine Zigarre an und fragte, als wir geendet hatten:

»Haben Sie einen bestimmten Verdacht?«

Ein einmütiges »Ja« war die Antwort. Aber jeder wünschte, ihn allein zu sprechen.

Als erste vertraute ihm Frau Inge ihre Ansicht an und sagte:

»Dieser Burg ist ein Filou – mehr sage ich nicht!«

Sodann erklärte Rolf:

»Ich teile Ihren Verdacht.«

»Meinen?« fragte der erstaunt.

»Ja!« sagte Rolf, »... Frida!«

»Ich habe doch ausdrücklich erklärt …«

»Um sie in Sicherheit zu wiegen, nahm ich an,« erwiderte Rolf. »Und glaube es noch. Sie sind genau so hell, wie die dumm ist. Ein Blinder muß es merken. Sie hat geschlafen, während die andern sich hier halbtot geprügelt und geschossen haben.«

Der Kommissar lächelte überlegen, und Rolf fuhr fort:

»Und dann wandelt sie, während wir uns hier die Gehirne zermartern, als, Traumgestalt ahnungslos durch die Räume. – Für wie dumm muß die uns halten.«

Der Kommissar beschränkte sich darauf, zu erwidern:

»Ich bin nicht Ihrer Ansicht,« was zur Folge hatte, daß Rolf den Mund verzog und den Kommissar in seinem Innern für einen Idioten erklärte.

Als Nächster offenbarte sich Etville. Er zog das Portemonnaie aus sämisch Leder aus der Tasche, hielt es dem Kommissar unter die Nase und sagte:

»Guerlain! Die Frauen, die sich das Parfüm heute in Berlin leisten, können Sie an fünf Fingern abzählen.«

»Kennen Sie eine?«

Etville dachte nach und sagte:

»Donnerwetter ja! – Lola!«

»Wer ist das?«

»Meine Freundin!«

»Und Sie glauben …?«

Etville besah und beroch noch einmal das Portemonnaie:

»Es gehört ihr!«

»Was beweist das?« fragte der Kommissar.

»Zum mindesten, daß sie mich betrügt,« erwiderte er, sah mich mißtrauisch an und zog sich zurück, um Töns, der sich inzwischen erholt hatte, hineinzulassen.

»Was sagt der Baron?« fragte Töns. »Meint er auch …«

»Er meint bestimmt einen andern als Sie.«

»Ich glaube – aber sagen Sie nichts! – daß Karl Theodor Timm irgendwie dahintersteckt. – Wie, weiß ich nicht. Aber Schriftstellern traue ich nicht über den Weg. Mit Ausnahme von Peter Lenz. Aber der ist auch kein Schriftsteller. Der schreibt nur so aus Passion. Aber was so ein Berufsschriftsteller ist, das sind alles mehr oder weniger Schwindler.«

»Hm,« meinte der Kommissar. »Nun weiß ich ja so ungefähr Bescheid.«

Aber im selben Augenblick wurde Töns von Karl Theodor Timm abgelöst, der erklärte:

»Gucken Sie sich mal die sogenannte Baronin an!«

»Hab' ich getan,« erwiderte der Kommissar.

»Aha! – Sie meinen also auch?«

»Was?«

»Daß sie in irgendeinem Zusammenhange mit dem Einbruch steht.«

»Ich finde, sie macht einen vorzüglichen Eindruck.«

»Bluff! Verlassen Sie sich darauf! Nichts als Bluff. Ich verstehe mich so gut darauf wie Sie. Sie hat hier alles an sich gerissen. Erst die Menschen. Und nun die Sachen. – Eine Kanone sage ich Ihnen. Man kann von ihr lernen.«

Der Kommissar dankte für den Hinweis und winkte, als ich eben an ihn herantreten wollte, ab.

»Wir sind alle durch!« sagte er. »Sie können mir doch nichts Neues mehr sagen.«

»Ich wollte nur bitten, sofort das Haus durchsuchen zu lassen.«

Ich sprach so laut, daß alle es hörten. Sie stimmten mir bei, während der Kommissar, der für Entgegennahme unserer Erklärungen ins Nebenzimmer gegangen war, wieder zu uns hereinkam und sagte:

»Wozu denn, meine Herrschaften? Der Fall liegt für mich ganz klar!«

Alle sahen auf, und jeder dachte, den Kommissar von seiner Auffassung überzeugt zu haben. – Der Kommissar fuhr fort:

»Fest steht für mich, daß es sich um gewerbsmäßige Einbrecher handelt.«

»Nicht möglich!« stand auf allen Gesichtern.

»Die Möglichkeit,« fuhr der Kommissar fort, »daß sie eine Annonce, also einen Tipp, von einem der Hausbewohner bekommen haben, gebe ich zu.«

Unsere Gesichter wurden ein wenig freundlicher, da der Kommissar mit diesem Zugeständnis unsere Vermutungen nicht einfach beiseite schob. Sein sichtbares Bestreben, das uns schwer kränkte, war es, alles, was wir vorbrachten, so schnell wie möglich aus seiner Kopfarbeit auszuschalten. Er schob alles, wofür wir uns mit Ueberzeugung einsetzten, mit einem verbindlichen Lächeln beiseite und stellte fest:

»Die Ganoven haben mit Nachschlüsseln geöffnet, in Eile zusammengerafft, was sie konnten, und die Beute in einem Auto fortgeschafft! – So sieht der nackte Tatbestand aus.«

»Und was können Sie zur Wiederherbeischaffung der Sachen und zur Festnahme der Verbrecher tun?« fragte Frau Inge.

»Ich?« erwiderte der Kommissar. »Wenig!«

»Wer dann?« fragte sie.

»Sie! Indem Sie eine hohe Belohnung aussetzen.«

»Dazu brauchen wir doch Sie nicht,« sagte Timm, und der Kommissar erwiderte:

»Sie werden ohne uns nicht weit kommen.«

Wir setzten eine Million aus, verfaßten ein Verzeichnis der gestohlenen Sachen und besprachen die Möglichkeiten, das Haus vor weiteren Einbrüchen zu schützen.

»Es gibt keine!« erklärte der Kommissar und beendete damit unseren Streit, welche Kunstschlösser die größte Sicherheit böten. Der Kommissar sagte: »Das Einzige ist ein Hund!«, woraufhin wir beschlossen, uns eine Meute deutscher Schäferhunde zuzulegen.

»Sie werden in den ersten vierundzwanzig Stunden noch viel beschließen und nichts davon ausführen,« erklärte der Kommissar, steckte die Liste der gestohlenen Gegenstände ein und wollte sich eben empfehlen, als Burg die Tür öffnete und einen grünen Sipomann einließ, der den Helm auf dem Kopf behielt und mit feierlich ernster Stimme erklärte:

»Aus diesem Hause ist heute nacht ein Schuß abgegeben worden.«

Wir sahen ihn, dann uns an.

»Stimmt!« sagte nach einer Weile Frau Inge. »Aber woher wissen Sie das?«

»Aus einer Meldung.«

»Wer hat die erstattet?«

»Mein Kollege.«

»Aus eigener Wahrnehmung?«

»Ich nehme an.«

»Und weshalb ist er der Ursache dieses Schusses nicht gleich nachgegangen?«

»Darüber weiß ich nichts. – Ich habe lediglich festzustellen, wer diesen Schuß abgegeben hat.«

»Ich.«

»Wie heißen Sie?«

»Baronin von Linggen.«

Der Sipomann zog ein Buch heraus und schrieb den Namen auf. Dann stellte er folgende Fragen:

»Geboren?« – »Wo?« – »Religion?« – »Sie wohnen?« – »Wie hieß Ihr Vater?« – »Ihre Mutter?« – »Wann geboren?« – »Wo?« – »Leben sie noch?« – »Wann gestorben?«

Als Frau Inge seine Wißbegier befriedigt hatte, fragte sie:

»Was hat das alles mit dem Schuß zu tun?«

Der Sipomann sah noch finsterer drein und sagte:

»Sie haben sich strafbar gemacht und werden ein Mandat wegen ruhestörenden Lärms erhalten.«

Wir alle brachen in schallendes Gelächter aus. Am lautesten lachte der Kommissar. Und Frau Inge sagte:

»In diesem Staate kann jeder Bürger ruhig schlafen. Für seine Sicherheit und Ruhe sorgt eine hohe Obrigkeit.«

»Amen!« sagten wir und hoben die Sitzung auf.


 << zurück weiter >>