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Neuntes Kapitel

»Na, wir kennen uns ja,« sagte der Kommissar, als zwei Beamte Willy Blech gegen zehn Uhr früh ins Zimmer führten.

Willy Blech lachte, und der Kommissar meinte:

»Die Stimmung ist auch noch immer dieselbe.«

Willy zog die Schultern hoch und sagte:

»Was soll man machen? – Pech!«

»Sie haben sich gar nicht verändert!«

»Sie sich auch nicht.«

»Na ja,« meinte der Kommissar, »bei meiner geregelten Tätigkeit ist das vielleicht weniger verwunderlich.«

»Herr Kommissar hat sicher besser gelebt als ich.«

»Ruhiger bestimmt nicht.«

»Na, bei der Ruhe kann man verrückt werden.«

»Und doch zieht es Sie immer wieder zurück.«

»Mich? – I Gott bewahre! – Mir wird's schon elend, wenn ich daran denke.«

»Warum brechen Sie denn ein statt zu arbeiten?«

»Ich, arbeiten? – Ich möcht' mal wissen, wo?«

»Ein Kerl wie Sie!«

»Ich bin Preisboxer.«

»Na also, da verdient man doch Geld.«

»Mich läßt kein Verband mehr boxen von wegen meiner Vorstrafen.«

»Und andere Arbeit sollte es für Sie nicht geben?«

»Verschaffen Sie mir welche.«

»Das wird sich jetzt schwer machen lassen. – Aber wenn Sie alles gestehen …« – Willy lachte. – »Warum lachen Sie?«

»Na, Sie wollten doch eben sagen: Wenn ich alles gestehe, dann komme ich milder weg.« – Er schüttelte den Kopf. – »Darauf flieg' ich nich mehr. Was Sie beweisen, geb' ich zu – nich einen Tropfen mehr.«

»Sie haben also die Absicht, es uns zu erschweren?«

»Meine Arbeit ist auch nicht leicht.«

»Sie zwingen uns doch, uns mit Ihnen zu beschäftigen.

»Wenn wir nich wären, wären Sie auch nicht.«

»Wann sind Sie in die Tiergartenvilla eingebrochen?«

»Das wissen Sie wahrscheinlich besser als ich.«

»Zwischen drei und vier Uhr morgens?«

»Ich hatte Hände und Arme voll – ich konnte nicht nach der Uhr sehen.«

»Mit wem zusammen?«

»Was? – Warum soll denn noch jemand dabeigewesen sein? – Für die paar Sachen?«

»Sie haben also fünf Perser, für zwölf Millionen Silber, drei Pelze, zwei Ueberzieher und fünfzehn Anzüge allein fortgeschafft?«

»Nu übertreiben Sie man nich, Herr Kommissar, – von wegen zwölf Millionen.«

»Ich kann es Ihnen beweisen.«

»So'n Schwein!«

»Also hat der Hehler Sie mit dem Silber hineingelegt?«

»Und wie! – Na, der soll es ja nicht erleben, daß ich rauskomme! – Dafür trage ich meine Haut zu Markte, und der macht Fettlebe.«

»Sie sollten sich das nicht gefallen lassen!«

»Da können Sie sich drauf verlassen!«

»Er müßte seine Strafe haben wie Sie.«

»Ach so rum? – Ich verstehe! – Ne, Herr Kommissar! so kommen Se an mich nich ran. Und wenn der mich zehnmal reinjelegt hat, so ist das meine Sache. Die haben wir beide miteinander auszumachen.«

»Wie Sie wollen. – Aber wie ist das? War Franz dabei?«

»Was für'n Franz?«

»Na, Ihr Kollege von damals.«

»Der? – nee!–der sitzt ja noch.«

»Wissen Sie das genau?«

»Sein Mädchen wartet ja auf ihn.«

»Da wird sie jetzt lange auf ihn warten müssen.«

»Die Zeit muß doch bald rum sein.«

»Die fängt erst an. Und zwar heute.« – Er zeigte ihm Franz' Bild in den Strafakten. – »Den mein' ich.«

»Das is er!«

»Er hat auch schon gestanden.«

»Wa … a?«

»Er wälzt natürlich alle Schuld auf Sie!«

»Das ist nicht wahr! Er hat mich nachts aus dem Bett geholt. – Das kann die Grete bezeugen. – Er hatte Streit in einer Kneipe .-.«

»Bei Kahle.«

»Jawoll!«

»Sie sollten ihm beistehen.«

»Stimmt. – Grete sagte: ›Geh nich!‹ – Aber Franz sagte: ›Mensch, sei nich feige!‹ – Na, da nahm ich meinen …« – er besann sich und hielt inne.

»Sie nahmen Ihren Revolver,« ergänzte der Kommissar, aber Willy erwiderte:

»Wo soll ich'n den hernehmen? Ich hab' ja keinen?«

»Aber Willy, warum sagen Sie nicht die Wahrheit?«

»Weil doch nichts dabei rauskommt. Man heddert sich nur immer mehr rein.«

»Also, was nahmen Sie?«

»Meinen Knüppel.«

»Und gingen damit nach dem Tiergarten.«

»Nicht doch! – Als ich unten war, sagte Franz, er brauche Geld und müsse ein Ding drehn. Ich solle ihm helfen.«

»Und da sind Sie denn zusammen losgegangen.«

»Klar! – wo er mir doch auch schon …« – er hielt wieder inne.

»Und wer war der Dritte?«

»Nu hör'n Se aber auf! Für so'n paar Sachen!«

»Das konnten Sie doch vorher nicht wissen, was Ihnen in die Hände fiel.«

»Mit Dreien schon gar nich! Da fällt man schon auf, bevor man losgeht. – Ich wüßte auch gar nich, wen ich außer Franz hätte mitnehmen sollen.«

Der Kommissar lächelte und sagte zu dem Protokollführer, der emsig mitschrieb und sich durch Blicke mit dem Kommissar verständigte:

»Schreiben Sie: ›Außer Franz nahm ich niemanden mit‹ – dabei bleiben Sie?«

»Jawohl! das ist die reine Wahrheit.« – Dabei merkte er gar nicht, wie sehr er sich in das von dem Kommissar äußerst geschickt gestellte Netz verfing.

»Von wem hatten Sie die Annonce?«

»Wir sind auf gut Glück losgegangen.«

»Unsinn! Das können Sie sonst wem erzählen.«

»Wenn Sie's nicht glauben, widerrufe ich alles.«

»Ich glaube Ihnen viel – auch Unwahrscheinliches, Unmögliches aber nicht. Wenn Sie mir also erzählen, daß Sie einfach in die erste beste Villa hineinspaziert sind, ohne zu wissen, was darin los ist, so widerspricht das jeder Vernunft.«

»Das is mir ganz ejal. Wir haben uns gesagt, in der Tiergartenstraße wohnen reiche Leute, die gehn wir ab. Na, da haben wir eben mit Nummer eins anjefangen.«

»Das zeugt jedenfalls von Ordnungssinn.«

»Na sehn Se.«

»Sie verraten also nicht, von wem Sie die Annonce haben?«

»Ich verrate überhaupt nichts. Ich bin eingebrochen, das heißt, die Tür stand natürlich offen.«

»Selbstredend, da es Nacht war.«

»Glauben Se das etwa auch nich? – Ich geb' Ihnen mein Wort darauf. – Wie wär' ich sonst reingekommen?«

»Soweit ich orientiert bin, gibt es doch so allerhand Werkzeuge.«

»Bei mir nich! Was ich nich mit meine Körperkraft schaffe, da jeh' ich nich ran.«

»Damit werden Sie nicht weit kommen.«

»Wie? was?« widersprach Willy gekränkt. »Haben Sie 'ne Ahnung! Erst vorige Woche in …« – er stutzte wieder und hielt inne.

»Auch das wissen wir längst.«

»Nichts wissen Sie! – Sehn Se, jetzt schwindeln Sie! Warum kann ich da nich auch schwindeln, wo Sie noch dafür bezahlt werden und ich nich.«

»Das ist meine Sache!«

»Wenn das Ihre Sache ist, dann kann ich wohl gehen. Denn ich misch' mich grundsätzlich nich in anderer Leute ihre Sachen.«

»Erlauben Sie mal, wenn Sie halbe Wohnungseinrichtungen fortschleppen, sind das vielleicht nicht anderer Leute Sachen?«

»Das ist mein Geschäft.«

»So nennen Sie's! – Wir nennen es anders.«

»Stehlen tun alle – nur jeder auf 'ne andre Art.«

»Ich gebe ja zu, daß viele Berufe – zumal heutzutage – in gewisser Hinsicht nicht viel anders sind …«

»Sehn Se, jetzt verstehen wir uns bald.«

»Aber im Allgemeinen – zum Beispiel, was wir hier tun, das werden Sie doch wohl nicht Diebstahl nennen?«

»Und wie!«

»Nanu?«

»Meinen Sie, ich weiß nicht, warum Sie mit mir quasseln? Ich weiß es ganz genau. Aber ich merk' es erst immer hinterher. Sie holen mit 'nem dicken Schmus aus mir raus, was ich weiß. Davon leben Sie! Stimmt es oder stimmt es nich?«

»Darüber werden wir uns wohl nicht verständigen.«

»Jeder macht es eben auf seine Art. Sie wären wahrscheinlich auch lieber auf der Börse als hier zu sitzen.«

»Na, so'n Tiergartentipp wie Ihr letzter ist am Ende mehr wert als 'n guter Börsentipp.«

»So was kommt aber selten. – Und wie Se sehen, man kann auch mit reinfallen – genau wie bei der Börse.«

»Wenn ich Ihnen nun verrate, daß dieselbe Person, von der der Tipp stammt, Sie der Belohnung wegen hinterher verpfiffen hat?«

»Dann sage ich: Falle! Denn die Person, von der ich die Annonce habe, verrät mir so wenig wie ich ihr.«

»Sie täuschen sich.«

»Da lass' ich mir beide Hände für abhacken. Die is auch nich so duslig wie ich. Die is sogar Ihnen über.«

»Sie sollten sich ihrem Einfluß entziehen.«

»Warum? – die is richtig.«

»Ohne die Annonce säßen Sie heute nicht hier.«

»Dafür klappt es denn 'n andermal.«

»Sie sind doch nu aber mal mit der Mutter Ihrer Kinder verheiratet und nicht mit der Gerson.«

»Die! – die lassen Se ja raus – sonst widerrufe ich alles.«

»So bleiben Sie doch bei der Wahrheit!«

»Nur solange, wie Sie mir glauben.«

»Also die Gerson hat doch …«

»... nichts mit der Sache zu tun! Es war einfach so: Wir wollten ein Ding drehen, und da haben wir die Haustür mit einem Dietrich geöffnet und sind rein ins Haus. Franz, der schlauer is, voran – ich hinterher. Unten war ein amerikanisches Sicherheitsschloß. – ›Na'‹ meinte Franz, ›das schaff ich nicht.‹ Also rauf in die erste Etage! da steckt Franz nur den Dietrich rein – und drin sind wir. Da haben wir schnell alles zusammengepackt, was wir tragen konnten und haben es runtergeschleppt und in einem Auto fortgeschafft. Das war alles.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nich.«

»Aber ich.«

»Da fall' ich nich drauf rein. Das war nämlich wer, der's gar nicht nötig hat – der mehr hat als Sie und ich zusammen.«

»So geschickt ist auch nicht jeder wie Alexander Zylinsky.«

»Haben Sie den etwa auch?« fragte Willy erschreckt.

»Wir sind so frei.«

»Hat den auch Franz verpfiffen?«

»Den haben wir andersrum bekommen.«

»Also, ob Sie es nun glauben oder nicht – Alexander wußte von nichts.«

»Selbstredend!«

»Ich sage jetzt überhaupt nichts mehr!«

»Wie Sie wollen! – Wenn es Sie reizt, erst mal ein paar Monate im Polizeigefängnis zu sitzen.«

»So oder so! Das kommt auf eins raus. – Aber ich kann doch nicht Zylinsky beschuldigen, wo er es doch nur aus Freundschaft zu mir getan hat.«

»Etwas wird für ihn dabei schon abgefallen sein.«

»Nich ein Stück. Das muß er doch selbst gesagt haben. – Das hat der nicht nötig.«

Der Kriminalwachtmeister meldete zwei Damen; und ins Zimmer traten Frau Inge und Häslein.

Der Kommissar erhob sich und sagte:

»Ich beschäftige mich gerade mit Ihnen. Das hier ist nämlich …«

»Ich weiß.«

»Sie kennen sich?«

»Da ich heut nacht bei der Verhaftung zugegen war.«

»Sehen Sie mal an! Das nenne ich mutig.«

»Dazu gehört doch wohl kein Mut,« erwiderte Frau Inge; Willy stimmte bei und sagte:

»Das meine ich auch,« woraufhin der Kommissar lachend meinte:

»Na, sehen Sie! Sie verstehen sich ja schon.«

Jetzt erst stellte Frau Inge dem Kommissar Häslein vor. Häslein stand vor dem Riesen Willy, der sich aus irgendeinem Anstandsgefühl heraus erhoben hatte, und schaute ihn scheu und ängstlich an.

»Sehe ich denn so schlimm aus?« fragte Willy, und Häslein schüttelte den Kopf und sagte lebhaft:

»Gar nicht! Im Gegenteil!«

»Und da sollten Se hören, was der Kommissar mir alles erzählt.«

»Aber Sie sind doch der …« und da sie den Satz nicht zu Ende führte, so sagte der Kommissar:

»Jawoll, er ist es, der, um uns gesellschaftlich auszudrücken, der Tiergartenvilla den nächtlichen Besuch abgestattet hat.«

Es machte den Eindruck, als atmete Häslein erlöst auf, als verinnerliche sich der Blick, mit dem sie an ihm hing.

Der Kommissar, dem das ebensowenig entging wie Frau Inge – nur Willy sah es nicht – fragte:

»Wie wäre es, meine Damen, wenn ich den Blech für eine Viertelstunde in Ihre Behandlung gäbe?«

Ehe Frau Inge und Häslein dazu Stellung nehmen konnten, erschien der Kriminalwachtmeister und meldete:

»Die Frida Hähne ist da – aber Franz ist ihnen entwischt. Er war bis drei Uhr früh bei ihr und ist dann von ihr fort – wohin, sagt sie natürlich nicht.«

»Na, denn nicht,« sagte der Kommissar und schien sich damit abzufinden, aber Willy stierte den Wachtmeister an, veränderte den Ausdruck seines Gesichtes, zitterte am ganzen Körper und fuhr den Kommissar an:

»Bluthund!«

Dann hob er die Faust und wollte sich auf ihn stürzen, aber die unerschütterliche Ruhe des Kommissars, der nur sagte:

»Aber Willy, ich tue doch nur, was ich muß,« entwaffnete ihn. Er schien es einzusehen, ließ den Arm sinken und sagte halblaut vor sich hin:

»Den habe ich auf dem Gewissen.«

Der Kommissar, der sah, wie er sich quälte, trat an ihn heran und sagte:

»Nicht doch! Ich habe Ihnen auf den Kopf zugesagt, daß Franz bei war, weil er hier« – er zeigte ihm ein Blatt Papier – »auf diesem Zettel stand. Sie haben trotzdem abgestritten und alle Schuld auf sich genommen.« Willy schien sich zu beruhigen. – »Erst als ich Ihnen erzählte, daß wir ihn bereits haben …«

Noch einmal fuhr Willy auf und rief:

»Das war gemein!« – Aber der Kommissar fuhr, ohne den Tonfall zu ändern, fort:

»... sagten Sie, was völlig belanglos war: ›Na, denn wissen Sie's ja.‹ – Sie haben ihm also eher genützt als geschadet.«

Willy schien jetzt ganz zufrieden, war wieder vollkommen ruhig, lachte vergnügt und sagte:

»Na, denn will ich Ihnen was verraten, Herr Kommissar!«

»Sehen Sie, das klingt schon anders,« erwiderte der, und Willy sagte:

»Das mit dem Bluthund, das war nur so …«

»Schon gut! – Ich weiß!«

»Unsereins hat sich nich so in der Gewalt – wo soll man's auch herhaben.«

»Ich habe es längst vergessen.«

»Also passen Sie auf! Was die Hähne sagt, die alte Hure, die lügt, sobald sie das Maul aufmacht.«

»Selbstredend! Sie weiß natürlich ganz genau, wo Franz hin ist.«

»Jawoll! Und ich weiß es auch. Und weil Sie mich wegen des Bluthunds nicht wegen Beamtenbeleidigung …«

»Ausgeschlossen! – Das verspreche ich Ihnen hier vor Zeugen.«

»Gut! So will ich es Ihnen verraten. Franz is längst getürmt. Wenn Sie Ihre Leute zu der Hure schicken, da können se warten bis se schwarz werden, da finden Sie'n nie.«

»Wo denn?«

»Der hat nach Polen gemacht. Zu Verwandten.«

»Ach ne! – So ohne Paß!«

»Paß? Aber, Herr Kommissar,« sagte der fast mitleidig. »Meinen Sie denn, den holen wir uns hier aufm Alexanderplatz? Da müssen wir ja anstehn. Den kaufen wir uns in der Grenadierstraße.«

»Wo denn da?«

»Da gibt's verschiedene – aber die nenn' ich nicht.«

»Also Sie meinen, um Franz brauchen wir uns gar nicht weiter zu bemühen?«

»Den bekommen Sie doch nicht.«

»Wenn ich Ihnen das glauben soll, müssen Sie mir auch sagen, wer Ihnen das erzählt hat.«

»Er selbst.«

»Sie haben vorhin aber erklärt, Sie hätten ihn seit dem Tage nicht mehr gesehen – also entweder ist das Ganze Schwindel …«

»Ich schwöre!«

»... oder es hat Ihnen jemand erzählt.«

»Sein Schwager.«

»Wer ist das?«

»Lutz.«

»Wo wohnt der?«

»Der wohnt nicht fest. Der ist mal da, mal da.«

»Also, meine Damen, ich darf Sie auf eine Viertelstunde allein lassen,« sagte der Kommissar, sah Willy an, als schenkte er ihm Glauben und ging hinaus. Im Nebenzimmer gab er folgende Anweisung:

»Heut nacht wird das Haus der Frida Hähne bewacht. Sobald sie oben ist, geht ein Beamter hinauf, bleibt bei ihr und paßt auf, daß sie nicht ans Fenster geht. Kommt Franz nicht, so bringen Sie die Hähne frühmorgens her. – Außerdem fahnden Sie, ob es einen Mann namens Lutz gibt und verhaften ihn.«

Im Zimmer des Kommissars ereignete sich inzwischen folgendes. Zunächst sprach niemand ein Wort. Die beiden Frauen sahen Willy, Willy sah die beiden Frauen an – und lächelte. Häslein erwiderte das Lächeln und sagte:

»Brechen Sie eigentlich viel ein?«

Willy, etwas unsicher, erwiderte:

»Es geht.«

Nach einer Pause fragte sie weiter:

»Wie oft wohl im Jahr?«

»Das kommt drauf an.«

»Auf die Gelegenheit, nicht wahr?«

»Auch das.«

»Haben Sie nie Furcht?«

»Ich? – Wovor? – Höchstens doch die Anderen.«

»Aber dazu gehört doch Mut.«

»Dusel vor allem.«

»Das auch.«

»Aber in der Nacht, wenn alles finster ist, das muß doch unheimlich sein.«

»Wir haben Laternen.«

»Revolver auch?«

»Selbstredend!« – Er erschrak, wandte sich zur Tür und sagte: »Das heißt, eigentlich selten – oder nie.«

»Wenn Sie nun in so ein Haus gehen und gar nicht wissen, wohin Sie kommen …«

»Das weiß man schon.«

»Und jemand tritt Ihnen entgegen?«

»Man muß höllisch aufpassen.«

»Nerven gehören dazu.«

»Wieso?«

»Ich mein' nur. – Aber was tun Sie, wenn man Sie überrascht?«

»Das kommt drauf an.«

»Schießen Sie dann?«

»Ungern – da es Lärm macht – und nur, wenn es sein muß.«

»Wann muß es sein?«

»Wenn man uns nicht in Ruhe läßt.«

»Aber Sie laufen nicht davon?«

»Auch das!«

Häslein schien enttäuscht.

»Oft?« fragte sie.

»Das muß schon schlimm kommen.«

»Haben Sie schon Jemanden umgebracht?«

Willy sah sie groß an, schwieg erst und sagte dann: »Wenn man angegriffen wird! – Aber das ist dann Notwehr.«

Häslein nickte und sagte:

»Ja! – man darf sich doch wehren.«

»Das will ich meinen.«

»Sie müssen sehr stark sein.«

»Ich habe drei Preisboxer erledigt.« – Er strammte den Arm, blieb dabei sitzen und sagte: »Fühlen Sie mal!«

Häslein sah Frau Inge an, und da die nicht widersprach, so stand sie auf und ging an Willy heran. Sie legte die kleine Hand auf seinen Arm und sagte:

»Kolossal!«

»Drücken Sie!« sagte Willy, und die erwiderte:

»Ich drücke ja.«

»Ich fühle nichts.«

»Mehr kann ich nicht. – Aber warten Sie mal!« –

Sie streifte die weißen Schweden ab, umspannte mit beiden Händen seine Muskeln, biß die Lippen aufeinander und fragte: »Fühlen Sie jetzt?«

»Nein!« sagte Willy. »Jedenfalls nichts Unangenehmes.«

»Das wird ja immer stärker!« rief sie ganz erhitzt:

»Fühlen Sie nur, Baronin!«

»Ich seh' es,« erwiderte die und sagte: »Nur schade, daß die Kräfte nicht bessere Verwendung finden.«

»Das ist wahr,« sagte Häslein, deren Hände noch immer auf dem Arm von Willy lagen.

»Zumal Sie den Eindruck machen, als wenn Ihnen noch zu helfen wäre.«

Willy schüttelte den Kopf und sagte:

»Mir nicht mehr.«

»Wie konnten Sie nur so weit kommen?« fragte Frau Inge, und während Häslein die Frage peinlich empfand, erwiderte Willy:

»Wissen Sie was, damit Sie das verstehen, müßte ich Ihnen mein ganzes Leben bis heute erzählen.«

Und angeregt von den beiden Frauen erzählte Willy seinen Lebensweg. Das Uebliche. Der Vater, ein Säufer, hetzt die Mutter auf die Straße und hält den Jungen seit seinem achten Lebensjahre durch Prügel zum Stehlen an. Fürsorge. Schlechte Gesellschaft. Der erste Konflikt mit dem Staatsanwalt. Strafe. Keine Arbeit. Delikte aus Not. Neue Strafen. Keine Aussicht auf Arbeit mehr. Retter Krieg. Soldat. Schützengraben. Verwundung. Soldatenbraut. Kind, Kriegsehe. Front. Rückkehr. Große Liebe zu einer verheirateten Frau, die der Mann zwingt, bei anderen Männern Geld zu verdienen. Konflikt mit dem Mann. Schwere Körperverletzung. Langjährige Strafe. Frau und Kinder hungern. Die Geliebte inzwischen geschieden und Prostituierte. Wieder in Freiheit. Der Frau überdrüssig. Voller Liebe für die Kinder. Sexuell hörig der Geliebten.

»Ich verstehe das alles,« sagte Frau Inge, »und ich verstehe vor allem Sie – und darüber hinaus habe ich das Gefühl, daß es unsere Pflicht wäre, Ihnen zu helfen.«

»Sie – mir?« fragte Willy erstaunt. »Wo ich Sie so bestohlen habe?«

»Sie wußten ja nicht, daß ich es bin.«

»Ich glaube,« erwiderte Willy, »wenn ich es gewußt hätte, daß Sie …«

»Na, na,« meinte Frau Inge, »das hätte Sie wohl nicht abgehalten.«

Willy schien sich nicht einig und meinte:

»Ich glaube doch, ich wäre nebenan gegangen.«

»Jedenfalls, irgendwas muß geschehen.«

»Das finde ich auch,« sagte Häslein, »man kann ihn unmöglich wieder jahrelang einsperren – wo wir doch nun wissen, wie alles zusammenhängt.«

»Um die Strafe wird er nicht herumkommen. Aber vielleicht kann man etwas dazu tun, daß sie nicht so schwer ausfällt.«

»Sie müssen einfach sagen, Sie fühlen sich nicht bestohlen,« bat Häslein. »Mit Rolf mach' ich es schon – und mit Etville auch. Was es denen auf ein paar Pelze und Anzüge schon ankommt!«

»Der Einbruch bleibt darum bestehen,« erwiderte Frau Inge.

»Wenn doch aber die Türen offen standen!« meinte Willy, und Frau Inge fragte:

»Was für Türen?«

»Na, Ihre Haustür und die Flurtür oben.«

»Was ist dann?« fragte Häslein.

»Dann wäre es kein Einbruch, sondern einfacher Diebstahl.«

»Die standen natürlich offen,« erklärte Häslein.

»Aber nein! Mitten in der Nacht? das glaubt ja niemand,« erwiderte Frau Inge.

»Selbstredend!« widersprach Häslein leidenschaftlich. »Ich selbst bin doch mal des Nachts aus dem Haus gegangen.«

»Nun, und?« fragte Frau Inge.

Häslein stutzte einen Augenblick und sagte dann:

»Warum hätten da nicht die Türen offen stehen können. Das wäre doch sehr leicht möglich gewesen. – Ich bitte Sie, der Baron, wenn der nach Haus kommt, der schließt doch nicht ab. Und Rolf! Der ist froh, wenn er die Tür aufbekommt. Glauben Sie, der stellt sich mitten in der Nacht hin und schließt wieder zu? Fällt ihm nicht ein! Der zieht sich des Nachts nicht mal die Pyjama an, wenn der Diener nicht hinter ihm steht und ihm hineinhilft. Wie sollen da die Türen zugewesen sein? Ausgeschlossen! Wer das behauptet, lügt. Das werde ich dem Staatsanwalt schon klarmachen! Da verlassen Sie sich drauf!«

Willy strahlte über das ganze Gesicht und reichte dem Häslein seine Bärenhand.

»Ich bringe Sie frei!« versprach sie lebhaft.

Und Frau Inge staunte das Häslein an. Wie dies ruhige, sanfte, scheue Tier plötzlich eine Andere wurde, Feuer, Leidenschaft und Energie zeigte, die man nie bei ihr vermutet hätte. – Frau Inge kannte Frauen und wußte, was sie davon zu halten hatte – ja, in diesem Falle begriff sie sogar, was in dem Häslein vorging, und da sie ehrlich gegen sich selbst war, so gestand sie sich, daß sie in manchem ihr nachfühlte. Zwar, ihr Herz brannte angesichts dieses Kerls – und daß er ein Kerl war, stand außer Frage – nicht wie das Häsleins lichterloh, aber sie fand doch, daß es sich lohnte, sich mit diesem Menschen zu beschäftigen! Da sie das seit ihrer Jugend das erstemal wieder einem Manne gegenüber empfand, so war sie sich der Bedeutung dieser Begegnung bewußt. Sie gab daher auch nicht zu, daß er sich auf die Beteuerungen Häsleins hin in Träume wiegte, die sich doch nicht erfüllten. Eine Enttäuschung, die von dieser Seite kam, erschwerte den Versuch, ihn für das Leben zu retten, machte es ihm vielleicht unmöglich.

»Wir dürfen das nicht übereilen,« wandte sie ein. »Das muß durchdacht und überlegt sein.«

»Was gibt es denn da zu überlegen?« fragte Häslein.

»Es kommt darauf an, ihn für das Leben zu gewinnen.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Häslein, und Frau Inge fuhr fort:

»Ob er nun einen Monat länger oder weniger sitzt, bleibt sich gleich.«

»Er darf überhaupt nicht sitzen!« erklärte Häslein, und zwar so bestimmt, daß auch Willy, der zwar mehr zu Frau Inges Ansicht neigte, meinte:

»Das wäre das beste! Dann widerrufe ich einfach, und Sie auch.« – Im selben Augenblick überzeugte er sich auch schon, daß das unmöglich war und sagte: »Nee, das is nich zu machen. Absitzen muß ich. Wenn ich nur nicht länger als ein Jahr kriege.«

»Ein Jahr?« rief Häslein, »das wäre furchtbar!«

»Und meine Jungens, daß die inzwischen nich in den Dreck kommen.«

»Dafür sorgen wir,« versprach Frau Inge und fragte: »Wie steht's mit Ihrer Frau? Braucht die Hilfe?«

»Die hat Arbeit und hilft sich selbst – und sorgt auch für die Jungens, wenn sie gesund ist. Aber meist is sie krank, überhaupt, die is nich halb und nich ganz. Anschaffen soll man und anständig sein soll man auch. Das mach' mir mal einer vor!«

»Um Frau und Kinder kümmern wir uns,« sagte Frau Inge. Willy sah sie halb froh, halb zweifelnd an und sagte:

»Wenn das wahr is? Dafür, daß ich Sie bestohlen habe? Das will mir nicht in den Kopf.«

»Nicht darum,« erwiderte Frau Inge. »Das hat damit gar nichts zu tun.«

»Na, das will ich Ihnen mein Lebtag danken. – Und die Grete?«

»Die hat, glaube ich, keinen guten Einfluß auf Sie,« meinte Häslein – »nach allem, was die Baronin mir erzählt hat.«

Frau Inge mußte lächeln und sagte:

»Dann haben Sie mich wohl falsch verstanden.«

»Die hält zu mir,« versicherte Willy. »Die riskiert auch was.«

»Ist sie auch gewalttätig?« fragte Häslein.

»Die? – Und ob!«

»Auch eifersüchtig?«

»Die sticht doch alle aus! – Obschon: Manch einem gefällt sie nich.«

»Wenn Sie wollen, werden wir auch ihr Arbeit verschaffen.«

Willy schüttelte den Kopf und sagte:

»Arbeiten will se nich. – Hat ja auch keinen Sinn! Keine acht Tage, denn kommt's raus, daß sie unter Kontrolle steht und se hat'n Tritt.«

»Sie gehören doch zu der Mutter Ihrer Kinder,« sagte Frau Inge, aber Willy erwiderte:

»Sagen Se das nicht! Wenn man sich doch nich versteht. Die letzte Zeit, ehe ich rauskam, habe ich mir das auch gesagt. Alle Tage, ›wenn du nu rauskommst‹, habe ich mir gesagt, ›denn gehst du zu deine Frau und deine Jungens – und Greten siehst de nich mehr an‹ – durch die – na ja, se kann nichts dafür – aber so eigentlich fertig bin ich doch erst durch die jeworden. Immer auf de Straße, Nacht um Nacht, bei jedem Wetter – und denn 'n Mädchen, an das man so hängt – des is nich einfach – und was soll ich Ihnen sagen? Mein erster Weg, als ich raus war, war zu sie.«

»Zu wem?« fragte Häslein.

»Zu Greten! – Na, da saß ich denn wieder fest – denn vierzehn Tage lang hat se mich erst mal überhaupt nich auf die Straße gelassen.«

»Und Frau und Kinder waren vergessen?«

»Die Jungens nicht. Da die aber bei meiner Frau waren, so hat sie mich nich rausgelassen. – Achtzigtausend Mark hab' ich ihr, als ich ins Loch ging, zur Aufbewahrung gegeben. – Zwei Jahre lang hat sie auf das Geld gesessen und nichts angerührt – obschon sie krank war und wochenlang nichts verdienen konnte – aber das jehört sich so unter anständigen Menschen – was wir so nennen,« fügte er auf das erstaunte Gesicht hin, das Frau Inge machte, hinzu – »jeder hat eben so was, was er so nennt. Am Ende kommt ja doch alles auf dasselbe raus.«

»Stimmt! stimmt vollkommen!« erklärte Frau Inge. »Und die Grete hat ihre Moral so gut wie ich. Die Moral der Gesellschaft entspringt ja auch nur der Zweckmäßigkeit. – Aber, daß Sie so abhängig von ihr sind!«

»Das stört mich auch,« sagte Häslein, und Willy erwiderte:

»Das stimmt! – Aber ich kann nu mal gegen das Mädchen nich an.«

»Man müßte sie in eine andere Stadt schicken,« riet Häslein, aber Willy erwiderte lachend:

»Als wenn die sich schicken ließe! – Die hat ihren Kopf – und meinen mit! Wenn die Ihnen was auseinanderpolkt und Sie wollen nich – nachher, da tun Sie's doch.«

Nebenan hörte man Stimmen. Der Kommissar sagte:

»Tun Sie den Zylinsky solange da hinein!«

Die Tür ging auf, und Alexander trat ins Zimmer.

»Willy!« rief er und drückte ihm bewegt die Hand.

»Wenn ich das gewußt hätte!« erwiderte Willy. »Und gerade zu dir mußte ich mit dem Kram.«

»Denk' nur an dich. Ich helf mir schon.«

Willy wies auf Frau Inge und Häslein und sagte:

»Die da wollen mir helfen.«

Alexander sah sie prüfend an.

»Sie, meine Damen? Und weshalb?«

»Weil er einen guten Kern hat,« erwiderte Frau Inge.

»Und ein Kerl ist,« ergänzte Häslein.

Alexander lächelte und fragte spöttisch:

»Haben Sie das so schnell herausgefunden?«

»Wir haben uns lange unterhalten,« sagte Frau Inge.

»Oder angeschaut?«

Häslein wurde rot und fragte:

»Wieso?«

»Weil ich das kenne! – Na, mir soll's recht sein. Wenn Sie ihm wirklich helfen wollen. Sonst helfe ich.«

»Ich hab' dir doch nu alles zerstört,« klagte Willy.

»Laß nur! Denk' an dich!« sagte er zärtlich. »Ich hab' ja nichts mehr getan, als dir zuliebe den Kram untergestellt.«

»Das mein' ich auch. Wenn ich gewußt hätte, wohin nachts damit, ich war' nich zu dir gekommen. Aber ich wußte nicht – na, und dann war's in der Nähe.«

Alexander seufzte:

»Wenn nur meine kleine Frau …«

»Was? Haben sie die etwa auch?«

Alexander ließ den Kopf hängen und sagte:

»Das ist es ja!«

Willy wechselte die Farbe, biß die schmalen Lippen aufeinander und ballte die Fäuste.

»Verflucht!« rief er und trampste so laut mit dem Fuß auf, daß das Zimmer krachte.

Häslein griff ängstlich nach Frau Inges Arm.

»Fürchten Sie sich?« fragte Frau Inge leise, und Häslein erwiderte zitternd:

»Nein! – So gefällt er mir!«

Der Kommissar trat ins Zimmer und fragte:

»Was ist denn hier los?« – Und als er Willy wütend wie ein Stier auf sich gerichtet sah, fuhr er fort: »Habe ich etwa schon wieder was falsch gemacht?«

»Lassen Sie die Frau raus!« forderte Willy drohend und schien gänzlich zu vergessen, wo er sich befand.

»Sie müssen mir zunächst einmal verraten, welche,« erwiderte der Kommissar mit überlegener Ruhe.

»Alexandern seine!«

»Ach so! – Frau Zylinsky! – Ich dachte, Sie meinen die Gerson.«

»An die rühren Sie nich!« brüllte Willy, der durch das geschickte Manöver des Kommissars keinen Augenblick mehr an die Zylinsky dachte. – Die stand im Nebenzimmer, hatte durch die offene Tür ihren Mann erblickt und war ihm mit lautem Aufschrei um den Hals gefallen. Alexander schloß sie in seine Arme und sagte, während sie schluchzend an ihm hing, ein um das andere Mal:

»Muckelchen! mein armes Muckelchen!«

Willy wandte sich zu den Beiden um, schüttelte den Kopf und sagte vor sich hin:

»Ich könnt' mich uffhängen.«

Der Kommissar, der es überhörte, wandte sich zu Frau Inge und Häslein und sagte:

»Nun, meine Damen, ich denke, wir lassen das Familienidyll ich hier erst einmal ausleben.«

Er ließ die Damen vor sich zur Tür hinaus. Als er selbst hinausgehen wollte, trat Willy auf ihn zu und fragte:

»Was is mit Grete?«

»Wollen Sie sie sehen?«

Der Ausdruck seines Gesichts verklärte sich:

»Geht das?« fragte er.

»Warum nicht? – Ich lasse sie kommen.«

Willy strahlte über das ganze Gesicht.

Als der Kommissar schon in der Tür stand, rief er ihm nach:

»Noch eins!« – Der Kommissar wandte sich um. »Wenn doch die Grete kommen soll, geht es dann nicht, daß ich – vielleicht – zu der Grete –?«

Der Kommissar schüttelte den Kopf und Willy fuhr fort: »Es is ja nur wegen Weihnachten, daß ich gern draußen sein möchte. – Ich schwöre Ihnen, am zweiten Januar früh tret' ich wieder an.«

»Ausgeschlossen!« erklärte der Kommissar und ließ ihn stehen. Nebenan zu den Damen sagte er:

»Na, wie gefällt er Ihnen? – gar nicht so schlimm, nicht wahr?«

»Ein Kind!« erwiderte Frau Inge, und der Kommissar ergänzte:

»Ein etwas wildes.«

»Ich glaube, ich wäre an seiner Stelle weit schlimmer.«

»Sie meinen, bei seiner Veranlagung?«

»Nein! die ist gut. – Für das, was er tut, sind die Verhältnisse, in denen er von Kindheit an gesteckt hat, verantwortlich.«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht,« erwiderte der Kommissar. »Jedenfalls: aus einem gewerbsmäßigen Einbrecher, den Sie etwa in Ihre Pflege nehmen, wird im besten Falle ein Hochstapler – genau wie aus einer gehobenen Nutte – verzeihen Sie den Ausdruck – im Höchstfall eine Kokotte wird.«

»In diesem Falle nicht,« versicherte Frau Inge. »Aus Willy kann man ein nützliches Mitglied der Gesellschaft machen.«

»Was bei der Verfassung, in der sich unsere Gesellschaft befindet, nicht viel besagt.«

Häslein, das die ganze Zeit über mühsam an sich gehalten hatte, brach jetzt los:

»Ich finde es falsch!« rief sie leidenschaftlich.

»Was?« fragten beide.

»Was an einem Tiger schön ist, geht mit der Dressur verloren.«

»Da stimme ich Ihnen bei,« erwiderte Frau Inge. »Aber der Mensch ist doch kein Tier.«

»Wenn er es nun aber doch ist!«

»Sie meinen, so soll man ihn gewähren lassen?« fragte der Kommissar.

»Ja!«

»Demnach könnten alle Diebe und Strolche frei herumlaufen? Den Beruf würde vermutlich dann jeder ergreifen.«

»Ein Dieb ist doch kein Tiger,« erklärte Häslein, und der Kommissar parierte:

»Aber Willy ein Strolch.«

»Nein!« sagten beide Frauen gleichzeitig, und Frau Inge fuhr fort: »Sie hat schon recht, er ist ein wildes Tier, und seine Zähmung wäre gleichbedeutend mit der Aufgabe seiner Persönlichkeit.«

»Nun also!« meinte Häslein.

»Da aber das Fortbestehen dieser Persönlichkeit für alle, auch für ihn – für ihn in erster Linie – ein Unglück ist …«

»So soll man ihn umbringen,« fiel ihr Häslein ins Wort, »statt ihn zu zähmen.«

»Ich verstehe Ihren Standpunkt,« sagte Frau Inge. »Aber er ist gefährlich: Für die Gesellschaft, wenn man ihn gewähren läßt, für ihn, wenn man Ihren Rat befolgt. Auch mein Vorschlag, ihn zu zähmen, ist keine ideale Lösung. Da er aber nur die Wahl hat, ein Raubtier im Käfig zu sein oder ein anständiger Mensch zu werden, so muß, wer es gut mit ihm meint, zu dem letzten raten.«

»Dann wird er genau so langweilig, wie alle anderen Männer,« klagte Häslein, worauf Frau Inge erwiderte:

»Das ist wahr!«

Der Kommissar wies auf ein Paket Sachen, das neben einem Schreibpult lag:

»Wissen Sie, was das ist?« fragte er. Und da sie verneinten, so fuhr er fort: »Das sind Sachen, die ihm sein Mädchen zwei Stunden nach der Einlieferung gebracht hat.«

»Darf man sie sehen?«

»Gewiß doch!« – Ein Beamter packte aus: eine Daunendecke, Hausschuhe, eine Wolljacke, Bürsten, Wäsche, Taschentücher, Zigarren, Zigaretten, Cakes, Schokolade, einen Bleistift, Briefpapier, Freimarken und zwei Bände Courths-Mahler. In einem der Bände lag ihre Photographie, in dem anderen Geld.

»Rührend!« sagte Frau Inge, und Häslein meinte:

»Das täte ich auch.«

»Wollen Sie sie sehen?« fragte der Kommissar. »Sie ist nebenan und wird vernommen. Wir vermuten nämlich, daß sie wie damals Geld aus dem Einbruch für ihn in Verwahrung hat.«

»Lassen Sie es ihr doch!« sagte Frau Inge, und der Kommissar erwiderte lachend:

»Die zieht eher ihr Hemd aus, als daß sie einen Pfennig von seinem Gelde herausgibt.«

»Das macht ihr ja auch nicht viel aus,« meinte Häslein boshaft und spielte auf das Hemd an. Aber Frau Inge widersprach:

»Was Charakter anbelangt, so steht das Mädchen weit über ihm.«

»Wie wäre es mit einem Film: ›Das Kontrollmädchen und der Einbrecher‹, Untertitel: ›Lieben und Leiden zweier edler Seelen‹,« sagte der Kommissar.

»Lassen Sie nur!« erwiderte Frau Inge. »Die Sache ist doch viel ernster.«

Der Kommissar lächelte und rief Grete Gerson. Frau Inge reichte ihr die Hand und sagte:

»Guten Tag! – Das war eine schwere Nacht für Sie!«

Sie verzog etwas niederträchtig das Gesicht und sagte:

»Die schweren Nächte kommen erst.«

Was sie damit meinte, wurde erst später klar, als der Kommissar auf ihre Frage, ob sie Willy mittags das Essen bringen dürfe, erwiderte:

»Wo wollen Sie denn das Geld und die Zeit hernehmen?« – Da erklärte sie glatt:

»Was bleibt mir übrig? Ich muß eben auch am Tage auf den Strich gehen.«

»Sie ruinieren sich.«

»Das weiß ich.«

»Werden vor der Zeit alt.«

»Gewiß!«

»Und als Dank, wenn Sie alt und häßlich sind, bekommen Sie einen Tritt.«

»Vom Willy nicht! – Der hängt nicht an mir wegen meiner Augen.«

»Ich könnte Ihnen das ja alles liefern,« sagte Frau Inge, »ohne daß Sie … auf die Straße brauchten.«

»Das wollen Sie tun? – etwa ohne Bezahlung?«

»Selbstverständlich!«

Grete Gerson sah Frau Inge an; erst ungläubig, dann schien es, als habe sie eine Erklärung:

»Sie lieben ihn!« sagte sie, und es klang wie ein Vorwurf.

»Genau, wie ich Sie liebe,« erwiderte Frau Inge.

»Mich?«

»Ja! – Ihr beide taugt mehr als ihr glaubt.«

»Ich tauge nichts. – Und wenn ich was taugte, was hätte ich davon? – Aber wenn Sie Willyn helfen wollen, da mach' ich mit.«

»Wollen Sie nachmittag zu mir kommen?«

»Ja – Wohin?«

Als Frau Inge die Adresse der Tiergartenvilla nannte, lachten alle, und der Kommissar sagte:

»Also hab' ich nicht recht? Ist das nicht ein Film?«

»Eher eine Tragikomödie,« erwiderte Frau Inge, und Häslein meinte:

»Wenn man alles so schwer nimmt.«

»Da haben Sie ganz recht,« stimmte der Kommissar bei und wies in das Zimmer, in dem Willy und die beiden Hehler waren: »Die tun es ja auch nicht.«

Ein Beamter meldete:

»Der Lutz ist wegen Hammeldiebstahls seit gestern im Polizeigefängnis.«

»Das trifft sich ja ausgezeichnet. Haben Sie ihn schon holen lassen?«

»Der Beamte wartet draußen mit ihm.«

»Herein mit ihm! – Und Sie, Frau Gerson, warten so lange da drin? Was Ihnen vermutlich nicht weiter unangenehm sein wird.«

»Ist etwa … Willy?«

»Jawohl!«

Grete juchte förmlich auf und stürzte mit dem Freudenruf:

»Lümmel!«

ins Zimmer. – Als sie draußen war, fragte der Kommissar: »Wollen Sie diesen Lutz etwa auch noch miterleben?«

»Mich interessieren nur die Beiden,« erwiderte Frau Inge, und Häslein sagte:

»Mich nur er! – Was sie tut, würde jede verliebte Frau tun.«

»Nein, Häslein! Die sind nicht verliebt ineinander. Die haben sich lieb! Das ist ein himmelweiter Unterschied! – Deren Liebe hat sich unter den unerträglichsten Verhältnissen jahrelang hindurch unverändert gehalten. Noch so tolle Verliebtheit hätte das nicht ein Jahr lang ertragen.«

Häslein wollte etwas erwidern, aber die Jammergestalt, die in verdreckter Soldatenuniform, mit blödem Ausdruck und in geduckter Haltung jetzt ins Zimmer trat, ließ sie nicht dazu kommen.

»Sie sind Lutz?« fragte der Kommissar. – Der Angeredete lachte blöde. Der Kommissar fuhr fort: »Sie sind wegen Hammeldiebstahls festgenommen?«

»Gänse,« erwiderte er mit dem Ausdruck vollkommener Verblödung.

»Was denn? Sie werden doch Gänse von Hammeln unterscheiden können.«

»Hammel sind keine Gänse und Gänse keine Hammel, und daß der Hammel 'ne Gans war, das kann meine Frau ihre Nichte bezeugen, das is 'n Mädchen, das noch nich vorbestraft is.«

»Also uns hier interessieren Ihre Hammel …«

»Gänse,« verbesserte Lutz.

» …also Ihre Gänse überhaupt nicht.«

»Zu was sitz ich'n denn hier? Ueberhaupt, wo Se doch nich rankönnen an mir.«

»Was heißt das?«

»Ich bin §-51er – das können Se in Medizinrat Roemer seine Gutschriften nachlesen – ich bin verschütt' gewesen und seit die Zeit hab' ich hier so an die Stelle« er faßte an seinen Hinterkopf – »manches Mal, da is es auch wo anders – das kommt drauf an, wo daß der Medizinrat Roemer drücken tut – der find't schon immer die richtige Stelle – einen Druck, daß ich mir partout nich mehr erinnern tu', was gewesen is.«

»Sehn Se mal an, das ist ja sehr angenehm für Sie.«

»Manche Tage, da is es ganz toll.«

»Da wissen Sie dann gar nichts?«

»Jawoll – so is es!«

»Heute zum Beispiel – überhaupt immer, wenn Sie mit der Polizei zu tun haben – nicht wahr?«

»Des stimmt. Aufregungen darf ich nich haben – da kommt der Druck – und das Gedächtnis is wie weggepustet.«

»Sind Sie deswegen denn schon mal freigekommen?«

Er nickte und sagte:

»Allemal! – Was Medizinrat Roemer in seine Schrift da behauptet hat, das hat der – na, wie hieß er doch? – Sehn Se, da setzt es schon wieder aus! – Also auch so eener, der so mit die Sachen vor Gericht zu tun hat – also den seine Gutschrift, ich sage Ihnen, so 'n Ende lang nur über mir – da kann keener ran. – Na, ich tu' ja auch keenen was – aber sehen Se, was die Gans ist …«

»Interessiert uns nicht! Wir wollen von Ihnen hören, was Sie von dem Einbruch in die Tiergartenvilla wissen.«

»Tierjarten? – Da komm ich jar nich hin.«

»Sie waren also nicht dabei?«

»I Jott bewahre!«

»Aber Sie kennen Willy Blech?«

»Blech? – Ne, den kenn' ich nich. Ick kenn' nur den Boxer-Willy.«

»Den mein' ich.«

»Ach so! – Heißt der Blech? – Wir unter uns, wir kennen uns nur so nach die Vornamen.«

»Sie kennen ihn gut?«

»Man so! – Wir haben een Mädchen – det heißt – eijentlich jehört se Otto'n – na, die nimmt's nich so jenau – und Willy sein Freund, was der lange Franz is, war wohl scharf auf ihr. So erklär' ick mir das, daß se eines Tages bei Kohle ins Lokal an mir rankamen – so mit 'm Schmus – und sagten, sie wollten ein Ding drehen und ob ick nich auch mal was verdienen wolle – na und da haben se mir denn mitjenommen.«

»Wann war denn das?«

»Keene Ahnung. – Ich weeß überhaupt nie, was wir for'n Datum haben.«

»Na, so ungefähr. – Winter? Sommer?«

Lutz tat, als ob er nachdachte und sagte:

»Ick glaube bestimmt, es war in Winter – ick kann mir aber irren, es kann auch im Sommer jewesen sein.«

»Wo war es denn?«

»Wenn ick das sagen soll – so unjefähr, da weiß ich's ja. Immer de Elektrische lang sind wir jeloofen.«

»Welche Elektrische?«

»Des weiß ich nich mehr. For Nummern hab ick nur schon jar kein Gedächtnis.«

Der Kommissar wurde von einem Beamten abgerufen. Er gab Frau Inge einen Wink. Sie trat zu ihm zur Tür. Sie wechselten unauffällig ein paar Worte. Dann ging der Beamte hinaus, während Frau Inge wieder in das Zimmer zurücktrat. Sie sah so auffällig wie nur möglich zur Tür, als wollte sie sich überzeugen, daß der Kommissar auch nicht an der Tür stand und horchte. Dann sagte sie:

»So ein Trottel von Kommissar!«

Lutz stutzte und sah sie an.

Frau Inge lächelte Lutz zu und sagte:

»Sie sind noch frecher als wir! – Aber für die da!« – und sie wies wieder zur Tür, hinter der die Beamten saßen, »reicht unsere Schlauheit auch.« – Sie griff in die Tasche und zeigte ihm einen Ring. »Wissen Sie, woher der stammt?«

»Ne, wo soll ich des herwissen?«

»Ich auch nich.«

»Nanu?«

»Da se meinen Emil nun mal hatten, – ich wußte doch, was er alles bei sich hatte, als sie 'n abführten, na, da haben wir uns in unsere beste Kluft geschmissen und haben einen Teil der Sachen als unser Eigentum reklamiert. Na, die Esel sind natürlich darauf hineingefallen.«

Jetzt lachte Lutz ganz laut. Und seine Stimme und der ganze Ausdruck seines Gesichts war ein vollkommen anderer.

»Mensch!« sagte Frau Inge und rüttelte ihn. »Sie verraten sich ja!«

»I Jott bewahre!«

»Wenn Sie nun jemand so sieht!«

»Mir sieht keiner so – und wenn, so sind des nach dem Rat Roemer seine Gutschrift sojenannte lichte Momente. Na, der hat ja studiert und muß et wissen. Dat heißt, ick weiß es auch – das is alles jar nich so einfach – was meinen Se wohl, was die Andern, was so aus meine Kreise sind, mir beneiden.«

»Das läßt sich denken,« sagte Frau Inge.

»Wissen Se was: mit Sie, Fräulein, möcht' ich jern mal 'n Ding drehn. Sie haben so was, was mir reizen kann.«

»Warum nicht?« erwiderte Frau Inge.

Nebenan hörte man die Stimme des Kommissars. Im selben Augenblick war Lutz auch schon wieder der vollendete Trottel, dem außer dem Kommissar und vielleicht dem einen oder anderen Staatsanwalt jeder den § 51 geglaubt hätte. – Und so veränderte er sich jedesmal von neuem, wenn ein Geräusch das Nahen eines Beamten vermuten ließ. – Mit Frau Inge und Häslein sprach er klarer und vernünftiger als die meisten anderen Menschen, bewies Schärfe und Humor, wußte alles, verriet neben einem halben Dutzend Einbrüchen, die er stolz auf sein eigenes Konto buchte, daß an dem Einbruch in die Tiergartenvilla außer Willy und Franz auch Franz' Bruder beteiligt gewesen sei und daß man nur in dessen Wohnung zuzugreifen brauchte, um beide zu bekommen.

Soviel verriet er, daß Frau Inge später, als der Kommissar sie fragte:

»Na, hat's geklappt?« erwiderte:

»Fast zu gut. – Denn es widerstrebt mir, Ihnen alles wiederzuerzählen, was er mir als Kollegin vertrauensselig erzählt hat.«

»Sie haben sich jedenfalls überzeugt, daß nicht alle Verbrecher Engel oder« – er wandte sich an Häslein und fuhr fort – »Tiger sind.«


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