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Dreizehntes Kapitel

Der erste Einbruch der fünf Junggesellen verlief äußerst einfach. Etville wußte, daß die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag dem schwedischen Grafen gehörte. Er hatte oft genug versucht, bei Lola einen Programmwechsel vorzunehmen, aber die Valuta hatte sich stets stärker erwiesen als die Liebe. Etville kannte auch die Gewohnheiten des Grafen, über die Lola sich lustig machte. Er hatte einen sehr starken Bartwuchs und wurde vor Nervosität fast toll, wenn er bei Tisch, im Bett oder sonst bei irgendeiner an sich noch so gleichgültigen Gelegenheit an den Wangen, am Kinn, vor allem aber am Hals fühlte, daß seine Haut nicht weich und glatt war. Er verschwand dann, selbst in Situationen, die seine Anwesenheit dringend erforderten, und kehrte nach ein paar Minuten frisch rasiert und gepudert zurück. Er ging nie ohne Serviette, Rasierzeug, Puder und eine kleine Thermosflasche mit heißem Wasser aus und hatte die Gewohnheit, alle paar Minuten mit beiden Händen das Gesicht abzutasten. Lola nutzte diese Manie aus, wenn sie ihn ärgern oder schnell eine Bekanntschaft machen wollte, indem sie mitten im Reden plötzlich innehielt, ihn anstarrte und rief: »Täubchen! ein Haar! mitten auf dem Kinn!« – Der Graf stürzte dann in den Waschraum, und sie war ihn für ein paar Augenblicke los. Auch in Situationen, die sie noch persönlicher trafen, machte sie von diesem Abwehrmittel Gebrauch, wenn sie müde oder schlecht gelaunt war.

Diese Gewohnheit benutzte Etville als Operationsbasis. Töns steuerte das Auto, das ein paar Häuser vor dem Tatort hielt, Etville schloß die Haustür auf, knipste die Treppenbeleuchtung an, öffnete die Flurtür, tat, als wenn er hier zu Hause wäre und bat uns, die Ueberzieher abzulegen.

Timm wies auf einen kostbaren Herrenzobel, der an der Tür hing, Etville sagte:

»Stimmt! der schwedische Graf! Nun heißt es, ihn hinauszubekommen.« Er schlich, gefolgt von uns, den Korridor entlang und flötete mit verstellter Stimme durch das Schlüsselloch:

»Tralalá!« – und da keine Antwort kam, so wiederholte er: »Tralálalála!«

Im Bett entstand eine Bewegung, deutlich ertönte Lolas Stimme:

»Täubchen! ein Haar! mitten auf dem Kinn!«

»Wie kannst du das sehen – bei der Dunkelheit?«

»Ich fühle es! Du hast mir wehgetan! Die ganze Haut brennt! – O dieser schreckliche Bart!«

Der schwedische Graf stürzte aus dem Bett, griff nach einem Lederetui, das auf einem Stuhl vor dem Bett lag, rief:

»Verzeih, mein Herz! ich bin gleich wieder da!« und stürzte aus dem Zimmer in den Baderaum. – Im selben Augenblick öffnete Lola die Tür. Als sie vier elegante Pyjamas mit Masken vor sich sah, die stark nach Guerlain Muschico, ihrem Lieblingsparfüm, rochen, sagte sie in ihrer ersten Ueberraschung:

»Kinder! Ist denn heut Fasching?«

»Ja!« sagten wir. »Rate, wer wir sind!«

»So etwas bringt nur Ferdinand fertig.«

»Erraten.« sagte Timm, der so wenig wie die Andern wußte, wer Ferdinand war – und umschlang sie. Und während Etville die Tür zum Bad verschloß und den Schlüssel zu sich steckte, räumten wir auf, indem wir sämtliche Sachen des Grafen und Lolas Schmuck und Pelze an uns nahmen. In der Dunkelheit sah sie nicht, was vorging, zumal sich Timm so intensiv mit ihr beschäftigte, daß sie laut kicherte und rief:

»Ich muß dir sagen, Ferdinand, wenn ich durch dich den Grafen verliere, das kostet dich eine Stange Geld.« – Statt eine Antwort zu geben, schien er sie zu liebkosen. – »Und dann, Ferdinand,« fuhr sie fort, »wen hast du denn da alles mitgebracht?«

»Was gibt es da?« erklang von nebenan die Stimme des Grafen.

»Es ist schon erledigt!« erwiderte Timm, ließ Lola los und folgte uns auf den Flur.

Was dann geschah, erfuhren wir nie. Denn unser Bote, der ihr am nächsten Tage die Sachen und einen Brief folgenden Inhalts:

 

Sehr verehrtes Fräulein!

Für die Störung von heute nacht bitten wir vielmals um Entschuldigung. Wir sind Anfänger und es handelte sich um eine Uebung. Indem wir Ihnen die entwendeten Gegenstände wieder zustellen, bedauern wir, Ihre Nachtruhe gestört zu haben. Als Ausgleich für den verursachten Schrecken erlauben wir uns, eine Fünfzigdollarnote beizufügen.

In vorzüglicher Ergebenheit D. J.

 

brachte, hielt sich nicht lange bei Lola auf, da die Kriminalpolizei gerade dabei war, »Licht in die dunkle Affäre« zu bringen.

Nur soviel erfuhren wir, daß der schwedische Graf am nächsten Mittag Ferdinand im Vestibül des Hotel Adlon stellte, ohrfeigte und am darauffolgenden Morgen um sechs Uhr in die linke Hüfte schoß.


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