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Elftes Kapitel

Auch bei den anderen Hausbewohnern zeitigte der Einbruch eine zum mindesten ungewöhnliche Wirkung. – Daß Frau Inge staunend vor dieser Welt des Verbrechens stand, war nur zu verständlich. Dieser sogenannte »Abschaum der Menschheit« verblüffte sie durch ein Maß von Menschlichkeit, wie sie es in ihren Kreisen längst nicht mehr fand. Konvention und Materialismus, die Wahrzeichen der modernen Zeit, von denen allein dieser »Abschaum« unberührt blieb, waren die Seelentöter der Menschheit. Und der Tod der Seele war Tod der Persönlichkeit – mit ihm hatten Welt und Leben ihren Reiz verloren.

Und nun traten ihr in diesen Verbrechern Menschen entgegen, die, man mochte über sie denken wie man wollte, zum mindesten Persönlichkeiten waren. Die Dirne stärker noch als der Verbrecher. Aber Frau Inge war bei aller Ueberlegenheit des Geistes doch zu sehr Weib, um ihr Interesse nicht in erster Linie auf den Mann zu richten. – Unter allen Männern, die ihr bisher erreichbar waren, hatte sie keinen gefunden, dessen Charakter ihr nach kurzer Zeit noch ein Rätsel aufgab.

Aber diesen Verbrecher in eine gesellschaftliche Position zu heben, ohne der Persönlichkeit Gewalt anzutun, war ein Experiment, das sie reizte.

Als Frau der Tat war ihr der Gedanke, daß dieser Willy vermutlich auf Jahre der Freiheit und somit ihrem Eingriffe entzogen würde, unerträglich. Sie erwog, ob es zu ändern ging. Zwecklos war es, Staatsanwalt oder Richter damit zu bemühen. Die verstanden sie nicht, und wenn sie verständen, was sie vorhatte, so waren sie gehalten, nach dem Gesetz zu handeln. Vielleicht, daß Töns, der jeden kannte, Rat wußte. Sie versuchte, ihm ihre Absicht klarzumachen. Er verstand sie auch und meinte:

»Was Sie reizt, versteh' ich, obschon ich den Geschmack nicht teile. Ich bin für Buntheit. Im Tierreich wie im Menschenreich. Wenn Sie aus den Verbrechern auch noch gute Bürger machen, wird das Bild der Welt noch langweiliger.«

Frau Inge fiel die Sprache Töns', der sonst ganz knapp und sachlich war, auf. Sie gab dem auch Ausdruck, und Töns erwiderte:

»Das kommt durch Sie, Baronin.«

»Durch mich? Ich glaubte gerade von Ihnen, daß Sie – nicht wie die Anderen sind.«

»Stimmt! wenigstens insofern, als ich nicht in Sie verliebt bin. – Sie nehmen mir das nicht übel?«

»Im Gegenteil! es macht Sie mir sympathisch.«

»Ich bin nun mal überlegt und nüchtern.«

»Gerade das schätze ich an Ihnen.«

»Immerhin – so ganz geheuer ist die Sache auch bei mir nicht. – Ich denke zu viel an Sie – na, ich werde schon mit mir fertig werden. – Für den Augenblick genügt es mir, in Ihrer Nähe zu sein.«

»Sie sprechen beinahe wie die Anderen.«

»Ich merke es selbst. – Also, Baronin, ich soll Ihnen helfen?«

»Ja! Wie bekomme ich diesen Verbrecher frei?«

»Unmöglich! Und wenn Sie ihm ein Dutzend Anwälte stellen, bekommt er seine drei Jahre Zuchthaus.«

»Ich habe noch immer durchgesetzt, was ich wollte.«

»Dann haben Sie sich bisher leichtere Aufgaben gestellt.«

»Das bezweifle ich. – Kennen Sie den Minister? Wollen Sie mir zuliebe zu ihm gehen?«

»Gern – aber es ist zwecklos – selbst, wenn Sie mitkommen und ihn persönlich bitten. Er, wie jeder Andere, kann in diesem Falle gar nichts tun.«

»Gibt es denn keine Begnadigung?«

»Erst nach der Verurteilung. Aber ich glaube kaum, daß der Präsident …«

»Der tut es nicht.«

»Nun also! – Sie müssen sich die Sache aus dem Kopfe schlagen.«

»Ausgeschlossen!«

»Was haben Sie überhaupt mit ihm vor?«

»Nichts Bestimmtes! – Ich empfinde das Ganze als eine Ungerechtigkeit. Wenn man diesem Willy Lebensmöglichkeiten gibt, wie Millionen Andere sie haben, so wird er nicht mehr gegen das Gesetz verstoßen. Genau wie die Millionen Anderer, sobald man ihnen diese Lebensmöglichkeiten entzieht, sehr bald mit dem Gesetz in Konflikt kommen werden.«

»Das war immer so und wird nie anders werden.«

»Möglich! – Für mich handelt es sich um die Person – nicht um die Sache.«

Töns schien betroffen und erwiderte:

»Hm – dann allerdings!« Und nach einer Weile fuhr er fort: »Sie lieben ihn?«

»Wie dumm, Töns!«

»Also nicht?«

»Gibt's denn gar nichts anderes?«

»Zwischen Ihnen und einem Manne? – nein!«

»Er interessiert mich.«

»Das ist bei Ihnen schon viel.«

»Sehr viel.«

»Und Sie könnten sich vorstellen, daß Sie ihn …?«

»Ich stelle mir in Dingen, die mit Liebe zusammenhängen, grundsätzlich nichts vor, sondern lasse sie auf mich wirken. Das Interesse an sich besagt noch gar nichts.«

»Und trotzdem läßt es Ihnen keine Ruhe.«

»Ja, begreifen Sie denn nicht, daß man sich in diesem Jammertal der Langeweile an jeden Strohhalm klammert, wenn einem irgendwo die noch so entfernte Möglichkeit winkt, sich zu zerstreuen?«

»Gewiß begreife ich das. – Sie sind unzufrieden mit sich. Sie sollten sich betätigen.«

Frau Inge schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! Etwa einen Modesalon? Eine Kunsthandlung? Ein Säuglingsheim? Eine Hilfsstelle für gefallene Mädchen? Einen Barbetrieb? – Alles ist heute auf demselben Mist gewachsen! Ich kann nichts mehr ernst und nichts mehr wichtig nehmen.«

»Vielleicht, wenn Sie Kinder hätten.«

»Dazu wäre ein Mann nötig, den man liebt, sonst bleiben einem die Kinder ewig fremd. Und dann: Wer seine Kinder lieb hat, läßt sie heute ungeboren.«

»Aber Sie sind doch nicht abgestumpft! Die Musik, die Pflege Ihres Aeußern sind doch Dinge, die Sie nicht missen möchten.«

»Daß ich meinen Körper pflege und mich gut anziehe, ist gar nichts Gedankliches; es ist genau so untrennbar von meiner Person wie meine Manieren, hat also damit gar nichts zu tun.«

»Vielleicht, wenn Sie Macht hätten!«

»Sie meinen, eine Position wie Sie? Nein! Ich könnte mir denken, daß es mich reizt, sie mir zu schaffen. Heute freilich, wo die Wege zur Macht genau so schief sind wie zum Reichtum, reizt auch das mich nicht.«

»Bleibt also nur Willy.«

»Für den Augenblick, ja!«

»Was haben Sie?« fragte Frau Inge, und er erwiderte:

»Eine Idee!« – Er gab ihr ein Zeichen und ging mit ihr auf den Flur. Da es dunkel war, so nahm er sie bei der Hand.

»Darf ich nicht wissen?«

»Sie werden gleich sehen. – Kommen Sie nur!« – Er führte sie die kleine Treppe hinauf, den Flur entlang und öffnete die Tür zu Fridas Zimmer.

Frida saß aufgerichtet in ihrem Bett und weinte bitterlich. Ihr Kummer war so groß, daß sie über den sonderbaren Besuch nicht übermäßig erstaunt schien.

»Erraten Sie, weshalb wir kommen?« fragte Töns, und sie erwiderte schluchzend:

»Etwa Willys wegen?«

Töns sagte:

»Ja!« und Frau Inge fragte:

»Wie kommt sie nur darauf?«

»Weil auch die Tränen ihm gelten,« erwiderte Töns, und zu Frida gewandt fuhr er fort: »Also Kind, Ihr Kummer ist auch unser Kummer.« – Und als sie daraufhin noch lauter schluchzte, sagte er: »Wir sind uns klar darüber, daß etwas geschehen muß.«

»Was soll denn geschehen?« fragte sie. »Wo er doch sitzt.«

Frau Inge war so überrascht, daß sie fragte:

»Ja, Frida, Sie kennen ihn doch gar nicht!«

»Darum liebe ich ihn doch – Frau Baronin haben ihn ja so schön geschildert.«

»Und daraufhin …?«

»Ja! – so 'ne Männer lieb' ich!«

»Unbegreiflich!« sagte Frau Inge, und Töns flüsterte ihr zu:

»Viel genauer, Baronin, kennen Sie ihn auch nicht.« Dann setzte er sich zu Frida aufs Bett, nahm ihre Hand und fragte:

»Ja, Frida, was wollen Sie tun?«

»Ich wüßte schon.«

»Hm,« meinte Töns. »Ich auch.« – Er schob ihr einen Stoß Banknoten unter das Kissen und sagte: »Auf alle Fälle.«

Aber Frida erwiderte:

»So nicht! – Es geht – oder es geht nicht. Das hängt nicht von dem da ab« – und sie schob ihm die Noten wieder zurück.

Töns sah es Frau Inge an, daß sie den Weg nicht billigte. Er flüsterte ihr zu:

»Baronin, es geschieht ganz unabhängig von uns.«

Aber Frau Inge trat jetzt dicht an Fridas Bett, legte ihr die Hand auf die Stirn und sagte:

»Sie dürfen das nicht tun, Frida. – Wenn Sie ihn auch lieb haben. – Schließlich ist er doch ein Verbrecher.«

»Das glauben Frau Baronin ja selber nicht,« erwiderte Frida und sah mit ihren großen blauen Augen so treuherzig zu Frau Inge auf, daß die erwiderte:

»Nun ja, das mag ja sein. – Aber es ist ja doch aussichtslos.«

Frida lächelte nur und schüttelte den Kopf.

»Wir wollen sie schlafen lassen,« sagte Töns und ging mit Frau Inge hinaus.

Als sie draußen waren, sagte Frau Inge:

»Ein sonderbares Wesen, diese Frida.«

»Sie wäre als Medium ein Phänomen!«

»Ich glaub's, denn das Unbewußte ist in ihr das Stärkere.«

»Darum gelingt es ihr vielleicht.«

»Und wenn es mißlingt? Tragen wir nicht die Verantwortung? Ist es nicht unsere Pflicht, sie zurückzuhalten?«

»Sie können es nicht! – Und wenn Sie es tausendmal wollten!«

»Sonderbar,« sagte Frau Inge. »Ich kam hierher, weil ich annahm, unter fünf so verschiedenen Typen, wie Sie es sind, wenigstens einen interessanten Fall zu finden. Nach fünf Minuten sah ich, daß ich mich getäuscht hatte. Statt dessen finde ich in einer Zofe, einem Verbrecher und einer Dirne drei Menschen, mit denen sich zu beschäftigen der Mühe lohnt.«

»Ich glaube doch, das liegt nur daran, daß diese Art Menschen uns völlig fremd sind. Wie wir sie, so werden sie uns vermutlich ganz ungeheuer interessant und eigenartig finden.«

»Nein!« widersprach Frau Inge und lachte laut: »An Ihnen und mir und Ihren Freunden wird kein Mensch eine Eigenart entdecken! Höchstens, wenn die Mode sich ändert, bekommen wir ein anderes Gesicht.«

»Sie haben recht, Baronin! Für mich trifft es zu, für Sie nicht!«

»Für mich genau so! – Schlafen Sie wohl!«

Töns küßte ihr die Hand und sagte:

»Gute Nacht!«


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