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Neunzehntes Kapitel

Die Zähmung des Raubtiers bereitete keinerlei Schwierigkeiten. In den ersten acht Tagen beschäftigten sich offiziell nur Frau Inge und Töns mit ihm. Die Besuche, die Frida ihm abstattete, waren geheim, ohne dadurch Frau Inge verborgen zu bleiben.

Frau Inge arbeitete täglich drei Stunden mit ihm englisch. Die meiste Zeit ging freilich damit hin, ihn bei der Stange zu halten. Nicht, daß das Lernen ihm schwer fiel, er zeigte sogar Sprachbegabung – aber Lust und Ausdauer fehlten, und er erklärte jeden Tag:

»Lieber zwölf Stunden boxen, als eine Stunde englisch.«

Mit dem an sein Schlafzimmer grenzenden Raum und Dachgarten, die mit allem Raffinement für Boxzwecke eingerichtet waren, freute er sich wie ein Kind, ging sogar des Nachts mehrmals hinein, nur um sich an dem Anblick zu erfreuen und trainierte tatsächlich an der Hand von Lehrbüchern, die ihm Töns brachte, den ganzen Tag über.

Während ihm Frau Inge Englisch und Manieren beizubringen suchte, gab Töns sich Mühe, ihn sein Deutsch vergessen zu lassen. Er redete ihn mitten beim Training, oder wenn er beim Essen saß, in deutscher Sprache an, und belohnte ihn mit besonders guten Zigarren, wenn er statt deutsch zu antworten, den Kopf schüttelte und erklärte:

»Ich nix verstehen Eure Sprach.«

Schon am ersten Nachmittag erschien Töns mit Franz Linke, der seit zwanzig Jahren sein Friseur und Vertrauter in allen Liebessachen war, bei ihm und versuchte, ihm mit Hilfe von Frau Inge klarzumachen, daß Mr. Williams auch äußerlich keine Aehnlichkeit mit dem berüchtigten und gesuchten Einbrecher Willy Blech haben dürfe.

»Entstellen lasse ich mich nicht!« rief Willy, und Frau Inge sagte lächelnd:

»Wir wollen Sie ja noch schöner machen.«

»Den Frauen gefalle ich so.«

»Ich könnte mir vorstellen,« erwiderte Frau Inge, »daß Sie mir anders noch besser gefallen.«

»Das is Ihnen ja ganz gleich.«

»Warum glauben Sie, daß ich mir dann die Mühe mit Ihnen gebe?«

Willy lächelte und sagte:

»Ich mache Ihnen Spaß.«

»Noch nicht!« erwiderte Frau Inge. »Aber ich hoffe, noch viel Freude an Ihnen zu erleben.«

»Sie wollen doch selbst nicht, daß man Sie erkennt,« sagte Töns.

»Die Frauen schon,« erwiderte er.

»Die müssen sich von nun an eben in Mr. Williams verlieben. Und da Willy von gestern aufgehört hat, zu existieren, so brauchen Sie auf ihn auch nicht eifersüchtig zu sein,« erklärte Frau Inge, und zu Linke gewandt fuhr sie fort: »Also! Was machen wir mit ihm?«

»Den Kopf glatt rasieren.«

Willy ging wie ein Tiger auf Linke los, packte ihn und rief:

»Dussel!«

Linke, der ein eifriger Sportsmann war, setzte sich unvorsichtigerweise zur Wehr und war, ehe Frau Inge oder Töns es verhindern konnten, knockout.

Willy strahlte, während Linke sich auf dem Boden wand und wimmernd sagte:

»Der Kerl ist nicht von schlechten Eltern.«

Der Friede wurde unter folgenden Bedingungen geschlossen: Willys Scheitel fällt. An seine Stelle tritt durch tägliches Brennen krauses Negerhaar. Das Rasieren hört auf. Der Bartwuchs wird durch keinerlei Eingriff behindert, es wird im Gegenteil versucht, ihn zu fördern. Auch die bräunliche Hautfarbe wird durch künstliche Mittel nach Möglichkeit noch verdunkelt.

»Ihr macht ja ein Raubtier aus mir,« sagte Willy, und Töns erwiderte:

»Wenn das gelingt, haben Sie gewonnen.«

Linke, dessen Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit während Töns' Sturmjahren erprobt war, bekam den Auftrag, täglich zweimal zur Behandlung Mr. Williams' zu erscheinen.

»Sie haben nicht nur den Auftrag, auch die Verantwortung,« erklärte Frau Inge. »Wollen Sie es übernehmen?«

Linke dachte einen Augenblick nach und sagte:

»Unter einer Bedingung.«

»Nämlich?«

»Daß Mr. Williams jeden Tag zehn Minuten lang mit mir boxt.«

»Hat dir das so gefallen?« fragte Willy, und Linke, der ein ganz geschwollenes Gesicht hatte, erwiderte:

»Passen Sie mal auf, ich revanchier' mich.«

Da lachte Willy laut auf und sagte:

»Sechse wie du – und zwar in keine fünf Minuten.«

Von einem der nächsten Tage an boxten wir Alle vor- und nachmittag eine halbe Stunde lang mit Mr. Williams. – Karl Theodor Timm begrüßte ihn wie einen alten Bekannten, und der anfangs verdutzte Willy zeigte sich klüger, als Frau Inge dachte und ging darauf ein.

»Hau du ji du?« erwiderte er ein über das andere Mal und drückte ihm dabei so kräftig die Hand, daß Timm die Zähne aufeinanderbiß und erwiderte:

»Du bist aber verdammt kräftig geworden, du Mistvieh!«

»Timm!« fuhr ihn Etville an. »Benehmen Sie sich.« Timm griente und erwiderte:

»Das Tier versteht ja keine Silbe deutsch – schöner bist du nicht geworden.«

Da verzog Willy das Gesicht, und Töns und Frau Inge fürchteten, er würde aus der Rolle fallen. Willy aber zeigte die Zähne, bewegte die Nasenflügel, rief:

»Du auch nix!« und drückte ihn so stark, daß er laut aufschrie und in die Knie sank.

»Hier ist man ja seines Lebens nicht sicher,« sagte Timm.

»Boxe!« erwiderte Willy und stellte sich in Kampfstellung.

»Das könnt' dir so passen, Mistvieh!« erwiderte Timm und retirierte.

Rolf trat vor und überschüttete Willy mit einem englischen Redefluß. Es war eine Art Hymne auf den Boxsport und dessen würdigen Vertreter Mr. Williams, von der Willy kein Wort verstand. Er griente mal und machte dann wieder ein ernstes Gesicht – und zwar regelmäßig an den falschen Stellen. – Rolf stellte ihm eins seiner Autos, Etville seinen Whisky und seinen Diener, ich meine Zigarren und Zigaretten und Karl Theodor Timm seine Romane zur Verfügung.

Willy nickte zu allem, sagte:

»Englisch bitte – deutsch nix,« und drückte abwechselnd einem nach dem andern die Hand, bis wir schließlich zur Notwehr schritten und sämtlich mit den Händen in den Taschen dastanden. – Rolf erzählte auf englisch einen Witz. Und da alle lachten, so glaubte Willy, man mache sich über ihn lustig und versetzte Rolf eine schallende Ohrfeige. Der wankte entsetzt zurück, und Frau Inge meinte:

»Ja, meine Herren, ein Boxmeister aus Haiti ist etwas anderes als eine Maniküre aus dem Esplanade! An diese Art Liebkosungen werden Sie sich von nun an wohl gewöhnen müssen« –

Ich hatte den Eindruck, daß wir alle froh waren, als wir kurz darauf den Käfig des Tigers verlassen und in unsere Zimmer zurückkehren konnten.

»Ein kapitaler Kerl!« sagte Rolf, dessen rechte Wange glühte, und Timm erwiderte:

»Ein großer Lump wie alle Neger! – In ganz Haiti bekannt wie ein bunter Hund, aber ein Boxer, im Vergleich zu dem sämtliche deutsche Meister ein Dreck sind.«

»Ich glaube, er wird große Anforderungen an uns stellen,« sagte ich, und Etville erwiderte:

»Wir werden doch nicht etwa noch solider leben müssen, als wir es mit Rücksicht auf die Baronin schon jetzt tun?«

»Ich fürchte, ja – wenigstens, was Frauen und den Alkohol betrifft,« erwiderte ich.

»Dann schließe ich mich von dem Boxen aus,« erklärte Etville.

»Mensch!« fuhr Rolf ihn an. »Diese Gelegenheit willst du dir entgehen lassen? Wenn wir mit diesem Williams plötzlich an die Oeffentlichkeit treten, so wird das unser Prestige um weitere ungezählte Pfunde heben.«

»Daran liegt mir verdammt wenig,« erwiderte Etville. »Ich lebe zu meinem Vergnügen und nicht zu dem Anderer.«

»Man lebt nun mal unter Menschen,« erwiderte Rolf – »ob das angenehm ist oder nicht, ist eine andere Frage. Also muß man auch eine Rolle spielen! Die einen auf der Bühne, wir, die ein gütiges Geschick nun einmal in die große Welt hineingestellt hat, in dem Welttheater.

»Red' nicht so geschwollen,« sagte Etville, und Töns erwiderte:

»Das hat nur Sinn, wenn es ohne Absicht geschieht, wie bei den wirklich Großen.«

Darin war uns Frida über, die alles ohne Absicht tat. Sie verbrachte jede freie Viertelstunde bei Willy und war froh, wenn sie, ohne ein Wort zu sprechen, nur in seiner Nähe stehen und seinem Training zusehen durfte, und ihr Glück war voll, wenn er zu ihr sagte:

»Es geht noch mal so gut, wenn du da bist,« oder »ich habe schon immer gedacht, wo du wohl steckst.«

Frida war auch die Einzige, mit der er deutsch sprechen konnte.

»Wenn ich dich nicht hätte,« sagte er schon nach den ersten Tagen, »würde ich bald nicht mehr wissen, wer ich bin.«

»Wenn es nur gut abläuft,« erwiderte Frida. »Manchmal habe ich Furcht um dich.«

»Hier sucht mich niemand.«

»Dieser Burg – ich weiß nicht – er sieht mich immer so an, als merkte er was.«

»Wovon?«

»Das weiß ich nicht. – Heut' nacht wieder.«

»Was war'n da?«

»Er war an deiner Tür.«

»Daß ich ihm nicht das Genick breche!« – Er sah sie an und fragte: »Wo warst denn du?« Frida errötete und sagte:

»Nur so – man is doch mal unruhig – dann seh' ich nur mal so hinein zu dir – du mußt nicht denken, daß ich es aus einem anderen Grunde tue – nur eben so für meine Ruhe.«

»Ich hab' dich nicht gehört.«

»Ich bin sehr leise.«

»Dummes Ding! Warum bleibst du nich? Wenn man acht Stunden boxt, da schläft man eben.«

»Du schnarchst sogar.«

»Stört es dich?«

Frida schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein – aber wenn du schläfst, bist du unheimlich – wie ein großes, schweres Tier.«

»Da läufst du weg vor Angst, was?«

»Ich sehe zu!«

»Davon haben wir beide nichts.«

»Ich doch.«

»Was schon?«

»Mein Herz schlägt bis da hinauf. – Ein Kerl bist du. Dich trägt niemand weg.«

»Du bist 'n Schaf.«

Er nahm ihre Hand und wollte sie an sich reißen. Sie atmete schwer, machte sich los und sagte:

»Nicht! – Ich habe Angst!«

Er lachte auf, gab ihr einen Klaps und rief:

»Heut' nacht!«

»Nein!« erwiderte sie und lief davon.

Auf dem Flur, dicht neben Willys Zimmer, stieß sie auf Burg.

»Na, Fräulein Frida, was suchen Sie eigentlich immer hier?« fragte Burg sehr freundlich.

»Ich? – Wieso?«

»Nun, wir sind uns, wenn ich nicht irre, hier doch schon öfter begegnet.«

»Ich ängstige mich nachts,« sagte sie, und er erwiderte, indem er auf Willys Zimmer wies:

»Kein Wunder, wenn man mit so einem Tier zusammenhaust.«

Frida lachte und sagte:

»Ihn fürchte ich nicht.«

»Um so besser, erwiderte Burg, nahm sie unter den Arm und wollte zärtlich werden.

»Wieso denn plötzlich?« fragte sie erstaunt.

»Wenn Sie sich mit dem Tier da anfreunden – so, daß er alles für Sie tut …«

»Was ist 'n dann?« fragte Frida.

»Dann kann er, und natürlich auch Sie, viel Geld verdienen.«

Frida zog die Schultern hoch und sagte:

»Geld macht nicht glücklich.«

»Schützt aber gegen Sorgen.«

»Ich hab' keine.«

»Er vielleicht.«

Frida sah ihn ängstlich an.

»Ueberlegen Sie's mal,« fuhr Burg fort. »Er und Sie, das war' doch ein Paar!«

»Das kommt doch nicht so.«

»Wie denn?«

»Das weiß ich nicht. Aber dazu kann man nichts tun. Das kommt entweder so oder gar nicht.«

»Dann prophezeie ich Ihnen, daß eine Andere …«

»Die Gre … –« Sie besann sich und schwieg.

»Irgendeine!« erwiderte Burg. »Auf so ein exotisches Tier fliegt jede moderne Frau.«

»Und dann glauben Sie, daß er mich …?«

»Es hängt nur von Ihnen ab. – Wenn Sie wollen, daß ich Ihnen helfe?«

»Ich traue Ihnen nicht.«

»Das ist ein Zeichen, daß Sie klüger sind, als ich dachte.«

Sie sah ihn groß an und sagte:

»So schlau wie Sie, bin ich nicht.«

»Wenn Sie das wissen, dann handeln Sie auch danach.« – Er nahm sie wieder unter den Arm und sagte: »Kommen Sie auf mein Zimmer.«

»Nein!«

»Dann komme ich zu Ihnen.«

»Das ist dasselbe!«

»Ich will Ihnen ja nur dazu verhelfen, daß keine Andere Ihnen zuvorkommt.«

Sie ging mit ihm in sein Zimmer, setzte sich in einen Sessel, lehnte Wein, den er ihr anbot, ab und fragte:

»Was haben Sie davon, daß ich und Will …« – Wieder besann sie sich rechtzeitig und fuhr fort – »... lliams zusammenkommen?«

»Sie lieben ihn.«

»Das ist meine Sache.«

»Gewiß! Aber ich möchte aus dieser Liebe Kapital schlagen.«

»Schämen Sie sich.«

»Auch das, wenn Sie es wünschen. – Also, Fräulein Frida, wenn Sie halb so schlau wären, wie Sie hübsch sind, so könnten Sie für diesen Sioux-Indianer …«

»Uebertreiben Sie doch nicht.«

»Also! für diesen Haitimulatten eine sogenannte gute Partie sein.«

»Ich? – Ich möchte mal wissen, wodurch.«

»Durch mich! Indem er in mein Geschäft eintritt!«

»Sie reden dummes Zeug.«

»Diesen Laden hier« – und er wies auf die Villa – »meine ich natürlich nicht. Das ist eine aufgelegte Pleite.«

»Haben Sie denn ein Geschäft?«

»Eins der bestgehenden in ganz Berlin.«

»Nicht möglich!«

»Und weshalb sind Sie hier?«

»Drang nach guter Gesellschaft.«

»Aber, was hat das mit Mr. Williams zu tun?«

»Unter uns, Fräulein Frida: Boxen ist doch ein recht ordinärer Sport.«

»Es gehört Mut dazu.«

»Zum Einbrechen auch.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Damit will ich nur sagen, daß nicht alles, was Mut erfordert, vornehm ist.«

»Wenn man doch aber ein Großer in seinem Fach ist.«

»Roh bleibt es darum doch – und was den Mut anbelangt, auf den Sie, scheint's, besonderen Wert legen, für den hätte er bei mir auch Verwendung.«

»Ich weiß nicht, warum Sie das mir erzählen. Sagen Sie es ihm doch selbst.«

»Ich kann mich nicht mit ihm verständigen. – Sie als Frau hingegen haben die Möglichkeit, ihn, ohne viel zu reden, an sich zu fesseln.«

»Und dann?«

»Handelt es sich für Sie darum, ihn sich zu erhalten. Dazu biete ich Ihnen die Hand.«

»Wie können Sie das?«

»Indem wir ihn sofort für unser Unternehmen gewinnen. Als Boxmeister wird er Ihnen sehr bald wieder entgleiten. Hat er bei uns aber erst einmal A gesagt, so sitzt er fest und Sie haben ihn sicher.«

»Gegen seinen Willen würde ich ihn nie halten.«

»Sie sind so mit das Rückständigste an Frauenzimmer, was mir seit Jahren begegnet ist.«

»Ich bin, wie ich bin.«

»Sie müssen im Bett ganz reizend sein, Fräulein Frida.«

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?«

»Da Sie für was anderes leider nicht zu brauchen sind – ja.«

Frida war aufgestanden und sagte:

»Gute Nacht!«

»Da Sie auf Mr. Williams Verzicht geleistet haben …«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Verlassen Sie sich drauf, Sie haben verzichtet. So ein Kerl will gepackt sein. Ihnen empfehle ich einen lyrischen Tenor.«

»Woher wissen Sie, daß ich … Musik so liebe?«

»Dazu braucht man Ihnen nur in die Augen zu sehen.«

»Ist das wahr? Wie müssen die aussehen?«

»Tiefblau! Verträumt! – Verschwommen!« Er stellte das Grammophon an. »Gold und Silber« quiekte der Apparat. – »Bis auf den Grund muß man sehen können.«

Frida wiegte ihren Körper nach der Musik.

»Herrlich! Herrlich!« sagte sie.

Burg legte behutsam den Arm um sie und sagte mit Schmelz in der Stimme:

»So, wie bei dir, Frida! – Genau wie bei dir!«

»Ist das wahr?« fragte sie und folgte willig seiner Führung, als er sie im Walzertakt zur Tür, den Korridor entlang zu Willys Zimmer führte. Immer leiser klangen die Töne des Grammophons, blieben aber bis zu Willys Tür vernehmbar. Da ließ er sie los, öffnete leise, schob sie hinein und sah noch, wie sie im Walzerschritt durch das Zimmer schritt.

Lächelnd ging er den Flur zurück und war zufrieden. Einen Augenblick lang – dann haderte er mit seinem Geschick. Zum Diplomaten geboren, sagte er sich, und verurteilt zum Kammerdiener.

Vor Frau Inges Tür blieb er stehen. »Sei mir nicht böse, schöne Frau,« sagte er vor sich hin, »aber mir war, als wenn dich irgend etwas zu diesem Mr. Williams zog. Er ist für dich erledigt! Denn deine Zofe ist heut' Nacht bei ihm. Kann ich dich nicht besitzen, so soll auch kein Anderer dich besitzen. Schlafe wohl!«

Er streichelte die Tür mit seinen Augen, ging weiter und fühlte selbst nicht, wie verlogen diese Lyrik war. Zwar seine Liebe zur Baronin war echt, aber der Nimbus, mit dem er sie umgab, war letzten Endes doch nichts anderes als ein Mittel und eine Notwehr gegen seine Ohnmacht. –

Frau Inge behandelte Burg, obschon er ihr unsympathisch war, Willys wegen mit Rücksicht. Sie wußte, daß Burg eitel und daher gefährlich war. An Gerissenheit Willy überlegen, war er, sobald er erst einmal Mißtrauen faßte, imstande, ihn aus seiner Zurückhaltung zu locken und die Zusammenhänge aufzudecken.

Aber auch mit Häslein mußte sie rechnen. Daß sie, schon per Kontrolle ihrer Gefühle, unter dem ersten Eindruck einen Dritten, den sie in dieselbe Situation stellte, im Vertrauen hatte, warf sie sich nicht vor. Daß ihre Wahl auf Häslein gefallen war, empfand sie als einen Irrtum, für den sie sich verantwortlich machte. Sie hätte voraussehen müssen, daß Häslein diesen Kerl nur zu beschnuppern brauchte, um kopfüber zu gehen. Was anderes blieb ihr übrig, als auch sie einzuweihen. Mit Töns, Frida und ihr waren es nun vier Mitwisser, die nicht einmal miteinander in Verbindung standen.

Als Frau Inge an einem der nächsten Tage Häslein kommen ließ und ihr erzählte, wer dieser Mr. Williams war, von dem man seit Tagen in sämtlichen Klubs, Hotels und Nachtlokalen heimlich und mit Ehrfurcht sprach, schrie sie:

»Das ist nicht wahr! – Dahinter steckt etwas.«

»Sogar sehr viel!« erwiderte Frau Inge. »Ein Experiment, das an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist.«

»Zu welchem Zweck?« fragte Häslein.

»Um ihn zu retten.«

»Dann versteckt man ihn, stellt ihn aber nicht öffentlich raus.«

»Glauben Sie, er läßt sich verstecken? Vielleicht acht Tage lang. Dann bricht er vor Langeweile auch hier aus.«

»Sie müßten dafür sorgen, Baronin, daß er sich nicht langweilt.«

»Danke! Vielleicht übernehmen Sie das.«

»Schrecklich gern.«

»Und wie stellen Sie sich das vor?«

»Ich nehme ihn zu mir.«

»Als was?«

Häslein sah sie groß an und fragte:

»Trauen Sie mir nicht zu, daß ich einen Mann feßle?«

»Wenn nicht Sie – wer wohl dann?«

»Nun also.«

»Und als was wollen Sie ihn Herrn Rolf vorsetzen?«

»Gar nicht. – Und wenn, dann als meinen Bruder.«

»Gehen wir zu Willy! Fragen wir ihn!«

Linke bearbeitete ihn gerade. Er sah mit den Stoppeln im Gesicht und den gebrannten Locken ganz unmöglich aus.

Häslein gab ihm die Hand und fragte:

»Wie fühlen Sie sich?«

»Wie unsereiner sich nach'm Stück Fisch, zwei Spiegeleiern und 'n Viertelpfund Schinken zum ersten Frühstück fühlt – so weit janz jut. Nur das hier« – und er führte Häsleins weiße Hand in sein Gesicht und ließ sie über die drahtharten Stoppeln gleiten – »stört.«

Häslein war anderer Ansicht. Zwar schmerzte ihre Hand und sie zog sie zurück – aber sie billigte diese Metamorphose zum Raubtier und sagte:

»Ich finde, es steht Ihnen gut. – Das glatte Gesicht und der präzise Scheitel, wie jeder Gent und Kellner ihn trägt, haben Ihre wahre Natur verleugnet.« – Sie fuhr ihm in die Locken. – »Sie wildes Tier!«

Zu ihrem Schrecken behielt sie eine Locke in der Hand und rief:

»Was ist denn das?«

»Schwindel!« erwiderte Linke. »Bis das Haar sich gewöhnt hat, schmuggle ich ein paar falsche hinein, um den andern Halt zu geben.«

»Und das Theater dulden Sie?«

»Nach so'm Frühstück!«

»Könnte ich ihn nicht mal nur ein paar Minuten lang allein sprechen?« fragte Häslein Frau Inge.

»Bitte, fragen Sie ihn selbst,« erwiderte sie. »Mr. Williams ist hier weder Gefangener noch Angestellter. Wir sind stolz darauf, einen Mann, dessen Name sehr bald Weltruf erlangen und dem alle Frauen Europas zu Füßen liegen werden, bei uns zu Gast zu haben.«

»Wenn Sie es so machen – dann freilich,« klagte Häslein. »Dagegen komme ich nicht an.« – Und zu Willy gewandt fuhr sie fort: »Ich wollte Sie nämlich bitten, zu mir zu kommen.«

»Mir jefällt es hier ausgezeichnet.«

»Man mutet Ihnen Dinge zu …«

»Mir? – nich, daß ich wüßte.«

»Diese Boxerei!«

»Geht mir über alles.«

Frau Inge hatte Linke ein Zeichen gegeben und war mit ihm hinausgegangen, während die Unterhaltung in Willys Zimmer weiterging.

»Man liest soviel von Ihnen,« sagte Häslein.

»Von mir?«

»Ja! In den Zeitungen.«

»Ach so! Ueber den Einbruch.«

»Ich meine über Mr. Williams.«

»Auch! – ich weiß!«

»Macht Sie das sehr stolz?«

»Wieso mich?«

»Das sind Sie doch.«

»Aber die Andern setzen es rein – das ist doch Schwindel.«

»Der schief gehen kann.«

»Ich stehe schon meinen Mann. – Noch vier Wochen so'n Training und die Verpflegung – und ich schmeiße Breitensträter.«

»Sie wollen also wirklich?«

»Was dachten Sie'n?«

»Wenn man Sie nun erkennt?«

»Mich? – ausjeschlossen! – Wissen Se, wo ich augenblicklich bin? – Ihnen kann ich's ja verpfeifen! – in Tortuga!«

»Was? – in Tortuga? – wo is'n das?«

»Ach nee! – das is 'ne Verwechslung! – da bin ich ja her! das liegt auf Haiti. – Und sein bin ich in Glasgow – da oben wo – und denken Se an! gestern nacht hat man mich verhaftet – mit Greten! – Was sagen Sie dazu?«

»Ich versteh' kein Wort. – Ist denn die Grete in Schottland?«

»Wieso? – wie soll se'n da hinkommen? – Gott, möglich is es ja – die kriegt alles fertig.«

»Und man hat sie verhaftet?«

»Wen? Greten? – nee! das heißt: ja! genau wie mich – mich haben se auch – in ein Lokal – ich wußte auch den Namen …«

»Willy!« rief Häslein, legte die Hände auf seine Schultern und schüttelte ihn: »Was reden Sie denn da zusammen?«

»Pscht! nich so laut! von wegen Burg. – Sagen Se lieber Williams.«

»Was Sie da erzählen, das war doch alles Unsinn – das wissen Sie doch, nicht wahr?«

»Warum soll ich Ihnen anlügen?«

»Ja, dann sind Sie ja nicht richtig im Kopf!«

»Wat? – Hören Se mal! von wegen so rum, mit Paragraph einundfünfzig, da is bei mir nichts zu machen. Ich hau' mich so durch.«

»Das Boxen bekommt Ihnen nicht.«

»Das sagen Se nich! – Da!« – und er wies auf die Kraftwage: »Ein Zentner zehn heb' ich mehr als vorher.«

»Gewiß! die Kräfte schon – aber da!« – sie wies auf den Kopf. »Die Nerven!«

»Kenn' ich nich.«

»Aber Sie sind doch da! – stehen doch vor mir!«

»Wo soll ich'n sein? – Hören Sie mal, da stimmt was nich!«

»Das sage ich doch.«

»Sehen Sie mir denn nich?«

»Doch! Ganz deutlich! – Man hat Ihnen ein schwarzes Tuch vor die Augen gebunden, nicht wahr?«

»Mir?«

»Ist mit Ihnen umhergefahren – in der Eisenbahn –«

»Nanu!«

»Und hat Ihnen eingeredet, Sie seien in Glasgow.«

»Machen Sie mir nich verrückt!« rief Willy. »Ich weiß schon gar nich mehr – wo ich bin.«

»Sehn Sie, so weit hat man Sie schon. Bald werden Sie ganz verrückt sein.«

»Das scheint mir auch. – Sie oder ich …«

»Sie! – Und ich bin gekommen, um Sie zu retten.«

»Erst haben mir immer alle einsperren wollen und nu auf einmal – reißen se sich alle darum, mich zu retten.«

»Das mit Glasgow is Schwindel! Glauben Sie kein Wort davon!«

»Das wär' ja doll! – Wo mir Herr Töns doch erzählt hat …«

»Der redet alle durcheinander – und hetzt.«

»Ich hab' ja auch gedacht: das kost' doch Geld – und denn gleich zwei – die Grete auch.«

»Es ist die höchste Zeit, daß Sie hier herauskommen! Man rettet Sie vor dem Zuchthaus, indem man Sie ins Irrenhaus sperrt! Das sieht ganz nach Töns aus.«

Willys Gesicht veränderte sich. Die Wangen fielen ein, und die Backenknochen traten noch mehr hervor. Die Stirn zog sich zusammen, und die Augen wurden klein wie Ritzen. Er griff nach einer Bronze, die auf dem Tisch stand, schleuderte sie gegen die Tür und schrie:

»Bande!«

»Der Wahnsinn bricht aus!« sagte Häslein und drückte sich an die Wand.

Gleich darauf stand Frau Inge in der Tür. Willy stand in drohender Haltung ihr gegenüber.

»Aus Ihnen wird nie etwas,« sagte sie in aller Ruhe, ohne nach der Ursache seiner Wut zu forschen – »wenn Sie nicht lernen, sich zu beherrschen.«

Willy sah sie verächtlich an, sagte: »Pfui!« und spuckte auf den Boden.

»Das gehört sich auch nicht,« sagte sie.

»Mit Ihnen, da müßte man Schlitten fahren!«

Häslein kroch aus ihrer Ecke hervor, fühlte sich durch Frau Inge zwar bedrückt, war aber in dem Bewußtsein, Willy auf ihre Seite gezogen zu haben, so froh, daß sie schon Hut und Mantel nahm und sagte:

»Er kommt mit mir!«

»Was haben Sie ihm eingeredet?« fragte Frau Inge, und Häslein erwiderte:

»Nichts! – Sie haben nicht gut an ihm gehandelt.«

»Sie befreien mich von einer großen Verantwortung«, sagte Frau Inge, »und laden sie auf sich.«

In diesem Augenblick kam Töns, das Mittagsblatt in der Hand. Häslein hing sich in Willys Arm, da sie fürchtete, er werde auf Töns losgehen und ihn niederschlagen. Willy riß sich los und stand mit erhobener Faust vor Töns. Der griff in die Tasche und hielt ihm den Revolver vor. Ein Faustschlag Willys auf Töns' Hand, und die Waffe flog zu Boden. Frau Inge trat zwischen beide, sah Willy fest an und sagte:

»Wenn Sie gehen wollen – bitte! Gewalt aber schreckt uns nicht!«

»Er muß bleiben!« erklärte Töns, und zu Willy gewandt, fuhr er fort: »Was ist denn in Sie gefahren?«

»Er glaubt nicht mehr, daß er in Glasgow ist,« sagte Häslein, und Willy fuhr fort:

»Das alles habt ihr mir vorgelogen.«

»So?« – Er entfaltete das Mittagsblatt. – »Hier! lesen Sie! – Die Zeitung ist voll von Ihnen – vorn! hinten! überall! – Sie sollten uns dankbar sein, statt hier Skandal zu machen und den wilden Mann zu spielen.«

Und Willy las die Stellen, auf die Töns wies. Da stand im Sportteil:

 

»Mr. Williams,

der Boxmeister aus Tortuga (Haiti), wird demnächst zum ersten Male in Europa, und zwar vor geladenem Publikum, Proben seiner Kunst geben.«

 

Willy wandte sich an Häslein und fragte:

»Verstehen Sie das?«

Die schüttelte den Kopf und erwiderte:

»Das ist dann eben ein Anderer.«

»Unsinn!« erklärte Töns. »Es gibt nur Einen!«

Und Willy las im Filmteil desselben Blattes:

 

»Der Kuhmelka-Film A.-G. in München ist es gelungen, für ihren neuen Großfilm ›Der Meistereinbrecher‹, Manuskript von Karl Theodor Timm, die dänische Charakterdarstellerin Hete Hegera zu gewinnen. Frl. Hegera ist bereits zu den Aufnahmen in München eingetroffen.«

 

Willys Züge heiterten sich auf. Er sah jetzt nicht mehr Häslein, sondern Töns an und sagte lächelnd:

»Sie sind 'n Aas.«

»Weiter lesen!« befahl Töns, blätterte um und wies auf die zweite Seite. Da stand:

 

» Ein Berliner Einbrecher in Glasgow verhaftet. Bekanntlich war es der Berliner Kriminalpolizei schnell gelungen, den Einbruch in die Tiergartenvilla aufzuklären und den Tätern durch beherztes Zugreifen den Hauptteil der Beute, die bei einem Anatom in der Nähe des Potsdamerplatzes untergestellt war, wieder abzunehmen. Nun ist es, wie uns ein Privattelegramm aus Glasgow meldet, der Zusammenarbeit der deutschen und englischen Kriminalpolizei gelungen, den Haupttäter in der Person des ehemaligen Kesselschmieds Willy Blech mit seiner Berliner Geliebten, Grete Gerson, in einem berüchtigten Nachtlokal der schottischen Hauptstadt festzunehmen. Da beide sich wegen verschiedener in England verübter Straftaten vor dem Glasgower Gericht zu verantworten haben werden, so wird die Auslieferung an die deutschen Behörden erst später erfolgen.«

 

Willy lachte laut und herzlich, sah Häslein, das nichts begriff, überhaupt nicht mehr, nahm Frau Inges Hand, drückte sie und sagte:

»Das is 'n Ding! Und Sie sind 'ne Kanone! Wenn ich Ihre Macht hätte, da gäb's in der ganzen Gegend morgen keinen Perserteppich und keinen silbernen Löffel mehr.«

Frau Inge wies auf die Zeitung und sagte:

»Wir können es widerrufen, wenn Sie wollen.«

»Ne! Ne!« wehrte er ab. »Setzen Sie's lieber noch mal rein.« – Und zu Häslein gewandt, fuhr er fort: »Und Sie, junge Frau, können nach Hause gehen. Heizen brauchen Se das Zimmer noch nich. Ich bleib' erst mal 'ne Weile hier.«

Häslein sah ihn verstört an, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und fragte ängstlich:

»Ja, Herr … Herr … wer sind Sie denn?«

Jetzt begann Frau Inge zu begreifen, wies wieder auf das Blatt und sagte:

»Sie meinen, weil er eigentlich in Glasgow sein müßte? – Man darf nicht alles wörtlich nehmen, was in den Zeitungen steht.«

»Ja … aber …«

»Vermutlich eine Personalverwechselung, die uns zugute kommt. Haben Sie nie gehört, daß jemand, um einem politischen Verbrecher Zeit zur Flucht zu lassen, sich an dessen Stelle festnehmen läßt? Man braucht dazu nicht einmal falsche Papiere. Man macht sich verdächtig, wird verhaftet, hat keinen Ausweis, schweigt und läßt sich von Dritten identifizieren, sobald man weiß, daß der Verfolgte in Sicherheit ist. Während des Krieges habe ich im Ausland solche Fälle Dutzende von Malen erlebt.«

»Was es alles gibt!« sagte Häslein. »Man ist lange nicht gescheit genug.«

»Glauben Sie nun, daß er gut daran tut, hier zu bleiben?« fragte Frau Inge.

»Ganz gewiß!« erwiderte Häslein. »Bleiben Sie nur!« – Sie streichelte seinen Arm. »Und tun Sie alles, was die Baronin sagt.«

Als sie sich zur Tür wandte, nahm Frau Inge sie bei der Hand und sagte:

»Wohin so plötzlich – und ohne uns die Hand zu geben?«

»Sie sind doch böse. – Ich habe mich so dumm benommen.«

»Auf die Absicht kommt es an,« erwiderte Frau Inge – »Sie haben es gewiß gut gemeint.«

»Mit ihm, ja.«

»Nun also! – Und mir wollten Sie auch nichts Böses tun.«

Willy stand noch immer und staunte Frau Inge an:

»Sie sind mein Fall!« platzte er plötzlich heraus. »Mit so 'ne Frau, da kann man alles riskieren – und riskiert doch nichts.«

»Lieber Freund,« erwiderte Frau Inge, »glauben Sie nicht, daß ich eine Art Freibrief für Sie bin. Von dem Zuchthaus befreie ich Sie einmal! Ein zweites Mal nicht.«

»Wenn ich Ihn' bitte, tun Sie's ja doch!«

»Ich schwöre: nein! – Im übrigen: das war, das letzte Mal, daß wir aus der Rolle gefallen sind. Das gilt auch für Sie, Häslein! Willy Blech befindet sich in Glasgow.«

»Wer es nicht glaubt,« erklärte Töns, »dem halten wir dies Blatt so lange unter die Nase, bis ihm die Luft ausgeht.«

»Das tun Se ruhig!« sagte Willy, und Töns fuhr fort:

»Und wer noch einmal Mr. Williams mit diesem Halunken« – er machte absichtlich eine Pause und sah Willy an, der das Gesicht verzog, sich aber beherrschte – »verwechselt, der wird wegen Beleidigung verklagt!«

»Sie sprechen doch englisch, Häslein?«

»Ich war ja über drei Jahre lang in London mit dem Al …«

»Ausgezeichnet!« fiel ihr Frau Inge ins Wort, ehe Häslein den Namen aussprach. »Dann entlasten Sie mich wohl ein wenig und sprechen jeden Tag eine Stunde englisch mit Mr. Williams.«

»Gern,« sagte sie freudig. »Aber spricht er denn …?«

»Er soll es lernen.«

»Dann darf ich also täglich kommen?« fragte Häslein, und Frau Inge erwiderte:

»Ich bitte darum. Und vielleicht – was meinen Sie, Willy?« – der hob zerstreut den Kopf. – »Wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken?«

»Bei Ihnen!«

»Was heißt das?«

»Für Sie, da täte ich alles! und wenn zwanzig Jahre Zuchthaus drauf ständen.«

»Allmächtiger!« entsetzte sich Frau Inge. Aber Töns war glücklich und fragte:

»Seit wann ist denn das? – Erst seit Mr. Williams' Zeiten – oder haben Sie das schon früher gespürt.«

»So richtig eigentlich erst jetzt. – Das was dran is an Ihnen« – wandte er sich mit verblüffender Ungeniertheit an Frau Inge – »was eben an andre Frauen nich is, das hatt' ich gleich raus, schon ins Präsidium.«

»Pscht!« fiel ihm Töns ins Wort und winkte ab. »Das war ja der Andre!«

»Stimmt!« sagte Willy. »Mir is auch lieber, wenn Sie mir …«

»Mich,« verbesserte Töns.

»Sie wissen ja gar nich, was ich sagen will. Ich will sagen, daß mir … mich – jetzt haben Sie mir ganz verwirrt – lieber ist, wenn die Baronin mir nur als Mr. Williams kennt. Sehn Se woll!«

»Dann allerdings«, erwiderte Töns, »läßt sich dagegen nichts sagen. – Aber was fühlen Sie denn nun eigentlich für die Baronin?«

»Das geht Ihnen gar nichts an. – Oder meinen Se, ich habe nicht längst jemerkt – aber ich sage Ihnen, Männeken, in so'ne Sachen bin ich komisch und kenn' kein Pardon – danach richten Se sich jefälligst.«

»Was glauben Sie eigentlich, bei wem Sie hier sind?« fragte Töns.

»Bei Ihn' nich.«

»Sie entwickeln sich ja allerliebst.«

Frau Inge trat dicht an Willy heran und sagte zu ihm:

»Also, lieber Freund, das ist ja natürlich Unfug! Das reden Sie sich ja nur ein.«

»Ich schwöre!«

»Das geht, wie es gekommen ist.«

»Bei mir nicht.«

»Es hat keinen Sinn – weder für Sie, noch für mich.«

»For mir ja.«

»Denken Sie an Grete!«

»Die flimmert.«

»Kein Wort mehr davon – sonst werde ich ernstlich böse.«

»Ich krieg' Ihnen schon.«

»Mr. Williams!« sagte sie bestimmt. »Ich bitte mir aus! Sie sind ein Gentleman!«

»Nee doch!« erwiderte er, und Frau Inge mußte lachen. »Sehn Se!« rief er. »Ich weiß Bescheid.«

Häslein, das unruhig wurde, während Töns sich amüsierte, sagte:

»Ich denke, wir sprechen englisch.«

»Sehr wahr!« erwiderte Frau Inge. »Und, Mr. Williams, solange Sie nicht imstande sind, mir Ihre Liebe auf englisch zu erklären, will ich nichts mehr davon hören.«

»Das müssen Sie mir beibringen, Häseken,« sagte Willy und kniff Häslein in die Wange.

»Und nun beginnen Sie mit dem Unterricht!« wandte sich Frau Inge an Häslein und gab Töns ein Zeichen, die Beiden allein zu lassen.

Als sie zur Tür hinausgingen, rief Willy ihr nach:

»Sie sind sehr helle, Baronin! – Aber in das, was Liebe is, bin ich Sie über.«

Frau Inge lachte und rief zurück:

»Abwarten!«


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