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Achtzehntes Kapitel

Beim Frühstück am Montag morgen eröffnete Töns seinen erstaunten Freunden:

»Ich habe eine Neuigkeit: Mr. Williams aus Haiti ist seit zwei Tagen in Berlin.«

»Wer ist das?« fragte Etville.

Töns lachte und erwiderte:

»Du kennst in fast sämtlichen Hauptstädten der Welt jede Frau, die ein hübsches Gesicht hat – aber Mr. Williams, der berühmte Boxer, ist dir nicht einmal dem Namen nach bekannt.«

Wir alle machten ein dummes Gesicht und sahen uns an.

Töns wandte sich an Rolf und fragte ihn:

»Verstehst du das?«

»Nein!« erwiderte Rolf. »Einen Mann wie Williams kennt man doch« – und er sah dabei Karl Theodor Timm an, der sich grinsend durchs Haar fuhr, die Beine übereinanderschlug und sagte:

»Ich habe vor zehn Jahren auf Haiti drei Monate lang täglich mit ihm geboxt.«

»Ausgezeichnet!« rief Töns. »Da wird er ja eine Freude haben, Sie wiederzusehen.«

»Wo steckt denn der Junge?«

Töns wies zur Decke und sagte:

»Da oben! – Er schläft gerade.«

Karl Theodor schlug die Beine wieder auseinander, zog die Mundwinkel herab, nahm die Scherbe aus dem Auge und sagte:

»Das finde ich recht überflüssig.«

»Erlauben Sie,« widersprach Töns. »Er hat auf meine Veranlassung die Reise nach Europa angetreten, und da ich der Ansicht bin, daß es für Leute aus unseren Gesellschaftskreisen heute genau so dazu gehört, boxen zu können, wie Golf zu spielen oder ein Luftschiff zu lenken, so wird mir jeder Dank wissen, dem ich die Möglichkeit gebe, bei Mister Williams Boxunterricht zu nehmen.«

»Du hast vollkommen recht,« erwiderte Rolf, »und ich beginne noch heute mit dem Unterricht.«

»Ich auch,« erwiderte Etville, »obschon ich verdammt müde bin.«

»Ist dieser Williams etwa ein Neger?« fragte Timm.

»Ich denke, Sie haben mit ihm geboxt?«

»Gewiß! aber es ist zehn Jahre her, und ich habe in meinem Leben soviel geboxt, daß ich natürlich nicht von jedem mehr weiß, wie er aussieht.«

»Er ist ein Mischling,« erwiderte Töns. »Ihr müßt sein Bild doch aus englischen Blättern kennen!«

Und nun entsannen wir uns plötzlich alle und waren froh und stolz, den berühmten Williams in unserem Hause zu haben. Der Wunsch, so bald wie möglich mit dem Training zu beginnen, war allgemein. Aber Töns sagte:

»Zunächst hatte ich die Absicht, Mr. Williams' Kunst nur mir dienstbar zu machen.«

Obschon bis zu diesem Augenblick keiner von uns je daran gedacht hatte, boxen zu lernen, bestürmten wir Töns, als ob ohne Boxunterricht bei Mr. Williams das Leben für uns jeden Sinn verloren hätte.

»Nicht ich entscheide das,« erwiderte Töns. »Mr. Williams ist eigenwillig und hat ein Recht, es zu sein.«

»Ich zahle jeden Preis!« erklärte Rolf.

»Er ist nicht käuflich. Wer Anlage hat und ihm gefällt, dem erteilt er Unterricht.«

»Leg' ein Wort für mich ein!« bat Rolf, und wir alle schlossen uns seiner Bitte an.

»Wo war Mr. Williams denn bis heute,« fragte ich, »wenn er doch schon zwei Tage in Berlin ist?«

»Richtig! Das hätte ich beinahe vergessen. Ich wußte, daß er den Spürsinn eines Polizeihundes hat. Er ist übrigens, wie so viele Boxer, aus der Polizei Haitis hervorgegangen.«

»Er muß hier wohnen bleiben,« erklärte ich, »dann sind wir vor Einbrüchen sicher.«

»Und sparen den Wächter und die Meute.«

»Also«, fuhr Töns fort, »ich holte ihn ab und erzählte ihm sofort von dem Einbruch, nannte ihm natürlich auch die Gegend, in der die Verbrecher wohnen – fuhr ihn sogar hin, und er mietet sich da irgendwo ein. – Was soll ich euch sagen? Heut' nacht lärmt es unten« – wir erinnerten uns jetzt sämtlich, etwas gehört zu haben –, »Frau Inge, Burg und ich stürzen vor die Tür – wer steht da? Mr. Williams, und aus seinem Auto holt er sämtliche Teppiche, die hier gestohlen wurden.«

»Nicht möglich!« riefen wir.

»Er war ziemlich erschöpft, so daß wir ihn zunächst mal da hinauf und ins Bett brachten.«

»Und Frau Inge?« fragte Rolf. »Was sagte die?«

»Die Beiden haben sich sehr gut miteinander verstanden.«

»Spricht er deutsch?«

»Ein paar Verbrecherausdrücke, die er sich in den letzten vierundzwanzig Stunden angeeignet hat.«

»Und sonst?«

»Seine Sprache – und ein paar Brocken englisch.«

»Was ist das: ›seine Sprache‹?« fragte ich.

»Ich weiß nicht,« erwiderte Töns. »Aber ich glaube, irgendein Gemisch von Spanisch und falschem Englisch.«

Etville wandte sich an Timm und fragte:

»Sie sprechen es natürlich?«

»Selbstverständlich!« erwiderte der. – »Das heißt, es gibt da so viele Abarten – ob ich gerade seinen Jargon kenne, weiß ich nicht.«

»Glaubst du, daß man heute schon mit dem Unterricht beginnen kann?« fragte Rolf.

»Ausgeschlossen!« erwiderte Töns. »Mr. Williams muß ein paar Tage lang absolute Ruhe haben. Er hat ausdrücklich darum gebeten. Außer seinem Trainer, Frau Inge und mir will er niemanden sehen.«

Burg hatte, wie üblich, das Gespräch mit angehört. Da mit Frau Bretz vereinbart worden war, daß die Wida G. m. b. H., noch bevor sie offiziell ins Leben trat, als ersten Erfolg die Wiederbeschaffung der gestohlenen Teppiche buchen sollte, so wußte er nun, daß dies Geschäft durch die Tätigkeit Mr. Williams' gescheitert war. Mit einem begreiflichen Gefühl des Unbehagens stand er diesem neuen Gast gegenüber.

In den großen Berliner Hotels verbreitete Rolf noch am selben Vormittag, daß wir uns für unser Training den berühmten Boxlehrer Mr. Williams aus Haiti verschrieben hätten, – und am Abend desselben Tages beschlossen sämtliche Berliner Klubs von Rang, Boxkurse einzurichten und durch Fühlungnahme mit uns den Versuch zu machen, Mr. Williams als Lehrer zu gewinnen. Der Unzahl von Anfragen, die sofort, auch von Einzelpersonen, die Privatunterricht suchten, eingingen, erwehrten wir uns durch ein Inserat in sämtlichen Sport- und einer Reihe großer Tageszeitungen, in dem Mr. Williams aus Haiti mitteilte, daß er lediglich, um mit ein paar Berliner Freunden zu trainieren, nach Berlin gekommen sei. – Das hielt nicht ab, erhöhte vielmehr den Reiz, zu diesen Auserwählten zu gehören. –

Frau Inge war nach dieser Nacht zum erstenmal nicht bei Tisch erschienen. Zwar hatte sie sich gegen Morgen hingelegt, aber keinen Schlaf gefunden. Als Ergebnis der letzten vierundzwanzig Stunden, von denen sie so viel erwartet hatte, blieb, daß sie um eine Enttäuschung reicher war. Den fünf Junggesellen, die bei aller Verschiedenheit der Charaktere in ihrer Art doch nur Durchschnitt waren, stand sie vom ersten Tage an gleichgültig gegenüber. Selbst wenn man aus diesen fünf Menschen einen formte, der nur deren gute und starke Eigenschaften besaß, kam keine Persönlichkeit heraus, die stark genug war, um sie zu fesseln.

Dieser Mann trat ihr zum erstenmal in dem Verbrecher Willy Blech entgegen. In ihm glaubte sie eine Persönlichkeit gefunden zu haben, die man aus ihrer Sphäre in jede andere heben konnte, ohne daß sie ihre Eigenart aufgab. Dieses Experiment reizte sie.

Aber schon bei der zweiten Begegnung kamen ihr Zweifel. Was war dieser Mann ohne Grete Gerson? Die blieb auch unter anderen Menschen und veränderten Verhältnissen sie selbst und zwang einen, Stellung zu nehmen – für oder wider sie, immer aber unter dem Eindruck, es mit einer Persönlichkeit zu tun zu haben, der gegenüber man nicht gleichgültig blieb wie etwa den fünf Junggesellen gegenüber. Bei Willy Blech hingegen war es physische Kraft, Unverfälschtheit, Bodenständigkeit, Erdgeruch – alles das wirkte zusammen wie eine Naturkraft, und war doch mehr ein Koloß, den die feine Federung eines Frauenherzens wie eine Drahtpuppe hin und her bewegte.

Indem sich Frau Inge, die sich nicht, wie die meisten Frauen, selbst belog, dies gestand, war an die Stelle des Erlebnisses, das sie suchte und glaubte, endlich gefunden zu haben, ein interessanter Fall getreten. Das war nicht viel – immerhin mehr als sie von den fünf Junggesellen erwarten durfte.

Ein Erlebnis versprach Grete Gerson. – Frau Inge wunderte sich über sich selbst, daß sie nicht danach griff. Sie brauchte diese Frau nur richtig in das Leben der Fünf einzustellen, und die Möglichkeiten, die sich ergaben, waren unabsehbar. Sie konnte hier geradezu revolutionierend wirken. Was sie von diesem Experiment zurückhielt, wußte sie sich selbst nicht zu erklären. Furcht vor Katastrophen? Wenn sie sie auch nicht suchte, so fürchtete sie sie auch nicht. Die Gefahr lag nahe, daß die elementare Kraft, die von dieser Frau ausging, den Fünf ihr Scheindasein enthüllte – so scharf und rücksichtslos, daß die Entthronten, was ihr Leben ausfüllte, sinnlos fanden und sich im Anblick ihrer Nichtigkeit vor sich selbst entsetzten. Behielt Frau Inge in diesem Spiel die Führung, wies sie ihm Richtung und Ziel, so war am Ende das Leben der Fünf in ihre Hand gegeben. Steigerte sie die Erkenntnis zum Ueberdruß, den Ueberdruß zum Ekel, so blieb ihnen als einzige Rettung vor sich selbst der Tod. In ihm lag Größe, die einzige, deren sie vielleicht noch fähig waren. Was hielt sie also ab, das Leben dieser Menschen auf diese ihnen allein erreichbare Höhe zu führen? – Es gelang ihr nicht, sich darüber klar zu werden, was sie zurückhielt, um diese Tragödie sich abspielen zu lassen.

Als Töns, unter Hinweis auf Willy Blech, sie fragte:

»Was versprechen Sie sich davon?«

»Einen Schwank! – Im besten Falle eine Komödie!« erwiderte sie.

»Und wenn es eine Tragödie wird?«

»Leider fehlt mir der Mut dazu.«

»Wieso Ihnen? – Glauben Sie wirklich, es in der Hand zu haben?«

»Halten Sie Willy für eine tragische Figur?«

»Nein! – aber ich fand, daß Sie ihn übermäßig ernst nehmen.«

»Längst nicht mehr. Nun, wo die Grete fort ist, wird es vermutlich ein Gesellschaftsspiel.«

»Ich verstehe kein Wort.«

»Vielleicht, wenn Sie darüber nachdenken. – Oder glauben Sie nicht, daß diese Grete Ihnen hätte gefährlich werden können?«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Mein vollkommener.«

»Sie meinen, ich hätte mich in sie verliebt?«

»Dazu fühlen Sie längst nicht mehr unmittelbar genug. – Und wenn sich wirklich etwas für die Frau in Ihnen geregt hätte, so wären tausend Vorurteile laut geworden, mit denen Sie es niedergekämpft hätten.«

»Ist das vielleicht ein Fehler?«

»Für Sie nicht! Und für Ihre Freunde schon gar nicht. Bis Ihr Gefühl sich zu dem Objekt seiner Liebe durchgekämpft hat, muß es aus gesellschaftlichen Rücksichten so viel Prüfungen durchmachen, daß es schon erheblich abgekühlt ist, bis es an sein eigentliches Ziel kommt.«

»Ich könnte Sie mit einem einzigen Wort widerlegen.«

»Das wäre?«

»Baronin Inge von Linggen.«

»Wie wenig Sie sich doch kennen!«

»Ich schwöre …«

»Ich weiß! Ich weiß!« fiel ihm Frau Inge ins Wort.

»Sie lieben mich.«

»Sie wissen es?«

»Sie sind ein Kind, Töns! ein troddliges Kind! Aber das gefällt mir an Ihnen. Sie können sich nicht verstellen und wollen nicht mehr scheinen als Sie sind.«

»Ich bin ja schon zufrieden, wenn Sie es nur wissen.«

»Daß Sie ein Kind sind?«

»Daß ich Sie liebe. – Ich wünsche mir ja noch mehr.«

»Nämlich? – etwa, daß ich Sie …?«

»Soweit versteige ich mich nicht. Aber, daß Sie keinen Anderen lieben.«

»Das Versprechen haben Sie.«

»Und dieser Kraftmensch da oben?«

»Kann mir nie gefährlich werden. – Ja, wenn er wäre, wie diese Grete! Da könnte er von mir aus sein, wie er wollte, ich glaube, ich ginge mit ihm einbrechen.«

»Statt ihn davon zurückzuhalten?«

»Er ließe sich nicht zurückhalten – wenn er so wäre – daß ich ihn liebe. Womit nicht etwa gesagt ist, daß der Mann, den ich liebe, ein Verbrecher sein muß. Es wäre furchtbar! – Aber er muß sein! Ein Napoleon wäre unter anderen Lebensbedingungen vielleicht einer der größten Verbrecher geworden.«

»Möglich,« erwiderte Töns. »Da ich weder das Eine noch das Andere bin, so werden Sie mich vermutlich nie lieben.«

»Sie hatten doch eben feierlich Verzicht geleistet?«

»Aber ich liebe Sie doch!«

»Richtig! Damit wollten Sie ja wohl beweisen, daß Ihr Gefühl sofort reagiert – ohne Umwege zu machen.«

»Allerdings! Das ist in diesem Falle bewiesen.«

»Und ich sage Ihnen: Wenn ich mich nicht als die Baronin von Linggen, von altem Adel, gesellschaftlicher Position und finanziell unabhängig, sondern als genau derselbe Mensch mit den Personalien der Prostituierten Grete Gerson Ihnen vorgestellt hätte, so wäre das Begehren vielleicht dasselbe gewesen, das gut erzogene Herz hätte sich aber auf alle Fälle sehr reserviert verhalten.«

»Schon diese Gegenüberstellung verletzt mich.«

»Ich sage es ja! – Aber nun wollen wir statt von der Liebe zu reden, überlegen, wie wir aus dem Zuchthäusler da oben eine Zierde der Berliner Salons machen.«

»So weit wollen Sie es treiben?«

»Je weiter um so lieber. Oder wissen Sie für den Augenblick eine lohnendere Beschäftigung?«

»Ich wüßte schon eine – aber ich darf ja nicht.«

»Wenn Sie mich langweilen wollen, bitte! – aber Sie haben dabei nur zu verlieren.«

»Ich werde mich hüten.«

Frau Inge reichte ihm die Hand und sagte:

»An die Arbeit!«


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