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Zwanzigstes Kapitel

Als wir an einem der nächsten Tage nach dem Essen beim Kaffee saßen, reichte Burg mit besonderer Feierlichkeit Frau Inge das silberne Tablett, auf dem eine Visitenkarte mit der Aufschrift lag:

 

Wida G. m. b. H.

Gesellschaft für kostenlose Wiederbeschaffung gestohlenen Guts

Berlin – London – Paris

 

und Burg fügte hinzu:

»Eine Dame – und zwar, wenn ich mir ein Urteil erlauben darf: eine Vertrauen erweckende.«

»In den Salon, bitte!« verfügte Frau Inge.

Kaum war sie draußen, da erklärte Töns:

»Une femme très difficile.«

»Sprechen Sie deutsch,« forderte Timm, »und nicht in der Sprache dieser Halunken.«

»Die Franzosen,« erwiderte Töns, aber er kam nicht weiter, denn ich fiel ihm ins Wort und sagte:

»Keine Politik, bitte!«

»Das sind Probleme.«

»In diesem Hause gibt es nur ein Problem …«

»Das ist Mr. Williams,« erklärte Etville. Ich widersprach und sagte:

»Nein! Der ist eine aufgelegte Sache! – Das Problem lautet, genau wie am ersten Tage: Frau Inge!«

»Das stimmt!« erwiderte Etville. »Und zwar ist keiner von uns in der ganzen Zeit auch nur einen Schritt weitergekommen.«

»Oho!« widersprach Rolf. »Das behauptest du

»Redest du dir etwa ein …?«

»Ich werde mich hüten und euch meine Tricks verraten.«

»Auf Tricks fliegt sie schon gar nicht – und auf Geld zuletzt.«

»Das wäre dann die erste Frau!«

»Sie ist es!« bestätigte Töns. »Ich habe auch nicht gedacht, daß es das gibt. Sie hat gar kein Gefühl für Geld – mir ist das unverständlich.«

»Sie sind also abgeblitzt?« fragte Timm.

»Davor hat mich ihr Taktgefühl bisher bewahrt.«

»Sie hat eine besondere Art zu verhüten, daß man von Dingen spricht, die einem unangenehm sind,« sagte Etville.

»Ihr philosophiert zuviel,« erwiderte Rolf. »Was zeigen und darstellen, das imponiert einer Frau.«

Karl Theodor verzog das Gesicht und sagte:

»Eine Frau, die sich für Shakespeare erwärmt, diesen Altmeister der Langeweile, und Strindberg für einen Dichter hält, geht mir auf die Nerven.«

»Hebe sie! Gib ihr deine Bücher zu lesen!«

»Das habe ich getan.«

»Und der Erfolg?«

»Ich warte ihn ab.«

»Da können Sie lange warten,« meinte Rolf, »womit ich nichts gegen Ihre Bücher sagen will, die ich nicht kenne. Aber eine Frau verliebt sich im besten Falle in den Helden eines Romans, nie aber in den Dichter.«

»Ich warte ab,« wiederholte Timm, und es schien uns allen, daß er seiner Sache sicher war.

»Ich muß sagen,« erklärte Etville, »mir liegen im allgemeinen so schwierige Frauen auch nicht.«

»Weil deine Pointe eine andere ist,« erwiderte Töns.

»Dir kommt es immer auf das Letzte an – und das willst du zuerst haben.«

»In diesem Falle würde ich sogar eine Ausnahme machen.«

»Sie kennt dich aber und glaubt es daher nicht.«

»Das ist es, Töns! Wenn du mir da helfen würdest?«

»Ich – dir? – bei Frau Inge?«

»Ein Dritter kann das viel besser.«

»So selbstlos bin ich nicht.«

»Ach du lieber Gott!« rief Timm. »Sie konkurrieren auch?«

»Fällt mir nicht ein. Ich bin kein Typ für Frauen, da ich weder Bücher schreibe, noch das Geld mit Tamtam auf die Straße schmeiße.«

»Du hast recht,« erwiderte ich, »wie eine Frau, die wir lieben, etwas von einer Kokotte haben muß, so muß ein Mann, der von unseren Frauen geliebt wird, etwas vom Hochstapler haben.«

»Stimmt!« sagte Rolf. »Mit dem Unterschiede, daß es der Liebe keinen Abbruch tut, wenn er es wirklich ist.«

»Habe ich etwas vom Hochstapler an mir?« fragte Töns, und Timm rief:

»Oder ich?«

»Jeder in seiner Art,« erwiderte Rolf. »Und darin liegen eure Erfolge!«

»Unverschämt!« rief Töns, während Timm sagte:

»Ich empfinde das als einen Vorzug.«

Plötzlich sagte Rolf unvermittelt:

»Ich gebe ein Fest!«

»Das hast du schon oft getan, ohne merklichen Erfolg.«

»Und zwar feire ich ganz groß den Geburtstag von …« – er machte eine Pause, sah uns der Reihe nach an und fuhr dann fort: »... Häslein.«

»Du gibst Frau Inge auf?« fragte Töns.

»Im Gegenteil!«

»Du willst sie reizen?«

»Das ist es!«

»Das ist also dein Trick?«

»Ja! Ich halte euch für so anständig, daß ihr mir nicht zuvorkommt. Ich lade noch heute durch dreifach dringende Telegramme die hundert besten Leute, die ich habe, zur Feier von Häsleins Geburtstag ins Esplanade! Euch natürlich auch. Und Frau Inge bitte ich persönlich. Das wird sie treffen – wo sie doch annimmt, daß wir uns mit allen Gedanken nur auf sie konzentrieren.«

»Wie wäre es, wenn wir uns mit dir solidarisch erklärten?« fragte Etville.

»Was heißt das?«

»Und Häsleins Geburtstagsfeier mit der Einführung Mr. Williams' in die große Welt verbänden?«

»Das ist ein Gedanke!«

»Frau Inge könnte sich in diesem Falle nicht ausschließen. Ich kann die Eine gegen die Andere ausspielen und die Entscheidung erzwingen.«

»Damit wären wir dann wenigstens dich los,« spottete Etville.

»Ausgeschlossen!« widersprach Rolf. »Was ich riskiere, müßt ihr auch riskieren.«

»Die Forderung ist berechtigt,« fand ich, während Töns erklärte:

»Ich bin gegen diesen Massenangriff.«

»Rücksicht hat sie auf uns ja auch nicht gerade genommen,« erwiderte Timm, und Töns fragte:

»Inwiefern? – Wenn ich nicht irre, so sind wir es doch, die etwas von ihr wollen – nicht sie von uns.«

»Wer als Hausdame zu fünf Junggesellen geht, muß damit rechnen, daß sich mindestens einer davon in sie verliebt,« erklärte Rolf.

»Einer?« erwiderte Etville. »Alle fünf, wenn sie aussieht wie Frau Inge.«

»Damit verpflichtet sie sich doch nicht, die Liebe zu erwidern,« sagte Töns.

»Eine Rücksichtslosigkeit bleibt es auf alle Fälle,« meinte Rolf, und Etville klagte:

»Was habe ich alles versäumt – ihr zuliebe!«

»Sie hat es nicht verlangt,« erwiderte Töns.

»Aber geschehen lassen,« sagte Rolf. »Woraus hervorgeht, daß wir ihr nicht gleichgültig sind.«

»Daß sie sich zum mindesten für einen von uns interessiert,« erwiderte Timm und war überzeugt, daß dieser Eine er war.

Wir ereiferten uns und riefen:

»Wir müssen endlich wissen, woran wir sind!«

»Diese Zweifel zermürben einen ja.« –

»Ich stelle sie vor die Entscheidung.« –

»Ich auch!«

»Glaubst du, ich lasse länger mit mir spielen?« –

Rolf sagte:

»Abgemacht! Am Tage des Festes stellt jeder zu einem Zeitpunkt, den er für sich günstig hält, an sie die entscheidende Frage. Hinterher kommen wir dann zusammen und beugen uns vor dem Sieger.«

Er streckte die Hand aus, und wir schlugen ein. Nur Töns zögerte und sagte:

»Einen Unparteiischen brauchen wir.«

Wir fragten: »Wozu?«

»Weil sie vermutlich aus Takt und Rücksicht weder ›ja‹ noch ›nein‹ sagt und jeder sich einreden wird, er habe das Spiel gewonnen.«

»Töns hat recht,« sagte ich. »Sie wird keinen von uns vor den Kopf stoßen. – Wenn du uns also den Vorrang lassen willst …«

»Ich verspreche es euch.«

Und wir waren froh, uns zu diesem Entschluß durchgerungen zu haben. –

Während wir schweigend dasaßen und über unsere Aussichten nachdachten, empfing Frau Inge die Vertreterin der Wida.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie belästige.«

»O bitte!« erwiderte Frau Inge und lud sie ein, Platz zu nehmen. »Wenn auch nur im entferntesten zutrifft, was auf Ihrer Karte steht, so ist die Wida das menschenfreundlichste und selbstloseste Unternehmen der Nachkriegszeit.«

»Das ist es auch!«

»Sind Sie etwa der Heilsarmee angegliedert?«

»Madame!« protestierte die Dame. »Wir beten nicht! wir handeln!« – Und zum Erstaunen von Frau Inge zog sie aus ihrer Tasche eine silberne Gabel, reichte sie Frau Inge und fragte:

»Gehört die vielleicht in dies Haus?«

Frau Inge las die Gravierung, betrachtete die Gabel und sagte:

»Ja!«

»Dacht' ich mir's doch!«

»Wie ist das möglich?«

»Da die Methode unserer Arbeit leider nicht patentfähig ist, so kann ich Ihnen keine Antwort geben. Ich darf Ihnen aber verraten, daß es kein kaufmännisches Institut auf soliderer Grundlage gibt als das unsrige. Wir stehen im Begriff, uns in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und in allen großen Städten der Welt Zweigniederlassungen zu gründen.«

»Sie wollen mich vermutlich veranlassen, Aktien zu zeichnen. Mir liegt aber mehr an der Wiederbeschaffung des Silbers.«

»Das geht Hand in Hand.«

»Ich verstehe: Statt eines Honorars oder einer Belohnung offerieren Sie Aktien.«

»Ungefähr so! – Wir sind bescheiden und drängen weder uns noch unsere Aktien auf. Dank der Tüchtigkeit unserer Beamten bin ich in der Lage, Ihnen zunächst einmal sechs Dutzend silberne Löffel und Gabeln zurückzugeben.«

»Das ist ja eine brillante Leistung!«

»Uns genügt sie nicht! Wir werden erst zufrieden sein, wenn wir Ihnen alles zurückgeschafft haben.« – Sie wickelte ein großes Paket mit Silbersachen auf und sagte:

»Bitte, quittieren Sie!«

Auf dem Zettel stand nichts weiter als: »Sechs Dutzend silberne Löffel und Gabeln, A. L. gezeichnet, von der Wida G. m. b. H. zurückerhalten zu haben, bescheinigt:« – Frau Inge unterschrieb und sagte:

»Das sind Millionenwerte, die Sie mir da zurückbringen. Jeder ehrliche Finder hat doch Anspruch auf Belohnung. Ich bin überzeugt, daß meine Herren mit Vergnügen ein paar Milliarden …«

»Wenn Sie die Herren dann veranlassen wollen, den Betrag, den Sie für angemessen erachten, hier in dieser Liste in Form von Aktien zu zeichnen.«

»Gewiß! Das wird den Herren gleich sein. – Aber was haben Sie, was hat die Wida davon?«

Die Dame, die elegant gekleidet war und einen vorzüglichen Eindruck machte, erwiderte:

»Der Vorsitzende unseres Aufsichtsrats, der übrigens nur aus einer Person besteht, ist ein sehr feiner Psychologe.«

»Inwiefern?«

»Nun, die Einbrecher pflegen sich neuerdings nur in den besten Familien des Berliner Westens zu bewegen.«

»Wie denn? – Sie meinen …?«

»Ich meine, sie haben endlich so viel gelernt, daß sie nicht mehr auf das Geratewohl irgendwo einsteigen, um womöglich in einem Geldschrank verstaubte Akten zu erbeuten. Sie orientieren sich ganz genau, ehe sie an die Arbeit gehen.«

»Das glaube ich gern – Aber was hat das mit Ihnen zu tun?«

»Wir haben den Ehrgeiz, daß unsere Aktionäre sich aus den besten Gesellschaftskreisen zusammensetzen. Auf diese Weise wird es bei unserer Umwandlung in eine A.-G. auch nicht schwer fallen, einen Aufsichtsrat mit prominenten Namen zusammenzubringen.«

»Ausgezeichnet!« erwiderte Frau Inge. »Es würde mich reizen, Ihren Aufsichtsrat persönlich kennenzulernen.«

»Ich werde Ihnen gern diesen Wunsch erfüllen. – Am einfachsten natürlich, indem Sie selbst und vielleicht der Eine oder Andere Ihrer Herren mit in den Aufsichtsrat treten.«

»Bei dem ethischen Charakter Ihres Unternehmens wüßte ich nicht, was uns zurückhalten sollte.«

»Ich darf also darauf rechnen …?«

»Für meine Person: ja! – mich reizt es sogar. Und mit meinen Herren will ich gern sprechen.«

»Ich bin überzeugt, daß wir der Gesellschaft mit Ihnen eine schätzenswerte Kraft zuführen.«

»Mich reizt vor allem, den Mann kennenzulernen, dessen Kopf dies ganze Unternehmen entspringt – oder ist es gar eine Frau?«

»Es ist ein Mann! wie es nicht viele gibt.«

»Das glaube ich gern.«

Die Dame erhob sich, Frau Inge reichte ihr die Hand und bedankte sich.

»Ich habe zu danken,« erwiderte sie. »Denn dieser Besuch bedeutet einen Gewinn für uns.«

Frau Inge erwiderte:

»Für uns nicht minder.«

Draußen auf dem Flur öffnete der Diener eben die Tür, als Burg dastand, ihn zur Seite schob und sagte:

»Ich geleite die Dame hinaus.«

Auf der Treppe flüsterte Burg:

»Nun?«

»Ich habe genau nach Ihrer Instruktion gehandelt. Sie brennt danach, Sie kennenzulernen.«

»Hat sie sich bereit erklärt, in den Aufsichtsrat zu treten?«

»Auch das!«

»Gut!« sagte Burg. »Ich bin zufrieden,« dann ließ er die Frau zur Tür hinaus.

Inzwischen berichtete Frau Inge uns von dem wiedererhaltenen Silber und den vornehmen Geschäftsprinzipien der Wida.

»Das ist ja fabelhaft!« rief Rolf und erklärte sich sofort bereit, in den Aufsichtsrat zu treten, während Töns den Kopf schüttelte und sagte:

»Sie sind doch sonst so zurückhaltend, Baronin! Warum denn in diesem Falle so stürmisch? – und ohne mich zu fragen? – Wo Sie doch wissen, daß ich, wenn überhaupt, dann von geschäftlichen Dingen etwas verstehe.«

»Das Unternehmen ist sonnenklar,« erwiderte Rolf, und wir Andern stimmten ihm bei.

»Die Baronin ist doch kein Kind«, sagte Timm, »und kann selbständig entscheiden.« – Und Etville meinte:

»Du hast auch an allem etwas auszusetzen, Töns!«

Der Erfolg war, daß wir fünfundzwanzig Millionen Aktien zeichneten. – Nur Töns schloß sich aus.

»Sie sind eigensinnig!« sagte Frau Inge, und wir alle wußten, daß Töns mit dieser Kritik endgültig aus der Zahl der Bewerber ausschied. – Auch Töns empfand ein Unbehagen und sagte:

»Möglich, daß ich mir damit schade! – Ich habe nun einmal das Prinzip, von Dingen, die ich nicht verstehe und auf die ich nicht direkt einwirken kann, die Hände zu lassen.«

»Auch wenn ich Sie bitte, es mir zuliebe zu tun?« fragte Frau Inge.

Töns sah sie erstaunt an und sagte:

»Auch dann!«

Sie kehrte ihm den Rücken, wandte sich zur Tür und sagte:

»Dann eben nicht.«

Als sie draußen war, sagte Rolf:

»Du hast die Entscheidung vorweggenommen.«

»Möglich!« erwiderte Töns.

Ich dachte, daß es ihm naheging, nahm seine Hand und sagte:

»Du wirst nie lernen, mit Frauen umzugehen.«


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