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Zweiter Teil


Zehntes Kapitel

An den Bericht, den Frau Inge am Abend dieses Tages den fünf Junggesellen erstattete, knüpfte sich eine Diskussion, die für das Leben jedes Einzelnen bestimmend werden sollte.

Dieser Abend an einer Tafel, die noch reicher besetzt war als sonst, hatte etwas Feierliches. Den Charakter des Ungewöhnlichen trug er schon dadurch an sich, daß Frau Inge zum Erstaunen von uns allen Häslein hinzuzog. Und zwar als ihre Freundin, nicht etwa als die von Rolf, dessen Verhältnis zu Häslein seit Frau Inges Einzug stark gelockert war. Anfangs dadurch, daß Rolf, wie wir alle, stark zu Frau Inge neigte, sobald er die Aussichtslosigkeit seiner Werbung sah, sich als Realpolitiker aber wieder Häslein zuwandte. Häslein wiederum, mit feiner Witterung für alles Männliche, zog aus Rolfs Werbung Kapital im eigentlichen Sinne, fühlte sich innerlich aber zu Frau Inge hingezogen, deren Charakter und Gedanken sie mehr fühlte als begriff.

Der Eindruck des Bildes, das Frau Inge von Willy, Grete Gerson und dem Hehlerpaar entwarf und dem Häslein besonders im Falle Willy noch hellere Farben aufsetzte, war so stark, daß wir zunächst alle sprachlos saßen und uns beinahe schämten, die Polizei gegen die Einbrecher mobil gemacht zu haben, statt ihnen den Rest der Teppiche und des Silbers nachzuwerfen.

So fanden wir es taktlos, als Töns erklärte:

»Also bei Tage besehen sind es Engel. Schade, daß sie meist nachts ihre Tätigkeit entfalten.«

»Es liegt in unserer Hand, es zu ändern,« erklärte Frau Inge. »Wenn wir dafür sorgen, daß sie tagsüber eine vernünftige Beschäftigung haben, so werden sie nachts schlafen wie wir.«

»Wie wir?« fragte Rolf erstaunt, und Etville meinte:

»Na, mit unserm Schlaf nachts ist es nicht weit her.«

»Diese Menschen«, fuhr Frau Inge fort, »stellen nicht Ansprüche ans Leben wie Sie und ich und brauchen monatlich nicht Millionen, um zufrieden und – als natürliche Folge davon – anständig zu sein.«

»Das gebe ich zu,« sagte Töns.

»Was jeder von Ihnen taugt,« sagte Frau Inge mit einer Offenheit, die uns in Erstaunen setzte, »würde sich erst zeigen, wenn Sie in beengte Verhältnisse gerieten. Mit dem Riesenwechsel des Vaters oder einem ererbten Betrieb, der von selbst geht, ein anständiger Mensch zu sein, ist kein Kunststück.«

»Das sage ich mir auch immer,« stimmte Töns bei. »Wir sollen uns nur nicht auf das hohe Pferd setzen. Ohne unsere Gelder wären wir nichts.«

»Und wenn es euch schlecht ginge,« sagte Häslein, »hättet ihr schon den Mut?«

»Wozu?« fragte Timm, und sie erwiderte:

»Zum Verbrechen.«

»Was dazu schon groß Mut gehört,« meinte Timm, aber Töns widersprach:

»Erlaub' mal, das Risiko steht doch in gar keinem Verhältnis zum Gewinn. Du riskierst deine Freiheit, wenn nicht gar dein Leben …«

»In welchem Beruf gibt es das sonst noch?« fiel ihm Häslein ins Wort – »höchstens noch bei der Feuerwehr!«

»... und den Hauptgewinn jagen dir hinterher die Hehler ab.«

»Dies zweifellos sehr einträgliche Gewerbe ist eben noch nicht richtig organisiert,« meinte Rolf. »Ein genialer Kopf, der die Sache richtig anpackt, würde in kürzester Zeit Millionär werden.«

»Ohne was zu riskieren,« stimmte Töns bei. »Denn die Bande hält dicht.«

»Sie sprechen ja auch schon im Verbrecherjargon,« sagte Frau Inge, und er erwiderte:

»Wundert Sie das? Wo Sie sich derart für die Leute einsetzen!«

Burg, der, wie stets, Acht gab, daß die Bedienung klappte, war der Erzählung Frau Inges so teilnahmsvoll gefolgt, daß ihm entging, wie Frida mit der Tunke bei Frau Inge stehenblieb und gar nicht daran dachte, weiter zu servieren.

»Nun, Frida, wie wäre es, wenn Sie weiter servierten?« sagte Rolf. Frida sah zu Frau Inge auf und sagte:

»So ein Kerl, der Willy!«

»Sie kennen ihn?« fragte ich.

»Nein!« erwiderte sie. »Aber ich möchte ihn kennenlernen.«

Gleich nach dem Essen ging Frau Inge abgespannt auf ihr Zimmer. – Kaum war sie draußen, da sagte Timm:

»Nun wissen wir endlich, woran wir sind! – Sie liebt Kerls! Keine Memmen.«

»Das ist schon wahr,« stimmte Häslein bei, »ein Mann muß Mut haben.«

»Also müssen wir mit Willy konkurrieren,« sagte ich scherzhaft. Aber Häslein nahm es für Ernst, rümpfte verächtlich die Nase und meinte:

»Als wenn ihr das könntet!«

»Zustand!« erwiderte Timm. »So'n bißchen Einbrecher! was dazu schon viel gehört!«

»Das wäre eigentlich 'ne ganz nette Abwechselung,« meinte Etville, und ich erwiderte:

»Denke nur, was du allein sparen würdest, wenn du nachts keine Gelegenheit hast, Geld auszugeben.«

»Herrlich denke ich es mir!« rief Häslein, und Timm fuhr sich mit der Hand durch das blonde Haupthaar und sagte:

»Es ist so verrückt, daß es mich reizt.«

»Bei euch weiß man nie, ob ihr Ernst meint oder nicht,« sagte Töns.

»Was glaubst du?« fragte ich, und er erwiderte:

»Daß nichts verrückt genug ist, als daß ihr es nicht fertigbrächtet.«

»Das Leben ist so langweilig geworden und hat so jeden Sinn verloren,« erwiderte ich. »Welcher denkende Mensch erträgt heute noch das Kino oder ein Theater? Bücher und Zeitungen öden einen an, die Kunst hat sich vollends in eine Sackgasse verrannt, die Natur, wo sie schön ist, ist durch eine neue Gattung von Menschen, die früher gar nicht zum Vorschein kam, verunziert, der Sport, bei dem man sich jung hielt, ein Geschäft, im besten Falle eine Modesache geworden, und die Liebe – ach, du lieber Gott! die Liebe! – die ist gar so auf den Hund gekommen, daß man sie nur noch in Zahlen ausdrückt! – Ich finde also die Idee, den Einbruch als Sport zu betreiben, durchaus zeitgemäß.«

»Wenn man dadurch Frau Inges Liebe erwirbt,« meinte Rolf.

»Und das glaubt ihr?« fragte Töns, und Häslein, das wir daraufhin ansahen, meinte:

»Ihre Achtung sicher.«

»Und woraus schließt du das?«

»Aus ihrer Art Willy gegenüber.«

»Ihr merkt ja gar nicht, worauf es ankommt,« widersprach Töns. »Die Pointe liegt ja ganz wo anders.«

»Wo denn?« fragte ich.

»Ja!« erwiderte Töns und lachte: »Ich werde mich hüten und euch das sagen.«

»Meine Ansicht«, sagte Rolf, »ist die, daß wir auf gar keine andere Weise Frau Inge den Star stechen können. Und wenn ich heute Reichskanzler wäre, Töns sämtliche Kohlen- und Eisenwerke an sich risse, Peter die junge Rockefeller entführte und Karl Timm den dritten Teil von Goethes Faust schriebe …«

»Dabei bin ich gerade,« sagte Timm.

»... Es wird uns alles bei Frau Inge nichts nützen. Sie wird das alles anerkennen – gewiß! Wird jedoch stets dieselbe Antwort haben: ›Aber Willy!‹ – Damit verbindet sie nun mal irgend etwas Besonderes und glaubt, weil es so anders ist als alles, was sie kennt, eine neue Gattung Mensch entdeckt zu haben.«

»Darin liegt viel Wahres.« sagte Töns.

»Deshalb müssen wir ihr den Star stechen und ihr zeigen: was Willy kann, können wir auch!«

»Ja und nein!« erwiderte Töns. »Wenn ihr dasselbe macht wie er, so ist es – zum mindesten doch für Frau Inge – noch nicht dasselbe.«

»Also wir werden es mit diesem Willy aufnehmen,« erklärte Etville. »Natürlich mit Rückendeckung.«

»Aha!« sagte Häslein triumphierend. »Also feige!«

»Ja, hast du geglaubt, wir werden riskieren, daß man uns einsperrt?«

»Ach so! Ihr holt euch vorher die Erlaubnis ein.«

»I Gott bewahre! Wir riskieren, genau so niedergeschossen zu werden, wie euer Willy!«

»Das glaub' ich nicht!«

»Selbstredend,« erwiderte Rolf. »Können wir es nur so machen, daß uns niemand erkennt – also mit Masken.«

»Schon feige!« sagte Häslein.

»Gar nicht!« widersprach Rolf. »Das Gesicht Willys ist dem, bei dem er einbricht, genau so unbekannt, wie unsern Opfern die Maske. Gingen wir in Willys Kreise einbrechen, brauchten wir sie nicht. So wenig, wie er sie bei uns braucht. Aber wir können nicht um acht mit dem jungen Rothschild bei Hiller soupieren und ihm, ohne daß er uns erkennt, um zwei Uhr das Scheckbuch aus dem Nachttisch nehmen.«

»Stimmt,« sagte Töns.

»Mir gefällt die Idee immer besser,« sagte Etville. »Einmal die Geldersparnis, dann die Möglichkeit, Menschen, die man nicht leiden kann, Furcht und Schrecken einzujagen – denn das sage ich euch gleich: ich breche nur bei Leuten ein, die ich nicht mag! – ferner der Nervenkitzel! – das ist doch endlich mal eine originelle Idee! – immer Sekt, immer Weiber, das ist auf die Dauer langweilig – na, und dann vor allem die Aussicht auf Frau Inge!«

»Und wie ist's mit der Rückendeckung?« fragte Timm, und Rolf erwiderte:

»Ich denke es mir so, daß wir mal hier, mal da – und zwar immer in einer anderen Gegend eine Garage oder einen Schuppen mieten, in dem wir, was wir rauben, unterstellen.«

»Gut,« erwiderte ich. »Wie bringen wir's hin?«

»Im Auto natürlich.«

»Aber ohne Nummer!«

»Das macht jeder Esel und fällt dadurch auf. Falsche Nummern, und zwar solche von Leuten, die wir ärgern wollen. – Die haben hinterher dann allerlei Unannehmlichkeiten.«

»Und wie weiter?« fragte Timm.

»Sehr einfach,« erwiderte Rolf. »Am nächsten Tage oder, je nachdem uns einer mehr oder weniger sympathisch ist, früher oder später schicken wir einen Brief, der den Schlüssel und die Adresse des Speichers, ferner einen Scheck für Rücktransportgebühren enthält, in dem wir zugleich für die nächtliche Störung um Entschuldigung bitten.«

»Wer keine Arbeit hat, macht sich welche,« sagte Töns.

»Ich arbeite den Tag über genug,« widersprach Rolf. »Aber ob ich nun nachts im Mercedes sitze oder … diesen Sport treibe …«

»Mir steht dies Bummelleben bis da!« erklärte Häslein. »Ich habe schon oft gedacht, ob man die Abende und Nächte nicht auf vernünftigere Art verbringen kann.«

»Was denn? – Du willst doch nicht etwa auch …?« fragte Rolf.

»Selbstredend! – Meinst du, ich werde allein zu Hause sitzen, während ihr euch amüsiert? – Ohne mich wäret ihr doch nie auf die Idee gekommen.«

»Laß sie doch!« sagte ich. »Frauen sind listiger als wir, und zum Auskundschaften von Gelegenheiten ist Häslein mit ihrer feinen Nase und ihrem hübschen Gesicht vorzüglich geeignet.«

»Ich beanspruche daher auch den Hauptanteil an der Beute.«

»Du glaubst doch nicht, daß wir uns bereichern werden?«

»Ihr wollt Einbrecher sein? – Dilettanten seid ihr! Vor euch rückt keine Köchin aus.«

»Im Gegenteil, der Spaß wird viel Geld kosten,« sagte Rolf.

»Immer noch billiger als die Nachtlokale,« erwiderte Etville, »und vor allem amüsanter.«

»Timm, Sie sagen ja gar nichts?« sagte Rolf.

»Ich warte darauf, daß man mir die Führung überträgt.«

»Auf Grund welcher Verdienste?« fragte Etville.

»Ich bin wegen Körperverletzung in Italien vorbestraft.«

»Ausgezeichnet!« erwiderten wir.

»Ich habe das Patent als General der Kavallerie …«

»Du?«

»... der Negerrepublik Haiti.«

Unsere Begeisterung wuchs, und als er fortfuhr:

»Ich habe in Mexiko einen Mann erschossen!« da jubelten wir unserem Führer zu.

Unbedingten Gehorsam forderte er, aber wir weigerten uns, unsere persönliche Freiheit aufzugeben und einigten uns dahin, daß wir ihm nur für die Zeit des Einbruchs selbst unterstellt waren.

»Was ist das juristisch, was ihr macht?« fragte Töns, und Timm erwiderte:

»Da uns der Dolus fehlt und wir nicht die Absicht haben, uns irgend etwas rechtswidrig anzueignen, so ist es im Höchstfalle grober Unfug.«

Bei Häslein büßten wir damit den Rest an Achtung ein.

»Also ihr riskiert überhaupt nichts,« sagte sie spöttisch. »Und das nennt ihr Einbrecher! – Da müßt ihr Willy sehen, das ist ein Kerl!«

»Wir sind eben Anfänger,« sagte Rolf und fügte, um Häslein zu beruhigen, hinzu: »Vielleicht bringen wir es mit der Zeit auch zu seiner Vollkommenheit.«

»Nie!« erwiderte die. »Ihr müßt statt Timm ihn zu eurem Führer nehmen.«

»Später,« vertröstete ich sie. »Noch verträgt unser junges Unternehmen diese Belastung nicht.«

»Ihr könnt ja nicht mal Schlösser öffnen,« sagte Häslein. Wir sahen uns an, und Rolf erwiderte:

»Da hat sie recht.«

Aus dieser ersten Verlegenheit half uns Etville.

»Einen Augenblick,« sagte er und ging in sein Zimmer, aus dem er gleich wieder mit einem Lederbeutel in der Hand zurückkehrte. – Wir vermuteten Tabak darin und waren daher erstaunt, als er den Beutel öffnete und einen Stoß von Schlüsseln auf den Tisch fallen ließ.

»Was ist das?« fragten wir und sahen erst jetzt, daß jeder Schlüssel ein Bändchen mit einem Plakat trug. Auf den Plakaten standen Namen wie Lola, Hertha, Edith, Paula, Anny, Mary. Bei vielen waren auch die Adressen und Zunamen vermerkt, auf einigen standen bestimmte Tage und bei Edith und Mary waren sogar die Stunden angegeben.

»Casanova!« rief Häslein, bei der diese Sammlung gestern noch Bewunderung erregt hätte, heute aber, wo sie Willy kannte, kaum noch Eindruck machte.

»Ich denke,« sagte Etville, »wir nehmen erst mal, bis wir uns die nötige Technik angeeignet haben, die leichten Sachen und beginnen …« – er suchte unter den Schlüsseln einen heraus und hielt ihn hoch – »bei Lola! Ich bin ihr so eine kleine Revanche schuldig.« – Er sah auf den Zettel, auf dem allerlei vermerkt war und sagte: »Heute wäre zum Beispiel der richtige Tag.«

»Zunächst erkundigt euch mal, was ihr anziehen müßt, um für diese neue Bummeltour, denn was anderes ist es nicht, auch korrekt gekleidet zu sein,« sagte Häslein.

Rolf, der es für ernst nahm, sagte:

»Sie hat recht; aber wen fragt man da?«

»Niemand darf davon etwas wissen,« erwiderte Timm. »Im übrigen, da wir in diesem Falle sozusagen schöpferisch wirken, so ist es auch unsere Sache, zu bestimmen, was man anzieht.«

»Je nachdem,« meinte ich. »Für heute zum Beispiel würde ich Frackmantel und darunter seidene Pyjamas vorschlagen.«

Mein Vorschlag fand Beifall, während Rolfs Anregung, Burg und Frida ins Vertrauen zu ziehen, abgelehnt wurde. Auch waren wir uns einig, daß, ehe Frau Inge etwas erfuhr, erst einmal Erfolge da sein mußten, da wir sonst Gefahr liefen, uns lächerlich zu machen.

»Und ihr glaubt wirklich, auf die Art Frau Inge zu gewinnen?« fragte Töns, und Rolf erwiderte:

»Es muß doch auf sie Eindruck machen, wenn wir das, was sie an Willy so bewundert, ohne Vorstudium glatt aus dem Handgelenk erledigen – noch dazu mit Humor.«

»Ich fürchte, ihr versteht die Pointe nicht, auf die es ankommt.«

»Zum mindesten wird sie diese Gleichgültigkeit uns gegenüber verlieren und sich sagen: ›Donnerwetter, es sind doch Kerle‹!«

»Das stimmt!« erwiderte Tons. »Wenn euch das genügt.«

»Es muß uns genügen – wenigstens für den Augenblick,« erwiderte Rolf. »Aber wenn du ein anderes Mittel weißt, auf sie zu wirken.«

»Ich glaube, das ›Mittel‹ überhaupt nicht das Richtige sind.«

»Was denn?«

»Das Persönliche.«

»Na,« erwiderte ich, »daß unsere Persönlichkeiten auf sie keinen Eindruck machen, darüber sind wir uns wohl klar.«

»Das liegt an ihr – nicht an uns!« erklärte Timm und dachte an die Schar von Verehrern und Verehrerinnen.

»Woran es liegt, ist dabei Nebensache,« meinte Töns, und Etville erklärte:

»Hauptsache, daß wir unser Vergnügen haben. – Prost!«

Wir stießen an und bereiteten uns in gehobener Stimmung auf unser erstes Abenteuer vor.


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