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Zweiundzwanzigstes Kapitel

In einem kleinen Saal des Continental-Hotels hielt die erst seit wenigen Wochen bestehende Wida G. m. b. H. eine Sitzung ab, auf deren Tagesordnung nur die beiden Punkte: »Geschäftsbericht« und »Umwandlung in eine Aktiengesellschaft« standen.

»Warum nicht im Esplanade?« fragte Frau Bretz, als sie mit Burg und dem Direktor zur Sitzung fuhr – »ist das nicht feiner?«

»Das Esplanade ist für die Lebewelt und die Neureichen, das Continental dagegen von der alten, vornehmen Gesellschaft und den Großindustriellen bevorzugt,« erwiderte Burg. »Und wenn wir uns leider auch nicht zu der ersteren zählen dürfen, so werden wir doch hoffentlich bald zu den letzteren gehören.«

»Sie sind ein schlauer Hund,« sagte Frau Bretz.

»Bitte, keine Tiernamen!« erwiderte Burg. »Durch die Wahl des Hotels wird der ernste Charakter des Unternehmens dokumentiert.« – Und zu dem Direktor gewandt fuhr er fort: »Hast du für ein paar gut aussehende Gesellschafter und Mitarbeiter gesorgt?«

»Du wirst staunen,« erwiderte der. »Ich habe auf der Filmbörse sechs Edelkomparsen engagiert.«

»Bist du ihrer sicher?«

»Ich habe mir die Dümmsten ausgesucht. Fabelhafte Idioten. Die bleiben stehen, wo man sie hinstellt, und haben sich beim Film daran gewöhnt, das Maul zu halten.«

»Was glauben sie, um was es sich handelt?«

»Um drei Szenen aus dem vierten Akt eines Detektivfilms.«

»Kamel! Ohne Lampen und Apparat gibt es doch keine Aufnahmen!«

»Deshalb habe ich erklärt, wir probieren erst. Die Aufnahmen finden später statt.«

»Und das laute Sprechen – womit motivierst du das?«

»Eine neue Erfindung. Der Sprechfilm, ähnlich der Filmoperette. Die ganze Branche ist in Aufruhr.«

»Und du meinst, ihnen wird das nicht auffallen?«

»Ich möchte wissen, was ihnen auffallen soll. Was ein guter Komparse ist, verblödet innerhalb dreier Monate.«

»Du hast doch nicht etwa Franz und seinen Bruder geladen?«

»Die wissen gar nicht, was vorgeht.« –

Als sie gleich darauf das Vestibül des Continental-Hotels betraten, warteten im Lesezimmer bereits sechs vorzüglich aussehende Herren, auf die der Direktor mit den Worten wies:

»Das sind sie!«

Auch die bucklige Stenotypistin wartete bereits. Sie flitzte sofort an Burg heran und flüsterte ihm zu:

»Ich muß dich dringend sprechen, Leo!«

»Nach der Sitzung,« erwiderte er.

»Seit Wochen sagst du jedesmal, wenn ich fünf Minuten mit dir allein sein will: nach dem Essen oder nach dem Theater oder nach der Sitzung – nie bist du für mich zu haben.«

»Ich gehöre dir!«

»Leo!« rief sie so laut, daß die Komparsen sich umwandten und einer von ihnen fragte:

»Es geht los?«

»Trottel!« fuhr Burg die Stenotypistin an. »Wenn du mir so meine Geschäfte störst, komme ich nie in die Lage, dich zu heiraten« – woraufhin die Stenotypistin anfing, zu heulen und erst wieder aufhörte, als Burg ihr ins Ohr flüsterte: »Ich liebe dich!«

Und nun zweifelte keiner der Komparsen mehr, daß eine der wichtigsten Szenen probiert wurde, die sie echt und äußerst wirksam fanden.

Burg führte die Komparsen in den Saal und verteilte die Rollen.

»Sie haben nichts weiter zu tun, meine Herren, als aufzustehen, wenn wir aufstehen, und sich zu setzen, wenn wir uns setzen. Zu verfolgen, was vorgeht, brauchen Sie nicht. Nur wenn ich an einen von Ihnen eine Frage richte, sehen Sie möglichst unauffällig diesen Herrn da an.« – Er wies auf den Direktor. – »Nickt der, so nicken auch Sie; schüttelt der den Kopf, so schütteln auch Sie ihn. – Dazu wird's ja wohl reichen, und dann: Tun Sie mir den einen Gefallen und nesteln Sie nicht unaufhörlich an Ihrer Garderobe herum. Das wirkt unecht und gestellt. Ob die Krawatte einen Zentimeter zu weit nach links rutscht oder die Manschette ein bißchen zu weit hervorguckt, das tut der Wirkung des Films nicht den mindesten Abbruch. Sie stellen amerikanische Polizisten dar und sind als solche zu vollkommener Amtsverschwiegenheit verpflichtet. Wenn einer der Herrschaften, die jetzt erscheinen, Sie nach etwas fragt, so schütteln Sie den Kopf und erwidern: ›Bedaure, mein Amt gebietet mir, zu Schweigen!‹«

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür, Burg verschwand. Als erste erschien die auf dieselbe Art wie Frau Inge geladene Baronin von Pfalzbaben. Die Edelkomparsen, die jede bessere Diva kannten, machten erstaunte Gesichter. Es erschien Herr Bankier Protzke vom Kurfürstendamm, der sich jedem – auch den Komparsen – vorstellte und erzählte, er habe sich am Tage nach dem Einbruch in seine Wannseevilla für sechshundert Milliarden Teppiche und Silber neu gekauft und sei einigermaßen in Verlegenheit gewesen, als die Wida ihm vierundzwanzig Stunden später unaufgefordert – denn er nähme nicht gern wegen solcher Lappalien fremde Hilfe in Anspruch – sämtliche gestohlenen Gegenstände wiedergebracht habe. Immerhin aber gäbe es Unbemitteltere, die einen derartigen Verlust vielleicht unangenehm empfänden – deshalb sei er, auch aus seinem sozialen Empfinden heraus, bereit, Aktien der Gesellschaft in jeder beliebigen Höhe zu übernehmen.

Es erschienen Frau Inge in Begleitung Rolfs, der sich aus seinem Autodreß befreite und in den Saal schmetterte:

»Guten Abend, meine Herrschaften! Befinden wir uns hier bei dieser köstlichen Wida?«

Da der Direktor nickte, so nickten auch sämtliche Komparsen, die dachten: Aha! Wida ist der Name der Diva, während Rolf die Herren ansah und zu Frau Inge sagte:

»Pompös! finden Sie nicht? – Die Kerls sehen doch fabelhaft aus« – und zu Frau Bretz gewandt, fuhr er fort: »Wollen Sie uns nicht bekannt machen?« – Da die sich darauf beschränkte, ihnen die Baronin Pfalzbaben, den Bankier Protzke, zwei eben eintretende Minister und einen Baron Roeder vorzustellen, so wies Rolf auf die sechs Edelkomparsen und sagte: »Und diese Herren?«

»Beamte der Wida!« erwiderte Frau Direktor Bretz, worauf Rolf rief:

»Donnerwetter! – Sie fassen die Sache richtig an. Man muß den Menschen heutzutage etwas zeigen. Ich habe volles Vertrauen zu Ihrem Unternehmen.«

»Ich finde, sie wirken wie Mannequins,« sagte Frau Inge, aber Rolf blieb dabei:

»Sie wirken! – Das ist die Hauptsache. Und man hat das behagliche Gefühl, sich unter seinesgleichen zu befinden.«

Es erschien noch ein ehemaliger General, der ostentativ die Minister schnitt und sein verspätetes Erscheinen damit zu entschuldigen glaubte, daß er sagte:

»Alle Achtung! Fängt man in der Republik doch an, sich an preußische Pünktlichkeit zu gewöhnen?«

»Keine Politik, Herr General!« rief der Bankier. »Wir hier sind eine gemeinnützige Anstalt.« – Der General erwiderte:

»Der Staat sollte das auch sein.«

»Wir beginnen damit im kleinen,« sagte der Direktor, hob die Glocke und erklärte die Sitzung für eröffnet. Er begrüßte die Anwesenden und fuhr fort: »Es ist natürlich, daß die Tätigkeit einer Gesellschaft wie dieser zu neunundneunzig Prozent im geheimen geübt wird. Ich muß mich daher auch darauf beschränken, statt der Methoden Ihnen Erfolge vorzuführen. Verschweigen muß ich vor allem, wer der Vater und eigentliche Kopf des Unternehmens ist, von dem die Gründung ausgeht und von dem wir jede Anregung empfangen. Es ist eine, wie alle bedeutenden Menschen, selbstlose Natur, der es genügt, Gutes – und ich darf wohl sagen: Großes zu wirken, ohne nach außen hervorzutreten. Alles, was bisher erreicht ist, verdanken wir ihm.«

»Namen nennen!« rief der Bankier.

»Mit seiner Person steht und fällt das Unternehmen!« fuhr der Direktor fort – und hatte damit die Rede, die er nach einem Konzept Burgs auswendig gelernt hatte, beendet.

Einer der beiden Minister erhob sich und erklärte:

»Ich verstehe durchaus die Zurückhaltung, die ein Institut wie dieses sich auferlegen muß. Mit Rücksicht auf meine öffentliche Stellung kann ich aber selbst ein so allgemeinnütziges Unternehmen wie dies nicht mit meinem Namen decken, wenn ich nicht weiß, wer derjenige ist, von dem wir soeben hörten, daß mit ihm das Unternehmen steht und fällt.«

Der General stand, noch ehe der Minister sich setzte.

»Ich stelle mit Vergnügen fest, daß ich trotz meiner grundverschiedenen politischen Auffassungen in diesem Punkte mit dem Herrn Vorredner einig gehe.«

Nur Frau Inge widersprach, was dem Direktor sichtlich ungelegen kam.

»Was hat die Sache mit der Person zu tun?« fragte sie. »Wenn dieser Glücks- und Segenspender unbekannt und unbenannt bleiben will, was meinem Gefühl nach nur für ihn spricht, so sollte man ihn nicht drängen.«

»Ich bin damit einverstanden,« erwiderte der Bankier, »sofern man mir Gelegenheit gibt, unter vier Augen mit ihm zu verhandeln.«

»Ich verlange das gleiche Recht!« sagte Rolf, während der zweite Minister erklärte:

»Ich stehe auf dem Standpunkt meines sehr verehrten Herrn Kollegen und mache wie er meinen Eintritt in den Aufsichtsrat davon abhängig, daß der große Unbekannte sich uns vorstellt.«

Die Baronin Pfalzbaben schloß sich an und sagte:

»Ich brenne wirklich vor Neugier, ihn zu sehen.«

»Mir scheint, Sie sind überstimmt, Baronin,« wandte sich Rolf an Frau Inge und rief dem Direktor zu: »Also, wo steckt der Wundermann?«

»Ich werde versuchen,« erwiderte der, »ihn von der Notwendigkeit seines Erscheinens zu überzeugen.« – Er stand auf und ging hinaus, während die Anderen neugierig dasaßen und zur Tür sahen.

Frau Inge wandte sich an einen der sechs Edelkomparsen und fragte:

»Kennen Sie ihn?«

»Amtsgeheimnis,« erwiderte der.

»Sie können doch sagen, ob Sie ihn kennen.«

Der Komparse schüttelte den Kopf und hatte das deutliche Gefühl von einer Großaufnahme.

Der Direktor erschien wieder und verkündete:

»Unser Herr beugt sich, wenn auch ungern, dem Beschluß des Aufsichtsrates!« – Er wies zur Tür, durch die weniger überheblich als sonst in einem tadellosen Gehrock der Kammerdiener Leo Burg schritt.

»Teufel ja!« rief Rolf, beherrschte sich aber im selben Augenblick und wandte sich zu Frau Inge, die die Lippen zusammenbiß und vor sich hinflüsterte:

»Das habe ich nicht erwartet.«

Burg trat an den Tisch, an dessen Mitte der Direktor ihm Platz machte, verbeugte sich und begann:

»Meine Damen und Herren! Ich liebe es nicht, von meiner Person Aufhebens zu machen. Ich bin durch den Einbruch in eine Villa, der ich als Hausmeister vorstand, angeregt worden, darüber nachzudenken, wie man die anständige Gesellschaft gegen die Spitzbuben schützen kann. Darin, daß ich das Ergebnis dieses Nachdenkens der Wida nutzbar mache, erschöpft sich meine Tätigkeit, die mich denn auch bisher nicht davon abgehalten hat, meine Stellung als Hausmeister beizubehalten.«

Die Worte, die ebenso bescheiden waren wie die Art seines Auftritts, machten auf alle einen vorzüglichen Eindruck. Er bat um die Erlaubnis, sein und der Gesellschaft Verhältnis zum Polizeipräsidenten zu schildern, weil seiner Ansicht nach dadurch der Charakter und die Bedeutung der Wida deutlich würde, der sie durch ihren Eintritt in den Aufsichtsrat ihr Vertrauen bezeugen sollten.

Burg berichtete über seine Verhandlungen mit dem Polizeipräsidenten, auf Grund deren die Wida, wenn auch nach außen nicht sichtbar, einen halbamtlichen Charakter trage. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft begründete er mit den Ausdehnungsmöglichkeiten des Unternehmens. »Warum soll, was in Berlin möglich ist, nicht auch in anderen Großstädten möglich sein! Verbrecher gibt es in London wie in Berlin, und ihre Methoden sind überall die gleichen. Daher ist auch die Wirkung der Abwehrmittel in London dieselbe wie in Berlin. Und wenn wir auf unserem, bisher nur auf einen Teil von Berlin beschränkten Arbeitsgebiet im Monat bereits über tausend Milliarden umsetzen und einen Gewinn nach Abzug aller Kosten von fünfhundert Millionen erzielen, so läßt sich dieser Gewinn mühelos verzehn- und verhundertfachen. Jede Milliarde Verdienst aber bedeutet für den Betroffenen fünf Milliarden Gewinn! Ja, ich glaube, daß wir bei Ausdehnung unseres Betriebes in der Lage sein werden, uns mit zehn bis fünfzehn Prozent Belohnung zu begnügen. – Es liegt mir nicht, Eigenlob oder das Lob meiner Beamten zu singen – hier sind die Zahlen!« –¦ Er legte ein Buch auf den Tisch, das die Runde machte. – »Haben Sie zu uns Vertrauen, so gehen Sie mit uns. Andernfalls werden wir uns in langsamerem Tempo die Welt erobern.«

Unverkennbar machte die große Offenheit auf die Zuhörer Eindruck. Daß er sich auf dem Präsidium als Direktor ausgegeben hatte, lediglich doch, um selbst nicht hervorzutreten, war zwar eine intellektuelle Urkundenfälschung, die Art aber, in der er es vorbrachte, und die Tatsache, daß er es überhaupt erzählte, wirkten zu seinen Gunsten, so daß sich nicht mal die Minister daran stießen. Einer der beiden Minister, der nach Burg das Wort ergriff, sagte:

»Es ist ja ganz klar, daß Sie keine Stunde mehr Ihres Lebens sicher wären, wenn die Verbrecher wüßten, wer ihr Meister ist.«

»Wenn doch die Beamten das System kennen,« meinte Frau Inge, »so sehe ich nicht ein, weshalb nicht auch wir …«

»Sie sehen doch,« kam die Baronin Pfalzbaben Burg zu Hilfe – »er wünscht es nicht und wird dafür, wie Exzellenz bereits andeuteten, auch seine Gründe haben.«

Auch der General meinte: »Wer derartige Erfolge aufweist und durch seine Stellung zum Polizeipräsidium halbamtlichen Charakter hat, dem können wir wohl blindes Vertrauen entgegenbringen.«

»Ganz meine Ansicht,« sagte der Bankier. »Nur weiß ich nicht, warum wir von den zwanzig Prozent heruntergehen sollen, man darf auch in der Philanthropie nicht übertreiben.«

»Menschenliebe, meinen Sie,« rief der General, doch der Bankier, der stolz war, dies Wort richtig und an richtiger Stelle ausgesprochen zu haben, erwiderte:

»Da das Unternehmen von heute ab einen internationalen Charakter tragen soll, so bleibe ich bei Philanthropie – dies Wort, richtig angewandt, kann Milliarden tragen. Was glauben Sie, wieviel Menschen sich damit reich und einen guten Namen gemacht haben. Allein an der Ruhrhilfe sind Dutzende von Berlinern gesund geworden.«

»Pfui Deibel!« rief der General und sprang auf. Und auch die Anderen entrüsteten sich ehrlich, so daß der Bankier nervös wurde und erklärte:

»In unserem Falle ist eine Schiebung ja schon technisch unmöglich. Des guten Klanges wegen aber schlag ich mit Rücksicht auf das Auslandsgeschäft die Umwandlung der Firma Wida G. m. b. H. in Philanthropia A.-G. vor.«

»Der Name ist gut!« sagte Frau Inge.

»Aber die Motive sind miserabel!« erklärte der General.

»Doch höchstens die Gefühle des Herrn …«

»... Protzke ist mein Name!« rief der Bankier und erhob sich, und Frau Inge fuhr fort:

»... und die kümmern uns nicht.«

»Mich aber kümmert, neben wessen Namen ich meinen setze,« erklärte der General. »Da könnten wir ja gleich Protzke und Co. firmieren.«

»Sprechen Sie deutsch, wenn ich bitten darf!« rief der Bankier, und der General brabbelte etwas in seinen Bart und setzte sich.

Im selben Augenblick stand Burg, legte Pathos in seine Stimme und erklärte:

»Meine Damen und Herren! Ein Unternehmen wie dies ist auf eine Person gestellt, die dank meinem System in diesem Falle ich bin. Mein System gebe ich nicht preis – so wenig wie etwa die chemischen Fabriken ihre Geheimnisse verraten. Ich kann aber auch aus meiner Haut nicht heraus und meinem Gewissen keine Opfer bringen. Den Namen Philanthropia A.-G. akzeptiere ich, nicht aber die Gesinnung, die Herr Protzke hier zum Ausdruck brachte. Die Atmosphäre meines Unternehmens war rein bis heute und muß rein bleiben. Ich würde daher lieber auf die Milliarden des Herrn Protzke verzichten …«

»Bravo!« rief der General.

»... als dulden, daß die rein menschliche Seite unserer Tätigkeit materieller Gewinnsucht zum Opfer fällt.«

Der General und die Minister schienen erbaut, die Baronin Pfalzbaben begeistert, und der Bankier fragte: »Bedeutet das Rausschmiß?«

»Ich muß auch sagen,« erklärte Rolf, »obschon ich nicht zum Stamm derer von Raffke gehöre, daß ich mir die Wida als ein wirtschaftliches Unternehmen und nicht als Verein zur Hebung der Sittlichkeit gedacht habe.«

»Dann soll man auch konsequent sein,« führte Frau Inge den Gedanken weiter, – »auf Gewinn verzichten und den Gesamterlös wohltätigen Zwecken zuführen.«

Diesen Worten folgte eisiges Schweigen. Burg und der Direktor erblaßten, alle übrigen schienen um eine Antwort verlegen. Nur der Bankier sagte:

»Einverstanden! Nur, daß ich dann nicht mitmache.«

Burg stand wieder, aber nicht so sicher wie noch vor wenigen Minuten. Er fühlte, der Glorienschein war ihm zum mindesten tief in die Stirn gedrückt.

»Meine Damen und Herren,« begann er. »Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen! Wie das ganze Leben ein Kompromiß ist! Man kann nicht Gutes tun mit leerem Magen. Wer aufrichten will, darf nicht selbst gebückt sein. Wer Freude verbreiten will, darf nicht an Melancholie leiden. Wählen wir die goldene Mitte! Erwerben und andere daran teilnehmen lassen, verstößt weder gegen die guten Sitten noch gegen die Heilige Schrift!«

Lebhafte Zustimmung folgte diesen befreienden Worten. Einer der beiden Minister erhob sich und sagte:

»Ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich Herrn Burg als einen ausgezeichneten Menschen bezeichne, der mit Gefühl, Verstand und Takt schon den richtigen Weg weisen wird. Was mich besonders sympathisch an ihm berührt, ist die Schlichtheit seines Wesens. Daß dieser Mann trotz seiner eminenten Begabung und Erfolge auf seinem Posten als Hausmeister bleibt, wo ein anderer an seiner Stelle längst den großen Herrn spielen würde, sagt mir mehr als Worte und Zahlen. – Ich bitte Sie, Herrn Burg unser Vertrauen und unsere Hochachtung auszusprechen und ihn mit den weitgehendsten Vollmachten auszustatten.«

»Bravo!« rief man von allen Seiten, die Baronin Pfalzbaben klatschte in die Hände und sprang auf. Notgedrungen folgten die Anderen. Es wurde eine Huldigung für Burg.

Nur Frau Inge blieb sitzen.

Der Bankier, der neben ihr stand, beugte sich zu ihr herab und sagte:

»Warum stehen Sie nicht auf für so einen Ganeff?«

»Sie haben recht,« erwiderte sie, »er verdient es.«

Und während sich Frau Inge unwillig und langsam erhob, stand Burg triumphierend da und ließ sie nicht aus den Augen.

Die Namensänderung wurde abgelehnt. Aus der Wida G. m. b. H. wurde eine Wida A.-G. in Höhe von zweihundert Milliarden. Protzke und Rolf rissen sich um die Ehre, das Aktienkapital voll zu zeichnen. Burg wurde Generaldirektor mit hoher Gewinnbeteiligung. Die märchenhaften Summen für Niederlassungen in Hamburg, München, Breslau, Frankfurt, Leipzig, Danzig, Wien, Budapest, Warschau, Zürich, Genf, Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm, denen Niederlassungen in London und Glasgow folgen sollten, wurden genehmigt.

Als man eben debattierte, ob es möglich sein würde, sich auch in Paris, Brüssel und Antwerpen festzusetzen, was Burg warm befürwortete, der General schon aus vaterländischen Gründen für unmöglich hielt, schlug es zehn Uhr. Eben ertönte der zehnte Schlag, da erhob sich wie eine Kerze der eleganteste der sechs Komparsen, deren stramme Haltung das Herz des Generals schon drei Stunden lang entzückt hatte, und gab zum Erstaunen aller, zu Burg gewandt, der kreidebleich wurde, folgende Erklärung ab:

»Ich mache darauf aufmerksam, daß von zehn Uhr ab Ueberstunden gerechnet werden.«

Burg winkte ab und rief:

»Ich weiß! ich weiß!«

»Dreifache Taxe!«

»Ja doch!«

»Sollen wir trotzdem bleiben?«

»Selbstverständlich!« – Und zu den erstaunten Gesellschaftern gewandt fuhr er fort, während sich der Komparse setzte: »Sie bekommen hier gleich einen Einblick in die straffe Geschäftsführung. Diese Herren« – und er wies auf die Komparsen – »die besondere Dienstzweige bearbeiten und zum größten Teil aus der Kriminalpolizei hervorgegangen sind …«

»Ich hatte sie für ehemalige Offiziere gehalten,« unterbrach ihn der General, und Burg fuhr fort:

»Auch solche sind darunter!«

»Dacht ich's mir doch!« erwiderte der General und musterte sie wohlgefällig. »Unverkennbar!«

»Jedenfalls ist ihr Dienst um zehn Uhr abends beendet, und wir halten aus sozialen Gesichtspunkten darauf, daß sie nicht überanstrengt werden. In einem Ausnahmefall wie heute ist das natürlich etwas anderes. Die Tarife sind gestaffelt und die Herren gehalten, der Sekretärin« – er wies auf die bucklige Stenotypistin, die eifrig mitschrieb – »um Mißverständnissen vorzubeugen, die Zeiten, zu denen der Tarif wechselt, aufzugeben.«

»Glänzend organisiert!« rief der General, und die Baronin Pfalzbaben sagte:

»Mustergültig!«

Zu Burgs Entsetzen aber stand schon wieder ein Komparse kerzengerade da und erklärte:

»Ich muß um sieben Uhr morgen früh in Johannisthal sein.«

»Wieso um sieben?« entschlüpfte es dem Direktor, der wußte, daß Filmaufnahmen frühestens um halb neun beginnen. Und der Komparse erwiderte:

»Da ich als Aegypter anderthalb Stunden für die Toilette brauche.«

Alle rissen die Mäuler auf, und der Direktor hielt die Situation für verloren. Aber Burg erklärte lächelnd:

»Ein interessanter Fall, meine Damen und Herren. Ein berüchtigter Hochstapler, auf den wir schon lange fahnden, hat den Diener eines Aegypters, der hier in einem ersten Berliner Hotel wohnt, angestiftet, seinem Herrn kostbaren Schmuck zu stehlen. Morgen früh um acht Uhr haben sich die beiden Halunken ein Rendezvous in Johannisthal gegeben, um mit dem Raub in einem Flugzeug über die holländische Grenze zu fliehen. Der junge Aegypter, der den Schmuck gestohlen hat, ist von uns gefaßt und hat uns den Plan verraten. Dieser Herr« – und er wies auf den Komparsen – »wird als Aegypter verkleidet morgen in das Flugzeug des Hochstaplers steigen, bei dem wir die Beute großer Diamantendiebstähle vermuten. Er wird mit ihm auch aufsteigen, da wir vermuten, daß er in Johannisthal Vorkehrung für seine Sicherheit getroffen hat. Aber er wird nicht in Holland, sondern an einer von uns bestimmten Stelle mit ihm landen. Wir hoffen, einen guten Fang zu tun.«

Die Gesellschafter waren stark beeindruckt, Rolf rief:

»Herr Burg, den nächsten Urlaub, den ich mir bewillige, verbringe ich bei Ihnen!«

»Es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein,« erwiderte Burg, während dem Komparsen beim Anhören der Filmtätigkeit, die ihn am nächsten Morgen erwartete, recht unbehaglich wurde.

Von dem Erfolg dieser Erzählung angeregt, erfand Burg weitere Geschichten, die die Abwicklung der geschäftlichen Angelegenheiten wesentlich vereinfachten. Als die Komparsen entlassen waren und der Aufsichtsrat sich konstituierte, sagte der eine Minister:

»Ich gehöre dreiundzwanzig Gesellschaften als Aufsichtsratsmitglied an. Aber das darf ich sagen: ein so interessantes und zugleich aussichtsreiches Unternehmen wie die Wida befindet sich nicht darunter.«

Nur Frau Inge stimmte nicht bei und meinte:

»Da es doch zum mindesten ungewöhnlich ist, Damen in einen Aufsichtsrat zu wählen, so möchte ich lieber verzichten.«

Burg widersprach: »An diesem Unternehmen ist alles neu,« sagte er. »Warum soll man da nicht auch hierin Anderen vorangehen?«

»Ich finde es auch durchaus zeitgemäß!« stimmte Rolf bei, und als Frau Inge noch immer zögerte, erklärte Burg:

»Frau Baronin stoßen sich vermutlich daran, daß ich in meinem Nebenberufe bisher eine sozial nicht gerade gehobene Stellung einnahm. Ich kann diese Bedenken beheben und Frau Baronin mitteilen, daß ich bereits heute abend brieflich um Enthebung von meiner Stellung nachgesucht habe.«

»Also!« drängte Rolf Frau Inge. »Sie müssen annehmen.«

Burg spielte seinen letzten Trumpf aus und sagte:

»Ich weiß, daß es Damen gibt, denen ich … unheimlich bin und die mich fürchten. In diesem Falle freilich möchte ich die Baronin nicht drängen.«

»Sie!« rief Frau Inge und richtete sich gegen Burg auf. »Nein!« – Sie tauchte die Feder ein und setzte ihren Namen neben die der Andern.

Burg verstand es, Frau Inge beim Fortgehen in ein kurzes Gespräch zu ziehen.

»Alles, was ich tue, tue ich für Sie!« sagte er.

»Sie sind toll!« erwiderte Frau Inge.

»Toll nach Ihnen!«

»Ich verbiete Ihnen …«

»Ich weiß! – Aber sagen Sie mir wenigstens, daß Sie meine Leistung respektieren.«

»Das muß man wohl oder übel.«

»Bin ich Ihnen gleichgültig?«

»Ja!«

»Aber doch weniger gleichgültig als die Andern?«

»Sie sind mir unausstehlich.«

»Sie hassen mich?«

»Um das zu wissen, dazu müßte ich erst über Sie nachdenken.«

»Ich habe Sie gezwungen, sich heute abend vier Stunden lang mit mir zu beschäftigen.«

»Es war eine Qual.«

»Dann war die Mühe nicht umsonst.«

»Was bedeutet das?«

»Daß ich Sie erobern werde!«

Rolf stand neben ihnen und hörte die letzten Worte.

»Wen wollen Sie erobern?« fragte er.

»Die Welt!«

»Sie haben das Zeug dazu!«

»Das heißt, ich begnüge mich mit dem, was mir die Welt bedeutet.«

»Da Sie nicht bescheiden sind, ist das viel.«

»Sehr viel sogar!« erwiderte Burg, verbeugte sich und ging.

»Ein kapitaler Kerl!« sagte Rolf.

»Finden Sie?«

»Er imponiert mir.«

»Glauben Sie, daß er auch einer Frau gefährlich werden kann?«

»Welche Frage! – Jeder!«

Frau Inge schloß sich fest in ihren Pelz und sagte:

»Mir nicht.«


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