Jean Paul
Levana oder Erziehlehre
Jean Paul

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Siebentes Bruchstück

Entwicklung des geistigen Bildungtriebes

Kap. I. Nähere Bestimmung des Bildungtriebes § 130. Kap. II. Sprache, Schrift § 131-132. Kap. III. Aufmerksamkeit und Vorbildungkraft, Pestalozzi, Unterschied der Mathematik von der Philosophie § 133-135. Kap. IV. Bildung zum Witze § 136-138. Kap. V. Bildung zur Reflexion, Abstraktion, Selberbewußtsein nebst einem Anhang-Paragraphen über Tat- oder Welt-Sinn § 139-140. Kap. VI. Über die Ausbildung der Erinnerung, nicht des Gedächtnisses § 141-144.

Erstes Kapitel

§ 130

Andere Erziehschreiber nennen den geistigen Bildungtrieb das Erkenntnisvermögen – d. h. sie nennen Malen Sehen; – oder die intellektuellen Kräfte – gedenken aber der Sinne und des Gedächtnisses erziehend mit; – oder sprechen von der Bildung zur Selbsttätigkeit – als wäre der Wille nicht auch eine. Die meisten (vor Pestalozzi) schlugen vor, nur recht viele Kenntnisse aller Art einzuschütten: so bilde sich ein tüchtiger Mensch, denn Geist komme (nach Klopstock) von Gießen. Gelähmte Allwisser, ohne Gegenwart des Geistes und ohne Zukunft desselben, die (wie in anderem Sinne die endlichen Wesen) ewig fortgeschaffen werden, und die nie selber schaffen, Erben aller Ideen, aber keine Erblasser, sind Probemuster jener Erziehung, obwohl keine Musterproben derselben.

Wir wollen den geraden Weg, den nach dem Mittelpunkte nehmen, anstatt auf dem Kreise umherzugleiten.

Der Wille wiedererzeugt nur sich und nur in sich, nicht außer sich; denn die äußere Tat ist so wenig das Neue des besondern Wollens als der Zeichen-Laut das Neue des besondern Denkens. Der Bildungtrieb hingegen vergrößert seine Welt mit neuen Geschöpfen und ist so abhängig von Gegenständen als der reine Wille unabhängig. Der Wille könnte sein Ideal erreichen, findet aber einen wunderbaren Gegensatz wider sich (Kants Radikal-Böses), indes dem Denken keine entgegengesetzte Macht (wie Laster der Tugend) entgegensieht, sondern nur der Unterschied der Stufenfolge und die Unabsehlichkeit der Reihe. Nichts-Wissen ist nicht so schlimm als Nichts-Tun; und Irrtum ist weniger das Gegenstück als das Seitenstück der Wahrheit – denn verrechnen heißt nur etwas anderes, als man wollte, aber recht berechnen ; hingegen Unsittlichkeit steht der Sittlichkeit rein entgegen.

Der geistige Bildungtrieb, der höher als der körperliche nach und durch Willen schafft, nämlich die neue Idee aus den alten Ideen, ist das Abzeichen des Menschen. Kein Wollen bedingt die Vorstell-Reihe des Tiers; im Wachen denken wir selber, im Traume werden wir gedacht, dort sind, hier werden wir unserer bewußt; im Genie erscheint dieses Ideen-Schaffen als schöpferisch, im Mittel-Menschen nur als besonnen und notwendig; wiewohl der Unterschied nur so klein ist als der im Zeugen, das oft Riesen und Zwerge gibt. Die Entwickelungen der Bildungkraft sind 1) die Sprache und 2) die Aufmerksamkeit, welche beide durch Eingrenzen und Abmarken eine Idee näher vor die Seele bringen – 3) die Ein- oder Vorbildungkraft, welche eine ganze Ideenreihe festzuhalten vermag, damit aus ihr die unbekannte, aber gesuchte und folglich geahnete Größe vorspringt, als Teil, Folge, Grund, Symbol, Bild – 4) der Witz – 5) die Reflexion – 6) die Erinnerung.

Aus dieser beinahe genetischen Stufenordnung ergibt sich leicht die Absonderung in zwei Lehrklassen, wovon die eine dem Bildungtriebe organische Stoffe zuführt, z. B. Mathematik, die andere nur tote, z. B. die Naturgeschichte. Denn alles anhäufende Vorlehren naturhistorischer, erdbeschreibender, geschichtlicher, antiquarischer Kenntnisse gibt dem Bildungtriebe nur Stoffe, nicht Reize und Kräfte. Die alte Einteilung in Sprach- und in Sachkenntnisse ist zwar richtig, aber das Inventarium dessen, was zu jener und was zu dieser gehört, ist gerade so falsch als das ähnliche von Krankheiten vor Brown, welche man zwar auch, wie er, in sthenische und asthenische einteilte, nur aber Ruhr und Pest in jene Klasse und den athenischen Husten und Katarrh etc. in diese warf. Denn z. B. Sprache rechnete man zu den Sprachkenntnissen, hingegen Natur-, Völkergeschichte zu den Sachkenntnissen; anstatt es umzukehren.

Hier nur ein Wort über den Miß- oder Vielbrauch der Naturgeschichte! Diese scheint für manche Lehrer das Wünschhütlein, wenn sie wenig von dem haben, worauf das Hütchen zu setzen ist, oder die Proviantmeisterin derer zu sein, die an Kenntnissen darben. Der Verfasser dieses fand zu seiner Freude in Goethens Wahlverwandtschaften Übereinstimmung mit einem Gedanken, den er selber schon im Tagebuche über seine Kinder im Jänner 1808 für sich niedergeschrieben: nämlich, welche Kraft wird denn an Kindern durch die Naturgeschichte ausländischer Tiere weiter gebildet oder mehr als durch die Erzählung von der ersten besten Mißgeburt? Höchstens gelte die ausländische als Honig auf dem nahrhaften Brot, oder als Anschlag-Zettel eines eben zu sehenden Tiers; und übrigens als Hausleserei in Funk. Hingegen an einheimischen Tieren müßte die genaueste Familiengeschichte und das lebengroße Tierstück gegeben werden. Ja, wie sehr würde, nicht sowohl Anschauung übend als mit der Gegenwart wuchernd, Pflanzenlehre und Mineralogie die kleinen Vorteile der ausländischen Tiergeschichten überwiegen! Ebenso wären die teuern jetzigen gemalten Welten (orbis pictus) recht gut durch die Werkstätten zu ersetzen, in welchen ein Handwerker nach dem andern den hospitierenden Kindern sein Gewerbe lebendig vorlegte.


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