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16. Kapitel

Die Hundehandlung, Scher- und Badeanstalt Georg Horns war aber, trotz der vielen Jagdhunde ihres Inhabers, nicht allzusehr auf die Kundschaft von Jägern und Förstern angewiesen. Ein schöner Sommertag brachte neben den vierbeinigen Scher- und Badegästen so manchen Käufer.

Menschen aller Gesellschaftsklassen suchten sich hier einen Hund aus. Es kam zum Beispiel ein gut angezogener Herr, der einen Begleithund haben wollte. Selbstverständlich, das war ja die Spezialität des Herrn Horn – gerade der wohlerzogene Begleithund edler Rasse war die Sorte Hunde, die man hier in der reichhaltigsten Auswahl vorfand.

»Wie wäre es zum Beispiel mit diesem braunen Pudel da? Ein phänomenal kluger Hund, der Hund hört das Gras wachsen. Und schön!«

Der Käufer meinte bescheiden, der Hund mache den Eindruck, als sei er schon etwas alt.

»Richtig, ist er! Soll er auch sein! Sie brauchen einen Hund, der nicht mehr jung ist, weil nur der bejahrtere Hund das ruhige Wesen hat, das Sie als geistig arbeitender Mensch von Ihrem Begleithund verlangen müssen. Ich habe nicht irgendeinen beliebigen Hund herausgegriffen, als ich Ihnen den Pudel anbot, sondern ich war mir sofort darüber im klaren, daß dieser Hund und kein anderer wie für Sie gewachsen ist.«

Der Käufer sieht sich nun den für ihn seit etwa sieben Jahren gewachsenen Hund näher an. Der Hund ist nicht häßlich. Er wedelt leicht mit der Rute, als ihn der fremde Herr über den Wuschelkopf streichelt. Der Pudel liegt seit drei Jahren auf diesem schmutzigen Hundehof herum, ihn hat langsam eine große Gleichgültigkeit erfaßt. Früher, als er wirklich sehr schön war, gehörte er einem wohlhabenden Börsenmann und fuhr im Auto. Dann kam ein großer Börsenkrach, und in der Nacht darauf krachte es in der Wohnung des Börsenmannes. Die Witwe verkaufte alles und zog in eine andere Stadt, und der Pudel kam zu Horn. Bald wurde der schöne Hund verkauft, doch sein neuer Herr wurde krank, und so wanderte »Castor« nach zwei Jahren wieder in die Hundehandlung, die er gehofft hätte nie wiederzusehen.

Heute nun verließ er sie abermals, denn der Herr ließ sich überreden und erwarb den schon frühzeitig gealterten Hund für hundertfünfzig Mark, wenn auch widerstrebend. Er kaufte trotzdem nicht schlecht, da er sich vier Jahre an dem angenehmen, gutartigen Hund erfreuen konnte. Dann fiel Castor eines Tages von der Treppe und verendete. Ein Herzschlag hatte ihn getroffen.

Nach dem Pudelkäufer betrat eine junge Dame den Hundehof, die sehr schick, nur etwas auffallend angezogen war.

Sie wollte einen süßen, kleinen, allerliebsten Hund haben. Horn verstand sich gut auf die Damen der Halbwelt.

»Aber gewiß, meine Gnädigste, habe ich da. Sie haben großes Glück, denn der Hund, den Sie suchen ...«

»Aber Sie wissen doch noch gar nicht – –«

»Doch, ich weiß! Der Hund, den Sie suchen, ist gestern abend eingetroffen. Bitte treten Sie näher, das Tierchen ist im Hause.«

»Ja, wissen Sie, es muß ein ganz rassereiner Hund sein, und sehr klein, und dann natürlich klug, absolut klug, und schmutzig darf er auch nicht machen, hahaha!«

»Gnädige Frau, Sie sprechen, als ob Sie den Hund schon kennen, hier hinein, wenn ich bitten darf – – Ella!!! den Pekinesen von gestern!«

Die Gerufene kommt, und mit ihr eine alte Dame, eine neue Kundin. Gleichzeitig klingelt das Telephon. Horn wendet sich zu der Neuangekommenen.

»Bitte, eine Sekunde, gnädige Frau, ich stehe gleich zu Ihrer Verfügung, bitte nehmen Sie doch Platz.« Er wirft eine Teckelhündin vom Stuhl und wendet sich wieder der Jungen zu, indem er gleichzeitig den Hörer des klingelnden Apparates abhebt. Dann mit unnachahmlicher Betonung: »Pfalzburg, dreiundneunzig sechsundsiebenzig. Jawohl, habe ich da. Nein, das Beste vom Besten – – selbstverständlich mit erstklassigem Stammbaum. Ich habe nur Hunde mit einwandfreiem Stammbaum – – ja, bitte, es ist immer jemand zu Hause, guten Tag.«

Inzwischen hat Frau Horn ein schwarzes Puschelchen hereingebracht, das zwar an einen Pekinesen erinnert, aber auch Anzeichen aufweist, die an einen Zwergspitz gemahnen. Der Hund ist zweifellos nicht reinrassig, aber klein, schwarz und langhaarig, und aus dem tiefdunklen Gesicht funkeln zwei lebendige Augen. Er ist eben »einfach süß«. Das gnädige Fräulein ist hingerissen.

»Ja, ach ja, den nehm' ich natürlich sofort. Ach, du goldenes, du süßes Äffchen, und die Pfötchen wie Puderquasten, bloß schwarz.«

Sie hat ihn schon auf dem Arm und preßt den kleinen Bastard an sich, als wollte sie ihn zerdrücken.

Den Preis von fünfzig Mark bezahlt sie, ohne mit der Wimper zu zucken (wirklicher Wert fünf Mark), und glückstrahlend verläßt sie den Hundehof.

Nun die alte Dame. Sie sucht einen Hund, der ganz aus der Mode gekommen ist, früher an allen Enden zu sehen war, einen Mops. Und siehe da, Herr Horn hat einen. Einen sehr guten sogar. Ein grauer Steinmops mit schwarzen Läufen, Aalstrich und Maske, ein wirklich edler, einwandfreier Hund. Das Kerlchen ist etwa zwei Jahre alt, ein Rüde, und die Intelligenz sieht ihm aus den schwarzen, runden Augen.

Preis: hundertzwanzig Mark.

Das ist billig, doch Horn hat die Dame als dem Mittelstand angehörig erkannt.

Der durchaus angemessene Preis ist jedoch der Käuferin zu hoch. Horn muß bis auf achtzig Mark heruntergehen, das ist das Äußerste, was die Dame anlegen kann.

Horn tut es. Rührt ihn der Blick, mit dem die alte Frau den Hund der lange vergeblich gesuchten Rasse ansieht, und der sie an frühere sorglosere Zeiten und an einen gleichartigen Hund erinnert?

Nein, das nicht. Aber Möpse sind, unverdienterweise, so gut wie unverkäuflich. Und so geht auch diese Käuferin tiefbefriedigt, den kleinen Hund an der Seite, nach Hause.


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