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29. Rösel in Feeland

Als das Zwergmädchen am andern Morgen aus seinem tiefen Schlaf erwachte, staunte es sein Stübchen mit großen Augen an und griff sich an den Kopf. – Kein Hühnerkopf, kein Schnabel, keine Federn mehr! – Ein Kopf mit Nase, Mund und Ohren, lange Zöpfe, Hände, Füße! – Alles sehr klein, aber genau so wie bei einem Menschen.

Wie war das zugegangen? – Unfaßbar für das Zwergmädchen. Es erschrak über sich selbst, versteckte sich in die Kissen und weinte laut.

Eine Zwergfrau, sehr alt, mit vielen Runzeln und Warzen im Gesicht, die bisher schweigend neben dem Bettchen gesessen war, sprach freundlich:

» Rösel

Das Mädchen schnellte auf, schaute die alte Zwergfrau an und fragte:

»Wer seid Ihr? – Warum habt Ihr mich Rösel gerufen? Bin ich die Rösel? – Sagt es mir: Bin ich nicht mehr Fluderle?«

Es schluchzte laut.

»Beruhige dich, mein Kind!« sagte die Alte. – »Frage nicht zu viel auf einmal. Ich werde dir auf alles Antwort geben, aber du mußt schön still im Bette liegen bleiben.«

»Ich will ganz ruhig sein, aber sagt mir doch, liebe Frau, bin ich die Rösel?«

»Freilich bist du die Rösel.«

»Und wo ist mein Vater Seppel? – Wo ist mein Bruder Bengele?«

»Sie sind beide zu Hause und arbeiten.«

»Bin ich nicht zu Hause?«

»Zu Hause schon! aber bei den Zwergen im Reiche der Fee Güldenhaar.«

»Warum bin ich so klein?«

»Du bist gar nicht klein. Du bist sogar sehr hoch gewachsen für ein Zwergmädchen.«

»Und wo ist … das … Fluderle

»Fluderle ist tot.«

»Und der Adler?«

»Tot.«

»Werde ich nicht mehr in ein Ei gesperrt?«

»Nie wieder!«

»Muß ich kein Küken mehr sein?«

»Bestimmt nicht!«

»Und keine Henne?«

»Erst recht nicht!«

»Und der goldene Käfer?«

» Der fliegt hier nicht.«

»Muß ich immer hier bleiben?«

»Das weiß ich nicht.«

»Ist es schön bei euch?«

»Das wirst du bald sehen.«

»Was macht man denn bei euch?«

»Arbeiten.«

Rösel machte ein erstauntes Gesicht. Nach einer Pause fragte es weiter:

»Muß ich auch arbeiten?«

»Versteht sich. – Hier arbeiten alle. So will es die Fee Güldenhaar.«

»Vor ihr habe ich Angst.«

»Weshalb?«

»Sie hat mich in das Ei gesperrt, sie hat mich ein Küken werden lassen, und ich mußte eine Henne sein. Sie schickte mir immer wieder den Goldkäfer. Wenn ich am schönsten flog, stürzte ich herab.«

»Das war doch Fluderle, und Fluderle ist tot. Nun lebt das Rösel. Die gütige Fee Güldenhaar liebt das Rösel, das weiß ich sicher. Sie liebt es und ist besorgt darum wie eine Mutter.«

»Darf ich nicht zu ihr gehen und mit ihr sprechen?«

»Später wirst du sie sehen.«

»Muß ich noch lange im Bett bleiben? – Ich habe ausgeschlafen und mir fehlt nichts, außer … ich habe sehr Hunger.«

»Deshalb bin ich hierhergekommen. – Du sollst aufstehen und nach dem Frühstück mit mir gehen.«

»Das tue ich gern, liebe Frau. Ihr seid so gut gegen mich, daß ich Euch sehr lieb habe. Darf ich wissen, wie Ihr heißt?«

»Nenne mich Christine! – Aber nun stehe auf!«

Die Zwergfrau verließ das Zimmer. Rösel sprang aus ihrem Bettchen, wusch sich, flocht die Zöpfe und kleidete sich fertig an. Die Zwergfrau trat wieder ein und brachte den Kaffee für beide mit.

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Sie frühstückten zusammen, und danach verließ Rösel mit der alten Christine das Krankenhaus der Fee Güldenhaar. Das Mädchen wunderte sich, daß all die kleinen Leute, die des Weges kamen, mit großer Ehrfurcht ihre alte Begleiterin grüßten und sich vor ihr verneigten.

Nach einer halben Stunde Weges durch ein liebliches Wiesental gelangten sie zu einem großen weißverputzten Gebäude mit vielen Fenstern.

»Hier ist unsere Heimat«, sagte Frau Christine. – »Das ist das Zwergenheim ›Immerfroh‹. Wenige Minuten weiter oben im Tal siehst du das Bergwerk ›Silberreich‹. Beide gehören der Fee Güldenhaar. Dort im Bergwerk arbeiten ihre fleißigen Zwerge. Hier wohnen wir und führen ihnen den Haushalt.«

»Was soll ich hier tun?« fragte Rösel.

»Du wirst mitarbeiten in der Haushaltung.«

Sie traten ein. Im Treppenhaus führte ein Zwergmädchen Besen und Staublappen und machte eifrig rein. Mit einem freundlichen, aber sehr achtungsvollen Gruß unterbrach es die Arbeit, um sofort wieder weiterzumachen. Überall im Haus vernahm man das Geräusch von Stubenreinigen und Kleiderklopfen.

Frau Christine führte Rösel in die Küche und sprach: »Hier, liebe Kinder, bringe ich euch eure neue Mitarbeiterin. Sie heißt Rösel. Ihr werdet sehen, wie gern und wie fleißig sie euch hilft. – Nun, Rösel, fang gleich an!«

Rösel half in der Küche mit, bis das Mittagessen gekocht war, war beim Tischdecken dabei und beim Auftragen der Speisen und tat fest mit, als das Geschirr gespült wurde.

Sie fegte ein ander Mal die Gänge und brachte die Zimmer der Bergmännlein in Ordnung, sie bürstete die verstaubten Kleider, sie nähte und flickte, sie stopfte zerrissene Strümpfe und strickte neue.

In aller Frühe begann das Tagewerk. Dann erst, wenn die Zwerge zu Nacht gegessen, die Mädchen den Speisesaal aufgeräumt und in der Küche alles gewaschen und in Ordnung gebracht hatten, war Feierabend.

Freundlich waren die Zwerge und dankbar, wenn sie von der Arbeit aus dem Bergwerk kamen und daheim den Tisch sauber gedeckt und die Speisen sorgfältig zubereitet fanden, wenn ihre Kleider gereinigt und geflickt, die Knöpfe fest angenäht waren, die sie abgerissen hatten, wenn die Zimmer gereinigt und gelüftet, die Betten pünktlich gemacht waren.

Es gab nie Streit im Hause. Jedes Zwergmädchen wollte dem andern bei der Arbeit helfen oder eine Arbeit abnehmen.

Den ganzen Betrieb leitete Frau Christine. Nie hörte man einen Kommandoton. Die Mädchen rannten, um jeden Wunsch ihrer Herrin zu erfüllen. Ein Lob der Gebieterin machte sie glücklich.

Darum war in dem Hause auch nie ein Scheltwort zu hören. Bei der Arbeit erklangen sehr oft frohe Lieder, denn die Zwergmädchen hatten alle sehr gute Stimmen.

So verging Woche um Woche, Monat um Monat, und Rösel merkte es nicht, daß sie schon ein halbes Jahr im Zwergenreiche lebte und ein wirklich fleißiges Zwergmädchen geworden war.

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