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17. Rollis Rache

»Hier stimmt was nicht«, sagte Hektor zu sich selbst und schüttelte bedenklich seinen weißen Krauskopf. – Lange schon stand er vor seiner Hütte bei 's Heinisbärbe. Jetzt ging er langsam ums Haus herum, blinzle scharf nach allen Seiten, erblickte nichts, stand wieder still und sprach: »Und ich sage es noch einmal, es stimmt hier etwas nicht.«

Was veranlaßte den treuen Hofhund zu dieser Bemerkung? – Er hatte gestern abend den weißrot getigerten Kater am Waldrand gesichtet, als dieser gerade im Gebüsch verschwand. – Hektor hatte heute früh wie gewöhnlich sein Fußbad im Elfenmoor genommen und dort eine Fuchswitterung in die Nase bekommen. Aber er konnte nur feststellen, daß der Fuchs hier durchgestrichen war und seinen Weg ins Gebirge genommen hatte. – »Der Fuchs und der Kater haben einen Lumpenstreich vor«, das vermutete Hektor mit Recht.

Er legte sich vor seine Hütte, überlegte hin und her, konnte aber nicht ergründen, was die Gauner unternehmen wollten.

Da stand Rolli hundert Schritte entfernt auf einem Randstein des Weges und schaute frech zu ihm her. Hektor tat, als bemerkte er den Kater nicht.

Nun setzte sich dieser auf den Stein, leckte und putzte sich und schaute immer wieder herüber. – »Ein unverschämter Kerl!« dachte Hektor. Aber er rührte sich nicht.

Gemächlich stieg der Kater von seinem Stein herab, ging eine Strecke des Weges bergan und verschwand dann seitlich im Ginstergebüsch.

»Daß er es wagt, sich am hellen Tage hier zu zeigen, und daß er geradezu absichtlich mich darauf aufmerksam macht, das hat etwas zu bedeuten«, dachte Hektor. Und er hatte wieder recht.

Rolli war daran, den größten Schurkenstreich seines Lebens vorzubereiten. Dazu brauchte er den Hektor. Der Hund sollte argwöhnisch werden und seine Wachsamkeit in der Nacht verdoppeln, damit Rolli seinen Plan erfolgreich durchführen konnte.

Es waren schon einige Tage vergangen, seitdem Fuchs Fürst von Fuchsenschroffen den Hahn Kuh-hong verzehrt hatte. Durch diesen Leckerbissen kam ihm das Gelüste nach besserer Kost heftiger als je. Er erklärte seinem Freunde Rolli, Grafen von Katzenstein, kurz und bündig, daß er den Hasen, der vom letzten Vierteljahr noch fällig war, innerhalb der nächsten vierzehn Tage auf seinem Tische sehen wollte.

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Rolli konnte es dem Fuchse nicht vergessen, daß er ihn mit dem Kopf und den Füßen des Hahnes abgefertigt hatte. Glühender Haß gegen den Burgherrn war in seiner Katerseele entbrannt, weil der Fürst sein Wort gebrochen und, statt die Steuern zu erlassen, ihn mit größeren Abgaben belastet hatte. Ein Mordplan reifte in Rollis Hirn, wie nur der schlaueste aller Kater ihn erdenken konnte.

Rolli hatte sich die vergangene Nacht in der Heide beim Elfenmoor versteckt und dabei das Treiben der Hasenfamilie vom Dachsberg genau ausspioniert.

Neben der Heide lag ein Kleeacker. Hierher kam Hoppel, das Häslein, mit seiner Mutter zum Nachtessen. Hoppel war zu einem schönen Hasenjüngling herangewachsen und machte neben dem Essen her hundert Purzelbäume. Die Hasenmama, still in sich gekehrt, schaute ihrem Sohne zu und sprach: »Wenn doch der Vater Mümfel noch lebte! Wie würde er sich freuen über unser braves Kind! Ein Trost für mich, daß ich einen solch guten Sohn habe! – Er schlägt tatsächlich in allem seinem wackeren Vater nach.«

Hoppel trat auf seine Mutter zu und sprach: »Erlaubst du mir, daß ich noch kurz aufs Elfenmoor hinübergehe?«

»Gehe nur!« sagte sie, »und danke immer den guten Elfen, daß sie uns das Kräutlein Haswohlverlei wachsen ließen. Vielleicht triffst du auch deinen Freund Hektor an. Grüße ihn von mir. Ich warte hier auf dich.«

Das alles hatte Rolli aus seinem Versteck mitangesehen und mitangehört. Nun zeigte er sich am Morgen so auffällig vor Hektor.

Warum? … Ihr werdet es bald erfahren.

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Pechschwarze Nacht! – Zwei Räuber gehen auf leisen Sohlen den Weg, der zum Hof von 's Heinisbärbe führt.

»Hast du den Rucksack dabei?«

»Jawohl, Fürst! – Leer will ich ihn tragen, aber wenn der Hase drin ist, wirst du mit mir abwechseln.«

»Versteht sich! – Zur Vorsicht habe ich auch mein scharfes Messer mitgenommen«, sprach der Fuchs.

»Das war überflüssig«, meinte Rolli, »Hasen lassen sich ohne Messer abmurksen.«

Rolli ärgerte sich. Er sprach nach einer Weile: »Gib mir das Messer, ich will es in den Rucksack stecken. Du brauchst womöglich schnelle Füße. Beim Rennen könnte dich der Dolch behindern.«

»Man weiß nie, wie man die gute Waffe brauchen kann«, sagte der Fuchs.

»Nun ganz leise!« warnte Rolli. – »Wir sind in der Nähe. Dort drüben ist der Kleeacker neben der Ginsterheide. Du hast die letzte Nacht das Gelände genau besichtigt. Halte dich streng an die Abmachungen. Ich werde jetzt rechts bei 's Heinisbärbe vorbeigehen und von der andern Seite dem Felde näher kommen. Auf diese Weise kann uns der Hase unmöglich entgehen. – Am Elfenmoore treffen wir uns.«

Der Fuchs schlich sich über das Feld. Der Kater lief, was er konnte, gegen des Heinisbärben Hof.

Hektor, der in dieser Nacht kein Auge schloß, bemerkte Rolli, der hinter dem Hofe der Heide zu rannte.

»Aha!« dachte der Hund. – »Wie ich vermutet habe!«

Sofort sprang er dem Kater nach, drang durch das Gebüsch und … Hoppel, sein Freund, kam atemlos auf ihn zugesprungen und rief: »Der Fuchs! Der Fuchs!«

Da war auch schon der Fuchs und rannte so blindlings auf Hektor zu, daß dieser fast umgefallen wäre.

Ein schrecklicher Kampf begann. Hektor hatte den Fuchs am Vorderbein erwischt. Dieser biß ihm das eine Ohr durch. Hektor ließ des Fuchses Bein aus und wollte den Gegner an der Gurgel fassen. Aber er erwischte ihn nicht richtig. Der Fuchs zog sein Messer und wollte es Hektor in den Leib stoßen. Er traf ihn ins rechte Vorderbein. – Nun geriet Hektor in maßlose Wut. – »Ein Messerheld ist dieser durchtriebene Strolch!« schrie er und schlug ihm mit der verwundeten Pfote, jeden Schmerz vergessend, das Messer weg. – Jetzt gelang es dem starken Hund, den Fuchs an der Kehle zu fassen. Mit einem kräftigen Biß schnitt er ihm die Lebensader durch. Wie ein Brünnlein floß des Räubers Blut davon. Röchelnd starb der Fuchs dahin. – Nun erst ließ Hektor den Leichnam auf den Boden fallen. Noch ein paar Zucker, und Fuchs, Burgherr von Fuchsenschroffen, war nicht mehr.

Rolli, der heimtückische Kater, saß auf einem Baum neben der Heide und sah alles, was geschah. – »Nun hat er bekommen, was er verdient hat!« sagte er vergnügt und patschte seine Pfoten zusammen. Es klatschte aber nicht, weil er Sammetpfötchen hatte, und darum hat es auch Hektor nicht gehört.

Hoppel, das Häslein, war in seiner Todesangst weitergerannt und kam erst zurück, als der Fuchs tot auf dem Kampfplatz lag. Hektor war vom Blute des Fuchses von oben bis unten beschmutzt und blutete aus seinen eigenen Wunden.

»Ach Gott, mein lieber Hektor!« jammerte Hoppel.

»Geh nur heim!« sagte dieser. – »Der da hat jetzt ausgeräubert. – Ich muß zunächst ein Bad im Bache nehmen.«

Am andern Morgen ging der Heinisbärber auf die Heide, weil er sich Ginsterreis zu einem Besen schneiden wollte. Da fand er einen toten Fuchs und sagte: »Schade, daß es nicht Winter ist. Um diese Zeit taugt das Fell nicht viel. Sonst hätte es einen Pelz für meine Frau gegeben. Sie möchte doch schon längst gern einen haben.«

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Der Eichelhäher flog über die Heide dem Walde zu und rief laut:

»Schäk!– Schäk! – Schäk!
Tot liegt er am Weg. –
Nun freut euch Tierlein weit und breit:
Der Fuchs tut keinem mehr ein Leid.
Schäk! – Schäk! – Schäk!
Tot liegt er am Weg.«

Die Lerchen und Amseln, die Finken und Stare, die Drosseln und Rotkelchen begannen ein Jubellied, daß es über die Höhen schallte, die Rebhühner gackerten auf den Feldern, die Hasen machten Männchen und hoben dankbar die Pfötchen zum Himmel, die Hähne krähten von allen Bauernhöfen.

Um Hektors Wunden kümmerte sich niemand. Darum leckte er sie selbst so lange, bis die Schrammen verheilt waren.


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