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1938

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An Max Eitingon

Wien IX, Berggasse 19, 6. Februar 1938

Lieber Freund

Ich habe mich oft verständnislos gefragt, ob es unvermeidlich ist, daß Zeitungen so regelmäßig und uneingeschränkt lügen müssen. Jedenfalls gut zu wissen, daß Sie den Nachrichten auch diesmal nicht geglaubt haben. Unsere in ihrer Art brave und tapfere Regierung ist gegenwärtig energischer in der Abwehr der Nazi als zuvor, obwohl angesichts der letzten Vorgänge in Deutschland niemand sicher sein kann, wie es ihr ausgehen wird.

Meine letzte Operation bei Pichler vor zwei Wochen hat die gewöhnlichen Reaktionen hervorgerufen, aber seit einer Woche arbeite und – kaue ich wieder. Da der histologische Befund des entfernten Gewebes diesmal suspekt war, droht Pichler mit einer Nachoperation in nächster Zeit, hat sich aber noch nicht dafür entschieden. Das ist natürlich nicht angenehm, aber die Operation selbst ist dank der Evipannarkose in idealer Weise schmerzlos und ungefährlich geworden, und an mehr als an das Nächste braucht man nicht zu denken.

Wir verfolgen mit großem Unbehagen die Berichte über alle Vorgänge im ›Heiligen Land‹. Ich höre gern, daß Mirra trotzdem munterer ist. Man kann nicht umhin, gelegentlich an den Meister Anton in einem von Hebbels Dramen zu denken, der das Stück mit den Worten beschließt: »Ich verstehe diese Welt nicht mehr.« Haben Sie gelesen, daß es den Juden in Deutschland verboten werden soll, ihren Kindern deutsche Namen zu geben? Sie werden nur mit der Forderung antworten können, daß die Nazi auf die beliebten Vornamen Johann, Josef und Marie verzichten.

Herzlich
Ihr Freud

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An Ernst Freud

Wien IX, Berggasse 19, 12. Mai 1938

Lieber Ernst

Ich schreibe Dir ohne äußeren Anlaß, weil ich hier ohnmächtig und untätig sitze, während Anna alle Wege macht, mit allen Ämtern verkehrt, alle Geschäfte erledigt. Man kann die »Reise schon sehen«. Wir warten nur noch auf die ›Unbedenklichkeitserklärung‹ der Steuer, die innerhalb einer Woche kommen soll...

Zwei Aussichten erhalten sich in diesen trüben Zeiten, Euch alle beisammen zu sehen und – ›to die in freedom‹. Ich vergleiche mich manchmal mit dem alten Jakob, den seine Kinder auch im hohen Alter nach Ägypten mitgenommen haben, wie uns Th. Mann im nächsten Roman schildern wird. Hoffentlich folgt nicht darauf wie dereinst ein Auszug aus Ägypten. Es ist Zeit, daß Ahasver irgendwo zur Ruhe kommt.

Wie weit es uns alten Leuten gelingen wird, mit den Schwierigkeiten der neuen Heimat fertig zu werden, steht dahin. Du wirst uns dabei helfen. Es kommt alles gegen die Befreiung nicht in Betracht. Anna wird es gewiß leicht zustande bringen, und das ist das Entscheidende, denn für uns zwischen dreiundsiebzig und zweiundachtzig hätte die ganze Unternehmung keinen Sinn gehabt.

Wenn ich als reicher Mann käme, würde ich mir mit Hilfe Deines Schwagers eine neue Sammlung schaffen. So aber werde ich mich mit den zwei kleinen Stücken begnügen müssen, die die Prinzessin bei ihrem ersten Besuch entführt hat, und jenen Dingen, die sie bei ihrer letzten Anwesenheit in Athen für mich gekauft hat und jetzt in Paris aufbewahrt. Was ich von meiner eigenen Sammlung nachgeschickt haben kann, ist ja ganz unsicher. Es erinnert zwar an die Rettung des Vogelkäfigs bei der Feuersbrunst.

So könnte ich noch Stunden lang weiter schreiben, aber Du wirst zu beschäftigt sein, um es zu lesen. Darum nur herzliche Grüße für Dich, Lux und alle Jungen von

Papa

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An Ernest Jones

Wien IX, Berggasse 19, 13. Mai 1938

Dear Jones

Anna sagt mir, sie schließt aus Ihrem letzten Brief, daß Sie eine Antwort auf Ihren Brief zum Geburtstag erwartet haben, und darum schreibe ich Ihnen, aber auch weil ich absolut untätig und sonst unbrauchbar hier in meinem Arbeitszimmer sitze. Wir hatten beschlossen, daß dieser Geburtstag nicht gelten soll, daß er auf den 6. Juni, Juli, August und so weiter, kurz auf ein Datum nach unserer Befreiung verschoben wird, und ich habe in der Tat keine der eingetroffenen Zuschriften, Telegramme und dergleichen beantwortet. Nun scheint es doch, daß wir noch im Monat Mai in England landen werden. Ich sage, es scheint, denn trotz aller Zusagen ist die Unsicherheit das alles beherrschende Moment. Prinzessin Marie in ihrer rührenden Anhänglichkeit hatte vorgestern telephoniert, sie wolle am Montag (also am 16.Mai) nach Wien kommen, um uns über die Grenze bis nach Paris zu begleiten; wir haben sie gestern bitten müssen, ihre Erwartungen zu ermäßigen, da wir den Tag der Ausreise noch nicht bestimmen können.

Ein anderes Motiv, Ihnen nicht zu antworten, fand sich in der allgemeinen Schreibhemmung dieser Zeit. Sie erinnern sich vielleicht, ich habe einmal den sogenannten »physiologischen Schwachsinn des Weibes« (Möbius) auf das den Frauen auferlegte Verbot zurückgeführt, ihre Gedanken mit dem Sexuellen zu beschäftigen. Damit hatte man ihnen das Denken überhaupt verleidet. Wie muß eine solche Einschränkung auf mich wirken, der immer gewohnt war, dem Ausdruck zu geben, woran er glaubte. Aber wie sehr mich Ihr herzlicher Brief erfreut hat, wäre der erste Satz gewesen, den Sie in Victoria Station von mir gehört hätten.

Gern wäre ich in besserem Zustand nach England gekommen. Ich reise zwar mit einem Leibarzt, aber ich habe Bedürfnis nach mehreren Ärzten und bald nach meiner Ankunft werde ich einen Ohrenarzt ausfindig machen und den Kieferarzt aufsuchen müssen, dessen Namen mir Pichler angegeben hat. Manchmal sagt man sich auch »Le jeu ne vaut pas la chandelle«, und obwohl man damit recht hat, darf man sich nicht recht geben. Der Vorteil, den die Übersiedlung Anna bringen wird, ist all unsere kleinen Opfer wert. Für uns alte Leute (dreiundsiebzig – siebenundsiebzig – zweiundachtzig) hätte die Übersiedlung nicht gelohnt.

Anna ist unermüdlich tätig, nicht nur für uns, auch für unbegrenzt viele andere. Ich hoffe, sie wird in England auch viel für die Analyse tun können, aber sie wird sich nicht aufdrängen.

Vielleicht doch auf baldiges Wiedersehen!

Herzlich
Ihr Freud

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An Max Eitingon

39, Elsworthy Road, London, N.W.3, 6.Juni 1938

Lieber Freund

Ich habe Ihnen in den letzten Wochen wenig Nachrichten gegeben. Dafür schreibe ich Ihnen heute den ersten Brief aus dem neuen Hause, noch ehe ich neues Briefpapier bekommen habe. Es ist noch alles traumhaft unwirklich. Es könnte ein herrlicher Wunschtraum sein, wenn wir nicht Minna schwer krank, hoch fiebernd hier angetroffen hätten. Der Ausgang ist noch immer unsicher. Sie wissen, wir sind nicht alle gleichzeitig ausgereist. Dorothy die erste, Minna am 5. Mai, Martin am 14. Mai, Math und Robert am 24. Mai, wir übrigen erst Samstag vor Pfingsten, also 3. Juni, Paula mit uns, Lün wenigstens bis Dover, wo sie von einem freundlichen Veterinär in Quarantäne genommen wurde. Mein Hausarzt Dr. Schur sollte uns mit seiner Familie begleiten, aber er war so ungeschickt, in elfter Stunde einer Blinddarmoperation bedürftig zu werden, so daß wir uns mit der Garantie der netten Kinderärztin Dr. Stroß, die Anna mitnimmt, begnügen mußten. Sie hat mich sehr behütet, denn in der Tat haben die Schwierigkeiten der Reise sich bei mir in schmerzhafter Herzmüdigkeit ausgewirkt, wogegen ich reichlich Nitroglycerin und Strychnin genossen habe. Die lästige Revision in Kehl wurde uns durch ein Wunder erspart. Nach der Rheinbrücke waren wir frei! Der Empfang in Paris – Gare de l'Est – war herzlich, etwas lärmend mit Journalisten und Photographen. Von zehn a. m. bis zehn p. m. waren wir bei Marie im Hause. Sie hat sich an Zärtlichkeit und Rücksichten übertroffen, hat uns einen Teil unseres Vermögens zurückgegeben, und mich nicht ohne neue griechische Terrakotten weiter reisen lassen. Den Kanal überquerten wir im Ferry-boat, das Meer sahen wir erst im Hafen von Dover. Nun waren wir bald in Victoria Station und wurden von den Immigration-Officers mit Auszeichnung durchgelassen. Unsere Aufnahme in London ist eine sehr liebenswürdige. Die ernsthaften Zeitungen bringen kurze freundliche Begrüßungen. Allerlei Getue wird gewiß noch folgen.

Um zurückzugreifen, Ernst und mein Neffe Harr waren schon in Paris, uns zu empfangen. In Victoria war Jones anwesend, der uns dann durch das schöne London in unser neues Haus brachte, 39 Elsworthy Road. Wenn Sie London kennen, es ist ganz im Norden der Stadt, nach dem Ende von Regent's Park am Fuß von Primrose Hill, hat von meinem Fenster aus kein Gegenüber, sondern nur die Aussicht ins Grüne, das mit einem reizenden kleinen von Bäumen umschlossenen Garten anfängt. Es ist also so, als ob wir in Grinzing lebten, wo jetzt der Gauleiter Bürckel uns gegenüber eingezogen ist. Das Haus ist vornehm eingerichtet. Die oberen Räume, die ich ohne Tragsessel nicht betreten kann, sollen besonders schön sein, parterre ist uns – Martha und mir – Schlafzimmer, Arbeitszimmer und Speisezimmer eingerichtet worden, immer noch schön und bequem genug. Natürlich ist Ernst für Wahl und Einrichtung der Wohnung verantwortlich, aber wir können nicht länger als einige Monate in ihr bleiben und müssen für die Zeit, bis unsere eigenen Möbel kommen – vielleicht in einigen Monaten –, ein anderes leeres Haus mieten.

Es wird kaum Zufall sein, daß ich bisher so sachlich geblieben bin. Die Affektlage dieser Tage ist schwer zu fassen, kaum zu beschreiben. Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt, in das Entzücken über die neue Umgebung, das einen zum Ausruf: Heil Hitler drängen möchte, mengt sich störend das Unbehagen über kleine Eigentümlichkeiten der fremden Umwelt ein, die frohen Erwartungen eines neuen Lebens werden durch die Unsicherheit gehemmt, wie lange ein müdes Herz noch Arbeit wird leisten wollen, unter dem Eindruck der Krankheit im Stock über mir – ich habe sie noch nicht sehen dürfen – wechselt der Herzschmerz ab mit deutlicher Depression. Aber Kinder, die echten sowohl wie die angenommenen, benehmen sich reizend. Math zeigt sich hier so tüchtig wie Anna in Wien, Ernst ist wirklich wie man ihn genannt hat, a tower of strength, Lux und die Kinder seiner würdig, die Männer Martin und Robert tragen den Kopf wieder hoch. Soll ich der einzige sein, der nicht mitgeht, der die Seinigen enttäuscht? Und meine Frau ist gesund und siegreich geblieben.

Wir sind mit einem Schlag populär in London geworden. Der Bankmanager sagt: »I know all about you«; der Chauffeur, der Anna führt, bemerkt: »Oh, it's Dr. Freud's place.« Wir ersticken in Blumen. Jetzt dürfen Sie auch wieder schreiben, und zwar was Sie wollen. Briefe werden nicht geöffnet.

Herzlich für Sie und Mirra

Ihr Freud

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An Alexander Freud

39, Elsworthy Road, London, N.W.3, 22. Juni 1938

Lieber Alex

Eigentlich spüre ich eine starke Abhaltung, Deinen Brief zu beantworten. Du wirst gleich hören, warum. Es geht uns nämlich sehr gut, zu gut möchte ich sagen, wenn nicht ein gekränktes Herz und eine gereizte Blase an die Vergänglichkeit menschlicher Seligkeit mahnen würden. Dieses England – Du wirst es ja bald selbst erfahren – ist trotz allem, was hier fremd, sonderbar und beschwerlich ist – und es ist nicht wenig – ein gesegnetes, ein glückliches Land, von wohlwollenden gastfreundlichen Menschen bewohnt, das ist wenigstens der Eindruck der ersten Wochen. Unsere Aufnahme war über die Maßen liebenswürdig. Eine Massenpsychose hat uns auf ihren Schwingen emporgetragen. (Ich muß mich poetisch ausdrücken.) Vom dritten Tag an hat die Post Briefe mit der Adresse: Dr. Freud, London, oder ›Overlooking Regent's Park‹ richtig befördert, hat ein Taximann, der Anna nach Haus gebracht, beim Anblick der Hausnummer ausgerufen: »Oh, it's Dr. Freud's place.« Die Zeitungen hatten uns populär gemacht. Wir erstickten in Blumen und hätten uns leicht an Süßigkeiten und Früchten gründlich verderben können. Und die Briefe – ich habe zwei Wochen lang wie ein Schreibkuli gearbeitet, um die Spreu vom Weizen zu sondern und – verzeih die Entgleisung – letzteren zu beantworten. Zuschriften von Freunden, überraschend viele von völlig Fremden, die nur ihre Freude ausdrücken wollen, daß wir entkommen und jetzt in Sicherheit sind, und nichts dafür verlangen. Außerdem natürlich die Schar von Autographenjägern, Narren, Verrückten und Frommen, die Traktate und Evangelien schicken, das Seelenheil retten, die Wege Christi weisen und über die Zukunft Israels aufklären wollen. Und dann erst die gelehrten Gesellschaften, deren Mitglied ich schon bin, und die unendlich vielen jüdischen ›associations‹, deren Ehrenmitglied ich werden soll. Kurz, zum ersten Mal und spät im Leben habe ich erfahren, was Berühmtsein heißt.

Jetzt bleibt mir nur kurz zu berichten, daß Minna, die offenbar dieselbe Bronchopneumonie gehabt hat wie kürzlich Du, sich zu erholen beginnt, daß Robert und Mathilde sehr brav wirtschaften, daß Martha wirklich ihr Leben genießt, und Anna wieder arbeitet wie immer, für sich und andere. Harry sehen wir oft. Euch beide fordere ich nur auf zu warten, bis Ihr auch das Schweizer Exil verlassen könnt; die Aussichten, die Dir die Nazi eröffnen, sind ja überraschend günstig. Soll man das dem Gesindel zutrauen? Gibt es bei ihnen noch einen Rest von Gefühl für Billigkeit und Recht? Laß es mich gleich wissen, sobald Du daran glauben darfst.

Herzlich Euch beiden

Dein Sigm.

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An Stefan Zweig

39, Elsworthy Road, London, N.W.3,
20. Juli 1938

Lieber Herr Doktor,

Wirklich, ich darf Ihnen für die Einführung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir fünfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Schätzung nahe gelegt. Es wäre in der Tat sehr interessant, die Entstehung eines solchen Bildes analytisch zu erforschen. Kritisch könnte man doch noch immer sagen, der Begriff der Kunst verweigere sich einer Erweiterung, wenn das quantitative Verhältnis von unbewußtem Material und vorbewußter Verarbeitung nicht eine bestimmte Grenze einhält. Aber jedenfalls ernsthafte psychologische Probleme.

Was den andern Besucher anbelangt, so habe ich es gerne, dem Kandidaten Schwierigkeiten zu machen, um den Grad seiner Geneigtheit zu prüfen und ein höheres Maß von Opferbereitschaft zu erzielen. Die Analyse ist wie eine Frau, die erobert werden will, aber weiß, daß sie gering geschätzt wird, wenn sie nicht Widerstand leistet. Wenn Mr. J. es sich jetzt zu lange überlegt, kann er ja später zu einem andern gehen, zu Jones oder meiner Tochter.

Man sagt mir, Sie haben beim Weggehen hier etwas vergessen, Handschuhe und dergleichen. Sie wissen, das ist ein Versprechen, wiederzukommen.

P.S.: Das »Herr« der Adresse anstatt »Mr.« ist ein Symptom der Behaglichkeit.

Herzlich
Ihr Freud

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An Alfred Indra

39, Elsworthy Road, London, N.W.3,
20. Juli 1938

Sehr geehrter Herr Doktor

Ihre Mitteilung, daß die Devisenstelle das Angebot der in Zürich liegenden Hollandgulden verlangt, war für mich eine peinliche Überraschung. Ich habe dazu folgendes zu bemerken:

Sie waren selbst Zeuge der Verhandlung, in der der Vertreter der Gestapo mir die Versicherung gab, daß dieser Posten uns erhalten bleiben würde und erinnern sich gewiß an die rücksichtsvoll klingende Motivierung. Es sollte geschehen, damit wir die Mittel hätten, im fremden Land eine neue Existenz zu begründen, für welche die Erlaubnis, in England ungehindert Analyse zu praktizieren, allerdings die Möglichkeit bietet. Nun ist ein Fall denkbar, in dem die Verfügung über diesen Betrag von Devisen zur Lebensnotwendigkeit für uns wird.

Wir sind am 5. Juni, also vor mehr als sieben Wochen ausgereist, erwarten seitdem die Nachsendung unseres Hausrats, meiner Bücher und der kleinen Sammlung von Antiquitäten, die gegen eine bereits entrichtete Abgabe freigegeben wurde. Nichts davon ist uns bisher nachgekommen. Wenn dieses Übersiedlungsgut überhaupt zurückgehalten wird, so bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diese Hollandgulden zum Ankauf von neuen Möbeln, Wäsche, Einrichtungsgegenständen, Büchern zu verwenden, unbekümmert um die in Ihrem Brief angedeuteten Konsequenzen, denn wir können nicht lange in einer möblierten Mietswohnung, die unverhältnismäßig teuer ist, aushalten.

Sobald sich unsere Wiener Habe in unseren Händen befindet, sind Sie, Herr Doktor, durch mich ermächtigt, die Hollandgulden der Devisenstelle zum Ankauf anzubieten. Es ist zwar ein schweres Opfer für mich. Man hätte denken sollen, daß eine amtliche Zusage, wie sie uns gegeben wurde, eingehalten wird. Der Kommissär Dr. Sauerwald schreibt uns heute, daß er einen Weg versuchen wird, die Hollandgulden durch ein anderes Angebot zu ersetzen. Ich bin damit völlig einverstanden.

Wenn die Hollandgulden wirklich verkauft werden müßten, so wird der Betrag dafür doch auf ein Sperrkonto zu unseren Gunsten gelegt werden. Könnten Sie es nicht durchsetzen, Herr Doktor, daß er dann auf das Konto unserer Prinzessin Marie von Griechenland übertragen wird, die die Reichsfluchtsteuer für uns erlegt hat? Auf diese Art könnten wir die eine unserer Schulden begleichen.

In betreff des zweiten in Ihrem Brief berührten Punktes, die Schulden auswärtiger Verleger an mich als Autor, habe ich zu sagen, daß dieser Posten immer der unsicherste und variabelste meiner Einkünfte war. Gegenwärtig habe ich solche Ausstände überhaupt nicht, die fremden Verleger sind mir im Moment nichts schuldig. Erst mit Jahresende können sich solche Verschuldungen wieder ergeben haben. Welches diese fremden Verleger sind, kann ich aus dem Gedächtnis nicht angeben. Ich (und ebenso mein Sohn, der Verlagsdirektor) konnte ja keine Verrechnungen mit hinausbringen, und ich habe auch nicht eine meiner Übersetzungen hier, aus denen ich die Namen der Verleger ersehen könnte. Um größere Beträge wird es sich auch am Jahresende nicht handeln infolge des allgemeinen Niederganges des Absatzes in allen Ländern.

Mit vielem Dank für Ihre Bemühungen in unserer Sache

Ihr sehr ergebener
Prof. Freud

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An Marie Bonaparte

20, Maresfield Gardens, London, N.W.3,
4. Oktober 1938

Meine liebe Marie

Es ist nur recht und billig, daß der erste Brief vom Home an Sie gerichtet sein soll. Er kann nicht lang sein, denn ich kann kaum schreiben, nicht besser als sprechen und rauchen.

Diese Operation war die schwerste seit 1923 und hat mich viel gekostet. Ich bin abscheulich müde und schwach in Bewegungen, habe zwar gestern mit drei Patienten begonnen, aber es geht nicht leicht. Angeblich sollen die Folgen in sechs Wochen abgelaufen sein, und ich bin erst zu Ende der vierten.

Das Haus ist sehr schön. Es ist mir recht, daß Sie Ihren Besuch ein wenig aufgeschoben haben, bis es Ihnen ganz in Ordnung gezeigt werden kann. Es hat nur einen großen Mangel, kein Gastzimmer, das fiel dem Lift zum Opfer, das heißt, es besteht doch eine Chance, ein Gastzimmer zu bekommen, und die ist traurig genug. Tante Minna bewohnt ihr Zimmer als Kranke, und es ist noch immer zweifelhaft, wie lange sie es brauchen wird. Wir empfinden es als überflüssig, daß jetzt auch Martin mit einer Coli-Infektion hoch fiebernd im Spital liegt, das Minna eben verlassen hat.

Alles ist hier etwas fremd, schwierig und oft befremdend, aber es ist doch das einzige Land, in dem wir leben können, da Frankreich infolge der Sprache uns unmöglich war. Das Benehmen aller Stellen während der Tage der Kriegsgefahr war musterhaft, und es ist schön zu sehen, wie jetzt, nachdem der Friedensrausch überwunden ist, Volk und Parlament zur Besinnung kommt und sich peinliche Wahrheiten eingesteht. Natürlich sind auch wir für das bißchen Frieden dankbar, aber freuen können wir uns nicht damit.

Die Ansichten des schönen Schlosses in der Bretagne waren das letzte, was ich von Ihnen bekommen. Ich nehme an, Sie sind wieder in Paris, und ich höre sehr bald von Ihnen.

Mit herzlichen Grüßen für Sie, den Prinzen und das junge Paar

Ihr recht alter
Freud

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An Charles Singer

20, Maresfield Gardens, London, N.W.3,
31. Oktober 1938

Hochgeehrter Herr

Ich freue mich der Gelegenheit, wenigstens schriftlich in Verkehr mit Ihnen zu kommen, und danke Ihnen für die Erlaubnis, es in deutscher Sprache zu tun. Gleichzeitig sage ich Ihnen Dank für die Broschüre und den Bericht, die ich durch Vermittlung meines Sohnes Ernst erhalten habe.

Der Anlaß unserer Korrespondenz ist freilich merkwürdig genug. Mein kleines Buch, gegenwärtig im Druck, trägt den Titel ›Moses and Monotheism‹, wie Sie sich hoffentlich im nächsten Frühjahr überzeugen werden. Es enthält eine auf psychoanalytische Voraussetzungen gegründete Untersuchung über den Ursprung der Religion und speziell des jüdischen Monotheismus und ist im wesentlichen Fortsetzung und Ausführung einer anderen Schrift, die ich vor fünfundzwanzig Jahren unter dem Namen ›Totem und Tabu‹ veröffentlicht habe. Einem alten Mann fällt nichts Neues mehr ein; es bleibt ihm nichts übrig, als sich zu wiederholen.

Einen Angriff auf die Religion kann man es nur insofern heißen, als ja jede wissenschaftliche Untersuchung eines religiösen Glaubens den Unglauben zur Voraussetzung hat. Ich mache weder im Umgang noch in meinen Schriften ein Geheimnis daraus, daß ich ein durchaus Ungläubiger bin. Wenn man das Buch von diesem Standpunkt aus betrachtet, wird man sagen müssen, daß eigentlich nur die Jewry und nicht die Christianity ein Recht hat, sich durch dessen Ergebnisse getroffen zu fühlen. Denn aufs Christentum zielen nur wenige Seitenbemerkungen, die nichts bringen, was nicht längst gesagt worden wäre. Man kann höchstens den alten Spruch zitieren: »Mitgefangen, mitgehangen.«

Natürlich kränke ich auch meine Volksgenossen nicht gerne. Aber was kann ich dabei machen? Ich habe mein ganzes langes Leben damit ausgefüllt, für das einzutreten, was ich für die wissenschaftliche Wahrheit hielt, auch wenn es für meine Nebenmenschen unbequem und unangenehm war. Ich kann es nicht mit einem Akt der Verleugnung beschließen. In Ihrem Brief findet sich die für Ihre Überlegenheit zeugende Versicherung, daß alles, was ich schreiben werde, Mißverständnisse und – darf ich hinzufügen – Entrüstung hervorrufen wird. Nun, man wirft uns Juden vor, daß wir im Laufe der Zeiten feige geworden sind. (Wir waren einmal eine tapfere Nation.) An dieser Verwandlung habe ich keinen Anteil erworben. Ich muß es also riskieren.

Ihr in Hochachtung ergebenster
Freud

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An Marie Bonaparte

20, Maresfield Gardens, London, N.W.3,
12. November 1938

Meine liebe Marie

Ich bin immer bereit, neben Ihrer Unermüdlichkeit die Bescheidenheit anzuerkennen, mit der Sie Ihre Kraft den Einleitungen und populären Darstellungen unserer Analyse schenken. Und dabei behaupten Sie, Sie seien so sehr ehrgeizig und wollten durchaus unsterblich werden. Aber Ihre Handlungen stellen Ihnen ein besseres Zeugnis aus.

Die Ausführungen über Zeit und Raum haben Sie besser gemacht, als sie mir gelungen wären. Zwar, was die Zeit betrifft, hatte ich Ihnen meine Ideen nicht vollständig mitgeteilt. Auch keinem anderen. Eine gewisse Scheu vor meiner subjektiven Neigung, in der wissenschaftlichen Forschung der Phantasie zuviel einzuräumen, hat mich immer abgehalten. Wenn Sie noch neugierig sind, werde ich's Ihnen bei Ihrem nächsten Besuch erzählen.

Mein Befinden hat noch keine entschiedene Wendung erfahren. Der Knochen will sich nicht ablösen, und die Beschwerden sind die gleichen. Chirurgen sind doch grausame Gesellen.

...

Die letzten abscheulichen Ereignisse in Deutschland verschärfen das Problem, was mit den vier alten Frauen zwischen fünfundsiebzig und achtzig geschehen soll. Es geht über unsere Kräfte, sie in England zu erhalten. Das Vermögen, das wir ihnen beim Abschied hinterlassen, gegen hundertsechzigtausend österreichische Schilling, ist vielleicht schon jetzt konfisziert, geht sicherlich verloren, wenn sie weggehen. Wir denken an einen Aufenthalt an der französischen Riviera, Nizza oder in der Nähe. Aber wird das möglich sein?

Ich bin noch ganz leistungsunfähig. Briefe kann ich schreiben, aber nichts anderes. Anna hat drei öffentliche Vorträge gehalten, die auch in der Sprache sehr gelobt worden sind.

Mit herzlichstem Gruß
Ihr Freud


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