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1887

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An Emmeline und Minna Bernays

Wien, 16. Oktober 1887
eigentlich Dienstag (Montag) halb ein Uhr nachts

Liebe Mama und liebe Minna

Ich bin schrecklich müde und habe noch so viel Briefe zu schreiben, aber an Euch beide zu schreiben geht vor. Ihr wißt schon durch Telegramm, daß wir ein Töchterchen haben. Es wiegt dreitausendvierhundert Gramm, was sehr anständig ist, ist furchtbar häßlich, lutscht von seinem ersten Moment ab an seiner rechten Hand, scheint sonst sehr gutmütig und benimmt sich, als ob es wirklich zu Hause wäre. Trotz seiner prachtvollen Stimme schreit es wenig, schaut sehr vergnügt drein, liegt behaglich in seinem prächtigen Wagen und macht gar nicht den Eindruck, über sein großes Abenteuer unglücklich zu sein. Es heißt natürlich Mathilde nach Frau Dr. Breuer. Wie kann man über ein fünf Stunden altes Ding so viel schreiben? Ich habe es nämlich schon sehr lieb, obwohl ich es noch nicht bei Licht gesehen habe. Es ist um drei Viertel acht Uhr geboren.

Vielleicht interessiert Euch die Mutter mehr. Sie war so brav, so tapfer und liebenswürdig die ganze Zeit über. Nicht ein Zeichen von Ungeduld und übler Laune, und wenn sie schreien mußte, entschuldigte sie sich immer vor Arzt und Hebamme. Gestern nacht um drei Uhr erwachte sie mit den ersten Wehen, wir beschlossen bis fünf Uhr auszuhalten, dann holte ich Dr. Lott und die in nächster Nähe wohnende Hebamme, wir verleugneten uns vor jedem Besucher, darunter war Eli mit Ditta, es war zum Glück Sonntag, keine Ordination, keine Besuche zu machen. Es ging anfangs recht langsam. Lott machte ein bedenkliches Gesicht und erklärte, das könne die ganze Nacht dauern, und das Kind um den Vorzug, am Sonntag geboren zu werden, kommen. Nachmittag stellten sich aber kräftige Wehen ein, die Hauptarbeit war rasch getan, und wir durften die Geburt für den Abend erwarten. Von fünf Uhr ab versagten aber die Wehen, das Kind rückte nicht vor, und Lott entschloß sich endlich, als es um halb acht Uhr nicht besser war, mit der Zange nachzuhelfen. Martha war ganz einverstanden, gar nicht ängstlich und scherzte in jedem freien Moment mit ihren beiden Nothelfern und ihrem Leidensgenossen, das war ich, und ich bin so müde, als ob ich alles durchgemacht hätte. Um drei Viertel acht hatten wir also das Kind. Martha befand sich gleich sehr wohl, bekam einen Teller Suppe, freute sich ungeheuer, als sie das kleine Wesen sah, und wir waren beide mitten in der physischen und moralischen Zerstörung bei einem solchen Anlaß sehr glücklich. Ich habe jetzt ja dreizehn Monate mit ihr gelebt und immer mehr meine Kühnheit gepriesen, die mich um sie werben ließ, als ich sie noch so unvollständig kannte; ich habe den unschätzbaren Schatz, den ich mir mit ihr erworben, seither immer gewürdigt, habe sie aber doch nie (so) großartig in ihrer Echtheit und Güte gesehen, wie bei diesem schweren Anlaß, der doch keine Verstellung zuläßt. Ich bin sehr glücklich und hoffe mit dem Arzt, daß alles Weitere so gut ablaufen wird, wie bis jetzt alle Anzeichen versprechen.

Gute Nacht, Ihr schreibt gewiß bald wieder Eurer kleinen aus Martha, Mathilde und Sigmund bestehenden

Familie

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An Emmeline und Minna Bernays

Wien, Freitag, 21. Oktober 1887

Liebe Mama und Minna

Ich habe mich mit Mamas letztem Schreiben höchlich amüsiert. Soviel Familienstolz ist darin zum Vorschein gekommen, und die Betonung der Eigentümlichkeiten der zwei Familien kam ganz unschuldig heraus zu einer Zeit, da das neue Wesen eine Verschmelzung derselben von beiden Seiten zu zeigen scheint. Denn ich tue Euch feierlich kund: Mathilde lutscht zwar an den Fingern, aber sie sieht mir auffallend ähnlich – nach allgemeinem Urteil, ja, einige Personen zeigen auf die Lücken in meinem Gesicht, aus denen das Kleine herausgeschnitten ist. Sie ist bereits viel schöner geworden, manchmal glaube ich schon recht schön. Sie hat ferner von mir den festen Willen, satt zu werden und leider auch die Anlage zu Nahrungssorgen geerbt, wie ich gleich berichten werde. Es sind bis jetzt zwei Bewerbungen um ihre kleine Hand eingelaufen, eine für Ludwig Paneth von seiner Mutter, und die andere für den dicken Karl Kassowitz, freilich nur durch Vermittlung seines Onkels. Aber die Entscheidung steht noch aus, Mitgift auch noch. Ein Goldstück, das ich als Keim einer solchen hatte, ließ ich mich bestimmen, an die Hebamme zu geben. Mit der vorgestern abends aus Rožnau eingelangten Amme sind wir nicht zufrieden und lassen es von der Entscheidung Kassowitzens abhängen, ob wir sie gleich zurückschicken oder ihr einige Tage geben, sich zu bessern.

Montag, 24. Oktober 1887

Unmöglich, den Brief fertigzumachen. Gründe später. Die neuesten Nachrichten aus der Wochenstube lauten also so. Martha ist gar nicht mehr interessant, gar kein Grund zur Besorgnis. Lott hat sich heute einen freien Tag gemacht. Sie ist frisch, ißt vortrefflich und freut sich über alles, was erfreulich ist. Sie ist der Gegenstand der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit von allen Seiten. Wie oft Frau Breuer, Frau Hammerschlag, Paneth und andere hier waren, kann ich mir gar nicht merken. Erst heute hat sie die Besucherinnen selbst empfangen. Jede bringt einen Strauß Rosen mit, meine beiden Protokollführer im Spital haben der jungen Weltbürgerin eine schöne Sempervivens geschickt, Kassowitz ist unermüdlich so oft ich ihn mit Ammen- und Kindermären quäle. Breuer erscheint mitten durch wie ein Komet. Mit der Amme ist es so gegangen. Ihre Milch wurde immer weniger, dabei fraß sie haarsträuberische Quantitäten von allem möglichen, verdarb sich endlich, wurde elend, und das Kind bekam zu allem übrigen einen grünen Stuhl. Nur eine herzlose Tante kann dabei lachen. Mama wird wissen, was das bedeutet. Wir haben eben die zweite Amme bekommen, an der das Kind sich festgesogen hat; die erste fährt heute abends um eine schöne Erinnerung reicher heim. Unserer Mathilde, die bisher mehr eine Kamilla war, ist es zu gönnen, daß die zweite Amme die letzte bleibt. Das Kind zeigt sich immer entschiedener als von der väterlichen Seite beeinflußt. Sie hat Hunger, und wenn sie hungrig ist, schreit sie ohne jede Selbstbeherrschung. Fast gleichzeitig mit ihrer Geburt kam eine Umwälzung in der Praxis, die nicht gründlicher gedacht werden kann. Die sechs Wochen vorher waren die stillsten des ganzen Jahres; als Martha in Schmerzen lag, kam eine Aufforderung, Montag zum Konsilium mit Chrobak bei Frau L. einzutreffen... Gestern abends war ein Konsilium mit Kassowitz, vor einigen Tagen habe ich eine Mastkur mit Frau Dr. Z. begonnen, kurz Beschäftigung genug. Die Ordination ist voll fremder Gesichter, mehr als ich sonst in zwei Monaten zu sehen bekam. Es hat zwar noch nichts getragen, es wird auch nicht aus jeder Anknüpfung etwas, aber es rührt sich doch so energisch, als ob die Geburt einer Tochter ein Befähigungsnachweis für das ärztliche Handwerk wäre. Sogar meine Vorlesungen, die arg gefährdet waren, sind gerettet. Nächsten Samstag beginnt die eine (über Gehirnanatomie) mit vier bis fünf Hörern. Martha hat bereits einen Belegschein à fünf Gulden.

Ich wünsche Euch das beste Wetter und das schönste Wohlbehagen und grüße Euch beide herzlich.

Sigmund


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