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1889

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An Josef Breuer

Wien, 3. Mai 1889

Verehrtester Freund und liebster aller Männer

Sie sind natürlich bereits überzeugt, daß ich tödlich beleidigt bin, weil ich nicht auf Ihren Brief reagiert habe – dem ist aber gar nicht so, sondern vorgestern abends gab es Spielpartie bei Paneth bis ein Uhr, und gestern war ich so müde, daß ich nicht schreiben konnte. Ich verschiebe die Antwort auf einen ruhigen Abend, oder wenn es Ihnen besser paßt und Ihr Ruhebedürfnis es erlaubt, ersetze ich sie überhaupt durch einen nächtlichen Besuch.

Im ganzen habe ich mich geprüft und gefunden, daß ich mich kaum zu ändern brauche. Fast alles, was Sie sagen, ist richtig, fast, denn eines hat auch meine Frau unrichtig gefunden, doch trifft es mich in meiner Empfindung nicht hart, und überhaupt haben Sie Sorge getragen, die ganze bittere Pille durch das intensiv süße Constituent eines Wortes zu korrigieren. Eigentlich sind Sie doch stolz auf mich und wären es nicht, wenn ich es anders betrieben hätte ...

Mit herzlichstem Gruß
Ihr Sigm. Freud

Eine kleine Reparation sind Sie mir nach dem Brief doch schuldig, weil Sie gar nicht an meinen Stern, und sei es auch nur ein elender kleiner Meteorit, glauben wollen. Etwa daß Sie sich im Verkehr mit mir konsequent vom Sie auf's Du verirren, oder so etwas Ähnliches s.v.p.


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