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Siebentes Kapitel
Der Krieg mit Spanien. Mazarins äussere Politik

Noch sechs Jahre währte der Krieg zwischen den beiden erschöpften Reichen. Zur Zeit der Verhandlungen in Osnabrück und Münster hatte man den Weltfrieden nahe geglaubt. Einer der allgemeinsten Vorwürfe gegen Mazarin war, dass er, um sich unentbehrlich zu machen, den Frieden mit Spanien verhindern wollte. In der Tat scheiterten die Verhandlungen daran, dass Spanien die Wiederherstellung des Status quo verlangte, während Frankreich den Krieg nicht umsonst geführt haben und seine Eroberungen behalten wollte. Die Holländer hatten, durch Frankreichs Erfolge, das sie keineswegs zum Grenznachbar wünschten, selbst besorgt, mit Spanien einen Sonderfrieden geschlossen; auf der andern Seite hatte Österreich sich von Spanien lossagen müssen. Die Fronde machte den spanischen Staatsmännern grosse Hoffnungen und brachte ihnen Erfolge an allen Grenzen, aber das Land war selbst viel zu erschöpft – weit mehr als Frankreich – um noch siegen zu können.

Die Revolution in Frankreich mit all ihren Fehlern und Folgen war lebendige Bewegung gewesen. Spanien war innerlich tot. Die Vertreibung der Moriscos, die Verdrängung des Bauernstandes durch den Grossgrundbesitz, der das Land in Schafweide wandelte, die vollkommene Herrschaft der Geistlichkeit, selbst die Goldströme aus Amerika, die sofort wieder aus dem Lande flossen, alles wirkte in der gleichen verderblichen Richtung. Geist und Arbeit hörten auf. Was noch, geleistet wurde, war ein letztes Aufflackern sinkender Kräfte. Nur der Stolz war geblieben.

Mit dem Sieg Mazarins im Jahr 1652 änderte sich die Kriegslage sofort wieder zu Frankreichs Gunsten. Aber auch in Frankreich war steigende Not an Truppen und Geld, und ungeheuer waren die Bemühungen Mazarins und seiner Leute, beides zu schaffen. Über Kauf und Lieferung von Waffen aller Art, von Blei, Pulver, Uniformstücken, Stiefeln, über ihre Preise, wie und durch welche Händler sie billig zu haben seien – etwa gebrauchte Stücke von Trödlern aus zweiter Hand – liegen lange Briefe, vornehmlich an Colbert, in den Archiven.

Nach wie vor war es ein Krieg mit vier Fronten, wenngleich wie vorher die Kämpfe an der flandrischen Grenze, die Paris so gefährlich nahe lag, die entscheidenden sein mussten. Es waren Märsche und Gegenmärsche ohne Ende und Belagerungen fester Plätze, unter denen die von Arras durch Condé und ihr Entsatz durch Turenne im Jahre 1654 die berühmteste war. Aber auch in dem schon fast verlorenen Katalonien und in Italien wurde gekämpft. Dort hatte Mazarin zunächst durch einen geschickten Vertreter, den Herrn du Plessis-Besançon, alte eigene Erfolge zu erneuern, den Vertrag von Cherasco aufrecht zu erhalten, Casale wiederzugewinnen versucht. In Neapel machte der Herzog von Guise, der heimlich bewunderte »Paladin« der Frau von Motteville, in der Tat ebenso unklug und narrenhaft, als schön und tapfer, einen zweiten Versuch, das Königreich den Spaniern zu entreissen und für sich zu gewinnen. Den ersten, der an seiner Unfähigkeit wie an der des Kommandeurs der französischen Flotte, des jungen Herzogs von Richelieu, gescheitert war, hatte er mit jahrelangem Gefängnis in Spanien büssen müssen; Condé hatte ihn daraus befreit, und war zum Dank dafür sogleich von ihm verlassen worden. Den zweiten Versuch brachte schlechtes Wetter, und, wie es scheint, schlechtes, unbotmässiges Verhalten vieler Seeoffiziere – trotz dem trefflichen Kommandeur, dem Chevalier Paul – zum Scheitern, mehr noch der Tod des tüchtigen Generals, den Mazarin dem Herzog mitgegeben, des Marquis du Plessis-Bellière, der im ersten Gefecht fiel. Einst hatte der Kardinal diese Eroberung und die Krone von Neapel Condé angeboten, aber der Prinz hatte die Lockung in die Ferne abgelehnt.

Dagegen waren Franz I. von Modena und Karl II. von Mantua, der Sohn des alten Karl von Nevers, nicht umsonst Gäste im Palais Mazarin in Paris gewesen, und nicht umsonst hatte Laura Martinozzi den Sohn Franz I. geheiratet; mit beiden wurden Bündnisse abgeschlossen, so dass Modena und Mantua – und damit Montferrat mit Casale – im französischen Einfluss standen und das spanische Mailand bekriegten und bedrängten.

Dies waren Episoden: den Ausgang des Krieges entschied eine der merkwürdigsten diplomatischen Handlungen Mazarins: sein Bündnis mit Oliver Cromwell.

Was Frankreich fehlte, war die Seemacht. Richelieu, der Frankreichs Grösse wollte, und die Bedingungen erkannte, hatte auch dieses Werk mit durchdringender Energie aufgenommen. Enquêten wurden veranstaltet, Kommissionen ernannt, Magazine angelegt, Häfen und Schiffe gebaut und gewaltige Flotten geschaffen. Der »Admiral von Frankreich«, der ein übermächtiger Kronbeamter mit fast unabhängiger Gewalt gewesen, wurde wie der Konnetabel beseitigt, und Richelieu liess sich selber zum »Grossmeister und Generaloberintendanten der Schiffahrt und des Handels« ernennen. In Des Gouttes, Forbin, den Brüdern Razilly, im Erzbischof von Bordeaux, Henri de Sourdis, vor allem in seinem Neffen, dem jungen Herzog von Brézé, hatte er glänzende Admirale gefunden. Unter Mazarin waren die Ausgaben für die Marine von dreieinhalb Millionen Livres, nachdem sie im Jahr 1647, als die Unternehmung gegen Neapel ausgerüstet worden, auf fünf Millionen gestiegen waren, bis auf 350 000 Livres im Jahr 1656 gesunken. Die inneren Schwierigkeiten, die Geldnot hinderten ihn, aber er hatte auch die Bedeutung der Seemacht nicht in gleichem Mass erkannt oder beachtet. Die Häfen verfielen. Brézé, der im mittelländischen Meer noch zwei grosse Seeschlachten gewonnen hatte, war bei Orbetello gefallen. Im Norden war 1646 Dünkirchen dank der Unterstützung durch die holländische Flotte den Spaniern genommen worden; als die Holländer ihren Sonderfrieden geschlossen hatten, ging es wieder verloren.

Dagegen war jenseits des Kanals eine neue Seemacht entstanden. Die englische Revolution nahm unter Cromwell eine imperialistische Entwickelung. Sie war, sehr ungleich der Fronde, eine dreifach vertiefte Bewegung, ein politischer, ein religiöser und ein Klassenkampf gewesen. Sie hatte über das Königtum gesiegt, nicht nur, weil sie das war, mehr noch weil sie einen genialen Feldherrn und Organisator gefunden hatte, der eine vollkommene Armee schuf, die von selbst eine eiserne Disziplin hielt, während der König nur ein locker gefügtes und schlecht geführtes Vasallenheer hatte. Diese Armee aus finstern, bibelfesten, entschlossenen Republikanern regierte sich und das Land durch Soldatenräte. An ihrer Spitze stand der grosse Feldherr und Prediger, der das Parlament beiseite schob und König geworden wäre, wenn er den Truppen das Wort hätte zumuten dürfen. Unter seiner Verwaltung hoben sich Wohlstand und Sicherheit; mit weit in die Zukunft schauenden Plänen begründete er den englischen Seehandel, der bis dahin zu neunzig Prozent in den Händen der Holländer gelegen war, schuf er eine Kriegsflotte, fand sogleich Admirale, die mit den seegewaltigen, seegeübten holländischen Flotten den Kampf aufnahmen, rief den Admiralitätsrat ins Leben und begründete die englische Meerherrschaft. Die revolutionäre Regierung, die den König hingerichtet hatte, in der Kärrner, Schuster und ehemalige Bediente Obersten, Generale und Minister geworden waren, die allen Höfen und Völkern ein Gräuel erschien, erzwang ihre Anerkennung. Mazarin hatte schon 1651, um sich Schwierigkeiten vom Halse zu schaffen, einen Agenten, Herrn von Gentillot, nach England geschickt und sich bereit erklärt, die Republik anzuerkennen, aber er war zurückgewiesen worden. Man sah es in Whitehall nicht gerne, dass »der junge Mann, der der Sohn des verstorbenen Königs ist,« – so nannte ihn Cromwell in einer Rede – als König von England im Louvre der Gast des französischen Hofes war und von dort, begleitet von Sympathien, zu seinen vergeblichen Kämpfen aufbrach. Ob Frieden bestand, waren Feindseligkeiten, vornehmlich Seeraub, zwischen beiden Ländern vorgefallen. Seit 1648 war eine Art Wirtschaftskrieg; Frankreich hatte die Einfuhr englischer Woll- und Seidenstoffe, England die französischer Stoffe und Weine verboten. Anfang 1649 hatte der rauhe Chevalier Paul ein grosses englisches Schiff, das ihm den Flaggengruss weigerte, an der Küste von Malta zusammengeschossen, ein Sohn des englischen Gesandten war dabei umgekommen; um Repressalien zu üben, hatte die englische Flotte unter Blake im Sommer 1652 ein Geschwader Vendômes unter dem Vizeadmiral Du Menillet überfallen und den Entsatz von Dünkirchen verhindert. Cromwell hatte ein Interesse daran, dass der gefährliche Hafen nicht in französischen Händen blieb. Er wünschte einen englischen Brückenkopf in Flandern, und hatte Estrades, der in Dünkirchen kommandierte, zu bestechen versucht, aber dieser loyale Offizier hatte seiner Regierung davon Mitteilung gemacht. Unter dem Vorwand, die Rückgabe der weggenommenen Schiffe zu verlangen, wurde Gentillot abermals nach England geschickt: in der Tat sollte er Frankreichs Freundschaft anbieten, erklären, dass der König bereit sei, eine Gesandtschaft in London zu unterhalten. Cromwell schien damals eher geneigt, sich dem Prinzen zu verbinden und der Stadt Bordeaux Hilfe zu senden; aber Bordeaux fiel, ehe dies ausgeführt wurde. Im Dezember 1652 schickte Mazarin wirklich statt des unbeamteten Agenten einen beglaubigten Vertreter, den Präsidenten Antoine de Bordeaux, den Sohn eines reichen Finanzmanns, nach England. Sehr viele Leute in Frankreich waren empört. »Mein Sohn,« schrieb die Königin Henriette Marie an den Herzog von York, »ich tue Ihnen zu wissen, dass man von hier nach England geschickt hat, diese infamen Verräter anzuerkennen! Der König, Ihr Bruder, wird von hier fortgehen. Er ist indessen noch nicht endgültig entschlossen … Wenn man Ihnen von der Sache sprechen sollte, so sagen Sie, dass Sie es nicht glauben können! … Seit meinem grossen Unglück habe ich so etwas nicht mehr gefühlt. Gott nehme uns in seinen heiligen Schutz und gebe uns Kraft, diese Schicksalsschläge zu ertragen!«

Mazarin dachte nicht daran, die Unfähigkeit der Stuarts zu kritisieren, so wenig er daran dachte, sie nach England zurückzuführen. Er brauchte ein Bündnis und fürchtete, Cromwell könnte es mit Spanien schliessen. Was der dunkle und gewaltige Mann war und was er wollte, war ihm lange nicht klar. Seine ununterbrochenen Siege in England, die seiner Admirale auf allen Meeren, seine stetige zielsichere Politik hatten alle Vorurteile überwunden. Sechs Könige schickten Gesandte an den »Königsmörder« und warben um seine Bundesgenossenschaft.

So klar seine Politik heute erscheint, so undurchdringlich wusste er sie damals zu halten. »Ich kann ihn nicht durchschauen!« schrieb Bordeaux; »verborgen und verschlossen« fand ihn Mazarin. Zudem behandelte Cromwell ihn mit demütigender Rücksichtslosigkeit. Die von Frankreich zurückverlangten Schiffe waren verkauft worden; die französischen Anträge wurden nicht oder mit nichtssagenden Höflichkeiten beantwortet. Alles, was er gewährte, war die Erlaubnis zum Anwerben irischer Söldner, die er jedem gestattete, weil er die Iren loswerden wollte. Auf seinen Wunsch ernannte Mazarin Bordeaux zum Gesandten in England; er schickte den Baron von Baas mit einem Glückwunschschreiben an Cromwell, als dieser nach der Auflösung des kleinen Parlaments Lord-Protektor wurde; er wies Bordeaux am 27. Mai 1654 an: »Wenn der Herr Protector den Titel ändern will, zögern Sie nicht, – weder Sie, noch der Herr Gesandte von Baas, – ihm zu verstehen zu geben, dass wir von allem entzückt sein werden, was seinen Ruhm und seine Grösse mehrt!« Er nahm es hin, als Baas ausgewiesen wurde, weil er, unklug oder unvorsichtig, sich mit Leuten eingelassen hatte, die mit Vowels und Gerards Verschwörung gegen den Protektor in Verbindung standen.

Cromwell gab seine Grundsätze keinen Augenblick preis: ihm stand das protestantische Interesse am höchsten. Bis zuletzt war es sein Gedanke, eine grosse protestantische Liga gegen das Haus Habsburg zustande zu bringen, sowie der Papst gerne das Entstehen einer katholischen Liga gesehen hätte. Damit rechnete Mazarin, dessen Interessen rein politische waren: er hatte am 8. März 1653 an den französischen Gesandten in Schweden geschrieben: »Die Königin weiss wohl, dass es das Interesse aller Fürsten ist, die nicht vom Hause Osterreich sind, dass Frankreich, sein grösstes Gegengewicht, nicht geschwächt werde.« Und er rechnete richtig. Sein zähes, seelenloses, nicht zu kränkendes Beharren bewährte sich: im Jahr 1654 begann Cromwell mit Spanien Krieg und am 3. November 1655 wurde zwischen England und Frankreich der Vertrag von Westminster geschlossen, der zunächst nur ein Friedens- und Handelsvertrag war. Den Schiffen beider Länder wurde gegenseitige Handelsfreiheit gewährt, wobei nur Kriegskontrebande ausgenommen wurde; über die wechselseitigen Schadensansprüche sollte ein aus je drei Kommissaren bestehendes Gericht in London, und falls diese sich nicht einigen könnten, als Schiedsgericht die Republik Hamburg entscheiden.

Mazarin hatte Forderungen Cromwells nach einem französischen Hafen zur Sicherheit als ungeheuerlich zurückgewiesen, desgleichen einen Artikel über die genaue Beobachtung des Edikts von Nantes als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Frankreichs, wie auch gewisse Wünsche Cromwells, die Rang und Form betrafen: »Als Gleicher kann der Protector nicht verhandeln,« schrieb er, »er soll König oder Kaiser werden, was er will; aber der Protector, dessen Macht vom Parlament kommt … das ist ja gegen den gesunden Menschenverstand!« Entgegenkommender war er in einer sehr wesentlichen Bedingung: Frankreich wies Karl Stuart und seinen Bruder aus, Cromwell die Anhänger Condés. »Aus Schicklichkeitsgründen«, wie Mazarin sich ausdrückt, wurde dieser Artikel als Geheimartikel den achtundzwanzig öffentlichen des Vertrages angehängt. Karl II. hatte auf Mazarins Wunsch und Wink Frankreich schon vorher verlassen; der Herzog von York erhielt ein Kommando in der mit Frankreich verbündeten Armee des Herzogs von Modena; er wäre gerne in französischen Diensten geblieben, musste aber auf Befehl seines Bruders in spanische Dienste treten. »Die alte Königin Henriette Marie wird in Frankreich bleiben, sich aber nicht rühren,« hatte Mazarin mehr sachlich als höfisch geschrieben. »Ich bin ein moderner Politiker,« sagte er zum Grafen von Brienne. In den Memoiren des Herzogs von York wird sein Vorgehen gutgeheissen: »er wäre sonst wahrhaftig ein wenig geschickter Minister gewesen«; aber die meisten Kavaliere und sehr viele Franzosen fanden solche Politik ehrlos, und die Geistlichkeit war wenig erbaut davon. Mademoiselle wich dem englischen Gesandten, Oberst Lockhart aus, ja sie verbarg sich, um ihn nicht grüssen zu müssen, als sie zufällig dennoch mit ihm zusammentraf. Als der endgültige Bundesvertrag abgeschlossen und bekannt wurde, entstand eine wahre Protestantenhetze in Frankreich, und vor dem Hause des holländischen Gesandten Herrn Boreel im Faubourg Saint-Germain, der Sonntags evangelischen Gottesdienst mit freiem Zutritt hielt, kam es zu gefährlichen Aufläufen.

Es war übrigens Cromwell, der nunmehr aus dem Handelsvertrag ein engeres Bündnis machen wollte, und Mazarin, der dies ablehnte. Er hoffte, Spanien werde schon angesichts der blossen Gefahr nachgeben und Frieden schliessen; und in die grosse protestantische Liga Cromwells als dessen Werkzeug einzutreten, war nicht seine Absicht, wenn er gleich in gelegentlichen Briefen an den Kardinal Bichi den Papst mit dieser Drohung gefügig zu machen suchte.

In der Tat liess die Nachricht vom Abschluss des Vertrags von Westminster den spanischen Statthalter in Brüssel, Erzherzog Leopold, jede Hoffnung auf den Sieg verlieren. Im Februar 1656 berichtete er darüber nach Madrid. Der Mann, der seinen Brief überbrachte, Don Gasparo Bonifaz, reiste über Paris. In tiefster Heimlichkeit – schon damals fanden während des Kriegs viel geheime und uneingestandene Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten statt – sprach er mit Mazarin, der ihn zu seiner Überraschung vor den König führte. Eine Vermittlung des heiligen Stuhls lehnte Mazarin mit Rücksicht auf Cromwell ab. Schliesslich, nachdem Bonifaz nochmals in Paris gewesen, wurde Lionne in geheimster Mission nach Madrid geschickt. Ausserhalb des Kabinetts wusste nur der Marschall von Gramont darum. Seine von Servien verfassten, von Mazarin durchgesehenen Instruktionen füllten achtzig Folioseiten; wenn die Grundlagen für den Frieden in acht Tagen nicht erreicht sein sollten, hatte er sofort wieder abzureisen.

Am 4. Juli 1656 traf er in Madrid ein, nicht ohne Sorge; der spanische Minister Don Luis von Haro war berühmt als einer der zähesten Diplomaten der Zeit. Lionnes Depeschen schildern das lange nervenerschöpfende Spiel beider Männer, da um jede Grafschaft, jede Festung gefeilscht, immer neue Kombinationen versucht wurden, und die spanische Forderung, dass Condé in all seine früheren Stellungen und Würden wiedereingesetzt werden müsste, ein Ergebnis völlig unmöglich zu machen drohte. Dennoch schienen ihm, als die Frist verstrichen war, die Dinge so zu liegen, dass er einen Kurier um neue Instruktionen nach Paris schickte.

Alle Verbindungen dauerten damals lange; daher waren die diplomatischen Vertreter selbständiger, ihre Verantwortung grösser als heute. Der Kurier, der Madrid am 20. Juli verlassen hatte, brachte die Antwort am 9. September. Die Verhandlungen begannen von neuem. Oftmals bestellte Lionne seine Postpferde; immer wieder hielten die Spanier ihn zurück, ohne zum Ende zu kommen. Zuletzt deutete er den Lieblingsgedanken des französischen Hofes an: wenn der junge König von Frankreich die Infantin Maria Theresia heiraten könnte, dann könnten die Bedingungen ganz andere sein. Der Vorschlag wurde im Staatsrat mit knapper Mehrheit abgelehnt, und Lionne kehrte nach Frankreich zurück.

Nur Gerüchte über seine Sendung waren in die Welt gedrungen – Condés Vertreter in Madrid hatten davon erfahren – und sie wurde in ihr Gegenteil verkehrt: in einen listigen Versuch Mazarins, den Frieden zu hintertreiben. Die Welt erfährt von allem, aber nie weiss sie etwas richtig.

Mit Befriedigung verzeichnet der Staatsekretär von Brienne den Misserfolg seines Nebenbuhlers und als richtiger Beamter ärgert er sich vor allem darüber, dass Lionne in Madrid geduldet hatte, dass man ihn mit Exzellenz anredete, obwohl der Titel ihm nicht gebührte.

Das Scheitern dieses Friedensversuchs, sowie eine Niederlage, die die Franzosen unter La Ferté vor Valenciennes erlitten, das durch Condé entsetzt wurde, liess die Verhandlungen mit Cromwell wieder aufnehmen. Nach grossen Schwierigkeiten wurde am 23. März 1657 im Vertrag von Paris ein Offensiv- und Defensivbündnis zwischen Frankreich und England geschlossen. Lionne und Brienne unterzeichneten es für Frankreich, Lockhart für England. Mit einem französischen Heer und 6 000 Mann englischer Hilfstruppen, die der französische König zu erhalten sich verpflichtete, und mit einer englischen Flotte sollten die Seestädte Gravelingen und Dünkirchen den Spaniern genommen werden. Gravelingen sollte den Franzosen, Dünkirchen den Engländern verbleiben. Auf weitere Gebietserwerbungen in Flandern verzichtete England ausdrücklich, und beide Länder verpflichteten sich auf die Dauer eines Jahres, nicht ohne die Zustimmung des andern mit Spanien Frieden zu schliessen.

»Alle anständigen Leute,« sagt die Motteville, »tadelten den Minister, der Dünkirchen unsern alten Feinden, einem Ketzer, einem Usurpator ausliefern wollte.« Aber Cromwells Sieg und seine Herrschaft waren jetzt für Mazarin »von Gott gewollt«. Am 11. April des Jahres, drei Wochen nach dem Abschluss des Bündnisvertrags, weist er seinen Gesandten nochmals an: »Wenn Cromwell König wird, halten Sie sich bereit, Seine Majestät sogleich zu beglückwünschen!«

Gleichzeitig hatte Mazarin andere diplomatische Versuche von ausserordentlicher Bedeutung gemacht.

Das Programm der französischen Politik im siebzehnten Jahrhundert: die Schwächung der überwältigenden Macht des Hauses Habsburg, das Deutschland, Spanien und den grössten Teil Italiens beherrschte, dieses Programm rührte bereits von Heinrich IV. her, der es in berühmten Gesprächen im letzten Jahr seines Lebens entwickelt und vor seiner Ermordung ausserordentliche Kriegsrüstungen vorgenommen hatte. Sein Tod verzögerte die Durchführung. Maria von Medici verschwendete den von Sully vorbereiteten Kriegsschatz. Durch vierzehn Jahre regierten in Frankreich unfähige, programmlose, sich von Tag zu Tag forthelfende Minister. Richelieu und Mazarin führten es in langen, schweren, erschöpfenden Kriegen erfolgreich durch. Dann wandelte und entwickelte es sich mit den verwandelten Zeitverhältnissen, wie alle menschlichen Dinge.

In den französischen Archiven liegt eine Denkschrift, die im Anfang des Jahres 1651 dem Ministerrat vorgelegt wurde. Wer sie verfasst, wer sie vorgelegt, ist unbekannt. Der es tat, nennt sich einen grossen Diener Gottes und sagt, dass Betrachtungen und heisse Gebete am Dreikönigstage für die heilige Kirche und für den Weltfrieden ihn zu solchen Gedanken kommen lassen; und er beginnt mit den Worten: »Es wird keine Ruhe in der Christenheit sein, keine Hoffnung auf Bekehrung der Ketzer und Heiden, noch auf Wiedergewinnung des heiligen Landes …«, aber diese mittelalterlichen Ideale sind nur eine vielleicht ehrlich gemeinte, vielleicht nur für nötig und passend gehaltene religiöse Verbrämung höchst moderner Gedanken; denn »dies alles«, meint er, »werde nicht sein, solange Spanien Besitzungen in Europa jenseits der Pyrenäen und der Meere habe.« Die spanische Krone will die Weltmonarchie, die Herrschaft über Europa. Dagegen müsse Frankreich auftreten, und alle Fürsten, namentlich Deutschlands und Italiens müssen sich ihm verbinden. Frankreich muss seine »natürlichen Grenzen« gewinnen: die Pyrenäen, die beiden Meere, die Alpen und den Rhein; dann mögen Deutschland die Deutschen, Spanien die Spanier, Italien die Italiener haben. Frankreich sollte nicht nach auswärtigen Besitzungen streben: sie stärken ein Land nicht, sie schwächen es vielmehr. Für Savoyen, das französisch sei, sollte der Herzog durch Besitzungen in Italien entschädigt werden, etwa durch Mailand. Von dem Nationalitätenprinzip, das der Verfasser hier aufstellt, will er Ausnahmen nur insoweit zulassen, als Frankreich eben die Rheingrenze haben muss. Aber die deutschen Gebiete am linken Rheinufer sollen ihre Sprache behalten und nur unter der Lehenshoheit Frankreichs stehen, wie sie bisher unter der des Reiches standen. Zur vollkommenen Durchführung des europäischen Gleichgewichts macht der Verfasser noch zwei merkwürdige Vorschläge: der Papst sowie der römische Kaiser sollten hinfort abwechselnd aus den verschiedenen Völkern gewählt werden. Es sei ein Missbrauch, dass immer nur ein Italiener zum Papst gemacht würde, und nicht nötig, dass der Kaiser stets ein Deutscher sei.

Siehe Bildunterschrift

Nicolas Foucquet,
nach einem Stich von Nanteuil in J. Lairs Werk »Nicolas Foucquet«, Paris 1892.

Ob dieses Schriftstück nötig war, das wenige Wochen vor Mazarins Flucht überreicht wurde und welchen Einfluss es übte, wissen wir nicht, aber die Grundlinien der französischen Politik bis in neueste Zeiten sind darin dargelegt. Und als im Jahr 1654 der bereits zum römischen König erwählte Erzherzog Ferdinand, Kaiser Ferdinands III. Sohn, starb, da schrieb Mazarin am 24. August an Servien: »Ich habe über das nachgedacht, was Sie mir über die Wahl des römischen Königs schrieben, und ich sehe nicht ein, warum nicht der König selbst daran denken sollte. Aber das ist eine Sache, von der nicht gesprochen werden darf; ich glaube mit einer wohlverwendeten Million könnte man die Sache in Schwung bringen!« Klingt das nicht, als ob einer von beiden, der Kardinal oder Servien, sich jener Denkschrift erinnert hätten? Zu S. 496 f. Über diese Wahl und die Bewerbung Ludwigs XIV. um die deutsche Kaiserkrone gibt es eine Literatur. Die wichtigsten neueren Arbeiten dürften die von A. F. Przibram im Jahrg. 1888 des Archivs für österreichische Geschichte »Zur Wahl Leopolds I.« und die von G. Fr. Preuss. »Mazarin und die Bewerbung Ludwigs XIV. um die deutsche Kaiserkrone« in der Historischen Vierteljahrsschrift Jahrg. VII sein. Ich glaube, was im Text mitgeteilt ist, bestätigt die Ansichten Przibram's. Es scheint zweifellos, dass, wie Przibram sagt, »Mazarin an die Wahl Ludwigs XIV. ernstlich gedacht hat,« wenn auch nicht sehr lange, und wenn er auch den Erfolg von Anfang an für ungewiss hielt und darum mit doppelter Vorsicht handelte. Unhaltbar erscheint die Anschauung Heide's, dass Mazarin erst durch Gravelle auf den Gedanken gebracht worden. (»Über die angebl. Bewerbung Ludwigs XIV. um die deutsche Kaiserkrone.« Historisch-Politische Blätter f. d. kath. Deutschland Jahrg. 1893). Preuss, der sicherlich in vielem recht hat, beachtet vielleicht nicht genug, wieviel Möglichkeiten Mazarin gleichzeitig erwogen und verfolgt haben und wie vielfach er geschwankt haben mag. Auch scheint mir sehr wahrscheinlich, wenngleich nicht beweisbar, dass die Äusserungen Boyneburgs und des Kurfürsten zugunsten der Kandidatur Ludwigs von französischer Seite nahegelegt und veranlasst waren, wenn auch nicht von Gravelle. Es entspräche ganz Mazarins Art, der nie der gewesen sein wollte, der den ersten Schritt getan. All den genannten Autoren scheint der Brief an Servien vom August 1654 und die Denkschrift von 1652 unbekannt geblieben zu sein. Sie ist von Cosnac in seinen »Souvenirs du Règne de Louis XIV« veröffentlicht worden.

Am 2. April 1657, eine Woche nach dem Abschluss des Pariser Vertrags, starb Kaiser Ferdinand III. selbst. Da der alternde König von Spanien, Philipp IV., der Bruder der Königin Anna, sich in zweiter Ehe mit seiner Nichte, der Erzherzogin Maria Anna, einer Tochter des verstorbenen Kaisers vermählt hatte, waren die Höfe von Madrid und Wien mehr denn je verbunden. Mazarin bearbeitete die deutschen Fürsten, beschwor Karl Gustav von Schweden, beschwor selbst Cromwell, die Wahl des Königs von Ungarn zum Kaiser zu hindern. Er war im Sommer mit dem Hof in La Fère, der achtzehnjährige Ludwig XIV. wollte den Armeebewegungen folgen. Ende August führte er ihn nach Metz und blieb den ganzen Herbst mit ihm dort: mehrere deutsche Fürsten erschienen in Metz, den jungen Franzosenkönig zu begrüssen. Wie geheim und vorsichtig Mazarin jenen Gedanken behandeln mochte, etwas davon sickerte durch oder er war auch anderweitig aufgetaucht: ein junger holländischer Edelmann, Herr von Villiers, der sich in Paris aufhielt, berichtet in seinem Tagebuch am 7. Oktober, dass man ihm dort einen Brief aus Rom zu lesen gegeben, in dem der Absender die Wahl des Königs von Frankreich zum römischen Kaiser empfahl. Immer vorsichtig und elastisch spielte und jonglierte Mazarin gleichsam mit seinen Plänen; es war »recht eigentlich seine Kunst«, wie Retz sagt, »Worte zu machen, zu verstehen zu geben, hoffen zu lassen, Streiflichter zu werfen und sie wieder zu verdunkeln, Ausblicke zu öffnen und sie wieder zu trüben«; wenn man ihn festhielt, hatte er nie etwas Bestimmtes gesagt, und so verstand er auch, jenen Plan, der der Kern seines Wollens war, doch so nebelhaft im Hintergrund zu halten, dass er seine Politik nie damit festlegte oder auch nur belastete. Im Sommer 1657 schreibt er: »Wenn es wahr sein sollte, dass die Kurfürsten von der Pfalz und von Brandenburg lieber den König von Frankreich zum Kaiser wünschten, so wird man die Sache mit grosser Zurückhaltung und Bescheidenheit betreiben müssen und sagen, dass Seine Majestät nicht den Ehrgeiz hat und keinen Anspruch darauf erhebt, dass er aber, wenn es kein anderes Mittel geben sollte, das Haus Österreich auszuschliessen, dem Rat seiner Freunde nachgeben wird, und immer beteuern, dass Seine Majestät tausendmal lieber das Reich in der Person des Herzogs von Neuburg als in seiner eignen vertreten wünscht.« Im Januar 1658 heisst es bereits: »Jeder musste erkennen, dass Seine Majestät niemals an das Reich gedacht hat und selbst den Ausschluss des Königs von Ungarn nur vorgeschlagen hat aus Furcht, dass seine Erhebung sofort zum Friedensbruch führen würde …« und in einer weiteren Depesche wird »der Gedanke, die Kaiserwürde dem Haus Österreich entreissen zu wollen, das in Deutschland so tiefe Wurzeln geschlagen hat«, von ihm selbst als »vollkommen sinnlos« bezeichnet.

Denn vor der grossen Figur, die er im Hintergrunde hielt und deren Wahl den Verlauf der europäischen Geschichte so merkwürdig verändert hätte, hatte er zwei zunächst zum Scheine und zuletzt in Wirklichkeit viel wesentlichere Figuranten aufgestellt, beide Wittelsbacher, den Herzog Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg und den Kurfürsten Ferdinand Max von Bayern. Unendliche Verhandlungen, Berichte, Instruktionen und wenig anmutige Geschäfte füllten diese anderthalb Jahre aus. Eine glänzende französische Gesandtschaft wurde nach Frankfurt geschickt, den französischen König bei der Kaiserwahl zu vertreten: der Marschall von Gramont, Höfling, Offizier und Diplomat, gewandt und von trockenem Witz, und mit ihm, minder glänzend, aber nicht minder klug, Hugues von Lionne, der im Jahre vorher in Madrid gewesen war. Vorgearbeitet hatte ihnen Mazarins langjähriger Agent und früherer Sekretär Gravelle. Ihre Anwesenheit widersprach der strengen Vorschrift der goldenen Bulle, die den Vertretern fremder Regierungen den Aufenthalt in Frankfurt während der Wahl untersagte; man hielt sich an den Buchstaben: fast ein volles Jahr blieben die Gesandten in Frankfurt, machten ihre Besuche, verhandelten mit den deutschen Fürsten und Herren; am 17. Juli 1658, dem Vorabend der Wahl, übersiedelten sie nach Mainz. Sie mussten Schweres im Trinken leisten: die deutschen Gastereien waren ihnen harte Arbeit; eine Mahlzeit, zu der der Graf Egon Fürstenberg, der Minister des Kurfürsten von Köln sie lud, währte neun Stunden, von zwölf Uhr mittags bis neun Uhr abends, unter beständigem Trompeten- und Zimbelgeschmetter: tausende von Gesundheiten wurden ausgebracht; als alle Gäste trunken waren, tanzten sie noch, und der Kurfürst von Sachsen und der Marschall von Gramont sanken einander als Freunde in die Arme. Die Million wurde voll verwendet: 200 000 Livres allein erhielt der Kurfürst von Trier, Karl Kaspar von der Leyen, und viel Silbergeschirr, das er besonders liebte. Für 60 000 Livres, die er erhielt, während weitere 90 000 ihm versprochen wurden, verpflichtete sich der Pfalzgraf bei Rhein, Karl Ludwig, seine Stimme der Person zu geben, die der König von Frankreich ihm bezeichnen würde. Und dennoch wurde das Ziel nicht erreicht, weil die beiden Fürsten, die Mazarin vorschlug, insbesondere der von Bayern, selbst nicht recht wollten noch wagten. Darum hatte sich Gramont im Dezember nach München begeben, wo die Kurfürstin, Adelaide von Savoyen, eine Tochter des Herzogs Viktor Amadeus, für deren Schönheit der Marschall schwärmte, gerne deutsche Kaiserin geworden wäre, während ihre Schwiegermutter, eine österreichische Erzherzogin, die französischen Pläne ebenso lebhaft bekämpfte. Der Kurfürst war willenlos, sein Minister Graf Maximilian Kurtz für den Habsburger. So währten die Hofränke, die feierlichen oder heimlichen Besuche, Konferenzen, Überredungen und Bestechungen, Schwankungen und Beteuerungen, Depeschen und Berichte fort, und der Kardinal, ob krank, von schmerzhafter Gicht und Steinleiden gequält, arbeitete über Menschenkraft. Zu seiner grösseren Bitternis nahmen die deutschen Herren ebenso gerne spanisches Geld wie französisches an. Während Gramont ihm schrieb, dass die Grafen Egon und Wilhelm Fürstenberg ihn in der reizendsten Weise versichert hätten, der König könne auf sie und ihren Herrn, den Kölner Kurfürsten zählen, erwiderte ihm Mazarin, er wisse aus sicherster Quelle, dass dem Grafen Egon Fürstenberg von einem gewissen Augustin Mayer im Namen des spanischen Gesandten 100 000 Gulden versprochen wären, wofür er ihm beteuert, dass er auf seinen Herrn, den Kurfürsten, für die Wahl König Leopolds zählen könne!

Leopold wurde denn auch am 18. Juli 1658 tatsächlich zum Kaiser gewählt. Aber er musste vor der Wahl schwören, den westfälischen Frieden unverbrüchlich zu halten, den Feinden Frankreichs in keiner Weise und unter keinen Umständen beizustehen, den Herzögen von Savoyen und Modena, die Frankreich verbündet oder befreundet waren, Gebiete zu gewähren, die sie beanspruchten: Bedingungen, die die französischen Gesandten mit den Kurfürsten aufgesetzt hatten. So konnte Mazarin am 25. Juli an den Herrn von Bordeaux schreiben. »Die Wahl ist den Spaniern nicht so vorteilhaft, dass sie sich freuen könnten, und ihre Feuerwerke sind in der Tat nur Blender, auf Täuschung des Volkes berechnet: die Kapitulationen binden dem König von Ungarn die Hände …«

Er hatte einen vielleicht noch wichtigeren Erfolg in Deutschland: am 19. August wurde der Rheinbund geschlossen; jenem Bunde nachgebildet, den einst der Marquis von Feuquières für Richelieu zustande gebracht, und jenem vorgebildet, den anderthalb Jahrhunderte später Napoleon schuf: die Kurfürsten von Köln und Mainz, die drei braunschweigischen Herzöge und der von Pfalz-Neuburg sowie Karl Gustav von Schweden waren seine Mitglieder. In Höchst fanden die entscheidenden Besprechungen mit den französischen Diplomaten statt; in Frankfurt a. M. wurde unterzeichnet. Tags darauf schloss der Bund einen Vertrag mit Frankreich zur Aufrechterhaltung und Verteidigung des Westfälischen Friedens. Den Fürsten galt es vornehmlich, sich vom Hause Österreich möglichst unabhängig zu erhalten. Mazarin galt es, den kaiserlichen Heeren den Weg nach den spanischen Niederlanden zu sperren, deutsche Bundesgenossen gegen Spanien und den Kaiser zu haben, den französischen Einfluss zu erweitern, das Reich zu schwächen. Der Bund, wie der Vertrag waren zunächst für drei Jahre geschlossen; der Landgraf von Hessen, der Kurfürst von Trier, der Herzog von Württemberg und einige kleinere Fürsten traten später bei; Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der nach dem Tode Ferdinands III. in einem Schreiben an Mazarin »die engste Verbindung mit der Krone Frankreichs« gewünscht hatte, und dessen Gesandte gleichfalls von Frankreich Geld nahmen, hatte am 8. Februar 1658 ein Offensiv- und Defensiv-Bündnis mit Österreich geschlossen. Dass Schweden, mit dem er um Pommern kämpfte, in den andern Bund eintrat, schloss seinen Beitritt vollends aus. Der Rheinbund stellte eine kleine Armee auf, deren Kommandeur der Fürst Karl Salm wurde.

Mazarin sagt in einem Brief, dass all diese Verträge ihn drei bis vier Millionen gekostet hätten, die er dem französischen Staate vorschoss.

Von den Plänen der Denkschrift war manches annähernd, eins durch den westfälischen Frieden schon vorher wirklich erreicht: die Oberrheingrenze mit dem Elsass. Und man muss Mazarins Klugheit bewundern, wenn man die Instruktionen liest, die Colbert im Auftrag des Kardinals seinem Bruder Charles erteilte, der der erste französische Regierungschef in dem deutschen Lande war. Er führte den Titel »Intendant im Elsass und Präsident des Conseil Souverain« und hatte seinen Sitz in Ensisheim, wo früher die erzherzogliche Regierung den ihren gehabt. »Behandeln Sie die Leute so,« schrieb er ihm am 1. August 1659, »dass es dem Volk im Elsass besser gehe, als in allen andern deutschen Staaten!«

Frankreich war im deutschen Reich mächtig geworden, das zu schwächen seine Politik war, das es, wie ein französischer Historiker sagt, seit langem »geschickt und heimlich unterminierte«. Mit Strassburg besass es die Vorherrschaft im westlichen und südlichen Deutschland. Der ausserordentliche Erfolg wurde von den wenigsten begriffen. Brienne, der Besserwisser, der von den Besprechungen im Kabinett berichtet, nennt die Ideen seines Chefs »vollkommen lächerlich«: die beiden Gesandten hätten einen Haufen Geld ausgegeben und eine vollkommen unnütze Reise gemacht.

Viel war erreicht, aber der Friede mit Spanien noch nicht. Gramont und Lionne hatten in Frankfurt dafür zu arbeiten versucht. Sie scheiterten, zum Teil an dem steifen Hochmut des spanischen Gesandten Grafen Peñaranda, der den Vertretern der Kurfürsten von Köln und Mainz, die vermitteln gewollt, die Pässe zur Reise nach Spanien verweigert hatte. So dauerte denn der Krieg fort, den Spanien in keiner Weise mehr gewinnen konnte. Mazarins geniale Bündnispolitik bewährte sich. Während in Frankfurt der Rheinbund vorbereitet wurde, das Haus Habsburg in Deutschland lahmzulegen, wurde der Vertrag mit England gegen Spanien, der nur auf ein Jahr geschlossen worden war, in Paris erneuert. Servien und Brienne hatten die kurzen Verhandlungen mit Lockhart geführt, die am 28. März 1658 zum Abschluss kamen. In sechs neuen Artikeln wurde die Belagerung der flandrischen Seefestungen, auf die es den Engländern ankam, andrerseits die englische Seehilfe für Frankreich vorgesehen. Zwar an Misstrauen und Reibungen zwischen den Bundesgenossen fehlte es nicht. Der Feldzug begann unglücklich, da der Marschall von Aumont bei einem unvorsichtigen Angriff auf Ostende geschlagen und gefangen wurde. Aber Turenne schloss Dünkirchen, das gleichzeitig von einer englischen Flotte blockiert und beschossen wurde, in dem überschwemmten Gelände mit Werken ein, die nur durch Brücken in Verbindung standen. Wind, Wasser und Sand erschwerte die Arbeiten. Der Marquis von Leyde, der beste Genieoffizier Spaniens, der schon vor fünfzehn Jahren Maastricht gerettet und Dünkirchen lange gegen Condé gehalten hatte, verteidigte die Festung auch diesmal; die belagernde Armee war ihrerseits von der spanischen bedroht, die unter Don Juan d'Austria von den nahen Landfestungen Furnes, Bergues und Gravelingen anrückte. Am 14. Juni kam es zur Schlacht an den Dünen, die den Krieg entschied. Von den 137 Infanterie-Regimentern, die Turennes Armee bildeten und die nicht alle vor Dünkirchen lagen – dort hatte er im ganzen kaum über 20 000 Mann Infanterie, dazu etwa 12 000 Reiter – waren sieben deutsche, die Regimenter Kohlhas, Erlach, Créqui, Prinz von Hessen, Prinz Solms, Schomberg und Herzog von Württemberg; ausserdem 6000 Engländer, die die Generale Morgan und Lockhart – der Gesandte – führten. Auf der andern Seite kämpften gleichfalls Deutsche, sowie Iren und Engländer unter den vertriebenen Stuarts neben den Spaniern. Turenne war sofort zum Angriff übergegangen. »Haben Sie schon eine Schlacht verlieren sehen?« fragte Condé den Herzog von Gloucester, als er die spanische Armee aufmarschieren sah und Don Juan auf seine Mahnungen nicht hörte. »Nein,« erwiderte der Herzog. »Nun, in einer halben Stunde werden Sie uns eine verlieren sehen,« sagte der Prinz. Die Spanier hatten keine Artillerie, waren schlecht geführt und in der Minderzahl. Nur der linke Flügel, den Condé kommandierte, leistete lange Widerstand.

Mit sicherer strategischer Einsicht hatte Mazarin selbst Turenne zum Angriff geraten, der des Rats vermutlich nicht bedurfte. Auch daraus bildeten sich feindselige Gerüchte, als hätte Mazarin sich die Ehre des Sieges zuschreiben wollen, Gerüchte, die noch nach Jahrhunderten aufgegriffen wurden. Mazarin wusste, was Turennes Kriegskunst für seine Politik tat.

Am 23. Juni fiel der Marquis von Leyde und zwei Tage später wurde Dünkirchen übergeben.

Nach dem Erfolg wurden grosse Höflichkeiten zwischen den Verbündeten ausgetauscht. Die englischen Truppen hatten durch ausserordentliche Bravour zum Sieg beigetragen; die englischen Kavaliere auf der spanischen Seite konnten nicht umhin, sich der Tapferkeit ihrer republikanischen Landsleute zu freuen, als diese, in ihren roten Waffenröcken weithin kenntlich, die Düne gestürmt hatten. Cromwells Schwiegersohn Lord Falconbridge war nach Calais gekommen, den König zu begrüssen; Mazarin schickte den Herzog von Créqui und seinen Neffen Philippe Mancini nach London, den »unbezwinglichsten der Souveräne« zu beglückwünschen. Die katholische Welt war verstimmt. »Cromwell hat keine Abneigung gegen die katholische Religion,« hatte Mazarin im März an den Kardinal Barberini geschrieben, da ihm der Verdruss des Papstes über das Bündnis mitgeteilt wurde. Gefährlicher war, dass Dünkirchen dem Vertrag gemäss den Engländern übergeben werden musste; dies traf das französische Nationalgefühl und das französische Interesse. Mit Trauer verliess Ludwig XIV. die kaum betretene Seefestung. Schon im vergangenen Jahr, als Mardyck eine englische Besatzung erhielt, hatte der flüchtige Retz eine mit tückischer Meisterschaft ausgearbeitete Denkschrift an den König verfasst und verbreitet, die Schaden tat. Mazarin wusste, was die öffentliche Meinung in der Politik bedeutet, er sah, welche Schwierigkeiten ihm geschaffen würden, und liess durch Servien eine Gegenschrift verfassen und veröffentlichen, die auf die Bündnisse Heinrichs IV. und Ludwigs XIII. mit protestantischen Mächten verwies. Zweifellos spielte er ein gefährliches Spiel: »Der Kardinal wusste,« schrieb der venetianische Gesandte Nani zwei Jahre später, »dass er durch dieses Bündnis eine giftige Schlange an den Busen nahm,« aber er kannte den Einsatz und rechnete.

Es gärte damals auch im Innern Frankreichs wieder in verschiedenen Provinzen infolge der unsagbaren Not. In den Jahren 1656 und 57 waren gute Ernten gewesen; aber das Jahr 1658 brachte furchtbare Überschwemmungen, ein strenger Winter folgte, und neue Aufstände, besonders in der Normandie und später in der Sologne, die blutig niedergeschlagen wurden, waren die Folge. In solchen Zeiten, solchen Lagen, wandelt jeder führende Staatsmann auf zitterndem, von Feuer unterwühltem Boden. Aber auf allen Seiten konnte er die glücklichen Folgen seiner meisterhaften diplomatischen Züge sehen. Und Turenne gewann Sieg auf Sieg. Er nahm in diesem Jahr Furnes und Dixmuiden, Gravelingen, Oudenarde und Ypern, er wäre auf Brüssel marschiert und hätte die Hauptstadt der spanischen Niederlande erobert, in der bereits Schrecken vor den Franzosen herrschte, wenn nicht schlechtes Wetter eingetreten wäre. »Eure Eminenz mögen, wenn es gefällig ist, bedenken,« schrieb er am 10. Oktober an den Kardinal, »dass vier Tage schlechten Wetters für eine Armee alles ändern.«

Im Januar 1659 wurden die Spanier von den Portugiesen, die sich gegen die spanische Herrschaft erhoben hatten, bei Elvas schwer geschlagen.

Aber inzwischen waren Ereignisse auf ganz anderem Boden eingetreten, die die grosse, Europas Zustand auf Jahrhunderte bestimmende Lösung, nachdem sie auf den Schlachtfeldern gereift war, gefährlich in Frage zu stellen schienen und zuletzt herbeiführten.


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