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Viertes Kapitel
Die Verhaftung der Prinzen

Nie hat Mazarin ein schlaueres und energischeres Spiel gespielt. Der Prinz ging ihm naiv ins Garn. Er verachtete den Kardinal völlig und sprach von ihm als seinem Sklaven, der zu tun hätte, was er ihm befehle. Mazarin erfuhr davon und verzeichnete es ohne eine Bemerkung, wie mit schweigendem Hohn, in seinem Notizbuch. Beide Männer, der eine ganz Intellekt, der andere ganz Temperament, waren geschaffen, einander zu verachten.

Die den Hof erdrückende Vereinigung des Prinzen mit der Fronde war gesprengt. Am 16. September hatte sich die Partei dem Prinzen gegen Mazarin zur Verfügung gestellt, am 19. hatte er ihren Führern ein grosses Diner bei Prudhomme gegeben, und jetzt hörten sie von seiner Aussöhnung mit dem Minister. In allen Erwartungen getäuscht, wütend über den »Verrat«, machten sie selbst dem Verhassten Anerbietungen, nur um sich an dem Prinzen rächen zu können, der in seiner wilden Herrenlaune heute dies, morgen das tat, und gar nicht begriff, dass man ihm seine Schritte übelnehmen könnte. Mazarin wusste die Kluft zwischen der Partei und dem Prinzen, die er mit seiner Demütigung gewollt und erreicht hatte, geschickt zu weiten. Verhandlungen wies er nie zurück: er wollte sie nur geheim genug, dass der Prinz sie nicht argwöhnen sollte. Er hatte während der Fronde eine Anzahl ihm ergebener Agenten, zum Teil Italiener, wie Zongo Ondedei, einen gelenkigen Abbate, wie er selbst einst einer gewesen, ein Mann, der, wie er, auch kriegerisch mit vielen Straussfedern am Hut, als Theaterkapitän auftreten konnte. Ein brauchbarer Nachahmer seines Meisters, nur ohne dessen Genie und Eleganz, der es später zum Bischof brachte. Im Volk verwendete er die Mönche, die unauffällig kamen und gingen und für ihn kundschafteten oder Stimmung machten, und seine entscheidenden Werkzeuge bei den Parteien und am Hof waren die Damen des hohen Adels, die er bezahlte.

Mit der Chevreuse, die seine Überlegenheit begriffen hatte, stand er bereits in Verbindung: der Koadjutor war in ihre hübsche Tochter Charlotte von Lothringen verliebt. Der andere Führer der Fronde, Beaufort, war der Verehrer ihrer Schwiegermutter, der Herzogin von Rohan-Montbazon; und der Kardinal kaufte auch diese sehr käufliche Dame, indem er ihrem Sohn Pfründen und ihrer Tochter den »Schemel«, das vielbegehrte Recht, in Gegenwart der Königin zu sitzen, verlieh.

Aber sonst versprach er nichts, erklärte, der Prinz sei zu mächtig. Dieser verlangte indessen, um seine Freunde zu belohnen, den Rang auswärtiger Fürsten für die Herzöge von La Rochefoucauld, von Bouillon und von La Tremouille, sowie den »Schemel« für die Prinzessin von Marsillac und die Marquise von Pons. Die Königin, auf Mazarins Wink, war bereit, dem Unklugen seine Wünsche zu erfüllen. Sie wussten die Folgen voraus. Nur die Prinzen vom Geblüt, die Bastarde des königlichen Hauses und die Mitglieder der Häuser von Savoyen und Lothringen hatten bisher für ihre Damen dieses Recht besessen. Als »ces grands articles« bekannt wurden – so nennt Frau von Motteville, die als Hofdame ihre ganze Wichtigkeit empfindet, den Erlass zugunsten der Damen – erhob der ganze französische Adel sich gegen diese staatverwirrende Neuerung. Ihre Damen wollten nicht stehen, wenn jene zwei sassen. Man versammelte sich bei dem Marquis von Montglat, dem Grossmeister der königlichen Garderobe, und, als dessen Haus die Menge nicht fassen konnte, beim Marschall de l' Hôpital. Durch einen feierlichen Eid verpflichteten sich alle, einander in dieser grossen Sache nicht im Stich zu lassen. Vier Marschälle von Frankreich wurden als Abordnung zur Königin geschickt. Es fand sich ein witziger Pariser, der die Sache tiefer fasste und eine Schrift: »La jalousie des culs de la cour« veröffentlichte.

Die Rangerhöhung der drei Herzogshäuser rief in den höchsten Kreisen nicht weniger Unruhe hervor. Die wirklichen Prinzen versammelten sich im Hôtel de Chevreuse, »ihre Privilegien zu erhalten und ungerechte Privilegien zu verhüten«. Die Herzöge, die nicht erhöht werden sollten, versammelten sich gleichfalls, und alle schickten Deputationen an die Königin »mit dem ganzen Ernst, den die Sache erforderte«. Der Prinz war wütend. Er drohte, »es keinem zu vergessen, der sich an dieser Bewegung gegen ihn beteiligen würde«. Dennoch gelang es ihm, nur drei Herren zurückzuhalten, von denen einer, der Graf von Montmorency-Bouteville, ihm mütterlicherseits verwandt war. Mit grossem Vergnügen sah der Kardinal, wie Condé selbst seine Anhängerschaft zertrümmerte.

Der Prinz aber, der immer nur die eigenen Wünsche, nie die Hindernisse noch die Folgen seines Tuns ermass, fasste, um vollkommener zu herrschen, die tolle Idee, sich der Königin auf Liebeswegen zu bemächtigen: jener selbe Marquis von Jarzé, der den Auftritt im Garten Renard veranlasst hatte, sollte ihm diesen grellen Dienst erweisen und den Kardinal ausstechen: er hiess mit vollem Namen René du Plesis de la Roche-Pichemer, Marquis von Jarzé, war ein hübscher, stutzerhafter Junge, der bis dahin sich bei Mazarin beliebt gemacht hatte; in seinen Gärten hatte der Kardinal gern mit ihm die heimatliche »Boccia« gespielt; als er den Prinzen mächtig sah, war der wirblige Gascogner zu ihm übergegangen. Jarzé machte der Königin den Hof. »Er bedachte nicht die Tugend der Königin, schreibt die Motteville, »nicht ihr Alter, ihre Lebensführung, ihre Sitten, noch die Ehrerbietung, die er ihr schuldete, sondern berauschte sich an der Herrlichkeit seines Vorhabens.« Sein Benehmen wurde immer auffälliger; eine Kammerfrau übernahm es, einen Brief, der eine Liebeserklärung erhielt, der Königin auf den Spiegel zu legen. Die Königin faud als Frau seine Torheit verzeihlich: sie sagte, Jarzé sei »ein liebenswürdiger Narr«; aber der Kardinal wurde eifersüchtig und sorgerfüllt; in seinem Tagebuch steht der merkwürdige Satz: »Was wohl der Herr Prinz sagen würde, wenn man sich gegen seine Frau solches herausnähme?« Wie gewöhnlich entwarf er genau den Plan, nach dem die Königin vorgehen, und die Sätze, die sie sprechen sollte. Wie immer tat die Regentin wie ein Echo nach seinen Weisungen; die treu bewundernde Motteville verzeichnet die Worte ihrer Herrin, ohne eine Ahnung davon. Uns aber berührt es heute seltsam in den geheimen Notizen des Kardinals das Soufflierbuch vor Augen zu haben und da wie dort die gleichen Sätze zu lesen.

Als der Marquis am 26. November im Palais Royal in das Zimmer trat, in dem die Königin sich befand – der Leutnant ihrer Garden, Comminges, hatte ihn warnen wollen, ihn jedoch verfehlt –, fuhr sie ihn vor dem ganzen Hof an: »Herr von Jarzé, Sie sind wirklich höchst lächerlich. Man sagt mir, dass Sie den Verliebten spielen. Seht mir einmal den schönen Verehrer! Wahrhaftig, Sie tun mir leid: man müsste Sie eigentlich ins Narrenhaus sperren. Freilich, darf man sich über Ihre Verrücktheit nicht wundern, – es liegt bei Ihnen in der Familie!«

Stotternd, bleich, vernichtet verliess Jarzé das Zimmer. Man fand, die Königin sei zu weit gegangen; sie hätte sich selbst blossgestellt. Der Prinz aber lud Jarzé zu sich und war wahnsinnig genug, ernstlich zu fordern, die Königin möge den Marquis wieder empfangen. Und laut sagte er überall, »der alte Verehrer hätte den neuen hinausgeschmissen«. Die Regentin begann seiner Tyrannei sehr müde zu werden.

Ob bei den merkwürdigen Vorfällen, die nun folgten, Mazarin die Hand im Spiele hatte, oder ob ihm nur die klug benützten Ereignisse zustatten kamen, ist nicht mehr zu entscheiden. In seinem Notizbuch drückt er sich zweideutig aus, wenn er schreibt: »Man könnte über die Vorgänge die Devise setzen: Salutem ex inimicis nostris!«

Die Finanznot war durch die Revolution nicht geringer geworden und dass Mazarin statt des alten Marschalls von La Meilleraye wieder den geschickten Geschäftsmann d'Emery zum Oberintendanten machte, brachte ihm augenblicklichen Nutzen, aber noch mehr Hass. Es bestand in Frankreich eine alte Rentenanleihe vom Jahre 1522 aus der Zeit Franz I., die sogenannten Renten des Rathauses der Stadt Paris, weil sie dort eingetragen waren und die Zinsen, die achteinhalb Prozent betrugen, dort halbjährlich an die Renteninhaber ausgezahlt werden sollten. Sie waren auf bestimmte Eingänge aus dem Vieh- und Weinzoll angewiesen, wie das damals üblich war, und waren seit langem nicht regelmässig bezahlt worden. In diesen Wintertagen versammelten sich die erbitterten Rentner auf dem Rathause, schimpften auf die Regierung, forderten ihr Geld und wählten ein Syndikat, ihre Sache zu vertreten. Die Führer der Fronde wollten die Erregung münzen, zunächst sie steigern. Wahr oder falsch, war das Gerücht verbreitet, der Minister wolle die Syndici verhaften lassen. »Das genügt nicht, es muss mehr geschehen, wir müssen ein Attentat haben,« sagte der Graf von Montrésor. Von ihm ging die Idee aus; und der Parlamentsrat Guy Joli, der die Rentner vertrat, erklärte sich bereit, das Opfer zu spielen. Die Beratung fand im Hause des Präsidenten von Bellièvre statt. Retz war dagegen, weil die Sache missglücken konnte, aber er drang nicht durch. In seinen Memoiren erzählt Joli genau und gut, wie es gemacht wurde: sein Leibrock wurde mit Stroh ausgestopft, und ein Edelmann des Marquis von Noirmoutiers, ein Herr von Estainville, der trefflich schoss, durchbohrte den Ärmel des Rocks mit einer Pistolenkugel. Dies taten sie am Abend vorher in einem entlegenen Zimmer im Hause des Marquis von Noirmoutiers in der Rue Saint-Merri, im selbem Hause, in dem in der Bartholomäusnacht der Admiral von Coligny ermordet worden war. Joli brachte sich dann am Arm an der entsprechenden Stelle mit einem Flintenstein eine Wunde bei.

Am anderen Tage, es war der 11. Dezember 1649, als Joli in seinem Wagen durch die am linken Seineufer gelegene Rue des Bernardins fuhr, hielt d'Estainville zu Pferde an verabredeter Stelle und schoss. Joli hatte sich vorher gebückt und der andere traf genau dahin, wo sein Arm hätte sein können. Dann sprengte er davon; sein Pferd stürzte auf dem Pflaster; er riss es wieder auf und entkam auf Umwegen ins Hôtel de Noirmoutiers. Das Pferd schickte er dem Marquis von Fosseuse zurück, der es ihm zur Verfügung gestellt hatte, und dieser liess es sofort aufs Land bringen und vergiften. Dennoch hätte der Schütze sich beinahe verraten: er hatte die Patrone mit einem an ihn gerichteten Brief gestopft, das Papier wurde ganz heiss am Tatort gefunden und vor Gericht gebracht – aber gerade der Name war ausgebrannt. Während Joli bei einem Wundarzt verbunden wurde, drang die Nachricht ins Parlament. Der Präsident Charton, der seit den Augusttagen, in denen der Hof ihn hatte verhaften wollen, in Sorge lebte, war sofort überzeugt, dass das Attentat ihm gegolten hätte. Er hatte die Gewohnheit, zwischen je zwei Sätzen die Worte: »Ich sage es!« einzuschieben; und da er jetzt in furchtbarer Aufregung unter ungezählten »Ich sage es!« und »Man mordet uns! Es gibt keine Sicherheit mehr!« eine persönliche Garde zu seinem Schutz verlangte, so liefen wie stets in Paris Schrecken und Gelächter durcheinander. Ein anderer heissköpfiger frondierender Edelmann, der Marquis von La Boulaye, der nicht im Geheimnis war, glaubte den Vorfall seinerseits nützen zu müssen. Mit grossem Gefolge sprengte er durch die Strassen und schrie: »Zu den Waffen! Man hat einen Parlamentsrat ermordet! Zu den Waffen!« Da die Bürgerschaft sich aber nicht weiter rührte, ward ihm unbehaglich und er zog sich zurück.

Durch eine seltsame, nicht ganz aufgeklärte Verkettung der Ereignisse, vielleicht mehr der Gedanken, die durch sie in den Köpfen entstehen und neue Ereignisse auslösen, führte dieses Attentat zu einem zweiten bedeutsameren und geheimnisvolleren noch am gleichen Tag. Als der Prinz von Condé am Abend das Palais Royal verlassen wollte, um sich in sein am linken Ufer – etwa dort, wo heute das Odéon sich befindet – gelegenes Schloss zu begeben, trat der Kardinal auf ihn zu und warnte ihn: die Frondeure hätten einen Anschlag auf ihn vor. Nach anderen Berichten wäre der Prinz bei Prudhomme gewesen und der Kardinal hätte ihn schriftlich warnen lassen. Jedenfalls blieb Condé mit seinen Begleitern, dem Grafen von Duras und dem Chevalier von Gramont, wo er war; sie schickten ihre Wagen leer nach Hause. Auf der Place Dauphine sah man verdächtige Leute zu Pferd, zwei Reiter kamen auf den Pont-Neuf heraus und schossen auf den Wagen des Prinzen, ein Lakai wurde verletzt. Übrigens mag man denken, wie in der nächtlichen Verwirrung von den erschreckten Bedienten die Vorfälle verschieden gesehen und erzählt wurden. Gewiss war der Schuss und die Verwundung des einen Mannes und die ausserordentliche Wut des Prinzen, der gegen die Führer der Fronde, Beaufort und Retz, vor dem Parlament, dem Gerichtshof für so vornehme Verbrecher, wegen eines Mordversuchs gegen seine Person Klage erhob.

Später erfuhr man, und einige wussten es schon damals, dass der Marquis von La Boulaye die Reiter gestellt hatte: er selbst soll, als der Schuss fiel, bei einem Freudenmädchen in der Nachbarschaft gewesen sein.

La Boulaye war der Mann, der die geheimen Verhandlungen für die Fronde mit Ondedei, dem Agenten Mazarins, führte; der Prozess wegen der Attentate vom 11. Dezember wurde niedergeschlagen, er selbst in der nächsten Zeit befördert, und La Rochefoucauld erzählt, dass der Kardinal ihn auf seinem Sterbebett dem König als einen treuen Mann empfohlen hätte. Ob Mazarin den Prinzen nur aus edler Gesinnung auf Ahnungen und Gerüchte hin gewarnt hat, ob dieses ihm so willkommene Attentat, das den Bruch zwischen dem Prinzen und der Fronde vollkommen machte, wirklich nur ein Racheversuch La Boulayes für das falsche Attentat vom Morgen gewesen, und nicht vielmehr von Mazarin als harmloses Mittel gewusst und gebilligt wurde, ist nicht zu entscheiden; Blut zu vergiessen liebte er nicht; aber wie er beim Kartenspiel gern betrog, half er vielleicht hier der Geschichte nach. Möglich wäre auch, dass La Boulaye sein Tun nachher in dieses Licht zu rücken wusste.

Damals hatte Paris aufgeregte Tage: alle Welt war betroffen. Jeder sah Verschwörer; wer etwas war oder zu sein glaubte, fühlte sich bedroht, obschon niemandem etwas geschehen war noch geschah. Mazarin bangte für sich und selbst für die Königin. Er schreibt es in sein Notizbuch und bemerkt, dass die Frondeure an verschiedenen Orten auf die Gesundheit Cromwells getrunken hätten, und dass man beim Grafen Fiesco aufrührerische Reden geführt und gesagt, dass man sich des Mazarin »so oder so« entledigen müsse.

Beaufort war am anderen Morgen um fünf Uhr zu Retz in den erzbischöflichen Palast gekommen, der sofort dachte, »Beaufort und La Boulaye müssten eine Dummheit gemacht haben«. So erschrocken waren die Damen der Fronde, die sich vor der Rache des Prinzen fürchteten, dass Frau von Montbazon vorschlug, sie sollten alle nach Peronne fliehen, wo einer ihrer Verehrer, der Marschall von Hocquincourt, Gouverneur war. Vielleicht war auch dieser Vorschlag bereits ein Versuch des Kardinals, die Unbequemen zu entfernen, denn die Herzogin hatte ihre Verbindungen nach beiden Seiten. Montrésor stellte ihnen vor, dass sie bleiben müssten, da sie durch eine Flucht sich schuldig bekennen würden.

Der Prozess begann vor dem Parlament, der zu vielen erregten Auftritten und sonst zu nichts führte. Nach der Sitte der Zeit, in der sich Gewalttätigkeit mit langwierigstem Bureaukratismus mischte, erschienen beide Parteien in den Strassen, wie im Justizpalast mit zahlreichem bewaffneten Gefolge. »Das Brevier des Herrn Koadjutors!« rief der »plumpe« Beaufort lachend und zog aus den Kleidern des Erzbischofs einen Dolch, den sein Vetter von Brissac ihm zur Sicherheit aufgedrängt hatte. Retz war über den Scherz nicht erfreut. Der Herzog von Orléans, der den Sitzungen von Amts wegen beiwohnte, hatte solche Angst vor einem blutigen Handgemenge in den Sälen und Gängen, dass er sich wiederholt krank meldete. Die »Kolikanfälle Sr. Königlichen Hoheit«, wenn irgendwo Gefahr drohte, waren bekannt. Die Angeklagten erhoben formelle Einwendungen ohne Ende: sie lehnten, wenngleich erfolglos, den ersten Präsidenten als befangen ab; und dies eine Mal sah man in den Augen des unerschütterlichen Mannes Tränen, da man ihm zumutete, er könnte parteiisch richten. Mazarin trug den grössten Eifer für die Sache des Prinzen zur Schau und hiess den Generalprokurator das Verfahren so viel als möglich beschleunigen, aber die Zeugenaussagen waren kläglich, und das Parlament war in seiner Mehrheit den Angeklagten geneigt. So sehr fürchtete der Prinz eine Niederlage, dass er dem Koadjutor heimlich grosse Anerbietungen machen liess, falls er ihm weichen und als Gesandter nach Rom oder ins Deutsche Reich gehen, Paris verlassen wollte. Dann würde auch er den Prozess irgendwie fallen lassen.

Indessen beging Condé eine letzte Torheit, die ihm und seinen Geschwistern besondere Klugheit schien. Unter seinem Schutz entführte der zwanzigjährige Herzog von Richelieu, der Erbe des grossen Kardinals, die verwitwete Marquise von Pons und heiratete sie. Es war ein Liebesroman für den entführenden oder entführten jungen Mann, für alle anderen tiefe Politik. Die Marquise, die weder jung noch schön, aber kokett und anziehend und arm war, wollte die glänzende Heirat. Condé wollte den ersten Kriegshafen Frankreichs Le Havre, dessen Statthalterschaft zu Richelieus Erbe gehörte, in seine Gewalt bekommen. Die Tante und Vormünderin des jungen Herzogs, Frau von Aiguillon, ein scharfes, üppiges und frömmelndes Weib, deren Freundin und Schützling Frau von Pons gewesen war, war ausser sich vor Wut über ihren Verrat und den dummen Streich ihres Neffen; bei Hof lachte man über die Entführung der »hässlichen Helena«; aber im Ministerium dachte man an den Hafen. Überdies war Mazarin persönlich in seinen Plänen getroffen: er hatte den jungen Richelieu für eine seiner Nichten ausersehen.

Der Prinz hatte den Adel verstimmt, die Führer der Fronde peinlich angeklagt, Mazarin hatte er vergewaltigt, die Königin schwer gekränkt; der Herzog von Orléans fühlte sich durch ihn in Schatten gestellt. Das Volk hasste ihn wegen der Gewalttaten der Truppen, der Verwüstungen während der Belagerung. »Sie unglücklicher Prinz, den wir jüngst so liebten, für den wir beteten, und den wir jetzt tödlich hassen und nur mit geheimem Schauer sehen können,« heisst es in einem Pamphlet der Fronde. Er war allen zu viel geworden. Sie hatten eine Politik gemacht wie böse Kinder, diese begabten Geschwister Bourbon; nun begann ihre tragische Zeit.

Den Gedanken, den Mazarin aufgriff, hatte die Frau von Chevreuse ausgesprochen. Vielleicht war es ein Gedanke ihres »letzten Geliebten«, des Marquis von Laigues, gewesen, der, ein Haudegen, für die kühnen und einfachen Mittel war. Geheime Verhandlungen wurden angeknüpft durch die Frauen. In tiefer Nacht kam der Koadjutor Anfang Januar 1650, als Kavalier gekleidet, im Oratorium des Klosters von Saint Honoré dicht am Palais Royal mit der Königin zusammen, die ihm ein liebenswürdiges Billett geschrieben hatte und die vornehmlich von ihrem »pauvre Cardinal« sprach. Der kam dann selbst und redete von der Sache. Sie hatten noch mehrmals nächtliche Besprechungen an der gleichen Stelle, sowie im Palais Royal selbst, und nach langen Verhandlungen wurde ein Geheimbund geschlossen, den Unbequemen und seine Familie zu beseitigen. Den Herzog von Orléans, den man zur Deckung der Verantwortung brauchte, wenn man gegen einen »Prinzen vom Geblüt« vorging, gewann Mazarin durch eine komplizierte und geschickt angelegte Intrige. Der Willenlose war von seinem jeweiligen Günstling abhängig, und der Abbé de la Rivière, der dies seit längerer Zeit war, hatte sich an Condé verkauft, wofür dieser ihm den Kardinalshut versprochen hatte. Aber der Herzog war auch in ein Ehrenfräulein seiner Frau verliebt, das tugendhaft sich gerade in diesen Tagen vor ihm in ein Kloster geflüchtet hatte. Es gelang Mazarin und der Chevreuse, dem verliebten alten Prinzen einzureden, sein Abbé hätte dem Fräulein diese Flucht geraten, um sie zu entfernen und die Herrschaft nicht mit ihr teilen zu müssen, und Condé hätte dies gefördert. Gaston geriet in heftige Wut auf die bisherigen Freunde und war zu allem bereit; der Abbé sollte, damit er nicht vorher etwas merke, erst nachher entlassen werden. Solch eine Kunst und Lust war das Trügen diesen Menschen, dass Mazarin am selben Tage Scharlachtuche kommen und sie dem Abbé, der bei ihm war, anprobieren liess, damit er sehe, wie gut die Kardinalsrobe ihm stehen würde!

Die Artikel des Geheimvertrages waren: der Herzog von Vendôme sollte Admiral von Frankreich oder, wie es amtlich hiess, »Oberintendant der Meere« werden, und diese Würde nach seinem Tode seinem jüngeren Sohne, dem Herzog von Beaufort, zufallen; Retz sollte den Kardinalshut bekommen, der Marquis von Noirmoutiers Herzog, Laigues Gardekapitän des Herzogs von Anjou, des »kleinen Monsieur« werden, und die anderen Teilnehmer andere ähnliche Belohnungen, insbesondere sollte Noirmoutiers auch, zur künftigen Sicherheit der Frondeure gegen die Rache des Prinzen, eine Festung erhalten.

Siebzehn Personen waren im Geheimnis. Lachend erzählte der Prinz dem Kardinal, er habe von nächtlichen Besuchen des Koadjutors im Schloss gehört. Lachend erwiderte Mazarin: es müsste lustig sein, den kleinen, krummbeinigen Retz in Kanonenstiefeln, rotem Mantel, Straussfedern am Hut und den Degen an der Seite zu sehen, und er würde den Prinzen sicher einladen, es mitzugeniessen, wenn der Prälat in solchem Aufzug zu ihm kommen sollte.

Der 18. Januar wurde zur Ausführung des Planes bestimmt. Am Tage vorher legte die Königin sich zu Bette, um das Palais Royal, in das sonst nach französischer Sitte die Fülle der Besucher drang, schliessen zu können. Die verwitwete Prinzessin von Condé, die immer Zutritt hatte, kam sogleich sie zu besuchen, und die Königin, die ihr wirklich gut war, litt bittere Qual unter ihren liebevoll besorgten Fragen.

La Rochefoucauld, dem die Sachen nicht gut zu stehen schienen, hatte die Prinzen gewarnt, sich nie alle zugleich im königlichen Schloss einzufinden; sie hörten nicht auf ihn. In einer seltsamen Mischung von Misstrauen und Vertrauen hatte Condé am 16. von Mazarin noch eine schriftliche Erklärung verlangt, dass »er stets und gegen alle zu ihm stehen werde«; der Kardinal gab sie ihm sofort. Sowie er die Versicherung schriftlich hatte, war der naive Mann vollkommen beruhigt. Auch dieses Blatt ist vorhanden.

Mit besonderer Schlauheit wurde Condé noch veranlasst, selbst den Befehl zu geben, dass die Garden unter Waffen treten und die Strassen besetzt halten sollten. Man wollte gegen bewaffnete Versuche seiner Anhänger gesichert sein und wollte auch verhüten, dass der plötzliche Aufmarsch der Truppen ihm selbst verwunderlich erscheinen und ihn argwöhnisch machen könnte. Man habe endlich einen wichtigen Mitschuldigen am Attentat, einen gewissen Des Coutures, verhaftet, sagte ihm der Kardinal, der müsste nach Vincennes gebracht und, damit das Volk ihn nicht etwa befreie, Vorkehrungen getroffen werden. Condé, der über den schlechten Gang seines Prozesses sehr aufgeregt war, unterschrieb sofort die nötigen Befehle.

Am Morgen des 18. kam der Prinz ins Schloss und fand den Kardinal mit dem Sekretär des Herzogs von Longueville, dem er die dringende und liebenswürdige Einladung an seinen Herrn, nachmittags gewiss ins Schloss zu kommen, auftrug. »Lassen Sie sich nicht stören,« sagte der Prinz und ging zum Kamin. Dort sass Mazarins Sekretär Hugues von Lionne und fertigte die Befehle für die Verhaftung aus: er schob sie unter seine Papiere und stand mit höflichem Lächeln auf, um den Prinzen zu begrüssen. Dieser ging bald und begab sich zu seiner Mutter, bei der er speiste. Aus irgendeiner Vorahnung bat sie ihn, auf der Hut zu sein, der Hof sei ihm nicht gut gesinnt, aber der Prinz versicherte ihr, er habe nichts zu fürchten. Er war der erste, der nachmittag im Schloss erschien; am Bett der Königin traf er seine Mutter wieder und begann mit beiden zu plaudern; dann ging er in den Sitzungssaal hinüber. Es war das letzte Mal, dass er seine Mutter sah. In einem Durchgangszimmer traf er den Kardinal und sprach lange mit ihm: der Prinz beklagte sich über den Abbé de la Rivière, der nicht ehrlich gegen ihn handelte. Mazarin liess sofort nach dem Abbé schicken. Dieser kam, sah geschlossene Türen, von Wachen besetzt, und geriet in grosse Angst, aber der Graf von Comminges, der Leutnant der Garden der Königin, der so viele schwere und peinliche Aufträge auszuführen hatte, bat ihn um Entschuldigung und liess ihm die Türen öffnen.

Sowie er eintrat, überhäufte der Prinz ihn mit unverdienten Vorwürfen und schrie dabei zuletzt so, dass die Königin es in ihrem Zimmer hörte und ganz anderes vermutete. Der Minister Servien, der im Geheimnis war, trat ein, aber man hiess ihn gehen und nicht stören. Sie waren noch immer in dem kleinen Zimmer, in dem der Prinz den Kardinal getroffen hatte. Indessen kam der Herzog von Longueville, auf seinen Stock gestützt, und zuletzt auch der Prinz von Conti. Nun schickte der Kardinal zur Königin. Diese, die angekleidet in ihrem Bette lag, stand auf, entliess die Prinzessin, die noch bei ihr war, und liess den Herren sagen, sie möchten nur immer voraus in die Galerie gehen, wo die Sitzungen des Staatsrats stattzufinden pflegten, sie würde gleich nachkommen. Der zehnjährige Ludwig XIV. selbst kam hineingesprungen und rief: »Mama sagt, man soll in die Galerie gehen!« Die Prinzen gingen hinüber. Mazarin, statt ihnen zu folgen, fasste den Abbé de la Rivière an der Hand und sagte: »Kommen Sie mit mir, ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Indessen hatte die Königin ihrem Gardekapitän, Guitaut, den letzten Befehl gegeben; dann nahm sie den kleinen König an der Hand, sperrte sich mit ihm in die Kapelle ein und hiess das Kind für einen glücklichen Ausgang des Tages beten.

Der Prinz sprach eben mit einem der Minister, dem Grafen d'Avaux, über Finanzangelegenheiten, als Guitaut eintrat. Condé, in der Meinung, dieser wünsche etwas von ihm, ging auf ihn zu und fragte. Leise antwortete Guitaut, dass er den Befehl habe, ihn und die beiden anderen Prinzen zu verhaften.

»Mich, Herr Guitaut?« antwortete der Prinz laut; dann dachte er einen Augenblick nach und sagte gleichfalls leise: »Um Gottes willen, gehen Sie zur Königin und sagen Sie ihr, ich liesse sie beschwören, mit mir zu sprechen.«

Guitaut erwiderte, es werde nichts nützen, aber er wolle es tun. Niemand im Zimmer hatte die leise gewechselten Worte gehört. Mit etwas verändertem Gesicht trat der Prinz an den Tisch zurück und sagte: »Meine Herren, die Königin lässt mich verhaften! – und auch Sie, mein Bruder, und Sie auch, Herr von Longueville!« Dann, zu den Ministern gewendet: »Ich gestehe, dass es mich in Erstaunen setzt, da ich dem König immer so gut gedient und der Freundschaft des Herrn Kardinals so sicher zu sein glaubte.« Er bat nun auch den Kanzler, zur Königin zu gehen, und Servien, zum Kardinal, mit der gleichen Bitte um eine Unterredung. Beide gingen, aber sie kamen nicht wieder. Wohl aber Guitaut, der sagte, »die Königin könne Ihre Hoheiten nicht sehen, und er habe den Befehl, ihren Willen auszuführen«.

»Also gut,« erwiderte der Prinz immer ruhig, »aber wohin führen Sie uns? Ich bitte mir nur aus, dass es ein warmer Ort sei; ich will nicht frieren!«

Guitaut erklärte, dass er ihn nach Vincennes zu bringen hätte. »So gehen wir,« sagte der Prinz und schritt auf die Tür am Ende der Galerie zu, die zu den Zimmern des Kardinals führte. Aber Guitaut sagte: »Gnädiger Herr, da können Sie nicht hinaus: da steht Comminges mit zwölf Mann!« Der Prinz, der den letzten Versuch missglückt sah, wendete sich mit heiterem Gesicht zu den Herren, die noch um den Tisch standen, bat sie, sich seiner zu erinnern, ihm zu bezeugen, dass er immer ein treuer Diener des Königs gewesen, und ihn stets als ihrer aller ergebenen Diener zu betrachten. Den Staatssekretär von Brienne umarmte er: »… denn Sie sind mein Verwandter.« Indessen war Comminges mit den zwölf Mann eingetreten; sie wandten sich zu einer Tapetentüre, von der eine verborgene Wendeltreppe zum Garten hinabführte. Der Prinz blieb stehen. »Comminges,« sagte er, »Sie sind ein Edelmann und ein Ehrenmann: habe ich nichts zu fürchten?«

Comminges gab ihm sein Ehrenwort, dass er keinen anderen Befehl habe, als ihn nach der Festung von Vincennes zu bringen. Der Prinz folgte ihm ohne ein weiteres Wort.

Der Prinz von Conti hatte indessen schweigend auf dem Sofa gesessen; auch er folgte ohne Einwand. Der Herzog von Longueville, der einen kranken Fuss hatte, musste geführt werden. Er schien sehr niedergeschlagen; er war nicht mehr so jung wie die beiden anderen. Unten fragte der Prinz Guitaut noch einmal, ob »er die Sache begreife«? Guitaut bat ihn, zu bedenken, dass er nicht Befehle zu ergründen, nur zu gehorchen habe.

Die Rue de Richelieu, in der der Wagen bereit stand, war eine einsame Gartenstrasse: an ihrem Ende lag, nur wenige Minuten entfernt, das Stadttor, die Porte de Richelieu. Vom Pferdemarkt her, der innerhalb der Mauern hinter den Gärten des Hotel de Vendôme lag – dort, wo heute die Rue de la Paix verläuft –, schwenkte durch eine Seitenstrasse die Kompagnie der Gendarmen des Königs – eine adelige Reitergarde – zur Eskorte an. Ihr Führer war der Graf von Miossens, der einst Condés Adjutant gewesen und den er im Zorn über eine Bemerkung, die Miossens über ihn gemacht, entlassen hatte. – »Das ist nicht die Schlacht bei Lens, meine Herren,« sagte der Prinz. Niemand antwortete.

Der Wagen mit der Eskorte fuhr durch die Vorstädte, auf schlechten einsamen Strassen in weitem Bogen um die Stadt herum. Sie waren schon weit draussen hinter Saint-Antoine, als der Wagen umwarf. Im Augenblick stand der Prinz im Feld. »Miossens,« sagte er, »wenn du wolltest  …!« »Ich bin des Königs Diener,« erwiderte der Graf. »Oh, ich bitte Sie um nichts!« wehrte Condé ab. »Fahr schnell!« rief Comminges dem Kutscher zu, als der Wagen aufgerichtet war. Der Prinz brach in lautes Gelächter aus. »Fürchten Sie nichts, Comminges,« rief er, »niemand kommt. Ich habe keine Vorbereitungen gegen diese Reise getroffen!«

Vor der düsteren Festung mit ihren Türmen angekommen, die heute noch ebenso ungeheuerlich und riesenhaft aus dem weiten Rechteck der Mauern und Gräben aufsteigen, bat Condé den zurückreitenden Miossens, der Königin seine Empfehlungen zu bestellen. Da keine Betten bereit waren, begannen die Prinzen Karten zu spielen. Dann unterhielten sie sich über Fragen der Astrologie. Sie schienen sehr heiter. Comminges, der die ersten acht Tage hindurch die Wache hatte, erzählte später, dass er nie im Leben eine Zeit in so wunderbaren und angenehmen Gesprächen verbracht hätte. Sie redeten über Tiberius und Germanicus, mit dem Comminges den Prinzen verglichen hatte, und anderes, denn Condé wusste viel und interessierte sich für alles und konnte bei seinem Geist und seinem scharfen machtvollen Wesen ebenso bezaubernd und liebenswürdig als unangenehm und brutal sein.

Gegen Abend verbreitete sich das Gerücht in Paris. Erst hiess es, Beaufort sei verhaftet worden, und das Volk erhob sich und begann Steine nach den Truppen zu werfen; aber Retz und der Herzog selbst ritten mit Fackeln und grossem Gefolge von neun Uhr abends bis zwei Uhr nachts durch die Stadt. Als die Pariser sich überzeugten, dass wirklich nur Condé verhaftet worden, zündeten sie Freudenfeuer in den Strassen an. Da und dort wurde sogar »Vive Mazarin!« geschrien.


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