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Sechstes Kapitel
Mazarins Erfolge

Bis dahin war der neue Minister der »Kardinal Mazarin« gewesen; jetzt wurde er der »Herr Kardinal« schlechtweg, so wie der Herzog von Orléans »Monsieur«, der Prinz von Condé der »Herr Prinz« genannt wurden, ein Zeichen einzigartiger Stellung: die gewohnte Anrede wurde zum offiziellen Titel, als sollte gesagt werden: dieser Mann ist der Kardinal, ist der Prinz an sich, da die Menschen, besonders aber Franzosen, so gerne einen Schimmer auf einzelne Personen werfen, und aus einem Trieb, der nicht nur Eitelkeit, der auch künstlerisch ist, und auf dem der Glanz des Adels beruht, das Gepränge bis in die Worte tragen.

»Nur drei Monate möge mir Euere Majestät die Führung der Geschäfte anvertrauen und sich überzeugen!« hatte er mit der Sicherheit derer, die sich ihres Könnens bewusst sind, zur Königin gesagt; und fünf Jahre regierte er mit immer steigenden Erfolgen. Der Krieg wurde an vier Grenzen geführt. Der Herzog von Enghien, Turenne, und neben und unter ihnen eine Reihe von Generalen, wie Gassion, Harcourt, Du Plessis-Praslin und andere, der junge Herzog von Brezé als Admiral, erfochten Sieg auf Sieg; nicht ohne Mazarins Verdienst. Generale und Offiziere haben an dem Minister, seiner Einmischung und seinen Entscheidungen viel Ärgernis genommen und die Strategik des ehemaligen päpstlichen Hauptmannes oft verspottet. Mazarins Kriegsdienste mochten nicht viel bedeutet haben; aber wenn ein genialer Mensch in einem ihm fremden Feld oft mehr Einsicht zeigt als mittelmässige Fachleute nach Jahren der Routine, so hatte er noch den Vorzug einer gewissen wirklichen Erfahrung; tatsächlich hat er wiederholt Schlacht- und Feldzugspläne entworfen, die ausgeführt die gewünschten Erfolge brachten, und immer die ihm vorgelegten Pläne der grossen Generale sofort in ihrem Wert richtig beurteilt, zu ihrer Durchführung, was er konnte, beigetragen.

Gleichzeitig bewältigte er eine ungeheuere diplomatische Arbeit; nicht nur die Bündnisse Frankreichs mit Holland, Schweden und mit den protestantischen Fürsten des Reiches waren, oft mit unendlichen Schwierigkeiten, aufrechtzuerhalten; in all den vielen Staaten jener Zeit waren die Interessen der französischen Krone zu wahren, und da alle Politik Kabinettspolitik war, die richtigen Leute an den fremden Höfen zu gewinnen. Welcher Briefwechsel darüber allein, was für ein Geschenk man der Gemahlin des Prinzen von Oranien, Emilie von Solms, machen sollte, die die Politik ihres Gatten beeinflusste und verkaufte, welche Verhandlungen zu diesem Zweck mit Alfonso Lopez, einem aus Spanien stammenden Mauren oder Juden, der mit Perlen, Diamanten und Teppichen handelte, und immer zu teuer war! Seit seinem Regierungsantritt und schon vorher wurden, ohne den Krieg zu unterbrechen, die Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster geführt, die so langsam und schwierig verliefen, weil nicht nur so viele Grenzen zu bestimmen, über so viele Länder und Personen, so viele verwickelte Macht- und Religionsfragen zu entscheiden waren, sondern weil die Formfragen mit ihrer albernen Wichtigkeit fast noch mehr Zeit raubten. Wenn Mazarin durchsetzte, dass nicht nur der Kaiser, sondern auch der Franzosenkönig Seine »geheiligte« Majestät genannt wurde, wenn er durchsetzte, dass sein Gesandter Servien nicht nach sondern zwischen den kaiserlichen Gesandten, Graf von Nassau und Isaak Wolmar, seine Unterschrift setzen konnte, so feiert sein Biograph Aubéry dies als einen seiner Triumphe. Aubéry behauptet auch, dass Mazarin eine Gesandtschaft nach Siebenbürgen geschickt und mit Rakóczy einen eigenen Vertrag abgeschlossen hätte, weil Torstenson, der den Vertrag schon vorher für Schweden und Frankreich geschlossen, in der Urkunde den Schwedenkönig zuerst genannt hatte!

An einer Stelle erlitt er schon im Anfang seines Ministeriums einen Misserfolg, der sich ihm durch viele Jahre bitter fühlbar machte. Papst Urban VIII., unter dem er zur Höhe gelangt war und der seit langem kränklich, von Mazarins einstigen Gönnern, jetzt seinen für manchen Dienst dankbaren Freunden, den beiden Kardinälen Barberini, gelenkt wurde, war am 29. Juli 1644 gestorben. Mazarins Politik, die protestantischen Mächte im Kampf gegen das Haus Habsburg und die Fürsten der Liga zu unterstützen, brachte Schwierigkeiten mit der französischen Geistlichkeit und musste Schwierigkeiten mit dem Vatikan schaffen: die Wahl eines feindlich gesinnten Papstes musste diese Schwierigkeiten verdoppeln. Mazarin hatte dem französischen Gesandten in Rom, dem Marquis von Saint-Chamond, den Auftrag gegeben, gegen den Kardinal Giambattista Pamfili, der der offizielle Kandidat der spanischen Partei war, die Exklusion auszusprechen, und ebenso gegen den Kardinal Franciotti. Mazarins Kandidaten waren Bentivoglio oder Sacchetti, dessen bescheidener Sekretär er einst gewesen war. Sein eigentlicher Vertrauensmann am päpstlichen Hof war neben den vielen offiziellen und unoffiziellen Vertretern und Agenten der Kardinal Bichi, an den er seine vertrautesten Briefe richtete, der aber nicht zu den »Papabili« gehörte.

Sacchetti erhielt im Konklave die meisten Stimmen, aber nicht die erforderliche Zweidrittel-Majorität; Bentivoglio starb noch während der Wahl; für diesen Fall hatte Mazarin die Wahl des Kardinals Altieri gewünscht. Wie weit Verrat, Interessen besonderer Art und Ungeschicklichkeiten der französischen Vertreter mitspielten; ob die Barberini durch Versprechungen gewonnen wurden, und Saint-Chamond, im letzten Augenblick von allen Seiten bestürmt, nicht die Festigkeit hatte, die Exklusion aufrechtzuerhalten, jedenfalls wurde am 15. September 1644 der Kardinal Pamfilio gewählt, der den Namen Innozenz X. annahm.

Mazarin war ausser sich. Der Gesandte wurde sofort abberufen und auf eines seiner Schlösser verwiesen. Mit den Barberini brach er, entzog dem Kardinal Antonio die Ehrenstellung eines Protektors der französischen Nation, das Lilienwappen über dem Tor seines Palastes wurde zerbrochen.

An den neuen Papst aber schrieb er: »Mein Jubel über Eurer Heiligkeit Erwählung ist unbeschreiblich, – was schon daraus hervorgeht, dass ich alles getan, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen« … und er schloss: »ich küsse Eurer Heiligkeit die allerheiligsten Füsse.«

Der Papst zahlte mit gleich freundlichen Versicherungen; aber durch elf Jahre spürte Mazarin die Hand eines Feindes, so oft er in Rom etwas erreichen wollte, so oft andere in Rom etwas gegen ihn versuchten. Sein ehrgeiziger Bruder Michele Mazarini wurde nicht zum Kardinal ernannt; aber empfindlicher war ihm, dass der Papst den Grafen Beaupuis nicht auslieferte, der in der Verschwörung Beauforts gegen ihn eines der Häupter gewesen und nach Rom geflohen war; dann wäre ihm in dem durch Jahre geführten Prozess der so sehr gewünschte Beweis des Mordanschlages möglich gewesen.

Auf scheinbare Liebenswürdigkeiten legte der Nüchterne wenig Wert, und als die Tugendrose für die Königin kam, schrieb er in sein Notizbuch: »Uns Blumen, den Spaniern Früchte!«

Zu seinen Feinden in Rom gehörte auch der Kardinal Panzirolo, einst in jenen frühen entscheidenden Gesandtschaften sein Vorgesetzter, den er so sehr überglänzt und in Schatten gestellt hatte, und der jetzt päpstlicher Staatssekretär wurde. Mächtiger noch ward die Schwägerin des neuen Papstes, Donna Olimpia Maldachini. Von ihr schreibt Gui Patin, der wackere, stets unzufrieden politisierende Dekan der Pariser medizinischen Fakultät, in seinen Briefen: »sie regiert dem Papst Seele und Leib und das ganze Papsttum: man sagt, sie kriegt alles, nimmt alles und verkauft alles.« An sie wendete sich auch Mazarin, und nicht mit leeren Händen, wenn er etwas erreichen wollte. Die beiden Barberini aber, die jetzt in Rom gestürzt und gefährdet waren, suchten sich durch Vermittlung seines Bruders und anderer mit ihm auszusöhnen, und als sie bald darauf aus Rom fliehen mussten, gingen sie nach Frankreich, wo ihr einstiger Schützling ihr Beschützer ward und sie in seinem Hause aufnahm.

Auch in Frankreich war seine Stellung eine schwierige geblieben. Welche Mühe, die tausendfachen Ansprüche zu befriedigen oder zu bekämpfen, sich in all den verwickelten politischen und persönlichen Reibungen zu behaupten, wo die Prinzen, der Adel, die Beamten, das Volk, sein Ministerium nicht wünschten, den Mann nicht achteten! Die Ränke am Hof nahmen kein Ende, und von Belgien aus arbeitete die verbannte Herzogin von Chevreuse mit allen Mitteln, mit all ihren weitverzweigten Verbindungen, ihrer frauenhaften Zähheit und Geschicklichkeit an seinem Sturz. Hie und da entfährt ihm in seinen Briefen, öfters in seinen geheimen Aufzeichnungen ein Wort über seine Verdriesslichkeiten. So schreibt er im Jahre 1646: »Ich verstelle mich, ich laviere, ich besänftige, ich schlichte, soviel mir irgend möglich ist, aber … wenn's zum Äussersten kommt, werde ich zeigen, wessen ich fähig bin!« Damals war es der alte Prinz von Condé, der ihn mit seinen nie endenden Ansprüchen verärgert hatte. Und es war in jenen Jahren seine Politik, sich auf das Haus Condé zu stützen, schon weil sie in den Vendôme ihre gemeinsamen Feinde hatten. Der Herzog von Enghien war Generalissimus der Armeen, der Bruder seiner Frau, der Herzog von Brezé, Admiral der Flotte, der Mann seiner Schwester, der von Longueville, französischer Vertreter zu Münster, der alte Prinz, der 1646 starb, Mitglied des Regentschaftsrats. Seine Habgier steckte für die Siege seines Sohnes reiche Güter ein. Der Prinzessin lag die Seligsprechung frommer Karmeliterinnen am Herzen: Mazarin setzte sie in Rom durch; ihrer Tochter, der Herzogin von Longueville schenkte er kostbare Diamanten; in ihrem Streit mit der Montbazon war er für sie eingetreten – und hatte doch kein Mitglied des Hauses wirklich für sich gewonnen.

Nur die Königin hielt an ihm fest. Vielleicht gerade, weil sie ihm so viele Gegner wusste, aus Liebe und auch aus Bequemlichkeit wünschte sie, dass aller Glanz auf ihn fiele. Die Motteville klagt oft darüber, dass, während der Kardinal bei den Prinzen speiste, die Königin allein blieb, und darüber glücklich war, dass der ganze Hof sie verliess und ihm folgte. »Gott, der König, Monsieur,« – ihr jüngerer Sohn, der kleine Herzog von Anjou – »und ihr Minister füllten sie ganz aus.«

Er war nicht ohne Nebenbuhler geblieben. Wo eine Frau die Herrschaft hat, bleibt es nicht aus, dass Männer kraft ihrer Männlichkeit über sie und durch sie zu herrschen hoffen, und auch an solchen, die aus Eitelkeit ein historisches Abenteuer suchen, fehlt es nie. Beaufort hatte getan, als ob die Königin ihn liebte. Der unehrwürdige Erzbischof von Sens, ein eitler Komödiant und Narr, der einst in der Jesuitenschule die Altarstufen gewaschen hatte und, dank seiner Geburt – er war ein Pardaillan – und seinem Eifer, ein junger Erzbischof geworden war, der nun die schönen Damen bewirtete und seine Parfümeurrechnungen nicht zahlen konnte, wusste sich durch ihre Kammerfrau Unterredungen mit der Königin zu verschaffen, bis er begriffen und hinausgewiesen wurde. Später kam noch einer, dann niemand mehr; und keiner war ihm gefährlich geworden. Mazarin hatte alles erreicht, was ihm notwendig schien; die Königin hatte ihn schon lange zum Vorsteher ihres Hofhalts gemacht; am 15. März 1645 übertrug sie ihm auch die Oberaufsicht über die Erziehung ihres Sohnes, des jungen Ludwig XIV.; und da – so heisst es in dem Ernennungsdekret, – »bei seinen grossen und wichtigen Geschäften es unserem Vetter an Zeit fehlen dürfte, Sr. Majestät die wünschenswerte Aufmerksamkeit zu widmen,« so wurde zum Gouverneur des jungen Königs unter des Kardinals Oberaufsicht, Nicolas von Neufville, Marquis von Villeroi, ernannt, der gelenkigste und lenksamste aller Höflinge, der den alle Aufrichtigkeiten einer Lakaienseele verratenden Ausspruch getan: »Man müsse jedem Minister, solang er im Amt sei, den Nachttopf unterhalten, und, sowie er gestürzt wäre, über den Kopf schütten.« Mazarin hatte in der Tat zunächst nicht Zeit, fühlte wohl auch nicht das Geschick, sich mit dem Kinde viel zu befassen; aber ihm wurde Bericht erstattet, er hatte zu entscheiden, ihm stand das Amt zu, das mit der Zeit für ihn und seine Stellung am Hofe ungeheure Wichtigkeit gewinnen musste.

Vorläufig entzückte der kleine König die Pariser, wenn er in gold- und silbergesticktem Anzug auf einem kleinen weissen mit rosa Bändern geschmückten Pferde, eine weisse Feder am Hut, vorüberritt. »Es gibt kein schöneres und geschickteres Kind!« schrieb d'Ormesson begeistert in sein Tagebuch.

Zu seinem Lehrer ernannte Mazarin den Abbé Hardouin de Beaumont de Péréfixe, der später Erzbischof von Paris wurde. Viel lernte sein Schüler nicht bei ihm. In der Tat war er von jeher vernachlässigt worden, in einer bei so viel Liebe und bei der Wichtigkeit seiner Person erstaunlichen Weise. Die Königin, auch darin träge, verzog ihn nur; der Marschall sagte zu allem »Ja«, noch ehe der Kleine ausgesprochen hatte. Geschenke und Spielzeug erhielt er reichlich und für die Augen der Welt wurde er prächtig geputzt; aber sein Kammerdiener La Porte klagt, dass die Kleidchen, die er im Hause trug, fast immer abgetragen und zu kurz waren, dass er schlechtes Bettzeug hatte, dass seine Gespielen die Kinder des Dienstpersonals waren. Er und sein kleiner Bruder begingen unsagbare Ungezogenheiten; und dennoch muss er mit seiner schönen Körperlichkeit, seinem frühen Stolz und Übermut ein anziehendes Kind gewesen sein. Trommelschlagend stürmte er durch die Gänge des Schlosses, schlug bis zu La Portes Verzweiflung Purzelbäume auf seinem Bett, oder blies zur Freude des durch die Gitter guckenden Volkes den Nonnen im Val de Grâce die Kerzen aus.

Der Besetzung der Hofmeisterstelle waren, wie selbstverständlich, unendliche Umtriebe vorausgegangen. Ein strenger, ehrgeiziger, bedeutender Mann von sehr ausgesprochener Stellung, Robert Arnauld d'Andilly, hatte sich darum beworben; in jenen Jahren war der Kampf zwischen Jansenisten und Jesuiten heftig geworden, in der Kirche, an der Universität, in der Gesellschaft und mit tastenden Einflüssen bei Hof. Frau von Senecey, die erste Ehrendame der Königin und bisher Gouvernante des kleinen Königs, die ganz den Jesuiten ergeben war, scheint die Bewerbung Arnaulds, eines zweifellosen Gegners der Gesellschaft Jesu, unmöglich gemacht zu haben. Man muss denken, was in dieser Zeit geistliche Macht, geistliche Bewegung, geistlicher Einfluss vermochten, da sie heute noch so viel bedeuten. Mazarin hatte als Kardinal oft eine schwere Stellung, obwohl ihm die kirchliche Würde wiederum Macht in dieser mächtigen Welt gab. Mit seiner unfehlbaren praktischen Erkenntnis hatte er sich gleich zu Anfang die Verleihung aller geistlichen Pfründen und Ämter allein vorbehalten; den Gewissensrat, den die fromme Königin hierfür eingesetzt hatte und in dem der um weltliche Fragen unbekümmerte Vincenz von Paula entschied, hatte er schnell beseitigt. So hatte er sich sogleich einen ungeheuren Dispositionsfonds geschaffen. Mit Pfründen konnte man Freunde belohnen, Gegner gewinnen und zu Anhängern machen. Er liess es sich sehr angelegen sein – und konnte es um so leichter, da ihm religiöse Fragen völlig gleichgültig waren –, keinen Glaubensstreit so heftig werden zu lassen, dass er dem Staat Unruhen bringen konnte, und sich doch alle Mächte des Glaubens möglichst wohlgesinnt zu erhalten. Er hätte auch ohne Frau von Senecey einen so entschiedenen Mann wie Arnauld d'Andilly nie zum Präzeptor des Königs ernannt, er wählte den Abbé von Beaumont, weil er keine ausgesprochene Stellung hatte, vielleicht, weil er Richelieus Kämmerer gewesen war. Er versicherte die Protestanten zu jeder Zeit seines Wohlwollens und berief die Tüchtigen zu den höchsten Würden. Aber als es sich – schon einige Zeit früher – darum gehandelt hatte, dem König einen neuen Beichtvater auszusuchen, und die Königin, unter anderen Einflüssen, nicht wieder einen Jesuiten ernennen wollte, da schrieb Mazarin, »es könne der grösste Schaden entstehen, wenn man eine so einflussreiche und bedeutende Körperschaft aufbrächte: bei dem kleinsten Aufruhr könnten sie durch ihre Reden sehr viel zum Nachteil Ihrer Majestäten tun.« Ebenso notiert er einmal die lapidaren Worte: »Muss einen Kardinal gewinnen, durch Geld, Pfründen oder eine Pension; es ist notwendig,« wie ein Minister heute schreiben würde: »ich muss eine Zeitung kaufen.« Und in der Tat hatte er in Rom sehr bald die Kardinäle Bentivoglio, Barberini und Bichi in seinem Sold. Und wie ihm niemand zu hoch stand, war ihm auch niemand zu gering; gleich den Pensionen für die Kardinäle notiert er kleine Geldgeschenke für den Pater Léon, den Pater Carré, Jesuiten, die seine Spione in der französischen Gesellschaft waren.

Es wäre wohl nicht immer leicht zu entscheiden, aus welcher Tasche diese Pensionen und Geldgeschenke gezahlt wurden, und es waren die Kassen des französischen Staats, der französischen Kirche und des ersten Ministers in Frankreich schon damals nicht so scharf geschieden, wie es manche für notwendig und gebührend hielten.

Mazarin war, obwohl er immer wieder von seiner Uneigennützigkeit spricht, in diesen Jahren durch seine Ämter, durch Pfründen, die er sich selbst vorbehielt, durch königliche Geschenke und Pensionen, durch alle die Vorteile, die der Kauf und Verkauf der Hofämter ihm bot, ein sehr reicher Mann geworden. Den kleinen Palast, den er vom Präsidenten Tuboeuf gekauft hatte und der von Gärten und Grundstücken umgeben war, hatte er umbauen und vergrössern lassen; da Bernini, den er ursprünglich dazu berufen wollte, vom Papst nicht entlassen wurde, ward Mansard sein Architekt. Ganz neue Flügel wurden aufgeführt, sieben Höfe angelegt, ein Flügel, in dem sich seine berühmten Stallungen befanden, sah auf die Rue Richelieu, die damals eine einsame Gartenstrasse war; auch seine Pferde waren berühmt. Ein Mensch von ebenso feinem Geschmack und geistigen Neigungen als von heftiger Besitzgier, war er einer der unermüdlichsten und unersättlichsten Sammler seiner Zeit; in seinen Briefen an Gesandte, Agenten, befreundete Edelleute kehren die Bitten um Einkäufe und Besorgungen wieder: um »Pferde aus Neapel, mit kleinem Kopf, von guter Rasse, vor allem billig! einen kleinen Zelter, dem König zu schenken«, schönes Silberzeug, Tische, Teppiche, Samte, Goldgewebe, nur alles billig, ebenso Bilder, bittet er den Bailli von Valençay:  … »verzeihen Sie die Mühe: es ist für Ihren besten Freund!« Andere werden gebeten, Statuen, Bücher und Manuskripte für ihn einzukaufen. Im Jahre 1643 hatte er für 19 000 Livres eine Büchersammlung aus dem Nachlass eines Domherrn von Cordes, in Limoges, angekauft; 1648 besass er eine für jene Zeit unvergleichliche Bibliothek von weit über 40 000 Bänden, die jedem, der darin arbeiten wollte, offenstand. Tische und Stühle, Papier und Tinte waren darin vorgesehen, und von Beamten und Dienern konnte man alles nötige bekommen. Im Juli 1644 machte die »Gazette de France« aufmerksam, dass die Bibliothek Sr. Eminenz zwei Monate geschlossen sein werde, weil der Bibliothekar Doktor Naudé ins Ausland reise, um Bücher einzukaufen. Im Jahre 1645 wird seine Rückkehr von solch einer Reise mit 14 000 Bänden aus Italien, im Jahre 1647 eine Heimkehr aus Deutschland mit 4 000 neu erworbenen Bänden gemeldet. Viel von all den Schätzen war wohl noch nicht bezahlt, aber diese und andere Schulden brauchten dem Mächtigen keine Sorgen zu machen. Und er erklärte, dass er diese Bibliothek wie seine anderen Sammlungen nur anlege, um sie Frankreich zu schenken, da er allein, ohne Familie, nur um Frankreich zu dienen, lebe und hier sei.

Von den Briefen, die er in diesen Jahren zweifellos an seine Familie in Rom geschrieben hat, ist wenig auf uns gekommen. Sie waren vielleicht zu intim gewesen, als dass Abschriften oder Entwürfe geblieben wären, und die Originale sind vermutlich verloren. Geschenke sind hie und da in seinem Geheimbuch notiert. Seine Mutter war schon 1643 gestorben, die er sehr geliebt haben soll; ob der Ehrgeizige sich freute, als sein Vater sich in zweiter Ehe mit einer Orsini vermählte, erfahren wir nicht. Dagegen sagte man in Rom, – der Abbé Arnauld berichtet es von dort, – dass Porzia Orsini »jung, schön und von grosser Familie, wie sie war, sich nur entschlossen hatte, ihren alten Mann zu heiraten, weil sie gehofft hatte, nach Frankreich zu kommen und aus der grossen Stellung ihres Stiefsohnes Vorteil zu ziehen, oder doch, wenn sie in Rom bliebe, eine grosse Rolle zu spielen, wenn ihr Mann, der dazu fähig genug war, daselbst grossen Einfluss erlangte. Aber sie hatte nichts davon gehabt; der Signor Pietro trat nach wie vor als ein einfacher Edelmann auf …« In der Tat ist der Vater, und zweifellos durch den Sohn, ein immer einflussreicherer Mann in Rom geworden. In einem Briefe vom 9. Juni 1646 dankt ihm dieser für gute Ratschläge und dafür, dass der Vater zwischen dem Kardinal von Este, dem neuen Protektor von Frankreich, und einem spanischen Würdenträger, dem Almirante von Castilien Zu S. 103. Almirante – Admiral – von Kastilien war der erbliche Titel des spanischen Geschlechts der Enriquez, Herzoge von Rioseco, die von einem unehelichen Sohne Alphons' XI. stammten., in einer der vielen überwichtigen Etikettestreitigkeiten der Zeit vermittelt hatte. Im Februar 1648 wendet Mazarin sich an seinen Vater oder spricht doch davon, dass dieser seinen Einfluss auf einen neapolitanischen Edeln, der mit dem Haus Colonna verschwägert war, zu irgendeinem politischen Zwecke geltend machen sollte; im April des gleichen Jahres wünscht er dem Vater Glück zur Genesung aus einer schweren Krankheit. Diese Briefe sind bescheiden und liebevoll; in einem etwas späteren Schreiben vom 17. April 1649 entschuldigt er sich sehr höflich, nicht früher geschrieben zu haben: »Aus der Schrift Ihres teuersten Briefes ersehe ich mit unendlicher Befriedigung, dass die Hand fester und der Geist lebhafter ist als je. Ich danke Gott dafür. Euer Gnaden« – nie redet er den Vater anders an – »werden sich noch lange der Gesundheit erfreuen, wenngleich manches Gebrechen, das die Jahre mit sich bringen, sich unvermeidlich fühlbar macht.«

Eine Anzahl von Briefen ist an seinen Bruder Michele – den Dominikaner – gerichtet, der ihm viel Ärger bereitete. Da sind Briefe, in denen der Bruder ermahnt wird, nicht soviel Geld auszugeben, nicht so ungeeignete Leute an den französischen Hof zu schicken, die sich dort nicht zu benehmen wüssten und die man nicht gerne sähe, und überhaupt nicht alle Dinge schief anzusehen und anzufassen. Michele Mazarini hatte eine ungeheure Meinung von sich und geringe Fähigkeiten. Dennoch erzwang Mazarin, sei es aus Familiengefühl, sei es nur, weil der Bruder ihm keine Ruhe liess, seine Beförderung, und Michele wurde Ordensprovinzial, päpstlicher Palastvorsteher, Erzbischof von Aix, ja nach heissem Drängen, und nachdem die französischen Siege in Italien im Jahre 1646 den Papst gefügig gemacht, Kardinal von Santa Cecilia, und französischer Vizekönig von Katalonien, das damals von Spanien abgefallen war. Viele Franzosen waren wütend, dass ein »italienischer Bettelmönch« zum Vizekönig einer französischen Provinz berufen ward. Überdies blieb Michele Mazarini in Rom sitzen, und als er sich nach wiederholten heftigen Mahnungen seines Bruders endlich in seine Provinz begab, verliess er sie alsbald wieder; und Mazarin war vielleicht nicht übermässig bekümmert, als der unbequeme Bruder schon 1648 starb. Der Präsident von Novion sagte später in offener Parlamentssitzung, die Ernennung Michele Mazarinis zum Kardinal habe Frankreich zwölf – nach heutigem Wert über fünfzig – Millionen gekostet. Donna Olimpia gab solche Würden nicht umsonst. Aber zweifellos ist die Summe ins Ungeheuerliche übertrieben; Mazarin selbst schrieb manches Jahr später an den Kardinal Bichi »Donna Olimpia habe für diese Ernennung 50,000 Taler und der Papst gewisse Festungen für den Prinzen Ludovisi von ihm verlangt, aber er sei nicht der Mann, der Frankreich verkaufe, um das Kardinalat seines Bruders zu bezahlen.«

Bis zu jener Zeit versuchte Mazarin die Legende aufrechtzuerhalten, dass er nichts für sich begehre. Und im Vergleich zur Begehrlichkeit der Prinzen und Grossen Frankreichs war er bis dahin uneigennützig gewesen. Darum schrieb die Motteville in ihren Memoiren: »Damals war der Kardinal nur der Seeräuber, und die Prinzen die grossen Diebe wie Alexander.« Und er selbst am 14. August 1648 an Abel Servien: »Ich habe weder feste Plätze noch Ämter, noch Herzogtümer, noch Statthalterschaften, noch Versorgungen, noch Ländereien, die mir Geld bringen, noch habe ich einen Verwandten bereichert, seit den achtzehn Jahren, die ich Frankreich diene, sechs, dass ich erster Minister bin; alle meine Verwandten in Rom leben, wie sie es vor vierzig Jahren getan. Aber ich werde dieses Verhalten, das vielleicht Beifall verdient, wahrscheinlich ändern müssen. Ich muss täglich Geld ausleihen, um zu leben, während sie verbreiten, dass ich Schätze nach Italien schicke!«

Er hatte auch gesagt, er wolle keine anderen Verwandten in Frankreich haben, als die herrlichen Statuen, die er aus Italien hatte kommen lassen. Aber zu Anfang des Jahres 1647 liess er aus Rom die ältere Tochter seiner Schwester Martinozzi, Anna Maria, und drei Kinder seiner Schwester Mancini, Laura, Olimpia und Paolo kommen. Sie waren auf seinen Wunsch einige Monate im Süden Frankreichs bei einer Frau von Venel geblieben, um die Sprache und Sitten ihres neuen Landes zu lernen; erst am 11. September des Jahres erschienen sie am Hofe, ein heranwachsender Knabe und drei zarte kleine Mädchen im Alter von neun zu dreizehn Jahren. Anna Maria war ein schönes, blondes Kind mit sanften Augen, die ältere Mancini dunkelhaarig und hübsch, während die jüngere ein viel zu langes Gesicht und ein spitzes Kinn hatte, mit lebhaften kleinen Augen, dunkler Hautfarbe und Haaren. Die Gräfin von Nogent, die Frau eines der schranzenhaftesten Spass- und Witzemacher des Hofes, stellte sie der Königin vor, die sie noch am Abend ihrer Ankunft sehen wollte. Aber als »dieser so geehrte, so glückliche, so mächtige Oheim«, schreibt Frau von Motteville, »seine Nichten eintreten sah, verliess er das Kabinett der Königin sofort und zog sich zurück, um zu Bette zu gehen.« Immer Schauspieler, tat er, als wären die Kinder ihm im Grunde gleichgültig, und als wünsche er, dass man von ihnen nicht viel Wesens mache. Als sie am nächsten Tage an den Hof kamen, drängte sich alles um sie: man fand sie reizend, man wollte ihnen den Geist aus den Augen lesen. »Indessen näherte sich der Herzog von Orléans dem Abbé de la Rivière und mir« – Frau von Motteville berichtet – »die wir beim Fenster standen und redeten, und sagte ganz leise: ›Es drängen sich so viel Leute um die kleinen Mädchen da, dass ich beinahe für ihr Leben fürchte; man wird sie noch ersticken, so drängt man sich, sie zu sehen!‹ Indessen kam auch der Marschall von Villeroi auf ihn zu, der immer ernst war wie ein Minister, und sagte: ›Diese kleinen Fräulein sind jetzt nicht reich, bald aber werden sie schöne Schlösser, gute Renten, schönen Schmuck und gutes Silbergeschirr haben, und vielleicht auch hohe Stellungen; für den Jungen freilich braucht es der Zeit, um ihn zum grossen Herrn zu machen, und so wird er das Glück vielleicht nur gemalt sehen.‹ Seine Prophezeiung ist eingetroffen, mehr als er gedacht hatte: die Mädchen sind grössere Damen geworden, als er glaubte, und der Knabe hat sein Glück nicht genossen.«

Der Kardinal, der nie etwas ohne Plan und nichts aus blosser Liebe tat, konnte schon in jenen Tagen der Fürstin von Palestrina, Donna Anna Colonna, der Tochter des Connetabel, die damals in Paris weilte, im Vertrauen sagen, dass bereits die Grössten des Königreichs die Hand seiner Nichten begehrt hätten. Sie scheint es sich gemerkt und, als sie nach dem Tode ihres Mannes, des Präfekten Don Taddeo Barberini, der bald darauf zu Paris starb, nach Rom zurückkehrte, mit ihrer Familie besprochen zu haben: in den ersten Tagen des nächsten Jahres begehrten sie und ihr Schwager, der Kardinal Francesco, die Hand Laura Martinozzis für Donna Annas Sohn, den Fürsten Maffeo Barberini. Wie sehr diese nahe Verbindung mit dem Hause seiner einstigen Gönner und Herren Mazarin schmeicheln musste, rechnete er doch genau, und antwortete dem Kardinal am 15. Februar 1648, er habe mit Laura andere Pläne, »meinen Interessen entspräche es, auch die zweite Tochter meiner Schwester Margarita nach Frankreich kommen zu lassen, und ich möchte daher Ew. Eminenz bitten, sich mit einer Mancini zu begnügen, die zurzeit noch in Rom im Kloster ist«. Das kann nur Marie Mancini sein, da Hortense noch ein kleines Kind war. Aber Marie galt für hässlich; und jedenfalls zerschlug sich die Sache aus diesem, wahrscheinlicher aus politischen Gründen.

Zur Erzieherin der Nichten wählte Mazarin die Marquise von Senecey, eine geborene La Rochefoucauld, die vorher die Erzieherin des kleinen Ludwig XIV. gewesen und so auf ihren Adel erpicht war, dass es ihr, wie die Motteville sagt, »den grössten Genuss gewährte, den Namen La Rochefoucauld nur auszusprechen«. Dennoch hatte sie sich nach den Worten der gleichen Dame um das Amt selbst beworben, die Kinder aber dann, da ihr Hochmut wieder erwachte, so schlecht behandelt, dass der Kardinal es ihr abnahm und wieder jene Frau von Venel, die ihm sein Bruder empfohlen hatte und bei der sie in Aix gewesen waren, kommen liess; und diese, die von Geburt bürgerlich war und Marie Gaillard geheissen hatte, blieb durch viele Jahre die »Gouvernante« der Mädchen, mit allen Pflichten, Aufpassereien und gegenseitigen kleinen und grossen Bitternissen, die solch eine Stellung mit sich bringt. Denn in den kleinen Mädchen, besonders in denen, die einige Jahre später den älteren Geschwistern nachkamen, brannte ein heisses Blut, und sie verstanden es, ihre Umgebung in Verwirrung zu setzen.

Das war der Beginn der Dynastie Mazarin, die seine Stellung vollkommen veränderte. Viel wurde darüber gesprochen und im Juni 1649 schreibt er an Condé: »Jetzt wissen Sie schon, dass ich geschwindelt habe und dass es nicht meine Nichten, sondern meine Töchter sind.« Dass er sie wie Prinzessinnen behandelte und ihnen die Erzieherin des Königs gab, wurde ihm von vielen verübelt. Es war aber auch die Königin, die es so wollte, deren Liebe zu dem Manne ein mütterliches Gefühl für die Kinder wachrief, die ihm am nächsten verwandt waren, und so wurden die Neffen und Nichten Giulio Mazarinis mit den königlichen Prinzen erzogen und wuchsen als ihre Gespielen auf.


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